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Forschung & Entwicklung

Internationalisierung

Von Gazellen und Nilpferden: Neues aus dem KMU-Biotop Wie internationalisieren sich eigentlich alteingesessene Schweizer KMU? Dieser Fragestellung wurde in einem mehrjährigen Forschungsprojekt an der Hochschule für Wirtschaft in Fribourg nachgegangen. Die Ergebnisse des Projektes konnten so manche vorgefasste Meinung entkräften, und sie lassen sich auch noch mit Parallelen zur Tierwelt veranschaulichen.

››Dr. Patrick Schüffel, Prof. Rico Baldegger Immer häufiger ist in der betriebswirtschaftlichen Literatur von sogenannten «unternehmerischen Gazellen» die Rede. Dieser Begriff, der dem MIT-Ökonom David Birch zugeschrieben wird, beschreibt junge Unternehmen, die innerhalb kürzester Zeit ein immenses Wachstum vorweisen. Zwar gibt es keine einheitliche Definition, wann ein Unternehmen als Gazelle gilt, doch schlägt die OECD folgenden Standard vor: Als Gazelle gilt ein Unternehmen dann, wenn es weniger als fünf Jahre alt ist, wenn die Mitarbeiterzahl über einen Zeitraum von drei Jahren um mehr als 20 Prozent pro Jahr steigt und wenn es am Anfang des Betrachtungszeitraums mindestens zehn Mitarbeiter hatte. Zweifelsohne sind solche Wachstumszahlen beeindruckend und wichtig. Dies gilt umso mehr für die schweizerische Wirtschaft, die fast zu 100 Prozent aus KMU besteht. Hier auf der Unternehmensseite schnell-wachsenden Nachwuchs zu etablieren, ist von grosser Bedeutung.

Rapides Wachstum Ebenso wichtig, wenn nicht sogar wichtiger, als die besagten Gazellen, sind unse-

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rer Meinung nach allerdings diejenigen Firmen, die wir in Anlehnung an die Gazellen «Nilpferde» genannt haben. Nilpferde sind nach unserer Definition KMU, die lange Zeit auf den Heimmarkt fokus-

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kurz & bündig Als Gazelle gilt ein Unternehmen dann, wenn es weniger als fünf Jahre alt ist, wenn die Mitarbeiterzahl über einen Zeitraum von drei Jahren um mehr als 20 Prozent pro Jahr steigt und wenn es am Anfang des Betrachtungszeitraums mindestens zehn Mitarbeiter hatte. Nilpferde sind KMU, die lange Zeit auf den Heimmarkt fokussiert waren, sich jedoch dann plötzlich internationalisieren und so rapide Wachstumszahlen vorweisen. Schweizer KMU-Nilpferde auf internationalen Märkten eine ähnliche Dynamik entwickeln können wie ihre tierischen Counterparts.

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siert waren, sich jedoch dann plötzlich internationalisieren und so rapide Wachstumszahlen vorweisen, insbesondere auch hinsichtlich ihrer Mitarbeiterzahlen. In unserer Forschung haben wir über mehrere Jahre hinweg sieben solcher unternehmerischer Nilpferde in den verschiedensten Branchen beobachtet und begleitet . Wir haben Unternehmenszahlen analysiert, Veröffentlichungen über diese Firmen ausgewertet und durften Gespräche mit dem Top-Management dieser Firmen führen. Diese Unternehmen, die in der Fachliteratur oftmals auch «Reborn-Globals» bzw. «Born-Again Globals» genannt werden, haben eines gemeinsam: sie waren über Jahre hinweg nicht an internationalen Märkten präsent, bis ein «Trigger» die Internationalisierung einläutete. In den von uns untersuchten Firmen waren dies Zeiträume von 24 bis 139 Jahren. Vor dem Trigger-Event – und auch hier gibt es Parallelen – sind das biologische wie auch das organisatorische Nilpferd angespannt. Beim tierischen Nilpferd können Eindringlinge, die ins Revier vorrücken und dem Biest seinen Nahrungs-


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KMU-Nilpferde sind vermeintlich behäbige Gebilde, um dann plötzlich – auf ausländische Märkte fokussiert – zu einem Spurt anzusetzen.

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quellen streitig machen, diesen Stress auslösen. Im Falle der unternehmerischen Nilpferde war es unseren Studien zufolge fast ausnahmslos der kleine Schweizer Heimmarkt, der die Firmen dazu bewog, nach neuen Märkten Ausschau zu halten.

Analogien zur Tierwelt Einem Nilpferd ähnelnd sind KMU-Nilpferde oftmals vermeintlich behäbige Gebilde, die ihre Komfortzone verlassen, um dann plötzlich zu einem Spurt anzusetzen. Während das tierische Nilpferd hastig dem Wasser entsteigt, fokussieren die KMU-Nilpferde plötzlich auf ausländische Märkte. Um eine solche Verhaltensänderung hervorzurufen, sind jedoch Auslöser, die besagten «Trigger», notwendig. Dies ist beim Tier ebenso der Fall wie bei der Organisation. Dieser Trigger war bei den von uns untersuchten Unternehmen in erster Linie ein Wechsel an der Führungsspitze des Unternehmens (CEO) und in einem Fall ein wichtiger Kunde, der ins Ausland ging. Die Spurts, die dann folgten, waren beachtlich: Im Durchschnitt wuchs die Mitarbeiter­ anzahl dieser Firmen in jedem Jahr seit ihrer Internationalisierung um 15,7 Prozent, bei einer Firma sogar um 55,5 Prozent p.a. Ganz ähnlich fielen die Wachstumszahlen betreffend Umsatz aus: Diese stiegen um über 7,4 Prozent p.a., in der Spitze sogar um über 13,8 Prozent p.a. Auch hier bewahrheiten sich somit die Analogien zur Tierwelt. Sicher, eine Gazelle, die eine Geschwindigkeit von nahezu 100 km / h erreichen kann, ist deutlich schneller als jedes Nilpferd. Aber Nilpferde kommen im Spurt auf knapp 50 km/h. Hinzu kommt, dass das biologische wie auch unternehmerische Nilpferd wesentlich mehr Masse bewegt. Der po-

tenzielle Einfluss eines KMU-Nilpferds sollte daher nicht unterschätzt werden. Ein Zahlenbeispiel verdeutlicht diesen Basiseffekt: Wächst eine Unternehmensgazelle über drei Jahre mit einer Wachstumsrate von 20 Prozent von zehn Mitarbeiter auf 17 an, so stellt dies ein relatives Dreijahreswachstum von 70 Prozent dar, das sicherlich beeindruckend ist. Wächst jedoch ein Nilpferd-KMU nicht einmal annährend derselben Geschwindigkeit (15% p.a.) innerhalb von drei Jahren von 100 Angestellten auf 152, so mag das relative Wachstum nicht so beeindruckend sein, die Anzahl der geschaffenen Arbeitsplätze ist mit 52 absolut gesehen jedoch deutlich beeindruckender als die besagten sieben.

Unterschätzte Nilpferde Aber auch eines hat unsere Forschung ergeben: Der Zwischenspurt, den Unternehmensnilpferde hinlegen können, ist

begrenzt. Während das tierische Nilpferd nach wenigen Hundert Metern seinen Spurt abbricht, waren es bei unseren KMU-Nilpferden drei bis fünf Jahre, in denen der Wachstumsmotor auf Hochtouren lief. Danach gingen die Wachstumsindikatoren wieder auf normale Levels zurück und die Unternehmen konsolidierten sich auf einem neuen, wesentlich höheren Niveau. Darüber hinaus ist es bemerkenswert, dass sämtliche CEOs der besagten Unternehmensnilpferde zuvor im Ausland substanzielle Ausbildungs- oder Berufserfahrungen gesammelt hatten und/oder zumindest für längere Zeit in multinatio­ nalen Unternehmen gearbeitet hatten. Wir gehen davon aus, dass diese Erfahrung die internationale unternehmerische Sensorik gefördert und geprägt hat. Der Level, den der oben erwähnte Trigger erreichen muss, um die Internationalisie-

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«Unternehmerische Gazellen» beschreiben junge Unternehmen, die in kurzer Zeit schnell wachsen.

rung anzustossen, ist bei diesem Personenkreis somit wahrscheinlich geringer als bei Unternehmern, die keinerlei internationale Erfahrung sammeln konnten. Eine weitere Tatsache hat unsere Forschung zutage gefördert: Wir konnten keinerlei Faktoren identifizieren, die ein alteingesessenes KMU in eine besonders gute Ausgangslage für die Internationalisierung gebracht hätten. Sei es Umsatz, Mitarbeiteranzahl, Gewinn, Netzwerke, Strategie, Wettbewerbssituation, Economies of Scale – all diese Einflussgrössen variierten extrem in den untersuchten Fallbeispielen und brachten keinerlei Hinweise darauf, ob die späteren Internationalisierungsanstrengungen von Erfolg gekrönt sein würden oder nicht. Im Gegenteil, Netzwerke wie auch operative Strategien prägten sich in den weitaus meisten Fällen erst während der Internationalisierung heraus. Nilpferde werden regelmässig aufgrund ihrer Grösse und vermeintlichen Behäbigkeit unterschätzt. Aufgrund ihrer

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Masse und der Geschwindigkeit, die sie gleichwohl erreichen können, sind sie jedoch extrem gefährlich. Wir sind überzeugt, dass Schweizer KMU-Nilpferde auf internationalen Märkten eine ähnliche

Dynamik entwickeln können wie ihre tierischen Counterparts. Sollten diese Schweizer KMU erst mal zum Sprint ansetzen, könnte es für die einheimische Konkurrenz sehr gefährlich werden. 

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Porträt Dr. Patrick Schüffel Professor Dr. Patrick Schüffel ist Professor für International Entrepreneurship am Institut für Entrepreneurship und KMU an der Hochschule für Wirtschaft, Fribourg.

Prof. Rico Baldegger Hochschul-Rektor Prof. Rico Baldegger, PhD., ist Rektor der Hochschule für Wirtschaft, Fribourg und Direktor des Instituts für Entrepreneurship und KMU.

Kontakt patrick.schueffel@hefr.ch rico.baldegger@hefr.ch www.heg-fr.ch

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