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twen Themenheft: Sinn

Zu den komplexesten neuronalen Funktionen zählt die Kreativität. Originelle Einfälle entstehen dann, wenn beide Gehirnhälften optimal zusammenarbeiten. Interessanterweise korreliert die Kreativität eines Menschen nicht mit seiner Intelligenz.

Kreativität


Vorwort Amerikanische Psychologen wollen herausgefunden haben, dass der Unterschied zwischen kreativen und weniger kreativen Menschen schlicht darin besteht, dass die kreativen sich selbst als kreativ einschätzen, während die weniger kreativen genau das nicht tun. Es scheint aber auch, dass heute jene als kreativ wahrgenommen werden, die einfach möglichst laut von sich behaupten, kreativ zu sein. Für viele ist es ganz einfach ein Lifestyle-Ding: So wie die Jungen in den 60er Jahren rebellisch sein wollten, wollen die heutigen Stürmer und Dränger kreativ sein. Die Kreativität wird für viele zum Selbstzweck. Was aber ist Kreativität, wenn man sie vom Image befreit, der Überbegriff aller künstlerischer Ausdrucks-, Darstellungs- und Selbstdarstellungsformen zu sein? Per Definition ist Kreativität eine «Neukombination von Informationen», woraus im Bestfall etwas von bleibendem Wert entsteht. Musikproduzenten versuchen, aus existierenden Klängen und Kompositionstechniken zeitlose Songs zu produzieren. Wissenschaftler und Designer beobachten die Natur und übertragen ihre Erkenntnisse in technische Innovationen. Menschen mit ähnlichen Interessenslagen schliessen sich zwanglos zu einem virtuellen Schwarm zusammen und nutzen die kreative Kapazität vieler Hirne zur effizienten Bearbeitung einer Aufgabenstellung – Beispiel Wikipedia. In Drittweltländern macht die Not erfinderisch und bringt selbstgemachten Fortschritt. Die Liste der Beispiele könnte endlos weitergeführt werden. In jedem Fall stiftet Kreativität Sinn. Für den, der sich kreativ betätigt und die, die das Ergebnis oder die Inspiration schlussendlich «konsumieren».

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«Das kann doch jeder»

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Mercury: Ein DJ-Duo, das mehr kann und will als Platten abspielen.

Schatztruhe Natur Bionik: Wenn die Natur für technische Innovationen Modell steht.

Brainstorming Die heilige Kuh wird von der Wissenschaft entmystifiziert.

Und keiner verlangt Geld Eine Kraftdemonstration des kollaborativen Denkens im Internet.

Der Junge, der den Wind einfing Ein armer Bauernsohn aus Malawi zeigt: Not macht kreativ.

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«Das kann doch jeder» Viele meinen, es läge keine Kunst im DJing. Dabei geht vergessen, dass es solche und solche DJs gibt. Zur schöpferischen beziehungsweise musizierenden Gilde zählt das Duo Mercury aus Bern. Die Remixe und Produktionen von Mel und Simon schlagen zur Zeit international Wellen.

Was entgegnet ihr jemandem, der sagt, «DJ sein – das kann doch jeder». Mel: Ich würde wohl zurückfragen, weshalb jener also nicht DJ geworden ist. Damit lässt sich doch ein Haufen Geld verdienen und Frauen gibt’s gratis dazu. Aber hier fängt der Irrtum eben schon an. Nachhaltig künstlerisch und gleichzeitig finanziell erfolgreich sein kann eben doch nicht jeder. Dafür muss man jahrelang untendurch. Simon: Na ja. Die Frage ist in der heutigen Zeit schon berechtigt. Der technologische Fortschritt hat vieles vereinfacht. Die für alle verfügbaren DJ-Computerprogramme machen es jedem Horst möglich, Musik zu mischen. Aber auch früher schon kam es nicht alleine auf die technischen Fertigkeiten an, die einer mitbrachte. Ein DJ muss während seines Auftritts einen musikalischen Span-

nungsbogen schaffen können. Und im besten Fall produziert er selbst Musik – Remixe und Eigenkompositionen.

kompositorische Anspruch nicht so hoch ist, sollte das doch möglich sein?

Simon: Solche gibt es schon, sicher. Die sind aber eher mit einem Alleinunterhalter zu vergleichen, der mit seinem Keyboard im Tanzsaal einer Dorfbeiz geläufige Hits zum Besten gibt. Das hat vielleicht Unterhaltungswert, trägt aber zur Kultur nichts bei. Wer international ernst genommen werden will, muss selbst Musik produzieren.

Mel: Meine Erfahrung ist, dass Musik, die auf dem Laptop produziert wurde, auch so klingt. Man darf nicht vergessen, dass elektronische Tanzmusik in erster Linie für die Clubs produziert wird. Das Publikum im Club will einen satten Klang, es will die Schwingungen der Musik fühlen können. Diese Effekte gelingen mit professionellem Studioequipment einfach besser. Dazu kommt, dass die Computerprogramme eine beschränkte Palette an spezifischen Klängen anbieten. Da ist es dann schwierig, eigen zu klingen.

Kann man denn heute nicht einfach auf dem Laptop Musik produzieren? Gerade in der elektronischen Tanzmusik, wo der

Euch rühmt man für euren eigenen Stil. Und die Komplimente kommen von gestandenen DJs und Produzenten aus der

Aber es gibt DJs, die spielen einfach Charts-Musik, produzierenselbst keinen Ton und leben dennoch gut vom Auflegen, nicht?

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internationalen Szene. Inwiefern hilft euch das? Simon: In der Szene bringen dich anfangs nur Referenzen weiter. Uns hat man lange nicht wahrgenommen. Erst als einflussreiche Leute wie Busy P (ExManager von Daft Punk und Gründer des Musiklabels Ed Banger) unsere Platten spielten und unseren Namen nannten, hat sich das langsam geändert. Unser Publikum wächst jetzt konstant. Interessanterweise haben wir besonders viele Fans in den USA.

Wie muss man sich den kreativen Prozess im Studio vorstellen? Mel: Früher sind wir sehr spontan an eine Produktion rangegangen. Wir haben einfach improvisiert. Und wenn wir dann etwas hatten, eine packende Melodie oder so, haben wir rundherum den Rest aufgebaut. Heute gehen wir von einer konkreten Sache inspiriert und mit einer mehr oder weniger klaren Vorstellung ins Studio. Das heisst, wir geben unserer Kreativität einen Rahmen. Uns hilft das. Und unsere Musik profitiert auch davon.

Inwiefern? Mel: Früher hatten wir ein leeres Blatt Papier vor uns und eine Schachtel voller Farben zur Hand. Heute gibt es auf diesem Blatt ein Raster. Und wir legen von vornherein fest, mit welchen Farben wir arbeiten wollen. So wird unser Werk am Ende auch für andere übersichtlicher und verständlicher. Das ist uns wichtig. Denn Kreativität ist für uns nicht nur Selbstzweck. Wir wollen die Menschen erreichen und bestenfalls bewegen.

1: Das Berner DJ-Duo Mercury und der legendäre House-Sänger Robert Owens während eines Videodrehs zur gemeinsamen Single «Candlelight» (GDT00037, erschienen im Februar).

Fotografiere diese Seite via Shortcut und hör dir die neue EP von Mercury direkt auf deinem Smartphone an.

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Schatztruhe Natur Die Natur passt sich seit Jahrmillionen optimal an äussere Gegebenheiten an, dabei brachte sie verblüffende Strukturen und Techniken hervor. Bionik befasst sich systematisch mit Erkenntnissen aus der Biologie, die in modernen technischen Errungenschaften zur Anwendung kommen. Die Spirale ist eine weit verbreitete Struktur, sozusagen ein universaler Grundbaustein in der Natur, der sich in allen Dimensionen durch unser Leben zieht. So liegt zum Beispiel unser Planet in einem der spiralförmigen Arme der Milchstrasse, Wasserstrudel und Schneckenhäuser sind spiralförmig aufgebaut, ebenso diverse Pflanzen. Die Spiralform findet sich auch im menschlichen Körper als anatomischer Grundbaustein wieder. So ist zum Beispiel die DNA-Struktur des Menschen in einer spiralförmigen Doppelhelix angelegt. Der Mensch wiederum macht sich diese flexible, aber dennoch sehr stabile Struktur zunutze und baut nach ihrem Vorbild schwindelerregend hohe Türme und Treppen. Der Wissenschaftszweig Bionik setzt sich genau damit auseinander. Die Bezeichnung fügt sich aus den Begriffen «Biologie» und «Technik» zusammen. Konkret bedeutet Bionik die Umsetzung der Erkenntnisse aus der Biologie in technische Anwendungen, wobei das nicht heissen soll, dass die Natur perfekt imitiert wird. Vielmehr geht es um ein durch die Natur inspiriertes und angeregtes Neuerfinden. Das Beispiel der Spirale ist nur eines von vielen: Lotusblätter sind selbstreinigend, denn Schmutz und Wasser perlen einfach ab. Die spezielle Hautoberfläche von Haien lässt die Unterwasserjäger mühelos durchs Wasser gleiten und Erkenntnisse über Verhaltensweisen von Insekten und anderen Tieren fliessen in viele technische Bereiche ein. Auch der Klettverschluss – übrigens eine Schweizer Erfindung – hat seine Wurzeln wortwörtlich in der Natur. Der Schweizer Ingenieur Georges de Mestral unternahm mit seinen Hunden oft Spaziergänge. Immer wieder blieben Früchte der Klettfrucht im Fell des Hundes hängen. Eines Tages legte

De Mestral die Früchte unter sein Mikroskop und entdeckte so das ausgeklügelte System aus winzigen elastischen Häkchen, das zwei Materialien auf einfache Art vorübergehend verbindet.

Am Anfang war da Vinci Zum ersten Mal wurde der Begriff «bionics» 1960 vom amerikanischen Luftwaffenmajor Jack E. Steele verwendet, der damit seine Forschung an Cyborgs, also Mischwesen aus lebendigen Organismen und Maschinen, beschrieb. Auch wenn der vergleichsweise relativ junge Wissenschaftszweig derzeit zu boomen scheint, neu ist Bionik nicht. Als erster «Bioniker» der Wissenschaftsgeschichte gilt Leonardo da Vinci. Er konnte durch die Rekonstruktion von Schlagflügeln als Erster schlüssig beweisen, dass der Menschheit grosser Traum vom Fliegen wie ein Vogel auf diese Weise nicht möglich ist – eine Erkenntnis, die für Ikarus leider zu spät kam. Ein weiteres Beispiel: 2010 wurden Markus Hollermann und Felix Förster für ihre innovative Entwicklung bioinspirierter Dübel mit dem letzten Bionic-Award ausgezeichnet. Sie nahmen sich die Zecke zum Vorbild, denn so, wie sich Zecken in Mensch und Tier verankern, können künftig auch Dübel effizienter in der Wand befestigt werden. So einfach gewisse Erkenntnisse aus der Bionik erscheinen mögen, so komplex ist deren Entwicklung. Der deutsche Prof. Dr. Thomas Speck von der Universität Freiburg betont, dass Bionik vor allem eines, nämlich Zeit, brauche. Die erfolgreichen Lösungen in der Natur haben sich über sehr lange Zeiträume durch natürliche Selektion entwickelt. Nur das Erfolgreiche und Anpassungsfähige konnte sich langfristig durchsetzen. Analog dazu funktioniert auch die Lösungsfindung in der Bionik oft nur über Modifikation,


Abstraktion und zahlreiche Versuche. Weiter setzt Speck ein tiefgehendes Verständnis der Physik voraus sowie ein Verständnis der Biodiversität, also der Artenvielfalt, und der komplexen Zusammenhänge innerhalb dieser Vielfalt.

Interdisziplinäres Denken Doch auch anderweitig werden die Forscher gefordert: Als interdisziplinäres

Forschungsgebiet erfordert die Bionik eine gewisse Offenheit für andere Forschungsfelder und verlangt Austausch, vernetztes und neues Denken – ein Umstand, der erwiesenermassen die Kreativität fördert. Wir können also von der Natur lernen, die Lebewesen dienen uns dabei als schier unbeschränkte Ideengeber für neue technische Errungenschaften.

Das Forschungsgebiet der Bionik ist tatsächlich vielversprechend, auch wenn es derzeit noch nicht viele Produkte auf den Markt geschafft haben. Und doch lehrt uns die Bionik vor allem eines: Wir müssen das Rad nicht jedes Mal neu erfinden. Oftmals lohnt sich ein Blick in die Natur – und kreatives Denken über den eigenen Horizont hinaus.

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2: E  iner deutschen Firma ist eine bionische Nachbildung einer Seemöwe gelungen. Der eigentlich schon abgeschriebene Traum vom Fliegen wie ein Vogel erwacht wieder.

3: Dank seiner speziell gerillten Haut gleitet der Hai mit geringstem Widerstand durchs Wasser. Moderne Tauch- und Schwimmanzüge kopieren diese biologische Methode.

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Brainstorming – Die heilige Kuh Ob in Aus- und Weiterbildung oder im Geschäft, Brainstorming ist eine Methode, um sich einer Problemstellung anzunähern, die jeder und jede schon angewandt hat, und die bei Pädagogen, Beratern und Kreativen einen sehr hohen Stellenwert geniesst. Doch der Nutzen des Verfahrens wird seit seiner Etablierung infrage gestellt. «Using the brain to storm a creative problem». Dieser Satz führte zum Begriff Brainstorming und stammt von einem der erfolgreichsten Werber der frühen Geschichte dieser Branche: Alex F. Osborn. Er war Mitbegründer von BBDO, einer noch heute ausserordentlich erfolgreichen MarketingAgentur mit Hauptsitz in New York. Die Firma arbeitet zusammen mit Unternehmen wie Mercedes, BMW, Burger King, Hugo Boss oder HBO – dem Fernsehanbieter von Mad Men, einer Serie, die von den goldenen Zeiten der Werbeindustrie handelt und nachweislich Elemente der Firmengeschichte von BBDO enthält.

Hierarchie vs. freier Austausch Osborn entwickelte das Verfahren aus einer Not heraus. Er stellte fest, dass seine Angestellten Mühe bekundeten, innovative und kreative Ideen zu erarbeiten. Aus Angst, etwas Falsches oder Unangebrachtes vorzuschlagen, hüteten sich Mitarbeiter davor, Vorschläge zu machen, die nicht den althergebrachten Vorstellungen entsprachen. Sitzungen waren kein Ort produktiver Diskussionen, konstatierte er, sondern vielmehr ein Schauplatz des innerbetrieblichen Machtgefüges. Die Rangordnung im Betrieb hatte einen negativen Einf luss auf die Leistung des Teams. Also entschloss sich Osborn 1939, ein Buch zu veröffentlichen, dass den Grundstein zu einer neuen Form der interaktiven Problemlösung legen sollte: Brainstorming. Das Verfahren ist simpel: Man formiere sich zu einer Gruppe und notiere an einem Flipchart / einer Tafel alles, was

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einem zum diskutierten Thema oder Problem in den Sinn kommt. Die Teilnehmer sind dazu angehalten, alle Assoziationen zum besprochenen Gegenstand auszusprechen, egal, ob die Idee gut oder schlecht ist. Wichtig ist es, möglichst viele Einfälle zu sammeln. Bei der anschliessenden Diskussion und Auswertung werden die Beiträge gleich gewichtet und als Produkt der ganzen Gruppe behandelt, also egal, ob die Idee vom Chef oder vom Praktikan-

ten stammt. Der Verzicht auf jegliche Kritik beim Zusammentragen der Vorschläge ist dabei elementar, denn dies ermöglicht freies Denken, welches nicht von Angst vor Zurückweisung beeinflust ist. So können sich die Diskussionsteilnehmer besser einbringen.

Quantität vor Qualität Doch so rosig ist es nicht: Zum Nutzen des Brainstormings wurde in den letzten Dekaden viel geforscht. In zahlrei-

chen Experimenten wurde untersucht, wie effektiv das Wundermittel für kreative Ideen wirklich ist. Die Resultate sind ernüchternd. Im Vergleich zu Probanden, die alleine über eine Problemstellung brüteten, sind Gruppen, die gemeinsam mittels Brainstorming arbeiteten, viel weniger erfolgreich im Erarbeiten von tragfähigen Lösungen. Die Hauptgründe für das schlechte Abschneiden der «Gehirnstürmer» sehen Arbeitspsychologen und andere Experten vor allem darin, dass Brainstormings trotz aller Basisdemokratie schnell wieder unter gruppendynamischen Einflüssen ablaufen sowie darin, dass es Gruppen oft schwerfällt, vor lauter Ideen eine Auswahl zu treffen. Oft enden Brainstormings in einem Wirrwarr, welches schwer aufzuschlüsseln ist. Es entstehen viele Ideen, doch wenig Tragfähiges. Obschon oft als Heilmittel für mangelnde Inspiration propagiert, stellen sich also Fragen ob der Ergiebigkeit des Verfahrens. Zwar sind viele Firmen der jüngsten Zeit, allen voran Google, einer offenen Unternehmensstruktur mit flachen Hierarchien verpf lichtet, wo Brainstormings und andere Formen des freien Austauschs von Ideen und Meinungen eine wichtige Rolle spielen, doch ist ihr Erfolg nicht ausschliesslich positiv. Sicherlich ist es ein gutes Mittel, um soziale Strukturen aufzulockern, und kann dem offenen Austausch zwischen Menschen zuträglich sein. Doch die Resultate, die so entstehen, sind nicht besser als jene, die in konventionellen Sitzungen oder während einsamer Stunden am Schreibtisch entstehen.

4: Werbeagenturen sind typische Anwender der Brainstorming-Methode. Manche Berufskreative sind professionelle Brainstormer, die man gegen ein Honorar buchen kann.

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Fotografiere diese Seite via Shortcut und sieh dir direkt auf deinem Smartphone an, was die «Mad Men» unter Brainstorming verstehen.

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Und keiner verlangt Geld Ein Kinofilm, der in 190 Ländern spielt, aber an bloss einem Tag gedreht wurde: Ist das möglich? – Ja, dank Schwarmkreativität! Es brauchte die grosse Masse an Internet-Nutzern, die täglich zehntausende Videoschnipsel ins Internet hochladen. Nur so konnte am Ende ein einziger Regisseur einen anderthalbstündigen Kinostreifen zusammenstellen, der quasi gleichzeitig in 190 Ländern spielt – und Schwarmkreativität kann noch viel mehr.

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Der Regisseur Kevin Macdonald machte sich für seinen Kinofilm «Life in a Day» den YouTube-Schwarm zunutze. Das heisst all diejenigen, die regelmässig ihre Privatvideos – oftmals gefilmt mit der Handykamera – auf YouTube hochladen. Stoff gibt es genug: Pro Sekunde laden alle Hobbyfilmer zusammen eine Stunde Filmmaterial auf das Videoportal.

sharen, das am 24. Juli 2010 gedreht wurde. Am Ende stellte Kevin Macdonalds YouTube-Schwarm 80 000 Filmchen ins Netz – Abspielzeit des gesamten Materials: 4500 Stunden. Ob sich der Regisseur alle Filmchen angeschaut hat, ist nicht bekannt. Aber es ist kaum anzunehmen, denn dafür hätte er über 180 Tage und Nächte ununterbrochen vor dem Bildschirm sitzen müssen.

Für das Filmprojekt «Life in a Day» wurden die abertausenden von Privatfilmern aufgerufen, Videomaterial zu

Filmen für YouTube Bekannt ist nur das Endprodukt: Es kam vergangenen September in die Ki-

nos, spielt in 190 Ländern und dauert rund anderthalb Stunden. Da ist etwa ein Koreaner, der seit über neun Jahren mit seinem Velo die Welt bereist – nur er, sein Rucksack und das Velo. In Kathmandu bekommt er vor der Kamera eine Fliege zu Gesicht. Fliegen hätten überall unterschiedliche Grössen, aber diese hier sei exakt so gross wie es jene in Korea seien. «So I feel very emotional.» Der menschliche Alltag ist banal. Überall. Am Ende des Films ist es dunkel, eine junge Amerikanerin sitzt im Auto und filmt sich selbst: Es sei beinahe Mitternacht und die Zeit des 24. Juli 2010 fast abgelaufen, sagt sie. Sie habe den ganzen Tag gehofft, es würde was Tolles passieren. Doch sie muss feststellen: «Heute ist nicht wirklich was pas-


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5: Pro Sekunde lädt die YouTube-Community eine Stunde Filmmaterial auf das Videoportal. Regisseur Kevin Macdonald und Produzent Ridley Scott (Kingdom of Heaven, Body of Lies, American Gangster) haben aus diesem immensen Input den Kinofilm «Life in a Day» geschnitten.

siert.» Die Kamera schwenkt hoch zum Himmel: Es regnet, blitz und donnert. Weniger banal ist das Kinoprojekt an sich – für YouTube und seinen Mutterkonzern Google. Der Film ist nicht zuletzt auch Werbung, Werbung für YouTube, und zeigt: Der Schwarm ist auch dann bereit, umsonst im Internet zu «arbeiten», wenn der Zweck letztlich ein kommerzieller ist, also einer Marke dient, die in erster Linie Geld verdienen will.

Was Firefox so stark macht Google respektive YouTube hat sich auf

geschickte Weise die Schwarmkreativität zunutze gemacht. Ein Phänomen, das schon länger besteht, aber vorwiegend zu nicht kommerziellen Zwecken seine Anwendung findet. Zum Beispiel wird die Schwarmkreativität oder das Crowdsourcing – also das Rekrutieren von freiwilliger Arbeitskraft im Internet – bei der Entwicklung Freier Software genutzt. Programmierer erarbeiten im virtuellen Raum gemeinsam und meist ohne sich zu kennen eine Software – darunter auch Freaks, die etwa tagsüber bei IBM arbeiten und ihre ganze Freizeit in die Entwicklung neuer Freier Software investieren. Das

Betriebssystem Linux ist so entstanden, aber auch viele wichtige Programmiersprachen, der beliebte Webbrowser namens Firefox, das OpenOffice und viele mehr. Gerade Firefox läuft den anderen Webbrowsern wie Safari und Internet Explorer den Rang ab. Was aber macht die Programmierer, die umsonst arbeiten, stärker als ihre gut bezahlten Kollegen? Weil der Code des Programms offenliegt, kann ihn jeder bearbeiten und verbessern; der ganze Schwarm an Programmierern kann das Programm testen, kommentieren und auf Mängel

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hinweisen. Bei Microsoft, Apple und all den anderen Software-Entwicklern hingegen hat nur ein ausgewählter Kreis Zugang zum Programm, bevor es auf den Markt kommt. Fehler bleiben so leichter unentdeckt.

Dopende Fussballspieler Niemand agiert allein: So funktioniert Schwarmkreativität. Vielmehr arbeiten alle in einem virtuellen Team, das sie selbst organisiert haben, meist spon-

tan. Innerhalb dieses Teams teilen sie ihr Wissen. Nur wenn diese Voraussetzu ngen gegeben sind, ka n n der Schwarm zum Ziel kommen. Auf dem Weg zum Ziel ist etwa auch das Projekt Gutenberg – auch ein Projekt, das sich den Schwarm zunutze macht. Auf www.gutenberg.org sollen möglichst viele Bücher hochgeladen werden, deren Urheberrechte mittlerweile abgelaufen sind. Tausende Frei-

Der Junge, der den Wind einfing Die Geschichte von William Kamkwamba ist eine Erfolgsgeschichte aus einem Land, aus dem sonst nur wenig Positives berichtet wird. Und sie soll anderen Mut machen, ihre Träume zu verwirklichen. «Viele Geschichten aus Afrika sind negative Geschichten, meine Geschichte jedoch ist eine Geschichte voller Hoffnung», sagt William Kamkwamba mit einem breiten Lächeln auf den Lippen. Der heute 24-jährige Malawier baute mit einfachsten Hilfsmitteln eine Windmühle zur Stromproduktion und bewahrte so seine neunköpfige Familie vor dem drohenden Hungertod.

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willige haben bis heute über 38 000 Bücher allgemein zugänglich gemacht. Der Internet-Schwarm kann auch viel bescheidenere Ziele anstreben: Zum Beispiel stellt eine Gruppe deutschsprachiger Journalisten zurzeit eine Liste aller Fussballer zusammen, die mit Doping in Berührung kamen. Darauf figuriert unter anderem Josep Guardiola, der aktuelle Trainer des FC Barcelona: Er wurde – damals noch als

Wie die meisten Bewohner Malawis, schlug sich Kamkwambas Familie als Maisbauern durch. Im Jahr 2002 wurde der kleine Binnenstaat in Südostafrika von einer schweren Hungersnot heimgesucht. Die Familie ass täglich bloss noch ein paar Bissen Nsima, einen nahrhaften Brei aus Maismehl – für mehr reichte es nicht. Der Ernteausfall hatte zudem zur Folge, dass die Kamkwambas nicht mehr für Williams Schulgebühren aufkommen konnten. «Ich sah meinen Vater an, betrachtete die ausgetrockneten Felder und wusste, dass ich die Zukunft so nicht akzeptieren konnte», beginnt William Kamkwamba seine aussergewöhnliche Geschichte. Der Wille, etwas zu verändern, weckte in ihm den Wunsch, sich weiterzubilden. In der örtlichen Bibliothek lieh sich William Wissenschaftsbücher aus und vertiefte sich trotz seiner rudimentären Englischkenntnisse ins Thema Physik. «Bilder und Diagramme halfen mir dabei, die komplexen Inhalte zu


Spieler des FC Brescia – wegen der Substanz Nandrolon für vier Monate gesperrt und musste 50 000 Euro Busse bezahlen.

«Das ist eine riesige Bibliothek» Mit Schwärmen lässt sich also vieles bewerkstelligen, Vieles, das wir täglich nutzen – und womöglich sogar lieben, so wie der kleine Bub es tut, dem im Film «Life in a Day» ein paar Minuten gewidmet sind. Er spricht Spanisch,

verstehen», erklärt William den Lernprozess. Ein Buch über Windmühlen tat es ihm besonders an: Denn die Möglichkeit, aus Wind Strom zu generieren, war für William Kamkwamba gleichbedeutend mit der Möglichkeit, die ausgetrockneten Felder zu bewässern. Mit dem Kopf voller Ideen und dem selbst angeeigneten Wissen eines Elektroingenieurs suchte er auf dem Schrottplatz Material für sein ehrgeiziges Projekt. «Viele Leute, darunter auch meine eigene Mutter, hielten mich für verrückt», sagt Kamkwamba lächelnd. Dennoch liess er sich nicht von seinem Vorhaben abbringen. Worin andere bloss Schrott sahen, erkannte der kreative 15-Jährige Potential. Not macht schliesslich erfinderisch, und so baute er aus dem ausrangierten Kühlerventilator eines Traktors, einem Stossdämpfer, einigen PVC-Röhren und dem alten Fahrrad seines Vaters ein fünf Meter hohes, voll funktionsfähiges Windrad, das genügend Strom für das Haus seiner

könnte Peruaner sein; er ist Schuhputzer und steht täglich an ein und derselben Strassenecke und wartet auf Kundschaft. Was er liebe, wird er gefragt. Seinen Vater, sagt er zunächst. Später, nach Feierabend, holt er einen PlastikComputer aus seinem Wellblechhäuschen. Am meisten liebe er seinen Laptop: «Wikipedia ist voller Geschichte, Mathematik, Wissenschaft, Religion. Da ist alles drin. Das ist eine riesige Bibliothek.» – Auch Wikipedia funktio-

niert dank dem Schwarm: Tausende schreiben, korrigieren und ergänzen Wikipedia-Einträge – über den Buddhismus, über House-Musik oder Justin Bieber. Und keiner verlangt Geld dafür.

Familie sowie den Betrieb der Wasserpumpe produzierte. «Plötzlich standen die Menschen in Schlangen vor meinem Haus um ihre Mobiltelefone aufzuladen», berichtet Kamkwamba. Nicht nur seine Nachbarn, sondern auch Reporter und Blogger aus Afrika und aller Welt wollten mehr über den findigen Do-it-yourself-Ingenieur wissen.

nellen Ideen den Menschen zu mehr Lebensqualität und Nahrungsmitteln verhelfen kann, scheint William Kamkwamba eine andere Botschaft zu sein: «Ich möchte den Afrikanern und all den Armen, die mit ihren Träumen kämpfen, nur eines sagen: Vertraut auf und glaubt an euch. Was auch immer geschehen mag, gebt nicht auf!».

Die Non-Profit-Organisation TED lud Kamkwamba 2006 zu einer ihrer Konferenzen ein. Der sichtlich nervöse 19-Jährige, der bis zu diesem Tag «noch nie einen Computer benutzt oder das Internet gesehen» hatte, zog das Publikum mit seinem Vortrag in seinen Bann und mehrere Investoren der Konferenz versprachen, ihm seine weiterführende Ausbildung zu finanzieren. Er studiert heute an der African Leadership Academy in Johannesburg.

Die Geschichte vom «Jungen, der den Wind einfing» – so der Titel des Buches, das Kamkwamba mit Hilfe des Journalisten Bryan Mealer verfasste – ist eine bemerkenswerte Geschichte über die menschliche Erfindungsgabe und ihre Kraft, auch die widrigsten Umstände zu überwinden.

Viel wichtiger als die Vermittlung vom Wissen, wie man auch in ärmsten Regionen mit einfachen Mitteln und origi-

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Buch: «Der Junge, der den Wind einfing. Eine afrikanische Heldengeschichte.» Von Bryan Mealer und William Kamkwamba. Erschienen bei Irisiana. ISBN: 9783424150438

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Sinnloses zum Thema:

Kreative Köpfe

Coco Chanel Nach ihrer Geburt hat der Standesbeamte den Nachnamen der Jahrhundert-Schneiderin und Mode-Revolutionärin fälschlicherweise als «Chasnel» eingetragen.

Pablo Picasso Im Sommer 1911 gerieten Guillaume Apollinaire und Pablo Picasso in den Verdacht, am Diebstahl der Mona Lisa aus dem Louvre beteiligt zu sein.

Thomas Edison Edison war einer der bedeutendsten Erfinder der modernen Welt. Weniger bekannt ist, dass der Schwerhörige auch Tonträger produziert und vertrieben hat.

Steve Jobs Der Computer-Pionier und Apple-Gründer wurde nach seiner Geburt zur Adoption freigegeben. Von seinen leiblichen Eltern und seiner Schwester erfuhr er erst 20 Jahre später.

Björk Die multidisziplinäre Künstlerin hat ihr Debütalbum bereits 1977, mit 12 Jahren, veröffentlicht. Das Album enthält isländische Kinderlieder und Coverversionen von internationalen Hits.

Charlie Chaplin Der Komiker, Schauspieler, Regisseur, Komponist und Produzent wurde zwei Monate nach seinem Tod aus seinem Grab gestohlen. Die Täter wollten von der Familie 600 000 Franken erpressen.

Das Themenheft «Kreativität» erscheint als Beilage zum Magazin Twen 1/2012, www.euro26.ch  Herausgeber SJAG, Bern  Idee / Koordination euro26, Bern  Konzept / Gestaltung grossartig, Bern  Text / Redaktion Arthur Fink, Arci Friede, Martina Messerli, Philipp Schori  Druck Büchler Grafino AG, Bern  Fotos iStockphoto.com, Philippe Cuendet  Illustration Rodja Galli  Disclaimer SJAG übernimmt keine Haftung für redaktionelle Inhalte Dritter. Aussagen und Meinungen von Drittpersonen widerspiegeln nicht zwingend die der SJAG. Der besseren Lesbarkeit halber verwenden wir nur die männliche Form, die sich aber selbstverständlich auch auf alle Leserinnen bezieht.  Das Themenheft «Kreativität» wurde ermöglicht durch

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