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MUSIKFABRIK IM WDR

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Ensemble Musikfabrik Susanne Peters FLÖTE Peter Veale OBOE Carl Rosman KLARINETTE Joshua Hyde SAXOPHON James Aylward FAGOTT Christine Chapman HORN Marco Blaauw TROMPETE Nathan Plante TROMPETE Bruce Collings POSAUNE Ulrich Löffler KEYBOARD Benjamin Kobler KEYBOARD Yaron Deutsch E-GITARRE Dirk Rothbrust SCHLAGZEUG Rie Watanabe SCHLAGZEUG Thomas Meixner SCHLAGZEUG Ramón Gardella SCHLAGZEUG Hannah Weirich VIOLINE Sara Cubarsi VIOLINE Axel Porath VIOLA Dirk Wietheger VIOLONCELLO Florentin Ginot KONTRABASS Enno Poppe DIRIGENT


19.30 UHR EINFÜHRUNG

KÖLN WDR FUNKHAUS AM WALLRAFPLATZ

SO 15 NOV 2020

20 KONZERT UHR 75

PROGRAMM

RICHARD RIJNVOS — RIFLESSO SULL’INCONTRO (2019/20) für Ensemble — Deutsche Erstaufführung — Kompositionsauftrag von November Music ENNO POPPE — PROZESSION (2015/20) für großes Ensemble — Deutsche Erstaufführung — Kompositionsauftrag von Ensemble Musikfabrik, Bernd und Ute Bohmeier, Festival AFEKT und Kunststiftung NRW

Eine Produktion des Ensemble Musikfabrik in Zusammenarbeit mit WDR 3, KölnMusik und Kunststiftung NRW.

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RICHARD RIJNVOS RIFLESSO SULL’ INCONTRO (2019) FÜR ACHT SPIELER

Wem die Besetzung irgendwie bekannt vorkommt und sich an ein beinahe hundert Jahre altes Werk von Edgard Varèse erinnert, der hat a.) ein verdammt gutes Gedächtnis und ist b.) auf genau der richtigen Spur. Weniger enzyklopädisch geschulten Hörern hilft ein Blick in die Partitur, wo der Komponist ohne Umschweife die Karten auf den Tisch legt: Ja, die Instrumentierung entspricht ziemlich genau der von Octandre. Und es gibt noch andere Hinweise, die von hier zum Werk des Kollegen führen. Die achtteilige Anlage als Referenz auf die Acht im Titel des Originals etwa (»Octandre« meint eine achtblättrige Blüte) oder die Ableitung der acht tonalen Zentren der acht Abschnitte aus dem Namen Edgard Richard Rijnvos spricht von einem

Varèse: E-D-G-A-D-A-E-(E)s.

Schwesterwerk, einem »Companion Piece«, und erklärt seine Idee und Entstehung mit einem Zitat des italienischen Autors Italo Calvino: »Ich gestehe, ich habe einen so intensiven Traum gehabt von einer Begegnung mit dir, in allen Einzelheiten, dass es nun wie ein Teil meiner eigenen Erfahrung ist, als hätte ich es wirklich erlebt. All das geschah ganz plötzlich, einfach und natürlich.« Rijnvos also ist im Traum Varèses Octandre begegnet. Was wir hören, ist der Abglanz dieser Begegnung, den RIFLESSO SULL’INCONTRO. Schon mehrmals sind Rijnvos im Traum Werke von Kollegen begegnet: 2007 Stockhausens Refrain und Sibelius’ Schwan von Tuonela, 2016 die Swinging Music von Kazimierz Serocki, im Jahr darauf die Suite op.29 von Schönberg. Ein Abglanz allerdings ist etwas anderes als ein Verweis, weniger literarisch, weniger gezielt und vor allem ist die Richtung eines andere. Der Verweis führt weg zu etwas anderem, im Abglanz aber schlägt sich etwas anderes nieder, wird hierher reflektiert, jedoch nicht wie in einem Spiegel, als konkretes Abbild, sondern So sind es nicht Zitate, die uns an die

unscharf und verwandelt.

geträumte Begegnung mit Octandre erinnern, sondern vage gewordene Eindrücke – zuallererst der Eindruck eines Widerstreits von Bewegung und Stillstand, von atemlosen Figuren, die blitzschnell auf und abschwingen, und einem geradezu manisch anmutenden Beharren auf der Horizontalen, sei es in schnellen Repetitionen oder in stur ausgehaltenen Liegetönen. Auch die für Varèse typische Aussparung einer dynamischen Mitte hat abgefärbt, abgeglänzt: bei Rijnvos überwiegen rasche Wechsel zwischen sehr leise und sehr laut, zart und

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aggressiv. Schließlich sucht man sangliche Melodie und körperlichen Rhythmus vergebens – was nicht da ist, kann auch keinen Eindruck hinterlassen. Doch nicht alles ist Abglanz. Die Idee, die acht Absätze jeweils mit einem kleinen Solo eines der acht Instrumente zu eröffnen, ist in ihrem Witz und ihrer formalen Stringenz ganz und gar nicht »comme Varèse« und auch die Pointe mit den sich additiv von 2/8 auf 9/8 verlängernden Pausen zwischen der Schlussfigur der Flöte ist so frech und lapidar, wie es der latent cholerische Kollege Varèse selbst in einer geträumten Begegnung nie und nimmer gewesen sein kann.

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ENNO POPPE PROZESSION (2015/20) FÜR GROSSES ENSEMBLE

Musik aus dem Lockdown. Vor fünf Jahren hatte Enno Poppe die Arbeit begonnen, doch die PROZESSION bei Minute 8 wieder abgebrochen. Irgendwann sollte es weiter gehen. Das Stück, dachte Poppe, hätte dann vielleicht eine Viertelstunde gedauert. Es ist dreimal so lang geworden. Als er die Partitur Mitte März, als draußen nichts mehr lief, wieder auf den Schreibtisch gelegt hatte, sei es plötzlich wie von selbst gegangen, so Poppe: es habe sich immer weiter ausgebreitet, immer weiter entfaltet. Den Samen für diese Entwicklung hatte er zwar selbst gepflanzt und schon anno 2015 eine Wachstumsstruktur entworfen mit einer konkreten Proportionslogik – dass sie ihn aber so weit tragen würde, hat ihn am Ende dennoch überrascht.

Enno Poppe

liebt Pläne, aber Musik liebt er noch mehr, und wenn die Musik seine Pläne beim Komponieren überwuchert oder einfach hinter sich lässt, „dann ist das auch gut“. Konkret heißt das hier: Im ersten Entwurf schon sollte Prozession aus neun Abschnitten mit jeweils neun Unterabschnitten bestehen. Dass tatsächliche Erreichen der rechnerisch letzten Nummer 81 ist gleichwohl, so sieht es Poppe, der Beharrungskraft des Materials geschuldet, nicht der Sturheit des Komponisten. Die neun Abschnitte exponieren verschiedene instrumentale Duos

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und längere Soli vor dem Hintergrund einer sich blockhaft wandelnden Schlagzeugspur. Im ersten Abschnitt korrespondieren zum Beispiel Flöte und Geige, wobei noch eine Bratsche zur Verstärkung des Hintergrunds dazukommt. Aus dem Duo entwickelt sich eine gemeinsame melodische Linie, die dann am Ende eines jeden Abschnitts in einen Akkord mündet, um dann ohne Unterbrechung zum nächsten Abschnitt mit dem nächsten Duo zu führen, der nächsten Linie, dem nächsten Akkord. Die einzelnen Segmente werden dabei kontinuierlich länger, alles gerät mehr und mehr in Fluss. Und es ist genau dieser Fluss, um den es geht, um eine Energie, die alles mit sich reißt und auflöst und zur reinen Bewegung werden lässt, auch die formale Segmentierung, die sich im KlangDie Bewegung hat selbst keine Logik, sondern ent-

geschehen auflöst.

springt einem körperlichen Gefühl, ist physisch, nicht physikalisch: »Je mehr ich mich von der Struktur löse, desto mehr schreibe ich mich frei.« Freiheit gewährt dabei auch die Idee der kontinuierlichen Dehnung: durch die fortwährende Verlängerung der einzelnen Abschnitte verlieren sie ihren gestalterischen Eigenwert, ermöglichen nicht nur wachsenden Spielraum, sondern erzwingt sogar dessen Nutzung.

Das also ist der Prozess. Wo aber ist die Pro­

Poppes Ausschweigen über die Bedeutung seiner Titel ist

zession?

legendär. Prozession allerdings legt eine vergleichsweise konkrete Spur. Denn das Prozessuale ist nur das eine – es geht nach einem bestimmten Plan immer weiter. Prozessionen aber führen nicht nur weiter, sondern in eine ganz konkrete Richtung und zu einem Ziel. Dieses Ziel ist geographisch genau verortet, doch geistig ist es offen. Als Wanderung führt die Prozession zu einem Ort, als innere Bewegung zieht sie ins Unendliche. Und sie hat auch Poppe gewissermaßen ins Unendliche gezogen, zu einem ihm bis dahin unbekannten Punkt seines kompositorischen Schaffens: »Hier ist irgendetwas passiert, was ich so noch nie geschrieben habe.«

Man darf darüber spekulieren, was das bedeutet

und wofür diese große Bewegung der Prozession steht. Als Hörer erfahren wir sie als eine Bewegung in Wellen, die immer höher werden und mächtiger. Äußerlich ist ein energetischer Höhepunkt der Beschleunigung und Dynamik bereits im sechsten Teil erreicht, doch statt danach abzuebben, verlagert sich die prozesshafte Intensivierung gewissermaßen ins Innere. Konturen verschwinden, auch unser Sinn für Maßstäbe tut’s. Rhythmisch kommen noch die letzten Reste eines Pulses abhanden, harmonisch finden wir in den mikrotonal extrem gestauchten Akkorden keinen Halt, nichts, auf das wir sie beziehen könnten. Diese totale Orientierungslosigkeit allerdings ist keine Katastrophe, sondern scheint wie ein Versprechen von grenzenloser Freiheit und Glück: »Irgendwann ist alles richtig. Es gibt nichts Falsches mehr.«

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ENNO POPPE Enno Poppe, geboren 1969 in Hemer, studierte Dirigieren und Komposition an der Universität der Künste Berlin, unter anderem bei Friedrich Goldmann und Gösta Neuwirth sowie Klangsynthese und algorithmische Komposition an der TU Berlin und am ZKM Karlsruhe. Seit 1998 ist er Dirigent des ensemble mosaik, daneben dirigiert er u. a. das Ensemble Musikfabrik, das Klangforum Wien und das Ensemble Resonanz. Aufführungen seiner Werke durch Orchester wie SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg, Los Angeles Philharmonic und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks sowie Ensembles wie Ensemble intercontemporain, Ensemble Modern, Ensemble Musikfabrik und London Sinfonietta. Lehrtätigkeiten an der HfM Hanns Eisler Berlin, bei den Darmstädter Ferienkursen und an der Impuls Akademie Graz. Zahlreiche Preise, zuletzt u. a. Henze-Preis (2013). Enno Poppe lebt und arbeitet seit 1990 in Berlin. Seine Werke sind in zahlreichen Aufnahmen auf CD erschienen.

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Ensemble Musikfabrik Seit seiner Gründung 1990 zählt das Ensemble Musikfabrik zu den führenden Klangkörpern der zeitgenössischen Musik. Dem Anspruch des eigenen Namens folgend, ist das Ensemble Musikfabrik in besonderem Maße der künstlerischen Innovation verpflichtet. Neue, unbekannte, in ihrer medialen Form ungewöhnliche und oft erst eigens in Auftrag gegebene Werke sind sein eigentliches Produktionsfeld. Die Ergebnisse dieser häufig in enger Kooperation mit den Komponisten geleisteten Arbeit präsentiert das in Köln beheimatete internationale Solistenensemble in jährlich bis zu achtzig Konzerten im In- und Ausland, auf Festivals, in der eigenen Abonnementreihe „Musikfabrik im WDR“ und in regelmäßigen Audioproduktionen für den Rundfunk und den CD-Markt. Bei WERGO erscheint die eigene CD-Reihe Edition Musikfabrik. Die Auseinandersetzung mit modernen Kommunikationsformen und experimentellen Ausdrucksmöglichkeiten im Musik- und Performance-Bereich ist den Musikern des Ensembles ein zentrales Anliegen. Interdisziplinäre Projekte unter Einbeziehung von Live-Elektronik, Tanz, Theater, Film, Literatur und bildender Kunst erweitern die herkömmliche Form des dirigierten Ensemblekonzerts ebenso wie Kammermusik und die immer wieder gesuchte Konfrontation mit formal offenen Werken und Improvisationen. Dank seines außergewöhnlichen inhaltlichen Profils und seiner überragenden künstlerischen Qualität ist das Ensemble Musikfabrik ein weltweit gefragter und verlässlicher Partner bedeutender Dirigenten und Komponisten.

Seit 2013 verfügt das Ensemble

über ein komplett nachgebautes Set des Instrumentariums von Harry Partch. Daneben sind die mit Doppeltrichtern ausgestatteten Instrumente der Blechbläser ein weiteres herausragendes Merkmal der Experimentierfreudigkeit des Ensembles.

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19.30 UHR EINFÜHRUNG

KÖLN WDR FUNKHAUS AM WALLRAFPLATZ

MO 18 JAN 2021

20 MUSIKFABRIK UHR IM WDR 76 FABIO NIEDER — „VIELLEICHT WEISS ES DIE NACHTIGALL“ (2020)

Ein slowakisches Volkslied für Sopranstimme und Kammerorchester Uraufführung — Kompositions­ auftrag von Ensemble Musikfabrik und Kunststiftung NRW

GÉRARD GRISEY — QUATRE CHANTS POUR FRANCHIR LE SEUIL (1996-1998) — für Sopran und 15 Instrumente

Sarah Maria Sun, Sopran Ensemble Musikfabrik Emilio Pomarico, Dirigent

IMPRESSUM Ensemble Musikfabrik, Im Mediapark 7, 50670 Köln, Fon +49 (0) 221 7194 7194 0, Fax +49 (0) 221 7194 7194 7 musikfabrik@musikfabrik.eu, www.musikfabrik.eu intendanz Thomas Fichter projektmanagement Michael Bölter assistenz projektmanagement Lukas Fricker assistenz öffentlichkeitsarbeit Felisa Mesuere stagemanagement Bernd Layendecker texte Raoul Mörchen redaktion Mareike Winter konzeption & gestaltung Q, www.q-home.de bildrechte R. Rijnvos © Frank Zweers, E. Poppe © Klaus Rudolph, Ensemble Musikfabrik © Katharina Dubno Alle Konzerte der Reihe „Musikfabrik im WDR“ sind Produktionen des Ensemble Musikfabrik in Zusammenarbeit mit WDR 3, KölnMusik und der Kunststiftung NRW. veranstaltungsort WDR Funkhaus am Wallrafplatz, Klaus-von-Bismarck-Saal, 50667 Köln vorverkauf Um Wartezeiten an der Abendkasse zu vermeiden, nutzen Sie die Möglichkeit, Ihre Karten bequem und sicher bei KölnTicket über das Internet zu bestellen: www.koelnticket.de, Hotline: +49 22 12 80 1 eintritts­preise Einzelpreis: 15 € / ermäßigt 7,50 €, Ihre Eintrittskarte ist vier Stunden vor Konzertbeginn und für Ihre Heimfahrt als Fahrausweis im VRS (2. Klasse) gültig.


Präsenz bewirken >

zum Wagnis ermutigen >

Förderung als Herausforderung

Das Unmögliche möglich machen Kunststiftung NRW

Impulse bündeln > Wege ebnen >

www.kunststiftung-nrw.de

oben: Harry Partch, „Delusion of the Fury“ mit dem Ensemble Musikfabrik, Ruhrtriennale 2013, Foto: Klaus Rudolph mitte: Maura Morales, „Wunschkonzert“ 2012, Theater im Ballsaal Bonn; Foto: Klaus Handner unten: Nam June Paik, „Mercury“ 1991, Kunststiftung NRW


Profile for Ensemble Musikfabrik

Musikfabrik im WDR 75 - Incontri  

Programmheft des 75. Konzerts der Reihe "Musikfabrik im WDR" mit Werken von Enno Poppe und Richard Rijnvos.

Musikfabrik im WDR 75 - Incontri  

Programmheft des 75. Konzerts der Reihe "Musikfabrik im WDR" mit Werken von Enno Poppe und Richard Rijnvos.

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