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Die Chronik von Selchow 1242–2012

Am 27.9.1900 erfolgte mit die Abfahrt des Festzuges die feierliche Eröffnung des Bahnbetriebes. Daran nahmen die Bürgermeister der Anliegergemeinden teil. Die Lokomotive und die Personenwaggons waren festlich geschmückt. Das Einzugsgebiet der NME war der östliche Teil des Kreises Teltow. Viele Dörfer an der Strecke, z.B. Waßmannsdorf, Brusendorf, Schönefeld und auch Selchow, besaßen Rittergüter mit intensiver Landwirtschaft. Die Residenzstadt Berlin bot sich als nah gelegener Absatzmarkt hervorragend an. Um Mittenwalde herum gab es abbaufähige Tonlagerungen und zahlreiche Ziegeleien die für den Bauboom in Berlin nützlich waren. Die Betriebsrechte wurden der Firma Vering & Waechter und den an der Strecke liegenden Gemeinden übertragen. Die Finanzierung erfolgte über die Baufirma, die Provinz Brandenburg, den Kreis Teltow und die anliegenden Gemeinden. Bei Betriebseröffnung standen der Bahn folgende Betriebsmittel zur Verfügung: 2 zweiachsige Tenderlokomotiven mit 20 t Dienstmasse, 1 dreiachsige Tenderlokomotive mit 30 t Dienstmasse, 4 zweiachsige Personenwagen II./III. Klasse, 6 zweiachsige Personenwagen III. Klasse, 2 vereinigte Post- und Gepäckwagen, 5 bedeckte Güterwagen, 20 offene Güterwagen, 2 Bahndienstwagen und 1 Draisine. Die Betriebsführung oblag der Firma Vering & Waechter, die 64 % der Einnahmen erhalten sollte. Das Betreiben der Bahn verlief aber nicht problemlos. Es gab häufig Unfälle mit Pferdefuhrwerken an Bahnübergängen. Auch Verspätungen durch lange Rangiermanöver waren an der Tagesordnung. Ein Zug benötigte 1907 für die 27 km lange Strecke 70 Minuten, 1919 sogar 90 Minuten. Die Bahn beför- Die Neuköllner-Mittenwalder Eisenderte Personen und Güter. Nach Schöneiche wurde bahn verkehrte von 1900 bis 1951. Müll aus Berlin mit der Bahn transportiert, auf der Rückfahrt wurden Ziegel nach Berlin mitgenommen. Die Strecke erhielt bis zum Jahr 1933 auch Nebengleise. Nach dem Krieg wurde auf der Strecke bereits am 1.6.1945 der Personenverkehr wieder aufgenommen. Außerdem fuhren Kohlezüge bis nach Senftenberg. Ab 1948 wurde die Teilstrecke zwischen Schönefeld und Mittenwalde abgebaut. Am 1.3.1955 wurde der Personenverkehr eingestellt. Der Bahnhof von Selchow befand sich am Kilometer 16,8 der Strecke. Das Bahnhofsgebäude hatte verglichen mit den anderen Unterwegsbauten eine stattliche Größe. Es wurde zwischen 1899 und 1900 erbaut. Es waren vorhanden: 4 Gleise (Gleis 3 140 m mit La- Karl-Joachim Wolff vor dem Bahnhofsgebäude Selchow destraße mit Seitenrampe von 17 m, Gleis 1 mit 800 m, Gleis 2 mit 750 m, Gleis 4 mit 50m, Anschlussgleis zum Gut) und ein Bahnsteig mit einer Länge von 78 m. Das Bahnhofsgebäude bot Platz für 2 Dienstwohnungen, den Dienstraum des Fahrdienstleiters im Erdgeschoss, in dem sich die Fahrkartenausgabe befand, die Güterabfertigung und das Stellwerk. - 88 -

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