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Einleitung zur Predigt 50 Der rechte Gebrauch

JOHN WESLEY Die 53 Lehrpredigten

des

Geldes

Diese Predigt gehört wohl innerhalb wie außerhalb des Methodismus zu den bekanntesten Schriften Wesleys; wie die "Kennzeichen eines Methodisten"l oder die Predigt über "Ökumenische Gesinnung,,2 ist sie auch von nicht-methodist ischen 3 Theologen beachtet, zitiert und publiziert worden. Zuletzt hat der frühere Reutlinger systematische Theolofe Karl Steckel eine Einzelausgabe besorgt und zugleich in den Text eingeführt. Diese Predigt, mit der die erste Ausgabe der Lehrpredigten abschloß, bietet weit mehr, als ihr Titel erwarten läßt: Sie faßt einige der wichtigsten Aussagen Wesleys zur Wirschaftsethik und zum christlichen Lebensstil zusammen. 5 Daß er zwischen 1741 und 1758 mindestens 27mal über diesen Text (Lk 19,9) gepredigt und bis in sein Alter auch in zahlreichen anderen Predigten und weiteren Texten 6 das Thema behandelt hat, läßt erkennen, daß er ihm mehr als eine Randbedeutung zugemessen hat. Dennoch war ihm anscheinend weniger Erfolg beschieden als etwa mit seiner Warnung vor der üblen Nachrede (s. Einleitung zu Predigt 49 ). Der der Predigt zugrunde gelegte Vers spielt im Gesamtduktus der Ausführungen eine ganz untergeordente Rolle; stattdessen tritt der Zusammenhang von Lukas 16, Hf stärker in den Blick; er sollte deshalb gelesen werden, bevor man sich der Predigt zuwendet. Hier ist es vor allem der Ausdruck "steward", an den Wesley anknüpft; in der deutschen Übersetzung steht dafür meist das Wort "Verwalter". ßesser geeignet, um den Sinn des von Wesley Gemeinten wiederzugeben, ist der Ausdruck "Haushalter".

Lehrpredigten 48- 53

CHRISTLICHES VERLAGSHAUS STUTTGART

Was ist der theologische Hintergrund der Theorie Wesleys? Der Eigentümer alles dessen, was wir haben (einschließlich unseres Körpers und unserer Seele) ist Gott, der "Eigentümer Himmels und der Erde" (III,3). Er hat uns als Haushalter/Verwalter eingesetzt und uns seine Güter für eine begrenzte Zeit anvertraut. Er bleibt also der Eigentümer, dem wir rechenschaftspflichtig sind und der uns Anweisungen für den richtigen Gebrauch des uns Anvertrauten gegeben hat (I1I, 3-5). Verschwendung und Habsucht sind darum völlig unangemessen; vielmehr soll auch hier die Liebe zu Gott und zu den Nächsten unser Verhalten leiten: "Verwendet ... alles, was Gott euch anvertraut hat, um Gutes zu tun in jeder möglichen Art und jedem möglichen Grad, den Genossen des Glaubens, allen Menschen!" (111,7) Damit tritt Wesley entschieden der Auffassung entgegen, jede(r) könne mit dem Scinen/Ihren machen, was er/sie wolle. Sein Platz ist bei denen, die in der Frühzeit des Kapitalismus durch eine immer breiter und tiefer werdende Kluft von der kleinen Schicht der Reichen und Superreichen getrennt werden. Ihnen weiß er sich nahe und in seinem Glauben an Christus tief verpflichtet. Aus der Begegnung

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EINLEITUNG ZUR PREDIGT

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mit den Armen erklärt sich wohl auch seine einersei ts nü cht erne, a nd erers ei ts überraschend positive Einschätzung des Geldes. Der zweite grundlegende Teil der hier von Wesley entfalteten ethischen Theorie besteht in der Überzeugung, daß Geld als solches - obwohl Dichter und Philosophen es oft geschmäht haben - keineswegs schlecht und darum zu fürchten oder zu verachten sei. Es ist vielmehr eine "vortreffliche Gabe", "ein bewunderungswürdiger Beweis der weisen und gnadenreichen Vorsehung Gottes" (2). Man könne es, wie alles Gute, zwar auch mißbrauchen; aber die eigentliche Wurzel des Übels ist nicht das Geld, sondern die Habsucht (l.Tim 6,10). Der Anleitung der Gottesfürchtigen zum rechten Gebrauch dieses "bequemen Mittels", um Geschäfte abzuwickeln und allerlei Gutes zu tun, dienen die angeführten Beispiele und die drei Regeln, die zugleich das Korpus der Predigt gliedern (I-I I1). 1. "Erwirb, soviel du kannst!" Das soll nicht auf Kosten von Leben und Gesund-

heit 0, Arbeitsschutz u.a.), nicht durch ein "sündiges Gewerbe" (2, Betrug, Verführung zum Unglauben) und nicht auf Kosten unserer Nächsten (3-6), sondern durch Fleiß, Sorgfalt und Verstand geschehen (7-8). Hier bleibt Wesley noch in der Spur seiner Herkunft und Erziehung, zu der Fleiß, Ehrlichkeit, Sparsamkeit und Nüchternheit ebenso gehörten wie eine teife Abneigung gegen alles ZurSchau-Stellen. Arbeit ist keine Strafe Gottes und bewahrt nicht nur vor Lastern, sondern verschafft uns die Möglichkeit, unserer sozialen Verantwortung für uns und andere besser gerecht zu werden. I I. "Spare, soviel du kannst!" Auch die zweite "Regel der christlichen Klugheit" steht noch in der puritanischen Tradition, die Wesley prägte. Sie legt Wert darauf, daß das Erworbene nicht verschwendet wird - vor allem nicht für die Befriedigung von Genußsucht und Eitelkeit; dazu hat Gott es uns nicht anvertraut. Ill. Das eigentlich Neue an Wesleys Predigt ist die dritte Regel: "Gib alles, was du kannst!" Nicht nur den Zehnten oder ein Drittel, sondern soviel, wie du entbehren kannst, ohne an dir und den dir Anvertrauten (Familie, Angestellte etc.) schuldig zu werden! Hier wird die Theorie der Haushalterschaft konsequent zu Ende gedacht, auch wenn sie zu Konsequenzen führt, die selbst die methodistischen Gemeinden nicht gern aufgenommen haben. Wesley beklagt sich darüber, daß die Methodisten reich würden, weil sie die ersten beiden Regeln, nicht aber die dritte beachteten. Dennoch liegt gerade in der Ablehnung persönlicher Gewinnanhäufung und der nachdrücklichen Aufforderung zum Teilen mit den Bedürftigen die Pointe seiner ethischen Überlegungen. Sie wollen "nicht als schematische und kasuistische Anweisungen zum Umgang mit Besitz verstanden werden. Sie sind vielmehr Einladung zum Nachdenken darüber, wie der Christ seine Beziehungen zum Gelderwerb, zum Grundbesitz und zur Eigentumsverwaltung gestalten kann und soll. Eigentümer von Privatbesitz oder Haushalter

EINLEITUNG ZUR PREDIGT

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über göttlich anvertrautes Gut - das ist hier die Frage,,7, auf die die Leser ihre eigene Antwort zu geben haben.

1 2 3

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6

7

Veröffentlicht u.a. in der Reihe Beiträge zur Geschichte des Methodismus, Heft 11, Stuttgart (CVH) 1981. Predigt 39; in dieser Ausgabe S. 747-763. So etwa von dem baptistischen Autor Willi Grün: Christ und Geld. Mit einer Predigt von John Wesley über den rechten Gebrauch des Geldes, Kass~l 1963. Vgl. auch den Artikel "Geld. 1I: Historisch und ethisch" von MartlO Honecker in der Theologischen Realenzyklopädie, Band 12, S. 292. Beiträge zur Geschichte der EmK, .Heft 19, Stuttgart (CVH) 1985. In sein.em Vorwort gibt K. Steckel einen Uberblick über frühere deutschsprachige Editionen. Siehe M. Marquar~t, Praxis und Prinzipien der Sozialethik John Wesleys, Göttingen (V&H.) 1986, S. 35-41. Vgl. auch "Wort und Weg" vom 16.3.1986 (19. Jahrgang, Nr. 11), S. 5-7. Wichtig sind in diesem Zusammenhang vor anderen auch die 8. Predigt üb~r die Bergpredigt Jesu (Predigt 28, in dieser Ausgabe S. 549-572) und die Predigt 51, "Der gute Haushalter" (in dieser Ausgabe unmittelbar folgend). K. Steckei, aaO, S. 5.


Predigt 50

Der rechte

Gebrauch

des Geldes

I ch sage euch auch: Machet euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, auf daß, wenn es damit zu Ende ist, sie euch aufnehmen in die ewigen Hütten. Lukas 16,9 1. Nachdem unser Herr das schöne Gleichnis vom verlorenen Sohn beendet hatte, die besonders an die gerichtet war, die darüber murrten, daß er Zöllner und Sünder annahm, fügte Er noch eine andere Erzählung hinzu, und diese war eher an die Kinder Gottes gerichtet. "Er sprach aber auch zu seinen Jüngern" - nicht so sehr zu den Schriftgelehrten und Pharisäern, zu denen er zuvor geredet hatte - "Es war ein reicher Mann, der hatte einen Haushalter; der ward vor ihm beschuldigt, er vergeude ihm seine Güter. Und er ließ ihn rufen und sprach zu ihm: Was höre ich da von dir? Tu Rechnung von deinem Haushalten! denn du kannst hinfort nicht Haushalter sein." Nachdem Jesus geschildert hatte, was der schlechte Verwalter tat, um für die Zeit der Not Vorsorge zu treffen, fügt unser Heiland hinzu: "Und der Herr lobte den ungerechten Haushalter", - weil er nämlich dafür, daß er rechtzeitig vorgesorge hatte - und setzt noch die beherzigenswerten Worte hinzu: "Die Kinder dieser Welt sind untereinander klüger als die Kinder des Lichtes." Die, welche nichts anderes suchen als diese Welt, "sind klüger" (nicht schlechthin; denn sie sind samt und sonders die allergrößten Toren, die unsinnigsten Narren unter dem Himmel, sondern) "untereinander", d.h. auf ihre Weise: Sie handeln folgerichtiger, sie sind ihren anerkannten Grundsätzen getreuer, sie verfolgen ihr Ziel beharrlicher, "als die Kinder des Lichtes", als die, welche "die Herrlichkeit Gottes in dem Angesichte Jesu Christi" sehen. Hierauf folgen die oben angeführten Worte: "Und ich" - der eingeborene Sohn Gottes, der Schöpfer, Herr und Besitzer des Himmels und der Erde und all dessen, was darinnen ist, der Richter über alle, dem ihr "Rechnung über eure Haushalten fun müßt," wenn ihr "nicht mehr IIaushalter sein könnt" - "ich sage euch" (lernet in dieser Hinsicht sogar von dem ungetreuen

Lk 16,1.2 NNI'

Lk 16,8 EB

Lk 15,12 EB Ps 14,1 NLk 12,20 A

Eph 5,8 2 Kor 4,6 Joh 1,14; 3,16 Apg 17,24 AlPs 146,6 A

Lk 16,2 !


Predigt 50

Gal 6,10 A

Apg 7,59 A

Joh 15,19 A Mt 25,14 EB A

DER RECHTE GEBRAUCH DES GELDES

Verwalter), "machet euch Freunde" durch kluge, zeitige Vorsorge "mit dem ungerechten Mammon". "Mammon" bedeutet Reichtum oder Geld. Er wird der "ungerechte Mammon" genannt, weil er häufig auf ungerechte Art und Weise erworben wird, und selbst da, wo er ehrlich erworben wurde, wird der Begriff allgemein verwendet. "Machet euch Freunde" damit, indem ihr alles mögliche Gute tut, besonders an den Kindern Gottes. "Auf daß, wenn es zu Ende geht" und ihr wieder zu Staub werdet, wenn ihr unter der Sonne keinen Platz mehr habt, diejenigen von ihnen, welche vorausgegangen sind, "euch aufnehmen" und euch willkommnen heißen "in den ewigen Hütten". 2. Ein großartiges Beispiel christlicher Weisheit schärft hier unser Herrn all seinen Nachfolgern ein, nämlich den richtigen Gebrauch des Geldes - ein Thema, über das die Weltmenschen in ihrer Weise viel reden, das aber von denen nicht hinreichend beachtet wird, die Gott von der Wclt erwählt hat. Sie schenken gewöhnlich dem Gebrauch dieser vortrefflichen "Gabe" nicht die Beachtung, die ihr aufgrund ihrer Bedeutung gebührt. Auch verstehen sie es nicht, das Geld auf die bestmögliche Weise zu verwenden. Die Einführung des Geldes in die Welt ist ein bewunderungswerter Beweis der weisen und gnädigen Vorsehung Gottes. Zwar haben Dichter, Redner und Philosophen fast zu allen Zeiten und unter allen Völkern sehr oft diese Gabe geschmäht, als die große Verführerin der Welt, als das Verderben der Tugend und die Pest der menschlichen Gesellschaft. Daher hört man nichts so häufig als: Ferrum, ferroque nocentius aurum

1

'Und Gold, schädlicher als härtester StahL' Daher die wehmütige Klage: Effodiuntur opes, irritamenta malorum.

2

(SChätze werden ausgegraben - Anreizungen zu allem Bösen.) Ja, ein berühmter Schriftsteller ermahnt seine Landsleute mit großem Ernst 'all ihr Geld ins Meer zu werfen', um alle Last er au f einmal auszurotten:

DER RECHTE GEBRAUCH DES GELDES

Predigt 50

in mare proximum ... , Summi materiem mali!3 (Ins nächst e Meer •.. , die Ursache des höchst en Übels!) Ist aber dies alles nicht bloß leeres Geschwätz? Ja, freilich. Gibt es etwa dafür eine zwingende Begründung? Keineswegs! Denn mag die Welt auch noch so verdorben sein, darf man dem Gold oder Silber die Schuld zuschieben? Wir wissen, daß die "Liebe zum Geld" die "Wurzel allen Übels ist", nicht aber das Geld selbst. Nicht dieses trifft die Schuld, sondern die, die es verwenden. Man kann damit Mißbrauch treiben, aber womi t könnte man das nicht? Aber man kann es auch richtig gebrauchen. Man kann es zu den allerbesten wie zu den allerschlechtesten Zwecken einsätzen. Es ist von unaussprechlichem Nutzen für alle Kulturvölker in allen Angelegenheiten des Lebens, es ist ein äußerst bequemes Mittel, alle möglichen Geschäften abzuwickeln und (wenn wir es in christlicher Weisheit gebrauchen) viel Gutes zu tun. Es ist wahr, wäre der Mensch im Zustande der Unschuld, oder wären alle Menschen "voll des heiligen Geistes", so daß, wie in der ersten Gemeinde von J erusalern, "auch nicht einer sagte von seinen Gütern, daß sie sein wären", sondern "ein jeglicher erhielt, je nachdem er in Not war", so wäre der Gebrauch des Geldes überholt. Wir können uns auch nicht vorstellen, daß es etwas derartiges bei den Bewohnern des Himmels gibt. Aber bei dem jetzigen Zustand des Menschen ist es eine vortreffliche Gabe Gottes, die edelsten Zwecken dient. In den Händen Seiner Kinder ist es Speise für die Hungrigen, Trank für die Durstigen, Kleidung für die Na ck t en. Es schafft dem Reisenden und Fremden einen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann. Mit Geld können wir der Witwe die Stelle eines Gatten und den Waisen die eines Vaters ausfüllen. Wir können dem Unterdrückten Schutz, dem Kranken Heilmittel, dem Leidenden Erquickung schaffen; Geld kann für den Blinden wie Augenlicht sein, für den Lahmen wie gesunde Füße, ja sogar wie ein Retter vor den Toren des Todes. 3. Es ist deshalb von der höchsten Wichtigkeit, daß alle, welche Gott fürChten, diese wertvolle Gabe richtig zu verwenden wissen; daß man sie lehrt, wie sie diesen herrlichen Zwecken, und zwar auf die beste Weise

1 Tim 6,10

Apg 2,4; $,31 Apg 4,32 ! Apg 4,35 !

Mt 8,20 A

Ps 3,4 EB A

Ps 9,13 EB A


Predigt 50

DER RECHTE GEBRAUCH DES GELDES

dienen kann. Vielleicht lassen sich alle Belehrungen, welche hierzu nötig sind, in drei einfache Regeln zusammenfassen, durch deren gewissenhafte Beobachtung wir uns be weisen k ön nen als verant wortliche Verwalter des "ungerechten Mammons". I\Jk 13,14 EB A

Lk 16,8 A

Lk 12,23

1.1. Die erste Regel ist (wer Ohren hat zu hören, der höre): "Erwirb, soviel du immer kannst." Hier können wir sprechen wie die Kinder dieser Welt, wir begegne~. i~nen auf ihrem eigenen Boden. Es ist unsere unerlaßllche Pflicht, dieses zu tun; wir sollten erwerben, soviel wir können vorausgesetzt, daß wir das Geld nicht zu teuer kaufen' nicht mehr dafür bezahlen, als es wert ist. Das dürfen' wir gewiß nicht tun. Erstens sollen wir nicht Geld erwerben auf Kosten des Lebens, noch (was in Wirklichkeit auf dasselbe hinausläuft) auf Kosten unserer Gesundheit. Deshalb sollte kein Gewinn, von welcher Art) auch immer, uns bewegen, in irgend eine Arbeltsste~le. einzutreten oder darin zu bleiben, die von solcher Art Ist oder mit so anstrengender oder so anhaltender Arbeit verbunden ist, daß unsere Gesundheit darunter leidet. Auch sollten wir keine Beschäftigung anfangen oder fortsetzen , die uns zwangsweise der erforderlichen .Zeit .zum Essen und Schlafen beraubt. Freilich gibt es hIer einen großen Unterschied. Manche Beschäftigungen sind üb~r­ haupt und unter allen Umständen ungesund, namentllch solche bei denen man viel mit Arsen oder anderen gleich SChäd{ichen Mineralien umgehen oder eine mit Dünsten von geschmolzenem Blei geschwängerte Luft einatmen muß, was zuletzt die festeste Gesundheit zerstören muß. Andere Beschäftigungen mögen nicht überhaupt ungesund sein sondern bloß für Personcn von schwacher KörperbesCh~ffenheit. Dahin gehören anhaltende schriftliche Arbeiten besonders wenn man sitzend schreibt und sich auf die ~rust in der Magengegend lehnt oder lange in einer unbequemen Stellung verharrt. Aber was auch immer Vernunft oder Erfahrung als zerstörerisch für Gesundheit oder Körperkraft zeigen: Wir dürfen uns dem nicht einfach fügen. Wir wissen doch: "Das Leben ist mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung." Sind wir bereits in solch einer Arbeit tätig, so sollten wir sie sobald als möglich mit einer anderen vertauschen, die, wenn sie auch unseren Verdienst schmälert, doch unserer Gesundheit keinen Eintrag tut.

DER RECHTE GEBRAUCH DES GELDES

2. Wir sollen zweitens erwerben, so viel wir können, ohne daß wir unser inneres Empfinden verletzen, so wenig wie unseren Körper. Darum geht es: Wir müssen auf alle Fälle eine gesunde, ausgeglichene Gemütslage bewahren. Daher dürfen wir uns in kein sündiges Gewerbe einlassen oder es weiter betreiben, in keines, das dem Gesetze Gottes oder unseres Landes zuwider ist. Dazu gehören alle, bei denen wir zwangsläufig den König berauben oder um seinen ihm gesetzlich zustehenden Zoll betrügen. Denn es ist ebenso sündig, den König um seine Gebühren zu betrügen, als unsere Mitbürger zu berauben. Der König hat ebensoviel Recht auf seine Zölle, als wir auf unsere Häuser und Kleider haben. Andere Geschäfte gibt es, die, so unschuldig sich auch an sich sein mögen, doch jetzt nicht mit gutem Gewissen betrieben werden können, wenigstens nicht in England, z.B. solche, die keinen genügenden Lebensunterhalt gewähren, ohne daß man zu Lug und Trug Zuflucht nimmt, oder sich nach Sitten richtet, die mit einem guten Gewissen unvereinbar sind. Es ist heiligste Pflicht, diese zu vermeiden, mit welchem Gewinn sie auch verbunden sein mögen, vorausgesetzt, man unterwirft sich den Geschäftssi tten; denn wir dürfen nicht, um Geld zu verdienen, "Schaden nehmen an unserer Seele". Es gibt noch andere Geschäfte, die viele mit gutem Gewissen treiben, ohne weder ihrem Leib noch ihrer Seele zu schaden; und dennoch kannst du es vielleicht nicht. Entweder verwickeln sie dich in eine Gesellschaft, welche deiner Seele zum Verderben gereichen würde, und durch wiederholte Versuche mag es zutagetreten, daß du das eine von dem andern nicht trennen kannst, oder es mag eine individuelle Veranlagung vorhanden sein, eine seltsame Eigentümlichkeit in der Beschaffenheit deiner Seele (wie sie in der Leibesbeschaffenheit vieler zu finden ist), infolge deren das Geschäft, das ein anderer ungefährdet betreiben mag, für dich verderblich ist. So bin ich nach vielen Versuchen überzeugt, daß ich es im Studium der Mathematik, der Arithmetik oder Algebra nicht zu irgendeinem Grade der Voll kommenheit bringen könnte, ohne Deist, wen n ni ch t gar Atheist zu werden, und doch können andere diese Fächer ihr Leben lang ohne innere Beeinträchtigung treiben. Keiner kann hier für einen anderen entscheiden, sondern ein jeder muß persönlich für sich selbst urteilen und sich all dessen enthalten, was er persönlich für seine Seele schädlich findet.

Predigt

Mk 8,36 A

Röm 14,13 A

5(


DER RECHTE GEBRAUCH DES GELDES

Predigt 50

Lev 19,18 A

Röm 3,8 EB

3. Wir sollten drittens soviel erwerben, als wir können, ohne unserem Nächsten zu schaden. Dieses aber dürfen und können wir nicht tun, wenn wir "unseren Nächsten lieben wie uns selbst". Wir dürfen nicht, wenn wir jedermann lieben wie uns selbst, irgend jemanden an seinem Vermögen schädigen. Wir dürfen nicht den Ertrag seiner Ländereien, vielleicht sogar die Ländereien und Häuser selbst an uns reißen durch Spielen, durch überhöhte Rechnungen (sei es für ärztliche Hilfe, Rechtsbeistand oder sonst etwas) oder dadurch, daß wir solche Zinsen fordern oder nehmen, wie sie sogar unsere Landesgesetze verbieten. Hierdurch ist das ganze Pfandleihwesen ausgeschlossen, da, wie alle unvoreingenommenen Menschen mit Bedauern erkennen, alles Gute, welches dadurch bewirkt werden könnte, durch den daraus entspringenden Schaden bei weitem überwogen wird. Und wäre es auch anders, so ist es uns doch nicht erlaubt, "Böses zu tun, damit das Gute kommt". Wir können nicht in Übereinstimmung mit brüderlicher Liebe unsere Ware unter dem Marktpreise verkaufen, wir können es nicht darauf anlegen, unseres Nächsten Gewerbe zugrunde zu richten, um unser eigenes zu fördern; viel weniger dürfen wir irgendeinen seiner Dienstboten oder Arbeiter, die er doch braucht, ihm abspenstig machen oder bei uns aufnehmen. Niemand kann das Vermögen seines Nächsten betrügerisch an sich ziehen, ohne sich die höllische Verdammnis zuzuziehen!

Auch dürfen wir keinen Gewinn erzielen, indem wir unseren Nächsten an seinem Leibe schädigen. Deshalb dürfen wir ihm nichts verkaufen, was seiner Gesundheit Eintrag tut. Dahin gehören vorzugsweise alle Arten jenes flüssigen Feuers, das man gemeinhin Schnaps nennt, oder geistige Getränke. Zugegeben, diese mögen in der Medizin anwendbar sein, sie mögen bei einigen körperlichen Störungen ihren Nutzen haben, obgleich es selten nötig sein würde, wenn der Arzt seine Kunst recht verstände. Daher mögen solche, welche Alkoholika bloß zu diesem Zweck zubereiten und verkaufen, ihr Gewissen rein erhalten. Wer aber sind diese? Wer bereitet sie bloß zu ärztlichen Zwecken? Wisset ihr zehn solche Brennereien in unserem Lande? Dann entschuldigt diese. Alle aber, welche es wie allgemein üblich an jeden verkaufen, der da kaufen will, sind allgemeine Vergifter. Sie morden die 4.

DER RECHTE GEBRAUCH DES GELDES

Untertanen Seiner Majestät im Großen und weder zu schonen, noch barmherzig zu sein, liegt in ihrem Blickfeld. Sie treiben ihre Mitmenschen in die Hölle wie Schafe. Und was ist ihr Gewinn? Ist es nicht das Blut dieser Menschen? Wer wollte sie daher um ihre großen Güter und prächtigen Paläste beneiden? Ein Fluch ruht darauf. Der Fluch Gottes haftet an deren Steinen, Balken und Möbeln! Der Fluch Gottes ist in ihren Gärten, in ihren Alleen und Lustwäldern; ein Feuer, das bis in die unterste Hölle brennt! Blut, Blut ist dort. Der Grund, der Fußboden, die Mauern, das Dach sind mit Blut befleckt! Und kannst du hoffen, du Blutmensch, wenngleich du dich "kleidest mit Purpur und kostbarer Leinwand und lebst alle Tage herrlich und in Freuden", kannst du hoffen, deine "Blutäcker" auf die dritte Generation zu vererben? Nimmermehr! Denn es ist ein Gott im Himmel: Darum wird dein Name bald ausgerottet werden. Wie diejenigen, welche du mit Leib und Seele zu Grunde gerichtet hast, "wird die Erinnerung an dich mit dir untergehen". 5. Und sind nicht auch sie im obigen Sinne mitschuldig, die mit dem Leben oder der Gesundheit der Menschen spielen, um ihren eigenen Gewinn zu vermehren (wenngleich der Grad der Mitschuld geringer sein mag), sie seien Wundärzte, Apotheker oder Ärzte, die den Schmerz oder die Krankheit, die sie schleunigst beseitigen könnten, absichtlich in die Länge ziehen; die die Heilung eines Kranken verzögern, um dessen Vermögen zu plündern? Kann jemand vor Gott frei dastehen, der nicht jedes Leibesübel, "so viel er kann", abkürzt und alle Krankheiten und Leiden, so bald er kann, beseitigt? Er kann es nicht; denn nichts ist klarer, als daß er "seinen Nächsten nicht liebt wie sich selbst"; als daß er andern nicht tut, was er will, daß sie ihm tun sollen."

6. Dies ist teuer erkaufter Gewinn. Teuer erkauft ist auch das, was durch die Verletzung unseres Nächsten an seiner Persönlichkeit erzielt wird; angenommen durch offenes oder heimliches Anstiften zu Unkeuschheit oder Unmäßigkeit; das kann gewiß niemand tun, der irgendwelche Gottesfurcht oder irgendein wirkliches Verlangen hat, Gott zu gefallen. Alle die, welche irgend etwas mit Schank-, Speise-, Opern-, Schauspielhäusern oder mit

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Jer 13,14 A; Hes 5,11 A

Sir 34,21 A

Lk 16,19 ! Mt 27,8 !; Apg 1,19 Dan 2,28 A Spr 2,22 A Ps 9,6 ! EB

Mk 12,33 ! Mt 7,12 !


Predigt 50

Lk 16,2 Hes 3,18

Pred 9,10 EB

DER RECHTE GEBRAUCH DES GELDES

anderen Orten öffentlicher Belustigung für die feine Welt zu schaffen haben, mögen das wohl bedenken. Ist dergleichen der Persönlichkeit des Menschen förderlich, so bist du frei, so ist dein Gewerbe gut und dein Gewinn unschuldig; sind sie aber entweder an sich selbst sündig oder ihrem Wesen nach Einfallstore zu mancherlei Sünden, dann steht zu befürchten, daß du eine schwere "Rechenschaft" abzulegen haben wirst. 0 hüte dich, daß nicht Gott an jenem Tag sagen wird: "Diese sind um ihrer Sünde willen gestorben; aber ihr Blut will ich von deiner Hand fordern." 7. I m Rahmen dieser Warnungen und Einschränkungen ist es die unerläßliche Pflicht aller, die in weltlicher Arbeit beschäftigt sind, daß sie jene erste und große Regel christlicher Weisheit bezüglich des Geldes einhalten: "Erwirb, so viel du kannst." Erwirb alles, was du durch ehrlichen Fleiß erwerben kannst. Wende in deinem Beruf allen möglichen Fleiß auf. Verliere keine Zeit! Wenn du dich selbst und dein Verhältnis zu Gott und Menschen verstehst, dann weißt du, daß du keine Zeit zu verlieren hast. Wenn du deinen eignen Berufs so verstehst, wie du solltest, so wirst du keine überflüssige Zeit haben. Jedes Geschäft wird genug Arbeit für jeden Tag und jede Stunde gewähren. Da, wo du hingestellt bist, wird dir für törichte, unnütze Zerstreuungen keine Muße bleiben, wenn du obiges ernstnimmst. Du hast immer etwas Besseres zu tun, etwas, das dir mehr oder weniger Nutzen bringen wird. Und "was immer deine Hand zu tun findet, tu es mit deiner KrafL" Tu es so bald wie möglich: Keine Verzögerung! Kein Aufschieben von Tag zu Tag oder Stunde zu Stunde! Nie laß etwas bis morgen liegen, was du heute tun kannst. Und mach es so gut wie möglich. Schlummcre oder gähne nicht darüber, widme dem Werk deine ganze Kraft. Spare keine Mühe. Tu nichts halb oder nachlässig und oberflächlich. Laß in deinem Geschäft nichts unausgeführt, wenn es mit Anstrengung oder Geduld ausgeführt werden kann.

8. Erwirb, so viel du kannst, durch gesunden Menschenverstand, dadurch, daß du in deinem Geschäft allen Verstand gebrauchst, den Gott dir gegeben hat. Es ist erstaunlich zu beobachten, wie wenige dies tun, wie Menschen im selben ausgefahrenen Gleis hinter ihren

DER RECHTE GEBRAUCH DES GELDES

Predigt 50

Vorfahren her kommen. Aber was immer sie tun, die Gott nicht kennen: für dich ist das nicht maßgebend. Es ist eine Schande für einen Christen, wenn er sie nicht in allem übertrifft, was er in die Hand nimmt. Du solltest laufend dazulernen, sei es aus der Erfahrung anderer oder aus deiner eigenen Erfahrung oder aus Lesen und NaChdenken, um alles, was du zu tun hast, heute besser zu machen als gestern. Und trage Sorge, daß du auch aus übs t, was du lernst, damit du alles aufs beste ausnützest, was dir zur Verfügung steht. lI.l. Hast du durch ehrliche Weisheit und unermüdliehen Fleiß alles erworben, was du kannst, so lautet die zweite Regel der christlichen Klugheit: "Spare, so viel zu kannst." Wirf die kostbare Gabe nicht ins Meer, überlaß diese Tollheit heidnischen Philosophen. Wirf sie nicht weg in unnützen Ausgaben, was genau dasselbe ist wie sie ins Meer werfen. Gib keinen Teil davon aus, bloß um "dem Verlangen des Fleisches, dem Verlangen der Augen oder dem Stolz des Lebens zu willfahren".

2. Verschwende keinen Teil einer so köstlichen Gabe bloß in der Befriedigung der Fleischeslüste, im Genuß irgendwelcher sinnlicher Vergnügungen, am allerwenigsten derer des Gaumens. Ich meine nicht, daß du bloß Schlemmerei und Trunkenheit meiden sollst; ein rechtschaffener Heide würde diese verdammen. Aber es gibt eine gew isse geregelte, anständige Sinnlichkeit, ein feines Genießertum, das nicht unmittelbar den Magen durcheinanderbringt noch (spürbar wenigstens) den Verstand trübt. Und doch (um im Augenblick keine anderen Wirkungen zu erwähnen) kann es nur unter beträchtlichem Kostenaufwand stattfinden. Mach mit diesen Ausgaben ein Ende! Verachte auserlesene und mannigfaltige Speise und "sei mit dem Zufrieden", was die einfache Natur erfordert. 3. Verschwende keinen Teil einer so kostbaren Gabe in der bloßen Befriedigung der Augenlust durch überflüssige oder kostspielige Kleidung oder durch unnötigen Zierrat. Verschwende keinen Teil davon in seltsamem Ausschmücken des Hauses, in überflüssigem oder kostbarem Hausrat, in prachtvollen Bildern, Gemälden, Vergoldungen, Büchern, in mehr zierlichen als nützlichen

1 Joh 2,16 NNT


Predigt 50

DER RECHTE GEBRAUCH DES GELDES

Mt 8,22 / Joh 21,22

Gärten. Laß deine Nachbarn, die nichts Besseres wissen, dies tun: "Laß die Toten ihre Toten begraben." "Aber was geht das dich an?" spricht unser Herr. "Folge du mir nach." Willst du das? Dann kannst du das tun.

Ps 49,18 BCP

4. Gib nichts aus, um dem Stolz im Leben zu frönen, um die Bewunderung oder das Lob der Menschen zu gewinnen. Dieser Beweggrund zur Verschwendung vermengt sich häufig mit einem oder beiden der vorhergehenden. Manche Leute sind verschwenderisch in Kost oder Kleidung oder Hausrat, nicht bloß um ihre Eßlust zu befriedigen oder ihrem Schönheits- oder Kunstsinn zu schmeicheln, sondern auch um ihrer Eitelkeit Tribut zu zollen. "Solange du dir ein gutes Leben machst, wird man Gutes von dir reden." So lange du dich "kleidest in Purpur in feines Leinen und jeden Tag aufwendig lebst, werden ohne Zweifel viele deinen erlesenen Geschmack, deine Freigebigkeit und Gastfreiheit loben. Erkaufe aber ihren Beifall nicht so teuer. Begnüge dich lieber mit der "Ehre, die von Gott kommt".

Lk 16,19 EB

Joh 5,44

5. Wer würde irgend etwas zur Befriedigung dieser Lüste ausgeben, wenn er bedächte, daß sie befriedigen, sie vermehren heißt? Nichts ist gewisser als dies. Die tägliche Erfahrung zeigt: je mehr man ihnen nachgibt, desto mehr werden sie. Wieviel du deshalb ausgibst, um deinem Gaumen oder anderen Sinnen zu frönen, so viel bezahlst du zur Förderung deiner Sinnlichkeit. Wenn du Geld ausgibst, um dein Auge zu befriedigen, gibst du ebenso viel für das Zunehmen des Seltsamen aus - daß du stärker an den Vergnügungen hängst, die ja im Genuß vergehen. Wenn du etwas kaufst, wofür man dir Beifall klatscht, kaufst du dir nur mehr Eitelkeit. Hattest du denn nicht schon genug Eitelkeit, Sinnlichkeit und Vergnügungssucht? Mußte da noch mehr dazu? Und wolltest du dafür auch noch bezahlen? Was für eine seltsame Sorte von Weisheit ist denn dies? Wäre es nicht eine 'weniger verhängnisvolle Torheit, buchstäblich dein Geld ins Meer zu werfen? 6. Und warum solltest du Geld an deine Kinder verschleudern, noch mehr als an dich seI bs t, in erlesen er Speise, in prunkvoller oder kostbarer Kleidung, in irgendwelchen überflüssigen Dingen? Warum solltest du für

DER RECH'TE GEBRAUCH DES GELDES

sie mehr Hoffart oder Lust, mehr Eitelkeit oder närrisehe oder schädliche Wünsche kaufen? Nichts mehr brauchten sie, sie haben schon genug; die Natur hat hinlänglich für sie vorgesorgt. Warum solltest du dir noch weitere Kosten machen, um ihre Versuchungen und Fallstricke zu vermehren und sie mit vielen Sorgen zu peinigen? 7. Hinterlasse ihnen kein Vermögen zum Verschleudern. Hast du begründete Befürchtungen, sie würden, was jetzt in deinem Besitz ist, verschleudern, indem sie des Fleisches Lust, der Augen Lust oder das stolze Leben befriedigen und hierdurch vermehren, so lege ihnen um der Gefährdung ihrer und deiner eigenen Seele willen nicht diese Fallen in den Weg. Opfere deine Söhne und Töchter nicht dem Belial, so wenig wie man hätte dem Moloch opfern dürfen. Hab Erbarmen mit ihnen und räume aus dem Weg, was ihre Sünden, wie du leicht vorhersehen kannst, vermehren und sie folglich tiefer ins ewige Verderben stürzen wird. Wie unbegreiflich ist die Verblendung solcher Eltern, die meinen, sie könnten ihren Kindern nie genug hinterlassen. Wie! könntet ihr inen nicht genug Pfeile, Feuerbrände und Tod hinterlassen? Nicht genug törichte und schädliche Begierden? Nicht genug Hoffart, Lust, Ehrsucht, Eitelkeit? Nicht genug ewiges Feuer? Armer Mann! Du fürchtest, wo nichts zu fürchten ist. Gewiß werdet ihr alle, du und sie, wenn ihr eure Augen in der Hölle aufhebt, genug haben sowohl vom "Wurm, der niemals stirbt", wie auch vom "Feuer, das nicht verlöscht".

8. "Was also würdest du tun, wenn du in meiner Lage wärst, wenn du ein beträchtliches Vermögen zu hinterlassen hättest?" Ob ich es tun würde oder nicht, ich weiß, was ich tun sollte; das wäre für mich keine Frage. Hätte ich ein Kind, älter oder jünger, das den Wert des Geldes kennt, das es - nach meiner Meinung - richtig verwenden würde, so hielte ich es für meine absolute, unumgängliche Pflicht, diesem Kind den Hauptteil meines Vermögens zu hinterlassen; meinen anderen Kindern gerade so viel, daß sie so leben können, wie sie es bisher gewohnt waren. "Wie aber, wenn alle deine Kinder zum rechten Gebrauch des Geldes gleich unfähig wären?" Dann müßte ich (eine harte Rede! Wer kann sie hören?)

Predigt 50

1 Tim 6,9.10 A

1 Joh 2,16 NNT A

2 Kor 6,15 A

Jes 33,14 A

Lk 16,23 A Mk 9,44.48

Joh 6,60 A


DER RECHTE GEBRAUCH DES GELDES

Predigt 50

einem jeden so viel geben, was ihn des Mangels enthebt, und den ganzen Rest in solcher Weise verwenden, daß es _ nach meinem Urteil - am meisten zur Ehre Gottes dient. Niemand aber bilde sich ein, daß er etwas getan hat, wenn er bloß so weit geht, daß er "erwirbt und spart, so viel er kann, aber dabei stehen bleibt. All dies bedeutet noch nichts, wenn ein Mann nicht weiter geht und alles auf einen höheren Zweck richtet. Auch kann man tatsächlich nieht von jemand sagen, er spare etwas, wenn er es nur aufhäuft. Du kannst genau so gut dein Geld ins Meer werfen wie in der Erde vergraben. Und du magst es ebenso gut in die Erde vergraben wie in deine Schatzkiste oder in die Bank von England. Nicht gebrauchen heißt so viel wie verschleudern. Wenn du wirklich "Freunde mit dem ungerechten Mammon machen" willst, so füge die dritte Regel zu den beiden ersten hinzu. Hast du erstens alles erworben und zweitens alles gespart, was du konntest, dann - drittens - "gib alles,

1II.1.

was du kannst". Um den Grund und die Ursache hiervon einzusehen, bedenke: als der Eigentümer des Himmels und der Erde dich ins Dasein rief, setzte er dich in diese Welt nicht als Eigentümer, sondern als Verwalter. Als solchem vertraute er dir für eine Zeitlang Güter verschiedener Art an; aber das alleinige Eigentumsrecht an ihnen bleibt bei Ihm und kann nie von Ihm auf jemand anderes übergehen. Wie du selbst nicht dein eigen bist, sondern Sein, so ist genauso alles Gottes Eigentum, was du besit zest. Sein ist deine Seele und dein Leib, nicht dir selbst, so auch dein Vermögen. Und Er hat dir gesagt, höchst klar und bestimmt, wie du es für Ihn verwenden sollst, damit es ein heiliges, durch Jesus Christus wohlgefälliges Opfer sei. Und Er hat versprochen, diesen leichten, geringfügigen Dienst mit einer ewigen, wichtigen Herrlichkeit zu

2.

Ps 24,1 Ai Apg 17,24 A

1 Kor 6,19.20 A

Höm 12,1 A; 1 Petr 2,5 A 2 Kor 4,17 A

belohnen.

Lk 12,42 A Lk 15,12 A

3. Die Anweisungen, die Gott uns in Bezug auf den Gebrauch unseres weltlichen Vermögens erteilt ha t, mögen in folgenden Punkten zusammengefaßt werden. Wenn du ein treuer und kluger Verwalter sein willst, so versieh dich aus dem Teil der Güter deines Herrn, die Er

DER RECHTE GEBRAUCH DES GELDES

für die Gegenwart in deine Hand gelegt hat (aber mit dem Recht der Rücknahme, wann es Ihm gefällt), erstens mit Dingen, die du selbst brauchst: Nahrung zu essen, Kleidung anzuziehen, was immer die Natur vernünftigerweise erfordert, um den Körper gesund und kräftig zu halten. Zweitens versieh damit deine Gattin, deine Kinder, deine Dienstboten oder andere, die zu deinem l~aushalt gehören. Ist, wenn dies geschehen ist, noch ein Uberschuß vorhanden, so "tue Gutes an den Genossen des Glaubens". Bleibt dann immer noch ein Überschuß, "so tut Gutes an jedermann, solange wir also noch Zeit haben". Wenn du so handelst, gibst du alles, was du kannst, ja, im wahren Sinne, alles, was du hast; denn alles, was auf diese Weise verausgabt wird, ist wirklich Gott gegeben. Du "gibst Gott, was Gottes ist", nicht allein durch das, was du den Armen gibst, sondern auch das, was du ausgibst, um notwendige Dinge und deinen Haushalt zu besorgen. Sollte dir alsdann zu irgendeiner Zeit ein Zweifel kommen über dem, was du - sei es - für dich oder für einen Teil deiner Familie aufwenden willst, so hast du einen leichten Weg, diesen zu beseitigen. Frage dich in aller Ruhe und mit allem Ernst: "I. Handle ich bei dieser Ausgabe meinem Charakter gemäß? Handle ich hierin nicht als Eigentümer, sondern als Verwalter der Güter meines Herrn? 2. Tue ich dies im Gehorsam gegen sein Wort? In welcher Schriftstelle fordert Er von mir, daß ich dies so mache? 3. Kann ich diese Handlung, diese Ausgabe Gott als ein Opfer durch Jesus Christus darbringen? 4. Habe ich Grund zu glauben, daß ich für dieses bestimmte Werk in der Auferstehung der Gerechten Lohn empfangen werde?" Du wirst selten mehr nötig haben, um irgendeinen Zweifel zu beseitigen, der sich über den betreffenden Punkt ergeben mag. Durch diese vierfache Betrachtung wirst du klares Licht über den Weg erhalten, den du gehen sollst.

Predigt 50

1 Tim 6,8

Gal 6,10

Mt 22,21

4.

5. Wenn aber noch irgendein Zweifel bleibt, so magst du dich noch weiter anhand dieser Punkte der Gewissenserforschung im G~bet prüfen. Versuche, ob du zum Erforschen der Herzen, ohne daß dich dein Gewissen verdammt, sagen kannst: "Herr, Du siehst, ich will jetzt diese Summe für jenes Nahrungsmittel, Kleidungsstück,

Apg 9,6 EB A

Lk 14,14 A

Jes 30,21 A


DER RECHTE GEBRAUCH DES GELDES

Predigt 50

Mt 6,22 A

Mt 16,27 A Röm 8,16 A

Hausrat ausgeben. Du weist, ich handle darin mit einfältigem Auge als Verwalter Deiner Güter. Ich möchte dieses Teil Deiner Güter so ausgeben, daß ich der Absicht entspreche, die Du hattest, als Du mich damit betrautest. Du weist, ich tue dies im Gehorsam gegen Dein Wort, wie Du befiehlst und weil Du befiehlst. Laß es denn, ich flehe zu Dir, ein heiliges, in Jesus Christus angenehmes Opfer sein. Und gib mir ein Zeugnis in mir, daß ich für diese Liebesarbeit eine Belohnung empfangen werde, wenn Du jedem nach seinen Werken vergiltst." Nun, wenn dein Gewissen dir im Heiligen Geist Zeugnis gibt, daß dieses Gebet Gott wohlgefällt, dann hast du keinen Grund zu zweifeln, daß jene Ausgabe recht und gut ist und dich niemals in ein schlechtes Licht rücken wird. Du siehst nun, was es heißt, euch "Freunde mit dem ungerechten Mammom" zu machen und mit welchen Mitteln du Vorsorge treffen magst, "daß wenn ihr fallt, sie euch in die ewigen Wohnungen aufnehmen werden". Du siehst das Wesen und den Umfang der wahren christlichen Klugheit, so wie sie sich auf den Gebrauch des Geldes bezieht, jener großen Gabe. Erwirb soviel du kannst, ohne dich oder deinen Nächsten an Seele oder Leib zu verletzten, indem du dich mit ununterbrochenem Fleiß und mit allem Verstand, den Gott dir gegeben hat, dieser Aufgabe widmest; - spare, so viel du kannst, indem du jede Ausgabe vermeidest, die nur dazu dient, deinen törichten Wünschen nachzugeben; entweder die Fleischeslust, der Augen Lust oder das hoffärtige Leben zu befriedigen; verschwende nichts, ob lebend oder sterbend, an Sünde oder Torheit, ob für dich selbst oder deine Kinder; - und dann gib alles, was du kannst, oder in anderen Worten, gib alles, was du hast, Gott. Beschränke dich nicht auf diesen oder jenen Teil, darin eher einem Juden ähnlich als einem Christen. Gib Gott nicht ein Zehntel, nicht ein Drittel, nicht die Hälfte, sondern alles, das Gott gehört, es sei mehr oder weniger; indem du alles für dich, deinen Haushalt, die Genossen des Glaubens und die ganze Menschheit in solcher Weise verwendest, daß du gute Rechenschaft über dein Verwalten geben kannst, "wenn ihr nicht mehr Verwalter sein könnt", so wie Gottes Wort es durch allgemeine wie besondere Vorschriften verordnet, so daß -

6.

Mt 22,21 A

Lk 16,2

DER RECHTE GEBRAUCH DES GELDES

was immer ihr tut - es "das Opfer eines süßen Duftes für Gott" sei und daß jede Tat ihren Lohn an jenem Tag finden wird, wenn der Herr mit allen seinen Heiligen kommt. 7. Liebe Brüder, können wir kluge oder treue Verwalter sein, wenn wir nicht so mit den Gütern unseres Herrn umgehen? Wir können es nicht, wie es uns nicht nur Gottes Wort, sondern auch unser eigenes Gewissen bezeugen. Warum sollten wir also zögern? Warum sollten wir uns noch länger mit Fleisch und Blut beraten oder mit Menschen der Welt? Unser Reich, unsere Weisheit ist nicht von dieser Welt; heidnische Sitte geht uns nichts an. Wir folgen Menschen nur so weit, als sie Nachfolger Christi sind. Höret auf Ihn! Ja, heute, so lange es heute heißt, hört und gehorcht Seiner Stimme! Zu dieser Stunde und von dieser Stunde an tut Seinen Willen! Erfüllet sein Wort hierin und in allen Dingen! Ich bitte euch im Namen des Herrn Jesus, handelt der Würde eures Berufes gemäß! Keine Trägheit mehr! Was immer deine Hand zu tun findet, das tue mit deiner Kraft! Keine Verschwendung mehr! Schluß mit jeder Ausgabe, die Mode, Laune oder Fleisch und Blut fordern! Schluß mit aller Habsucht! Verwendet vielmehr alles, was Gott euch anvertraut hat, um Gutes zu tun, alles mögliche Gute, in jeder möglichen Art und jedem möglichen Grad, den Genossen des Glaubens, allen Menschen! Dies ist kein kleiner Teil der "Klugheit der Gerechten". Gebt alles, was ihr habt, so gut wie das, was ihr seid, für Ihn als geistliches Opfer, der euch Seinen Sohn nicht vorenthalten hat, Seinen einzigen Sohn; so sammelt ihr euch einen Schatz als "guten Grund für die Zukunft, damit ihr das ewige Leben ergreifet"!

1 2

3

Predigt 50

Eph 5,2 EB ! Jud 14 A; 1 Thess 3,13 A

Lk 12,42 A

Ga! 1,16 A

Joh 18,36 NI Kor 1,20 A 1 Kor 11,1 A Hebr 3,13 A Joh 19,27 A

Ps 148,8 A Pred 9,10 A

Ga! 6,10 A

Lk 1,17 1 Petr 2,5 A Joh 1,18 A 1 Tim 6,9 ! EB

Ovid, M.etamorphoses, I,i, 141; zu beachten ist, daß Ovid nicht den Superlativ benutzt und "ferrum" nur "Eisen" bedeutet. O~id, Metamorphoses, l,i, 140: im Anhang zu Band XXXII seiner Werke bIetet Wesley eine Ubersetzung: "Wealth is dug up, incentive to a11 ill." Horaz, Odes, lII, XXIV, 47,49; vgl. Predigt 87 "Die Gefahr des Reichtums" 1,4.

John Wesley: Der rechte Gebrauch des Geldes  

Aus den Lehrpredigten

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