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REPORTAGE - OTTO MÄNNER PRÄZISIONSFORMENBAU AG

Perfekt automatisierte Erodierstrasse «Ohne moderne Fertigungssysteme keine Zukunft», sagt August Zügel, CEO der Otto Männer Präzisionsformenbau AG, seit 40 Jahren im «Geschäft», einer, der weiss, wovon er spricht. Die jüngste Investition ist eine vollautomatisierte flexible Erodierstrasse mit drei Senkerodiermaschinen - 2 x «FORM 2000 HP» 1 x «Form 3000VHP» - und einer Drahterodiermaschine «CUT 2000» von GF AgieCharmilles. Ein «Swiss made»- Vorzeigeprojekt, das technologische Standards setzt. Selten bringt es ein CEO so klar auf den Punkt: «Wenn wir nicht auf modernste Produktionsmittel setzen, werden wir früher oder später vom Markt verschwinden.» Verschwunden ist die Otto Männer Gruppe nicht. Ganz im Gegenteil – sie expandiert. Und das, obwohl ihr Kundenspektrum einen 180°-Wandel vollzogen hat. Wandel als einzige Konstante Die Schweizer Otto-Männer-Niederlassung gehörte früher zur Lego-Gruppe, die von der Otto Männer GmbH – Deutschland aufgekauft wurde. Heute produziert die Schweizer Otto Männer AG 70 % für die Medizintechnik, für Lego null Prozent. A. Zügel: «Wir müssen uns ständig den neuen Marktbedingungen anpassen. Das Einzige, was im Werkzeug- und Formenbau

Konstanz hat, ist der Wandel.» Apropos Wandel: Kaum hatte der SMM die Werkshallen der Otto Männer AG verlassen, wurde schon die nächste Senkerodiermaschine Form 3000VHP (Very High Precision) in die Erodierstrasse integriert. Das ging schneller, als dass der Beitrag fertig geschrieben war. Nur Bilder konnten keine mehr gemacht werden. Schweizer Spitzenstandard Die Otto Männer Gruppe stellt sich herausragend dar und ist international mit drei Produktionsstandorten (Hauptsitz Deutschland, Schweiz und USA) vertreten. Während des Besuchs der SMM-Redaktion präsentierte sich die Schweizer Niederlassung in Au (SG) in bester Verfassung. Technologisch herausragend ist die jüngste Investition in eine vollautomatisierte Senk- und Drahterodier-Fertigungsstrasse, zu fast 100 % Swiss made. Diese Fertigungsstrasse stellt den derzeitigen Spitzenstandard weltweit dar. Investitionen: keine Kompromisse CEO A. Zügel kennt – nicht zuletzt aufgrund seiner 40-jährigen Erfahrung – das Metier wie kein Zweiter. Wenn Investitionen anstehen, macht er selten Kompromisse. Qualität geht vor Preis, lautet sein Motto. A. Zügel: «Muss eine Maschine ersetzt werden, ist es selbstverständlich, dass zuerst der langjährige

Blick in die automatisierte Erodierstrasse. Im Bild links der EROWARoboter, der auf einem Schienensystem die GF-AgieCharmillesSenkerodier- und die Drahterodiermaschinen beliefert.

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Partner angefragt wird. Das machen wir nicht ohne Grund so.» Das ist entscheidend A. Zügel: «Wir machen ungern Ausnahmen von der Regel. Meist nur dann, wenn unser Partner technologisch nicht mehr führend ist. Wir müssen in die besten Lösungen investieren. Das ist allerdings nicht einfach abzuwägen, weil in der modernen Fertigung alles miteinander verkettet respektive vernetzt ist. Eine perfekte Einzellösung heisst noch lange nicht, dass sie im Verbund mit mehreren Systemen gut funktioniert. Das zeigt sich bei der neuen vollautomatisierten Erodierstrasse, hier spielt die Kommunikation der verschiedenen System-Einheiten untereinander die entscheidende Rolle.» Automatisierte Erodierstrasse Bei der Erodierstrasse handelt es sich um vier verkettete Erodiermaschinen: zwei Senkerodiermaschinen des Typs «Form 2000 HP», eine Senkerodiermaschine Form 3000VHP (Very High Precision) und eine Drahterodiermaschine des Typs «CUT 2000». Arbeiteten Erodiermaschinen früher eher gemächlich, zeichnen sich die neuen Maschinen von GF AgieCharmilles durch beachtliche Produktivität aus und sind entsprechend «gefrässig». Damit kein «Hungergefühl» bei den Maschinen aufkommt, sorgen ein EROWA-Roboter sowie zwei Elektrodenspeicher mit 645 ITS-EROWA-Magazinplätzen sowie 45 Plätzen für das Drahtschneiden für genügend Futter. Sind Senkerodiermaschinen eher einfach zu automatisieren, spielen beim Drahterodieren mehrere Faktoren eine Rolle. Die «Cut 2000» ist mit zwei verschiedenen Drähten ausgerüstet: einer zur gröberen Bearbeitung und ein zweiter für die Feinbearbeitung. Auf dieser Maschine wird ein Kleinstdrahtdurchmesser von 5/100 Feindraht eingesetzt. Das und ein weiterer Aspekt sind für die Automatisierung beim Drahterodieren entscheidend: Die «CUT 2000» misst die Lage des Werkstücks vor dem Drahterodieren selbständig aus, korrigiert die Achsenlage und erodiert los. Automatisches Drahteinfädeln ist längstens selbstverständlich. Roboter sorgt für Nachschub Der Roboter – auf einer Linearschiene – versorgt die Erodiermaschinen mit den Elektroden respektive Werkstücken. Eine in das System integrierte Messmaschine vermisst jede Elektrode und jedes Werkstück, wenn möglich nachts – Messprotokoll inklusive. Ganz entscheidend war in diesem Zusammenhang die Einführung in eine Chip-ID-Lösung, mit der jede Palette und jede Elektrode identifiziert werden kann. Auch die verbliebenen, älteren Maschinen wurden auf dieses System nachgerüstet, um einen einheitlichen Prozess zu gewährleisten.

Hohes Einsparpotential dank Automation. Die gesamte Anlage wird heute von zwei Mitarbeitern bedient. Otto Röhrl, Leiter Produktion: «Wenn ich früher die gleiche Kapazität bereitstellen wollte, hätte ich vier Mitarbeiter benötigt. Bei diesen schnellen Maschinen mit ihrer hohen Produktivität ist entscheidend, dass das ‚Futter‘ im Vorfeld aufbereitet werden kann, damit Stillstandzeiten an der Anlage vermieden werden. Auch die Flexibilität beim Abarbeiten der Jobs ist wesentlich höher. Die frühere Arbeitsweise mit dem Einrichten an der Maschine war wesentlich aufwendiger. Eine Automationslösung ist deshalb heute naheliegender als noch vor einigen Jahren. Meiner Einschätzung nach sind wir mit dieser Investition technologisch führend im automatisierten Erodieren.» Der Glaubwürdigkeitsfaktor Thomas Bachmann (Head of Marketing Support, Agie Charmilles Sales Ltd), für seine Seriosität bekannt, kann bei einer solchen Aussage seine Freude mit einem breiten Lächeln kaum verbergen. Nichts geht über eine seriöse Kundenbewertung. Th. Bachmann: «Wenn wir als Hersteller das unseren Kunden sagen würden, dann sind sie erst einmal von Haus aus skeptisch. Wenn aber solche Aussagen direkt von einem Anwender, der ein hohes Ansehen im Markt hat, kommen, dann klingt das viel glaubwürdiger, insofern freue ich mich über eine solch neutrale Bewertung.» Fünf entscheidende Fragen - fünf Antworten Auf die Frage des SMM, warum die Wahl auf Schweizer Technologie fiel, antwortete A. Zügel differenziert: «Bevor wir investiert haben, standen fünf Fragen im Raum. • Erstens: Wie bekommen wir höhere Maschinenlaufzeiten unserer Erodiermaschinen hin? • Zweitens: Wie können wir die Prozesssicherheit erhöhen?

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• Drittens: Wie können wir die Produktivität des eigentlichen Erodierprozesses erhöhen? • Viertens: Wie kann ich den Drahterodierprozess automatisie- ren? • Und fünftens: Wie kooperieren die Partner in diesem Projekt? Erodieren: Automation bisher zweitrangig Bei der Frage 1 musste Produktionsleiter O. Röhrl ausholen: «Beim Erodieren spielte bis vor wenigen Jahren das Thema Automation, was wir uns heute darunter vorstellen, nicht diese dominante Rolle. Das lag an den langen Laufzeiten. Die allgemeinen Wechselzeiten spielten eine untergeordnete Rolle. Die Mitarbeiter bestückten die Maschinen am Abend, die Maschinen liefen unbemannt bis spät in die Nacht. So bekam man lange Laufzeiten hin. Heute ist das nicht mehr ausreichend, weil die Konkurrenz nicht schläft. Unsere Maschinen müssen deshalb rund um die Uhr laufen, pausenlos. Dank der Automation hole ich aus drei Erodiermaschinen die gleiche Produktivität raus wie aus vier manuell bedienten Maschinen.» Bei diesem letzten Satz müsste Thomas Bachmann eigentlich graue Haare bekommen. Denn das heisst: Produktionserhöhung mit weniger Maschinen. Das wäre schlecht für den Werkzeugmaschinen-Hersteller. Keine grauen Haare Doch die grauen Haare lassen – trotz solcher Aussagen – auf sich warten. Th. Bachmann: «Im ersten Moment hört sich das, für uns als Werkzeugmaschinenhersteller, kontraproduktiv an. Aber das ist unser tägliches Geschäft, wir müssen unsere Kunden dazu bringen, wirtschaftlicher zu sein. Nur dann sind sie überlebensfähig und können auch in Zukunft in Maschinen investieren. Alles andere wäre kurzfristiges Denken. Wenn die Otto Männer AG mit unserer Lösung zufrieden ist, werden Herr Zügel und Herr O. Röhrl auch in Zukunft wieder mit uns

zusammenarbeiten.» Diese Aussage hat sich mit der Investition in die Senkerodiermaschine Form 3000VHP wenige Wochen nach dem SMM-Besuch bestätigt. A. Zügel: «Das würde ich unterschreiben. Denn jetzt kommen wir zu unserer zweiten Frage. Prozesssicherheit ist eine wichtige Voraussetzung für eine hohe Produktivität. Durch den automatisierten Prozess erhöht sich zudem die Qualität und Sicherheit, und jede vermiedene Nacharbeit reduziert Kosten und schlägt sich letztlich in der Gesamt-Wirtschaftlichkeit positiv nieder.»

Vermessung einer Grafitelektrode in der Fräsabteilung. Das Chip-ID-System identifiziert jedes Werkstück eindeutig.

Mit Grafit schneller erodieren als mit Kupfer Die dritte Frage, wie kann die Produktivität beim eigentlichen Erodieren erhöht werden, beantwortet A. Zügel wie folgt: «Hier spielt die Maschinen-Technologie die entscheidende Rolle. Ich persönlich kenne die wichtigsten Erodiermaschinen-Hersteller persönlich. Alle haben ihre Stärken. Mal ist der eine, mal der andere vorne. GF AgieCharmilles ist seit Jahrzehnten immer in der Spitzengruppe. Das sieht man letztlich auch an der neuen ‹FORM 2000er› Maschine. Die ist technologisch herausragend. Für uns waren unter anderem zwei Dinge entscheidend: erstens, dass wir sowohl Grafit- als auch Kupferelektroden nutzen können, und zweitens, dass wir weniger Elektrodenverschleiss haben. Beides garantieren die Maschinen. Bei den älteren Maschinenmodellen war «Grafit-Erodieren» praktisch nicht möglich. Das hat sich zum Glück komplett geändert.» Null-Verschleiss-Technologie mit «iQ-Technologie» Geändert hat sich dies aufgrund der neuesten Steuerungstechnologien. GF AgieCharmilles nennt diese Technologie Null-

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Verschleiss- oder kurz: «iQ-Technologie». August Zügel: «Für uns bringen die neuen Maschinen, insbesondere beim Bearbeiten von Mehrfacheinsenkungen, enorme Vorteile, da sie die Anzahl der erforderlichen Elektroden auf ein Minimum reduzieren und gleichzeitig sichere und präzise Ergebnisse garantieren. Die neuen Maschinen sind mit Grafit-Elektroden 30 % und bei Kupferelektroden etwa 25 % produktiver gegenüber dem Vorgängermodell. Mit der neuen iQ-Technologie sind wir in der Lage, den Grafitanteil der Elektroden zu erhöhen. Das ist ein Riesenschritt. Mit Grafit sind wir viel schneller als mit Kupfer. Auch feine Strukturen sind mit Grafit heute wesentlich besser herstellbar. Grafit-Anteil liegt aktuell bei 70 Prozent Die iQ-Technologie hat dafür gesorgt, dass Grafit-Erodieren bei der Otto Männer AG zugelegt hat. O. Röhrl: «Auch seitens der Präzision sind wir heute besser, da der Verschleiss sowohl bei Grafit wie auch Kupfer deutlich reduziert ist. Aufgrund der exzellenten Resultate mit Grafit-Elektroden konnten wir den Grafit-Anteil auf 70 % anheben. Das war früher undenkbar. Aber Kupfer hat nach wie vor seine Berechtigung: Wenn man ganz fein runter muss, auf das 100stel, dann kommen wir an Kupfer nicht vorbei – noch nicht.» Knackpunkt: Drahterodieren automatisieren Die vierte Frage – die Automation des Drahterodierprozesses – ist alles andere als einfach zu lösen. Gerade das Handling der herausfallenden Reststücke – beim Drahterodieren die Regel – ist äusserst anspruchsvoll. O. Röhrl: «Wir haben lange überlegt, wie das automatisierbar ist, und sind letztlich zu einer teilautonomen Lösung gekommen: Wir lassen beim Schrupperodieren im umbenannten Betrieb einen Steg stehen, damit die Reststücke nicht herausfallen können. Das Werkstück wird unfertig wieder automatisch eingelagert. In der bemannten Schicht werden diese Werkstücke schliesslich fertig erodiert. Der Mitarbeiter muss sich so organisieren, dass er die Reststücke per Hand herausnehmen kann. Der darauf folgende Schlichtprozess läuft allerdings wieder vollautomatisch. Insofern kommt uns in diesem Zusammenhang die Doppel-Draht-Technologie mit dem Schrupp- und Schlichtdraht sehr entgegen.» Was anders gemacht würde, als beim ersten Mal Jetzt zur Beantwortung der fünften und letzten Frage, wie kooperieren die Partner in diesem Projekt: A. Zügel: «Das ist der eigentliche Knackpunkt. Bei einer vollautomatisierten Lösung spielen die verschiedenen Softwaresysteme und deren Vernetzung die entscheidende Rolle. Wir bemerken das jetzt im Betrieb der Anlage. Wir haben unterschätzt, wie aufwendig

die Software-Abstimmung der Partner untereinander ist, einer davon muss den Lead übernehmen.» Anlage bereitet Freude, für alle Beteiligten Fazit zur jüngsten Anlage: Die Anlage macht den Verantwortlichen richtig Spass. Und weil sie davon nicht genug bekommen können, bekamen die beiden Senkerodiermaschinen kurz nach dem SMM-Besuch noch eine Schwester in das Gesamtsystem integriert: eine Senkerodiermaschine Form 3000VHP (Very High Precision). Das Beste: Die neue Senkerodiermaschine ersetzt zwei ältere Modelle, das bringt neuen Platz für weitere Investition. Frei werdender Platz für neue Maschinen Wenn Th. Bachmann sich über den freiwerden Platz Gedanken macht, hat er sicher auch schon eine Idee, was dort von GF AgieCharmilles reinpassen würde. Ob das deckungsgleich ist mit den Wünschen von A. Zügel und O. Röhrl, konnte nicht erörtert werden – noch nicht. Sicher aber ist, dass in etwas investiert wird, das technologisch Spitze ist. Es sollte eigentlich keinen besseren Motivationsfaktor für die Entwicklungsabteilungen der Werkzeugmaschinenhersteller geben, in Richtung Spitzentechnologie zu entwickeln.»

Copyright © 2013 - Vogel Business Media Autor: Matthias Böhm, Chefredaktor Schweizer Maschinenmarkt Kontakt: Otto Männer Präzisionsformenbau AG Feldstrasse 11 CH-9434 Au, Schweiz Telefon ++41 (0)71 747 99 55 www.maenner-group.com EROWA AG CH-6233 Büron, Schweiz Telefon ++41 (0)41 935 11 11 Fax ++41 (0)41 935 12 13 info@erowa.com www.erowa.com

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EROWA Kunden Reportage – OTTO MÄNNER PRÄZISIONSFORMENBAU AG  

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