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14 Always on? Was ist mit der Work-Life-Balance? Immer im Netz, denn das Internet schläft nie? Das Berufsbild von Social Media Experten ist sicherlich von der stereotypen Vorstellung geprägt, dass nicht nur PC/Notebook im Büro immer online sind, sondern der digitale Held der Arbeit auch generell mit dem Smartphone auf dem Laufenden bleibt. Die Frage ist, wie sich das mit den Freizeitinteressen verträgt, wie man dann noch ausreichend Zeit für Partner, Freunde, Familie sowie Hobbys findet. Nicht zu vergessen ist bei aller virtuellen Interaktivität auch, die eigenen Akkus aufzuladen. Das Thema Work-Life-Balance hängt natürlich vom gewählten Berufsweg ab. Mit welchem Aufgabenschwerpunkt fange ich bei welchem Arbeitgeber an und was für Projekte mit welcher DeadlinePhilosophie werden hier bearbeitet? Gibt es dort dann häufig besonders wichtige Kunden, die auch Aufmerksamkeit am Wochenende verlangen? Die Stressresistenz hängt auch davon ab, wie sehr man selbst im ständigen Arbeitsalltag quasi an der Front mit User-Feedback zu tun hat. Wer vor allem Konzepte erarbeitet, wie z. B. Social Media Consultants, ist natürlich weniger den teilweise geballten Interaktionen innerhalb der Communities ausgesetzt. Übergeordnet gilt es aber auch, die eigenen Ziele zu klären. Die individuelle Bedeutung von Arbeit, Gesundheit und Privatleben ist vorab zu klären, um bei der Jobsuche klare Grenzen ziehen zu können. Hat man vielleicht schon eine eigene Familie, die auch zu bestimmten Zeiten ungeteilte Aufmerksamkeit verlangt? So werden sich bestimmte berufliche Herausforderungen hiermit nicht vereinbaren lassen. Die langfristige Auseinandersetzung mit dem Thema Work Life Balance bedarf immer wieder der eigenen kritischen Hinterfragung: Was ist mir im Leben wirklich wichtig? Wie kann ich berufliche Zufriedenheit mit privatem Glück möglichst gut vereinen? „Eine befriedigende Arbeit zu finden ist wichtig. Eine befriedigende Arbeit zu finden, die nicht die eigene Gesundheit oder das Privatleben ruiniert,


ist noch viel wichtiger“, bringt es Karriere-Berater Jürgen Hesse von Hesse/Schrader auf den Punkt. Deshalb rät er: „Drum prüfe wer sich bindet.“ In Stellenanzeigen sollte man Hinweise zu den Arbeitsbelastungen ernst nehmen und im Vorstellungsgespräch das Thema Work Life Balance selbstbewusst ansprechen. „Des Weiteren sollte man in der Probezeit und generell im Arbeitsleben mit seinen Vorgesetzten zum richtigen Ausgleich von Arbeit und Freizeit im Gespräch bleiben“, erklärt Jürgen Hesse. Manchmal ändern sich Projektparameter, wobei offen ist, wie lange, wie intensiv oder wie häufig dies auch in der Zukunft relevant ist. Wer hierzu dann keinen Austausch innerhalb der Firma sucht, der verpasst eine bedeutsame Chance, die eigenen Rahmenbedingungen positiv beeinflussen zu können. Generell kann zur Arbeitswelt im Social Media Bereich gesagt werden, dass eine gewisse Aufmerksamkeit gegenüber bestimmten Entwicklungen eher konstant in Vorder- und Hintergrund der Aufmerksamkeit mitschwingt. Auch werden ganz besondere Entwicklungen, wie z. B. dringendes Krisenmanagement, stets auch möglichst zeitnahe Berücksichtigung verlangen. Auf der anderen Seite gilt es, als Arbeitnehmer klar die Kernarbeitszeit vertraglich festzuhalten und auch den Umgang mit Überstunden eindeutig zu regeln. Wer nur arbeitet, ohne einen sinnvollen geistigen, körperlichen Ausgleich zu finden, der wird auf Dauer im Job nicht erfolgreich sein. Gerade die Herausforderung Shitstorms ist ein schwieriges Problem im Bereich der Work Life Balance. Es geht hierbei nicht nur um die reine Arbeitszeit, mit der man vielleicht sogar am Feierabend oder am Wochenende diese Krise lösen will. Es geht auch um die emotionale Belastung, die mit solch besonderen Aufgaben verbunden ist. Wer sich hierbei zu sehr persönlich involviert, Kritik auf die eigene Person bezieht, der wird auch nach dem Logout mit der Arbeit verbunden bleiben, und nicht vollständig abschalten können. Wenn der berufliche Stress mit ins Privatleben integriert wird oder nachts den ruhigen Schlaf verhindert, wird dies auf Dauer


gesundheitlich nicht gut gehen. Von daher gilt es, nicht nur klare Regeln im Umgang mit Arbeitszeiten und Mehrbelastungen zu etablieren, sondern auch eine eigene emotionale Stabilität zu finden, bei der Arbeit und Freizeit getrennt werden können. Karriere-Expertin Svenja Hofert sieht das Problem der Work Life Balance vor allem im Agenturbereich: „Es hängt ganz klar von den jeweiligen Arbeitsaufgaben sowie den Rahmenbedingungen im Job ab. Generell wird dieses Thema immer wichtiger und auch mehr berücksichtigt. Mein Tipp an Berufseinsteiger lautet: Man sollte mit Leuten sprechen, die in dem Bereich arbeiten, wo man selbst aktiv werden will. Mit persönlichen, authentischen Auskünften lässt sich viel besser entscheiden, ob man ebenfalls diesen Weg gehen kann bzw. will.“ Agentur-Chef Mirko Kaminski rahmt das Thema Work Life Balance in einen größeren Gesamtkontext ein: „Es gilt nicht nur für Digitalarbeiter, sondern ich sage dies immer auch allen Einsteigern und Agentur-Junioren: Glaubt nicht, dass Euer Tätigkeitskosmos das Leben der breiten Bevölkerung repräsentiert. Wenn ihr Bodenhaftung behalten wollt, und das solltet ihr, dürft ihr nicht nur allein untereinander im Kontakt bleiben.“ Für ihn ist es wichtig, dass man am Abend sowie am Wochenende auch mit ganz anderen Berufsvertretern, z. B. Lehrern, Künstlern oder Naturwissenschaftlern, zu tun hat und hier neue Sicht- und Lebensweisen wahrnimmt. „Auch dies meint für mich Work-Life-Balance: Nicht permanent nur mit Menschen zu tun zu haben, die auch was mit Kommunikation bzw. Medien machen“, bringt es Mirko Kaminski auf den Punkt. Das Thema Weiterbildung gehört zum Umgang mit Work Life Balance ebenfalls dazu. Wer nie richtig gelernt hat, Zeit- und Stressmanagement effektiv anzugehen, der wird auch mit digitalen Herausforderungen Probleme bekommen. Projektmanagement kann man lernen. Für den richtigen Umgang mit schwierigen Auftraggebern, Kooperationspartnern oder der Presse gibt es ebenso Kurse, wie für erfolgreiche Verhandlungsführung. Im Resultat wird die effizientere und effektivere Nutzung der Arbeitszeit zu weniger Überstunden führen und die freie Zeit weniger mit belastenden Sorgen füllen.


Sport ist an dieser Stelle ebenfalls ein relevantes Stichwort: Wenn man den ganzen Tag am super stilvollen Notebook sitzt und flotte Sprüche in digitale Welten verschickt, so kann man noch so erfolgreich sein, am Ende war es ein Tag mit sehr wenig körperlicher Bewegung. Und auf die Dauer wird das gesundheitliche Konsequenzen haben. Es gilt einen passenden Ausgleichsport zu finden, bei dem genau die Muskeln und Bereiche gestärkt bzw. trainiert werden, die am Arbeitsplatz sträflich vernachlässigt wurden. Gleichzeitig kann Sport ein wichtiger Informations- und Networking-Faktor sein. Wer weiß, welche interessanten Trends im Sportverein mal so nebenbei erwähnt werden? Wer kann schon vorhersagen, welche beruflich relevanten Kontaktpartner man im Fitnessstudio treffen kann? Und selbst wenn dies nicht einlösbar ist, so hilft doch am Feierabend ein sportlicher Ausgleich am nächsten Morgen nicht nur leistungsmotiviert, sondern auch belastbar die neuen Herausforderungen anzugehen. Somit bleibt das Thema Work Life Balance eine Frage, mit der man sich sehr individuell beschäftigen muss, individuelle Antworten zu suchen sind, z. B. hinsichtlich der eigenen beruflichen, privaten Ziele, um dann den Arbeitsplatz zu finden, der genau zur eigenen Wertewelt passt. Zusätzlich ist das Feierabendprogramm bewusst zu gestalten, um durch neue intellektuelle Impulse und körperliches Training fit für zukünftige, anspruchsvolle digitale Herausforderungen zu sein.

Berufsziel Social Media  

Leseprobe zum Thema "Always on? Was ist mit der Work-Life-Balance?"

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