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ROTE SEITEN: FÜNF JAHRE NIEDRIGZINSPHASE UND KEIN ENDE IN SICHT? (TEIL 1)

Ausgabe 1|2016

Das Magazin für NonprofitManagement und -Marketing

INTEGRATION: HERAUSFORDERUNG FÜR DIE ZIVILGESELLSCHAFT

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GESPRÄCH: Ulrike Kostka von der Caritas Berlin zu den Hintergründen und aktuellen Herausforderungen in der Flüchtlingsfrage

AKTUELLES: Nachhaltige Investments gewinnen für Stiftungen an Bedeutung – sie versprechen doppelte Dividende

SCHWERPUNKT: Engagement von Stiftungen, Akteuren und Initiativen hilft bei der Bewältigung der Flüchtlingskrise

Herausgeber: DSZ − Deutsches Stiftungszentrum GmbH, Erich Steinsdörfer Institut für Stiftungsberatung Dr. Mecking & Weger GmbH, Dr. Christoph Mecking www.stiftung-sponsoring.de


« Eigentlich ist das ein Risiko, das ich alleine gar nicht nehmen möchte. Muss ich aber.» Lassen Sie uns darüber reden


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Editorial

STABWECHSEL Liebe Leserin, lieber Leser, in der Hand halten Sie die erste Ausgabe von „Stiftung&Sponsoring“, die mit Beginn des Jahres 2016 im Erich Schmidt Verlag (ESV) erscheint. Nach nunmehr 18 Jahren übergeben die Herausgeber den Staffelstab an den Berliner Verlag. Mit dem Wechsel der langjährigen Mitherausgeberin Magda Weger in den wohlverdienten Ruhestand geht eine Ära zu Ende: Gemeinsam mit ihrem Ehemann Hans-Dieter Weger hat sie seit der ersten Ausgabe im Januar 1998 maßgeblich dazu beigetragen, dass sich das Magazin als führende Grantmaking-Zeitschrift im deutschsprachigen Raum etablieren konnte. Im Laufe der Jahre hat „Stiftung&Sponsoring“ aufgrund der regen Publikationstätigkeit zur Professionalisierung des Stiftungssektors beigetragen und daran mitgewirkt, gemeinnützige Stiftungen als integralen Bestandteil der Zivilgesellschaft sichtbar zu machen. Dafür möchten wir Frau Weger an dieser Stelle Dank aussprechen – verbunden mit einem Versprechen: Die Zeitschrift wird auch unter dem Dach des ESV nach dem vertrauten Konzept fortgeführt, mit praxisorientiertem Grundlagen- und Fachwissen im Dritten Sektor, als Impulsgeber und Katalysator für das Stiftungswesen in Deutschland und den Nachbarländern. Dafür stehen nicht nur die Herausgeber, sondern auch der Redaktionsbeirat und die neue Redaktion mit Mario Schulz.

Magda Weger

Ein Stabwechsel eröffnet immer auch neue Perspektiven: „Stiftung&Sponsoring“ kann beim ESV auf die umfangreichen fachlichen Inhalte und das breite Autorennetzwerk eines renommierten Fachverlags zurückgreifen. Außerdem wird die Zeitschrift in Zukunft auch als eJournal erscheinen. Bewährtes bleibt selbstverständlich bestehen: Wie gewohnt behandelt jede Ausgabe ein Schwerpunktthema, ergänzt mit aktuellen Beiträgen aus der Welt der Stiftungen. Im Mittelpunkt der ersten Ausgabe steht das aktuelle Flüchtlingsthema. Angesichts der gesellschaftlichen Herausforderungen, die die Integration von über 1 Mio. Geflüchteten mit sich bringt, haben die letzten Wochen und Monate eindrucksvoll die Wichtigkeit von privatem, bürgerschaftlichem Engagement gezeigt. Gerade auch für Stiftungen birgt dies neue Handlungsfelder, aber auch Möglichkeiten des Lernens und der Entwicklung. Philipp von der Wippel beschreibt in seinem Beitrag, wie beispielsweise der Einsatz von Social-Media-Tools vieler Flüchtlingsinitiativen Chancen für schnelle und unbürokratische Hilfe bieten kann. Roland Kaehlbrandt wiederum zeigt, wie eine von Stiftungen mitinitiierte Koordinierungsstelle Abstimmungsaufgaben wahrnehmen kann, wo nur unzureichende administrative Strukturen vorhanden sind. Und Ulrike Kostka zeigt im Gespräch Stand und Perspektiven der sog. Flüchtlingskrise und ihrer Bewältigung auf.

Herausforderung Integration

In den Roten Seiten stellen Norbert Winkeljohann, Ulrich Störk und Berthold Theuffel-Werhahn die aktuelle Studie zum Verhalten der Stiftungen bei der Anlage ihres Vermögens in der Niedrigzinsphase vor. Teil zwei folgt im nächsten Heft. Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre in diesen ereignisreichen Zeiten! Der Verlag Dr. Joachim Schmidt, Berlin Geschäftsführer des Erich Schmidt Verlags

Die Herausgeber Dr. Christoph Mecking, Berlin Geschäftsführender Gesellschafter des Instituts für Stiftungsberatung

Erich Steinsdörfer, Essen Geschäftsführer und Vorsitzender der Geschäftsleitung des DSZ – Deutsches Stiftungszentrum

Ulrike Kostka, Caritasverband

Stiftung&Sponsoring 1|2016


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Editorial

Wie kann die FlĂźchtlingskrise bewältigt werden? Einen Einblick in die aktuelle FlĂźchtlingsarbeit der Caritas gibt Ulrike Kostka, Direktorin des Caritasverbandes fĂźr das Erzbistum Berlin. Im Interview mit S&S spricht sie Ăźber aktuelle Herausforderungen, alte Fehler – die nicht wiederholt werden dĂźrfen – und Chancen, die sich – nicht nur fĂźr die GeflĂźchteten – ergeben, sondern fĂźr die gesamte Gesellschaft. Seite 6 Eine aktive Zivilgesellschaft zeichnet sich auch durch die Ăœbernahme von Verantwortung aus, wie die aktuelle FlĂźchtlingshilfe zeigt. Die vielen ehren- und hauptamtlichen Helfer sind die wahren Helden in der aktuellen Krise: Sie sind die Träger der neuen deutschen Willkommenskultur. Doch auch Engagement braucht Koordinierung, Kooperation und Weiterbildung, wie die Beiträge zum Heft-Schwerpunkt „Integration: Herausforderung fĂźr die Zivilgesellschaft“ zeigen.

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Joachim Schmidt, Christoph Mecking, Erich SteinsdĂśrfer Stabwechsel

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Kaleidoskop

Akteure & Konzepte ` 6

Was meint ‌? Ulrike Kostka, Integration braucht einen langen Atem

` 10 Mario Schulz

Essay: Willkommenskultur. WorĂźber reden wir eigentlich? ` 14 Roland Kaehlbrandt

FlĂźchtlingshilfe. Koordinierung tut not ` 16 Susanne Stemmler

Bedarfs- und stärkenorientiert. Unterstßtzung von Kommunen bei der Aufnahme junger Flßchtlinge

Kommunikation & Sponsoring ` 20 Florian Hinze

Von der Akuthilfe zum langfristigen Engagement. Stiftungen und Unternehmen in der FlĂźchtlingshilfe ` 22 Philipp von der Wippel

Im Anpacken liegt die Veränderung. Wie die Flßchtlingskrise ein neues Selbstverständnis von Engagement schafft 24 Jill Schroeter Das PERMIT-Modell. Analyse-Tool fßr ein professionelles Stiftungsmanagement

Organisation & Finanzen 26 Martin Luckmann / Christiane Prange Agilität (Teil 1). Herausforderung fßr die Organisationsentwicklung von Stiftungen 28 Carola von Peinen Mitarbeiterrekrutierung – komplexer als gedacht. Worauf es ankommt bei der Personalsuche von Stiftungen

Seite 10, 14, 16, 20, 22, 36

IMPRESSUM Stiftung&Sponsoring – Das Magazin fĂźr Nonprofit-Management und -Marketing Ausgabe 1/2016 – Februar 2016 Jahrgang: 19. (2016) Erscheinungsweise: 6-mal jährlich www.stiftung-sponsoring.de Herausgeber: '6=ĂŻ'HXWVFKHV6WLIWXQJV]HQWUXP*PE+ Erich SteinsdĂśrfer Institut fĂźr Stiftungsberatung Dr. Mecking & Weger GmbH, Dr. Christoph Mecking Redaktion: Dr. Mario Schulz (verantwortlicher Redakteur), Dr. Christoph Mecking (beratend) Erich Schmidt Verlag GmbH & Co.KG Genthiner StraĂ&#x;e 30 G, 10785 Berlin Telefon (030) 25 00 85-590 Telefax (030) 250085-92590 E-Mail: M.Schulz@ESVmedien.de oder redaktion@stiftung-sponsoring.de

Redaktionsbeirat: Dr. Roland Kaehlbrandt, Stiftung Polytechnische Gesellschaft Frankfurt am Main, Ulrike Posch, Fachhochschule des Mittelstands (FHM) (Bamberg), Dr. K. Jan Schiffer, Schiffer & Partner (Bonn), Harald Spiegel, SPIEGEL Rechtsanwälte WirtschaftsprĂźfer Steuerberater Partnerschaft mbB (MĂźnchen), Dr. Volker Then, CSI – Centrum fĂźr Soziale Investitionen der Universität Heidelberg, Linda Zurkinden-Erismann, StiftungsZentrum.ch (Bern) Verlag: Erich Schmidt Verlag GmbH & Co.KG Genthiner StraĂ&#x;e 30 G, 10785 Berlin Telefon (030) 25 00 85-0 Telefax (030) 250085-305 E-Mail: ESV@ESVmedien.de Internet: www.ESV.info Vertrieb: Erich Schmidt Verlag GmbH & Co. KG Genthiner StraĂ&#x;e 30 G, 10785 Berlin Postfach 30 42 40, 10724 Berlin Telefon (030) 25 00 85-227 Telefax (030) 25 00 85-275 E-Mail: Abo-Vertrieb@ESVmedien.de

Konto: Berliner Bank AG, Konto-Nr. 5122031 01 (BLZ 100 708 48) IBAN DE31 1007 0848 0512 2031 01 BIC (SWIFT) DEUTDEDB110 Bezugsbedingungen: Jahresabonnementpreis â‚Ź (D) 114,–; Einzelbezug je Heft â‚Ź (D) 22,–. Alle Preise einschlieĂ&#x;lich 7 % Umsatzsteuer und zuzĂźglich Versandkosten. Die BezugsgebĂźhr wird jährlich im Voraus erhoben. Abbestellungen sind mit einer Frist von 2 Monaten zum 1.1. j. J. mĂśglich. Keine Ersatz- oder RĂźckzahlungsansprĂźche bei StĂśrung oder Ausbleiben durch hĂśhere Gewalt oder Streik. Anzeigen: Erich Schmidt Verlag GmbH & Co. KG Genthiner Str. 30 G, 10785 Berlin Telefon (030) 25 00 85-626, Telefax (030) 25 00 85-630 E-Mail: Anzeigen@ESVmedien.de Anzeigenleitung: Sibylle BĂśhler Es gilt Anzeigenpreisliste Nr. 1 vom 1. Januar 2016, die unter www.stiftung-sponsoring.de/top/mediadaten. html bereitsteht oder auf Wunsch zugesandt wird.


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30 Nicole Dildei Der Businessplan in der Anerkennungspraxis. Stiftungsaufsichten halten am herkömmlichen Prüfungsalltag fest

Was bedeutet Agilität und wie können Stiftungen agiler werden? Welche Rolle spielen hierbei die richtige Personalauswahl und der Businessplan einer Stiftung? Aber auch die Frage, welches Risiko Stiftungen bei der Vermögensanlage eingehen können bzw. sollen, hat großen Einfluss auf die Performance. Antworten auf diese Fragen finden Sie in zahlreichen Beiträgen dieser Ausgabe. Zu guter letzt zeigen wir Ihnen die wichtigsten umsatzsteuerlichen Themen im Jahr 2016, die Ihr Tätigwerden erfordern.

32 Frank Wettlauffer Risikoreduktion vs. Beschränkung. Vor- und Nachteile nachhaltiger Investments für Stiftungen

Recht & Steuern ` 36 Martin Schunk

Kooperationen im Bereich der Flüchtlingshilfe. Steuerliche Vereinfachungsregelungen laut BMF-Schreiben v. 22.9.2015 39 Ein Weckruf (15) Kann am deutschen Stiftungswesen unsere Gesellschaft genesen? 40 ELEMENTARIA Sascha Voigt de Oliveira / Inga Kruse 2016: Umsatzsteuerliche Chancen und Risiken 41 Evelin Manteuffel Aktuelle Gerichtsentscheidungen und Verwaltungsanweisungen

Seite 26, 28, 30, 32, 40

Bücher & Aufsätze 43 Christoph Mecking Im Verein: Deutsche Gesellschaft und Integration

Service & Aktuelles 46 48 49 50 51

Fünf Jahre Niedrigzinsphase haben spürbare Spuren in der deutschen Stiftungslandschaft hinterlassen, so das Fazit der aktuellen PwC-Stiftungsstudie 2016. Viele Stiftungen verfolgen schon jetzt nur mehr ROTE SEITEN das Ziel, das Stiftungskapital nominal und nicht auch real zu erhalten, was in Zukunft ernste Folgen für die Leistungsfähigkeit haben kann.

Norbert Winkeljohann, Ulrich Störk und Berthold Theuffel-Werhahn, Frankfurt am Main und Kassel

FÜNF JAHRE NIEDRIGZINSPHASE UND KEIN ENDE IN SICHT? Die Ergebnisse der PwC-Stiftungsstudie 2016 (Teil 1)

Nachrichten & Vermischtes Personen & Veränderungen Preise & Auszeichnungen Leserecho Termine & Veranstaltungen

1. BETROFFENHEIT DER STIFTUNGEN VOM NIEDRIGZINSUMFELD 1.1 Eher Risiken als Chancen 1.2 Großteil der Stiftungen betroffen 1.3 Stärker empfundene Nachteile als bei der Finanzkrise 1.4 Rückläufige Einnahmen und Fördermöglichkeiten 1.5 Deutliche Vermögenseinbußen 2. DIE VERMÖGENSBEWIRTSCHAFTUNG 2.1 Konkrete Anlagerichtlinien fehlen oft 2.2 Stichwort „Mission Investing“ 2.3 VermögensschadensHaftpflichtversicherung unterrepräsentiert 2.4 Einsatz von Vermögensverwaltern 2.5 Reaktionen auf das Niedrigzinsumfeld 2.6 Fundraising zunehmend wichtiger

3. DIE VERMÖGENSANLAGE

3.1 Auffallend hohe Sicherheitsorientierung 3.2 Diversifikation 3.3 Fehlende Marktsicherungsmaßnahmen 3.4 Höhere Risikobereitschaft zu erwarten 3.5 Offenheit gegenüber innovativen Finanzprodukte

4. EINSCHÄTZUNGEN ZUR DERZEITIGEN WIRTSCHAFTSSITUATION IN DEUTSCHLAND UND ZUR EIGENEN FINANZLAGE 4.1 Grundhaltung: Pessimismus 4.2 Individuelle Finanzlage eher getrübt

5. VORGEHENSWEISE UND STICHPROBENBESCHREIBUNG 5.1 Durchführung 5.2 Analyse

6. KURZ & KNAPP

Rote Seiten

1|2016

Norbert Winkeljohann / Ulrich Störk / Berthold Theuffel-Werhahn Fünf Jahre Niedrigzinsphase und kein Ende in Sicht? Die Ergebnisse der PwC-Stiftungsstudie 2016 (Teil 1)

Wie Stiftungen reagieren und welche Gegenmaßnahmen erfolgsversprechend sind, beantworten die Autoren der Studie ausführlich in den Roten Seiten. Roten Seiten

Manuskripte: Hinweise für die Abfassung von Beiträgen sowie das Word-Template stehen Ihnen zur Verfügung unter: www.stiftung-sponsoring.de/top/ueber-uns/ autorenhinweise.html. Von Text und Tabellen erbitten wir das Manuskript per E-Mail bevorzugt in Word, sonst zusätzlich im RTF-Format. Zur Veröffentlichung angebotene Beiträge müssen frei sein von Rechten Dritter. Sollten sie auch an anderer Stelle zur Veröffentlichung oder gewerblichen Nutzung angeboten worden sein, muss dies angegeben werden. Mit der Annahme zur Veröffentlichung überträgt der Autor dem Verlag das ausschließliche Verlagsrecht und das Recht zur Herstellung von Sonderdrucken für die Zeit bis zum Ablauf des Urheberrechts. Das Verlagsrecht umfasst auch die Rechte, den Beitrag in fremde Sprachen zu übersetzen, Übersetzungen zu vervielfältigen und zu verbreiten sowie die Befugnis, den Beitrag bzw. Übersetzungen davon in Datenbanken einzuspeichern und auf elektronischem Wege zu verbreiten (online und/oder offline), das Recht zur weiteren Vervielfältigung und Verbreitung zu gewerblichen Zwecken im Wege eines fotomechanischen oder eines anderen Verfahrens sowie das Recht zur Lizenzvergabe. Dem Autor verbleibt das Recht, nach Ablauf eines Jahres eine einfache Abdruck-

genehmigung zu erteilen; sich ggf. hieraus ergebende Honorare stehen dem Autor zu. Die zur Veröffentlichung angebotenen Fachaufsätze werden von der Redaktion begutachtet und gegebenenfalls von einem weiteren Gutachter geprüft. Sie müssen vom verantwortlichen Redakteur zur Veröffentlichung angenommen werden. Bei Leserbriefen sowie bei angeforderten oder auch bei unaufgefordert eingereichten Manuskripten behält sich die Redaktion das Recht der Kürzung und Modifikation der Manuskripte ohne Rücksprache mit dem Autor vor. Leserbriefe senden Sie bitte direkt an die Redaktion (redaktion@stiftung-sponsoring.de) Rechtliche Hinweise: Die Zeitschrift sowie alle in ihr enthaltenen einzelnen Beiträge und Abbildungen sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung des Verlages. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Bearbeitungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. – Die Veröffentlichungen in dieser Zeitschrift geben ausschließlich die Meinung der Verfasser, Refe-

renten, Rezensenten usw. wieder. – Die Wiedergabe von Gebrauchsnamen, Handelsnamen, Warenbezeichnungen usw. in dieser Zeit-schrift berechtigt auch ohne Kennzeichnung nicht zu der Annahme, dass solche Namen im Sinne der Markenzeichen- und Markenschutzgesetzgebung als frei zu betrachten wären und daher von jedermann benutzt werden dürften. Bildnachweise: Titelbild: william87 / S.1: lev dolgachov / S.2: Robert Kneschke, tai 111 / S. 11: thingamajiggs / S.28: krass 99 / S. 38: Christian Pedant / S. 51: JiSign (Fotolia), Weitere Quellennachweise stehen direkt beim jeweiligen Bild. Nutzung von Rezensionstexten: Es gelten die Regeln des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels e. V. zur Verwendung von Buchrezensionen. http://agb.ESV.info/ Zitierweise: S&S Heft/Jahr, Seite ISSN: 1438-0617 Druck: H. HEENEMANN


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WAS MEINT ...?

Akteure & Konzepte

Ulrike Kostka, Direktorin des Caritasverbandes für das Erzbistum Berlin

INTEGRATION BRAUCHT EINEN LANGEN ATEM im Gespräch mit Christoph Mecking, Stiftung&Sponsoring S&S: Frau Kostka, das Flüchtlingsthema beschäftigt seit Monaten die gesellschaftliche Diskussion in Deutschland wie kaum ein anderes. 2015 kamen in Deutschland fast 1,1 Millionen Geflüchtete an. Und der Zustrom hält an. Die Rede ist längst von der Flüchtlingskrise. Wie würden Sie aktuell die Lage beschreiben?

riert war, werden als Ausdruck von Staatsversagen, oder – so gerade das Nachrichtemagazin DER SPIEGEL – Staatsohnmacht – verstanden. Immer häufiger wird vor diesem Hintergrund die Forderung nach Handlungsentscheidungen von Politik und Behörden erhoben. Welche Notwendigkeiten sehen Sie hier?

Kostka: Deutschland hat in den letzten Monaten einen sehr starken Anstieg der Flüchtlingszahlen erlebt. Nach einer großen Welle der Hilfsbereitschaft und vielleicht auch der Euphorie wird jetzt vielen klar, dass wir alle einen langen Atem brauchen werden für die notwendige Integration. Viele ahnen, dass noch mehr Flüchtlinge kommen werden, weil sich die Situation in den Krisenregionen nicht verbessert hat.

Kostka: Zunächst müssen alle, die nach Deutschland kommen, registriert werden. Es kann nicht sein, dass wir nicht wissen, wer sich in unserem Land aufhält. Aber dass dies nicht überall funktioniert hat, war oftmals nicht der Fehler der geflüchteten Menschen, sondern Ausdruck behördlicher Überforderung. Abschotten ist keine Lösung, denn viele Menschen fliehen aus Krisenregionen, wo ihr Leben gefährdet ist. Sie brauchen unsere Hilfe.

S&S: Der Umgang mit der Flüchtlingsfrage scheint gesellschaftsspaltende Kraft zu entfalten. Offenbar entwickeln sich in der öffentlichen Wahrnehmung Gefühle zunehmender Verunsicherung, ja Bedrohung der eigenen Lebenswelt. Und auch die Zivilgesellschaft zeigt mit Pegida & Co. ihre „schmutzige Seite“. Wie kann dieser Entwicklung begegnet werden?

S&S: Unhaltbare Zustände vor der zentralen Registrierungsstelle für Asylbewerber in Berlin, dem LAGeSo, sind zum Symbol für die Überforderung der Strukturen geworden. Die Caritas ist seit Ende August 2015 vor Ort mit der Betreuung von Härtefällen beauftragt. Wie ist derzeit die Lage; wie kann Berlin die große Anzahl an Flüchtlingen bewältigen?

Kostka: Die Bürgerinnen und Bürger müssen erleben, wie Integration gelingen und zur Bereicherung unseres Gemeinwesens führen kann und dass Politik und Staat einen Plan haben. Ein diffuses Gefühl, dass Chaos entsteht aus Überforderung oder mangelnder Planung, schürt Ängste und Verunsicherung. S&S: Müssen wir um ein friedliches Miteinander bangen? Kostka: Die schlimmen Ereignisse der Silvesternacht in Köln haben viele Bürger hierzulande zutiefst verschreckt. Es kann nicht sein, dass Grundrechte verletzt werden. Alle – ob nun geflüchtete Menschen oder Einheimische – müssen sich an die Spielregeln des Zusammenlebens halten. Und diese Regeln müssen allen vermittelt werden. Dazu reichen aber nicht nur die Unterschrift unter ein Papier, dass die Grundwerte und Gesetze beachtet werden, sondern v.a. gemeinsame Begegnungen, Dialog und Integration. S&S: Die unkontrollierte Einreise hunderttausender Flüchtlinge, die Übergriffe gegenüber Frauen in Köln und anderen Städten, eine überaus niedrige Abschiebequote, die überbordende und gleichzeitig überforderte Bürokratie oder die Erkenntnisse über den islamistischen Attentäter von Paris, der in Deutschland unter mindestens sieben Identitäten registStiftung&Sponsoring 1|2016

Kostka: Die Lage vor dem LAGeSo war in den letzten Monaten teilweise sehr schlimm. Aber es gibt schrittweise Verbesserung – auch dank der Caritas und der vielen Ehrenamtlichen. Aber die Lage ist immer noch sehr schwierig, weil es immer noch zu wenige Bearbeitungskapazitäten gibt und die Menschen tagelang oder noch länger auf die Leistungen warten müssen. Außerdem leben zig tausend Menschen in Massenunterkünften, die eigentlich nur für die Unterbringung auf ein paar Tage gedacht sind. Ein Bett allein ist noch kein Zuhause und ermöglicht keine Integration. Berlin braucht dringend effizientere behördliche Strukturen, das notwendige Personal, eine effektivere Steuerung und mehr Planung. S&S: Die meisten Geflüchteten warten seit Monaten auf die Stellung bzw. Bearbeitung ihrer Asylanträge – sie sind zur Untätigkeit verdammt. Gefühle von Ohnmacht und Frustration sind die naheliegende Folge. Was muss geschehen, um die Situation zu verbessern? Kostka: Ich wünsche mir ein Beschäftigungs- und Qualifizierungsprogramm für jeden. Auch wenn Menschen vielleicht nach mehreren Monaten in ihre Heimatländer zurückkehren, macht das Sinn. Zeit auf der Flucht ist Lebenszeit. Der Erwerb von Sprache und Qualifizierung sind eine Investition für die Integration, aber auch für die Rückkehr in die Heimat.


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Akteure & Konzepte

S&S: Die Problematik des Umgangs mit Migranten ist hierzulande nicht neu. Über Jahrzehnte wurden Erfahrungen mit der Integration gesammelt, die nicht immer ermutigend verlaufen ist. Was können wir daraus lernen und für die Bewältigung der derzeitigen Situation nutzen? Kostka: Entscheidend sind Perspektiven für die Betroffenen. Sie dürfen nicht zur Unselbstständigkeit gezwungen werden. Die Menschen müssen frühzeitig in die Selbstverantwortung kommen. Sonst entstehen Resignation, Parallelgesellschaften und mangelndes Selbstbewusstsein. S&S: Wie also kann Integration gelingen? Wo können wir ansetzen, welche Reformen, welches Umdenken in der Gesellschaft sind erforderlich, um eine gelungene Integration zu befördern? Kostka: Integration gelingt zum einen dann, wenn Unterkünfte nicht zu „Erwachsenen-Kitas“ werden. Die Menschen müssen möglichst schnell raus aus den Unterkünften, am täglichen Leben teilnehmen und Beschäftigung und Qualifizierung erhalten. Nicht umsonst klappt Integration so gut bei Kindern. Sprache ist elementar. Das sollte mit Qualifizierung verbunden werden. Wir werden als Caritas im Erzbistum Berlin solche Projekte entwickeln und umsetzen – insbesondere im Pflegebereich und in anderen Gesundheits- und Sozialberufen. S&S: Wie erfolgreich sind Ansätze, die Migranten selbst stärker in Verantwortung zu nehmen, etwa auch durch die Übernahme von Aufgaben in den Flüchtlingsheimen? Wie man hört, scheitern solche Überlegungen an Vorschriften zur Schwarzarbeit oder zum Mindestlohn. Kostka: Das ist grundsätzlich eine gute Idee, aber die notwendigen Voraussetzungen für die Betreiber sind in der Regel sehr hoch. Wichtiger ist, dass die Leute aus den Unterkünften herauskommen und frühzeitig in Qualifizierungs- und Arbeitsmaßnahmen die Grundlagen für ihre Selbstständigkeit legen können. Flüchtlingen sollte es auch viel öfter ermöglicht werden, sich selbst als Ehrenamtliche zu engagieren. So könnten sie sich gesellschaftlich einbringen und sich zugleich Türen für die Integration öffnen. S&S: Stichwort Ehrenamt: Gleichen die Organisationen der Zivilgesellschaft die staatlichen Defizite aus? Wo sehen sie hier besonderen Handlungsbedarf? Kostka: Wir sind als Caritas mit den Ehrenamtsnetzwerken und anderen Organisationen in Berlin in den letzten Monaten oft da eingesprungen, wo der Staat an seine Grenzen gestoßen ist. Alle Organisationen – ob staatlich oder zivilgesellschaftlich – müssen ihre Strategien, Strukturen und Mitarbeiter darauf ausrichten, dass hohe Flüchtlingszahlen Normalität sind und Integration eine Daueraufgabe ist. Flucht ist kein Kurzzeitphänomen. S&S: Welche Projekte haben Sie besonders beeindruckt?

Kostka: Die tolle Zusammenarbeit mit den vielen Ehrenamtlichen aus allen gesellschaftlichen Bereichen, die wir als Caritas in so kurzer Zeit erfahren haben. Einige von ihnen sind jetzt unsere Mitarbeiter geworden. Mancher von ihnen hat seine Berufung für soziale Themen entdeckt und wir haben gemeinsam in kürzester Zeit Ideen entwickelt und umgesetzt. Faszinierend sind auch Online-Instrumente, etwa das neue digitale Portal „zusammen-für-flüchtlinge.de“, das alle verbindet, die geflüchtete Menschen auf dem Weg in ein besseres Leben unterstützen wollen. S&S: Die Caritas unterstützt bereits seit Jahren Migranten; seit letztem Jahr engagiert sie sich auch verstärkt in der Flüchtlingshilfe. Können Sie uns einen Einblick in diese Arbeit geben? Kostka: Wir waren immer in der Flüchtlingsarbeit aktiv – insbesondere in Vorpommern und Brandenburg. Seit drei Jahren sind wir auch in Berlin sehr stark in der Flüchtlingsfrage engagiert. Wir haben viele Flüchtlinge aus dem berühmt gewordenen Protestcamp auf dem Oranienplatz in BerlinKreuzberg untergebracht und begleitet. Damit standen wir unmittelbar im Mittelpunkt der politischen Auseinandersetzung und des öffentlichen Interesses. Zusammen mit der Diakonie habe ich einen Runden Tisch zu den humanitären Themen dieser Gruppe einberufen. Außerdem haben wir Unterkünfte für Flüchtlinge eröffnet, eine Beratungsstelle für Flüchtlinge und Ehrenamtliche eingerichtet und helfen beim LAGeSo, die humanitäre Lage zu verbessern. In Brandenburg betreuen wir über 250 Flüchtlinge in Wohnungen und leisten damit auch Stadtteilentwicklung in Kommunen. Daneben beraten wir staatliche Stellen. Ganz wichtig dabei ist unsere Zusammenarbeit mit den Pfarrgemeinden und mit unseren evangelischen Partnern. S&S: International bekannt geworden ist der Begriff der „Willkommenskultur“, der zunächst den Empfang eintreffender Flüchtlingssonderzüge am Münchener Hauptbahnhof durch freiwillige Helfer beschrieben hat. Diese Haltung war ansteckend: Zahlreiche Menschen haben sich für Flüchtlinge engagiert und engagieren sich weiter. Wie sähe die SituatiStiftung&Sponsoring 1|2016


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Akteure & Konzepte

weil es einfach laufen musste. Es ist jetzt völlig normal, dass auch manche Ehrenamtliche die Handynummer eines Staatssekretärs oder Senators haben und schon mal mit ihm Dinge direkt besprechen. Wir haben viel gelernt, z. B. welche Solidaritätspotenziale unsere Gesellschaft hat. Mich stimmt das optimistisch. Wir haben aber auch gesehen, dass es bei staatlichen Institutionen mitunter noch viel zu tun gibt. S&S: Welche Chancen sehen Sie durch den Flüchtlingszustrom für Deutschland?

on der Flüchtlinge ohne ehrenamtliches Engagement aus? Wäre die Situation ohne ehrenamtliche Helfer überhaupt zu bewältigen?

Kostka: Ich sehe die Chance, dass unsere Gesellschaft noch weltoffener wird und bei einer klugen Integration auch Regionen wieder eine Chance bekommen, die schon abgehängt waren. Ich sehe auch die Chance, dass wir noch mehr verstehen, dass die Welt eigentlich ein Dorf ist und uns deshalb die Situation in Afrika oder im Nahen Osten direkt betrifft. Wenn in der Welt Zukunftschancen nicht gerechter verteilt werden, kommen die Menschen zu uns! S&S: Eine letzte Frage: Schaffen wir das?

Kostka: Die Ehrenamtlichen haben zusammen mit den zivilgesellschaftlichen Organisationen und den staatlichen Stellen die Situation gemeistert. Ohne sie wäre es nicht gegangen und wird es nicht gehen. Sie und viele Mitarbeiter in den staatlichen Behörden, den Hilfsorganisationen und Wohlfahrtsverbänden sind für mich die Helden der letzten Monate.

Kostka: Ja, weil wir es schaffen können und müssen. Abschotten ist keine Perspektive für Europa, weil man Menschen ohne Zukunft nicht aufhalten kann. S&S: Frau Kostka, ich danke Ihnen für das Gespräch!

S&S: Einige Organisationen verzeichneten einen Zuwachs an Freiwilligen um bis zu 70 %. Ist es bei dieser Bereitschaft zum Engagement geblieben? Kostka: Viele Ehrenamtliche wollen langfristig weitermachen. Sie sind selbstbewusst und oft gut organisiert. Sie wollen ernstgenommen werden und sind sehr offen für Qualifizierung und Supervision, die wir anbieten. Unsere Kurse sind oft doppelt überbucht. S&S: Vor fast einem Jahr meinten Sie, dass die Caritas Freiwillige zum Teil vertrösten müsse, weil noch nicht geklärt war, welche Hilfe tatsächlich benötigt werde. Gibt es solche Situationen noch immer? Und wo muss dringend geholfen werden? Kostka: Es zeigt sich immer mehr, dass ein gutes Matching zwischen Bedarf und Interessen der Ehrenamtlichen stattfinden muss. Nicht jede Hilfe passt zu jedem Bedarf. Deshalb ist Ehrenamtskoordination so wichtig. Hilfe in vielfältiger Form können wir immer gebrauchen – von der Kleiderkammer bis zur Begleitung von Flüchtlingen zu Behörden. Wir schreiben aber auch Aktionen aus, wo Privatpersonen und Unternehmen kurzfristig mitmachen können. S&S: Wie können Staat und Zivilgesellschaft zusammenwirken? Wie kann die Zusammenarbeit verbessert werden? Kostka: Die letzten Monate waren ein geschenktes Labor. Wir haben unheimlich viel erprobt an Zusammenarbeit, Stiftung&Sponsoring 1|2016

ZUR PERSON Prof. Dr. Ulrike Kostka, am 04.06.1971 in Celle geboren, ledig. Studium der Katholischen Theologie in Münster und der Gesundheitswissenschaften in Bielefeld; 1999 Promotion sowie 2005 Habilitation im Fach Moraltheologie. Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Ethik im Gesundheitswesen am Institut für Wissenschaft und Ethik in Bonn. Von 2001 bis 2005 Forschungs- und Lehrtätigkeit zu Fragen der Medizinethik an der Universität Basel. Von 2003 bis 2005 Wissenschaftliche Assistentin des Präsidenten des Deutschen Caritasverbandes; von 2005 bis 2012 Leiterin der Abteilung „Theologische und verbandliche Grundlagen“ sowie des Präsidenten- und Vorstandsbüros des Deutschen Caritasverbandes in Freiburg. Seit März 2012 Direktorin des Caritasverbandes für das Erzbistum Berlin; im Sommer 2012 Ernennung zur außerordentlichen Professorin für Moraltheologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster Fotos: © andrea katheder | fotografie


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Organisation & Finanzen

RISIKOREDUKTION VS. BESCHRÄNKUNG Vor- und Nachteile nachhaltiger Investments für Stiftungen von Frank Wettlauffer, München

Stiftungen investieren vermehrt in Kapitalanlagen, die im Einklang mit dem Stiftungszweck stehen. Angesichts niedriger Zinsen ist dieser Zusatznutzen einerseits attraktiv. Andererseits benötigen Stiftungen jedes Zehntel Prozent Rendite. Damit besteht die Herausforderung, dass nachhaltige Kapitalanlagen zwar die Risiken reduzieren, aber auch die Anlagechancen verringern. Sind nachhaltige Kapitalanlagen also auch finanziell attraktiv und versprechen wirklich eine doppelte Dividende? Das Wachstum nachhaltiger Kapitalanlagen ist seit vielen Jahren ungebrochen. Immer mehr professionelle Anleger setzen sich mit nachhaltigen Investments ernsthaft auseinander. Neben dem offensichtlichen Reputationsgewinn für die Stiftung wurde auch der rein finanzielle Mehrwert eines nachhaltigen Investmentansatzes durch wissenschaftliche Studien bereits mehrfach bestätigt. Die Nachhaltigkeitsanalyse liefert einen wichtigen langfristigen Performancebeitrag, indem relevante und von der traditionellen Finanzanalyse meist vernachlässigte Risiken aufgespürt und vermieden werden. Weniger Aufmerksamkeit wurde jedoch bislang den Auswirkungen der daraus resultierenden Beschränkungen des Anlageuniversums gewidmet. Eine kleinere Auswahl an investierbaren Vermögenswerten erweckt die Befürchtungen verringerter Anlagechancen, einer unzureichenden Diversifikation sowie möglicher Abweichungsrisiken. Die Attraktivität der Nachhaltigkeit als Auswahlkriterium bei der Anlageentscheidung hängt also davon ab, ob die Risikoreduktionsvorteile möglicherweise durch Nachteile bei der Anlageflexibilität aufgewogen werden. VORTEILE DER RISIKOREDUKTION Glaubt man der Finanztheorie, so sollte jeder rationale Anleger Anteile des Marktportfolios halten, da es keinen besseren Portfoliomix gibt. Das Marktportfolio wiederum besteht aus allen global verfügbaren Anlageoptionen und bietet dem Anleger eine optimale Diversifikation. Eine wie auch immer geartete Beschränkung des Anlageuniversums scheint deshalb wenig sinnvoll. Die Realität sieht jedoch anders aus. Niemand hält das theoretische Marktportfolio oder kommt diesem auch nur annähernd nahe: In der Praxis schließt man beispielsweise Anleihen aufgrund mangelnder Bonität aus. Oder man beschränkt sich bei der Aktienanlage auf bestimmte Regionen oder definiert eine Untergrenze bezüglich der Marktkapitalisierung. Abb. 1 zeigt ein typisches Anlageuniversum und verdeutlicht, dass viele verfügbare Anlageoptionen bewusst außer Acht gelassen werden. Stiftung&Sponsoring 1|2016

Asiatische Industrieländer

Region Schwellenländer

Europa Nordamerika

Rohstoffe Hybrid- & Wandelanleihen

Aktien Staatsanleihen

Anlageklasse

Unternehmensanleihen

Verbriefte Kredite

Immobilien

Private Equity Hedgefonds

InvestmentGrade-Anleihen

Large-Caps

Mid-Cap

Hochzinsanleihen

Kreditwürdigkeit Anleihen ohne Rating

Small-Cap

Marktkapitalisierung Typisches Anlageuniversum von Stiftungen

Abb. 1: Bewusst eingesetzte Auswahlkriterien

Der häufigste Grund für diese Vorauswahl ist eine bewusste Ausgrenzung von unbekannten Risiken (und Chancen), die sich aus Sicht des Anlegers nicht abschätzen lassen. Sinnvoll ist es stattdessen, sich auf solche Vermögenswerte zu beschränken, deren Chancen und Risiken für Stiftungen verständlich und einschätzbar sind. Es gibt also gute Gründe für die Beschränkung des Anlageuniversums nach bestimmten Kriterien. Hier setzt der Nachhaltigkeitsansatz an: Es handelt sich um einen Filter, um schwer abschätzbare Risiken ökologischer, sozialer oder unternehmenspolitischer Natur zu vermeiden. Darunter fallen u. a.: ƒ ƒ ƒ ƒ ƒ ƒ

Schadensersatzklagen Reputationsschäden Regulatorische Umweltauflagen Hohe Mitarbeiterfluktuation Konfliktpotenzial in der Lieferkette Fehlende Strukturen in der Unternehmenskontrolle

Das Auftreten dieser Gefahren kann bei den betroffenen Unternehmen verheerende Auswirkungen auf den Anleihenund Aktienwert haben. Krisengeschüttelte Unternehmen aus den Bereichen Öl- und Kohleförderung (BP, RWE), Automobile (VW, GM) oder Banken (Deutsche Bank, Lehman Brothers) sind nur einige konkrete Beispiele, die durch den Einsatz eines Nachhaltigkeitsfilters vermieden wurden.


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Organisation & Finanzen

70%

40

Unterdurchschnittliches Risiko Überdurchschnittliches Risiko

60%

35

57%

54%

43%

40%

30

46%

25 KGV

Risiko (Volatilität)

50%

3. Quartil

3. Quartil

20

Median

Median

15

2. Quartil

2. Quartil

30%

20% 10 10%

5

0%

Nachhaltige Unternehmen

Nicht nachhaltige Unternehmen

0

Min Min Nachhaltige Unternehmen

Nicht nachhaltige Unternehmen

Abb. 2: Risikoprofil und Bewertungsniveau nachhaltiger vs. nicht nachhaltiger Unternehmen

Dass es sich dabei nicht um Einzelfälle handelt, zeigt der Vergleich der Risikoprofile nachhaltiger und nicht nachhaltiger Unternehmen im Welt Aktien Index (MSCI World mit 1595 Aktien). Bei den 598 nachhaltigen Titeln weisen immerhin 57 % eine unterdurchschnittliche Volatilität relativ zum Indexuniversum auf, während dies unter den 997 nicht nachhaltigen Titeln nur bei 46 % der Fall ist. Nicht nachhaltige Aktien sind also allgemein riskanter. Allerdings spiegelt sich das höhere Risiko nicht in einem Bewertungsabschlag und damit höheren Erträgen wieder. Das durchschnittliche KursGewinn-Verhältnis ist mit einem Wert von 18.7 für beide Gruppen exakt identisch. Diese Resultate lassen vermuten, dass die höheren Risiken bei nicht nachhaltigen Unternehmen nicht durch bessere Renditen kompensiert werden. Da das eingegangene Risiko also nicht „bezahlt“ wird, ist es sinnvoll, dieses nicht einzugehen.

Es gibt also gute Gründe für den Einsatz eines Nachhaltigkeitsfilters. Nun stellt sich die Frage, ob dieser Mehrwert durch mögliche Nachteile beim Portfoliomanagement aufgehoben wird. NACHTEILE DER BESCHRÄNKUNG Die Kehrseite der Risikoreduktion ist ein kleineres Anlageuniversum. Vergleichbar mit dem Verzicht von Small-Caps- oder Schwellenländer-Aktien, sinkt auch bei einem nachhaltigen Aktienmandat die Anzahl der investierbaren Aktien. Dies gilt insbesondere für Regionen, wo das Thema Nachhaltigkeit noch weniger ausgeprägt ist. Wie in Abb. 3 ersichtlich, hat der nachhaltige Anleger weniger amerikanische und asiatische Aktien zur Auswahl. Trotzdem gibt es für alle Regionen zahlreiche investierbare Alternativen, auch weil sich außer-

800 Nachhaltige Emittenten (ausserhalb der Benchmark) 700

Nachhaltige Emittenten (aus dem MSCI World Index) Alle Emittenten (aus dem MSCI World Index)

Anzahl Unternehmen

600 500 400 300 200 100 0 Nordamerika

Europa

Asien

Andere Regionen

Abb. 3: Abweichungen bei der regionalen Verteilung

Stiftung&Sponsoring 1|2016


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Organisation & Finanzen

350

Alle Emittenten (aus dem MSCI World Index) Nachhaltige Emittenten (ausserhalb der Benchmark) Nachhaltige Emittenten (aus dem MSCI World Index)

300

Anzahl Unternehmen

250 200 150 100 50 0

Basiskonsumgüter

Energie

Finanzen

Gesundheit Grundstoffe

Industrie

IT

Telekom

Versorger

Zyklischer Konsum

Abb. 4: Abweichungen bei der Sektorenverteilung

halb der Benchmark viele nachhaltige Unternehmen finden lassen. Alleine in Europa stehen dem nachhaltigen Fondsmanager mit über 500 Unternehmen wesentlich mehr Titel zur Verfügung als bei den repräsentativen Indizes EuroStoxx (50 Titel) oder MSCI Europe (442 Titel). Ein vergleichbares Bild ergibt sich auch bei der Branchenverteilung (Abb. 4). Auch hier reduziert der Nachhaltigkeitsansatz ganz bewusst die Anzahl der investierbaren Aktien, insbesondere bei gesellschafts- und umweltkritischen Branchen wie Energie oder Grundstoffe. Trotzdem verfügt der nachhaltige Portfoliomanager über eine umfassende Titelauswahl, die eine branchenübergreifende Portfoliokonstruktion ermöglicht.

Die meisten Anbieter nachhaltiger Kapitalanlagen verfügen also über ein ausreichend großes Anlageuniversum, um über alle Länder und Branchen hinweg zu diversifizieren. Aufgrund der Beschränkung des nachhaltigen Anlageuniversums wird häufig die Befürchtung geäußert, dass dieses ein hohes „Abweichungsrisiko“ zu einem konventionellen Benchmark aufweist. Schließlich werden durch den Nachhaltigkeitsfilter rund zwei Drittel der Indexwerte im MSCI World herausgefiltert. Abb. 5 zeigt, dass dieses Vorurteil unbegründet ist: Beim Vergleich eines Index aus sämtlichen nachhaltigen Aktien im MSCI World mit dem Originalindex sticht sofort deren hohe Korrelation ins Auge. Somit sind die Bedenken eines starken Abweichungsrisikos aufgrund des Nachhaltigkeitsansatzes nicht gerechtfertigt.

180 MSCI World Index 160

Simulierter Nachhaltigkeitsindex

140

120

100

80

60

40

2006

2007

2008

2009

2010

2011

Abb. 5: Indexierte Wertentwicklung des Vescore Nachhaltigkeitsindex (auf Basis des MSCI World)

Stiftung&Sponsoring 1|2016

2012

2013

2014


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Organisation & Finanzen

Zu guter Letzt stellt sich die Frage der Diversifikation. Es ist allgemein bekannt, dass der Grenznutzen der Diversifikation bereits ab 30 Aktien rapide abnimmt. Grundsätzlich bringt dem Anleger eine Portfoliogröße von über 60 Aktien relativ wenig Mehrwert. Wir sprechen hier also von nur 5 % des gesamten nachhaltigen Anlageuniversums, die zur Erstellung eines diversifizierten Portfolios benötigt werden.

ZUM THEMA

KURZ & KNAPP

Poser, Jan A.: Sustainable Alpha, sustainable Beta. Neues Denken in der Finanzanalyse und nachhaltigen Vermögensanlage von Stiftungen, S&S 2/2014, S. 18-19

Die Forderung nach einem möglichst großen Anlageuniversum mag theoretisch fundiert erscheinen, ist aber im täglichen Leben der Anleger nicht relevant. Stattdessen gilt es, solche Auswahlkriterien zu nutzen, deren Vorteile bei der Risikoreduktion mögliche Nachteile klar überwiegen. Der Nachhaltigkeitsansatz ist ein solches Auswahlkriterium: Er verringert effektiv soziale, ökologische und unternehmenspolitische Risiken im Portfolio. Durch diese Vorselektion werden bereits viele unberechenbare und „unbezahlte“ Risiken herausgefiltert. Stiftungen können also guten Gewissens die doppelte Dividende nachhaltiger Investments einstreichen. „

in Stiftung&Sponsoring Güldner, Jens: Orientierung an ESG. Begrenzung von Risiken durch ethisch-nachhaltige Vermögensanlagen, S&S 3/2012, S. 24-25 Güldner, Jens: Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten. Damit „Alternative Investments“ nicht zur (Rendite)Falle werden, S&S 2/2014, S. 16-17

Wettlauffer, Frank: Die Psychologie ist Schuld. Warum ein verkleinertes Universum nachhaltiger Kapitalanlagen vorteilhaft ist, S&S 3/2012, S. 22-23 Wicht-Stieber, Christiane: Heiligt der Zweck die Mittel? Stiftungszweck und Vermögensanlage in Balance, S&S 6/2012, S. 24-25 Frank Wettlauffer berät Stiftungen bei Vescore (vormals Notenstein), frank.wettlauffer@vescore.com, www. vescore.com

Management und Wirtschaft Studien

Geschäftsmodell Stiftung

Die Zeitschrift gibt es als Printversion oder als eJournal. Stiftungen tragen als Impulsgeber, finanzielle Stützpfeiler, Projektträger und Innovationsschmieden heute wesentlich zum Gemeinwesen bei. So sind auch stiftungsverbundene Unternehmen eine wichtige Säule der deutschen Wirtschaft geworden. Allerdings können Spannungsfelder entstehen, wenn formulierte Stiftungszwecke mit unternehmerischen Zielen in Konflikt treten.

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