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THEMA

Wie ein Ei dem anderen

Zukunft und Grenzen Ausgabe 2/2012

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Der Individualitätskult scheint keine Grenzen zu kennen. Jeder will anders, will speziell sein. Was geschieht, wenn die Anderen zu den Vielen werden, wie jetzt, wo die sogenannte Hipster-Mode beginnt, die Mainstream-Optik zu durchdringen?

pacan mondon! 

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Mythos ewiges Wachstum 

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Esperanto – einst erfunden, um die Sprachgrenzen niederzureissen. Welches Potenzial hat die Kunstsprache nach 120 Jahren noch?

Viele Rohstoffe gehen im Laufe der kommenden Jahrzehnte zur Neige. Nur eine neue Geisteshaltung kann das Überleben unserer Zivilisation sichern.

Der Kampf um Neptuns Schätze 

Generation Angst 

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In der Tiefsee ruhen Unmengen von Bodenschätzen. Doch auf hoher See gibt es keine klaren Grenzziehungen. Wer also darf wo fördern?

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Wo zunehmend mehr Wahlmöglichkeiten bestehen, werden auch die Ängste vielfältiger. Wann ist Angst berechtigt und wann unnötig hemmend?


Vorwort Alles, was wir tun, hat Konsequenzen, beeinflusst also unsere Zukunft und die Zukunft unserer Mitmenschen. Manchmal tut es das im Kleinen, manchmal im Grossen, manchmal unmittelbar, manchmal erst Jahre oder Generationen später. Wir alle sind nicht erst seit der Internet-Revolution miteinander vernetzt. Wir sind seit jeher Teil einer Natur, die als ein System sich gegenseitig beeinflussender Elemente funktioniert. Und doch scheinen wir darauf programmiert, Grenzen zu ziehen. Hier wir, da die anderen. Es gibt Studien, die besagen, dass das menschliche Hirn schlicht nicht in der Lage ist, Gemeinschaften von über 150 Personen noch zu überschauen. Daraus können wir schliessen, dass ein urmenschlicher Reflex uns veranlasst, alle, die nicht zu den eigenen 150 Freunden und Bekannten, also zu den Nächsten, gehören, als die «anderen» zu sehen. Die anderen gliedern wir in Gruppen und ordnen diesen gewisse Eigenschaften zu. Von Gruppen, die uns überfordern, weil wir sie nicht verstehen, sei es wegen der Sprachbarriere oder kultureller Hürden, entkoppeln wir uns emotional, wir fürchten sie, im schlimmsten Fall bekämpfen wir sie ihrer Andersartigkeit wegen. Grenzen haben ihren Ursprung also im Kopf. Das heisst, wir können sie überwinden. Denn wie wir aus der jüngsten Neuroforschung wissen, ist unser Hirn extrem lernfähig – lernfähiger als wir uns das vorstellen können. Man muss das Hirn «nur» trainieren, sich selbst und die Welt immer wieder kritisch in Frage stellen, alte Muster durchbrechen, neue Muster entwickeln, die Dinge differenziert betrachten, Neues wagen. Das klingt zunächst anstrengend, ist es auch, führt aber längerfristig zu mehr Frieden. In einem selbst und in der Welt.

Dieses Themenheft ist Shortcut-fähig.

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pacan mondon! Eine friedliche Welt! – Mit Esperanto sollten jegliche Sprachgrenzen überwunden werden. Aber nicht nur das: Eine friedlichere Welt sollte geschaffen werden. Vor 125 Jahren wurde die Plansprache erfunden; rund eine Million Menschen beherrschen sie. Friedlicher ist die Welt nicht geworden. v. PHILIPP SCHORI

«Die Slowenen versuchen seit Jahrzehnten, sich einen Teil Österreichs einzuverleiben.» Davor warnte zeitlebens Jörg Haider, einer der einflussreichsten Politiker in unserem Nachbarland. Aus diesem Grund seien alle Dörfer im Süden Österreichs einzig und allein in deutscher Sprache zu beschildern – obwohl in Dutzenden Dörfern seit Jahrhunderten Slowenen neben Österreichern leben. Das Miteinander der beiden Sprachgruppen verlief jahrhundertelang unspektakulär: keine Konflikte, nichts – bis die Idee des Nationalismus aufkam. Deutsche, Franzosen und Italiener notierten in Büchern, ihre Nation sei gottgegeben, sie sei wertvoll, ja, wertvoller als andere, ihr Volk müsse daher zusammenhalten. Andere Menschen

glaubten daran; in ihren Köpfen bildeten sich Nationen, die es vorher nicht gab. Und was geschieht mit jenen, die nicht dazugehören, den Fremden? Nicht beachten? Das wäre eine Möglichkeit. Doch oftmals ist für den inneren Zusammenhalt ein äusserer Feind, den man malträtieren kann, notwendig. Adolf Hitler trieb diese Ideologie bekanntlich auf die Spitze. Das bekamen 1942 auch die Slowenen in Österreich zu spüren: Viele wurden diskriminiert, einige deportiert. Ein Augenarzt erfand die berühmteste Plansprache Heute sind Adolf Hitler und Jörg Haider tot. Und dem Streit um die Ortstafeln konnte kürzlich ein offizielles Ende ge-


1963 am Set von «Angoroj» (Qualen), dem ersten in Esperanto gedrehten Spielfilm. Die im Pariser Taschendiebe- und Betrüger-Milieu angesiedelte Kriminalgeschichte wurde in den Kinos kaum gezeigt. Heute existieren nur noch zwei Filmrollen. 1991 ist der Film auf Video erschienen.

Fotografiere diese Seite via Shortcut, um dir Ausschnitte aus «Angoroj» anzusehen.

setzt werden: 164 Dörfer sind seit April 2012 – wie in der Verfassung vorgesehen – sowohl auf Deutsch als auch Slowenisch beschildert. Doch die Idee, Sprache als nationalistisches Abgrenzungsmerkmal zu gebrauchen, ist damit nicht begraben. Denn die Idee existiert allenthalben, etwa in Spanien mit dem Baskischen oder im ehemaligen Jugoslawien, wo die Sprachen Serbisch und Kroatisch mit viel Volksstolz aufgeladen werden, obwohl sie eigentlich identisch sind. Von dieser Problematik wusste Ludwik Lejzer Zamenhof – besser bekannt als Dr. Esperanto – schon in den 1880er Jahren. Der Augenarzt wuchs im heutigen Polen auf. In seiner Stadt lebten Juden, Polen, Russen, Deutsche, Weissrussen und Litauer Tür an Tür, doch viel zu sagen hatten sie sich nicht. Zamenhof beobachtete schon als Kind die immer wieder aufflammenden Fehden zwischen den Sprachgruppen. «Wenn ich einmal gross bin», sagte er sich, wolle er eine einfach erlernbare Sprache schaffen, mit der sich alle gleichberechtigt verständigen können: Weg mit der babylonischen Sprachverwirrung, hin zu pacan mondon, hin zu einer friedlichen Welt! Tatsächlich legte er 1887 den Grundstein für die bis heute berühmteste Plansprache namens Esperanto. 125 Jahre später wissen wir: Dr. Esperanto ist gescheitert. Gemäss optimistischen Schätzungen sprechen heute eine Million Menschen Esperanto. Die Sprache ist damit zwar nicht vom Aussterben bedroht, aber sie ist bedeutungslos und vermag so kaum Frieden zu stiften. Durch Seifenopern, Hollywood und Pop Nur die Mächtigsten dieser Welt hätten erfolgreich missionieren und Esperanto zur Lingua franca emporhieven kön-

nen. Denn nur durch wirtschaftliche, militärische und kulturelle Vormacht sind Weltsprachen entstanden. Doch das wäre nicht im Sinne des osteuropäischen Augenarztes gewesen: Esperanto sollte von unten kommen und immer schon die Sprache aller sein. Was Dr. Esperanto nicht gelang, gelang dem Britischen Weltreich, welches das Englische etablierte, und der Supermacht USA, die es weiter verbreitete: nicht mehr kriegerisch, sondern durch Seifenopern, Hollywood und Pop. Aber ob die neue Lingua franca die Welt verbessert? Kaum. Denn Unterschiede zwischen Menschen lassen sich beliebig viele finden, es muss nicht die Sprache sein. Menschen können sich auch anhand der Kleidung, der Hautfarbe oder des Barts von den angeblich anderen abgrenzen und diese behelligen. Es braucht mehr als Esperanto, damit es den Kriegstreibern die Sprache verschlägt.

Prager Manifest der Bewegung für die internationale Sprache Esperanto 1. Demokratie Ein internationales Kommunikationssystem, das einen Teil der Menschen lebenslang privilegiert, von anderen aber verlangt, jahrelange Mühen auf sich zu nehmen, ohne dadurch ein vergleichbares Sprachniveau zu erreichen, ist von Grund auf undemokratisch. Obwohl Esperanto, wie jede Sprache, nicht perfekt ist, übertrifft es doch alle seine Konkurrenten auf dem Gebiet der weltweiten gleichberechtigten Verständigung bei weitem. 2. Transnationale Erziehung Jede Nationalsprache ist mit einer bestimmten Kultur und einem oder mehreren Völkern verbunden. So lernt beispielsweise ein Schüler durch den Englischunterricht Kultur, Land und Politik der englischsprechenden Länder, vor allem der USA und Grossbritanniens kennen. Dagegen wird dem Schüler im Esperantounterricht eine Welt ohne Grenzen, in dem jedes Land ein Stück Heimat ist, nahegebracht.

3. Erfolgreicher Sprachunterricht Nur ein kleiner Prozentsatz derjenigen, die sich mit einer Fremdsprache auseinandersetzen, erlernen diese wirklich. Die Beherrschung des Esperanto ist dagegen sogar im Selbststudium erreichbar. Verschiedene wissenschaftliche Untersuchungen haben nachgewiesen, dass eine Kenntnis des Esperanto das Lernen anderer Sprachen erleichtert. Auch empfiehlt sich Esperanto als Übungsobjekt in Kursen zur Förderung des Sprachbewusstseins der Teilnehmer. 4. Mehrsprachigkeit Die Esperantosprechenden stellen wohl die einzige weltweite Sprachgemeinschaft dar, deren Sprecher ausnahmslos zwei- oder mehrsprachig sind. Jedes Mitglied hat sich zur Aufgabe gemacht, wenigstens eine Fremdsprache bis zur Sprechbeherrschung zu lernen. Vielfach führt das zur Kenntnis und Wertschätzung vieler Sprachen und allgemein zu einem weiteren persönlichen Horizont. 5. Sprachliche Rechte Die ungleiche Machtverteilung der Sprachen führt bei einem Grossteil der Weltbevölkerung zu einer ständigen Gefährdung ihrer Sprachen bis hin zur direkten Unterdrückung. In der Esperantosprechergemeinschaft begegnen sich die Sprecher weit verbreiteter oder weniger bekannter, offizieller und inoffizieller Sprachen in einem bewussten beiderseitigen Entgegenkommen auf sprachlich neutralem Boden. Diese Abgewogenheit von Rechten und Pflichten weist einen Weg für die Entwicklung und Beurteilung weiterer Ansätze, sprachliche Benachteiligungen und Konflikte zu lösen. 6. Sprachenvielfalt Die nationalen Regierungen neigen dazu, die grosse Sprachenvielfalt in der Welt als ein Hindernis für Kommunikation und Entwicklung anzusehen. Für die Gemeinschaft der Esperantosprechenden ist die Sprachenvielfalt hingegen eine ständige und unverzichtbare Quelle kulturellen Reichtums. Demzufolge ist jede Sprache, wie der Ausdruck jeder Lebensform, schon wertvoll an sich und damit schützens- und unterstützenswert. 7. Emanzipation der Menschheit Jede Sprache erweitert und begrenzt den Horizont ihrer Sprecher, indem sie ihnen einmal die Möglichkeit der Verständigung untereinander gibt, die Kommunikation mit Anderssprachigen jedoch verhindert. Als universales Verständigungsmittel geschaffen, stellt Esperanto eines der grossen Unternehmen menschlicher Emanzipation dar, ein Unternehmen, das jeden Menschen als Individuum an der menschlichen Gemeinschaft teilhaben lässt, und zwar fest verwurzelt in Kultur und Sprache seiner Heimat, aber nicht beschränkt durch sie. Beschlossen im Rahmen des 81. Esperanto-Weltkongresses in Prag, Juli 1996. Vom Deutschen Esperanto-Bund e.V. autorisierte Übersetzung aus dem Original in Esperanto.

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Der Kampf um Neptuns Schätze

Schwarze Raucher sind Schlote am Meeresboden. Sie stossen bis zu 400 °C heisses, ausgesprochen mineralreiches Wasser aus. Manche Evolutionsbiologen gehen davon aus, dass sich das irdische Leben ursprünglich in der Umgebung von Rauchern entwickelt hat.

In den Tiefen der Weltmeere lagern wertvolle Bodenschätze. Da an Land der Abbau von Rohstoffen schon weit vorangeschritten ist, haben viele Nationen begonnen, ihren Aktionsradius zu erweitern. Doch auf hoher See gibt es keine Landesgrenzen und somit ist die Reglementierung und Beschränkung des Abbaus von Rohstoffen schwierig. v. ARTHUR FINK

Manganknollen und schwarze Raucher Eines der wertvollsten Produkte auf dem Meeresgrund sind die Manganknollen. In diesen Knollen sind Metalle wie Kupfer, Nickel und Kobalt enthalten. Diese Rohstoffe sind wichtige Bestandteile für die Herstellung von elektronischen Geräten. Manganknollen entstanden durch chemische Zersetzungen von Krustentieren und wachsen in einer Million Jahren nur 5 Millimeter nach. Ein weiterer wirtschaftlich interessanter Rohstofflieferant sind die schwarzen Raucher, durch vulkanische Aktivität entstandene Krusten und Schlote. Sie sind reich an Kupfer, Zink, Gold und Silber. Doch auch Öl und Gas und weitere wichtige Rohstoffe lagern unter Wasser. Um zu erkunden, wo welche Schätze zu finden sind, senden viele Nationen Forscherteams aus. De jure Das Meer wird juristisch in drei Zonen aufgeteilt: Das Küstenmeer erstreckt sich über zwölf Seemeilen (22,2 km) von der Küste aus, es ist Hoheitsgebiet der jeweiligen Nation. Bis zu zweihundert Seemeilen (370,4 km) hat der betreffende Staat ein Recht auf wirtschaftliche Nutzung und darauf, über die natürlichen Ressourcen zu verfügen. Danach beginnt die hohe See, wo internationales Recht gilt; die Bodenschätze sind gemäss UN-Konventionen gemeinsames Erbe der Menschheit.

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Zuständig für die Erhaltung jenes Erbes ist die ISA, die internationale Meeresbodenbehörde der Uno. Sie vergibt Lizenzen, die Nationen dazu ermächtigen, Zonen in der Tiefsee zu erforschen. Konflikte Doch die aktuellen internationalen rechtlichen Bestimmungen regeln die Nutzung nicht genügend und es kommt zu Konflikten. So der Fall in Grönland, wo sich Russland, Norwegen, die USA, Kanada und Dänemark um die Rechte für den Abbau von Rohstoffen streiten. Es geht dabei vor allem um Öl: Alle drei Länder haben dort Gebiete, welche nationaler Boden sind. Doch weit mehr Gebiete in der Arktis sind Teil der hohen See. 2007 hisste eine russische Unterseeboot-Truppe die Flagge unter arktischem Wasser und die Presse berichtete vom beginnenden kalten Krieg am Nordpol. Im ostchinesischen Meer streiten sich Japan und China um ManganknollenVorkommnisse, die beide Länder für die Produktion von Hightech-Waren verwenden möchten. Quo vadis Der Tiefseebergbau ist aber noch nicht weit entwickelt. Der Anteil der Rohstoffe, die aus dem Meer gewonnen werden, ist auf dem Weltmarkt noch gering. Gründe dafür liegen bei der oft schwierigen juristischen Situation und

den immensen Kosten für die Forschung und Entwicklung neuer Gerätschaften. Die wertvollen Rohstoffe sind meistens über vierhundert Meter weit unter dem Wasserspiegel, deshalb auch schwer zu erforschen. Wenige Tiefseegebiete sind systematisch erforscht worden. Trotzdem wird die Erforschung und der Abbau der Tiefsee in den nächsten Jahrzehnten zunehmen und wirtschaftlich Rendite abwerfen, da sind sich die Forscher einig. Sie betonen aber auch, dass der Abbau von Rohstoffen auf dem Festland nicht dadurch ersetzbar ist.


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Wie ein Ei dem anderen Junge Menschen in der westlichen Welt wirken oft beinahe besessen vom Individuellsein. Woher dieser Abgrenzungswahn? Wohin führt der Trend? v. MARTINA MESERLI

Der Soziologe Ferdinand Tönnies hatte bereits 1935 erkannt, dass der Individualismus immer nur eine Zwischenepoche bestimmen könne, weil er nur auf ein «massgeblich gemeinschaftlich» eingestelltes Zeitalter folge u nd zwangsläufig sein eigenes Ende herauf beschwöre, indem er in ein Zeitalter «massgeblich gesellschaftlichen» Charakters münde. Oder anders gesagt: Jede individuelle Strömung wird früher oder später von der grossen Masse aufgegriffen, wodurch dieser jeglicher Individualismus abhanden kommt und sich die Individualisten etwas Neues überlegen müssen. Das Spiel beginnt von vorne … Ja, es ist ein ewiges Kreuz mit dem Individualismus. Spüren wir nicht auch selbst den ständigen Drang, uns von der Masse abzuheben, uns von vielfältigen Zwängen des Kollektivs zu befreien? Der einfachste Weg, unseren Non-Konformismus der Welt kundzutun, führt über Kleidung und Accessoires. Wer glaubte daran, dass einst die dicken Brillen, engen Hosen und grosszügigen Tätowierungen zu einem äusserst zeitgeistigen Phänomen avancieren würden? Niemand. Eben. Deshalb war der Look äusserst beliebt, bei der Gruppe Menschen, die sich von anderen abzugrenzen suchten. Dumm nur, dass aus der kleinen Gruppe schnell mal eine – man könnte meinen uniformierte – Bewegung entstand, deren optische Eigenständigkeit in etwa der Vielfalt einer Legebatterie entspricht: Ein Ei gleicht dem anderen. H &M sei Dank! Kultur der Extreme Individualität kennt keine Grenzen und wer früher eine Reise tat, der konnte tatsächlich noch was erzählen. Heu-

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te aber fliegen Billig-Airlines an jeden noch so gottverlassenen Flecken dieser Erde. Es reicht nicht mehr, abgelegene Inseln aufzusuchen, exotische Sprachen zu lernen, denn die Hochtour im Himalaya gehört im Freundeskreis fast schon zum guten Ton. Auch die politischen Extreme werden immer salontauglicher und ein Leben als Veganer beeindruckt schon lange keinen mehr. Obwohl sich individualistisches Verhalten in allen Kulturen in unterschiedlicher Ausprägung findet, ist interessanterweise vor allem die wohlhabende westliche Welt geradezu besessen davon, eine möglichst grosse Eigenständigkeit an den Tag zu legen. Psychologische Studien zeigten, dass Personen aus kollektivistischen Kulturen – typisch dafür sind asiatische Länder – eher dazu tendieren, sich der Masse anzupassen. Und ein chinesisches Sprichwort bestätigt: «Der Nagel, der herausragt, wird in das Brett gehämmert». Dies kann mit geschichtlichen Hintergründen im Kommunismus und Maoismus erklärt werden, lässt uns aber mit der Frage zurück, ob sich nicht auch mit zunehmendem Abstand kommender Generationen zur kollektivistischen Gesellschaftsform ein Wandel Richtung Individualismus vollziehen wird. Nicht zuletzt, weil in wirtschaftlichen Kreisen das westlichindividualistische System als das offenkundig leistungsfähigste dieser Erde gilt. Individualität vs. Authentizität Und wir? Wohin führt uns der Weg, wenn es politisch nicht weiter nach links geht? Nach rechts? Was tun in Zukunft, wenn sich die Individualität nicht mehr über den Kleidungsstil de-

finieren lässt? Hacken wir uns dann den kleinen Finger ab? Lebte er noch, würde Ferdinand Tönnies nur müde lächeln, auf sein letztes Buch «Geist der Neuzeit» verweisen, mit den Worten: «Ich hab’s euch ja gesagt». Ein hoffnungsloses Unterfangen und anstrengend dazu. Also entspannen wir uns, hören auf, uns ständig im Wettkampf um Einzigartigkeit übertrumpfen zu wollen und akzeptieren endlich, dass wahre Individualität einzig und allein auf Authentizität gründet.


Das Klischee eines Hipsters: Er lebt in Berlin-Kreuzberg, ernährt sich vegan, kauft seine Garderobe in Second-Hand-Läden und fährt ein minimalistisches Fahrrad. Sein Leben hält er mit einer analogen Kamera fest. Die Bilder scannt er und postet sie auf seinem Blog. Fotografiere diese Seite via Shortcut und sieh dir die Parodie «Evolution of the Hipster» an.

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Nauru, einsam im Pazifik gelegen, war bis auf einen schmalen Küstenstreifen mit Phosphat bedeckt. Dessen Abbau bescherte dem Inselstaat jahrzehntelang ungeheuren Reichtum. Heute bewegt sich der Kleinstaat am Rande des Bankrotts. Fotografiere diese Seite via Shortcut und sieh dir die Doku «Nauru – Paradise Lost» an.

Der Mythos vom ewigen Wachstum Unser Wirtschaftssystem basiert auf Wachstum – quantitativem Wachstum. Die Immer-Mehr-Ideologie ist in einer Welt mit begrenzt verfügbaren Ressourcen zum Scheitern verurteilt. Die Geschichte eines pazifischen Inselstaats sollte Beispiel genug dafür sein. v. ARCI FRIEDE

Die Wachstumsbremse kommt Während die Wirtschafts-, beziehungsweise Finanzkrise wie ein Eissturm über Länder wie Griechenland, Portugal und Spanien hereingebrochen ist, muss die Schweiz sich höchstens ein bisschen wärmer anziehen. Mit einer Arbeitslosenquote von 3,4 % (Stand März 2012) und einer Staatsverschuldung von 51 % des BIP 2011 zählt unser Land bisher zu den wirtschaftlich gesündesten. Vordergründig für die anhaltende Krise verantwortlich gemacht wird die Finanzbranche, der man vorwirft, der Überheblichkeit und Gier verfallen zu sein. Tatsächlich ist der Finanzsektor aber «nur» das selbstge-

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fällige Gesicht eines Wirtschaftsorganismus, der in seinem tiefsten Inneren an der Idee krankt, ökonomisches Wachstum sei endlos möglich und für unseren Wohlstand notwendig. 1950, als die Weltwirtschaft nach den grossen Kriegen zu einer beispiellosen Wachstumsphase ansetzte und gerade einmal 2,5 Milliarden Menschen die Erde bevölkerten, welche noch kein sensibilisiertes Gewissen für die ökologischen Folgen ihres Tuns hatten, klang die ultra-kapitalistische Parole «bigger, better, faster, more» ungefährlich. In der Gegenwart, wo Ressourcenknappheit die weltpolitische Agenda bestimmt, Rohstoffpreise beinahe wö-

chentlich ansteigen und immer noch eine Milliarde Menschen mit weniger als 1,25 Dollar pro Tag auskommen muss, scheint die falsche Logik offensichtlich. Gewarnt vor der Begrenztheit der Rohstoffe und den Konsequenzen einer Verknappung haben uns Wissenschaftler allerdings schon seit den späten 50er Jahren, als man erstmals versuchte, den Zeitpunkt zu errechnen, an dem das globale Ölfördermaximum erreicht würde. Beispiel Nauru Indes man «Peak Oil» nach aktuellsten Prognosen spätestens um das Jahr 2030 vermutet, hat das Beispiel Nauru in


Erfüllung im Beruf 2% Weiss nicht/anderes 1%

Gemeinschaft und Freunde 5% Religiöses/spirituelles Leben 6%

Geld und finanzielle Situation 7%

kleinem Massstab gezeigt, wie verheerend die Folgen des Versiegens von Rohstoffquellen für eine auf fossilen Rohstoffen bauende Wirtschaft sein können. Der Inselstaat Nauru liegt nordöstlich von Australien, im Nirgendwo des Pazifiks. Die kleinste Republik der Erde ist 21 Quadratkilometer gross und bietet 9000 Menschen eine Heimat. Über Jahrtausende war das Eiland ein Rastplatz für Zugvögel. Aus deren Kot und Skeletten, die sich mit der Erde und den Korallen der Insel vermengt haben, setzten sich im Boden von Nauru immense Phosphatmengen an. Phosphat ist die wichtigste Komponente von Düngemittel. Als die Bevölkerungen in Europa nach dem 2. Weltkrieg drastisch zu wachsen begannen und die Landwirtschaft deshalb immer effektiver produzieren musste, stieg die Nachfrage nach Dünger steil an. 1974, nach der ersten Ölkrise, welche die Rohstoffpreise in die Höhe getrieben hatte, verdiente der Kleinstaat 450 Millionen Australische Dollar mit dem Phosphatabbau. Im Schnitt waren es jährlich zwischen 90 und 120 Millionen. Nauru war damit das reichste Land der Welt. Kein Nauruer bezahlte Steuern, für die Arbeit holte man Arbeiter von benachbarten Inseln und Chinesen. Die Jungen schickte der Staat zum Studieren an die besten Universitäten nach Übersee und die Kranken flog man in die renommiertesten Kliniken nach Melbourne. Sogar eine Putzfrau bekam jeder Bürger gestellt, auf Staatskosten versteht sich. Die Nauruer wurden zu trägen, verschwenderischen Privatiers, die sich kauften, was sie begehrten: Fernseher, Stereoanlagen, Autos, Sportboote, Häuser in Australien, den USA und Europa. Der Exzess endete abrupt in den 90er-Jahren,

Partner/Ehepartner und familiäre Beziehungen 47%

Angenehme Wohnung 8%

Gesundheit 24%

2005 hat die britische Sendeanstalt BBC eine Umfrage über die Faktoren, die das subjektive Wohlbefinden (Glück) beeinflussen, in Auftrag gegeben.

als 80 % der Inseloberfläche abgetragen waren, die Fördermenge bei einem Maximum von 500 000 Tonnen jährlich stockte und die Staatskasse in Folge von Misswirtschaft aufgezehrt war. Mit dem Abstoss von staatseigenen Immobilien im Ausland und Aktienpaketen hat die Regierung mehrmals versucht, den feudalen Lebensstandard der Nauruer zu sichern. Vergeblich. Heute erhebt die Regierung wieder Steuern und bezieht Finanzhilfe von Australien. Geistiger Wandel Das Beispiel Nauru zeigt auf, dass der rücksichtslose Raubbau an der Natur und verschwenderischer Konsum notgedrungen im Desaster enden – in ökonomischer, ökologischer und gesellschaftlicher Hinsicht. Fossile Ressourcen, immer noch der Hauptbrennstoff unseres Wachstumsmotors, sind nur begrenzt verfügbar, unser Planet ist endlich. Es ist nicht sicher, ob nachwachsende Rohstoffe, erneuerbare

Energiequellen und der technologische Fortschritt die Lücke einst werden schliessen können – es ist sogar eher auszuschliessen. Tim Jackson, Professor für Nachhaltige Entwicklung und Autor der Buches «Wohlstand ohne Wachstum – Leben und Wirtschaften in einer endlichen Welt», schlägt denn auch vor, dass wir unsere Vorstellung von Wohlstand neu bestimmen. In unserer konsumorientierten Welt verknüpfen wir Wohlstand primär mit materialistischem Reichtum. In diesem eindimensionalen Verständnis sieht Jackson das Übel und ergänzt: «Zum Wohlergehen gehört die Fähigkeit, Liebe zu geben und zu empfangen, von anderen geachtet zu werden, einen sinnvollen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten, das Gefühl zu haben, zu einer Gemeinschaft zu gehören, ihr zu vertrauen, die Gesellschaft mitgestalten zu können und einen zuverlässigen Platz in dieser Welt zu finden». Alles Dinge, die für Geld nicht zu haben sind.

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Generation Angst Wer keine Angst hat, lebt gefährlich. Wer hingegen zu viel fürchtet, bremst sich unter Umständen selber aus und steht seiner Zukunft im Wege. Doch wie entsteht Angst? Und wie kann man zwischen gesunder Angst und irrationalen Befürchtungen unterscheiden? v. MARTINA MESSERLI

Erst kürzlich veröffentlichte das Institut für Sozialforschung gfs das neuste «Angstbarometer». Mit der jährlich durchgeführten Studie wird die von der Schweizer Bevölkerung subjektiv eingeschätzte Bedrohungslage repräsentativ erhoben. Doch was ist eigentlich Angst? Angst ist ein Gefühl, welches sich in bedrohlich empfundenen Situationen als Besorgnis und Erregung äussert. Ein oftmals mit Verzweiflung einhergehendes Gefühl, verbunden mit dem Verlust der willentlichen und rationalen Steuerung der Persönlichkeit und des eigenen Handelns. Evolutionsgeschichtlich hat die Angst eine wichtige Funktion: Sie ist ein Schutzmechanismus, der in Gefahrensituationen angemessenes Verhalten initiiert, uns zum Beispiel zur Flucht veranlasst. Jeder kennt das Gefühl von Angst. Da gibt es das Unwohlsein, wenn man nachts alleine durch eine einsame Strasse geht, das leichte Schaudern, wenn man die dicke schwarze Spinne aus der Dusche entfernt, oder aber das lähmende Gefühl der Panik, die das Herz rasen lässt und einem – wie es auch der etymologische Ursprung des Wortes «angere» (lat.) schön beschreibt – die Kehle zuschnürt. Verspüren wir Angst, werden im Körper Stresshormone freigesetzt. Diese führen zum Anstieg von Blutdruck und Herzfrequenz und bewirken so eine bessere Durchblutung von Muskeln und Gehirn und damit eine erhöhte Versorgung mit Sauerstoff. Wir werden reaktionsschneller und aufmerksamer. Wer also keine Angst verspürt – und es soll Menschen geben, die unter pathologischer Angstlosigkeit leiden und aus unterschwelliger Aggressivität jede Gefahr ignorieren – lebt also gefährlich.

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Populärkanon der Ängste Zurück zum Angstbarometer. Ganz oben auf der Liste thront seit Jahren die Angst vor Luftverschmutzung und Klimawandel. Einen grossen Sprung nach vorne hat nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima die Angst vor atomarer Verseuchung gemacht, was allerdings ein temporäres Phänomen und bald wieder aus dem Bewusstsein der Menschen verschwunden sein dürfte. Es folgen die Angst vor dem Egoismus der Menschen, vor zunehmender Abhängigkeit von der Wirtschaft und vor Kriminalität. Die wissenschaftliche Studie ist repräsentativ und doch erscheinen einem diese Ängste irgendwie unkonkret, ja gar etwas weit weg von den täglichen Sorgen und Befürchtungen. Einmal kurz im eigenen Umfeld umgehört, zeigt sich dann auch ein ganz anderes Bild: Da ist die beinahe übermächtige Angst, beruflich zu versagen, eng verbunden mit der Frage, ob man die richtige Ausbildung gewählt hat und ob man nach Abschluss des Studiums einen Job findet. Dann haben wir Schiss, alleine zu sein, gleichzeitig aber auch davor, uns zu früh zu fest zu binden. Eine oft gehörte Angst ist auch jene vor unheilbaren Krankheiten oder dem frühen Tod eines Familienmitglieds, ebenso die Angst vor der Endlichkeit des eigenen Seins. Alle diese Ängste lassen sich im Grunde genommen zusammenfassen: Angst vor der Zukunft. Angst vor dem Ungewissen. Die Ängste der dritten Generation Der deutsche Autor und Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer bezeichnet in einem Interview mit der Zeitschrift NEON die jungen Erwachsenen von heute ganz unzimperlich als «Generati-

on Angst». Im Arbeitsalltag stelle er fest, «dass die Menschen in den letzten dreissig Jahren sehr viel ängstlicher geworden sind». Konkret benennt auch er vor allem soziale Ängste: «Die Angst vor festen Beziehungen, vor Nähe, vor Festlegung». Als Hauptgrund führt Schmidbauer die immer komplexer werdende Gesellschaft an. Wo zunehmend mehr Wahlmöglichkeiten bestehen, werden auch die Ängste vielfältiger. «Je mehr wir haben, desto mehr können wir verlieren», bringt es Schmidbauer auf den Punkt. Ein weiterer Grund für Selbstzweifel und ernstzunehmende Ängste sei die Wissensgesellschaft. «Je mehr wir über uns wissen, desto mehr können wir subjektiv auch falsch machen», so Schmidbauer. Klingt logisch, aber wie soll man mit Angst umgehen? Und wie kann eine Grenze zwischen berechtigten, gesunden Ängsten und solchen, die einen bremsen, gezogen werden? Schmidbauer präsentiert eine denkbar einfache Lösung. «Stellen Sie sich die Frage: Ist es wirklich existenziell gefährlich? Wenn ja, dann ist es klug, der Angst zu folgen. Wenn nicht, sollte man die Angst ignorieren.» Schliesslich zeige der Mensch oft sehr viel mehr Angst vor Eventualitäten als vor Realitäten.


Da ich zukünftig nebst der Arbeit ein Studium beginnen werde und dazu auch weiterhin meinen Hobbys nachgehen möchte, habe ich oft Angst, dass ich das nicht alles packe und eventuell scheitere.

Meine Zukunftsvorstellungen sind nicht mit Angstgefühlen behaftet. Auch wenn ich manchmal Vergangenem nachtrauere oder am Ist-Zustand festhalte, versuche ich vielmehr, mich auf mein Werden zu konzentrieren. Ich freue mich auf die Zukunft.

Da niemand unsere Erde als sein persönliches Eigentum betrachten kann, will auch keiner die Verantwortung für deren Erhaltung übernehmen. Diese Situation macht mir Sorgen.

Ich finde es toll, dass man heute so viele verschiedene Möglichkeiten hat. Manchmal, wenn ich an die Zukunft denke, ängstigt mich aber der Gedanke, dass ich eine Fehlentscheidung treffen oder eine falsche Richtung wählen könnte.

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Das Thema «Zukunft und Grenzen» erscheint als Beilage zum euro26 Magazin 2/2012, www.euro26.ch  Herausgeber SJAG, Bern  Idee / Koordination euro26, Bern  Konzept / Gestaltung grossartig, Bern  Text / Redaktion Arthur Fink, Arci Friede, Martina Messerli, Philipp Schori  Druck Büchler Grafino AG, Bern  Fotos Janosch Abel (Seite 11), Wikipedia (restliche Seiten)  Illustration Rodja Galli  Disclaimer SJAG übernimmt keine Haftung für redaktionelle Inhalte Dritter. Aussagen und Meinungen von Drittpersonen widerspiegeln nicht zwingend die der SJAG. Der besseren Lesbarkeit halber verwenden wir nur die männliche Form, die sich aber selbstverständlich auch auf alle Leserinnen bezieht.  Das Thema «Zukunft und Grenzen» wird ermöglicht durch

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