(K)ein Zebra zum Spielen

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(K)ein Zebra zum Spielen

eNTerveNTion #1




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eNTerveNTion - eine erste lose ansammlung von akzeNTen, fragmeNTen, eNTdeckungen ... von NT*

*Norbert Trawรถger 5


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Wer nicht spielt, spielt nicht. Eine Toccata.

Wie sehr kann sich eine Maus aufspielen, um Elefanten zugedachte Aufgaben zu bewältigen? Ungehörige Frage. Den Möglichkeiten zu gehorchen, erlaubt selten Unerhörtes hörbar zu machen. „Wir müssen unsere Ideen verwirklichen, reden allein hilft nicht: Wir müssen uns selbst aufs Spiel setzen und zeigen, was wir auf die Beine stellen können!“, schreibt der brasilianische Architekt Oscar Niemeyer. Reden alleine hilft nicht, spielen schon. Ich denke dabei und dieser Tage an Nikolaus Harnoncourt und frage mich zugleich: Hat Johann Sebastian Bach mit seinen 20 Kindern gespielt? Ich meine nicht mit Toccaten, Fugen oder sonstigen Klangbausteinen. Ich meine eine reine, pure, absichtslose Spielerei in der Stu6


be neben der Thomaskirche oder im Zimmermannschen Cafehaus, ganz ohne bewussten Gedanken an Gott oder einen König. In der Art „L‘art pour l‘art“, ein Spiel des Spielens wegen. Wo will ich hin, ich weiß es nicht. Ich will es gar nicht wissen. Lassen Sie mich spielen. Lassen Sie mich eine Maus sein und lustvoll den Mount Everest besteigen. Eine Utopie. Ein Wagnis, die „Toccata und Fuge in d-moll“ (BWV 565) nicht auf tausend Pfeifen zu erspielen, sondern auf einer - einer Flöte. Ein großer Klangschöpfer unserer Zeit, Salvatore Sciarrino, hat den Weg für uns Flötenspielerinnen und -spieler elaboriert. Wer nicht spielt, spielt nicht, nichts anderes gibt es dazu anzumerken. Buon Viaggio. 7


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ÂťIm Grun de si nd wir alle Impro visat oren!ÂŤ 8


Virgil Guggenberger im Gespräch mit Norbert Trawöger

v.g. Norbert, seit vielen Jahren spielst du als Flötist nicht nur klassische Konzerte, sondern hast parallel dazu immer mehr und mehr das freie Improvisieren für dich entdeckt. Woraus hat sich das entwickelt?

n.t. Nun, grundsätzlich bin ich absolut klassisch konditioniert. Mein Vater ist ebenfalls Flötist und ich bin von Beginn an ganz dringlich mit Noten aufgewachsen. Von den Möglichkeiten am Land in Oberösterreich, Blasmusik zu spielen, die ja zum Teil auch ohne Noten auskommt, wurde ich eher ferngehalten, da 9


mein Vater mich damit unbedingt verschonen wollte. Was mir nicht immer recht war, weil mir das gemeinsame Musizieren, das einfach nach dem Gehör zu spielen abgegangen ist. Aber das war eben etwas, das ich in meiner Kindheit überhaupt nicht trainiert habe, weil ich gleich auf »richtig« trainiert wurde. v.g. Und »richtig« ist dabei gleichbedeutend mit »nach Noten spielen« ?

n.t. Ja, in dem Sinn bedeutet das, nach Noten zu spielen. Eine ganz klassische Ausbildung eben. Anfangs war ich Schüler meines Vaters und der wollte nichts falsch machen – und hat damit vielleicht gleich etwas falsch gemacht.(lacht) So ist das eben manchmal. Heute bin ich wiederum sehr froh um diese gründliche Ausbildung. Aber irgendwann ist das mit dem Improvisieren einfach ausgebrochen und hat sich nicht mehr stoppen lassen. Ich hatte schon immer das Bedürfnis, frei aus dem Moment heraus zu spielen. Was mich daran gereizt 10


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hat – und immer noch reizt – ist die Intensität, die spezielle Energie, die dann im Raum sein kann. Das gibt es im klassischen Konzertbetrieb auch, aber es geht dort etwas anders vor sich. v.g. Und Improvisation setzt voraus, dass man zuerst sein Handwerk beherrscht?

n.t. Ja, eigentlich schon. Aber ich denke mir auch, dass wir im Grunde alle Improvisatoren sind. Der Mensch kommt als Improvisator auf die Welt. Es ist im Prinzip von Anfang an ein Versuchen, ein Ausprobieren. Wie schon gesagt, ich bin letztlich unglaublich dankbar für meine strenge, klassische Ausbildung und darin ungemein verwurzelt, in dieser Form, Musik zu »begreifen«. Wenn ich »klassisch« sage, dann meine ich das als einen Platzhalter für mich, von Bach bis Bruckner und weiter darüber hinaus. Das ist für mich eine Art Heimat. Als ich mich dann neben dem Studium viel mit zeitgenössischer Musik beschäftigt habe, war das ein erster Schritt, diese Hei12


mat zu erweitern. Aber zurück zur Improvisation: Ich habe viel bei Lesungen und Vernissagen gespielt und eines Tages entschieden, »heute lasse ich den Notenständer zuhause«, mal sehen, wie sich das entwickelt. Das ist auch ein Teil von mir, aus dem Moment heraus zu handeln – seien es Improvisationen, aber etwa auch, wenn Entscheidungen getroffen werden müssen. Und diese Improvisationen haben damals Resonanz gefunden, und sobald etwas Resonanz findet, wächst es automatisch weiter. Und so haben sich viele, also hunderte Möglichkeiten ergeben, in den verschiedensten Kontexten das Improvisatorische fortzuführen, wie etwa bei Ausstellungen oder auch im Duo mit Autorinnen und Autoren zu deren Texten, zum Teil sogar auch zweistimmig. Und da ist dann der Punkt, den du angesprochen hast, natürlich relevant, nämlich, dass ich bereits davor schon ein ausgeprägtes Handwerk entwickelt habe, also ein hochtrainierter, klassischer Flötenspieler bin. (...) 13




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„Heute liest mir die Mama von Johann Sebastian Bach Pippi Langstrumpf vor!“, teilt mir meine zweieinhalbjährige Tochter dieser Tage mit. Ich glaubte immer, dass meine Welt eine offene, sich ständig weiter eröffnende sei. Meine Tochter lehrt mich täglich, wie eingeschränkt mein Möglichkeitsdenken, meine Fantasie eigentlich sind. Aber ich lasse mich herausfordern und nehme es mit ihr auf. Wir kommunizieren oft in einer eigenen Fantasiesprache. Ohrenzeugen würden es als Nonsenssprache bezeichnen, aber wir lassen uns nicht einschüchtern, denn wir wissen immer worum es geht, auch wenn es um nichts geht. Die Eroberung des Nutzlosen ist mindestens so wichtig wie die Lan16


geweile, durch die man letztlich erst selber zur Erfinderin, zum Erfinder wird. Fad ist uns aber nie. Das Kind kennt Bach, da bei uns daheim auch seine Musik gehört wird oder gelegentlich sogar live erklingt. Bachs Mutter ist mir bei meinen Beschäftigungen mit dem Gottvater der Musik noch nie in den Sinn gekommen. Im übrigen ist aus Pippis Vater längst ein politisch korrekter und sympathischer Südseekönig geworden. Wenn Herkunft, Zeit und Raum keine Rolle spielen, leben wir in einem grenzenlosen Möglichkeitsland. Was denkbar ist, wird auch möglich. Denken wäre halt die Voraussetzung. Denn es kommt oft anders, wenn man denkt. Vor allem mit Kindern. 17




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Haben Sie schon einmal versucht, den Zeitgeist zu fassen zu kriegen? Dies ist keine leichte Sache, aber so sind die Geister, die man (nicht unbedingt) rief: Da und im nächsten Moment wieder weg, ohne dass eine Tür ins Schloss fallen muss. Das Einzige, was es gesichert über diesen sehr speziellen Geist zu sagen gibt, ist, dass er immer nur gerade jetzt da ist. Er vermag absolut im Augenblick zu sein. Übrigens hat Goethes zeitweiliger Aufklärungsfreund Johann Gottfried Herder dieses Phänomen erstmalig 1769 benannt. „Gerade in unseren Tagen“, ist eine rhetorische Floskel, die man oft zu hören bekommt. Wehe, zum Beispiel, dieser oder jener Wind in unserer Kultur, die wie sie 20


Sven-Eric Bechtolf, der künstlerische Leiter der Salzburger Festspiele, so schön definiert, die „Innenbeschäftigung einer Gesellschaft mit sich selbst“ ist. Bechtolf mag recht haben, wenn ich in der Straßenbahn sitze, sehe ich nur mehr Menschen mit eingezogenen Köpfen. Die Kultur der Innenbeschäftigung muss gerade eine Blütezeit haben, die Smartphones machen es möglich. Dieser hartnäckige Zeitgeist ist einfach immer und überall und hat es offenbar nur dort schwerer, wo das Wireless LAN löchrig wird. Manchmal bin ich für Momente sicher, dass wir alle selbst Zeitgeister sind. Geist ist geil, oder verwechsle ich da was? 21


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Einschlafen ist nicht immer eine ganz leichte Sache. Untertags schlafe ich sowieso nie und abends gehe ich mittlerweile spät und müde genug ins Bett, um solchen Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen und morgens (sehr) früh und freiwillig den kommenden Tag erobern zu können. Meine gerade zwei Jahre alt gewordene Tochter geht auch selten freiwillig ins Bett und das Einschlafen, das Loslassen vom Tag scheint ihr ebenso Schwierigkeiten zu machen, wie ich dies aus meiner Kindheit kenne. Oder ist es vielleicht eine gemeinsame Urangst, etwas Spannendes versäumen zu können. Aber das Kind muss eben beizeiten ins Bett, nicht nur, aber auch, weil es die Eltern so wollen. Beim Nie22


derlegen bringt der hinreißende Nachwuchs allerlei findige Strategien ins Spiel, um den Vorgang so lang wie möglich in die Länge zu ziehen. Letztlich muss der Vater versprechen, dass die Tür einen Spalt offen bleibt. „Papa, ich höre dich eh.“, ruft sie dann immer wieder und meint damit auch, dass ich sie höre. Ich habe ihr dies immer wieder zu bestätigen. Wir Menschen gehören eben zueinander, in dem wir uns hören, in dem wir voneinander hören und damit um einander wissen. Dies macht mir meine Tochter täglich wieder bewusst. Wie schnell wird heutzutage festgestellt, dass ein uns fremder Mensch nicht hierher gehört, ohne dass wir ihn je gehört haben. Unerhört! 23


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Es gibt nur wenige Berufsgruppen, deren Arbeitsvorgänge man ganz beruhigt als spielen bezeichnen darf. Schauspielerinnen, Fussballspieler, professionelle Kartenspielerinnen und Musiker (das wechselseitige Gendern schließt alle mit ein) spielen, sonst kämen sie ihrer Arbeit nicht nach. „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“, könnte ich Friedrich Schiller zitieren, aber dies kann in die Irre führen, da gewiss nicht alle Musikerinnen oder Kartenspieler beim Arbeiten immer ganz Mensch sind. Schiller mahnt wohl mehr das Unvernünftige des Spielens als wesentlichen Teil des Menschseins ein. Unter 24



Vater und Sohn - Helmut und Norbert Trawรถger

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all den genannten Spielberufen nehmen die Musikerinnen eine Eigenart für sich in Anspruch, die sie deutlich unterscheidet. Das letzte Stück des Weges zu ihrem Arbeitsplatz ist sichtbar. Das Auftreten auf die Bühne wird schon beklatscht. Welche andere Berufsgruppe bekommt schon Applaus, bevor sie überhaupt zu arbeiten begonnen hat. Beim Abgehen lässt es sich noch argumentieren. Viel mehr Berufstätige hätten sich schon auf ihrem Weg zur Arbeit lautstarke Akklamationen verdient. Einfach dafür, dass sie Aufgaben übernehmen, die viele von uns nicht ausüben können. Ich applaudiere heute besonders all jenen voller Dankbarkeit und Respekt für ihre Berufsausübung. 27


You don‘t look like a classical musician! meinte der belgische Journalist Philippe Manche über Norbert Trawöger (*1971), der spielender, lehrender, schreibender und gestaltender Musiker ist. Auf alten und modernen Flöteninstrumenten spielt und improvisiert er Alte, Neue und spontane Musik. NT ist Autor von Rezensionen, Kolumnen, Libretti und Essays. 2010 erschien sein Buch über den Komponisten Balduin Sulzer, das mit dem Ö1 Pasticcio-Preis ausgezeichnet wurde. 2014 erschien Luftikusse - Buch und Schallplatte mit Improvisationen auf verschiedenen Flöten - in der Wiener Edition Krill. Seit Mai 2013 ist er Salonintendant des Linzer Kepler Salon und war auch schon einmal Zirkusdirektor (Kinderklangwolke). www.ente.me 28


1 eNTstanden zum Bach-Geburtstag 21. März 2016, Kepler Salon Linz 2 Interview-Auszug aus Luftikusse, Edition Krill, 2014 3,4,5,6 AkzeNTe, erschienen als Kolumne in der OÖ Kronen Zeitung Bildnachweise: 2/3,11 Andrea Bauer 18/19,26 Reinhard Winkler 25 Volker Weihbold 32 „Für Norbert“, Wolfgang Maria Reiter, 2013 Impressum Für den Inhalt verantwortlich: Norbert Trawöger, 4600 Wels, 2016. Grafik: Andrea Bauer 29