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11. September 2011 ISSN 1436-607X

Magazin der Evangelisch-methodistischen Kirche

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Trotz allem gehalten: Was ein Leben mit Behinderung besonders macht Hinschauen n

Was der »Generation Wodka« hilft. Seite 11

Eingreifen n

Wie »Pro Asyl« seit 25 Jahren wirkt. Seite 12

Lernen n

Was einen christlichen Ashram ausmacht. Seite 19


2 ::: Editorial

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kurz gesagt Deutschen Bischofskonfemüssen die Methodisten auf renz, Pater Hans Langenden Fidschi-Inseln im Südpadörfer, gesagt. Bedeutend sei zifik hinnehmen. So hat die schon der geplante ­Besuch Militärregierung bis auf die von Papst Benedikt XVI. im sonntäglichen Gottesdienste Erfurter Augustiner­kloster, alle Veranstaltungen der in dem Martin Luther lebte. ­Gemeinden und der Kirche Der Papst wird nach seinen verboten. Betroffen ist auch Worten die Rolle Luthers die Jährliche Konferenz, die und der Reformation nun schon das vierte Jahr in ­würdigen. Benedikt XVI. Folge untersagt wurde. Die besucht Deutschland vom Regierung wirft den Metho22. bis 25. September. disten politische Aktivitäten vor. Etwa 65 Prozent der Eine aggressive Israel-­ Feindschaft , die auch in rund 900.000 Einwohner ­Fidschis sind Christen. Die Judenhass umschlägt, hat methodistische Kirche ist die der Zentralrat der Juden in größte und einflussreichste Deutschland an den der Inselrepublik. Sie ist als ­Rändern der deutschen einzige der dortigen Kirchen ­Gesellschaft festgestellt. Das von den Repressalien betrofbetreffe neben klassischen fen. Der Weltrat MethodistiFaschisten auch manche scher Kirchen hat zum Linke und Teile der musli­Gebet für die Methodisten mischen Bevölkerung, »vor auf den Inseln aufgerufen. allem unter Jugendlichen«, sagte Zentralratspräsident Dieter Graumann in einem Reiche sollen mehr Steuern bezahlen. Das fordert der Interview. Er äußerte die Hoffnung auf eine bessere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in DeutschZusammenarbeit des land, Nikolaus Schneider. ­Zentralrats mit den In der gegenwärtigen ­muslimischen Gemeinden. ­Finanzmarktkrise sei es nur gerecht, wenn starke SchulEin katholischer Priester in tern mehr stemmen. Es sollder niederländischen ten ­jene mehr Steuern zah­Gemeinde Liempde hat es len, die 20 Jahre lang von abgelehnt, einen nach der Entwicklung profitiert ­aktiver Sterbehilfe Verstorhaben, während die meisten benen kirchlich beizusetzen. anderen zu den Verlieren Die Angehörigen mussten zählen. Auslöser der Debatte für die Trauerfeier in eine in Deutschland sind Pläne Kirche in Sint Oedenrode Frankreichs zu einer Sonderausweichen, wie der abgabe für Reiche, um die ­regionale Rundfunk aktuelle Schuldenkrise zu ­berichtete. Die römisch-­ überwinden. katholische Kirche lehnt ­offiziell aktive Sterbehilfe ab. GroSSe Fortschritte in der Menschen, die sich ­dafür Ökumene sind derzeit nicht entscheiden, hätten keinen zu erwarten. Das hat der Anspruch auf kirchliche ­Sekretär der katholischen ­Beisetzung.  epd/kie Massive Einschränkungen

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Titelfoto: MEV-Verlag

Genau beobachten Unsere Gesellschaft ist im Wandel. Das betrifft natürlich auch die Art und Weise, wie wir mit Menschen umgehen, die durch Behinderungen eingeschränkt sind. Viel hat sich in den vergangenen 40 Jahren verändert. So ist es inzwischen selbstverständlich, dass Kinder mit Behinderungen zusammen mit Kindern ohne Behinderungen unterrichtet werden. Menschen mit Behinderungen haben inzwischen mehr Rechte und können – soweit es eben geht – über ihr Leben selbst entscheiden. Behinderte Menschen werden nicht mehr zuerst an ihren Defiziten, sondern an ihren Möglichkeiten gemessen. Am augenfälligsten für die Veränderung ist für mich noch immer die Umbenennung der »Aktion Sorgenkind« in die »Aktion Mensch«. Dies alles ist nicht von alleine gekommen. Engagierte Eltern kämpften und kämpfen einfallsreich und hartnäckig für ihre Kinder. Viele Mitarbeiter in Behinderteneinrichtungen setzten und setzen sich für die ihnen anvertrauten Menschen ein. Große Verbände leisteten und leisten Lobbyarbeit, um Politik und Öffentlichkeit aufzuklären. Angesichts dieser Fortschritte muss es uns alarmieren, dass es immer mehr Untersuchungen gibt, die Behinderungen schon im Mutterleib erkennen sollen (siehe Seiten 6 und 10). Das erhöht langfristig den Druck auf werdende Mütter, ihr krankes Kind erst gar nicht zur Welt zu bringen. Und es schafft ein gesellschaftliches Klima, in dem Behinderung ein vermeidbares Problem der Eltern wird. Ist das die Gesellschaft, die wir wollen? Ihr Volker Kiemle


Titelthema: Behindert – ja und? ::: 3

Boten der Liebe Gottes Menschen mit geistiger Behinderung sind etwas Besonderes. Das ist auch in Gemeinden zu spüren, in denen es solche Menschen gibt. Cornelia Trick, Pastorin in Neuenhain/Taunus, und Jügen Fleck, Pastor in Dillenburg (Hessen), haben solche besondere Jugendliche im Kirchlichen Unterricht begleitet und eingesegnet.

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chon seit dem Krabbelalter war Johannes unser ganz besonderes Gemeindekind. Durch ein Down-Syndrom entwickelte er besondere Fähigkeiten. Seine Begabung, sich in andere einzufühlen, ließ ihn sehr sensibel auf seine Mitmenschen reagieren, sie trösten, wenn sie traurig waren, sich mit ihnen freuen, wenn sie fröhlich waren. Die Kirchliche-Unterricht-Gruppe, zu der noch sieben andere Jugendliche gehörten, liebte er. Gerne war er dabei, wenn wir lachten, Anspiele einübten, Gebetsgemeinschaften hielten oder wenn die Jungs mal wieder einen Streich ausheckten. Während der Beschäftigung mit inhaltlichen Fragen der Bibel und des Glaubens hatte ich ihm ein Buch mit Bildern zu biblischen Geschichten besorgt, die wir miteinander besprachen, während die anderen Stillarbeit machten. Es waren seine Geschichten, die er verstand und die in sein Herz eingedrungen sind. In der zweiten Hälfte der Unterrichtsstunden zog sich Johannes zurück, setzte sich in eine

Fotos: privat / Webwebwebber/pixelio.de

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s war im Jahr 2007, als ich die Anfrage erhielt, ob es möglich ist, einen geistig eingeschränkten Jungen mit den anderen Jugendlichen des Kirchlichen Unterrichts einzusegnen. Der Junge besuchte eine Förderschule für geistig und körperlich Behinderte. Dort er­teilte eine Behindertenseelsorgerin sowohl Religions- als auch Konfirmanden­unterricht stellvertretend für die jeweiligen Kirchengemeinden. Ich habe mit der Behindertenseelsorgerin Kontakt aufgenommen und den Konfirmandenunterricht an der Förderschule wiederholt besucht. Es erfolgte auch ein Besuch der Schüler mit ihrer Seelsorgerin in unserer Gemeinde zu einem örtlichen Unterricht. Der Unterricht war sehr einfach, ähnlich einer

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Ecke des Raums und beobachtete uns von Weitem. Er war glücklich. Die Jugendlichen integrierten und respektierten ihn und nahmen Anteil an seinem Leben. Er gehörte dazu. Johannes fürchtet sich vor dem hohen vorderen Bereich unseres Gottesdienstraums. So war die Frage, wie er gesegnet werden konnte, ohne in den vorderen Altarraum zu müssen. Wir bauten die Kirche einfach um und feierten die Einsegnung in der Mitte des Raumes, wo die Decke noch niedrig ist. Johannes ist immer noch mittendrin in unserer Gemeinde. Er ist der Erste, der merkt, wenn jemand im Gottesdienst oder im Jugendkreis besonderen Trost braucht. Dann steht er auf und nimmt dessen Hand. Kürzlich haben wir ihn in die Kirchengliedschaft aufgenommen. Er kann zwar nicht die Aufnahme-Fragen intellektuell durchdringen, doch er hat Jesus im Herzen, er gehört zu uns und er ist ein Bote von Gottes Liebe in dieser Welt. Cornelia Trick Vorschule, doch sehr intensiv und Vertrauen stärkend, da zum Beispiel wiederholt der Tod eines Klassenkameraden verarbeitet werden musste. Die Einzusegnenden kannten den Jungen und waren mit dieser besonderen Situation einverstanden. Im Einsegnungsgottesdienst übernahm er eine kurze vorher eingeübte Lesung. Wie die anderen stellte er einen eigenständigen thematischen Beitrag vor, der aus einer selbst erarbeiteten Version des Psalms 23 bestand, den er auswendig mit Gegenständen veranschaulichend präsentierte. Der Gottesdienst bildete eine schöne Einheit, auch wenn die Wege der Jugendlichen dorthin unterschiedlich waren. Jürgen Fleck


6 ::: Titelthema: Behindert – ja und?

Spätabtreibungen: Neue Zählmethode lässt Zahlen steigen

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ür werdende Eltern gibt es wohl kaum Schlimmeres, als vom Arzt erfahren zu müssen, dass sie ein schwerbehindertes Kind erwarten oder mit dem schnellen Tod nach der Geburt rechnen müssen. Die Frauen sind dann im fünften oder sechsten Schwangerschaftsmonat, haben das Baby gespürt und ihm vielleicht schon einen Namen gegeben. Nach der Diagnose stehen sie vor der Frage, ob sie das Kind abtreiben lassen. Für diese Phase nach einer pränataldiagnostischen Untersuchung (PND) hat der Bundestag im Mai 2009 eine erweitere Beratungsregelung verabschiedet, die seit 2010 in Kraft ist. Sie sieht drei Tage Bedenkzeit vor und verpflichtet den Arzt, die Schwangere umfassend zu beraten und zusätzlich auf unabhängige Beratungsstellen hinzuweisen. Die Frau ist nicht verpflichtet, die Beratungsstelle aufzusuchen. Der Chefarzt der DRK-Frauenklinik in BerlinWestend, Heribert Kentenich, beobachtet seit der Neuregelung eine »überwiegend positive Veränderung«. Die Pflicht zur Beratung werde ernstgenommen, die Schwangeren hätten mehr Zeit, ihre Entscheidung zu treffen. »Es gibt gute Praxen und gute Berater«, sagt der Gynäkologe. Defizite sieht Kentenich allerdings noch bei Ärzten: »Es ist vielen Ärzten, die selten mit Schwangerschaftsabbruch nach PND zu tun haben, nicht klar, dass das Gesetz geändert ist.« Diese Mediziner schickten die Schwangeren nach einer entsprechenden Diagnose direkt in die Klinik, ohne die Bedenkzeit einzuhalten. Ein Gewinn ist aus Sicht des Mediziners die Verbesserung der Statistik. So werden

die Schwangerschaftswochen genauer und einheitlich registriert. Noch wichtiger ist, dass seit 2010 erstmals die Tötung von Embryonen im Mutterleib erfasst wird, der sogenannte Fetozid. Gegenüber 237 Spätabtreibungen im Jahr 2009 wurden nach Angaben des Bundesfamilienministeriums im vorigen Jahr 462 Spätabtreibungen statistisch erfasst, 258 davon erfolgten nach einem Fetozid. Damit hat sich die Zahl der Spätabbrüche auf den ersten Blick zwar fast verdoppelt. Tatsächlich wird aber endlich auch der Eingriff erfasst, der neben dem medikamentösen Abbruch bei Spätabtreibungen der häufigste ist. Insgesamt hält Kentenich die deutsche Regelung für ausgewogen. Sie sei weder zu restriktiv, noch zu liberal, meint er: »Wir sind ethisch in einer guten Situation«, meint er. Auf die Arbeit der Schwangeren-Beratungsstelle beim Diakonischen Werk in Karlsruhe hat die Gesetzesänderung dagegen bisher kaum Auswirkungen. Die Leiterin, Elisabeth Förter-Barth, sagt zwar: »Die Beratungszahlen steigen leicht an.« Sie führt dies aber nicht auf die geänderten Gesetze zurück. Vielmehr glaubt sie, dass sich ein Projekt auszahlt, das vom Land Baden-Württemberg gefördert wird. Bereits im dritten Jahr bemüht man sich in Qualitätszirkeln und Arbeitsgruppen um mehr Zusammenarbeit zwischen den zuständigen Berufsgruppen, darunter Hebammen, Gynäkologen und Humangenetiker. Das sei notwendig, sagt Förter-Barth, denn Ärzte schickten nach ihrer Beobachtung die Schwangeren nur dann zu Beratungsstellen, wenn sie diese schätzen. Das Beispiel Karlsruhe sieht Claudia Heinkel vom Bundesverband des Diakonischen Werks als »eine punktuelle Verbesserung«. Es seien aber noch keine flächendeckenden Auswirkungen der neuen Gesetzeslage auf die Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Beratungsstellen auszumachen. Das Bundesfamilienministerium lässt die erweiterte Beratungsregelung auswerten, Ergebnisse sollen aber erst im Frühjahr 2013 vorliegen. Die Gesamtzahl der Abtreibungen ist indes seit Jahren rückläufig, 2010 waren es 107.330, davor 110.694. epd

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Mandy Bremse / pixelio.de

Seit zwei Jahren haben Schwangere mehr Bedenkzeit, wenn bei ihrem Kind eine schwere Behinderung diagnostiziert worden ist. Nach drei Tagen können sie sich für oder gegen eine Abtreibung entscheiden. Die Beratung ist seither deutlich besser geworden, die Entscheidung bleibt aber noch immer schwer. Und manche Ärzte, sagt ein Berliner Gynäkologe, haben von der neuen Pflicht noch nichts gehört.


foto: York schön

Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan. Matthäus 25,40

Titelthema: Behindert Wort auf–den ja und? Weg ::: 7

Was ist denn normal ?

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twas stimmte nicht. Als meine Frau mit einem empfehlen. Das Kind wird einen Klumpfuß haben.« unserer sechs Kinder schwanger war, gab es alar- Damit stellte sich auch für uns noch einmal die Frage, mierende Ergebnisse in einer routinemäßigen wie sich der Begriff Behinderung definieren lässt. Und Vorsorgeuntersuchung. Während ich dienstlich unter- tatsächlich, diese Frage wird in der Fachwelt ebenso wegs war – weit weg von allem Geschehen –, wurde unterschiedlich beantwortet wie die Frage, was normeine Frau durch verschiedene Arztpraxen und Insti- mal sei. Das Buch des Theologen und Mediziners tute geschleust, um Gewissheit zu erhalten. Nach einer Manfred Lütz: »Irre – wir behandeln die Falschen« erlittenen Fehlgeburt waren wir sehr angespannt. Die kann unsere Auffassung über die sogenannten NorAntwort war immer dieselbe: Alles deutete auf eine malen stark erschüttern. schwere Behinderung des ungeborenen Kindes hin. Ich verstehe den Jubel und die große Dankbarkeit, Die einhellige Empfehlung dreier Ärzte lautete, diese wenn ein gesundes Kind geboren wird. Bis heute empSchwangerschaft unbedingt abzufinde ich zugleich eine Hochachtung brechen. gegenüber Eltern und Menschen, »Niemand konnte uns denen es freiwillig oder unfreiwillig War es unsere Naivität? War es die fehlende bildliche Vorstellung von die Verantwortung in zur Lebensaufgabe geworden ist, den möglichen, schwersten BehindeMenschen mit Behinderungen unterdieser Entscheidung rungen eines Kindes, die uns hat anschiedlichsten Grades zu begleiten abnehmen.« ders entscheiden lassen? War es vielund für sie da zu sein. Oft habe ich leicht Trotz nach dem Motto: Wir den Eindruck, dass sie mehr vom wollen es allen zeigen, dass man auch Leben verstehen als die Gesunden ein behindertes Kind annehmen und lieben kann? Viel- und Normalen. Sie haben mehr Tiefe, mehr Dankbarleicht war es eine Mischung aus diesem und anderem. keit, mehr Empfinden für die kleinen Wunder des AllIn jedem Fall wurde uns bald bewusst, dass niemand tags, dass sie oft auch barmherziger mit anderen sind uns die Verantwortung in dieser Entscheidung abneh- als diese mit ihnen. Vielleicht, weil sie am ehesten zu men konnte – weder gut meinende Ratgeber aus nah den Normalen gehören nach dem Maß des Glaubens: und fern noch die untersuchenden Ärzte, die uns mit »Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsWahrscheinlichkeiten in Zahlen und Prozenten ver- ten Brüdern, das habt ihr mir getan.« Unbedingt. Übmutlich ein Gefühl von objektiver Entscheidungshilfe rigens, unser Kind kam völlig gesund zur Welt. Es vermitteln wollten. hätte anders sein können, aber so war es. Wir danken es unserem Gott. Entscheidung für das Kind Erleichternd für die Eindeutigkeit unserer Entscheidung, dass ein Schwangerschaftsabbruch auf keinen Fall in Frage käme, war ein zufällig mitgehörtes Gespräch. Ein Arzt telefonierte etwas unbedacht bei Norbert Rose halb geschlossener Tür mit einem Kollegen und sagte ist Pastor in der Diakonissen-Schwesternschaft Bethesda e. V. über eine andere Schwangerschaft sinngemäß: »Wir in Wuppertal. sollten unbedingt einen Schwangerschaftsabbruch

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8 ::: Titelthema: Behindert – ja und?

»Das Evangelium ist eine Wohltat für alle Menschen« Wie vermittelt man Menschen mit geistigen Behinderungen das Evangelium? Mit Fantasie und einer starken theologischen Basis, sagt Daniela Eichhorn. Sie arbeitet als Seelsorgerin vorwiegend mit schwer-mehrfach behinderten Menschen. Im Gespräch mit Volker Kiemle berichtet sie von ihren Erfahrungen. Was unterscheidet die seelsorgerliche Arbeit mit ­Menschen mit einer geistigen Behinderung von der mit nichtbehinderten Menschen? Daniela Eichhorn: Wenn man ein wenig genauer hinschaut, erkennt man in Menschen mit einer geistigen Behinderung im Grunde auch immer sich selbst. Viele gehen ja davon aus, dass es große Unterschiede zwischen behinderten und nicht behinderten Menschen gibt. Dem ist aber nicht wirklich so. Vielmehr zeigen geistig behinderte Menschen in großer Offenheit das, was wir alle in uns tragen. Zudem sind geistig behinderte Menschen oft entwaffnend ehrlich. Unsere Gesellschaft ist ja von vielen Konventionen bestimmt – also von dem, was man zu tun oder zu lassen, zu sagen oder auch nicht zu sagen hat etc. –, ohne die unser Zusammenleben gar nicht funktionieren würde. Viele der Menschen mit einer geistigen Behinderung leben aber gar nicht in diesen konventionellen Kategorien. Sie sind eben, wie sie sind. Und tragen deshalb oft das, was in uns allen ist, offen nach außen. Hat sich Ihre Sprache über Gott verändert, seit Sie als Seelsorgerin für Menschen mit ­Behinderungen arbeiten? Daniela Eichhorn: Das ist schwer zu sagen. In der Verkündigung geht es für mich immer um eine Verkündigung mit allen und für alle Sinne – wie Sehen, Hören, Fühlen, Riechen und Schmecken –, nicht nur um Sprache. Ich habe oft mit Menschen zu tun, die kein Sprachverständnis im klassischen Sinne haben. Trotzdem erzählen wir die biblische Geschichte auch

Zur Person Daniela Eichhorn ist evangelische Pfarrerin und seit 18 Jahren Seelsorgerin in den von Bodelschwinghschen ­Stiftungen Bethel. Dort arbeitet sie in der Seelsorge hauptsächlich mit Kindern und Jugendlichen mit einer ­Behinderung und mit schwer-mehrfach behinderten Menschen. Sie erteilt Konfirmandenunterricht, ­gestaltet Andachten und ­Gottesdienste und begleitet M ­ itarbeitende und Angehörige.

– aber eben mit verschiedenen dramaturgischen Mitteln. So haben wir etwa das Evangelium von der Stillung des Sturms schon mit Donner und Blitz und dunklen Tüchern, die wir zwischen den Besuchern hochgezogen haben erzählt, um ein Gefühl für das Empfinden von Angst und Enge zu vermitteln. Das geht ja weg von der protestantischen Tradition, in der das gesprochene Wort eine große Rolle spielt ... Daniela Eichhorn: Ich persönlich habe den intellektuellen Zugang zum Glauben gebraucht, deshalb habe ich auch Theologie studiert. Aber es gibt mehrere Zugangswege zum christlichen Glauben, und das Wort allein ist nicht der einzige Weg, um Gott zu erfahren. Dabei ist es aber ganz wichtig, dass wir verantwortungsvoll mit diesen verschiedenen Zugangswegen umgehen. Denn mit einem unüberlegten Einsatz von Gestaltungselementen kann man die eigentliche Botschaft eines Textes nur allzu leicht verfremden. Es muss also auch immer sorgfältig darüber nachgedacht werden: Entspricht das Medium der eigentlichen Aussage eines Textes oder wird das Evangelium durch das Medium verfälscht? Und dieses Übersetzen in eine andere »Sprache« ist eine ur-protestantische Aufgabe – damit bin ich ganz nah bei Martin Luther. Wie kommen Gottesdienste, die für behinderte ­Menschen konzipiert wurden, bei Menschen ohne Behinderung an? Daniela Eichhorn: Gerade bei schwer-mehrfach behinderten Menschen sind ja oft auch Angehörige mit dabei. Für diese ist es schon eine große Entlastung, wenn ihre Verwandten so sein können, wie sie eben sind – egal, ob sie dazwischenrufen oder laut und etwas schräg mitsingen oder was auch immer. In den üblichen gemeindlichen Gottesdiensten stehen die Angehörigen da bisweilen unter einer großen Anspannung. Bei uns ist das anders – und das allein schon ist für viele eine Wohltat für die Seele. Zu uns kommen aber auch nicht-behinderte Menschen, denen es einfach nur gefällt, wie wir Gottesdienst feiern. Das hängt mit der

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Titelthema: Behindert – ja und? ::: 9

Es gibt viele Zugangswege zum christlichen Glauben, und das Wort allein ist nicht der einzige Weg, um Gott zu erfahren.

etwas anderen, oft sehr viel sinnlicheren Art des Zugangs zusammen, von der ich eben sprach. Und manchen tun auch nur unsere ganz einfachen Rituale gut.

Foto: sxc,hu / windchime

Wie reden Sie in ihrer Arbeit über den Tod? Daniela Eichhorn: Gerade in diesem Bereich spielen Rituale eine sehr große und unverzichtbare Rolle. Wenn ein behinderter Mensch stirbt, findet in aller Regel und möglichst zeit- und ortsnah eine Aussegnungsfeier statt. Das ist für die Menschen, die mit dem Verstorbenen zusammengelebt haben, ein ganz wichtiger Akt. Der oder die Verstorbene ist aufgebahrt, und für alle Bewohner, Mitarbeitende und Angehörige, die das gerne möchten, gibt es eine kurze Liturgie am Totenbett. Danach können sich alle von dem Toten verabschieden – etwa eine Rose aufs Bett legen oder ihn auch noch einmal segnen und berühren. Sie erleben so, dass der Mensch, der in diesem Zimmer gelebt hat, jetzt nicht mehr am Leben ist. Es hat sich in der Behindertenhilfe viel verändert. Wie hat sich Ihre Arbeit verändert? Daniela Eichhorn: In unserer Arbeit spiegeln sich natürlich die gesellschaftlichen Entwicklungen wider. So macht der Trend zur Individualisierung auch vor unseren Einrichtungen nicht Halt. Wenn neue Häuser gebaut werden, gibt es sehr viel weniger Gemeinschaftsräume, als das früher der Fall war, dafür sind die einzelnen Zimmer jetzt meist größer. Gleichzeitig wurden bei uns die Freizeitangebote ausgebaut und

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professionalisiert, es gibt jetzt viel mehr Möglichkeiten – was wunderbar ist. Als ich hier angefangen habe zu arbeiten, gab es etwa für die in den Ferien im Heim gebliebenen Kinder und Jugendlichen relativ wenig Abwechslung. Damals habe ich für sie kleine Ferienaktionen organisiert, heute bietet ihnen unser Freizeitzentrum, die Neue Schmiede, ein sehr viel ausgefeilteres Programm an. So etwas verändert natürlich auch die seelsorgerliche Arbeit. Hinzu kommt der Trend zur Säkularisierung, den es natürlich auch bei uns gibt. Was möchten Sie den Menschen, für die Sie arbeiten, mitgeben? Daniela Eichhorn: Zunächst bin ich zutiefst davon überzeugt, dass das Evangelium wirklich das ist, was der griechische Begriff meint, nämlich eine frohe Botschaft. Und das bedeutet, ich möchte, dass die Menschen, mit denen ich zu tun habe, etwas von der Wohltat dieser Botschaft zu spüren bekommen und Freude daran haben. Daneben aber geht es mir auch darum, ihnen so eine Art Notfallration für die Krisenzeiten ihres Lebens mit auf den Weg zu geben. Dazu gehören etwa Kirchenlieder und Bibeltexte. Diese aber prägen sich nur ein in immer wiederkehrenden Ritualen. Darum singen wir zum Beispiel im Gottesdienst immer das gleiche Segenslied, in der Hoffnung, dass dieses Lied den Leuten immer vertrauter wird und sie dann auch ein Leben lang begleiten kann. Dies jedoch auf breiterer Basis umzusetzen und durchzuhalten, ist in der heutigen Eventkultur gar nicht so einfach. 


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Der Trostkreislauf: Wie Leidende z Solange es uns gut geht, fällt es uns nicht schwer, Gott dankbar zu sein. Erst Leid und Schmerzen stellen den Glauben auf die Probe. Erst recht, wenn das Leiden dauerhaft ist und auch Gott nicht heilend eingreift. Oliver Merz kennt das Hadern und die Fragen: Er erkrankte mit 20 Jahren an Multipler Sklerose und ist seither in seinen Bewegungen eingeschränkt. Warum er dennoch Trost gefunden hat und wie er dadurch anderen zum Trost werden konnte, das beschreibt der Pastor aus der schweizerischen Stadt Thun.

In einem kleinen Dorf wohnte ein großes Glück. Ein Mann und eine Frau bekamen ein Mädchen, das der Sonnenschein aller wurde. Eines Tages wurde das Kind vor den Augen der Eltern auf der Straße überfahren. Das ganze Dorf nahm Anteil an der Trauer der Eltern. Auch nach über einem Jahr war die Mutter über den Verlust ihres Kindes untröstlich. Sie konnte keine Kinder mehr spielen sehen ohne bitteren Gedanken. Langsam wuchsen in ihr Hass und Zorn, Neid und Eifersucht auf alles Lebendige und Gesunde. In ihren Gedanken lebten alle Menschen glücklich und zufrieden. Nur sie war geschlagen und voller Leid. In ihrer Not ging

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iese bewegende Geschichte erinnert mich stark an Worte aus der Bibel, und zwar an Worte aus dem zweiten Korintherbrief. Der Apostel Paulus schreibt darin übers Trösten. Er redet vom Ursprung des Trostes, wie sich Trost auswirken kann, und wie er das selbst erlebt hat: »Gepriesen sei der Gott und Vater Jesu Christi, unseres Herrn, der Vater des Erbarmens und der Gott allen Trostes. Er tröstet uns in all unserer Not, damit auch wir die Kraft haben, alle zu trösten, die in Not sind, durch den Trost, mit dem auch wir von Gott getröstet werden. Wie uns nämlich die Leiden Christi überreich zuteil geworden sind, so wird uns durch Christus auch überreicher Trost zuteil. Wir wollen euch die Not nicht verschweigen, Brüder, die in der Provinz Asien über uns kam und uns über alles Maß bedrückte; unsere Kraft war erschöpft, so sehr, dass wir am Leben verzweifelten. Aber wir haben unser Todesurteil hingenommen, weil wir unser Vertrauen nicht auf uns selbst setzen wollten, sondern auf Gott, der die Toten auferweckt. Er hat uns aus dieser großen Todesnot errettet und rettet uns noch; auf ihm ruht unsere Hoffnung, dass er uns auch in Zukunft retten wird. Helft aber auch ihr, indem ihr für uns betet, damit viele Menschen in unserem Namen Dank sagen für

sie zum Pfarrer. Der bat sie, durch das Dorf zu gehen und sich aus jedem Haus, in dem kein Leid wohnt, eine Blume zu erbitten. Mit dem Strauß sollte sie dann nach einer Woche wiederkommen. Die Frau ging durch ihr Dorf von einem Haus zum anderen. Als sie nach einer Woche zum Pfarrer kommt, hat sie nicht eine einzige Blume, aber einen Strauß von Erfahrungen. Sie musste erleben, dass in jedem der Häuser ein Leid wohnt, eine Not ist und Trost nötig war. So konnte sie manchen Leuten aus ihrer eigenen Schmerzerfahrung raten und beistehen. Das war der Anfang einer inneren Heilung. Aus: Axel Kühner: Überlebensgeschichten für jeden Tag. 18. Auflage, Aussaat-­ Verlag, Neukirchen-Vluyn 2010. Mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

die Gnade, die uns geschenkt wurde« (2. Korinther 1, Einheitsübersetzung 1999). Paulus schrieb diesen Brief in erster Linie, um auf Kritik an seiner Person zu reagieren. Einflussreiche Leiter und Gemeindeglieder zweifelten an seiner geistlichen Vollmacht und Autorität, weil Paulus äußerlich anscheinend eine erbärmliche Erscheinung abgab. Paulus konnte aber anscheinend auch nicht sehr überzeugend und packend referieren. Durch so einen konnte unmöglich Gott selbst reden und wirken, folgerten manche. Die Gegner von Paulus gingen teils noch weiter und kamen zum Schluss: So einer kann nicht wirklich zu Jesus gehören. Gott ist doch ein Gott der Stärke! Paulus geht bereits im Briefeingang auf diese Angriffe ein. Er leugnet nicht, dass er tatsächlich ziemlich erbärmlich aussieht, stellt das allerdings in einen besonderen Zusammenhang. Paulus offenbart uns damit auch einen möglichen Sinn des menschlichen Leidens, ich nenne das den »Trostkreislauf«.

Trost beginnt bei Gott selbst Wenn Paulus übers Trösten redet, beginnt er bei Gott selbst. Er beschreibt Gott als die Quelle des Trostes: »Gepriesen sei der Gott und Vater Jesu Christi, unseres Herrn, der Vater des Erbarmens und der Gott allen

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Titelthema: Behindert – ja und? ::: 15

u Tröstern werden

Eigene Leiden machen sensibel für die Leiden des Nächsten. Wenn jemand aus eigener Betroffenheit Trostworte spricht, dann sind das mehr als Worte.

Mehr als Mitleid Entspricht das auch meiner persönlichen Vorstellung von Gott? Kann ich als Mensch mit Behinderung oder als Angehöriger eines behinderten Menschen Gott als tröstenden, stärkenden und fürsorglichen Vater sehen? Als ich mit 20 Jahren plötzlich kaum mehr gehen, schreiben und lesen konnte, fragte ich mich, wie ich das nun mit einem liebenden und barmherzigen Gott zusammenbringen sollte. Ich war gerade mal ein gutes Jahr mit Jesus unterwegs, und nun tut er mir das an! Ich sehe mich noch heute am Zimmerfenster im Spital stehen und denken: Ob ich da nicht lieber runterspringen sollte?

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Die Worte von Paulus enden aber nicht beim Philosophieren über Gott, den Tröster. Er rechnete oft nicht mehr damit, lebendig aus Notsituationen herauszukommen. Dennoch kann er sagen, dass er von Gott getröstet wurde. Wie erlebte Paulus diesen Trost von Gott? Wir erfahren es nur bruchstückhaft. Er verstand wohl unter Trost ermutigen, ermahnen und stärken. Genauso erlebte er es wohl auch. Er sagt, dass er zum Beispiel durch den liebevollen Umgang der griechischen Christen mit einem Freund von ihm getröstet, gestärkt und ermutigt wurde. In einem erlebte Paulus aber besonders Gottes ermutigendes und stärkendes Trösten: Er bekam immer wieder die Kraft, um seinen Weg mit Jesus und seinen Dienst für ihn gegen alle Widerstände und vermutlich trotz eines zusätzlichen chronischen Leidens zu gehen.

Leid bleibt Leid Wie wurde die Frau aus unserer Geschichte getröstet? Auch ihr Leiden wurde von Gott nicht sofort beseitigt. Ihr Kind blieb tot! Aber sie erlebte mitten in ihrem bitteren Schmerz etwas ganz Unerwartetes: Sie wurde durch die Begegnung und die Gespräche mit anderen herausgeforderten Menschen getröstet. Allein schon s

Foto: pixelio / Dickimatz

Trostes.« Es gehört zu Gottes Wesen, dass er sich über dem Schwachen und Notleidenden erbarmt und ihn tröstet. Nach biblischer Gesamtschau fängt alles Gute in und bei Gott an. Paulus steht mit seiner Aussage in guter biblischer Tradition. Jesus sagt etwa, bevor er seine Jünger alleine ihrer Mission überlässt, dass er ihnen den Tröster, den Heiligen Geist, senden werde (Johannes 14,26). Das Wort »Trost« hat im Neuen Testament eine große Bedeutungsbreite – etwa ermutigen, ermahnen, zurechtweisen, stärken, innerlich festigen. Wenn von Gott als Tröster die Rede ist, meint das also viel mehr als bloß »bemitleiden«.


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die Erfahrung, dass auch andere Menschen mit Schwerem leben lernen müssen, wirkte tröstend. Bei mir war und ist das ähnlich. Mit anderen Betroffenen über Erfahrungen und Gefühle im Umgang mit der eigenen Behinderung zu reden, tut meistens gut. Es gibt aber auch Zeiten, in denen es mir nicht nach Reden ist. Da bin ich darauf angewiesen, dass jemand einfach da ist. Es kann bei mir sogar so weit gehen, dass ich Freunde brauche, die für mich glauben und beten, wo es mir nicht mehr danach zumute ist. Gerade uns Menschen mit Behinderung befreit Gott meistens nicht einfach von unseren Einschränkungen, wie sehr wir ihn auch immer darum bitten mögen. Auch wir brauchen in unserem Leben mit Einschränkungen manchmal die Unterstützung von Freunden und der Familie.

Trost ist keine Einbahnstraße Paulus schreibt in seinem Briefeingang: »... damit auch wir die Kraft haben, alle zu trösten, die in Not sind, durch den Trost, mit dem auch wir von Gott getröstet werden.« So kann sich Gottes Trost auswirken. Getröstete werden zu Tröstenden! Schon dass wir Gottes Wirken in unserer Not tröstend empfinden können, kostete ihn in Jesus alles. Jesus gab seinen Status und die geheimnisvolle inner-göttliche Gemeinschaft auf. Gottes Trost ist zutiefst leidgeprüft – alles andere als billig! Eigene Leiden machen sensibel für die Leiden des Nächsten. Wenn jemand aus eigener Betroffenheit Trostworte spricht, dann sind das mehr als Worte! Auch in meiner aktuellen Untersuchung wurde etwas

Oliver Merz ist Theologe und lebt mit seiner Familie in Thun, Schweiz.

davon ersichtlich. Körperlich und seelisch begrenzte Pfarrerinnen und Pfarrer, Priester und Pastoren sind für ihre Kirchen eine unentbehrliche Bereicherung, ein Mehrwert! Sie fallen dadurch auf, dass sie viel einfühlsamer für die Nöte anderer sind. Pfarrer mit offensichtlichen Grenzen sind häufig ein Vorbild für den Umgang mit persönlichem Leiden. Schon kurz nachdem ich selbst an MS erkrankt war, lernte ich andere kennen, die unerwartet mit schweren Diagnosen umgehen mussten. Andere wurden durch mein leidgeprüftes Leben irgendwie von Gott ermutigt und getröstet, ihre eigenen Herausforderungen zu tragen. Ich scheine seither Menschen mit schwierigen Lebensumständen richtiggehend anzuziehen. Das Erstaunliche ist: Wir werden dabei ermutigt und getröstet! Trost und Trösten ist also keine Einbahnstraße. Eine Bedingung gibt es allerdings: Wir dürfen nicht in der Isolation, einsam in unseren Herausforderungen bleiben. Diese Phasen wird es geben. Wenn wir uns danach aber wieder zugänglich zeigen, den Weg ins Leben zurück suchen, dann können wir Ähnliches erleben wie Paulus und seine Freunde damals. Doch es fehlt noch etwas Wichtiges: der Dank. Den Schluss des Briefeingangs im 2. Korintherbrief habe ich lange überlesen, dabei enthält er ein überraschendes Detail: »Helft aber auch ihr, indem ihr für uns betet, damit viele Menschen in unserem Namen Dank sagen für die Gnade, die uns geschenkt wurde.« Am Anfang und am Schluss stehen der Dank und die Ehrerbietung an Gott. Hier schließt Paulus zum Thema Trost einen Kreis. Wer in der Not erlebt, dass er von Gott und von Menschen getröstet wird, der ist auch ermutigt, Gott wieder und wieder um seine Hilfe zu bitten! Und er ist sich nicht zu schade, auch andere in seinem Umfeld über seine Situation zu informieren und um Gebet für ihn zu bitten. Nicht zuletzt schwingt hier auch eine missionarische Dimension mit!

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Foto: sxc. hu / vivekchugh

Trost und Trösten sind keine Einbahnstraße. Dazu dürfen wir aber nicht einsam in unseren Herausforderungen bleiben.


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Dillenburg: Christliche Vielfalt erleben C

hristsein kann bunt und vielfältig sein, ebenso wie die Landschaft der unterschiedlichen christlichen Gemeinden und Gemeinschaften im Raum Sieg-DillLahn. Beim ersten »Tag der Gemeinden« am 20. August wirkte der Wilhelmsplatz in Dillenburg wie ein südländischer Basar, der zum Umhergehen, Verweilen und Gute-Gespräche-Führen einlud. 15 Gemeinden und Gemeinschaften präsentierten sich, ihre Arbeit und ihren Einsatz für unseren gemeinsamen Herrn an fantasievollen, informativen und einladenden Ständen. Unter der Federführung von Bürgermeister Michael Lotz war diese Initiative zustande gekommen. Hier kommt es zu einem Miteinander von Jesus-Freaks und Katholischer Kirche, Siebenten-Tags-Adventisten und Freien evangelischen Gemeinden, Brüdergemeinden und Evangelischer Landeskirche, Freien Pfingstgemeinden und EmK und einigen mehr. Damit auch möglichst viele Besucher alle Gemeinden kennen lernen konnten, wurden sowohl die Erwachsenen als auch die Kinder jeweils mit einer Rallye auf den Weg geschickt, um an den einzel-

Fotos: privat

Bereits zum dritten Mal reiste

e­ ine Gruppe der EmK-Gemeinden Marienberg-Olbernhau, Zschopau, Dittersdorf, Ehrenfriedersdorf und Venusberg in die ökumenische Klostergemeinschaft Taizé. Dort lernte die Gruppe die einzigartige ­Atmosphäre dieses besonderen Ortes kennen. Dazu gehört ­neben dem Morgen-, Mittagund Abendgebet auch die ­Mitarbeit in der Klostergemeinschaft, was das Zusammenleben innerhalb dieser Zeit erst ermöglicht. Außerdem war die gemeinsame Bibelarbeit fest

Beim »Tag der Gemeinden« präsentierten sich die EmK und Pastor Jürgen Fleck als Brückenbauer.

nen Ständen bestimmte Fragen oder Aufgaben zu lösen. Unsere EmK hatte sich dabei wie im wirklichen Leben als Brückenbauer zwischen Gott und den Menschen und untereinander präsentiert. Umrahmt wurde dieser Tag mit stündlichen Andachten, Lobpreis-

in den Tagesablauf integriert. Bei bis zu 5.000 jungen Christen aus allen Teilen der Erde fielen die Arbeitsgruppen dabei sehr bunt aus. Nicht zuletzt diese Vielfalt trug dazu bei, dass alle mit vielen neuen ­Erfahrungen und schönen ­Erinnerungen an die gemeinsame ­Woche in Taizé nach Hause ­zurückkehrten. Tobias Buschbeck In Ungarn verlieren mehr als

340 Kirchen ihre staatliche Anerkennung. Das hat das ungarische Parlament in einem neuen Religionsgesetz festgelegt, das

bands, Kinderchor und Anspielen. Zum stillen Gebet lud die Krypta der nahegelegenen katholischen Kirche ein. Den Abschluss bildete der Aufstieg von 500 Gasballons, die vorher gesammelte Gebetskärtchen in den Himmel trugen.  Jürgen Fleck

kurz &bündig Anfang 2012 in Kraft tritt. ­Betroffen ist auch die ungarische EmK, zu der in Ungarn 34 ­Gemeinden gehören. Die EmK will sich aber um eine Anerkennung bemühen. Unterstützung kommt dabei von den Bischöfen der Evangelisch-Lutherischen und der Reformierten Kirchen sowie von der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in ­Europa und der Konferenz ­Europäischer Kirchen. kie


18 ::: unterwegs info

persönlich Neuenhain i.Ts. ::: am 21. August Johannes Bolay (21), Yasemin Dere (20), ­Matthias Hartmann (17), Jan Hitschfeld (20) und ­Susanne Trick (17).

W i r g r atul ie ren Braunschweig ::: Herbert Preuss zum 90. Geburtstag. Eichwalde ::: Hanna und Günter Rätzer zur goldenen Hochzeit. Ellefeld ::: Ruth Löffler zum 90. Geburtstag. Friedrichsdorf ::: Feodora ­Leonhardt zum 90. Geburtstag; Marta Volz zum 90. Geburtstag. Hamburg-Eimsbüttel ::: Renate und Hans-Walter Boller zur ­goldenen Hochzeit. Hannover ::: Hanna und Paul Tiedtke zur diamantenen Hochzeit.

Naila ::: Elfi und Herbert Heinrich zur goldenen Hochzeit. Neuhütten ::: Christine und Fritz Schmidgall zur goldenen Hochzeit. Raschau ::: Hanna Fischer zum 90. Geburtstag; Johanna Lein zum 90. Geburtstag. Recklinghausen/Marl ::: ­Marianne Hirsch zum 90. Geburtstag. Schneeberg ::: Anita und Horst Anger zur goldenen Hochzeit. Sindelfingen ::: Marianne und Pastor i.R. Friedrich Macco zur goldenen Hochzeit. Wolfsburg ::: Alma und Kurt Redweik zur goldenen Hochzeit. Wüstenrot ::: Hanna und ­Gerhard Hüfner zur diamantenen Hochzeit; Ursula Prinzing zum 90. Geburtstag. Zschorlau ::: Esther Leonhardt zum 90. Geburtstag.

wowannwas S eminar e Ich höre dir zu – Einführung in die Seelsorge ::: EmK Ellerbek, 24. September. Informationen bei Gabriele Fellenberg, Telefon 04101 35605. Exerzitien ::: Ökumenisches ­Angebot, 12. bis 16. Oktober, Haus St. Michael/Schwanberg (Mainfranken). Information und Anmeldung: Burkhard Seeger, Telefon 0711 2156-205, E-Mail: burkhard.seeger@bethesdastuttgart.de Trauerwege ::: Vom Umgang mit der Trauer, 28. bis 30. Oktober, Bildungswerk Stuttgart-Giebel, Leitung: Doris Franz und Stefan Herb. Informationen und Anmeldung: Telefon 0711 8600690, E-Mail: bildungswerk@emk.de

Mauer oder Brücke – zwischen Konfessionen und Kulturen ::: Wochenendtagung für konfessionsverbindende Paare und ­Familien und für ökumenisch ­Interessierte, 7. bis 9. Oktober, Dornstadt bei Ulm. Information und Anmeldung: Telefon 0711 86006-90, E-Mail: bildungswerk@emk.de

Ter mine Abstatt-Happenbach ::: Gemeindezentrum Friedens­ kirche, Richard-Bäuerle-Straße 3, 23. September, 20 Uhr, Black Gospel live mit Caroline Aigbe und gospel.ag Band. Stuttgart-Bad Cannstatt ::: Christuskirche, Daimlerstraße 15, 10 Uhr, Abschlussfest zur Restaurierung der Christus­ kirche. Informationen unter ­Telefon 0711 565566.

Heimgegangen Albstadt-Tailfingen ::: Edi Lorch am 24. August, 70 Jahre. Allendorf/Eder ::: Luise ­Franziska Weirich geborene Traute am 15. Juni, 93 Jahre. Bebra ::: Elisabeth Grebe am 12. August, 90 Jahre; Dr. Heinrich Caselitz am 13. August, 84 Jahre. Berlin-Kreuzberg ::: Hildegard Massau geborene Pieper am 23. August, 93 Jahre. Berlin-Wittenau ::: Günter ­Marinski am 16. August, 95 Jahre. Burkhardtsdorf ::: Hanna Zinke am 23. August, 90 Jahre. Dittersdorf ::: Hildegard ­Büttner am 3. August, 91 Jahre. Fellbach ::: Eugen Kollmer am 21. August, 97 Jahre.

Freiburg ::: Karin Meyer ­geborene Mayer am 10. August, 74 Jahre. Friedrichsdorf ::: Ernst Hecker am 11. Juli, 87 Jahre. Heimsheim ::: Dieter Körner am 13. August, 89 Jahre. Kassel ::: Ruth Ganns am 10. August, 97 Jahre. Kirchentellinsfurt ::: Erika ­Finger am 21. August, 77 Jahre. Sindelfingen ::: Heinrich ­Rothfuß am 16. August, 82 Jahre. Tuningen ::: Adelinde Szugsdies geborene Sölch am 23. August, 82 Jahre. Vorpommern ::: Frieda ­Kedrowski am 9. August, 82 Jahre. Zschorlau ::: Lisbeth Große ­geborene Brüderlein, am 20. August, 90 Jahre.

Weinsberg ::: Christuskirche, Bleich 38, 25.9., 20 Uhr, Claas P. Jambor – solo, Informationen unter Telefon 07134 2782.

Radio AREF – sonnund feiertags von 10-12 Uhr. www.aref.de und UKW 92,9 MHz (Großraum Nürnberg)

Rund funk im Internet radio m kompakt: Podcast-­ Magazin – engagiert. radio m im Gespräch: PodcastGespräche über den Glauben. radio m Themen: Berichte und ­Reportagen. radio m ­Andachten: ­Kostenlos zu abonnieren: www.radio-m.de radio m bei Klassik Radio (bundesweit) Andachten »Carpe diem«: 19. bis 24.9., kurz nach 6 Uhr: mit Anja Kieser; Sonntagsmagazin »Klassik und ­Kirche«: sonntags, 7–8 Uhr: mit Anja Kieser.

ERF Jeden Donnerstag, 20 Uhr, Bilanz, mit Horst ­ Marquardt. BR2 Radio 25.9., 6.45 Uhr, POSITIONEN, mit Reiner Kanzleiter. phoenix 17.9., 20.15 Uhr, Petrus der Fels.

Foto: Rolf van Melis / pixelio.de

Au f geno mmen


Kirchengeschichte ::: 19

Ferien mit Gott: Wie der Ashram nach Deutschland kam Kann ein hinduistisches Ritual christlich sein? Ja, sagte der amerikanische Missionar Stanley Jones. Er entdeckte in Indien den »Ashram«, besonders gestaltete Einkehrtage, und richtete sie auf Jesus Christus aus. Vor 50 Jahren kam die Idee auch nach Deutschland und fand viele Interessierte. Hans Jakob Reimers blickt zurück.

C

hristlicher Ashram – ist das nicht ein Widerspruch in sich? Wie kann ein Ashram, also eine Besinnungsart der Hindus, christlich sein? Ist das nicht eine gefährliche Vermengung von Religionen? Irritationen dieser Art haben dazu geführt, dass die deutsche Ashram-Bewegung bereits seit einigen Jahren stattdessen von geistlichen »Einkehrtagen« spricht. »Ashram« kommt aus dem Sanskrit (alt-indisch) und bedeutet so viel wie »weg von harter Arbeit«. Es war der amerikanische Missionar Dr. Eli Stanley Jones (1884–1973), der diese Art religiöser Besinnung bei den Hindus kennen und schätzen gelernt hat. 1907 sendet die methodistische Missionsgesellschaft in den USA den Dreiundzwanzigjährigen nach Indien. Zunächst arbeitet er unter den Ausgestoßenen, und zwar der Kaste der Diebe – aus der später einige der besten indischen Prediger kamen. Bald wird er mit dem Amt des Superintendenten für den Lucknow-Distrikt betraut, außerdem leitet er das methodistische Verlagshaus.

unterwegs 19/2011 ::: 11. September 2011

s

Dienst unter den Intellektuellen Jones bekommt Kontakt zu gebildeten Schichten: Beim Tennisspielen lernt der Sportsmann Stanley Ärzte, Juristen und Verwaltungsbeamte kennen. Ein HinduRichter fragt ihn, warum er sich nur um Randgruppen kümmere: »Wir brauchen Sie auch!« Dadurch wird ihm seine Lebensaufgabe klar: der evangelistische Dienst unter den Intellektuellen der höheren Kasten. Jones studiert den Hinduismus und hält landauf landab Vorträge vor gebildeten Nichtchristen. Dabei stellt er ihnen allein den biblischen Christus vor Augen, losgelöst von allem kirchlichen Beiwerk. Nach seinem Vortrag beantwortet er Fragen. Eine literarische Frucht seiner Tätigkeit ist das Buch »The Christ of the Indian Road« von 1925. Drei Jahre später erschien es bereits in dritter Auflage als »Der Christus der indischen Landstraße«. In seinem Dienst merkt Stanley aber, wie sein persönliches geistliches Leben mit seiner Verkündigung

nicht mehr Schritt hält. Wenn Leben und Lehre übereinstimmen sollen, kann der Verkündiger nicht nur geben, er muss auch empfangen. Die Sendung muss aus der Sammlung kommen. Er schreibt: »Ich kam zu dem Schluss, dass ich die Disziplin einer Gruppe nötig hatte sowohl für mich selbst als auch für meinen Dienst.« So kommt er auf die Idee, den indischen Ashram für sein Anliegen nutzbar zu machen. Hatte er doch selbst einen Ashram unter der Leitung von Mahatma Gandhi (1869–1948), dem Vater des modernen Indien, miterlebt. Er schreibt darüber: »Gandhis Ashram organisierte sich um die Persönlichkeit Gandhis und spiegelte seinen Geist und sein Anliegen wider. Es ist also der ›Guru‹ (Lehrer), der den Ashram zu etwas Gutem oder Schlechtem macht. Im ›christlichen Ashram‹ haben wir auch einen ›Guru‹, aber niemals einen menschlichen; denn kein Mensch ist gut und weise genug, um der Mittelpunkt einer religiösen Bewegung sein zu können. Deshalb beschlossen wir: Der Guru unseres Ashram ist allein Jesus Christus.« Stanley Jones hat also nichts anderes getan, als eine hinduistische Form mit christlich-biblischem Inhalt zu füllen. Ein christlicher Ashram meint demnach so-

Im Gespräch: Stanley Jones und Bischof ­Friedrich ­Wunderlich.


Die »Stunde der offenen Herzen« 1930 hält Stanley Jones selbst den ersten christlichen Ashram in Sat Tal (zu deutsch: »Sieben Seen«), einem 162 Hektar großen Anwesen bei Lucknow im gemäßigten Klima unterhalb des Himalaya. Kriegsbedingt kommt diese Arbeit in Indien 1940 allerdings zum Erliegen. Als unerwünschter Ausländer muss er die damals noch britische Kronkolonie verlassen. Nun macht er den Ashram in seiner Heimat, den USA, bekannt. Ein Charakteristikum des Ashram ist das immerwährende Gebet: In einem separaten Raum sollte ständig jemand beten, ursprünglich im Stunden-Takt rund um die Uhr. In Deutschland ist man bald dazu übergegangen, nur tagsüber zu beten, und zwar im halbstündlichen Wechsel. In dem dafür vorgesehenen Raum liegt ein Heft aus, in das Gebetsanliegen eingetragen werden. Nach dem Abendsegen ist Schweigen geboten bis zum nächsten Morgen. Das Schweigen wird beendet nach der Stillen Zeit mit dem Gruß »Jesus ist Herr«. Jeder Ashram beginnt mit der so genannten »Stunde der Offenen Herzen«. Alle Teilnehmenden haben Gelegenheit, ihre Erwartungen zu äußern. Am Ende der Freizeit steht die »Stunde der überfließenden Herzen«. Sie gibt allen die Möglichkeit, der Gruppe mitzuteilen, welchen Segen sie in den Tagen empfangen haben. Vorausgeht als Höhepunkt der Segnungsgottesdienst. ­Alle können sich unter Handauflegung segnen lassen. Informationen Die nächsten Einkehrtage sind für die Zeit vom 16. bis 20. November 2011 im Haus Höhenblick in Braunfels vorgesehen sowie vom 27. Juni bis zum 1. Juli 2012 in Vesperweiler bei Freudenstadt. Informationen zu Braunfels unter Telefon 06442 9370, E-Mail: hans-hermann.schole@hoehenblick.de; Informationen zu Vesperweiler unter Telefon 06403 7746343, E-Mail: hjreimers@emk.de

Die Vormittage und Abende gehören den Bibelarbeiten. Nach dem Mittagessen haben alle die Zeit bis 16 Uhr zur freien Verfügung. An den Nachmittagen treffen sich Gebetsgruppen. Schwerpunkte der Fürbitte sind Persönliches, die jeweilige Heimatgemeinde, die Kirche Jesu Christi weltweit und Brennpunkte der Weltpolitik. Bereits im August 1931 veröffentlicht Stanley Jones im methodistischen Sonntagsblatt »Der Evangelist« einen großen Artikel unter der Überschrift »Jesus in einer indischen Waldschule«. Darin berichtet er über seine Ashramarbeit in Indien. Es wird aber noch dreißig Jahre dauern, bis er den ersten Ashram in Deutschland anbieten kann: Das geschieht vom 11. bis 14. Juni 1961 im damals gerade erst eingeweihten »Haus der sieben Brüder« in Hunoldstal/Taunus. An ihm nimmt neben manchen Pastoren auch Bischof Wunderlich (1896–1990) teil. Damals gehörte auch noch körperliche Arbeit dazu. Einer der Bahnbrecher der Ashramarbeit in Deutschland ist Pastor Wolfgang Hammer (1919–1999), der spätere Kongo-Missionar. Seine Nachfolge tritt Paul Orlamünder (1904–1986) an. Zwischen 1972 und 1982 lädt er achtzehnmal zu Ashram-Tagungen ein: nach Hunoldstal und Braunfels, später nach Wüstenrot. Ihm assistiert Hermann Neef (1921–2010). Er hat die Arbeit 1993 von Wüstenrot nach Vesperweiler bei Freudenstadt verlegt. Die mit Abstand meisten Freizeiten im Sinne des Christlichen Ashram hat Siegfried Ermlich verantwortet – insgesamt über 60. Der Schwerpunkt seiner Ashramarbeit war der norddeutsche Raum mit den Tagungsorten Braunfels und Oewerdiek, Clausthal und Klecken, der Heideburg und dem Sunderhof in Seevetal bei Hamburg. Als Gastredner war der schwedische Pastor unserer Kirche, Sten Nilsson, zwölfmal dabei, aus England der methodistische Pastor Bill Burridge. In einem Prospekt heißt es: »Die Christliche Ashram-Bewegung ist nur einer unter den Versuchen, die Gemeinschaft der Kirche Jesu Christi zu erneuern. Sie ist ein Weg, der beschritten wird hin zu dem, der von sich gesagt hat: Ich bin der Weg.«

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Foto: sxc. hu / vivekchugh

viel wie »Ferien mit Gott«. Der Ashram will die Möglichkeit bieten, zur Stille vor Gott zu gelangen. Dieser Sachverhalt lässt sich von einer Seite her beleuchten, von der wir wohl zuletzt Aufschluss erwarten würden: In der litauischen Sprache heißt »ashramus« so viel wie: »Ich werde still.«


EMK-DiaKoniE: Wir MElDEn uns zu Wor t

Helfen und Heilen

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Hand in Hand Gemeinde und Diakonie

Glaube ist in der liebe tätig »Es zählt nur der Glaube, der in der liebe tätig ist«. Paulus schrieb dies an die Gemeinden in der Gegend von ankara. Es wurde ein zentrum methodistischer Frömmigkeit. Für John Wesley gehörte diese zusammenfassung von Glaube als liebe in das alltägliche leben. Die Einheit von Wort und tat war eine Wirklichkeit seines lebens. »Wir können gar nicht anders, als den nächsten zu lieben, wenn wir wirklich der liebe vertrauen, mit der Gott uns geliebt hat«, predigte er seinen zuhörern. Jahrzehnte lang war es in Deutschland üblich, denen, die sich einer methodistischen Gemeinde anschließen wollten, vorher ein kleines Blättchen in die Hand zu geben. sie sollten prüfen, ob sie sich auf die darauf beschriebene art, ihren Glauben zu leben, einlassen wollten. Drei unverzichtbare Elemente waren darauf beschrieben, die untrennbar zusammengehören. sie fordern zu einem heiligen leben auf, in dem der Glaube in der liebe zur Wirkung kommt. Wer in der methodistischen Gemeinschaft Mitglied werden und bleiben will, der oder die soll: Erstens, nichts Böses tun, sondern Böses aller Art vermeiden. Konkret hieß das auch den Sonntag heiligen, keine Trunkenheit, kein Sklavenhalten, keine nichtversteuerten Waren kaufen oder verkaufen … zweitens: Gutes tun, in jeder Hinsicht nach dem Vermögen sich barmherzig erweisen, bei jeder Gelegenheit Gutes aller Art, soweit die Kräfte reichen, allen Menschen erzeigen. Das hieß: Hungrige speisen, nackende kleiden, Kranke und Gefangene besuchen und ihnen behilflich sein … Drittens: die von Gott verordneten Gnadenmittel gebrauchen, d. h. Gottesdienstbesuch, abendmahlsteilnahme, Gebet und schriftforschung, verbunden mit einem christlichen lebensstil.

Die Übersicht zeigt: es geht nicht um dogmatische richtigkeiten, so wichtig sie sind, sondern um den bewusst diakonisch gestalteten Glauben. als vor einiger zeit alle Kirchen in Deutschland das »Jahr der Bibel« gestalteten, organisierte anschließend unsere Kirche – leider alleine – ein »Jahr der Diakonie«. Das war typischer ausdruck methodistischer Frömmigkeit. zur Bibel gehört die Diakonie, zur Diakonie die Bibel. als in Frankfurt am Main, Hamburg und Berlin methodistische Gemeinden entstanden, lebten sie mit den ersten Diakonissen unter einem Dach. Diakonissen suchten in den Großstädten die Ärmsten auf, die Prediger und Gemeindeglieder unterstützten sie. Vorbildlich, ja selbstverleugnend gewagt war der Einsatz der Diakonissen in Hamburg, als die stadt 1892 von einer Cholera-Epidemie heimgesucht wurde. Es war ein mutiges gemeinsames zeugnis. Die weitere Entwicklung zeigte, dass es für die Gemeinde bequem war, mit Krankenhäusern und Gemeindeschwestern eine »diakonische abteilung« zu haben, auf die man sich verlassen konnte und die ihnen viele Dienste abnahmen. Es ist hoffnungsvoll, dass unsere Gemeinden ihre diakonische Verantwortung selber wieder entdecken. Wer genau auf das Wort der Bibel hört und wer ehrlich betet, der kann »gar nicht anders, als den nächsten dienend zu lieben«. Karl Heinz Voigt, Pastor i.R. Die erstaunliche diakonische Wirksamkeit von Gemeinde und Diakonissen beschreibt Karl Heinz Voigt konkret in seinem 2010 erschienen Buch »Methodistische Mission in Hamburg 1850–1900«.


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Helfen und Heilen

EMK-DiaKoniE: Wir MElDEn uns zu Wor t

Hand in Hand: treffpunkt Görlitz – ein ort der Geborgenheit zweimal in der Woche bieten die Gemeinderäume der Evangelisch-methodistischen Kirche in Görlitz Platz zur Begegnung für Menschen, die sonst wenig Möglichkeit zur Gemeinschaft haben oder denen es oft nicht leicht

Kunstwerk einer Besucherin aus dem Treffpunkt Görlitz

fällt, sich anderen Menschen zu öffnen. zwischen 10 und 20 Frauen und Männer unterschiedlichen alters finden sich zusammen, denen eines gemeinsam ist: sie leiden an psychischen Erkrankungen. nicht selten führen solche Beeinträchtigungen des seelischen lebens zu sozialer isolation, stigmatisierung, Einsamkeit und – damit einhergehend – zur Verneinung der eigenen Persönlichkeit oder grundsätzlicher des lebens überhaupt. Dies wollten ein Gemeindeglied und der auf dem Bezirk tätige Pastor, reinhard Melzer, nicht einfach tatenlos hinnehmen. und so regten sie an, die Gemeinderäume für die Begegnung psychisch erkrankter Menschen zu öffnen. anfangs gab es verständlicherweise viel unsicherheit: Würde man sich auf diese leute einstellen können? Ja, würde überhaupt jemand von

dieser Möglichkeit Gebrauch machen und sich damit ja auch als Betroffener zu erkennen geben? Bald aber schon zeigte sich, dass der Bedarf durchaus vorhanden war und das angebot des treffpunkts rege angenommen wurde. Der zuspruch war sogar so groß, dass die damit verbundenen aufgaben nicht mehr ehrenamtlich oder nebenamtlich zu bewältigen waren. Dank intensiver unterstützung und Förderung durch die arbeitsagentur gelang es, eine sozialarbeiterin zumindest zu 50 Prozent anzustellen, freilich nur für eine begrenzte zeit. zudem konnten Personen auf der Basis einer zuverdienstmöglichkeit die räumlichkeiten den Erfordernissen des treffpunktes besser anpassen und kreative tätigkeiten der teilnehmenden anleiten. auch durch diesen Personenkreis er-

Treffpunkt-Besucher präsentierten sich mit einem Stand beim Altstadtfest

weiterte sich der Besucherstamm kontinuierlich. Wenn die Menschen dort zusammenkommen, dann dient dies der Begegnung, dem austausch und der gegenseitigen stärkung. Durch verschiedene

Möglichkeiten künstlerischer Gestaltung werden aber auch die kreativen Fähigkeiten der Besucherinnen und Besucher gefördert. richtige Kunstwerke sind im laufe der Jahre entstanden, die auch durch ausstellungen einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden. und selbstverständlich darf das Feiern nicht fehlen, was in gewissen abständen auch Gelegenheit zur Begegnung mit Gemeindegliedern bietet. im Jahr 2010 hat das Evangelisch-methodistische Diakoniewerk Bethanien mit sitz in Chemnitz die trägerschaft für diese arbeit übernommen, nachdem sie bis dahin bei der Kirche angesiedelt war. leider ist es bis heute nicht gelungen, eine regelfinanzierung für diese wichtige tätigkeit zu erhalten. angesichts der derzeitigen Kürzungen im sozialhaushalt des landes sachsens ist die Hoffnung auch eher verhalten. Dennoch wird derzeit der Versuch unternommen, den treffpunkt zu einer Kontakt- und Beratungsstelle auszugestalten, was freilich nur durch die Bewilligung einer weiteren Förderung, durch die Gewinnung von Kooperationspartnern und die deutliche Erhöhung des spendenaufkommens möglich wäre. Eine Fortsetzung der arbeit ist auf jeden Fall wünschenswert, ja um der Besucherinnen und Besucher willen dringend erforderlich. Ein satz einer teilnehmerin unterstreicht das eindrücklich: »Wenn es den treffpunkt nicht gäbe, dann gäbe es mich auch nicht mehr.« Pastor Frank Eibisch, Chemnitz Direktor des Evangelisch-methodistischen Diakoniewerks Bethanien


Helfen und Heilen

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Hand in Hand: Die Kleinen gehören dazu Die Bethesdagemeinde WuppertalElberfeld ist seit jeher dem heutigen agaplesion Bethesda Krankenhaus und seniorenzentrum sowie der stadtteilarbeit, dem second-Hand-laden und dem Gästehaus der Diakonissenschwesternschaft Bethesda verbunden – und das nicht nur durch die räumliche nachbarschaft. Durch Gebet und ehrenamtliche Mitarbeit bringen sich Gemeindeglieder ein. sowohl die außenwirkung als auch die identifikation der Gemeinde werden darum auch vom label »Bethesda« mitgeprägt. sie entwickelt und platziert jedoch auch ein eigenes Profil. Freundliches, förderliches und vertrauensvolles interesse wird ihr dabei entgegen gebracht. Besonders gilt das für die Bethesda Kindertagesstätte: sie wurde 1998 durch das Diakoniewerk und das Krankenhaus Bethesda sowie die Bethesdagemeinde gegründet. Kirche und Kindertagesstätte stehen nebeneinander. Das gilt für die Gebäude, die kaum 10 schritte voneinander trennen. Das gilt aber auch für die Menschen: anstoß zum Betrieb einer Kita war damals der Wunsch, ein angebot für die Mitarbeitenden im Diakoniewerk und für die Menschen des stadtviertels zu machen. Für Kinderbetreuung gibt es einen großen Bedarf. Die Gemeinde will sich bisher gemeindefremden Menschen bewusst öffnen. Die Kindertagesstätte zeichnet sich durch ein hohes niveau aus in Bezug auf Gebäude, ausstattung, Personalschlüssel und die inhaltlichen standards. so wird es vielen erleichtert, Familie und Beruf zu vereinbaren. Das christliche Welt- und Menschenbild berührt viele themen, Fragen und

Die Kindertagesstätte (Gebäude rechts) befindet sich unmittelbar neben der Kirche der Bethesdagemeinde in WuppertalElberfeld.

Problemstellungen von jungen Familien. Das ist in Elterngesprächen oft entscheidend hilfreich. Die christliche Kultur ist spürbare Grundlage der arbeit und des umgangs mit den Kindern. Der Bedarf nach beratender und praktischer Hilfe wächst. Berührungspunkte zwischen Kita und Gemeinde sind zum Beispiel gemeinsame Gottesdienste. sie werden im team vorbereitet und sind, was themen, Öffentlichkeitsarbeit, Verkündigung, Musik und Medien anbelangt, auf Bedürfnisse und Kultur von Eltern und Kindern ausgerichtet. Das hat auswirkungen auf das gesamte Gottesdienstleben der Gemeinde und ist durchaus noch ausbaufähig. Die persönlichen Kontakte, die zwischen Kita und Gemeinde entstehen sollen, sind herausfordernd. nur verbindliche Kontakte können ein sozialdiakonisches angebot zu einer Chance des Gemeindeaufbaus werden lassen. Hilfreich sind die gemeinsamen »Brunches« nach den Familiengottesdiensten. Eine neue, gemeinsame Kultur des Feierns entwickelt sich. Jährliche

Höhepunkte bilden die Christvesper und im sommer der open-air-Gottesdienst zur segnung der schulkinder. Das angebot der Kita wird von der Gemeinde mit ihrem schwerpunkt »Junge Familien« durch eine Krabbelgruppe, die sonntagsschule, das jährliche Kinder-Übernachtungswochenende und – perspektivisch – durch den Jugendkreis ergänzt. Die Kita ist ein hilfreiches und integratives angebot. in vier Gruppen leben 85 Kinder. Bis zu zwölf von ihnen sind unter drei Jahre alt. Knapp 30 Kinder haben einen Migrationshintergrund. ihre Familien sind agnostisch, muslimisch und christlich in reichen schattierungen: evangelisch, freikirchlich, katholisch oder orthodox. Damit sind der Bethesda-Kita und die Bethesdagemeinde in Wuppertal-Elberfeld ein spiegel der Gesellschaft und ihrer Probleme, ihrer Chancen und der Möglichkeiten, uns hilfreich für andere einzubringen. Pastor Thorsten Kelm Gemeinde Wuppertal-Elberfeld


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Helfen und Heilen

EMK-DiaKoniE: Wir MElDEn uns zu Wor t

Hand in Hand: Mit betagten Menschen in nagold Das seniorenzentrum Martha-Maria nagold wurde am 17. Mai 2007 eingeweiht und ist die nachfolgeeinrichtung für das alten- und Pflegeheim Pilgerruhe. Die Pilgerruhe wurde im Jahr 1905 von Pastor Wilhelm Kleinknecht als »letzte lebensstätte für arme, alte und schwache« mit 35 Plätzen gegründet. Bis 1998 war das alten- und Pflegeheim in der trägerschaft des sozialwerks süd der Evangelisch-methodistischen Kirche. seit 1999 ist das Diakoniewerk Martha-Maria träger der Einrichtung. zum ziel hat sich das seniorenzentrum gesetzt, älteren, pflegebedürftigen Menschen Hilfe zu geben, ihnen Geborgenheit und sicherheit zu vermitteln und sie bei ihrer lebensbewältigung zu unterstützen. Wir tun dies einerseits vor dem Hintergrund unseres christlichen auftrags, dem sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verpflichtet fühlen, andererseits auf der fachlichprofessionellen Grundlage eines modernen Dienstleistungsunternehmens. Das seniorenzentrum bietet 84 Menschen auf drei Etagen ein zuhause.

Mitten im Grünen und doch nur fünf Gehminuten vom nagolder stadtkern entfernt. in direkter nachbarschaft entsteht die landesgartenschau 2012. sie können einen Besuch der landesgartenschau mit einem Besuch des seniorenzentrums Martha-Maria nagold verbinden. angemeldete Gemeindegruppen laden wir gerne zu Kaffee und Kuchen ein. Die sehr enge Beziehung zwischen dem nagolder Bezirk der Evangelischmethodistischen Kirche und unserem Haus ist auch durch die trägerschaft des sozialwerkes der EmK entstanden. als das alten- und Pflegeheim Pilgerruhe in die trägerschaft des Diakoniewerkes Martha-Maria überging, blieb der sehr gute Kontakt bestehen. nach dem neubau und dem Einzug am 19. Mai 2007 in das seniorenzentrum Martha-Maria wurde der Kontakt durch die räumliche nähe noch hervorgehoben. in sichtweite zur Evangelischmethodistischen Friedenskirche steht das seniorenzentrum, sodass immer wieder einzelne Bewohnerinnen und Bewohner den Gottesdienst um 10.15

Bewohner des Seniorenzentrums beim Sommerfest der Friedenskirche

uhr in der Friedenskirche besuchen. Die EmK-Gemeinde sieht die unterstützung der seniorinnen und senioren als ihren diakonischen auftrag. Der sonntägliche 9-uhr-Gottesdienst im seniorenzentrum wird von der EmK-Gemeinde musikalisch und pastoral geleitet; einmal monatlich wird die Predigt vom Geistlichen der evangelischen oder katholischen Kirche übernommen. Bei den wöchentlich stattfindenden Bibelstunden wechseln sich die Kirchen ab. neben den kirchlichen angeboten ist die Gemeinde sowie die Bevölkerung aus nagold und umgebung immer wieder zu den Veranstaltungen wie Konzerten, Vorträgen, informationsveranstaltungen und jahreszeitlichen Festen in das

seniorenzentrum eingeladen. Gerne werden vom seniorenzentrum auch nachmittage für seniorenkreise gestaltet. neben einem gemütlichen Beisammensein bei Kaffee und Kuchen wird über die verschiedensten themen der altenhilfe informiert. zusätzlich besteht auch die Möglichkeit das seniorenzentrum Martha-Maria in nagold zu besichtigen. Michael Zimber Seniorenzentrum Martha-Maria Nagold Leiter der Einrichtung

iMPrEssuM FÜr DiEsE EinHEFtunG Herausgeber: Evangelisch-methodistische Diakoniewerke (EmD) • Redaktion für diese Ausgabe: oberin schwester Elisabeth Dreckhoff, Diakonissen-schwesternschaft Bethesda e.V., Hainstraße 41, 42109 Wuppertal, telefon 0202 26551110, E-Mail: elisabeth.dreckhoff@bethesda-wuppertal.de • Fotos: Bettina osswald, privat


Meine Meinung ::: 25

Neu im Buchregal Kirche im Viertel Franz Meurer/Peter Otten: Wenn nicht hier, wo sonst? Kirche gründlich anders, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2011, 192 Seiten, Klappenbroschur, 14,99 Euro. ISBN: 978-3-579-06560-1 Das, was in diesem Buch berichtet wird, wird nicht nur Methodistinnen und Methodisten erfreuen, begeistern und anregen – sie aber hoffentlich besonders. Der Stadtteil, in dem Franz Meurer katholischer Pfarrer ist, liegt direkt neben dem, in dem wir wohnen. Es ist ein sozialer Brennpunkt mit hoher Arbeitslosigkeit, hohem Migrantenanteil und vielen Hartz IV-Empfängern. Wie ist da kirchliche Arbeit zu gestalten? Die grundsätzliche Antwort ist einfach: Den Menschen dort begegnen, wo sie sind, also die so genannten Geh-Strukturen stärken. Das macht die Kirche zu einem öffentlichen Raum und gibt vielen die Möglichkeit, sich zu engagieren. Eine Voraussetzung, die fast auf jeder Seite des geradezu aufregenden Buches durchschimmert, ist das Menschenbild, dass die Akteure in HöVi (so der »Kunstname des Kölner Doppelstadtteils Höhenberg und Vingst) bewegt: Niemand wird abgeschrieben, jeder ist kostbar; diejenigen, die vom Leben und ihrer eigenen Art geschlagen, verstört und belastet sind, besonders. Das Buch des Pfarrers und des Journalisten macht nachdenklich und begeistert zugleich. Wie von selbst stellt sich dir Frage: Was könnte in meiner Gemeinde verwirklicht werden, wenn wir wirklich die genannte Voraussetzung teilten und zu den Menschen gingen, statt auf ihr Kommen zu warten? Hartmut Handt

Shakespeare! William Shakespeare: Die Lieder und Gedichte aus den Stücken. Englisch und deutsch, übertragen und mit Anmerkungen versehen von Kurt Kreiler, Insel Verlag, Berlin 2011, 212 Seiten, Halbleinen, 24,90 Euro. ISBN: 978-3-458-17506-3 Dieses schön aufgemacht Buch ist eine willkommene Veröffentlichung für Literaturfreundinnen und -freunde, besonders für solche, die Lyrik lieben. Der herausgebende Shakespeare-Kenner Kreiler hat aus den Dramen des Dichters 67 Gedichte ausgewählt und übersetzt. In einigen wenigen Fällen lehnt er sich dabei an frühere Übersetzungen an. Neue Übersetzungen hält er für nötig, weil die früheren »die filigrane englische Lyrik manchmal zu Tode gereimt« hätten, während es »den modernen ... mehr auf die Stücke als auf die Lieder« ankomme. Das Buch enthält zudem Informationen über die inhaltliche Stellung und Bedeutung der Gedichte in den jeweiligen Stücken, über literarische Entlehnungen und Parallelen, sprachliche Besonderheiten und zeithistorische Anspielungen. Hinzu kommt ein reichhaltiges Vertonungsverzeichnis. Hartmut Handt

Recht auf Fehler Muss das wirklich sein? Das perfekte Gesicht, der perfekte Körper, die perfekte Ernährung, der perfekter Lebenslauf, die perfekte Familie, die perfekte Erziehung, die perfekte Geldanlage, die perfekte Gemeinde, die perfekte Kirche. Muss das wirklich sein? Es wird uns suggeriert, dass jeder heute die Möglichkeit hat alles richtig zu machen. Die Buchläden sind voll von Ratgebern für alle Lebenslagen. Im Fernsehen wird gezeigt, wie man es richtig macht. Und wer es trotzdem nicht drauf hat, wird vor laufender Kamera an den Pranger gestellt. Muss das wirklich sein? Fehler zu haben oder Fehler zu machen, scheint in unserer Gesellschaft etwas wirklich Schlimmes zu sein. In der Schule werden Fehler mit schlechten Noten bestraft, Lerneifer wird so im Keim erstickt. Fehler im Lebenslauf führen nicht selten zu Chancen­losigkeit im Berufsleben. Muss das wirklich sein? Ich finde, wir sollten alle das Recht auf Fehler haben. Was hätten wir für ein Entwicklungspotenzial, wenn wir ohne Angst vor Ausgrenzung zu Fehlern stehen könnten. Stattdessen ist das ganze Leben danach ausgerichtet eben diese zu vermeiden. Im öffentlichen Leben gipfelt dies nicht selten darin, dass Fehler mit kreativem Perfektionismus vertuscht werden. Fehler werden überall schön geredet oder gar totgeschwiegen. Dabei gilt mein uneingeschränkter Respekt denen, die Verantwortung für Fehler übernehmen, selbst wenn sie dadurch Nachteile haben. Das müsste wirklich sein: Ohne viele Erklärungen Fehler auf seine Kappe zu nehmen oder einfach dazu zu stehen. Es gibt nichts Menschlicheres, als nicht perfekt zu sein. Vielleicht sollte ich aufhören meine grauen Haare zu färben – mein Fehler ist nur, dass ich noch nicht so weit bin.

Simone Schächterle ist Sozialpädagogin und feste Autorin für »unterwegs«. Sie lebt mit ihrer Familie in Rutesheim.

Was meinen Sie?

unterwegs 19/2011 ::: 11. September 2011

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26 ::: Rätsel

So spricht der Herr

Auflösung des Rätsels aus dem letzten Heft 18/2011

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IMP rd herausg egeben vom R E S S U M Medienw hodistischen Kirche in Deutsch erk traße 2-4, land 60487 Frankfur mas Mozer, t am Main Telefon: 0 79 45/94 00 03, E-Mail: fuer.heu isches Atelier te@emk .de Arnold, Dettinge n/Erms Verantwortlich: erstellung: Volker Kiemle frechdruck GmbH, Stuttgar Vierteljährlich t € 3,70 zuzüglic Blessings h Versand 4 you uttgart, Telefon:GmbH, Postfach 31 0711/83 000-51, 11 41, Fax: -50

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• Kurze, inspirierende Anstöße für das tägliche Leben mit Gott • Impulse für Sie selbst und für andere, für Gemeinde und Hauskreis... • Vier Ausgaben pro Monat

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19.02.2009

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Der Christliche Sängerbund e.V. (CS) bietet als Chorverband mit rund 400 Chören überwiegend aus dem Bereich der Freikirchen Schulungen und Seminare an. Ein weiterer bedeutender Arbeitszweig ist die Ver­ öffentlichung von Noten und anderer Literatur im angeschlossenen Verlag Singende Gemeinde. Die Bundesgeschäftsstelle koordiniert die Angebote des Vereins und des Verlages. Für unsere Geschäftsstelle in Wuppertal suchen wir zum nächst­ möglichen Zeitpunkt, spätestens jedoch zum 1. Januar 2012 eine/ einen

Geschäftsführerin/Geschäftsführer mit Erfahrungen im Verlagswesen

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unterwegs Herausgegeben von der Evangelisch-methodistischen Kirche in Deutschland Ludolfusstraße 2-4 60487 Frankfurt am Main Zeitschriftenredaktion im Medienwerk der EmK: Redaktionsleiter Volker Kiemle Stellvertretender Redaktionsleiter Michael Putzke Ludolfusstraße 2-4 60487 Frankfurt am Main Telefon 069 242521-150 Telefax 069 242521-159 E-Mail: unterwegs@emk.de Vertrieb • Anzeigen- und Abonnementsverwaltung: Blessings 4 you GmbH Postfach 31 11 41 · 70471 Stuttgart Telefon 0711 83000-51 Telefax -50 Anzeigendisposition: E-Mail: anzeigen@blessings4you.de Es gilt der Anzeigentarif 2011. Bezugspreise: Bei Bezug über die EmK-Gemeinde: im Quartal € 13,75. Bei Direktlieferung durch die Post: jährlich € 55,– + Versandkosten. Direkt gelieferte Abonnements verlängern sich jeweils um ein Jahr, wenn bis zum 30. September keine schriftliche Kündigung vorliegt. DTP-Produktion: Grafisches Atelier Arnold, 72581 Dettingen an der Erms Herstellung: frechdruck GmbH, 70499 Stuttgart Einheftung in dieser Ausgabe: Helfen & Heilen Beilagen in dieser Ausgabe: Neukirchner

Das Porträt Herder Verlag, 160 Seiten, Gebunden mit Schutzumschlag ISBN 978-3-451-33255-5 • 14,95 € Er gilt als altmodisch, bedächtig und konservativ – und steht doch für eine politische Revolution. Er ist bekennender Katholik, Mitglied des Zentralkomitees der deutschen Katholiken und hat doch dafür gesorgt, dass die seit über einem halben Jahrhundert regierende christliche Volkspartei abgewählt wurde. Das kenntnisreiche, kluge politische Porträt einer ungewöhnlichen Politik­er­ persönlichkeit. Und die Analyse einer spannenden politischen Bewegung, die in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Ein aktuelles Buch von zwei renommierten Journalisten, die den Weg und den Aufstieg des Winfried Kretschmann verfolgt haben, seit er 1979 die Grünen in Baden-Württemberg ­mitbegründete.

Welche Aufgaben erwarten Sie:  Verantwortung des operativen Geschäfts im Bereich Finanzen (Haushaltsplan, Gehalt, Verlagsbudget, Spenden)  Personalverantwortung für die Angestellten  Büroleitung der Geschäftsstelle  Mitarbeit in der Öffentlichkeitsarbeit und im Marketing  allgemeine Verlagstätigkeiten  Entwicklung neuer Produktideen und deren Umsetzung  Organisation und Teilnahme am fachlichen Austausch (Gremienarbeit)  Motivation und Einbindung ehrenamtlicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter  Kreative Weiterentwicklung des Fundraisings Was Sie mitbringen sollten:  Zugehörigkeit zu einer Kirche, die der VEF angehört  Abgeschlossene kaufmännische Ausbildung, idealerweise als Verlagskauffrau/­mann oder einige Jahre Berufserfahrung im (Musik­)Verlagswesen  Unternehmerisches Denken  Organisationstalent, Verlässlichkeit, Einsatzwille und Kommunikationsfähigkeit  Überzeugendes und gleichzeitig verbindliches Auftreten  Sicherer Umgang mit dem PC Was wir Ihnen bieten können:  Geschäftsführungsposition in Voll­ oder Teilzeit (nach Absprache)  Selbstständiges, verantwortungsvolles und abwechslungsreiches Arbeiten in einem guten Team aus Angestellten und Ehren­ amtlichen  Bezahlung in Anlehnung an AVR  Hilfe bei der Wohnungssuche Selbstverständlich können Sie sich auch bewerben, wenn Sie die eine oder andere Voraussetzung (noch) nicht erfüllen. Ihre Bewerbung mit Lebenslauf und ggf. weiteren Anlagen senden Sie bitte bis zum 15.10.2011 – gerne auch per E­Mail – an den Bundesvorsitzenden Pastor Gabriel Straka, Dieffenbachstr. 39, 10967 Berlin, Telefon 030­6 93 62 57, E­Mail gabriel.straka@cs­vsg.de Wir freuen uns auf Ihre Bewerbung!


28 ::: Portrait

Wenn Gott nicht heilt 8,6 Millionen Menschen in Deutschland haben eine Behinderung, in der Schweiz sind es 865.000 – also jeweils über zehn Prozent der Bevölkerung. Darunter sind auch viele Christen. Um sie im Glauben zu stärken, hat die Schweizerin Ruth Bai-Pfeifer vor mehr als 20 Jahren den Verein »Glaube und Behinderung« gegründet. Klaus Rösler hat sie auf einer Reise des Vereins getroffen.

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Auf Gott wütend Mit ihrer direkten Art hatte sie viele Kontakte zu anderen Behinderten geknüpft. Viele Gesprächspartner erlebte sie entmutigt: Eltern behinderter Kinder, Partner von Betroffenen und ihre Familien. Alle waren trotz Gebeten nicht gesund geworden. Sie mussten lernen, mit ihren Behinderungen zu leben. Beim Thema Heilung traf Ruth Bai-Pfeifer fast durchweg auf eine für sie unerwartet große Wut gegen Gott, aber auch gegen die sich immer mehr ausbreitenden charismatisch geprägten Gemeinden, falls in ihnen Heilung versprochen wurde. Ihr wurde klar: All diesen, von nicht eingetroffenen Heilungen enttäuschten Behinderten muss ein »Auffangbecken« geboten werden, damit sie sich

Ruth Bai-Pfeifer

nicht vom Glauben an Jesus Christus abwenden. 1989 gab es das erste Treffen in der Schweiz. Obwohl nur durch Mund-Propaganda dazu eingeladen wurde, kamen 40. Hauptredner war der nach einem Autounfall erblindete Bibelschul-Dozent Raymond Timm. Zugleich knüpfte sie Kontakte zu der bekannten amerikanischen, durch einen Badeunfall querschnittsgelähmten Autorin Joni Eareckson Tada, die damals Ansprechpartner für ihre Arbeit in Europa suchte. 1992 wurde ein Verein als Arbeitszweig der Schweizerischen Evangelischen Allianz gegründet.

Der Körper als Gefängnis Die Vorsitzende weiß: Behinderte Menschen empfinden ihren Körper oft als Gefängnis. Sie sind unverschuldet dort hineingeraten. Aber die Entscheidung, wie sie damit umgehen, liegt bei ihnen. Das Bibelwort »Ich will dich nicht verlassen und dich nicht vergessen« (Hebräer 13,5) beziehen christliche Behinderte bewusst auf sich. »Wir dürfen vertrauen, dass Jesus uns bis ans Ziel bringt«, sagt Ruth Bai-Pfeifer. Längst sind Freunde von »Glaube und Behinderung« Fachleute rund um alle geistlichen Fragen bei Behinderungen. Auch in der Bibel finden sie Stellen. Wenn etwa Gott zu seinem Volk im alttestamentlichen Buch Zephania 3,19 sagt: »Ich bringe dich, mein Volk, nach Hause, auch diejenigen, die nicht mehr richtig gehen können.« Für die Behinderten ist klar: »Das gilt uns.« Bai-Pfeifer: »Er bringt uns dorthin, wo es kein Leid, keine Behinderung, keine Tränen und keinen Tod mehr gibt.«

unterwegs 19/2011 ::: 11. September 2011

Foto: privat

wei mit je zwei Pferden bespannte Kutschen halten vor dem Vier-Sterne-«Hotel am See« in Rheinsberg in Brandenburg. Das Aus- und Einsteigen der Fahrgäste dauert etwas länger. In der ersten Kutsche wird eine Rampe herausgeklappt. Zwei Frauen auf elektrisch angetriebenen Rollstühlen müssen rangieren, bis es passt und sie gefahrlos die Rampe herabrollen können. Ein Mann braucht eine helfende Hand, weil er sehr wackelig auf den Beinen ist. Etwas weniger Probleme scheinen die 20 Gäste in der zweiten Kutsche zu haben. Doch auch sie benötigen meist Hilfe. Sie sind blind oder leiden unter Muskelschwäche. Ein normaler Ferientag bei einem Urlaubsangebot des Schweizer Vereins »Glaube und Behinderung«. Doch der Verein will mehr, als einen schönen Urlaub zu ermöglichen. »Es geht um unsere Beziehung zu Gott«, sagt die Vorsitzende des Vereins, Ruth Bai-Pfeifer (Pfäffikon bei Zürich). Sie weiß aus eigener Erfahrung, dass manche Betroffene an Gott zweifeln oder ganz ihren Glauben verlieren: Sie lebt selbst mit einer Muskelkrankheit – und kritisiert manche Fehlentwicklungen. So erlebte sie 1988 den US-amerikanischen charismatischen Theologen John Wimber (1934– 1997) in der Schweiz. Wimber vertrat die These, dass jeder behinderte oder kranke Mensch von Gott geheilt werden könnte, wenn er richtig glaube, genug bete und dem richtigen Heiler begegne. Sie fragte sich, ob sie ihr ganzes Leben lang falsch geglaubt habe. Konnte sie sich eigentlich noch zu einer christlichen Gemeinde halten, wenn sie nicht geheilt wurde?

unterwegs 19/2011  

Das Magazin der Evangelisch-methodistischen Kirche

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