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nur was passierte, nicht wie es war. 1/2


ein essay zu ausgew채hlten ladenbeschriftungen in west-berlin.

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lokation wurzeln troJa Felsen eur0g1da


1 alt-berlin

lokation es ist nie wie es war und wird nimmer so lasst es sein*.

*(damit mein ich werden)


wurzeln aus ajanta schien es nicht heraus. nur ashoka fiel allen ander’n auf. er war der grösste krieger und dort bin ich gestartet. doch dharma war stärker. (und hat um mich gekämpft, danke.)

2 ashoka


TROJA lass es sein. ohne schmuck und accessoire glänzt es nicht mehr. muss man fliehen, weil es fällt? oder stirbt es, wenn ich geh’?

3 trojahn


4 felsenkeller

FELSEN genau, da war ich mal zwischendurch und überall sonst unendlich lang. „du bringst mich in fahrt und braust mich auf. und ich öffne mich dir auch, aber ich geh nicht in dir auf. ich denke nicht, dass das etwas ist, das ich gebrauchen könnte.“


5 eurogida

Eur0G1DA du bist so schรถn und langweilig. und bei mir mein liebster teil.


vielen dank Ich hoffe dir hat das vorliegende heft vielleicht sogar etwas gebracht / gegeben.

neutag verlag 2012


nur was passierte, nicht wie es war. 2/2


Erläuterungen zu den ausgewählten ladenbeschriftungen und zum Essay. wichtige inkenntnissetzung! Auf den folgenden Seiten werde ich fast alle Hintergründe zu den Texten aus NUR WAS PASSIERTE, NICHT WIE ES WAR 1/2 preisgeben. Das ursprüngliche Essay war gedacht dem Leser etwas zu geben. Sollte dies nicht funktioniert haben, hoffe ich, dass die Erläuterungen bessere Schützen sind, jedoch nichts von dem eventuell vorher Erfahrenem kaputt machen.

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alt-Berlin ashoka trojahn felsenkeller eurogida

Stand der folgenden Informationen: November 2012


alt-berlin Alt-Berlin Antiquitäten Adresse: Bleibtreustraße 48, Plz 10623 Gründung: 1986 Beschriftung: Nachgemalt vom Vorgänger, der sein Geschäft 25 Jahre dort hatte. Erläuterung zum Text „LOKATION“: Meine Kindheit in Berlin war für mich unvergleichlich und unvergesslich. Heute ist Berlin eine Weltmetropole und der daraus resultierende Wandel ist bemerkbar. Eher bereits nicht mehr überschaubar. Ein Berlin, das aus dem besteht, das es früher war, kann es nicht mehr werden und wird es auch nicht. Das gilt für mich in jedem Moment. Das Berlin von heute entstand nicht aus dem Berlin von Gestern und das nicht aus dem von vor 2 Wochen. Es wird also niemals so sein wie man es kennt. Und die Irrtümer, dass man Berlin kenne, wüsste wie es funktioniert und der innere Wunsch danach, man befinde sich in einer Stadt, mit der und deren Funktionsweisen man vertraut ist oder sein könnte, führen dazu, dass die ach so tolle Stadt sich mehr und mehr abscheulich gestaltet (nicht optisch gemeint, sondern in jeder Art und Weise). Das SO im Text spielt für mich eine wichtige Rolle bezüglich des Aufbaus. Es steht alleine in einer Zeile, damit die vorhergehende und nachkommende Zeile jeweils ohne und mit SO interpretiert werden können. UND WIRD NIMMER Berlin wird nie wieder vergleichbar bemerkenswert sein. UND WIRD NIMMER SO Berlin wird nie wieder an den alten Werten zurückgewinnen. SO LASST ES SEIN Schlussfolgerung. Die Leute sollen aufhören Berlin irgendwelche Eigenschaften zuzusprechen. (Berlin ist nicht grau bzw. jede Stadt ist grau.) LASST ES SEIN Aufruf. Es ist einfach nur eine Stadt. Es geht nicht um Berlin. Es geht um euch. DAMIT MEIN ICH WERDEN Das steht dafür, dass wenn man einfach d’rauf scheißt, den Hype außer Acht lässt und sein Leben kreiert, die Stadt viel eher genau das ist, was man von ihr will bzw. denkt.

1 lokation


ashoka Ashoka - Original Indische Spezialitäten Adresse: Grolmanstr. 51, Plz 10623 Gründung: 1976 Beschriftung: Ca. 6 Jahre nach der Eröffnung wurde dieses Schild angebracht. Erläuterung zum Text „WURZELN“: In der Grolmanstraße nördlich des Savignyplatz gibt es zwei indische Restaurants, Ajanta und Ashoka. Doch alle Personen, die ich bis jetzt getroffen habe, die früher auch mit den Eltern in der Grolmanstraße beim Inder waren, kannten nur Ashoka und nicht wie ich Ajanta. Ajanta, Ashoka und Dharma Ajanta ist eine Höhlenansammlung in Indien in der es viele in den Wänden gemeißelte Geschichten aus Buddhas Leben gibt. Ajanta steht im Text für mich als Kind. Schüchtern bzw. ruhig, aber mit immer guten Absichten. Ashoka war der größte indische Krieger. Unter keiner anderen Herrschaft war Indien jemals so groß. Ashoka steht im Text für Matze, mein ehemals bester Freund. Er war das Alpha-Tier schlecht hin, was dazu führte, dass bei einer traumhaften Zusammenarbeit zwischen ihm und mir trotzdem nach außenhin sein Erscheinen extrem überwiegte. Durch ihn habe ich gelernt, dass man seine Gedanken in Taten umwandeln kann und damit für sich mehr erreichen kann, als mit seinen Gedanken selbst. Dharma ist ein zentraler Begrif im Hinduismus und Buddhismus und soll hier für kosmisches und soziales Gesetz stehen, aber kein Gesetz mit festgelegtem Regelwerk. Also, wie man sich entscheidet sich gegenüber anderer und anderem zu verhalten. Der Krieger Ashoka hörte mit seinen Feldzügen auf, weil er bemerkte, dass er nicht über Dharma siegen konnte und seine vorherigen Siege im Vergleich nicht an den Wert von Dharma herankommen. Dharma steht im Text für Jasmin, meine damalige und heutige Freundin. Sie hat um mich, meine Ehrlichkeit und mein Selbst gekämpft. Das sind für mich erstrebenswerte Eigenschaften. Guter Wille, Aktionismus und Ehrlichkeit mit einem Selbst. Meine daraus resultierende Entwicklung brachte mich dazu mit Matze und dem Rest der Truppe abzuschließen. 2 wurzeln


trojahn Herrenausstatter und Maßschneiderei Trojahn Adresse: Schlüterstr. 54, Plz 10629 Gründung: 1952 Beschriftung: In den 50er Jahren angebracht worden und im Jahr 2012 erneuert. Erläuterung zum Text „TROJA“: Das Wort „Troja“ ist in dem Firmennamen beeinhaltet. Trojahn ist ein Geschäft für maßgeschneiderte Herrenanzüge, also ist der Stil der dort hergestellten Kleidung dementsprechend „gehoben“ und traditionell. Dies, die gelb-leuchtende („goldene“) Leuchtschrift und natürlich der Name selbst riefen in mir die Assoziation zu Troja auf. Darüber hinaus gibt es eine unauffällige Verbindung von der Geschichte Trojas in der griechischen Mythologie mit der Herkunft meines Vornamen. Aeneas flieht aus dem vor dem Fall stehenden Troja über den Wasserweg und landet in Laurentum. Laurentius bedeutet „Mann aus Laurentium“, wofür die deutsche Version Lorenz ist. Das Troja aus meinem Text ist ein Symbol für die effektbelastete Kunst- und Designwelt der heutigen Zeit. Ohne Effekte und oberflächliche Werte strahlt es keine aufregende zusichziehende Kraft mehr aus. Wenn dieses Konstrukt aber weiterwächst und dabei in den Untergang von Dummheit, Assoziationen und Schmuck rutscht, fällt es zwar (also hat für mich nichts Interessantes mehr), aber nimmt viele Kreative und Künstler auf den Weg dahin mit. Hipster sind in meinen Augen z.B. mitgezogen worden von dem Glanz und Glamour. Deshalb ist meine Entscheidung vor dem Fall zu gehen und mich inhaltlicher mit Kunst und somit Leben auseinander zu setzen. Effekte sind gut und ein wichtiger Teil, aber Kunst selbst sollte meiner Meinung nach nicht auf den daraus entstehenden Empfindungen aufgebaut sein oder schlimmer daraus bestehen.

3 troja


felsenkeller Möwe im Felsenkeller Adresse: Akazienstraße 2, Plz 10823 Gründung: 1923 Beschriftung: In den 50er oder 60er Jahren angebracht worden. Erläuterung zum Text „FELSEN“: In dem Text steht das Wort „Felsen“ als Symbol für Drogen. Alkohol und Kiffen bedeutet für mich in Benutzung unendlichen Spaß. Ich war ein legendärer Trinker und Kiffen hat meine Gedanken sich selbst überholen lassen. Berauschtsein ist für mich so extrem momentan, dass es sich im Moment unendlich lang anfühlt, weil die Sinne zu einem Maximum stimuliert sind und die Aufmerksamkeit des Gehirns komplett der Situation gilt (grundsätzlich). Es hat aber leider keinen Nutzen zwischen Rausch und Nicht-Rausch abzuwechseln, wenn man sich unberauscht auch noch wohlfühlen möchte. Rausch und Nicht-Rausch sind für mich zwei paar Schuhe. Im zweiten Teil des Textes spreche ich (als Wasser) zu Drogen (Felsen) und bemerke, dass ich dem Rausch (Brandung) keinen fortlaufenden Nutzen entnehmen kann. Der letzte Satz hätte auch sein können: Ich denke nicht, dass ich das brauch’. Dann hätte er sich gereimt. Die ausgewählte Formulierung jedoch spielt auf die mit einhergehende „Spießigkeit“ und den damit unrhytmischen Effekt auf ein abendliches Zusammenkommen an. Allerdings ist es in meinen Augen einfach so, dass sich die Natur der Ziele, die man hat, verschiebt und somit mit der Natur der Ziele der anderen nicht immer übereinstimmt. Ich bereue weder Drogen regelmäßig genommen zu haben, noch damit aufgehört zu haben. Beides ist geil und am Ende bleibt es einem selbst überlassen was man tut.

4 felsen


eurogida Eurogida Adresse: Potsdamer Straße 152, Plz 10783 Gründung: 2005 Beschriftung: Im Jahr 2010 entworfen und angebracht.

Erläuterung zum Text „EUR0G1DA“: In diesem Text beziehe ich mich lediglich auf mein momentanes ästhetisches Empfinden. Ich finde Eigenschaften wie klinisch, industriel, funktional etc. schön. Natürlich ist das nur in Science-Fiction-Filmen aufrecht zu erhalten und in einer nachhaltigen Welt wie ich sie mir wünschte schwierig vorstellbar. Ich denke, dass ich diese Ästhetik so genieße, weil sie vom jetztigen Punkt aus gesehen das eindeutigste Merkmal von Zukunft ist und ich Zukunft als etwas sehr erfreuliches empfinde.

5 eur0g1da


vielen dank Ich hoffe dir hat das vorliegende heft vielleicht sogar etwas gebracht / gegeben.

Neutag verlag 2012


Nur was nicht wie - Lorenz Fidel Huchthausen