Vom Wechsel der Seiten, dem Offenen und meinen Komplizinnen

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Norbert Trawรถger

Vom Wechsel der Seiten, dem O f f e n e n und meinen Kompliz i n n e n

eNTerveNTion #4





eNTerveNTion eine schriftenreihe mit akzeNTen, fragmeNTen, eNTdeckungen ... von eNTe / Norbert Trawรถger


vom off enen ins off ene


ich bin und habe im letzten jahr … kaffee getrunken, gespräche geführt, wenig geschlafen, reden lassen, geschrieben, reden und mir vor lachen den bauch gehalten, nachgedacht, wieder gelacht, menschen zugehört, umgedacht, über mich selbst gelacht, leichtigkeit gesucht, probleme gefunden, zu wenig bücher gelesen, flöte gespielt, »papa« gerufen worden, viel liebe empfangen, musik gelauscht, bilderbücher angeschaut, unterrichtet, verwirklicht, klein geschrieben, groß geplant, verworfen, gewartet, täglich ideen gehabt und andere verwirklicht, probleme probleme sein lassen, lösungen abgewartet, ungeduldig gewesen, gut gegessen, gereist, geschmunzelt, überrascht worden, menschen begegnet, gänsehaut gehabt, zug gefahren, telefoniert, mich verwählt, eigentlich richtig gewählt, groß geschrieben, gesurft, vom weg


abgekommen, spazieren gegangen, leichtigkeit erlebt, freude gehabt, gelassenheit eingeübt, ungeduld gefühlt, oft dankbar gewesen, nochmals umgedacht, neu bedacht, neugierig gewesen, stille gehört, manches überhört, absichtlich beschäftigt gewesen, da gewesen, dort gefehlt, vieles verwirklicht, kurz im see geschwommen, unruhe gespürt, unruhig gewesen, konzerte gegeben und genommen, verrückt gewesen, immer noch, dem kalkulierten misstraut, dem nutzlosen absolute priorität eingeräumt, über eigene pläne gelacht, gestolpert, zwischen fest und vergnügen rotiert, schön angezogen gewesen, unentwegt improvisiert, geliebt, täglich geduscht, morgens unter strom gewesen, abends viel energie gehabt, hemmungslos genossen, gezweifelt, gutes getan und unterlassen, fast täglich begeistert gewesen, fremde menschen erkannt, freunde gefunden, brille getragen, nach zürich gereist, restlos gesund gewesen, rad gefahren, immer wieder gelacht, kompli-


mente bekommen, tränen in den augen gehabt, zornig gewesen, den zweifel mehr lieben gelernt, verletzlich gewesen, verwundbar geblieben, menschen bewundert, mich gewundert, geholfen, mir auch helfen lassen, zu wenig hand gehalten, klänge erhorcht, wörter entdeckt, keine memoiren geschrieben, aber über vieles andere, beobachtet und belächelt worden, meine stimme erhoben, öffentlich gesungen, zuwendung bekommen, beim augenarzt gewesen, ziellos drangeblieben, termine gehabt, manches vergessen, zu selten leidenschaftlich in den tag gelebt, noch seltener angst gehabt, wenig züge verpasst, im stau gestanden, aber gelebt, heftig gescheitert, wieder anders verwirklicht, risiko genommen, spielerisch gewesen, überrascht worden, umarmt worden, wichtig gewesen, mich niemals frisiert, aber das fräulein tochter … der gleichgewichtssinn muss der sinn des lebens sein. Erstmals erschienen im LANDSTRICH 32 - 2016




Meine Töchter, meine Komplizinnen Vor kurzem hielt ich eine Laudatio vor einem großen Auditorium. Als ich diese fertiggeschrieben hatte, trug ich sie probeweise meiner drei Monate alten Tochter Alma vor, da wir alleine zu Hause waren. Ich stand vor ihrer Wippe und akklamierte meine Rede. Jedes Mal, wenn ich zu ihr sah, lachte sie mich an. Was für eine Zustimmung, mehr kann es gar nicht geben. Abends vor 1400 Menschen zu sprechen und deren Aufmerksamkeit zu spüren, war eine schöne Zugabe. »Papa, gib mir die Hand, dass ich nicht davonrennen kann«, forderte mich meine ältere Tochter Anna vor einigen Wochen bei einem Spaziergang auf. Sie ist drei Jahre alt. Spät bin ich Vater geworden. Mit zweiundvierzig Jahren das erste


Mal. Nicht später und keinen Tag früher als mein mich sehr prägender Großvater, der im gleichen Alter erstmals Vater wurde. Seine erstgeborene Tochter ist meine Mutter, die auch den Namen Anna trägt. Unglaublich, wie sich manche Geschehnisse über Generationen »zeitgleich« im Abstand von Jahrzehnten wiederholen. Ich halte meine Tochter wie verlangt fest und denke mir: »Kind, du weißt gar nicht, wie glücklich ich bin, dass ich dich festhalten darf.« Die Zeit wird bestimmt kommen, in der das ganz anders sein wird und schon heute hoffe ich, dass ich sie nicht aufhalten werde, wenn sie nicht mehr um meine Hand bittet und ich sie am liebsten auf den Mond katapultieren möchte. Mein gan-


zes Leben hatte ich immer viel und gern mit Kindern zu tun, ob als Onkel, Lehrer, schauspielender Musiker oder Zirkusdirektor, der ich bei der Kinderklangwolke 2014 war. Kinder zogen mich immer magisch an, was auf Gegenseitigkeit beruhen dürfte. Und ich habe geglaubt, dass ich ahnen könnte, wie es ist, selbst Vater zu sein. Aber das Unvorstellbare ist eben nicht vorstellbar. Man(n) ist schlichtweg Anfänger, wenn das junge Leben und damit das eigene undenkbar neu beginnt. Aber die Kinder fangen einen schnell ein und auf. Manches lernt man mit der Zeit, vieles ist wie ein Raketenstart in eine unvorhersehbare Form des Daseins und schnell mutiert man vom Anfänger zum Fortgeschrittenen. Aber dessen will ich mir gar nicht so sicher sein, zu groß sind die täglichen Überraschungsmomente. Und schon gar nicht will ich mich ums Staunen oder pure Sprachlossein bringen. »Heute liest mir die Mama von Johann Sebastian Bach Pippi Lang-


strumpf vor!«, teilte mir Anna vor einem halben Jahr mit. Ich glaubte immer, dass meine Welt eine offene, sich ständig weiter eröffnende sei. Meine Töchter lehren mich täglich, wie eingeschränkt mein Möglichkeitsdenken, meine Fantasie eigentlich sind. Aber ich lasse mich herausfordern und nehme es mit ihnen auf. Wir kommunizieren oft in einer eigenen Fantasiesprache. Ohrenzeuginnen und -zeugen würden es als Nonsenssprache bezeichnen, aber wir sind nicht einzuschüchtern, denn wir wissen immer worum es geht, auch wenn es um nichts geht. Die Eroberung des Nutzlosen ist mindestens so wichtig wie die Langeweile, durch die man letztlich erst selber zur Erfinderin, zum Erfinder wird. Fad ist uns nie. Das Kind kennt Bach, da bei uns daheim auch seine Musik gehört wird oder gelegentlich sogar live erklingt. Bachs Mutter ist mir bei meinen Beschäftigungen mit dem Gottvater der Musik noch nie in den Sinn gekommen. Wenn Herkunft, Zeit und Raum keine




Rolle spielen, dann leben wir in eben einem grenzenlosen Möglichkeitsland. Das Undenkbare und Denkbare, das erst gedacht ist, wird möglich. Meine Kinder zeigen mir, zu wem und wohin ich gehöre, ohne dass sie mir gehören. »Papa, ich höre dich eh.«, ruft Anna beim Einschlafen immer wieder aus ihrem Zimmer und meint damit auch, dass ich sie höre. Ich habe ihr dies immer wieder zu bestätigen. Wir Menschen gehören eben zueinander, in dem wir uns hören, in dem wir voneinander hören und damit um einander wissen. Dies macht mir meine Tochter täglich wieder bewusst. Trotz aller Herausforderungen haben mich meine Töchter unendlich beruhigt. Sie haben mich erweitert und mir gleichzeitig Verstärkung und festeren Grund unter den Füssen geschenkt. Dabei sei auch lautstark erwähnt, wie dankbar ich meiner Frau bin, dass sie rund um die Uhr für uns drei Spontane da ist und für uns sorgt. Die Kinder sind mir Kom-


plizinnen im zweckfreien Denken und Handeln, im Hineingreifen in die nutzfreien Töpfe der Fantasie oder im hemmungslosen Ausgelassensein: Sich auslassen und dabei über sich selber stolpern und einfangen, ist ein wundersamer Zustand. Ich traue meinen Kindern, traue ihnen vieles zu, das auch mich jenseits des für mich Möglichen führen wird. Und ich traue meiner eigenen Fantasie, Intuition noch viel mehr, seit sie da sind. Als Anna zwei Tage alt war, haben wir gemeinsam den langsamen Satz aus Mendelssohns Violinkonzert angehört. Neun Minuten hat sie mir ganz wach und unentwegt ruhig in die Augen geschaut. Spätestens bei den Übergangstakten in den dritten Satz, die zum Schönsten gehören, das ich kenne, war mir klar: Die versteht mich, nimmt mich, wie ich bin, ohne dass ich es selber so genau weiß. Eine Komplizin, mittlerweile sind es schon zwei. Erstmals erschienen in Welt der Frau, 12/2016


NT spricht SIEBEN Sätze und spielt dazwischen SIEBEN Atemzüge.


Für Fritz und Thomas Radlwimmer.

1. Von nichts und mehr wissen, ohne Wollen 2. Den Sprüngen, Schwellen, Übergängen, Abgründen die Ordnung des Lichts blind zutrauen 3. Scheinbar zusammenhanglos im Zusammenhang sein, nicht bleiben 4. Wer fliegen will, muss lange genug am Boden sein und seinen Atemzügen trauen 5. Brennen des Eigentlichen und das Flüchtige wird fest im unendlichen Singen 6. Besinnungslos, bedingungslos staunen vor lauter Bewusstsein, ganz leise 7. Wer Luft holt, kann den Fluss leicht festhalten, immer wieder und wieder Zur Ausstellungseröffnung. Galerie Forum Wels, 30. August 2017




WAS FÜR EIN WAHN S I N N !


Im Alter von zwölf, dreizehn Jahren habe ich die Seiten gewechselt. Bis dahin galt ich als aufstrebender Ministrant, dem künftige Führungspositionen zugetraut wurden. Es kam anders, der Organist nahm den angehenden Flötenspieler unter seine Fittiche auf die Empore mit. Von nun an spielten wir jahrelang Sonntag für Sonntag in der Bad Schallerbacher Kirche. Anfangs probten wir noch — als ich einigermaßen Boden unter die Klangfüsse bekam, musizierten wir vom Blatt Menuette von Telemann, Händel und Mozart, Bachs unverwüstliche Air, barocke Sonaten von Marcello bis Chedeville, irische Zaubermelodien, Glucks »Reigen selger Geister« bis hin



zu Schostakowitschs Filmmusik zu »Gadfly«. Der Name des Orgelspielers ist Rudolf Markgraf. Rudi ist Amateur, ein Musikliebender im hingabevollsten Sinn. Seinem Zuwenden und Zutrauen verdanke ich unendlich viel auf meinem Weg zu einem professionellen Musikerdasein. Noch heute fahre ich alle heilige Zeiten — sie sind es wirklich — nach Schallerbach, um mit ihm zu spielen. — So wie heute, am ersten Tag dieses Jahres 2017, in dem er 87 Jahre alt werden wird. Und wie so oft spielten wir Mendelssohns zauberbevollmächtigten »Chor der Elfen«. Nach dem Schlussakkord blickte er mich mit leuchtend jungen Augen an und sagte einmal mehr begeistert: »Was für ein Wahnsinn!« (1. Jänner 2017)



»You don’t look like a classical musician!« meinte der belgische Journalist Philippe Manche über Norbert Trawöger, der aus einer Familie stammt, bei der schon Franz Schubert »höchst ungeniert« zu Gast war. Der vielfältig gestaltende Musiker leitet seit 2017 als persönlicher Referent des Chefdirigenten die Dramaturgie und Kommunikation des Bruckner Orchester Linz und ist Kepler Salonintendant. Trawöger lebt »genial-schräg« (Zitat OÖN) in ständig verändernden künstlerischen Aggregatzuständen und meldet sich dabei immer wieder unruhig zu Gesellschaft, Kunst und Kultur zu Wort. www.ente.me


Ein Projekt von Norbert Trawöger (Idee, Text) www.ente.me und Andrea Trawöger (Gestaltung) www.trab.at Bildnachweise: S. 2-3, Volker Weihbold S. 10-11, Andrea Trawöger S. 16-17, artwork by NT, 2016 S. 22-23, Andrea Trawöger S. 26, Norbert Trawöger S. 32 »Für Norbert«, Wolfgang Maria Reiter, 2013 Impressum Für den Inhalt verantwortlich: Norbert Trawöger, 4020 Linz, 2018. Alle bisherigen Ausgaben: www.issuu.com/enterventionen