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MOSAIK Das Kunstsommer-Magazin

Auf der B端hne Workshops Impressionen

Guerilla Knitting

Der Gutenbergplatz in Strick


Editorial

Inhalt

Liebe Leserinnen und Leser, vergangene Woche in Arnsberg: Fremde tauschen sich angeregt über Muskelkater aus (beim Stammmöbel-Bauen), diskutieren Mode (bei der Präsentation von „Kleider machen Leute“) oder Physik (in der Camera Obscura im Limpsturm). Sie feiern, tanzen, singen, musizieren, proben – oder genießen einfach die vielen Aktionen in der Innenstadt. Keine Frage: Passender als Kommunikation hätte das Motto des Kunstsommers 2012 nicht lauten können. Wir, die Redaktion des Kunstsommer-Magazins, fühlten uns dem Thema natürlich besonders verpflichtet. Wenn wir in den vergangenen Tagen nicht gerade schrieben, Kunst schnupperten, Interviews führten oder mit Ihnen plauderten, diskutierten wir: „Kann man das so schreiben?“, „Ist das interessant?“, „Was haltet ihr von der Geschichte?“ Kommunikation war wesentlicher Bestandteil unseres Workshops „Die Kunstsommer-Reporter“. Auch deshalb verbrachten die engagierten Teilnehmerinnen viel Zeit bei Kursen, Ausstellungen und Konzerten. Mitgebracht haben sie eindrückliche Geschichten rund um Menschen, Szenen, Orte – eben ein „Mosaik“ des Kunstsommers 2012.

Mosaiksteine ................................................... 3

Ein riesengroßes Dankeschön an das tolle Redaktionsteam – macht weiter so!

Guerilla Knitting ........................................... 4/5 „Kleider machen Leute“ .................................. 6 Señora Eloisa ................................................. 7 Impressionen ............................................... 8/9 Fantasie und Experiment .......................... 10/11 Afro Trommeln ..........................................12/13 Tiffany – Gläserne Kunst .............................. 14 Ebenbilder .................................................... 15 Möbelobjekte aus Stammholz .................. 16/17 Kommunikative Kleiderbügel ........................ 18 Interview mit Peter Kleine ............................. 19 Umfrage ........................................................ 20

Impressum Herausgeber: Stadt Arnsberg - Kulturbüro Verantwortlich: Juliette Ritz Redaktion: Ute Balkenohl, Karola Clarke, Marita Gerwin, Sigrid Grobe, Petra Krutmann, Theresa Maas Layout: Petra Krutmann Herstellung: becker druck, F.W. Becker GmbH, Arnsberg Die Beiträge geben die Meinung des Verfassers wieder. Diese muss nicht die des Herausgebers entsprechen.

Juliette Ritz Dozentin

Die Redaktion

Juliette Ritz

Ute Balkenohl

Karola Clarke

Marita Gerwin

Mit freundlicher Unterstützung der Redaktion der

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Petra Krutmann

Theresa Maas

Sigrid Grobe


Mosaiksteine Größtes Atelier im Sauerland eröffnet Bürgermeister Hans-Josef Vogel hat am Freitag (10. August) den Arnsberger Kunstsommer 2012 eröffnet. „Kunst und Kultur machen unsere Stadt lebens- und liebenswert. Wir tun gut daran, den Ast, auf dem wir sitzen, nicht abzusägen“, sagte er anlässlich der Eröffnungsfeier in der Handwerkskammer Südwestfalen. Das Workshop-Angebot des Kunstsommers ist so vielfältig wie die Interessen der Teilnehmer: Im Manga-Workshop entstehen beispielsweise

ausgefallene Comics. Cellisten lernen in Meisterklassen-Art bei Musikprofessor Matias Oliveiro de Pinto. Und beim Theaterprojekt „Kleider machen Leute“ gehen die Teilnehmer der Frage nach, was es mit dem berühmten Zitat aus Gottfried Kellers Novelle auf sich hat. Viel geboten wird auch beim Festival der Künste – ob bei der „Promenadenmischung“, der Ausstellung „Kommunikative Drahtbügel“ in der Auferstehungskirche oder bei Kunstspaziergängen.

Das Alpenpanorama fehlte, dafür ertönte das „Arnsberger Echo“: Die Musiker von „Alpcologne“ interpretierten Alphörner mal anders. Foto: Marita Gerwin

Feurige Alphörner

Kunstsommer-Blog

Bei der Eröffnung tönte das „Arnsberger Echo“ aus Alphörnern – extra für diesen Zweck komponiert vom Kölner Quartett „Alpcologne“. „Alphörner sind ein Instrument zur Kommunikation“, griff ein Musiker das Kunstsommer-Motto auf. Eigentlich verheißen die Instrumente schneebedeckte Berge und saftige Wiesen. Die Musiker setzten jedoch Einflüsse aus unterschiedlichen Kulturen um. Feurige Rhythmen folgten kölscher Mundart. Manche Stücke erinnerten an Mouthpercussion, andere entführten in den Wilden Westen und fernöstliche Länder, nicht zuletzt durch die Unterstützung von Sängerin Victoria Riccio.

Infos rund um den Kunstsommer, die Teilnehmer und Dozenten finden sich auch dieses Jahr wieder im Kunstsommer-Blog. 2010 riefen das Kulturbüro und der Online-Experte Christian Kaulich das Internet-Tagebuch ins Leben, um den Kunstsommer im Internet präsenter zu machen und die jüngere Generation auf dem Laufenden zu halten. Das Blog ist mit Plattformen wie Facebook und Twitter nun eine beliebte Nachrichtenquelle. Wer mehr vom Kunstsommer lesen will, sollte auf www.kunstsommer.blogspot.de vorbeischauen.

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Titel

Hier waren keine Spinnen, sondern begeisterte Hobby-Strickerinnen am Werk. Sie vernetzten den Baum auf dem Gutenbergplatz. Foto: Karola Clarke

Eine lustige Masche Mosaik hat sich auf dem Gutenbergplatz umgesehen Karola Clarke

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uerilla Knitting ist in Arnsberg angekommen. Dass strickbegeisterte Menschen Bäume, Schilder, ja sogar Busse „bestricken“, kennen wir aus anderen Städten. Aber hier bei uns? Am Gutenbergplatz sind die Bäume mit leuchtenden Wollschals umwickelt und die meisten Poller haben einen Strickmantel und eine Haube aufgesetzt bekommen. Die bunten Farben kontrastieren den grauen Asphalt des Gutenbergplatzes. Aber das ist nicht alles. Am einen Ende des Platzes ist die Hecke mit einem Spinnennetz überzogen. In der Mitte des Platzes „steht“ ein kleines Fahrrad in einer Baumkrone, natürlich auch mit leuchtendem Blau, strahlendem Geld und sattem Grün überzogen. Das Rot leuchtet durch die Blätter. Ein echter Hingucker! Und dann das Butterbettchen: Endlich hat sie ein Wolltuch gegen die Kälte bekommen. Sogar ihr sonst so leerer Korb ist mit gestrickten Möhren und anderem Gemüse gefüllt. Wie viele Hände waren wohl für diese Kunstwerke nötig?

Das Staunen wird noch größer wenn man liest, dass die Kunstwerke von den Bewohnern des Seniorenheims „Zum Guten Hirten“ angefertigt wurden. Wie viele Stunden mögen diese Künstlerinnen mit Stricken verbracht haben, um all diese Bäume und Poller anzuziehen? Eine wunderschöne Idee, die den Kunstsommer bereichert.

Endlich nicht mehr frieren: das Butterbettchen mit warmen Tuch – bei 30 Grad im Schatten. Foto: Karola Clarke


Titel Abenteuerspielplatz für die Augen Wie aus dem Gutenbergplatz ein Laufsteg für Wintergarderobe wurde Karola Clarke

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er Gutenbergplatz schwitzt zurzeit im Wollkleid. Doch wie kam es eigentlich dazu? „Am Anfang stand ein Strumpf“ verrät Monika Dölemeyer schmunzelnd. Sie ist Besitzerin des Handarbeitsgeschäfts am Gutenbergplatz. Von Lieferanten bekommt sie häufig einen Strumpf als Wollmuster. Bald hatten sich so viele Strümpfe angesammelt, dass sie mit ihrer Mutter überlegte, was man damit machen könnte. Die erste Idee war, diese Strümpfe über die Poller auf dem Platz vor dem Geschäft zu ziehen. Aber das sah nicht aus. Eine Kundin, die im Geschäft alles mitbekommen hatte, recherchierte im Internet die Idee „Guerilla Knitting“. Schnell fanden sich weitere Frauen, die bei der Aufwertung des Gutenbergplatzes mitmachen wollten. Und dann kam auch noch die Zusage des Seniorenzentrums „Zum Guten Hirten“. Die Zusammenarbeit funktionierte sehr gut. „Viele Bewohner waren an dem Projekt beteiligt“, erzählt Birgit Krüger, Mitarbeiterin in der Einrichtung. „Sogar die Frauen an der Pforte haben geholfen.“ Die Motivation sei sehr groß gewesen. Eine der Helferinnen ist Bewohnerin Cäcilie Kordel. „Stricken war schon immer mein Hobby“, sagt sie. „Deshalb hat mir die Aktion auch so viel Spaß gemacht.“ Leider kann sie gesundheitsbedingt nicht mehr so viele Stunden mit den Nadeln umgehen. Auch Bewohnerin Erika Ricke machte Handarbeit immer Spaß. Ihre Leidenschaft war jedoch Häkeln. Seit sie nicht mehr so gut sieht, kann sie ihrem Hobby nicht mehr nachgehen.

Guerilla Knitting Guerilla-Knitting, auch gestricktes Graffiti genannt, ist eine Form der Streetart, bei der Gegenstände durch Stricken verändert werden. Seinen Anfang nahm die GuerillaBewegung in Houston/Texas. Anstatt Socken, Handschuhe oder Pullover zu stricken, wurden Türklinken verschönert. Heute ist die Kunstform vor allem in den USA, in Großbritannien und Spanien bekannt. In Deutschland traten die ersten Arbeiten 2010 in Frankfurt auf.

Aber das Stricken klappt noch. Im Februar stand die erste Strickstunde für Monika Dölemeyer und ihre Mitstreiterinnen auf dem Programm. Doch Stricken allein reichte nicht. Die Bäume und Poller mussten vermessen, die Wolle ausgesucht werden. Passte das Gestrickte überhaupt? Waren die Farben auch die richtigen? Fünfeinhalb Monate wurde gestrickt mit dem Ziel, aus dem Gutenbergplatz einen Abenteuerspielplatz für die Augen zu machen. Besucher sollten ständig etwas Neues sehen. Auch die Männer wurden mit eingebunden. Sie waren eine große Hilfe beim Aufhängen des Netzes und dem Verstauen des Fahrrads im Baum. „Es gab viele Höhen und Tiefen“, berichtet Monika Dölemeyer. Aber die Strickerinnen motivierten sich immer wieder gegenseitig. „Und die positive Resonanz, die wir jetzt im Kunstsommer von allen Seiten bekommen, entschädigt für die Mühen“, freut sich Monika Dölemeyer.

Poller im Strickkleid lassen Damenherzen höher schlagen. Foto: Marita Gerwin

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Auf der Bühne

Wenn auch aus Urlaub Stress wird: „Kleider machen Leute“ setzte sich kritisch mit Mode-Marotten auseinander. Foto: Juliette Ritz

Was würde Emma Watson sagen? Theaterprojekt „Kleider machen Leute“ entlarvt Modewahnsinn Juliette Ritz

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cheinwerfer tauchen den Laufsteg in glamoröses Licht, die Zuschauer umfängt Dunkelheit. Eigentlich würde man in den ersten Reihen Heidi Klum, Victoria Beckham oder Karl Lagerfeld vermuten. Doch das Stück „Kleider machen Leute“ bricht mit unseren Erwartungen – was stattdessen folgt, ist eine Persiflage auf die Modewelt: Dandyhaft begrüßt uns eine der elf Schauspielerinnen, bald übertönt von penetranten Stimmen: „Ich liebe Lippenstifte“, „… ein patentes Kleid aus Jersey“, „Emma Watson ist die Mode-Ikone unserer Zeit“. Von wegen Glanz und Glamour – die Kakophonie entlarvt Kostüm als Karikatur. In kurzen Szenen setzt sich jede der SchauspieleÜber den Workshop Yehuda Almagor (Regie) und seine Frau Ursula (Dramaturgie) erarbeiteten das Stück mit elf Teilnehmerinnen. Die Schauspielerinnen improvisierten, die Workshop-Leiter gaben Impulse und entwickelten das Stück weiter. Die Figuren, deren Welten und Geschichten stammen von den Teilnehmerinnen selbst – „eine unglaublich kreative Gruppe“, meint Regisseur Almagor.

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rinnen mit ihrem persönlichen Modediktat auseinander: Da ist etwa das junge Mädchen, das sich die Schauspielerin Emma Watson als Stilikone auserkoren hat. Morgens der lässige Dress, zum Interview-Termin die Boyfriend-Jeans, abends das rote Cocktailkleid. Wir ahnen: anstrengend. Nicht minder kraftraubend dürfte das Leben der Mode-Perfektionistin sein, die altert: „Ich war mal eine Schönheit, eine stattliche Frau – und nun?“ Selbst der Urlaub verkommt zu Stress, Sonnenbrillen- und Kopfbedeckungs-Zwang tun ihr Übriges. Erst am Schluss befreien sich die Frauen. Ohne knitterfreies Jersey-Kleid, Bogner-Rucksack und Gucci-Tasche sind sie endlich die, die sie eigentlich sein wollen: sie selbst.

Yehuda und Ursula Almagor vom „Teatron-Theater“ Foto: Juliette Ritz


Auf der Leinwand „Señora Eloisa“ Ein Film über die Verbindung von Familie und Gesellschaft Theresa Maas

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n jeder Familie gibt es Schweigen. Schweigen über Geschichten und Erlebnisse, die nicht von Generation zu Generation weiter gegeben wurden. Gerade deshalb kann es spannend sein, mal einen genauen Blick auf die Vergangenheit der eigenen Familie zu werfen – auch wenn dabei Unschönes zu Tage kommen kann. Francisca Gómez hat genau dies getan. Auf der Suche nach Antworten, die ihr ihre Eltern nicht geben können oder wollen, ist sie nach Kolumbien gereist. Dort hat sie sich auf Spurensuche in ihrer weit verzweigten Verwandtschaft gemacht und mit Kamera und Mikrofon das Gespräch mit Onkeln, Tanten, Cousinen und Cousins gesucht. Der 15-minütige Film „Señora Eloisa“ zeigt Sequenzen dieser einzelnen Interviews. Zentrale Figur des Films ist die verstorbene Señora Eloisa, Mutter von 14 Kindern und Patriarchin der Familie Gómez. Über sie nähern sich die Interviewten der Geschichte ihrer eigenen Familie und damit verbunden auch der Geschichte Kolumbiens. Kolumbien, eine Republik im Norden Südamerikas, ist heute vor allem für seine Kaffeeanbaugebiete, UNESCO-Weltkulturerbestätten und die

Sängerin Shakira bekannt. Doch es gab Zeiten, in denen Kolumbien von politischen Unruhen erschüttert wurde. Auch heute gibt es noch Konflikte innerhalb der kolumbianischen Gesellschaft. All dies hatte Einfluss auf die Entwicklung der Familie Gómez. Denn der Film verdeutlicht, dass Familie nicht nur eine kleine autonome Wirtschaftseinheit ist, sondern auch in einem gesellschaftlichen Kontext verstanden werden muss. Francisca Gómez gelingt diese Verknüpfung, indem sie die Ansichten der Familienmitglieder in Bild und Ton einfängt. Sie lässt beispielsweise Verwandte jeden Alters zum sozialen Aufstieg der Familie zu Wort kommen. Während die älteren Familienmitglieder politische Entscheidungen als Grund dafür sehen, sind die Jüngeren überzeugt, dass nur Bildung hilft, „vorwärts“ zu kommen. Letztendlich wird klar: Politik und Bildung sind nicht voneinander trennbar. Demnach bedeutet die Auseinandersetzung mit Familie auch immer eine Auseinandersetzung mit Politik. Ein kurzweiliger Film, interessant und lehrreich. Er regt zum Nachdenken an und macht Lust, die eigene Familiengeschichte zu erforschen.

Interview mit Francisca Gómez Warum ein Film über Ihre Familie? Der Tod meiner Oma (Señora Eloisa, Anm. d. R.) und der Besuch meiner Cousins aus Kolumbien waren ausschlaggebend dafür. Wussten Sie, dass es Geheimnisse in Ihrer Familie gibt? Vielleicht ist Geheimnis nicht das richtige Wort, das scheint mir zu konspirativ, ein Schweigen trifft es besser. Aber ja, das Schweigen haben meine Cousins, die in Berlin zu Besuch waren, durchbrochen. Wie kamen Sie auf die Idee, einen Film in dieser Art zu machen? Ich wollte eine Erzählung machen, eine Collage von Erinnerungen, meine Familie selbst zu Wort kommen lassen. Wenn es um das Schweigen geht, bekommt das Interview eine wichtige Rolle. Was wollten Sie mit dem Film zeigen? Einen anderen Blick auf Familie und Biografien, auch eine „Hommage" an meine Oma, Señora Eloisa, die immer der Mittelpunkt der Familie war und alles gestemmt hat. Ein anderer wichtiger

Aspekt: Familienkonstellationen immer in sozialen/gesellschaftlichen Kontexten zu verstehen. Warum stellen Sie den Film trotz des sehr privaten Themas öffentlich vor? Es geht ja nicht nur um Persönliches, sondern in dem Film tauchen Fragen auf, die für viele andere auch eine Relevanz haben: das Schweigen in Familien, Familiengedächtnis und Rekonstruktion von Geschichte. Aber auch die politische Seite meiner Familie war wichtig. Biografische Arbeiten sind auch immer ein großer Teil in der künstlerischen Auseinandersetzung gewesen. Sie zeigen den Film auf dem Kunstsommer. Auf Einladung Yala Juchmanns habe ich an dem „Salon Juchmann“ teilgenommen. Es ging bei dem Projekt auch darum, ganz verschiedene künstlerische Herangehensweisen zu zeigen; im Falle des Films: ist es ein Dokumentarfilm oder Kunst? Diese Schnittstelle interessiert mich. Francisca Gómez, Jahrgang 1982, hat Kunst studiert und lebt in Berlin.

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Impressionen

Im Schmiedekurs bei Kunstwerke. (r.) Foto:

Sorgten mit A-Capella-Gesang und „Mundesjugendspielen“ für Stimmung: das charmante Quintett „High Five“ (o.) Foto: Ute Balkenohl

Die „Discokugeln“ v

Besuchermagnet: Eröffnung von Claudia van Koolwijks Fotografie-Ausstellung (o.) Foto: Marita Gerwin

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Was wächst denn da? Die Guerilla-Strickerinnen machten keinen Halt vor umstrickten Fahrrädern in Baumwipfeln. (r.) Foto: Marita Gerwin


Impressionen

Bernd Bannach schmiedeten die Teilnehmer eigene Marita Gerwin

von Cornelia Lohmann Foto: Marita Gerwin

Spielerische Ann채herung (o.) Foto: Marita Gerwin

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Workshops Bilder entstehen im Kopf Frauen arbeiten bei „Fantasie und Experiment“ an eigenen Werken Sigrid Grobe

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as Atelier des Künstlers Axel Schubert ist so, wie man sich eine Werkstatt vorstellt: unzählige Farbtöpfe, Gläser, Fläschchen, Pinsel groß und klein, dick und dünn und Werkzeuge jeglicher Art. Vorsicht ist geboten, nichts darf umfallen oder auslaufen. An den Wänden hängen viele Bilder des Künstlers. Sie inspirieren die Teilnehmerinnen des Workshops. Was verbirgt sich hinter dem Projekt „Fantasie und Experiment“ der Kunstwerkstatt „Der Bogen“ im Neheimer Kaiserhaus? Es sind ausschließlich Frauen, die gemeinsam malen, fantasieren, experimentieren, Techniken erlernen und Ideen ausfeilen. Hier lassen sie ihrer Kreativität freien Lauf – unter fachmännischer Anleitung des Dozenten und Künstlers Axel Schubert. Jede Hobbykünstlerin arbeitet konzentriert an ihrer Leinwand auf dem Tisch oder an der Staffelei. Ein Blick darauf verrät, welche Ideen und Vorstellungen hineinfließen. „Mit Farben und Materialien schaffe ich mir ein eigenes Umfeld“ meint Teil-

nehmerin Gabriele Risse. Und Vera Wysuwa fügt hinzu: „... farbenfroh, blumig, leicht und schwebend. Wenn das viele Menschen tun, würde unsere Welt bunter.“ Axel Schubert schaut seinen Schülerinnen über die Schulter, hilfreich und doch zurückhaltend, um nicht ihre Gedanken zu beeinflussen. Er spürt, wo Rat und Hilfe angebracht ist. Er erklärt die unterschiedlichen Techniken, wie verschiedene Materialien mit Farben harmonisch zusammenfließen. Dieses Wissen gibt er gern an die Kursteilnehmerinnen weiter. Zwar ist Kunst ein Studienfach. Der Dozent Axel Schubert eignete sie sich jedoch mit Begeisterung und Enthusiasmus in Eigenregie an. Seine Bilder entstehen im Kopf – ob im Urlaub, beim Radfahren oder in seinem Garten bei einem Glas Wein. Sein künstlerisches Schaffen macht ihn glücklich. Diese Freude gibt er an die Hobbykünstlerinnen weiter, die sich schon länger mit Malen beschäftigen, und beflügelt ihre Fantasie.

Künstler Axel Schubert berät eine Teilnehmerin beim Schaffensprozess. Foto: Sigrid Grobe

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Workshops

Malerin Barbara Padberg experimentiert mit verschiedenen Blautönen. Foto: Sigrid Grobe

Ein royalblaues Bild fällt ins Auge. Die Malerin Barbara Padberg sagt lachend: „Als ich gestern kam, wusste ich noch nicht, was ich wollte. Ich habe einfach mit Farben experimentiert, und es wurde ein Spiel mit verschiedenen Blautönen. Vor meinem geistigen Auge entstanden die fließenden Bewegungen der Wellen. Wohin sie mich tragen, weiß ich noch nicht – ich bin mal gespannt!“ Ursula Kosse arbeitet mit Holzstückchen, die sie harmonisch in ein Farbfeld einfügt. „Wir sind zu dritt und haben eine eigene Werkstatt. Dort arbeiten wir, mal allein, mal gemeinsam. Wir können unsere Arbeit liegen lassen und sie wieder

aufnehmen, ganz nach Zeit, Lust und Laune – schnell mal in unsere Traumwelt und wieder zurück zur Wirklichkeit“. Auf dem Arbeitsplatz einer anderen Frau liegen zwei interessant geformte Holzstücke. Eines ist sogar von Holzwurmspuren durchzogen. „Schon seit langer Zeit liegen diese Dinge auf meiner Fensterbank. Beim Spaziergang habe ich sie gefunden. Ich füge ich sie in mein Bild ein und sie bekommen ihren besonderen Wert.“ Für einige der Frauen bedeutet das Malen einen Ausgleich, vom Alltag abzuschalten und eventuell Lebenskrisen zu verarbeiten. Malen schafft Freude, ist aber auch anstrengend.

Haikus Die Kunstsommer-Reporterinnen verfassten zu all ihren Eindrücken auch sogenannte Haikus. Das ist eine japanische Gedichtform, die aus 17 Silben (5-7-5) besteht. Die Kunst will blühen! Gemälde in Schaufenstern Musik und Trommeln

Kunstsommer Arnsberg staunen, wundern, irritiert sein. Witz, Spaß, Neugier. Toll!

Workshops überall Viele Menschen in der Stadt Kunstsommer Arnsberg

Kunst entführt uns in eine unbekannte Welt Atempause. Auszeit.

Karola Clarke

Marita Gerwin

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Workshops

Mal schnell, mal langsam: Die Teilnehmer des Workshops „Afro Trommeln“ lernen verschiedene Anschlagtechniken. Foto: Theresa Maas

„Man muss den Rhythmus fühlen“ Die Teilnehmer von „Afro Trommeln“ tauchen ein in eine fremde Kultur Theresa Maas

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ins, zwei, drei, vier! Eins, zwei, drei, vier!“ Immer wieder ruft Adjei Adjetey diese Zahlenfolge. Vierzehn Augenpaare verfolgen konzentriert jede seiner Handbewegungen, afrikanische Rhythmen schallen durch die Luft. Trommeln gehören zu den wichtigsten Instrumenten der traditionellen afrikanischen Musik. Getrommelt wird meistens auf einer so genannten Djembé. Dabei handelt es sich um eine Blechtrommel, die aus einem Baumstamm handgefertigt wird und mit einem geschorenen Ziegenfell bespannt ist. Djembén werden mit bloßen Händen angeschlagen und zeichnen sich durch ein umfangreiches Klangspektrum aus. Daher werden sie zu jedem festlichen Anlass eingesetzt – sei es eine Beerdigung oder eine Hochzeit. Das Trommeln wird lauter und schneller. Noch lauter, noch schneller. Dann ebben die Schläge plötzlich ab. Adjei Adjetey klatscht in die Hände. „Toll!“ Fürs erste ist er mit der Leistung seiner Workshop-Teilnehmer zufrieden. Sie haben gerade einen „Slap“ gelernt, den schönsten, aber auch schwierigsten Schlag auf der Djembé. Einen Slap schlägt man am Rande des Fells, da-

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bei schnellen die leicht geöffneten Finger ähnlich wie eine Peitsche auf das Fell. Es entsteht ein hoher peitschender Ton. Übung macht den Meister Neben dem Slap gibt es noch zwei weitere Grundschläge beim Trommeln auf der Djembé: der tiefe und voluminöse Bass und der offene Schlag, auch „Open Tone“ genannt. Die Schläge unterscheiden sich vor allem durch Handspannung und Anschlagpunkt. Wenn sie in unterschiedlichen Reihenfolgen kombiniert werden, entsteht ein Rhythmus. „Man muss den Rhythmus fühlen“, sagt Adjei Adjetey. „Es gibt keine Noten“. Die Rhythmen und Techniken werden nicht aufgeschrieben, sondern von Generation zu Generation mündlich weitergegeben. So hat auch Adjetey mit 14 Jahren trommeln gelernt und übt seitdem jeden Tag für zwei bis drei Stunden. Denn Übung muss sein – das gilt auch für erfahrene Trommler. Je häufiger man übt, desto besser gelingt es, die verschiedenen Schläge und Töne herauszuarbeiten. Die Teilnehmer des Workshops sitzen im Kreis,


Workshops jeder von ihnen hat eine Djembé zwischen den Beinen stehen. Bevor sie einen neuen Grundschlag lernen, steht eine Rhythmusübung auf dem Plan. „Wir stampfen mit den Füßen, rechts, links, rechts, links!“, ruft Adjei Adjetey in die Runde. Die Teilnehmer steigen ein und sofort ertönt ein lautes Trampeln. Dann soll jeder von ihnen reihum beim rechten Aufstampfen seinen Namen nennen. Die Koordination von Stampfen, Namen aufsagen und im Takt bleiben ist nicht leicht und führt zu einiger Verwirrung. Immer wieder hört man lautes Gelächter – insbesondere als eine Teilnehmerin reflexartig einen männlichen statt einen weiblichen Vornamen nennt. In den Gesichtern der Teilnehmer spiegeln sich neben Freude auch Konzentration und Anstrengung wider. Ihre Augen blicken starr auf die Handbewegungen Adjeteys. Beim afrikanischen Trommeln leben sie ihr musikalisches Talent aus und tauchen ein in eine andere Kultur. Gleichzeitig ist Trommeln anstren-

gend und kann auch mal weh tun, wenn man eine falsche Technik anwendet. „Ein junger Teilnehmer in einem anderen Workshop zeigte mir mal seine roten Hände und sagte: ‚Ich glaube, ich habe eine Allergie!‘“, sagt Adjetey und lacht. „Deshalb ist es wichtig, immer darauf zu achten, nicht am Rand der Trommel zu schlagen.“ Mittendrin in der afrikanischen Kultur Wieder schwillt Trommelwirbel an. Mittlerweile haben die Teilnehmer alle Anschlagtechniken geübt und wenden sie hintereinander an. Sie schlagen mal schneller, mal langsamer, mal lauter, mal leiser. Dadurch entsteht eine rhythmische Abfolge, die ein traditionelles afrikanisches Trommelstück ergibt. Die Trommeln sind noch aus einiger Entfernung zu hören. Wer die Augen schließt, verlässt unmerklich das Laurentianum, Arnsberg und schließlich das Sauerland und ist mittendrin in der afrikanischen Kultur.

Haiku Rotes Glas erstrahlt, von Sonnenlicht beschienen, wirft bunte Schatten. Die Zeit verfliegt schnell, in Schritten geht es weiter, das Kunstwerk – es wird. Blumen ohne Licht, Schmetterling um Mitternacht, Glas erklingt im Wind. Ute Balkenohl

Kunst wirkt öffentlich Kunst braucht Kommunikation Der Funke springt über. Dozent Adjei Adjetey Foto: Theresa Maas

Der Dozent Adjei Adjetey stammt aus Ghana und ist professioneller Trommler. Er hat nach einer Ausbildung zum technischen Zeichner seine Leidenschaft zum Beruf gemacht und gibt in ganz Deutschland Trommel-Unterricht. Interessierte Trommler können sich auf seiner Homepage www.adjetey.de informieren.

Fest für die Sinne Kunst macht vieles erst sichtbar hörbar, erlebbar. Präsentation Konzerte, Workshops, Walkacts. Open Space, Ausstellung. Marita Gerwin

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Workshops Wenn aus Scherben Kunst entsteht Teilnehmer fertigen Windspiele und Schmuckstücke Ute Balkenohl

S Aus Scherben entsteht ein Windlicht. Foto: Ute Balkenohl

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cherben klirren leise. Das Glas zerbricht mit einem trockenen Knacken. Die Schleifmaschine summt in hohen Tönen. Am Tisch mit der Klebefolie herrscht konzentriertes Schweigen, und an den Lötkolben ist die Wärme spürbar, die aus Einzelteilen Kunstwerke entstehen lässt. Kreativität ist der rote Faden, der sich durch den Kurs „Gläserne Kunst – Tiffany“ zieht. Vom roten Glas sind nur noch kleine Stücke geblieben, der Rest ist schon verarbeitet: in Windspielen, Schmuckstücken, Windlichtern. „Tiffany hat seine ganz spezielle, unverwechselbare Art. Ich möchte gerne eigene Designs fördern“, erläutert Dozentin Brigitta Weidlinger-Kaiser und führt durch den Raum, in dem jeder Verarbeitungsschritt seinen Platz hat. Brigitta Weidlinger-Kaiser lernte die „gläserne Kunst“ in Salzburg kennen, reiste unter anderem schon durch die USA, den Pazifik, Neuseeland und Asien. Ihr Lieblingsstück, das Fensterbild „Lebenslabyrinth“, ist in Heidelberg entstanden und begleitet sie auch in diesem Kurs. „Eigentlich sollte es auf Augenhöhe hängen, damit man den Spiegel im Innersten sehen kann“, erzählt sie und deutet auf die viereckige Glasscheibe im

Zentrum des Kunstwerks. Das Stück füllt fast das gesamte Fenster aus. „Ich wollte auch zuerst ein Fensterbild erstellen. Aber dazu braucht man schon viel Zeit, und man muss alles doppelt machen. Hier kann ich viel mehr Kreativität einbringen“, sagt Teilnehmerin Christiane Schulz aus Langscheid und zeigt auf ihre Einzelteile vor sich. Sie erstellt nun ein Windspiel, taucht völlig in die Arbeit ein. „Man hätte noch stundenlang weitermachen können“, schwärmt sie von den vergangenen zwei Tagen. Der Kurs ist der Ausgleich zum Alltag, hier bekommt sie einen freien Kopf. Auch Claudia Fischer aus Arnsberg ist begeistert. Sie hat schon mehrere Werkstoffe ausprobiert, aber das bunte Glas lässt ihre Augen leuchten. Immer wieder hält sie es ins Gegenlicht, um das Farbenspiel zu testen. Vor Hans Vornweg aus Hachen liegen schon drei fertige Elemente: eine Weinrebe, ein Weinglas, eine Ente. „Das vierte Stück wird die Kochmütze“, erklärt er mit verschmitztem Lächeln. Der Hobbykoch kreiert seine eigene Außenleuchte. Demnächst kann jeder schon von weitem sehen, dass bei ihm gut gekocht wird. Die Kunstwerke füllen nach und nach den Raum. Ob es so auch bei Dozentin Brigitta WeidlingerKaiser zu Hause aussieht? Sie lacht. „Leider noch nicht. Ich bin noch nicht ganz so lange in meiner neuen Wohnung. Bisher hängen eher Werke von anderen Künstlern bei mir. Aber das wird noch …“

Tiffany – der Begriff Den Namen bekam „Tiffany“ von dem amerikanischen Glas- und Malerkünstler Louis Comfort Tiffany (1848 -1933), der als einer der bedeutendsten Vertreter des Jugendstils gilt. Er verband als erster Glasstücke mit Kupferfolie und Lötzinn und wurde mit dieser neuen Verarbeitung weltberühmt. Die Liebe zum Detail verhalf ihm zum Erfolg und wird heute noch oft nachgeahmt, vor allem bei der Gestaltung von dreidimensionalen Gegenständen wie bei der Fensterverglasung, Tischleuchten oder Lampenschirmen.


Workshops Wissen, was wirkt Ebenbilder – Workshop Fotografie Petra Krutmann

Plötzlich Modell: Kunstsommer-Reporterin Petra Krutmann (M.). Foto: Workshop Ebenbilder

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lötzlich ist man Modell. Nur einfach sitzen bleiben, aus dem Fenster schauen, nach oben gucken, den Kopf zur Seite drehen. Es geht klick, klick … Im Fotostudio von Barbara Anneser findet ein Workshop statt. Ebenbilder – Porträtfotografie statt. Anneser steht inmitten der Teilnehmer, zwei Männer und neun Frauen, und schaut mitgebrachte Fotokarten und Fotobücher an. In dieser

lockeren Atmosphäre erklärt sie an einer Teilnehmerin, die vor einem Fenster steht, die unterschiedlichen Lichtverhältnisse. Anhand eines schwarzen Reflektors verändern sich Schatten im Gesicht. Mit einem Goldenen wirkt das Gesicht weicher, mit einem Silbernen härter. Noch mal in diese Ecke gehen, mal steht eine Fotografin auf der Leiter oder geht in die Knie. „Probier das Ganze noch einmal mit Blende 9“, gibt Anneser als Tipp. Manchmal fotografiert jeder jeden im Raum alles, um sich der Porträtfotografie zu nähern. Am Nachmittag verlassen alle das Atelier um auf der Straße Ebenbilder in verschiedenen Situationen zu porträtieren. Anneser gibt an diesem Tag viel von ihrem Wissen weiter: Erst am Freitag (10. August) wurde die Ausstellung, die genauso wie der Workshop „Ebenbilder“ heißt, in der Handwerkskammer Arnsberg eröffnet. Die 40 Porträts sind vorwiegend in Schwarz-Weiß gehalten und im Studio erstellt. Durch die Texte zu den einzelnen Porträts bekommen diese eine besondere Wirkung. „Am Anfang jeden Jahres überlege ich mir eine Aufgabe“, erklärt Anneser. In den vergangenen Jahren schuf sie unter anderem die Porträtserie „Ein starkes Team“. Hier haben sich Familien, Arbeitskollegen, Vereine, Freunde zusammen fotografieren lassen. Bei „Menschen im Sauerland“ setzte sie Bäuerinnen, Bauern, Metzger, Schaf und Schäfchen in Szene. „Weibsbilder“ und „Mannsbilder“ zeigten Porträts außergewöhnlicher Frauen und Männer. Wir sind gespannt auf Barbara Annesers nächstes Projekt.

Die Dozentin Barbara Anneser arbeitet als selbstständige Fotografenmeisterin. Sie ist in Berghausen im Sauerland geboren und Mutter zweier Töchter. Nach ihrer Ausbildung im Sauerland, absolvierte sie ihre Gesellenjahre in Düsseldorf. Ihre Meisterprüfung machte sie in Hamburg.

Barbara Anneser (l.) gibt Tipps. Foto: Workshop Ebenbilder

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Workshops Eine Liebe fürs Leben Im Workshop „Möbelobjekte aus Stammholz“ ist viel Kraft gefragt Marita Gerwin

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ris Honig aus Arnsberg, eine zierliche, sportliche Frau in schwarzer Latzhose, sitzt auf einem Baumstamm. Sie trägt derbe Arbeitsschuhe, die langen schwarzen Haare zu einem Zopf gebunden. Ihre Hände schützen abgewetzte Lederhandschuhe. „Ich weiß, was ich will, und ich kann zupacken“, signalisiert ihr Erscheinungsbild. Die fröhlichen dunkelbraunen Augen sind auf ihr Werkstück gerichtet. Konzentriert bearbeitet Iris Honig das Stammholz mit ursprünglichen Handwerkszeugen. Körperliche Kraft und Energie sind spürbar – eine Powerfrau: „Ich sag‘ immer wieder zu mir selbst: ‚Das schaffst du!‘“ Schweißperlen kullern ihr von der Stirn. Sie lächelt. Iris Honig hat sich ein großes Ziel gesetzt: Sie möchte in diesem Workshop einen Tisch für ihr Wohnzimmer mit Beistelltisch herstellen. Ob sie weiß, worauf sie sich da einlässt? Dynamisch hackt, sägt, spaltet und höhlt sie ihr Werkstück aus. Mit der rechten Hand führt sie geschickt eine knallrote Bügelsäge hin und her. Sägespäne fliegen durch die Luft. Winzige Holzstücke purzeln auf die Wiese. Iris Honig zaubert zentimeterweise aus dem Stamm die Form hervor. Im Gras liegen griffbereit Sägeblätter, Stemmei-

sen, Holzschlegel, Zollstock, Kreide und Bleistift, ihre Handwerkzeuge. „Mitten in der Nacht, um halb vier, bin ich heute aufgewacht, um mir eine Schmerztablette reinzuziehen, weil mir die Schulter so weh tat“, berichtet Iris Honig. „Doch ich bin mir sicher, wenn ich hier fertig bin, sind alle Schmerzen vergessen, wie bei einer Geburt. Jede Blase lohnt sich.“ Sie greift zur Axt und legt los: tack, tack, tack – bis die Fetzen fliegen. Es duftet nach Eichenholz. „Ich spreche mit meinem Tisch, ich streichele ihn immer und immer wieder.“ Sie legt den Kopf zur Seite, tritt einen Schritt zurück und betrachtet ihr Werkstück mit kritischem Blick. Wird es ihren Ansprüchen genügen? Drei Tage später präsentiert sie stolz ihr Stück – sie strahlt Zufriedenheit aus. Man ahnt, wie viel Muskelkraft und Schweißtropfen in diesen Tisch geflossen sind. „Eine Tablette brauche ich nicht mehr! Die erste Ibuprofen war Gold wert“, erzählt sie lachend. Sie hat noch mehr Blessuren davon getragen: einen eingequetschten Finger, Knieprobleme und blaue Flecken. „Aber ich bin glücklich!“ Verliebt streichelt sie über die Rundungen ihres Tisches. Eine Liebe fürs Leben – geboren im Kunstsommer-Workshop „Möbelobjekte aus Stammholz.“

Iris Honig hackt, spaltet und höhlt – irgendwann ist das ein Tisch. Foto: Marita Gerwin

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Workshops

Franz Schröger, Foto: Marita Gerwin

Bildhauerisches Tai Chi Franz Schröger schwört auf Anstrengung und Entspannung Marita Gerwin

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it seinem breitrandigen Strohhut, den lebendigen Augen, dem offenem Blick und den Händen, die auf seine handwerklichen Erfahrungen hinweisen, beobachtet Franz Schröger gelassen das Geschehen im Workshop „Möbelobjekte aus Stammholz“. Der Innenarchitekt und Kunstbildhauer aus Romelsloh leitet den Workshop. Alle Teilnehmer mögen sein angenehmes zurückhaltendes Wesen und seine Kompetenz. Er vermittelt ihnen die Technik, die Kniffe, gleichzeitig auch die nötige Gelassenheit und Ruhe, sich künstlerisch dem Stammholz zu nähern. Er schlendert über die Festwiese, gibt seinen Rat und sein Expertenwissen weiter, wenn er gefragt wird. Gerade diskutiert er mit den Teilnehmern Norbert Baumeister und Bernd Koch, die beide einen Tisch kreieren: der eine aus Zedernholz, der andere aus einer dicken Eiche. Eine BleistiftSkizze lehnt an einem Baumstumpf. „Riechen Sie mal, wie das Zedernholz duftet“, fordert Norbert Baumeister auf. Tatsächlich: unverwechselbar. Es riecht nach Zedernhölzern in Omas Kleiderschrank, die die Motten fernhalten sollten. Eine schlanke Taille, soll er bekommen, der Tisch von Norbert Baumeister. „Mein lieber Scholli, das ist aber ‘ne Nummer“, kommentiert ein Besucher,

der Norbert Baumeister bei seiner künstlerischen Arbeit über die Schulter schaut. Lachend antwortet der: “Ja, da haben Sie recht. Ich komme nur sehr langsam zum Ziel. Man braucht körperliche Fitness, um diesem Stammholz eine Form abzuringen. Axt und Säge kenne ich bisher nur zum Zerkleinern, nicht zum Gestalten. Schauen Sie, dieser Ast hier. Ich gebe der natürlich verlaufenden Maserung eine besondere Bedeutung, in dem ich sie herausarbeite.“ Kursleiter Franz Schröger bringt sich in das Gespräch ein: „Das ist ein Prozess, der sich ganz allmählich entwickelt. Wir betreiben hier ‚Bildhauerisches Tai Chi‘ und ‚Werkzeug-Akrobatik‘“, sagt Franz Schröger und alle lachen. „Ich habe einen besonderen Bezug zum Eichenbaum. Die Eiche hat was Beständiges.“ Ihm geht es um Reduktion, denn in der Einfachheit liegt die Essenz. So ein Stammholz hat Präsenz. Die Stämme könnten auch unbearbeitet hingelegt werden. Sie wirken durch sich selbst. Die Eiche ist erlebbar. „Es geht darum, einen sinnvollen Rhythmus zu finden, um durchzuhalten. Es ist ein Wechselspiel von Anstrengung und Entspannung.“ Zustimmendes Kopfnicken in der Runde der Teilnehmer. Das war das Schlüsselwort: Sie läuten eine ausgedehnte Mittagspause im Schatten einer dicken Eiche ein.

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Workshops

Gemeinsam mit den Praktikanten Juliane Rogge, Lina Brake und Marjorie Even hat Kathrin Ueberholz die Kunstwerke in der Kirche angebracht. Foto: Ute Balkenohl

Kunst in der Kirche „Kommunikative Drahtbügel“ widmen sich dem Thema Kommunikation Ute Balkenohl

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s ist still in der Auferstehungskirche. Die Ausstellung hat noch nicht begonnen. Vor den Fenstern sind transparente Werke angebracht. Sie lassen Licht herein und den Blick hinaus. Die Klarsichtfolien von Heike Wiegand-Baumeister ergänzen sich mit dem Blau des Himmels, lassen die farbenfrohen „Botschaften“ erstrahlen. Wer die Kirche durchquert, entdeckt neue Blickfänger, wird von ihnen in neue Bereiche gezogen. Wie eine Stola schmückt das gelbe Kleid die Kanzel. Der Geruch von Bienenwachs steigt in die Nase. Wachs und Fäden verbinden sich zu einem Kleid, das dem der Engel in den Kirchenfenstern gleicht. Engel, die Botschafter zwischen Mensch und Gott. Der große Fisch von Rosi Luigs „Anglerglück“ schwebt als Symbol der Christen im Eingang. Immer wieder wird die Verbindung von Kunst und Kirche in den Werken aufgegriffen. Eine große schwarze Decke an der Wand fesselt die Aufmerksamkeit. Aus schwarzem Stoff sind Mann und Frau als Scherenschnitt herausgearbeitet. Mann und Frau, Adam und Eva.

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Ein buntes Kreuz ziert eine Nische. Hier findet sich auch das Kunstwerk „Hallo, hier spricht S.“ von Sonnia Janssen: Telefonkarten aus aller Welt zeugen von unzähligen Gesprächen mit Freunden und Familien. Die „Monstranz“ von Maria Wilkop scheint über dem Mittelpunkt des Raumes zu schweben. Eine Monstranz in einer evangelischen Kirche? Vielleicht eine Art Dialog der Kirchen, kunstvoll ausgedrückt. An anderer Stelle fällt eine Kreation in Blau ins Auge: Ein Hut aus Kronkorken, Kleiderbügeln und Federn ist mit viel Liebe zum Detail erstellt worden. Sogar die Ohrringe an dem Ausstellungskopf darunter sind farblich abgestimmt. Jeder Künstler nähert sich dem Thema auf seine ganz eigene Art. Das genutzte Material lässt erahnen, aus welchem Bereich der Künstler kommt. Die Werke geben viel von ihm Preis – seiner Lebenswelt, seinen Erfahrungen, seinen Vorlieben. Das Werk „Tonspuren“ von Heike Wiegand-Baumeister hängen als Bandsalat vom Drahtbügel herab. Gestörte Kommunikation, veraltete Medien.


Hinter den Kulissen „Irgendwann greift alles ineinander“ Das Kulturbüro hält beim Kunstsommer die Fäden in der Hand

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eter Kleine bekommen wir in diesen Tagen nicht so leicht an die Strippe – der Leiter des Kulturbüros hat alle Hände voll zu tun: Künstler müssen betreut, Teilnehmer nach- oder abgemeldet und letzte Requisiten beschafft werden. Gemeinsam mit dem Team aus dem Kulturbüro wuppt er den Kunstsommer. In einem ruhigen Moment beantwortete er MosaikReporterin Juliette Ritz ein paar Fragen. Mosaik: Die Hälfte des Kunstsommers ist schon vorüber. Wie fällt Ihr Resümee der vergangenen Tage aus? Peter Kleine: Der Kunstsommer funktioniert wunderbar als Plattform für verschiedene künstlerische Initiativen. Ein Beispiel: Gerade sitze ich an der Ruhr und schaue auf die Arbeiten heimischer Künstler im Wasser. Gegenüber auf der Festwiese finden Workshops statt und neben mir sorgt Heinz-Werner Bauerdick von RWE für eine zauberhafte Beleuchtung. Wir haben von so vielen Menschen und Firmen Anregungen und Unterstützung bekommen. Ohne sie wäre diese Veranstaltung gar nicht möglich gewesen.

etwa das Festival am vergangenen Wochenende. Wir hatten ein vielseitiges Bühnenprogramm, ausgezeichnete Acts und ein begeistertes Publikum. Eindruck hinterlässt auch eine Berliner Künstlergruppe, die eine Künstlerin aus unserer Region hierher geholt hat. Sie setzten sich im Salon Juchmann mit dem Thema Leerstand auseinander – sehr konzeptionell. Gleich gegenüber engagierte sich ein Essener mit niederländischen Künstlerfreunden. Ihre Paper Toys haben eine ganz besondere Formensprache, die bei den Besuchern gut ankam. Die Menschen sind im Kunstsommer sowieso viel eher bereit, sich auf einen Austausch einzulassen. Wie geht es nach dem 19. August weiter? Nahtlos: aufräumen, Rechnungen bezahlen, alles wieder an seinen Ort bringen. Für die meisten beginnen dann direkt die nächsten Veranstaltungen. Die Theater starten wieder mit ihrem Programm, und die Phantasiewerkstatt, betreut von Ulrike Stratmann, geht weiter. Was da im Moment schon parallel geleistet wird, ist wirklich unglaublich!

Wie sah in den vergangenen Tagen und Wochen ein typischer Tag bei Ihnen aus? Ähnlich wie bei allen Kulturbüro-Mitarbeitern: permanent telefonieren, reden, sich auf ordentlich geführte Zettel verlassen, ganz viel anschauen und aufnehmen, spontan organisieren. Wir sind eigentlich nonstop im Einsatz. Unglaublich ist etwa das Pensum, das unser Azubi Tim Werner in den vergangenen Tagen absolviert hat: Er war Freitag, Samstag und Sonntag ganztägig auf dem Kunstsommer unterwegs. Da braucht man viel Motivation. Was spornt Sie an? Andreas Witte aus dem Kulturbüro hat es so schön gesagt: 'Irgendwann fängt alles an, ineinanderzugreifen.' Ein tolles Gefühl, wenn man merkt, dass die Künstler gut drauf sind, die Musiker Leidenschaft versprühen und eine positive Resonanz aus dem Publikum kommt. Das beflügelt. Ihre persönlichen Highlights? (überlegt) Mich hat vieles beeindruckt. Toll war

Peter Kleine Foto: Kulturbüro

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Umfrage Was ist Ihr Kunstsommer-Highlight 2012?

Andreas Papenbrock, Teilnehmer „Möbelobjekte aus Stammholz“, Oeventrop „Für mich waren die Auseinandersetzung und Grenzerfahrung mit Kraft besondere Herausforderungen. Wir haben mit sehr massiven Elementen gearbeitet. Nach vier Tagen merken Sie, was Sie getan haben.“

Anja Elkmann, Teilnehmerin „Holzbildhauerei“, Andernach/Rhein „Die Stimmung unter den Künstlern ist toll, die Energie um uns herum einmalig – sie beflügelt!“

Brigitte Klingler, Teilnehmerin „Holzbildhauerei“, Moers „Mein persönliches Highlight wird mein Werkstück – wenn es denn mal fertig ist.“

Prof. Dr. Reinhard Voß, Teilnehmer „Holzbildhauerei“, Köln „Toll waren die schottischirischen Bands ‚Cara‘ und ‚Old Blind Dogs‘ auf der Bühne I. Lebendige Musik, Sonne, nette Menschen und Getränke – das war Sommer pur!“

Paula-Luise Madden, Teilnehmerin „Cello“, Soest „Ich finde es immer wieder cool, wie die Menschen hier an den Skulpturen arbeiten. Wenn ich groß bin, will ich auch mal an so einem Kurs teilnehmen.“

Arischa, Labrador-Hündin aus Essen „Mir haben vor allem die Ruhr und der Eisbär gefallen.“

Anneliese Schaffranik, Besucherin Kunstsommer, Unna/Arnsberg „Die gehäkelten Dinger auf dem Gutenbergplatz. Und die bunten Mülleimer.“

Nicole Horn, Helferin in der Kulturschmiede und bei der Übermittagsbetreuung der Zirkus-Workshop-Kinder, Arnsberg „Arnsberg lebt zu dieser Zeit.“


MOSAIK - Das Kunstsommermagazin