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Autor

Carsten Kupka, geboren in Gelsenkirchen, lebt heute in Oberhausen. Eine kleine Fangemeinde konnte er für sich gewinnen, als er 2014 einen tragikomischen Roman um einen männlichen Single als wöchentlichen Fortsetzungsroman in den sozialen Netzwerken teilte. Seit dieser Zeit veröffentlichte er einige Kurzgeschichten in Anthologien, verschiedener Verlage. Viermal im Jahr lädt er Autoren und Gäste zu Lesungen in ein kleines Szenecafé in Mülheim an der Ruhr ein. Das vorliegende Buch ist sein Debüt. Besuchen Sie ihn bei Facebook Carsten Kupka / Kurzgeschichten

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Elvea Verlas

Besuchen Sie uns im Internet: www.elveaverlag.de Kontakt: elveaverlag@gmail.com Veröffentlicht im Elvea Verlag Chemnitz, Januar 2017/2018 © 2017 bei Elvea Verlag Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf, auch teilweise, nur mit Genehmigung des Verlages weitergegeben werden. Cover: Frank Gebauer, Kunstfotograf Oberhausen Lektorat: Angela Hochwimmer Layout: Uwe Köhl

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Danksagung Für Stefanie. Wenn der Froststurm um Dich rum weht, und Du die Wärme im Gesicht spürst. Wenn Du gestresst wirst, und trotzdem milde lächelst. Wenn Du ermüdest, und doch neue Kraft bekommst. Dann weißt Du, was es ist.

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Inhalt Jemand isst ein Eis

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Ein Osterspaziergang

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Die stumpfe Axt

25

Istma

49

Scheiß Kerze

52

Die verlorene Nacht

63

Der Entzug

74

Brief eines Toten

76

Die Erinnerung

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Jemand isst ein Eis 1970 »Sieh mal, wie glücklich er guckt.« Dieser Satz stammt von meinem Vater. Ich verstehe nur Bahnhof. Viel zu viele neue Wörter. Schließlich bin ich erst acht Monate alt. Und ich bekomme gerade etwas Neues zu essen. Etwas ungewohnt Kaltes. Aber trotzdem gut. Wahrscheinlich gucke ich deshalb glücklich. 1972 »Ach, was machst du denn da wieder?« Das ist Mama. Ich weiß nicht, warum sie fragt. Das sieht sie doch. Was ich mache, ist die Tätigkeit des Eisessens. Sie nähert sich mir. Mit einem Taschentuch, auf dem ihr Seiber ist. Das muss doch nicht sein. Es ist schließlich eine Selbstverständlichkeit, sich das Gesicht mit Eis einzureiben, wenn man drei ist.

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1974 »Iss dein Eis vernünftig.« Klasse, Mama, was soll das denn? Vernünftig Eis essen. Wie sieht so etwas aus? Mit Messer und Gabel? Oder muss ich dabei ernsthaft dreinblicken? Zuviel Tiefsinniges sollte sie nicht von mir erwarten. Wir Fünfjährige haben nichts Vernünftiges im Sinn, und so eine Aufforderung vergällt ein wenig den Eisgenuss. Der Geschmack des Eises spielt noch keine so große Rolle. Was weiß ich schon von der Vielfalt. 1977 Ich übernachte bei Oma. Das ist was Gemütliches und Oma ist immer so entspannt. Also, noch kenne ich das Wort »entspannt« überhaupt nicht. »Gelassen« auch nicht, bin ja erst acht. Also nochmal. Oma ist immer so groovy. Das Wort kenne ich. Wir sind schließlich umzingelt von Hippies in diesen schlimmen siebziger Jahren. Es ist total fürchterlich, wie die Hosen alle aussehen, mit dem Schlag. Und manche Menschen haben sich auch noch einen »Kiss«-Schriftzug drauf gestickt. Warum?

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Ich habe also bei Oma geschlafen und bin jetzt aufgewacht. Oma sagt, dass Papa gestern Abend noch spät da war. Er hat mir ein Eis mitgebracht. Aber ich wurde nicht wach. Und was ist mit dem Eis passiert? Das ist im Gefrierfach, sagt Oma. Aber ich kann das jetzt noch nicht essen. Es wäre zu kalt, sagt sie. Ja, sicher. Und vom Fernsehen bekommt man viereckige Augen. So ist das, wenn man noch so klein ist. Man muss den Blödsinn hinnehmen, der einem vorgebetet wird. Genau so wie das Beten selbst. Alles nur abgeguckte Gewohnheiten, aber ich drifte ab. Ich muss wirklich eine halbe Stunde warten, bis ich das Eis essen darf, weil mein achtjähriger Körper scheinbar sonst zusammenbrechen würde. 1978 Juhu, welch wonniges Glück. Ich habe Taschengeld bekommen. Und ich weiß, was ich damit mache. Ich setze es teilweise in Wassereis um. 10 Pfennig das Stück. Ich freue mich so. Was kann es Schöneres geben als eine Handvoll Eis in Plastikhülsen. Ich lasse mir ein Spiel einfallen, während ich das Eis esse. Als Erwachsener werde ich doch

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bestimmt auch Eis essen, und ich beschließe, mir vorzustellen, wie das wohl aussehen kann. Ich versuche, mir also mich vorzustellen. Als Mann. Mit Bart oder so. Und mit einer Frau. Wie die Frau in meinen Gedanken aussieht, ist egal. Irgendwie wird sie schon aussehen. Also, ich bin neun. Es ist mir wirklich egal. Aber dieser Fantasie-Erwachsene mit Frau will mir nicht vor das Auge kommen. Stattdessen sehe ich jemanden in dunkler Nacht durch eine Straße torkeln. Mit einem Eis am Stiel in der Hand. Ein Betrunkener, um die zwanzig. Na, hoffentlich bin ich das nicht später. Was da alles passieren kann. Nachts, draußen. Und woher hat er/ich um diese Uhrzeit ein Eis? Schmeckt Alkohol? frage ich Mami und Vati. Nein, antworten beide. 1979 Mein Leben ist wundervoll. Mami gibt mir wöchentlich mein Taschengeld, damit ich Haushalten lerne. Bitte, was? Ich bin, meinem zehnjährigen Alter angemessen, sehr unüberlegt in meinen Handlungen. Obwohl, so unüberlegt auch wieder nicht. Ich weiß, was ich will.

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Eis natürlich. Dieses Spiel habe ich noch nicht wiederholt. War ja doof. Wenn man sich vorstellen möchte, wie man als Familienmensch aussieht und dann eine betrunkene Gestalt sieht. Egal. Heute nochmal. Die Karten sind neu gemischt. Ich esse ein Kalter-Finger-Eis und lasse meine Gedanken in die eingebildete Zukunft sehen. Na, herrlich. Ich sehe mich wieder. Unheimlicherweise wieder nachts. Er sitzt an einer Bushaltestelle und ist bestimmt schon fast dreißig und er hat ein Hörncheneis in der Hand. in der anderen hält er ein Foto, auf das er, also ich, sieht. Na, ich weiß nicht. Die Frau darauf hat bunte Haare. So eine will ich nicht im Dunklen sehen. Die spuckt bestimmt auf die Straße und lacht gerne grundlos. Warum habe ich mir keine andere ausgesucht? Mami, sage ich zu Mami. Frauen mit bunten Haaren sehen komisch aus. Ja, sagt Mami.

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1980 Das Wichtigste im Leben ist das Eis, das zu einem passt. Ich habe eins mit Lakritzstiel. Das ist mein Lieblingseis. Ich darf sowas haben. Ein Lieblingseis und eine Lieblingsfarbe. Gelb, weil mein Rad gelb ist. Ja, ich weiß, ist nicht einfallsreich, aber ich weiß das nicht besser, ich bin elf. Es ist wieder Zeit, mein Spiel zu machen. Ich sehe mich in so einer Disco. Komisch, so ein Blödsinn. So viele Leute und zu laute Musik. Was wollen wir hier? Und was tut er? Er quatscht mit einer Frau. Ach, die sieht gut aus. Wird das meine Ehefrau? Nee, wir gehen weiter und fassen einer Dame an den Popo. Schlägt sie ihn-mich-uns jetzt? Nein, sie küsst uns. Ach ja, die lasse ich mir auch gefallen. Keine bunten Haare. Wieso habe ich ein Eis in der Hand? Ah, ein kaltes Buffet mit Kühlschrank in der Disco. Zumindest wissen wir zu leben. Vati, sage ich zu Vati. Wenn ich groß bin, werde ich in einer Disco Eis essen. Quatsch, sagt Vati.

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1981 Es ist Sommer, ich sitze in einer Eisdiele und habe ein Spaghettieis. Mein Lieblingseis. Noch bin ich erst zwölf und weiß deswegen nicht, dass Spaghettieis das Lieblingseis von allen Männern ist. Was mache ich wohl, wenn ich älter bin? Na gut, das alte Spiel. Ich sehe mich in einer Wohnung, ein Eis am Stiel an die Stirn haltend und rufend. Nee, doch nicht rufend. Streitend. Da ist noch eine Frau. Die streitet auch. Ob ich sowas will, in meiner Zukunft? Papa, sage ich zu Vati. Jetzt, wo ich schon was älter bin, sag ich nicht mehr Vati zu Papa, wenn ich groß bin, werde ich mit meiner Frau nie streiten. Ja, genau, sagt Vati und grinst. 1982 Ich habe viel Eis gegessen im letzten Jahr. Weil ich gefallen an meinem Spiel gefunden habe. Ich habe ihn immer öfter gesehen. Viel erlebt habe ich. Oder werde ich. Es war immer nachts, immer mit Eis.

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Irgendwie kam keine Familie vor. Ich heirate wohl nicht. Streiten kommt dafür trotzdem vor. Und das, obwohl ich mir doch vorgenommen habe, es nicht zu tun. Ich esse mein Eis und sehe mir zu. Wie ich an einem Fenster stehe und in die Nacht sehe. Scheinbar denke ich über etwas nach. Ab und zu grinsen wir dabei. Laura, sage ich zu Laura. Ich werde nie heiraten. Willst du trotzdem meine Freundin werden? Laura wirft ihr Eis nach mir und geht weg. Flirten kann ich nicht. Das ist nicht schlimm, mit dreizehn. 1983 Ich komme in ein komisches Alter. Woran ich das merke? Ich schäme mich beim Bestellen meines Lieblingseises. Aber ich will es ja trotzdem haben. Also nehme ich all meinen Mut zusammen und gehe in den Kiosk. Ein Mecki von Schlecki, bitte. Was denken sich solche Hersteller eigentlich bei der Namensgebung? Ich bin 14 und ich weiß, dass es komische Drogen gibt.

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Ich denke, Eisnamenerfinder kiffen den ganzen Tag. Ich erhalte mein Mecki von Schlecki und freue mich. Und ich tauche ein, in meine Zukunft. Ich bin in einem Schlafzimmer. Mehrere Menschen sind um ein Bett versammelt. Keiner der Versammelten bin scheinbar ich. Jetzt sehe ich den Bettlägerigen und wundere mich. Schon so alt. Ich habe das Eis-Ess-Spiel sehr oft gespielt in den letzten Wochen. Da sind wir ordentlich gealtert. Und jetzt sehe ich mir zu, wie ich behütet in diesem Bett liege. Ohne Eis. Es passiert dieses Mal etwas Ungewöhnliches. Nicht nur ich sehe mich, wir sehen uns gegenseitig. Ich, der Alte, fordere die Menschen um mich herum auf, das Zimmer für einen kurzen Moment zu verlassen. Dann begrüße ich mich. Da bist du ja. Über die Jahre hinweg habe ich mich beobachtet gefühlt. Und ich weiß, dass du es warst, der hin und wieder in meiner Nähe war.

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Dein Eis-Spiel ist gut. Es sorgte mein Leben lang dafür, dass du nicht in Vergessenheit geraten bist. Du, mein kindliches Gemüt, mit Hang zu rationalen Gedanken. Bei jeder Handlung habe ich mich gefragt, was würdest du davon halten. Einiges aus deiner Zukunft wird beängstigend auf dich gewirkt haben, aber mach dir nicht zu viele Gedanken. Wenn du willst, dass dir dein Leben gefällt, dann wird es das auch. Am Ende wirst du nur die Dinge bereuen, die du nicht gemacht hast. Und jetzt gib mir dein Mecki von Schlecki, mein letztes Eis. Epilog Papa? frage ich Papa. Kann ich Geld für ein Eis bekommen? Was ist aus deinem letzten Eis geworden? fragt er. Das habe ich gegessen, als ich zweiundneunzig war. Und es war gut.

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Ein Osterspaziergang Es ist wirklich kalt. ich spaziere diesen Waldweg lang, von dem ich weiß, dass er einsam und dunkel gelegen ist, und versuche zu denken. Der Frost verhindert das ein wenig. Bei 42 Grad gerinnt Eiweiß. Darüber denke ich manchmal im Hochsommer nach, denn im Gehirn ist viel Eiweiß. Bei wie viel Grad minus gefriert Eiweiß wohl? Also, noch klappt es mit dem Nachdenken. So ein Osterspaziergang ist für viele Familien eine Tradition. Für mich nicht direkt. Man kann natürlich sagen, ich mache diesen Osterspaziergang, weil mal jemand auferstanden ist. Zufällig zum Anfang der Frühlingszeit. Und weil der Zufall es so will, ist der Betreffende auch zum früheren Fest der Wintersonnenwende geboren. Und plötzlich ist die Wintersonnenwende weg und Weihnachten da, und ein wandelnder Unto-

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ter sorgt dafür, dass man Kirchensteuer zahlen muss. Für die GEZ-Steuer kann er nichts. Die ist aber genauso unberechtigt. Oh, ich schweife ab. Der Grund, warum ich diesen Spaziergang mache, ist die Sehnsucht nach der Sonne. Jeder, der mich kennt weiß, ich hasse Sonne. Eigentlich. Und jetzt diese Sehnsucht nach Wärme. Weil mal jemand gesagt hat, Sonne auf der Stirn sorgt für Glücksgefühle. Ja, gut. Das tut Joggen auch. Aber ich bin erkältet. Und das als Mann.

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Da joggt man nicht. Man möchte das mit der Sonne ausprobieren. Und das mit einer unbegründeten Hoffnung auf bessere Zeiten.

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