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Kirche und Welt Die Zeitschrift der Evangelisch-methodistischen Kirche der Schweiz

Junge Erwachsene suchen frische Ausdrucksformen für Kirche

«Pimp my car» als Gottesdienst Seite 8/9

Für Christus geht er von Haus zu Haus

Das falsche Instrument!?

Damit Begegnungen stattfinden können

Samuel Goia arbeitet als Laienmissionar in Rumänien Seite 4

Argumente für /gegen die Mindestlohninitiative Seite 18/19

Die EMK Lenk hat sich bewusst auf einen Lernweg begeben Seite 22/23

The United Methodist Church


Inhaltsverzeichnis Editorial  Samuel Goia arbeitet als Laienmissionar in Rumänien

Für Christus geht er von Haus zu Haus 

Die Umfrageergebnisse von 2013 helfen beim Ausbau der Zahlstelle

«Schön, dass es dich gibt»  Wer Jesus nachfolgt, bricht immer wieder neu auf

Auf dem Weg des Glaubens  Junge Erwachsene suchen frische Ausdrucksformen für Kirche

«Pimp my car» als Gottesdienst 

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Simon Kiener erzählt sein Geschichte als Jugendlicher in seiner Gemeinde

«Ich erhielt Verantwortung und Freira um, wurde gefordert und gefördert»

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«basic» – die Jugendarbeit der EMK Muhen

«Ich habe das gefunden, was ich ein Leben lang gesucht habe!» Junge Menschen sammeln mit Connexio Erfahrungen

Von «Methodist Movie» bis «Youth Camp» Weltgebetstag 2014 in Winterthur

Ökumene leben – gemeinsam beten «Roman 828 38 39» brachte schon vor der Aufführung viel in Bewegung

Gottes Liebe im Scheinwerferlicht in Schaffhausen Argumente GEGEN die Mindestlohninitiative

Mindestlohn ist das falsche Instrument Argumente FÜR die Mindestlohn-Initiative

Jesus prägt die Gesellschaft

Die EMK Lenk hat sich bewusst auf einen Lernweg begeben

Damit Begegnungen stattfinden können Teilhaben an der Mission Gottes

Die gespiegelte Wirklichkeit

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Editorial Liebe Leserin, lieber Leser «Nichts ist beunruhigender als eine ruhige Jugend.» (A.Bellstorf) Durch die Themenseiten dieser Ausgabe weht allerdings ein frischer Wind. Die Takano Fachstelle fragt mit verschiedenen Beiträgen, was junge Menschen in der Kirche suchen, und wie Kirche und Gemeinde sich dadurch verändert. Provozierende und ermutigende Beiträge sind dabei zusammen gekommen.   Zu dem frischen Wind gehören auch die Methodist Movies. Sie sind als Projekt an einer Jugendkonferenz entstanden. Dass sie umgesetzt werden konnten, ermöglichte Connexio. Auch andere Angebote speziell für Jugendliche und junge Erwachsenen realisiert das Netzwerk für Mission und Diakonie.   Kirche und Gemeinde in einer neuen Weise zu verstehen und zu leben, darauf zielt auch der «missionale Gemeindebau» an der Lenk. Samuel Humm erzählt von einer Begegnung, die ihn verändert hat – auch darum, weil sie so ganz anders verlief, als er erwartet hatte.   Auch Üllas Tankler ermutigt dazu, nicht nur wie gebannt auf die «alte Kirche» zu starren, sondern zu entdecken, wie Gott in zeitgemässer Art und Weise unter uns handelt. Vielleicht bläst uns in dem «frischen Wind» ja der Geist Gottes an, um uns mit neuem Leben zu erfüllen?

Sigmar Friedrich Redaktor

Ohne die grossen Worte … Von Stefan Moll

«7 Wochen ohne». Auf Empfehlung des Zentrums für evangelische Predigtkultur sollen Prediger grosse Worte während der Fastenzeit meiden: Gott, Busse, Umkehr, Frieden, Treue, Liebe, Wahrheit… Die Meinungen sind geteilt: «Schnapsidee», finden die einen. «Endlich», antworten andere.   Im Projekt «Soteriologie» sucht ein Team einen Weg, wie wir in unserer Welt das Heil (auch eines der «grossen Worte») zur Sprache bringen können. Für diese Suche finde ich die Idee aus Wittenberg inspirierend. Nur zu rasch werden aus grossen Worten leere Hülsen. Allerdings: so weit wie eine Pfarrerin würde ich nicht gehen. «Sünde», schreibt sie auf Facebook, «kommt in meinen Predigten nicht vor». Schade auch! Auf das Wort könnte ich ja pfeifen, aber die Sache ist wichtig.   Ich merke jedoch, dass auch die Sache ungehört verhallt. Lauter rufen hilft da nichts. Wenn das, was wir über Sünde (und Heil, Christus, Geist...) zu sagen haben, nicht an die Erfahrungen der Menschen andocken kann, verhallt auch der Inhalt. Vielleicht hilft es, neu auf Bibel und Tradition zu hören. Ich habe den Verdacht, dass z.B. «Sünde» uns da viel näher kommt, als uns lieb ist. Hören wir diesen Begriff neu, sagt er nicht mehr viel über die anderen, sondern er spricht zu uns. Das wäre ein spannender Ausgangspunkt, über das Heil in Christus ins Gespräch zu kommen.

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ZENTRALKONFERENZ

«Strassenarbeiter»: Samuel Goia bezeugt Roma die Liebe Gottes.

Samuel Goia arbeitet als Laienmissionar in Rumänien

Für Christus geht er von Haus zu Haus Von Urs Schweizer / Samuel Goia

Es begann vor zwei Jahren. Als Laienmissionar war Samuel Goia in den Dörfern rund um Cluj-Napoca (Ru-

Samuel, und ich habe oft gesehen, wie du in unser Dorf gekommen bist, um mit den Menschen in der Nachbarschaft und mit meiner Mutter über Jesus zu sprechen.»

mänien) unterwegs. Die Wege, auf denen er ging, waren teilweise sehr schlecht. Aufzuhalten vermochte ihn dies jedoch nicht. Sein Herz schlägt für die Menschen in den Dörfern: Roma, die gesellschaftlich an den Rand gedrängt sind und mit Ablehnung und vielen Vorurteilen zu kämpfen haben. Mit ihnen will er die Liebe Gottes teilen.

Als Samuel Goia ins Dorf Ma˘rtines˛ti kam, verwickelte ihn die Roma-Frau Maria in ein Gespräch. Irgendwann lud sie ihn in den Garten ein, damit er auch mit ihrem Sohn Cristian sprechen würde. Samuel Goia hatte ihn zwar bei früheren Besuchen schon gesehen, aber noch nie ein Wort mit ihm gewechselt. Umso überraschter war er, als Cristian ihn mit einem «Hallo» begrüsste. Samuel Goia fragte ihn: «Weisst du denn, wer ich bin?» Cristian antwortete: «Natürlich. Du bist

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Anfangen und wachsen Eine solche Offenheit hätte Samuel Goia nie erwartet. Noch überraschter war er, als Cristian ihn ins Haus einlud. Im folgenden Gespräch erklärte er Cristian das Evangelium. Dieser saugte alles auf – und schliesslich sagte er: «Ich will mit diesem Jesus Christus leben. Und ich möchte zu euch in die Kirche kommen.»   Von jenem Tag an besuchte Samuel Goia diese Familie regelmässig. Ende Januar 2014 startete der Laienmissionar einen Hausbibelkreis in ihrem Haus. Cristian wollte mehr über Jesus wissen – und darüber, wie er ihm dienen könnte. Seither treffen sie sich jeden Dienstag, um gemeinsam die Bibel zu lesen, zu beten und darüber auszutauschen, was Jesus bis jetzt schon in ihren Leben getan hat.

Der Heilige Geist verändert Samuel Goia wollte einfach ein Freund sein für Cristian.Manchmal zweifelte er daran, dass dieser junge Mann ihm überhaupt zuhören würde. Aber dann hörte er ihn seine eigenen Worte wiederholen, und ihm wurde klar: Er hatte nicht nur gehört, er hatte auch verstanden. Die Begegnungen mit Cristian waren ermutigend: der Heilige Geist verändert auch heute noch Menschen.

ZUR PERSON Samuel Goia (33), verheiratet, zwei Töchter. Mit einem Team geht er Woche für Woche in die Dörfer, besucht alte Menschen, organisiert Kinderprogramme, baut Hauskreise auf und leitet Jüngerschaftskurse.   Connexio unterstützt mit der Sammlung für die Pastorengehälter in Osteuropa auch die Arbeit in Rumänien.   EMK in der Schweiz, Connexio, 8004 Zürich PC-Konto 87-537056-9


ZAHLSTELLE

Gisbert Dörr: «Vielen Dank für die Antworten, Rückfragen, Anregungen und die Wertschätzung im Zusammenhang mit unserer Umfrage.»

Die Umfrageergebnisse von 2013 helfen beim Ausbau der Zahlstelle

«Schön, dass es dich gibt» Von Gisbert Dörr

Es ist kurz vor acht Uhr. Die Aufgabe vor mir hat schon das Prädikat «drin-

dass es dicht gibt.» Ja genau! Super, dass es diese Zahlstelle gibt. Das ist es, was Sie uns in der Umfrage immer wieder mitgeteilt haben.

gend»! Ja, ich brauche etwas Druck, damit werden die Prioritäten klarer. Was mich beschäftigt ist der Beitrag für Kirche und Welt den Sie gerade lesen. Arbeitstitel «Was wollten Sie schon immer mal von der Zahlstelle wissen?»

Können Sie sich erinnern an die Umfrage der Zahlstelle im Sommer 2013. Wer nicht! Was für eine Frage. Ich suche die Auswertung und finde dabei die persönlichen Rückmeldungen, die direkt an die Zahlstelle gesandt wurden. Ich danke Ihnen an dieser Stelle für die Teilnahme an der Umfrage. Die vielen Reaktionen, kritischen Denkanstösse, Bitten um Kommentare und die Wertschätzung machen diese Umfrage für mich persönlich so wichtig und erfolgreich. Eine Grusskarte Da springt sie mir förmlich ins Auge, die rosa Karte mit dem vor Freude tanzenden Mädchen. Sie hat mich irgendwann nach der Umfrage erreicht. Darauf steht dieser Gruss «Schön,

Ein Fragenkatalog Nun liegen die Fragen vor mir, die konkret gestellt oder in Ihren Antworten erkennbar wurden: • Warum gibt es kein Lohnkonto? • Wie sieht es mit der Sicherheit aus? • Darlehen an Private? • Zahlstelle? Nie gehört! Wusste gar nicht das es so was in der EMK gibt! • So viele Banken! Braucht es da eine Zahlstelle!? • Kirche und Bank, dass passt für mich nicht! • Kein Online-Banking? • Was wird mit meinem Geld gemacht? • Wer nutzt die Zahlstelle? • Wie sehen die Voraussetzungen aus für ein Konto? • Wer entscheidet und trägt Verantwortung? • Wie sieht die Zukunft der Zahlstelle aus? Ein Ausblick Das sind die Themen, denen sich die

Zahlstelle in den nächsten Monaten stellen wird. Wie man sieht, geht es bei der Zahlstelle nicht nur um Zahlen. Es geht nicht einmal nur um Geld. Obwohl wir für die EMK Schweiz und die Mitglieder und Freunde grosse Geldbeträge verwalten. Es geht um das Fundament, auf der die Zahlstelle steht.   Wir wollen die Fragen klären, Antworten geben und auch eine Diskussion führen. Möchten die Begeisterung, die in der Umfrage spürbar wurde, weitergeben. Wollen auch kritisch beleuchten! Wir werden das «Werk der Solidarität» in seiner Tradition vorstellen, den aktuellen Auftrag aufzeigen und Sie in die Vision Zahlstelle mitnehmen.   Ich freue mich darauf und gebe den Gruss an Sie weiter: «Schön das es dich gibt!»

MEHR ERFAHREN www.emk-zahlstelle.ch

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IHRE MEINUNG

Agenda SA., 4. APRIL Dynamo – Theologie für die Gemeindepraxis Neues Testament 2 EMK Zürich 4 9.00 –12.30 Uhr Infos / Anmeldung: Bildung+Beratung, 044 299 30 87, bildungundberatung@emk-schweiz.ch SA., 26. APRIL Samstagspilgern Thun-Allmendingen-Blumenstein 9.30 Uhr Kosten: CHF 20.– zzgl. Anreise Infos / Anmeldung: Walter Wilhelm, 061 311 35 86, walter.wilhelm@emk-schweiz.ch FR.–SO., 2.– 4. MAI Impulstage für Frauen «Netze knüpfen - Knoten lösen» Hotel Artos, Interlaken FrauenNETZwerk Infos: Hanni Ramseier, 071 351 19 17, hanni.ramseier@gmx.ch MI., 7. MAI Takano-Basiskurs für neue EMK-Mitarbeitende und Takano-Personen Takano EMK Olten 9.15–16.30 Uhr Infos: www.takano-online.ch SA., 10. MAI Dynamo – Theologie für die Gemeindepraxis Methodistische Theologie EMK Zürich Zelthof 9.00 –17.00 Uhr Infos / Anmeldung: Bildung+Beratung, 044 299 30 87, bildungundberatung@emk-schweiz.ch FR.–MO., 6.– 9. JUNI Fotokurs Besser fotografieren mit René Wethli Hotel Artos, Interlaken Kosten: CHF 728.– Infos / Anmeldung: Hotel Artos, 33 828 88 44, www.artos.ch

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Gold für Christoph Kunz Im letzten Alpin-Rennen der Paralympics in Sotschi hat Christoph Kunz im Riesenslalom die Goldmedaille gewonnen. Damit errang er die einzige Medaille für das Schweizer Team an den Paralympics. In der Märzausgabe von Kirche und Welt hatte der Sportler, der in der EMK Frutigen zuhause ist, in einem Interview von seiner Vorbereitung auf die Wettkämpfe erzählt. Wir gratulieren ihm herzlich zu diesem Erfolg. Das Interview finden Sie online unter issuu.com/emk_schweiz

Eric Nussbaumer in der Heilig-Geist-Kirche in Flüh Die Heilig-Geist-Kirche im solothurnischen Flüh wurde vor 40 Jahren als erste ökumenische Kirche der Schweiz eingeweiht. Zur Feier dieses Jubiläums werden im Rahmen eines «ökumenischen Jahres» am letzten Sonntag jedes Monats Vertreter aus unterschiedlichen Glaubensgemeinschaften den Gottesdienst mitgestalten. Dabei wird am 27. April der Methodist und SP-Nationalrat Eric Nussbaumer zu Gast sein und die Predigt halten. Der Gottesdienst beginnt um 10 Uhr. oekumenische-kirche.ch

«Ich bete für die Ukraine…» Methodist/innen aus Kiew in der Ukraine fordern in einem Video mit einem gesungenen Gebet auf, für Einheit und Frieden in ihrem Land zu beten. Bischof Eduard Khegay berichtet auf der Homepage der EMK in Eurasien von einem Treffen von Pfarrpersonen Mitte März in Transkarpatien, im Westen der Ukraine. «Aus dem Osten den Landes konnten viele nicht an unser Treffen nach Transkarpatien kommen», schreibt er. In der Zeit der politischen Krise beschreite die Kirche dennoch konsequent den Weg des Evangeliums, das heisse: aktiv den Menschen zu dienen, Hoffnung und Glaube zu predigen und Gottes Macht und Fürsorge in der Geschichte der Menschheit zu bezeugen. «Stehen wir doch im Gebet ein für die Brüder und Schwestern in der Ukraine», fordert er auf. is.gd/QMAaG4

Der fehlende Ort Dass der Distriktstag, von dem in der letzten Ausgabe von Kirche und Welt berichtet wurde, in der EMK Basel Allschwilerplatz stattfand, war im Beitrag nicht explizit erwähnt worden und hat beim gastgebenden Gemeindebezirk Irritationen hervorgerufen, für die wir uns entschuldigen.


AUS DEM K ABINETT

Martin Streit: «Glauben heisst, sich mit Fremdem und Unbekanntem auseinanderzusetzen.»

Wer Jesus nachfolgt, bricht immer wieder neu auf

Auf dem Weg des Glaubens Von Martin Streit

Obwohl ich in meiner bisherigen Modellbautätigkeit erst wenige Modelle erstellt habe und heute keines mehr in meinem Besitz ist, betrachte ich mit glänzenden Augen und voller Interesse, was andere detailgenau nachgebaut haben. Egal ob es sich um Schiffe, Flugzeuge, Baumaschinen oder Puppenstuben handelt.

Seit fünf Jahren konstruiere ich mein eigenes grosses Modellschiff. Ich spüre, dass mir das Konstruieren mit dem CAD-System, das Bauen auf der Werkbank und der Umgang mit unterschiedlichen Werkstoffen sehr gefällt. Stück für Stück vorankommen und sich an jedem Schritt freuen, der mich dem Ziel näher bringt. Selbstverständlich gibt es auch Rückschläge, verlorene Zeit und Enttäuschungen. Das gehört dazu. Wundervolles Ziel Meine Freunde wissen um mein Projekt und fragen immer wieder: «Wie weit bist du? Wann wirst du fertig?» Ja, wann kommt der Moment, an dem mein Modellschiff vollendet ist? Ich weiss es nicht. Und doch träume ich

vom Stapellauf. Ich höre die Musik «Abschied der Slawin» erklingen und sehe, wie das Schiff majestätisch ins Wasser gleitet. Die ganze Choreografie der Schiffstaufe läuft wie ein Film in meinem Kopf ab. Es wird wundervoll sein! Eigentlich ist mir der Zeitpunkt der Bauvollendung nicht besonders wichtig. Er spielt eine Nebenrolle. Das Bauen selbst ist für mich ein grosser Teil des Zieles. Der Weg ist die spannende Aufgabe, damit der wundervolle Stapellauf einmal stattfinden kann. Zu neuen Ufern Ähnlich geht es mir als Christ im täglichen Leben. Wir leben in dieser Welt mit all ihren guten und schwierigen Seiten. Dabei erleben wir Höhen und Tiefen, Schmerzen und Freuden. Trotz allem gelingt es zwischendurch, ein Wegstück näher ins Reich Gottes zu kommen. Jesus Christus nachzufol-

gen hat nichts mit Sitzen auf einem sanften Ruhekissen zu tun. Der Glaube bietet nicht nur Halt und Geborgenheit, sondern auch Auseinandersetzung mit Fremdem und Unbekanntem. Unser Weg als Christen beinhaltet immer auch in Neues aufzubrechen. Hoffnungsvoll gehen wir auf dem Weg des Glaubens und warten, bis es keine Schmerzen und Tränen mehr gibt. Wann wird der Zeitpunkt sein? Wann erreichen wir die vollkommene und unbeschreiblich paradiesische Gemeinschaft mit Gott? Ich weiss es nicht. Bis es soweit ist, leben und gehen wir auf dem Weg des Glaubens.   Ich wünsche ihnen ein gesegnetes Unterwegssein.

AUS DEM REISEKALENDER DES BISCHOFS IM APRIL 3. –6. 9.–13. 14.–16. ab 25.

Jährliche Konferenz Serbien-Makedonien, Kisac Jährliche Konferenz Ungarn, Nyiregyhaza Pfarrerversammlung in Polen, Klarysew Connectional Table und Arbeitsgruppe «Weltweite Kirchenordnung», Chicago USA

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THEMA

Impressum Zeitschrift der Evangelisch-metho­distischen Kirche in der Schweiz: Erscheint monatlich Redaktor: Sigmar Friedrich Redaktionsgruppe: Martina Läubli, Michael Schwaller Redaktionsadresse: Kirche und Welt, Postfach 1344, 8026 Zürich Telefon 044 299 30 85 redaktor@emk-schweiz.ch Abonnement: Schweiz: CHF 54.– (für Mitglieder und Freunde der EMK freiwillig) Ausland: CHF 75.– Postcheckkonto: EMK Schweiz, Zeitschrift Kirche und Welt, 8004 Zürich, 80-23018-5 Adressänderung/Abbestellung: Zentralverwaltung EMK Postfach 1344, 8026 Zürich Tel. 044 299 30 80, Fax 044 299 30 89 Mail: zentralverwaltung@emk-schweiz.ch Anzeigenverwaltung: Jordi AG – das Medienhaus Christian Aeschlimann Aemmenmattstrasse 22, 3123 Belp Telefon 031 818 01 25 Telefax 031 819 38 54 E-Mail: inserate.kuw@emk-schweiz.ch Insertionsschluss für 5/2014: 10.4.14 Grafik + Gestaltung: P+S Werbung AG, 8184 Bachenbülach www.pswerbung.ch Druck / Vertrieb: Jordi AG – das Medienhaus, 3123 Belp www.jordibelp.ch Kirche und Welt wird klimaneutral hergestellt: www.preservecreation.ch Bildnachweise: S.1.8 FotoWorx, photoXpress.com S.2 Plaßmann, gemeindebrief.de S.3,5,7 KuW S.4,10-14,18-19,22-23 zVg S.15 F.Fadel, wicc.org S.16,17 Samuel Rüegg S.24 Üllas Tankler

Junge Erwachsene suchen frische Ausdrucksformen für Kirche

«Pimp my car» als Gottesdi Von Reto Nägelin

In der Novemberausgabe von Kirche und Welt haben wir gefragt, warum der Kirche die Jungen davon laufen. Verschiedene Gründe dafür haben wir aufgezeigt. Die Berichte aus Büren und Muhen (s.S.10–13) zeigen, dass immer noch viele junge Menschen da sind. Welche Voraussetzungen braucht es dafür?

Eine Gemeinde lässt sich gut als Familie verstehen. Wenn ich darin aufgewachsen bin, fühle ich mich hier auch zu Hause. Vielleicht wird nicht alles immer für gut empfunden, aber vieles ist vertraut und bekannt.   Man merkt schnell, dass es in der EMK viele «Familienbande» und Verbindungen gibt. Hier ist es das A und O, dass junge Menschen ernst genommen werden und aktiv mitgestalten können, und dass sie mit der älteren Generation (Eltern) gemeinsam eine Form des Zusammenlebens finden können. Kulturunterschiede Wenn man Jugendliche erreichen möchte, die nicht in dieser Familie aufgewachsen sind, dann stellen sich

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besondere Herausforderungen: Jede Familie hat auch ihre «Kultur». Wenn man bei jemandem zu Gast ist, merkt man das sehr gut. Wie fühle ich mich in dieser Kultur? Ist sie mir nahe oder ist sie mir sehr fremd?   Je nach dem bin ich froh, wenn ich wieder gehen kann, weil ich hier völlig fremd bin. Vielleicht fühle ich mich auch als Gast und passe mich den Gegebenheiten an. Aber vielleicht werde ich aufgenommen, meine Art und Weise, meine «Kultur», wird interessiert angenommen und mit dem Bestehenden verbunden. Dann komme ich gerne wieder. Dann fühle ich mich als Teil der Familie. Zuhause sein Eine solche Offenheit zu leben ist eine grosse Herausforderung für eine Familie, aber auch eine wunderbare Bereicherung. Dies kann nur gelingen, wenn ich mich auf den Gast einlasse und auch bereit bin, mich ein wenig zurückzunehmen. Dann geht es nicht in erster Linie darum, dass ich mich wohl fühle, sondern dass der Gast sich zuhause fühlen kann. Dann wird er vielleicht zum Freund oder gar zum Bruder oder zur Schwester.


THEMA

Frischer Wind: Vielleicht werden in Zukunft junge Erwachsene ihren Gottesdienst beim «Aufpimpen» von Autos erleben.

dienst Generationen verbinden Als Takano-Fachstelle wollen wir mithelfen, dass Gemeinden Jugendliche ansprechen und für die Kirche begeistern können. Daher haben wir den direkten Kontakt mit den Gemeinden verstärkt und neu unter den Fachpersonen aufgeteilt. Auf unsere Kontaktaufnahme kam dann und wann die Antwort: «Wir brauchen keine Unterstützung. Wir haben keine Jugendlichen in der Gemeinde». Dies kann auch eine Ausrichtung sein. Jedoch ist es meiner Meinung nach besonders für eine EMK-Gemeinde elementar, dass sie generationenverbindend arbeitet.   Dieses Verbinden der Generationen kann nur gelingen, wenn die Generationen Schritte aufeinander zu machen. Es ist die Aufgabe der gesamten Gemeinde, eine Frage der Gemeindekultur. Manchmal versuchen wir, die Jugendarbeit zu delegieren. Klar, ein Jugendpfarrer ist eine geniale Idee, weil damit viele Ressourcen und ein grosses Engagement für die Arbeit mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen möglich wird. Jedoch nur dann, wenn die ganze Gemeinde auch wirklich bereit ist «frischen Wind» hinein zulassen.

Frischer Wind Grundlegend ist bestimmt, dass junge Menschen in der Gemeinde ihre Clique, ihre Peergroup finden können. Wenn sie dann auch noch ihre «Kultur» leben können, dann hilft das enorm.   Spätestens aber beim Übergang ins Erwachsenenalter (Stufe V, ab 17 Jahre) braucht es eine Kirche, die ihrer Lebenswelt entspricht. Die Ausdrucksform von Kirche («expression») ist für sozialisierte EMK-Jugendliche meistens nahe an den bestehenden Formen unserer Gemeinden. Die Ausdrucksform für externe Menschen ist oft ganz anders. Da braucht es diesen «frischen Wind» («fresh expressions»), wie das nachfolgende Beispiel aufzeigt: Gottesdienst beim Oldtimer Ein junger Automechaniker gehört zu einer EMK-Gemeinde. Er ist der «Missionar» in seinem kulturellen Umfeld. Er ist die Verbindung von der EMK zu den Automechanikern. Das «Aufpimpen» von Autos ist ihre gemeinsame Leidenschaft. Nun wäre es doch eine «frische Idee» der Kirche, wenn sie diesem jungen Mann das Geld zur Verfügung stellen würde, einen Old-

timer zu kaufen, diesen «aufzupimpen» und dann zugunsten von Connexio zu versteigern …   Natürlich ist es auch die Aufgabe der Theologen und der kirchlichen Gremien und Stellen, diesen jungen Mann in seiner Gemeinde zu unterstützen. Wichtig ist aber, dass das Ganze nicht das Ziel haben darf, dass diese jungen Automechaniker den Weg in den Sonntags-Gottesdienst finden müssen, sondern als Automechaniker ihren Gottesdienst beim «Aufpimpen» erleben. Vielleicht ist es dann auch kein Jugendprojekt mehr, aber auf jeden Fall eine frische Ausdrucksform von Kirche für alle interessierten Generationen. Kirche erleben Kirche für die Jugendlichen von heute und morgen muss erlebbar und erfahrbar sein. In einer vernetzten Welt sollte sie vernetzt sein mit der Lebenswelt der Jugendlichen. Nicht in erster Linie eine Organisation, sondern eine Erfahrung mit dem Gegenüber, das stützend, tragend und bereichernd hilft, das Leben zu meistern. 

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THEMA

Miteinander: Ein Element der Jugendarbeit in Büren a. A. sind die Teenagerlager. (Bild ganz rechts: Simon Kiener)

Simon Kiener erzählt sein Geschichte als Jugendlicher in seiner Gemeinde

«Ich erhielt Verantwortung und Freira Von Simon Kiener

Mein Startschuss in der Jugendarbeit fiel irgendwann im Teenageralter. Bis dahin gehörte ich zwar irgendwie zur EMK Büren, konnte aber mit den Leuten dort, den Angeboten und Gruppen nicht viel anfangen. Mein Cousin wollte mal im Teenieclub reinschauen, und ich ging mit. Uns beiden hat es von Anfang an gefallen.

Die Gleichaltrigen dort waren cool drauf, und das Programm machte Lust auf mehr. Bald einmal waren die Jugendlichen meine Freunde. Das führte zu einer Durchmischung von Gemeindealltag und Freizeitgestaltung. Es folgten Lager, später ging es weiter in die Jugendgruppe (JG). Leider gab es eine ziemliche Lücke in der Altersgruppe der über 20-Jährigen. Dies führte schnell dazu, dass wir als Teilnehmende Verantwortung übernehmen durften und auch mussten. Verantwortlich integriert Manchmal hätten wir uns Ältere gewünscht, die als Vorbilder da gewesen wären. Aber es war gleichzeitig ein Privileg, sehr schnell viel Verantwortung zu erhalten. Wir hatten eine er-

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fahrene Hauptleiterin, die uns in ihre Aufgaben integrieren konnte. Gleichzeitig war der Gemeindeleiter Hans Eschler immer präsent und unterstützte uns. Ebenso hatten wir aber sehr viel Freiraum. Ich habe wunderbare Erinnerungen an lustige Abende, coole Lager, gute Gespräche. Auch meine Frau lernte ich dort kennen; ein enormer Segen. Dann wird es plötzlich einfacher, die Gemeinde zu besuchen. Erweiterte Verantwortung Einmal im Monat findet bei uns eine Art Jugendgottesdienst statt. Plötzlich fand ich mich in diesem Team wieder. Ich spielte gerne Theater, und wir schrieben viele Drehbücher für kurze Anspiele. Ohne dass ich danach gesucht habe, konnte ich meine Gaben einbringen. Dafür bin ich enorm dankbar.   Irgendwann wurde ich angefragt, im Gottesdienst Gitarre zu spielen. Ich spielte immer öfters und lernte, was es bedeutet, mit einer Band zusammen zu spielen. Dann wurden mehrere Bands zusammengestellt, die sich abwechselten. Ich übernahm die Leitung einer dieser Bands. Die machte eine wunderbare Entwick-

lung. Diesen Frühling nehmen wir eine CD auf. Damit wird ein grosser Traum von mir wahr. Das hätte ich mir nie zugetraut, wenn nicht Gott ein paar entscheidende Türen geöffnet hätte. Der Verantwortung bewusst Warum bin ich immer noch in der gleichen Gemeinde? Das Konstante liegt mir. Wir besuchten eine Zeit lang parallel zur EMK auch andere Gottesdienste mit mehr Action und vielen jungen Leuten und mochten das sehr. Aber die vertrauten persönlichen Beziehungen, die Möglichkeiten, selbst etwas in die Hand zu nehmen, und die Verantwortung gegenüber den Jüngeren holten uns immer wieder zurück.   Während der JG-Zeit kam bei uns das Bedürfnis auf, einen Schritt weiter zu gehen. Wir gründeten einen Jugendhauskreis. Das Wort «Hauskreis» gefiel uns zu Beginn gar nicht. Wir wollten uns doch nicht in dieselbe Schublade stecken lassen, wie alle die älteren Gemeindemitglieder. Wir wollten etwas Eigenes, Unabhängiges. Heute lache ich darüber. Der damalige Verantwortliche für die Hauskreise nahm sich Zeit und «vermarktete» das Hauskreismodell erfolgreich.


THEMA

um, wurde gefordert und gefördert» Verantwortung abgeben Mit 24 Jahren hörte ich auf, die Jugendgruppe zu leiten. Der Zeitpunkt war gekommen, den Jüngeren mehr Raum zu geben. Ich bin aktuell als Ressortleiter für die Jugendarbeit in der Gemeindeleitung. Das erscheint mir immer noch merkwürdig. Ich werde erst 29 Jahre alt und habe keine besonderen Schulungen oder dergleichen vorzuweisen.   Deshalb schreibe ich hier auch nicht das Rezept für eine funktionie-

rende Jugendarbeit, sondern nur meine eigene Geschichte. Und da gibt es zusammengefasst drei wesentliche Punkte: • Ich fand Freundschaften, die zum Teil bis heute Bestand haben. Diese Freunde waren ein guter Grund, um immer wieder in die EMK zu gehen. • Ich erhielt Verantwortung und Freiraum, wurde gefordert und gefördert. Menschen wie unser Pfarrer oder der Lobpreisverantwortli-

ZUR PERSON

JUGENDARBEIT IN BÜREN

Simon Kiener ist Ressortleiter «Jugend» in der EMK Büren. Sich selbst beschreibt er so: «‹Radikal mit Vernunft› ist ein persönliches Lebensmotto, das ich mal im Rahmen eines Coachings formuliert habe. Es bedeutet nichts Spektakuläres, eher etwas Konstantes, Durchschnittliches, vielleicht sogar etwas Langweiliges. Ich versuche die Dinge stets zu überdenken. Die Vernunft liegt in meinem Charakter. Das Radikale fehlt mir manchmal etwas und deshalb suche ich bewusst danach.»

Die Kinder- und Jugendarbeit in Büren ist als Ressort in der Gemeindeleitung vertreten. Eine 30% Mitarbeiterstelle ermöglicht es, den entsprechenden Schwerpunkt im Teenager und Jugendbereich zu setzen. Nebst dem Unterwegs sein mit den Jugendlichen ist uns die Teambildung, Begleitung und Schulung ein wichtiges Anliegen.   Entsprechend den Entwicklungsstufen wird eine Gruppe angeboten. So finden an einem Sonntagmorgen für die 44 Kinder von 0 bis 14 Jahren vier verschiedene Gruppen statt. Etwas über 25 Jugendliche

che erkannten meine Gaben, lange bevor ich diese entdeckte. • Trotz der erwähnten Alterslücke gab es immer wieder Lagerleiter oder andere junge Männer in der Gemeinde, mit denen ich mich identifizieren konnte. Mir liegt die Jugendarbeit am Herzen, weil ich selbst dadurch vieles erleben durfte. Ohne diese wären mein Glaube und mein ganzes Leben heute nicht dieselben. Dafür danke ich Gott. 

und Erwachsene engagieren sich im Kinder- und Jugendbereich.   Natürlich ist auch bei uns die Herausforderung, Kinder über die Teenagerphase hinaus in die Nachfolge von Jesus Christus zu führen. Da aber auch viele Jugendliche selber aus einer geistlichen Motivation und Begeisterung mitarbeiten, springt der Glaubensfunke immer wieder über. Dass Mitarbeitende sich selber mit der Gemeinde identifizieren, ist eine Voraussetzung, um auch Teenager und Jugendliche in die Gemeinde einzugliedern. Pfr. Hans Eschler

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THEMA

Gemeinschaft leben: «base camps» sind ein fester Bestandteil der Jugendarbeit in Muhen.

«basic» – die Jugendarbeit der EMK Muhen

«Ich habe das gefunden, was ich ein L Von Harry Zuberbühler

Seit 10 Jahren lebt, entwickelt und verändert sich die basic-Jugendarbeit der EMK Muhen. Im letzten August haben wir das mit einem grossen und fröhlichen Fest gefeiert. Angefangen hat das Projekt «basic» irgendwann 2003 mit einem Fehlstart.

Mit einem Fehlstart zu beginnen, war zuerst mal deprimierend. Das Positive daran war jedoch, dass eine Gruppe von 5–6 Leuten regelmässig und intensiv für einen Neustart zu beten begann. An einem dieser Treffen war ein junger Mann dabei, der sich kurz davor auf einer Velotour in Neuseeland bekehrt und auf dem Heimweg in Australien einen Stopp eingelegt hatte, um eine Jüngerschaftsschule zu besuchen. Der wollte nun in den vollzeitlichen Dienst. Kaum drei Monate später war Michi bereits als Praktikant in unserer Gemeinde tätig. Im darauffolgenden Sommer begann er die Ausbildung zum Jugendpfarrer am TDS in Aarau. Die EMK kann durchaus entscheidungsfreudig sein!

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Ein einfacher Plan Noch bevor wir die Jugendarbeit neu starteten, fuhren wir im Oktober in die Berge für eine zweitägige Retraite. Daraus hat sich ein jährliches Ritual entwickelt. Viele neue Ideen und der gute Zusammenhalt des sich kontinuierlich verändernden Teams haben dort ihren Ursprung. Neun junge Erwachsene kamen mit, das waren sozusagen alle, die es in der Gemeinde in dieser Altersgruppe gab, und deren beste Freunde.

Bar, Sofa, Spiegel und riesige Stereoanlage Der Plan, den wir entwickelten, war einfach: Wir würden im Dachgeschoss der Kapelle einen genialen Raum kriegen. Den wollten wir streichen, trendig einrichten mit Bar, Spiegeln, Sofas und mit einer irren, überdimensionalen Stereoanlage. Jeden Freitagabend würden wir uns treffen. Einmal im Monat wollten wir eine «base night» (Jugendgottesdienst) feiern. Jeweils in der ersten Ferienwoche im Sommer würden wir zu einem «base camp» aufbrechen, um all das miteinander zu erleben,

was die Erwachsenen nicht (mehr) tun, wie: Mitten in der Nacht zu einer Wanderung aufbrechen, um auf einem Berggipfel den Sonnenaufgang zu bestaunen. Oder für die Dauer des Camps eine vierte Mahlzeit einführen, die um Mitternacht serviert wird. Oder bei herrlichem Wetter einen epischen Sonnenuntergang an der Atlantik-Küste erleben, um dann um drei Uhr morgens beim Biwakieren am Strand vom Regen überrascht zu werden. Oder das ganze Band- und Sound-Equipment auf den Schultern an einen einsamen Strand schleppen, um dann in der untergehenden Sonne zu «worshippen». Oder... Das Übliche Vielleicht denken Sie nun: Jugendlicher Leichtsinn! Was, bitte, hat das alles mit dem Evangelium zu tun? Ich erlebe es so: Jesus ist da immer irgendwie mitten unter uns, feuert an, unterstützt, überführt, tröstet und bewahrt (Gott sei Dank!). Mir scheint, er freut sich an diesen kleinen Abenteuern und harmlosen Dummheiten mindestens so ernsthaft wie wir.   Damit will ich aber nicht den Eindruck erwecken, im «basic» liefe immer alles glatt, das wäre völlig unzu-


THEMA

eben lang gesucht habe!» treffend. Wir haben alle unsere Ecken und Kanten und da und dort auch Narben. Die eine oder andere haben wir uns sogar gegenseitig zugefügt. Gott sei uns gnädig! Einige von uns haben Mühe mit dem Alkohol, andere mit Kleptomanie, wieder andere mit Selbstbefriedigung, Selbstwert, Selbstüberschätzung, viele mit Pornographie, andere mit ihrer sexuellen Orientierung (oder umgekehrt?), einige leiden unter verkorksten Familienverhältnissen, andere an Überoder Untergewicht, wieder andere wurden sexuell missbraucht oder beziehen IV - das Übliche halt. Unüblich ist vielleicht die Tatsache, dass wir das alles voneinander wissen und versuchen, es gemeinsam zu tragen und vor Gott zu bringen. Eine zweite Familie Viele Teens sagen denn auch, sie schätzen es sehr, dass im «basic» jeder so angenommen wird, wie er ist. Mal kam einer auf mich zu und meinte etwas unsicher, dass er die Gemeinschaft im «basic» sehr schätze und gerne weiterhin dazugehören möchte und ob das OK sei, obwohl er im Moment nicht an Jesus glauben könne. Ein berühmt berüchtigter

Time-out Schüler erklärte in einer Kleingruppe im «base camp»: «Ich habe heute das gefunden, was ich, ohne es zu kennen, ein Leben lang gesucht habe.» Wieder andere sagen, der «basic» sei wie ihre zweite Familie. Sie schätzen die Möglichkeit, tiefe Gespräche zu führen, Ideen spontan umsetzen zu können, Spass, Action und Abenteuer zu erleben oder Verantwortung übernehmen zu können und daran zu wachsen.

Tiefe Gespräche, Spass, Action Es läuft nicht immer alles glatt, und es geht auch nicht immer locker – im Gegenteil, oft strengt es sehr an! Manchmal würde ich am Freitag nach der Arbeit lieber den Feierabend geniessen. Wenn ich dann, meist weit nach Mitternacht, endlich auf dem Heimweg bin, denke ich fast jedes Mal: «War 'n toller Abend, hat sich doch gelohnt – danke, Herr!» Würde es nicht wirklich so viel Spass machen und so viel Befriedigung schenken, es wäre schlicht nicht machbar.

Ein talentiertes Team Machbar wäre es aber auch nicht ohne ein grosses, talentiertes und hochmotiviertes Team von jungen Erwachsenen. Menschen, die sich von Christus inspirieren lassen und ihm nachfolgen wollen. Sie investieren einen grossen Teil ihrer Freizeit in den «basic». Es macht echt Freude und ist mega spannend, zusammen unterwegs zu sein!   An dieser Stelle ein herzlichen Dank für eure Freundschaft und für euer Engagement: Mefius, Seraina, Kevin, Mirjam, Dave, Simon, Nadine und Zybi.

ZUR PERSON Harry Zuberbühler ist von Beruf als Lehrer tätig. Als Mitglied der EMK in Muhen unterstützt er als Takanoperson seit vielen Jahren die Jugendlichen auf seinem Bezirk. Seit 2013 ist er auch in der Takano Kommission auf schweizerischer Ebene engagiert.

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CONNEXIO

Unterstützung: Connexio ermöglicht jungen Erwachsenen eigene Projekte umzusetzen und andere Kulturen zu erleben.

Junge Menschen sammeln mit Connexio Erfahrungen

Von «Methodist Movie» bis «Youth Camp» Von Carla Holmes

Selber aktiv werden, eigene Erfahrungen sammeln, Projekte planen und umsetzen, Begegnungen wagen – die weltweite Vernetzung von Connexio macht's möglich. In der Schweiz und weltweit können junge Menschen mit Connexio ihren Horizont erweitern.

Seit gut drei Jahren ermöglicht Connexio jungen Menschen mit einem jährlichen Beitrag von CHF 10 000 im Rahmen der Jugendkonferenz eigene Projekte zu verwirklichen. Erfolgreiche Beispiele dafür sind die populären Methodist Movies, aber auch Begegnungsreisen, ein Open Air Event oder ein Tanzkurs. Ziel aller Projekte ist, junge Menschen von ausserhalb der Kirche mit niederschwelligen Angeboten anzusprechen. Auch für 2014 stehen bereits wieder verschiedene Projektideen im Raum. Es ist beeindruckend zu sehen, mit wieviel Einsatz unsere jungen EMKler dabei sind.

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Andere Kulturen erleben Für ein Jahr in La Paz, Bolivien, in einer Kinderkrippe mithelfen, ein Spitalpraktikum in Simbabwe machen oder kambodschanische Kinder in Musik und Englisch unterrichten: In Zusammenarbeit mit Partnerkirchen bietet Connexio jungen Menschen aus der EMK verschiedene Möglichkeiten, andere Kulturen zu erleben und Lebensumstände kennenzulernen, die sich von unseren unterscheiden. Zahlreiche junge Menschen haben bereits dieses Angebot wahrgenommen und sind mit vielen Eindrücken und Erfahrungen bereichert wieder nach Hause gekommen.

von Thailand, Teil der Reise. Unterstützt eine EMK-Ortsgemeinde einen Jugendlichen mit CHF 1000, dann beteiligt sich Connexio mit weiteren CHF 500 an den Kosten. Somit müssen junge Teilnehmende nur noch rund die Hälfte der Reisekosten selber aufbringen. Kurzentschlossene können sich noch bis Mitte April anmelden. Reiseprospekt und Anmeldeformular sowie viele weitere Informationen über die Arbeit von Connexio sind auf der Website www.connexio.ch zu finden.

Mithelfen in Bolivien oder Simbabwe Begegnung in Kambodscha Connexio sponsert für junge Menschen im Sommer 2014 eine Begegnungsreise nach Kambodscha. Neben Sightseeing und Begegnungen ist die Teilnahme am Youth Camp in Sihanoukville, einem Küstenort am Golf

CONNEXIO PC-Konto 87-537056-9 EMK in der Schweiz, Connexio, Zürich www.connexio.ch


FRAUENNETZWERK

Verstorben Daniel Sprunger Wettstein (78) St. Imier am 9.10.2013 Vreni Stahel (84) Turbenthal-Russikon am 5.12.2013 Brigitte Habegger (52) am 21.12.2013 Olten

Am Nil: Frauen aus Ägypten hatten dieses Jahr die Liturgie für den Weltgebetstag gestaltet.

Weltgebetstag 2014 in Winterthur

Ökumene leben – gemeinsam beten Von Susanna Schaad

Schon als Kind faszinierte es mich, wie meine Mutter mit verschiedenen Frauen zusammen Jahr für Jahr die Feier zum Weltgebetstag vorbereitete. Seit einigen Jahren bin ich nun selbst in einem solchen Team und bin immer noch verblüfft von der Wirkung der Liturgie, die jeweils vier Jahre im Voraus von Frauen aus einem anderen Land für die ganze Welt zusammengestellt wird!

Wir Frauen aus dem Kreis «Winterthur Stadt» treffen uns nach den Sommerferien und machen ab, wer an den kantonalen Vorbereitungstag gehen kann. Die Planung wird im Dezember konkret! Wie beginnen wir? Wer liest welche Rollen? Wer kann das Herkunftsland der Liturgie vorstellen? Welche Lieder wählen wir? Woher nehmen wir die Musik? Viele Vorstellungen und Meinungen treffen aufeinander. Da merken wir, wie unterschiedlich wir in den verschiedenen Kirchen und auch als Individuen ticken.

Feierlicher Abend In Winterthur feierten wir dieses Jahr in der EMK. Die Liturgie stammte aus Ägypten. Wir begannen mit einer Diashow und ägyptischer Musik. Die Begegnung Jesu mit der Frau am Brunnen (Joh 4) prägte die Liturgie. Wir haben das Taufbecken als Brunnen für diese Begegnung genommen. Dort konnten die Besucher/innen Dinge versenken, die sie belasten und die sie zurücklassen wollten. Nach der Feier gab es ein grosses Buffet mit Suppe, Brot, Bohnenpaste und Süssspeisen. Viele blieben noch da. Es war ein sehr feierlicher Abend. Verbindendes Anliegen Das Erlebnis, zusammen mit Menschen auf der ganzen Welt eine Liturgie zu feiern und für ein Land zu beten, ist einmalig und bleibt faszinierend. Hier wird Ökumene gelebt, hier treffen und finden sich beim Vorbereiten und beim Feiern ganz unterschiedliche Menschen, denen es ein Anliegen ist, zusammen für andere zu beten.

Veronika Balmer-Stettler (93) am 27.12.2013 Basel Neubad Franz Ammann (84) Zofingen am 29.12.2013 Waltraud Huber-Schreier (78) am 31.12.2013 Region Schaffhausen Susanne Klemenz Bachmann (72) am 31.12.2013 Region Greifensee Benjamin Boller (90) am 3.1.2014 EMK Schweiz Elsa Simon (93) Birsfelden am 4.1.2014 Alice Vogel-Büchli-Büchli (98) am 5.1.2014 3x3 (Region Lenzburg) Anna Neeracher-Schneebeli (96) am 5.1.2014 Zürich Ost Christina Bögli Zurbrügg (66) am 7.1.2014 Biel Gertrud Bertschi (75) am 14.1.2014 Bülach-Oberglatt Kirche und Welt  Nr. 4/2014

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UMSCHAU

Gelungen: Rund 500 Besucher erlebten die Aufführungen des Theaterstücks in Schaffhausen.

Das Theaterstück «Roman 828 38 39» brachte schon vor der Aufführung viel in Bewegung

Gottes Liebe im Scheinwerferlicht in Schaffhausen Von Urs Schweizer

Sie war weder neu noch spektakulär. Und als der Gemeindevorstand der EMK Schaffhausen die Idee eines Theaterprojekts in den Raum stellte, war die Reaktion nicht von überbordendem Enthusiasmus geprägt. Noch ahnte niemand, was – und wen! – diese Idee alles bewegen würde...

Anfang 2013 begann eine Spurgruppe über den weiteren Weg nachzudenken – und war sich schnell einig: Wir wollen kein Theaterstück, wie man es an einem beliebigen Unterhaltungsabend auch sehen kann. Kein Schenkelklopfer, der von sechs bis acht Leuten zur Erheiterung des Rests der Gemeinde aufgeführt wird. Sondern ein Stück, das in zeitgemässer Form vom Fundament des christlichen Glaubens erzählt und vor allem Menschen ausserhalb der Gemeinde anspricht. Bei der Sehnsucht beginnen Ein vielversprechender Ausgangspunkt war schon mal da: An einer Silvester-Party kommen verschiedene

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Menschen unvermittelt auf das Thema «Sehnsucht» zu sprechen. Nach und nach erzählen sie einander, wonach sie sich sehnen und was sie sich von der Zukunft erhoffen. Sie vereinbaren, sich in genau einem Jahr wieder zu treffen. Was würden sie im Verlauf der Monate erleben? Wovon würden sie am nächsten Silvester berichten – von positiven Erfahrungen, ungestillter Sehnsucht, neuen Perspektiven?

Ausgangspunkt war das Thema «Sehnsucht» Die Szenen entstehen Ausgehend von dieser Grundidee, entwickelte ein Ehepaar der Gemeinde in den folgenden Monaten 15 Szenen und verdichtete diese zu einem zweistündigen Stück. In diesem Prozess wurden mehrere Dinge wichtig: • Um möglichst vielen Zuschauerinnen und Zuschauern Identifikationsfiguren und inhaltliche Anknüpfungspunkte zu bieten, sollen nicht nur die zu spielenden Personen verschiedenen Generationen

angehören. Auch ihre Sehnsüchte sollen breit gefächert sein – Sehnsucht nach Erfolg und Ansehen, Gesundheit, Identität, Würde, materieller Wohlstand, Sicherheit und Geborgenheit, einer intakten Beziehung, Antworten auf die Frage nach dem Sinn des Lebens. • Klare und verständliche Aussagen über den christlichen Glauben sind zentral. Die Szenen dürfen jedoch nicht von einer abgehobenen Frömmigkeit geprägt sein, sondern sie müssen lebensbezogen bleiben. Und vor allem müssen sie neben Tiefgang auch Witz beinhalten. • Es braucht im Stück auch Personen, die bis zum Schluss an der Existenz Gottes zweifeln bzw. die sich gar nicht erst auf das Nachdenken über Gott einlassen. Die Begeisterung zieht Kreise Parallel zur Entstehung des Textes liessen sich immer mehr Menschen der Gemeinde von einer Begeisterung für dieses Vorhaben anstecken. Gerade auch solche, die eher am Rand standen. Für einige bedeutete dies,


UMSCHAU

dass sie das Theaterprojekt in grosser Treue in ihre Gebete einschlossen. Andere sagten für eine Rolle zu – aus Freude am Theaterspielen, als Ausdruck der Solidarität oder erfüllt vom Wunsch, ein Stück Glauben zu teilen. Wieder andere engagierten sich für die Gestaltung des Bühnenbildes, in technischen Fragen, für den Apéro an den Aufführungen oder in anderen Bereichen. Zwei Männer schrieben die Texte und die Musik zu zehn Liedern.   Insgesamt waren rund 50 Personen auf oder hinter der Bühne beteiligt. Die Altersspanne zwischen der Jüngsten und dem Ältesten betrug mehr als 60 Jahre. Dass sich auch die Gymnastikriege Jugend des Turnvereins Hemmental zur Mitwirkung bereit erklärte, verlieh dem Stück nicht nur eine besondere Note, sondern bot auch eine Gelegenheit, nochmals einen ganz neuen Personenkreis zu den Aufführungen einzuladen. Und es war – genauso wie der als Aufführungsort gewählte «neutrale» Saal – Ausdruck des Wunsches, zu den Menschen ausserhalb der Gemeinde zu gehen.

Ein überwältigendes Echo Der Aufwand für dieses Projekt war gewaltig, und für nicht wenige ging er an die Grenzen dessen, was neben allen anderen Aufgaben in Beruf, Familie, Freizeit und Gemeinde noch zu leisten war. Aber da entstand auch eine Dynamik, Begeisterung und von gegenseitiger Wertschätzung und Hilfsbereitschaft geprägte Gemeinschaft, die noch viel gewaltiger war. Eine Erfahrung, die den in irgendeiner Form Beteiligten Mut machte, Menschen im Freundes- und Bekanntenkreis einzuladen (nicht einfach nur mit einem Flyer, sondern oft auch mit einem persönlichen Begleitbrief) und auf diese Weise auch deutlich zu machen: Für die Glaubensaussagen dieses Theaterstücks stehe ich ein.

Die Besucher waren tief bewegt – und begeistert

aber auch viele Menschen, die nie eine Veranstaltung in der EMK Schaffhausen besucht hätten. Menschen, die nach den Aufführungen tief bewegt waren und ihre Begeisterung über das Erlebte zum Ausdruck brachten. Es geht weiter «Roman 828 38 39» brachte eine Bewegung in die Gemeinde, die noch lange nachwirken wird und auf die sich auch aufbauen lässt. Das Theaterstück weckte aber auch ganz neu das Bewusstsein: Als Gemeinde haben wir einen Auftrag an den Menschen in unserem jeweiligen Umfeld. Wir müssen uns nicht verstecken. Im Vertrauen auf Gott können wir den Mut finden zu einem Leben, das vom Weg erzählt, der letztlich zu einem guten Ende führt, und von der Liebe, von der uns nichts trennen kann. 

Dieses persönliche Engagement zeigte Wirkung: Insgesamt wurden rund 1100 Flyer verteilt – und an die beiden Aufführungen vom 1. /2. März 2014 kamen über 500 Personen! Darunter waren viele kirchlich sozialisierte Menschen. Darunter waren

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KIRCHE UND GESELLSCHAFT

E. von Siebenthal: «Wer Schwächere schützen will, sollte die Initiative ablehnen.»

Argumente GEGEN die Mindestlohninitiative

Mindestlohn ist das falsche Instrument Von Erich von Siebenthal

Die Initiative verlangt vom Bund als zwingende Lohnuntergrenze einen gesetzlichen Mindeststundenlohn in der Höhe von CHF 22.-. Das entspricht bei einer 42-Stunden-Woche einem Monatsgehalt von CHF 4000.-. Der Mindestlohn soll regelmässig der Teuerung angepasst werden. Für besondere Arbeitsverhältnisse sollen Ausnahmeregelungen möglich sein, beispielsweise bei Massnahmen für die Eingliederung von Behinderten.

Das tönt auf den ersten Blick sympathisch. Auch ich bin dafür, dass Arbeitnehmende einen möglichst gerechten Lohn erhalten. Aber es gibt schon noch einiges zu bedenken. Das Ziel der Initiative ist, dass möglichst alle Arbeitnehmenden von ihrem Lohn leben können und sich die Armut reduziert. Dabei gilt es zu beachten, dass der Mindestlohn nur für Einzelpersonen gilt. Folglich reicht ein einzelner Mindestlohn nicht für eine Familie.

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Nachteilige Folgen Zudem spielen andere Faktoren neben dem Einkommen eine wichtige Rolle. Zu nennen wären Steuerabzüge für Familien, Prämienvergünstigungen, Wohnungsmieten, Versicherungen usw. Armut in der Schweiz lässt sich nur teilweise durch niedrige Löhne erklären. So sind z.B. nur 13% der Armutsbetroffenen Lohnbezüger. Für eine wirksame Korrektur ist der Mindestlohn das falsche Instrument.   Diese Initiative hätte zur Folge, dass unqualifizierte Arbeiten verteuert würden und es zu rationalisierungsbedingten Kündigungen kommen würde. Arbeitsplätze würden vernichtet. Nachteilig wäre dies für Langzeitarbeitslose, die ausgesteuert nicht mehr in der Arbeitslosenstatistik erscheinen. Sie bekommen keine IV, weil sie dafür zu wenig krank sind, und sind auch zu wenig gesund, um genügend Leistungen zu erbringen für einen 4000-Franken-Mindestlohn.   Eine allfällige Wiedereingliederung in die Arbeitswelt darf nicht in erster Linie von der Lohnforderung

geprägt sein, sondern von der Tatsache, dass Menschen auf einen geordneten Tagesablauf angewiesen sind. Ein Arbeitsplatz zu haben ist wichtiger als die Höhe des Gehalts. Bewährtes System Das bisherige System, bei dem die Löhne direkt zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern ausgehandelt werden, hat sich bewährt. Der Vorteil dieser sozialpartnerschaftlichen Lohnfindung besteht darin, dass auf Branchen, Regionen oder spezielle Bedürfnisse eingegangen werden kann. Wenn wir dem schwächeren Arbeitnehmer noch eine Chance geben wollen im Arbeitsmarkt, dürfen wir dieser Initiative nicht zustimmen.

ZUR PERSON Erich von Siebenthal; Familie mit drei erwachsenen Kindern; Bergbauer, Betriebsleiter an der Bergbahn Wasserngrat, Nationalrat; Mitglied der EMK-Gemeinde in Gstaad


KIRCHE UND GESELLSCHAFT

Ph.Hadorn: «Die Initiative stoppt Lohndumping, fördert Schwächere und stärkt die Wirtschaft.»

Argumente FÜR die Mindestlohn-Initiative

Jesus prägt die Gesellschaft Von Philipp Hadorn

Einkommen, Lohn, Vermögen und Reichtum sind unter Christen nicht selten ein Tabu. Dabei ist die Bibel gespickt von Aussagen zu diesen Themen. Auch die sozialen Grundsätze unserer Kirche sprechen Klartext. Die bevorstehende Abstimmung zur Mindestlohn-Initiative bietet die Chance, soziale Fragen im Lichte des Evangeliums zu beantworten. WWJD, «Was würd Jesus due?» soll Auswirkungen auf unsere Gesellschaft haben.

Schockiert hören wir von Kinderarbeit in Bangladesch und dem Schicksal von chinesischen Wanderarbeitenden. Dankbar geniessen wir unsere Höchstarbeitszeiten, Ferien, Feiertage, 5-Tage- und 42-Stunden-Woche. Dabei geht oft vergessen, wie umstritten diese Errungenschaften waren. Bibel und Tradition Sammeln von Reichtum, Gier und Geiz wird in der Bibel aufs Schärfste verurteilt. Armen, Witwen, Waisen, Kindern, Fremden und Kranken spricht Jesus ganz besondere Verheissungen zu und nimmt uns in die Ver-

antwortung. Christen haben sich immer wieder mit den gesellschaftlichen Folgen unseres Glaubens auseinandergesetzt und geprüft, welche Auswirkungen Evangelium und Nachfolge für unsere Mitmenschen haben darf.   Menschen in den Gremien unserer EMK lassen sich zu diesen Fragen von Gottes Geist, Güte, Liebe, Leidenschaft, Wort und Wirken bewegen. Daraus entstehen u.a. die sozialen Grundsätze der EMK. In Artikel 166 B) unterstützen wir unter dem Titel «Kollektivverhandlungen» das Recht, sich in Gewerkschaften zu organisieren. 166 C) hält unter «Arbeit und Freizeit» im ersten Satz fest: «Jede Person hat das Recht auf Arbeit zu einem existenzsichernden Lohn.»

Sie verlangt Massnahmen zum Schutz der Löhne und einen gesetzlichen Mindestlohn. Gegenwärtig soll dieser 22 Franken pro Stunde bzw. 4000 Franken im Monat betragen. Ausnahmeregelungen sind vorgesehen. Über 330 000 Menschen haben heute in der Schweiz einen Lohn der darunter liegt und dies bei einem Vollzeitpensum. Deren Existenz ist nicht gesichert. Viele davon haben einen Ausbildungsabschluss.   Die Initiative stoppt Lohndumping, fördert Schwächere, stärkt die Wirtschaft und gibt uns die Chance, vom Reich Gottes zeichenhaft Zeugnis zu geben, … damit die Welt erkennt, wer den Sohn gesandt hat!

ZUR PERSON Direkt den sozialen Grundsätzen entsprungen Die Initiative Die vorliegende Mindestlohn-Initiative scheint direkt aus den sozialen Grundsätzen unserer Kirche und damit dem Prozess eines praxisorientierten Evangeliums zu entspringen.

Philipp Hadorn (47), SP-Nationalrat und Zentralsekretär der Gewerkschaft des Verkehrspersonals SEV, Mitglied in der EMK Gerlafingen, wo er mit seiner Frau und den drei Jungs (17, 19 und 22) lebt und wirkt. www.philipp-hadorn.ch mail@philipp-hadorn.ch

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UMSCHAU

Begegnungsort: Samuel Humm kommt mit Menschen ins Gespräch – zum Beispiel im «Hirschen».

Die EMK Lenk hat sich bewusst auf einen Lernweg begeben

Damit Begegnungen stattfinden könn Von Samuel Humm

Begegnungen mit Menschen begeistern mich. Jede Begegnung ist anders. Dabei kann ich lernen. Ich lerne das Gegenüber kennen und entdecke nicht selten bei wohlvertrauten Gesichtern neue Züge. Andere Perspektiven, ein neuer Blickwinkel, sensibleres Wahrnehmen des Umfeldes und der eigenen Rolle/Aufgabe darin – das riecht nach Veränderung.

Die EMK Lenk befindet sich in einem lernenden Veränderungsprozess. Lernen, was es bedeutet, an der Lenk eine «missionale» Gemeinde zu sein: Lernen, differenziert hinzuschauen, bei sich und in der Gesellschaft. Nicht vorschnell be- und verurteilen, sondern annehmen. Sich selbst und den Nächsten. Dabei oft überraschend entdecken, wie Gott Begegnungen schafft. Es gibt eben nicht nur die «Frommen» und die «Gottlosen», die Gerechten und Ungerechten, weiss oder schwarz. Heilende Begegnungen Wenn ich mich auf das Gegenüber, wir als EMK Lenk uns bewusst auf

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die Gesellschaft und deren Kultur einlassen, wird das Leben nahbar, erlebbar. Nicht nur ich als Person werde erlebt. Die Menschen im Dorf und dem Tal verbinden die erlebte Begegnung mit denen im «Löwen», unserem Gemeindelokal. Was fern und diffus war, wird vertraut. Und nicht selten wirkt der anscheinend ferne, abwesende und vielleicht gar nicht existierende Gott verbindend, wenn so Begegnung gewagt wird. Menschen im Umfeld der EMK Lenk sollen vermehrt in solch heilende Begegnungen involviert werden, nicht zuletzt in solch heilende Begegnungen mit Gott selbst. Ein leerer Platz Wenn ich mich auf das Gegenüber einlasse, entdecke ich neue Seiten an mir selbst. So durfte ich im vergangenen Jahr in meinem Beruf und privat zahlreiche solcher Begegnungen erleben. An eine davon werde ich mich sicherlich noch lange zurückerinnern: Es war vergangenen September. Ich sass im Hirschen-Pub neben einem leeren Barhocker. Auf der Bar stand ein Glas Rotwein. Eine Zigaretten-Packung lag daneben und ein paar alte, zerquetschte Quittungen vom Coop.

Das Pub wurde an jenem Abend von zahlreichen Personen besucht. Aber um jenen Barhocker war eine unerklärliche Leere. Ein gezeichneter Mensch Nach ein paar Minuten wurde die Situation verständlicher. Neben mir nahm eine Gestalt Platz, deren Gemisch aus Alkohol-, Schweiss-, Nikotin- und allerhand anderen Gerüchen weite Kreise zog. Der Blick war unscharf, die Augen unkoordiniert in ihren Bewegungen. Schmutzig die Haare, fettig und ungepflegt. Die Hände waren voller Ringe, die Nägel abgekaut, und die Kleidung fügte sich diesem Gesamtbild ein. Neben mir nahm eine äusserlich und innerlich kaputte Person Platz.   Nun ja, ich konnte jetzt schlecht den Platz wechseln, also sprach ich ihn, nach ein paar Minuten Bedenkzeit, an: «Zum Wohl«. Ich hob mein Glas, er das seine und wir schauten uns in die Augen. Was ich zu sehen bekam, sah ich vorher und nachher nie mehr: Leere, glasige und wässrige Augen, die Einsamkeit, Verzweiflung und … ein sensibles Herz zum Vorschein brachten.


UMSCHAU

Zum Motto der Jährlichen Konferenz

ICH zwischen Leben und Tod

en Eine erschütternde Geschichte Seltsam berührt von meinem Nachbarn, stellte ich die nächste Frage: «Und, was hat dich an die Lenk verschlagen?» Das war der eisbrechende Moment. Einen ganzen Abend lang hörte ich mir seine Lebensgeschichte an. Er bestellte Glas um Glas, trank und trank. Während er erzählte, versuchte er mit seiner gesamten Körperhaltung dem Nachdruck zu verleihen, was seine Worte bereits sagten.   Als ich merkte, dass er zum Weitererzählen keine grosse Energie mehr hatte, stellte ich ihm noch eine letzte Frage: «Wie erträgst du das alles?» Da hob er sein zum x-ten Mal aufgefülltes Rotweinglas und sagte mit leiser Stimme: «Damit.» Verändernde Begegnung Ich ging nach Hause. Verändert. Eigentlich war ich in den Hirschen gegangen mit der Absicht, auf irgendeine Weise auf den liebenden Gott hin zu weisen. Dass Menschen Veränderung erfahren können. Dass sich vielleicht ihr Gottesbild zum positiven verändert. Doch an jenem Herbstabend ging ich verändert nach Hause. Ich hörte «bloss» zu.   Begegnungen verändern. Begeg-

nungen begeistern. Begegnungen können einem aber auch zu schaffen machen. Begegnungen kann man aus dem Weg gehen. Man kann sie aber auch suchen. Begegnung wagen Ich wünsche mir von Herzen, dass meine Arbeit dazu dient, dass Begegnungen stattfinden können. Dass Menschen sich selbst begegnen, ihren Mitmenschen entgegengehen – und dem heiligen und dennoch zugänglichen Gott begegnen. In Begegnungen machen wir uns verletzlich. Wir gehen auch das Risiko ein, das Gegenüber zu verletzen. Doch Begegnung schenkt Nähe. Ich versuche, mich stets neu auf Begegnungen einzulassen. Ich will es immer wieder tun, denn Gott tut dies auch.

MISSIONAL Über den «missionalen Gemeindebau» an der Lenk berichteten wir in der April- und der Novemberausgabe 2013. Sie finden die Ausgaben online unter issuu.com/emk_schweiz

Im Osten geht die Sonne auf und bringt uns Licht für einen neuen Tag. Licht ist ein unverzichtbarer Teil unseres Lebens. Das zeigen schon die folgenden Stichworte: Orientierung, Lichtgeschwindigkeit, Wärme, Photosynthese, Farbe…   Ostern erinnert uns an ein anderes Licht – Jesus, der in der Auferstehung über Tod und Dunkelheit gesiegt hat.   Christian Meyer, der Abt vom Kloster Engelberg, sagte in einer Osteransprache: Im Wort Licht ist das Wort «ICH» eingebettet – eingebettet zwischen den beiden Buchstaben «L» und «T». Das heisst also: Ich bin im Licht aufgehoben zwischen «L» wie Leben und «T» wie Tod. Dieser Gedanke hat mich zum Nachdenken angeregt. Wir dürfen uns alle aufgehoben wissen im Licht – in Jesus Christus und das im Leben und auch im Tod, aber genauso auch im Spannungsbogen von Leben und Tod.   Aus diesem Licht leben wir, schöpfen wir unseren Glauben, unser Hoffen und unser Lieben. Und dieses Licht hat eine Ausstrahlung durch unser Leben – es leuchtet weiter und schenkt Licht und Hoffnung – gibt Lichtzeichen in die Welt. In diesem Sinne wünsche ich uns gesegnete Ostern! Brigitte Moser

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Teilhaben an der Mission Gottes

Die gespiegelte Wirklichkeit Von Üllas Tankler

Dr. Üllas Tankler ist Europasekretär der weltweiten Missionsbehörde der United Methodist Church

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Das Bild zeigt eine Kirche in der lettischen Hauptstadt Riga, die von einem der renommiertesten Architekten der Stadt entworfen wurde. Sie ist eine typische neugotische Kirche aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und ein Meisterwerk inmitten von farbenprächtigen Jugendstilgebäuden.   Meine Frau hatte einige Einkäufe zu erledigen, und so zog ich mit meiner Kamera los. Bevor wir uns trennten, sagte sie: «Ich bin sicher, dass du um diese Kirche herumrennen und jede Menge Fotos schießen wirst.» Sie kennt mich eben und weiß, was ich auf Reisen gerne mache.   Und ich bin tatsächlich um die Kirche herumgelaufen. Doch nachdem ich einige Fotos dieses Denkmals gemacht hatte, entdeckte ich etwas, das den Fotografen in mir viel mehr in den Bann zog: die faszinierende Spiegelung in der Glasfassade eines gegenüberliegenden, modernen Gebäudes.   Ich habe Christen getroffen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die

Kirche trotz aller Veränderungen ringsum unverändert zu bewahren. Es scheint, als ob sie ihre höchste Berufung darin sehen, die Strukturen, Inhalte und Ausdrucksformen der Kirche möglichst nah am Original zu gestalten – so, als ob sie genau wüssten, was das bedeutet. Das aber ist eine Illusion.   Warum drehen wir uns nicht um? Denn in Wirklichkeit ist die Kirche von vielen unterschiedlichen kulturellen Ausdrucksformen umgeben. Und wenn wir richtig hinsehen, werden wir interessante, schöpferische und überraschende Zeichen der Gegenwart Gottes entdecken.   Warum fällt es uns oft so schwer, wahrzunehmen und zu schätzen, was Gott in unserer Mitte tut – und zwar auf zeitgemäße Art und Weise? Warum starren wir immer nur auf die «alte Kirche»? Warum drehen wir uns nicht einfach um und betrachten die verschiedenen Spiegelungen? Es gibt immer mehr – Neues, Anderes, Anregendes, Faszinierendes. Und Reales!

Kirche und Welt 04/2014  

Die Zeitschrift für Mitglieder und Freunde der EMK in der Schweiz

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