Page 1

ORCHIS Eine Hommage a n d ie S i n n l ich k ei t d er orchi d ee


ORCHIS Eine Hommage a n d ie S i n n l ich k ei t d er orchi d ee

Bild Elena Sch채del Text Anna Weckert


Eins b is zwölf 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13

40 Grad Großer Eidechs Nachts 30.06 22.00 35 Grad Chiesa Di San Pietro Fori Imperiali. Panorama 17.30 Camping in Sardinien O. Rosso O Rosso. Stazione Termini. Pizza a taglio. Nachts halb 10. Auf dem Gianicolo. halb 5. Wäre es eine gute Idee eine Stadt mit Streicheln zu schildern ? 22.00 Ghetto, Theatro di Marcello An der Küste


J oh a n n Wo l f gang von Goe t he Denn das ist eben die Eigenschaft der wahren Aufmerksamkeit, daĂ&#x; sie im Augenblick das Nichts zu Allem macht.


_


40

grad

Es spricht der dunstige Himmel. Gern würd ich die buschige Wolken-Wolle abstreifen, (zu heiß für den Tag) Fallen lassen auf das geschmolzene Alu des Wassers, sie aufzischen hören und kichern über auseinanderstiebende Schwimmer. Aber das Kleid aus zartblauer Folie darunter liess mich verglühen, ausschwitzen den letzten Tropfen von Kobalt, Azur. Also lass ich nur 1 Wolke neckisch von meiner Schulter gleiten und halte die Herde von Inseln, die blöckend flieht in den Schatten des Landes, mit der Peitsche der Sonne im Zaum.


g ro S S er ei d echs

Herrscher des Fünften Felsens gleich rechts, Kleiner Eidechs Beobachtungsposten mit Piniennadel als Lanze verzeiht mein dreistes Beschreiten des Eidechsenreiches, sogleich verlass´ich das Feld der Eidechsenehre zum Gruß ein letztes Zucken mit meinem schuppigen Schwanz.


N a ch t s 30.06 22.00 35 grad

Lunatische Straßenlampe, versucht Mondeskälte in die Nachtglut zu gießen, verwirrt und betört von Kakteen, die, über das Wetter plaudernd, in Grüppchen stehen, von musikalischen Pril-Blasen, die auf der Luft aus lauwarmer Götterspeise heranschweben und donnernd die Saxophone über ihrem Kopf zerplatzen lassen, abgelenkt durch alles durchdringenden Nadelduft, der sich wie ein ungeschickter Papagallo von ihr aufs Pflaster wirft und sie dabei an der Nase trifft und drüber die Sterne, jeder einzelne den lüsternen Strahl auf die verstörte Lampe gerichtet.


chies a di san p ie t ro

Mit goldenem Fett überschmierter Leib von San Pietro Speckrollen aus Marmor quellen über deine Intarsienhosen, überfressen liegst du in den vatikanischen Gärten, den Spitzbauch der Kuppel nach oben gereckt, Schwaden vergorenen Weihrauchs ausröchelnd, die feisten Arme der Säulengänge grabschend nach immer neuen Pilgern und Geldern, Streckst du die von Habgier und Wucher geschwollenen steinernen Füße zum dreckigen Wasser des Tibers.


FORI I m p eri a l i . p a n or a m a 17.30

Du hast mir zur Dämmerung den Himmel aus hellgrauem Samt über die Schultern gelegt, darauf Fingerabdrücke von dir, wo du die Wolken gegen den Strich gestreichelt hast. Da, wo er bestickt ist, mit Ziegeln und Tempeln und Ton, kratzt er ein wenig. Jetzt, zum Anfang der Nacht, leg‘ ich mich unter ihn und pick dir im Liegen mit dem Schnabel der Möwen die orangenen Viertel der Lampe heraus.


Camping in S a r d i n ie n

Es gießt – Wir wimmeln aus- und einander Es gießt - fettwangiges Wolkenkind kauert Boshaft greinend am Himmel Und gießt Aus seinem bleigrauen Sandeimer Wasser auf unseren Camping-Ameisenhaufen. Kübelweise, Spickt und pickt die aufgewühlt wimmelnde Masse mit Pinienästen und Zapfen. Jetzt rast es davon , alles wimmelt und sammelt, geohrfeigt von seinem neckischen Sturmfreund. Dann gießt es Johlend und jauchzend ist es zurück mit all seinen Freunden und Wolken, Eimer um Eimer entleert es auf glänzende Zelte und schlammnasse Zelter.


o.

rosso o rosso .

Der du kein Rot bist, warum reichst du korallene Ketten aus Plastik zum Sims? Korallene Ketten zum Bienengeh채use der Stromh채uschen.


S t a z io n e Ter m i n i . Pi z z a a t a g l io . N a ch t s halb 10. In St端cke geschnitten und mit Zucchini belegt zerkaut jeder die gesprenkelte Trauer der Fliesen. Abgewogen - 475 Gramm hektischen Freiseins von jeglicher Hoffnung. Nur die SPRITE-Dose quetscht ihr gr端n-blaues Grinsen zwischen Limonade und caesarische Asche.


Der Herbst rattert auf Stützrädchen über die Piazza und plärrt nach gerösteten Blättern mit Honig. Minnie Maus hält sich Platanenfinger vors Lichter-Gesicht und schubst uns vom Berg; die Sonne, das Forum und mich.


W ä re es ei n e g u t e I d ee ei n e S ta d t m i t S t reiche l n z u schi l d er n ? Wäre es eine gute Idee eine Stadt mit Streicheln zu schildern? Wäre es gut Genua, die Terrasse, Juli, halb neun mit den Händen auf deinen Körper zu zeichnen? Eine gute Idee, die Hände unter ein feines weißgraues Tuch zu legen auf die Wölbung des Rückens? Wäre es gut die Nachtluft mit kühlen gepuderten Spitzen der Finger über deine Kuppeln zu Streifen, mit den Fingernägeln Möwenfüßchen auf die Turmspitzen der Wirbelsäule zu trippeln? Ich denk’, es ist richtig sonnengewärmte Handballen aufs Pflaster deiner Seiten zu pressen. Bloß wo bleibt der Duft nach Bratkartoffeln und Kraken von der Nachbarterrasse? Zwischen meinen Kuppen und deinen Lippen.


22.00 Ghe t t o , The a t ro di M a rce l l o

Mich entzückt der Duft der warm-nassen Steine, entzücken die leeren weichen Gassen, entspannt doch wach, schlanke Katzen, zum Schlafen geräkelt. es entzücken mich runde Becken mit Ringen, 3, die Schlafwandlerei, entzückt, dass ich wieder Ruine sein kann gekreuztes Holz sein kann, in der Angst aufzuwachen. entzückt mich gotische Fenster, Karo, Flieder, mintig.


AN d er küste

Die Strassen bergauf in der Mittagssonne. Im Gehen legen sich Streifen über mein Fleisch, gestappelt und wieder entzogen, ein Hauch des nautischen Salzes, ein Hauch des höllischen Bratherdes, ein Hauch der erglühenden Kräuter wohlmariniert erreich‘ ich den Bus.


I M p ress u m

Konzept und Gestaltung Text

Elena Sch채del Anna Weckert

Dozent Projekt Semester Hochschule

Andreas Besser Illustration WS 09/10 Fakult채t Gestaltung, FH-WS


Orchis  

Orchis-Hommage an die Sinnlichkeit der Orchidee

Read more
Read more
Similar to
Popular now
Just for you