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PRODUKTION & INNOVATION

Unsere

glück auf 3-2018

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Harz Guss Zorge // Formmaschine ersetzt

Operation am offenen Herzen Ideales Timing: das Protokoll einer atemberaubend schnellen Modernisierung.

HGZ-Mitarbeiter Axel Finke bei der Montage der neuen Formmaschine.

Autor ist Andreas Glaßmeyer.

I

m heißen Juli, während der Sommerbetriebsruhe, wurde das Herzstück von Harz Guss Zorge (HGZ) modernisiert: die alte Formmaschine. Nach etwa 42 Jahren treuer Dienste ging sie in den wohlverdienten Ruhestand. Innerhalb von drei Tagen wurde die komplette Formmaschine demontiert und ihr Fundament mit Diamantsägen zerkleinert. Dabei mussten alle Maschinenteile und Betonstücke mit einem 500-t-Kran über das Dach aus der Halle gehoben werden. Sonntagnacht begann man mit dem Bau der neuen Fundamente. Montagnachmittag wurden sie bereits gegossen (mit hochfestem

GMHütte // Kontinuierlicher Verbesserungsprozess

E-Ofen begnügt sich mit weniger Leistung Reduzierung des Energie-Leistungsmaximums vermindert Mehrkosten. Im Zuge der EnergieHengelbrock: Deshalb wende steigen die Netzhat das Energiemanageentgelte für die Stromment im Oktober 2017 netze erheblich. Für ein Projekt gestartet. energieintensive BetrieEingebunden waren die be wie die GMHütte sind verantwortlichen Kolledas erhebliche Mehrkosgen aus Produktion, Inten, die man minimieren Andreas Hengelbrock standhaltung und StahlWerksfoto werk. Wir haben vor wollte. Deshalb untersuchte man den Leisallem diskutiert, wie wir tungsbedarf rund um den E-Ofen. den 15-Minuten-Mittelwert der Andreas Hengelbrock (Energieelektrischen Leistung reduzieren management GMHütte) zieht im könnten. glückauf-Interview Bilanz: Das ist die Phase am E-Ofen mit glückauf: Von welchen Kosten der höchsten Netzbelastung, dem sprechen wir, Herr Hengelbrock? höchsten Stromverbrauch. Welche Andreas Hengelbrock: Die GeLösung haben Sie gefunden? bühren für die Nutzung des elekt- Hengelbrock: Die Kollegen rischen Netzes stiegen gegenüber wollten unter anderem, dass 2017 um 42 Prozent. die Bedienmannschaft direkter Einfluss nehmen kann. Dass sie Das ist natürlich viel! den E-Ofen in seiner Leistung

reduzieren kann, bevor die Lastkontrollanlage die Pfannenöfen in ihrer Leistung automatisch reduziert oder gar abschaltet. Dadurch bekommen die Pfannenöfen den Strom, den sie brauchen – und werden nicht mehr von der Lastkontrollanlage gedeckelt, weil der E-Ofen grade so viel Strom zieht. So können wir quasi bedarfsgerechter agieren. Und wie funktioniert das? Hengelbrock: Das Personal auf den Leitständen spricht sich kurz ab und kann jederzeit umschalten. Aber diese erweiterte Prioritätsumschaltung funktioniert nur gut, weil wir auch den Algorithmus verbessert haben. Das heißt? Hengelbrock: Der Algorithmus

Foto: Andreas Glaßmeyer

Beton wie beim Staudammbau). Mittwochmorgen waren sie bereits belastbar. Nächster Schritt: Das Stahlgerüst der neuen Formmaschine wurde eingebracht – wie schon bei der Demontage mithilfe des 500-t-Krans übers Dach – und anschließend montiert. Am Donnerstag folgten die restlichen Komponenten der Maschine. Sie wurden in das Stahlgerüst eingebaut und miteinander verbunden. Zeitgleich mit der Neumontage der Formmaschine hatte man die Hydraulikleitungen und Steuerkabel neu verlegt und angeschlossen. Ab 25. Juli wurden erste Probeläufe gestartet und die Programmabläufe optimiert. Der erste Kasten wurde am 28. Juli abgeformt. Danach folgte das Feintuning der Anlage.

30. Juli 2018 – 5 Uhr morgens: Wie geplant fällt der Startschuss für die Produktion. Die Operation am offenen Herzen der Harz Guss Zorge ist erfolgreich abgeschlossen. In den ersten Wochen lief die Formmaschine mit angezogener Handbremse. So konnte man die einzelnen Parameter noch genauer justieren – damit die Maschine so richtig rund läuft und ihre wahre Leistungskraft entfalten kann. Und die kann sich sehen lassen: Im Normalbetrieb formt die Maschine bis zu 220 Kasten pro Stunde ab. Sie wird den Output der Formerei von Harz Guss Zorge steigern – und den Standort fit für die Zukunft machen.

bestimmt, wie viel Strom der E-Ofen während einer 15-Minuten-Phase jeweils wahrscheinlich benötigt. Früher war es so, dass es zu Beginn jeder 15-MinutenPeriode viele Freiräume gab – also keine Einschränkungen durch die Lastkontrollanlage.

konnte der Bediener angeben, wie sich der Leistungsverbrauch am E-Ofen im Laufe der Viertelstunde entwickeln wird. Das war der erste Schritt, die Prozessdaten an den Regelalgorithmus anzukoppeln.

Die Strategie war also: anfangs Strom satt, um beim Einschmelzen erst mal richtig Gas zu geben. Hengelbrock: Sozusagen. Jetzt fahren wir nicht mehr das Maximum, sondern geben nur die Energiemenge frei, die in jeder Phase tatsächlich benötigt wird. Die Stromsteuerung wurde also wesentlich differenzierter… Hengelbrock: … und verfeinert – dank intensiver Kommunikation zwischen Stahlwerk, Dienstleister IAT und Energiemanagement: Seit 2018 ist die Regelung bereits im frühen Stadium aktiv – wenn auch nur in geringer Höhe. So bleibt der Einfluss auf den Produktionsprozess klein. Dieses gleichmäßige, aber weniger intensive Regeln bringt gegenüber der ursprünglichen Strategie vor allem in der Überhitzungsphase des E-Ofens Vorteile. Zudem

Und wie sieht es heute aus? Hengelbrock: Heute bestimmt das Personal, wann der E-Ofen abgeschaltet wird. Der Regelalgorithmus berücksichtigt diese Info und vermeidet unnötige Einschränkungen der Produktion. Und was wird morgen noch an Effizienzsteigerungen kommen? Hengelbrock: Eine (Teil-)Automatisierung dieser Funktion und die Vernetzung mit weiteren Systemen im Stahlwerk. Und unterm Strich: Wie hat sich der Energieverbrauch verändert? Hengelbrock: Früher waren 125 Megawatt erforderlich, heute 120 – ohne wesentliche Einschränkungen der Produktivität. Vielen Dank für das Gespräch.

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glückauf 3-2018 – die Zeitung für Mitarbeiter der GMH Gruppe.

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