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QUALITÄT & QUALIFIKATION WSK // KVP-Tafeln

Das Team ist der Boss Mitarbeiter gehen in die Verantwortung.

etwa zehn Monaten nahezu alle 200 Mitarbeiter sehr intensiv geschult wurden. Jetzt wurden in Wildau KVP-Tafeln eingeführt. Bevor Sie diese Tafeln etwas genauer erläutern: Was war der Auslöser, diese Tafeln einzuführen? Geißler: Während der intensiven Schulungen in Wildau haben die Kollegen viele Probleme angesprochen, die in der Produktion auftreten. Um genau diese zu lösen, arbeiten wir jetzt mit der KVP-Tafel. Die Kollegen auf dem Hüttenflur stecken eben mittendrin. Geißler: Es gibt in der Tat keinen im Unternehmen, der Verschwendung und Probleme in der Produktion besser beurteilen kann. Aber die Kollegen haben auch kritisiert, dass es in der Regel zu lange dauert, bis Lösungen für diese Probleme umgesetzt werden können. Und dass solche Maßnahmen oft im Tagesgeschehen untergehen. Was absolut frustrierend und demotivierend sein kann. Geißler: Deshalb haben sie gefordert, ihre Probleme effektiver zu lösen.

Werksfoto

Frank Geißler hat einen interessanten Job: Seit 2017 arbeitet er unter anderem für die Wildauer Schmiede- und Kurbelwellentechnik. Dort ist er zuständig für KVP-Projekte und -Koordination (Kontinuierlicher Verbesserungsprozess). Jetzt hat er, um Problemen in der Praxis schneller mit Lösungen beizukommen, in Wildau KVP-Tafeln eingeführt. Wel-

che Vorteile sie bringen, erläutert er im glückauf-Interview: glückauf: Welchen Stellenwert hat KVP in Wildau, Herr Geißler? Frank Geißler: Einen großen. In Wildau gab es übers Jahr insgesamt 39 Beratungstage von Prof. Dr. Mola von der Hochschule Ruhr West wie bereits vorher in Gröditz und Essen – wobei in

Und sind die KVP-Tafeln Teil dieser Lösung? Geißler: Meine Erfahrung zumindest ist: KVP-Tafeln schaffen Transparenz, reduzieren die Problemlösungszeit. Und vor allem: Die Mitarbeiter wechseln von einer passiven in eine aktive Rolle. Jetzt erklären Sie mal: Wie sehen diese KVP-Tafeln aus? Und welche Rolle spielen die Kollegen?

Stahlwerk Bous // Feuerwehr-Übung

In 35 Meter Höhe auf Leben und Tod Alles für den Ernstfall: Feuerwehrleute bergen einen „verletzten Kollegen“ mithilfe der Höhenrettungseinheit der Dillinger Hütte. Autor ist Rainer Wolf (Leiter der Werkfeuerwehr).

R

und 50 m hoch ist der Kamin der neuen Entstaubungsanlage, die 2017 in Betrieb genommen wurde. Sicherheitsgutachten und Gefährdungsbeurteilung ergaben: Wir müssen in der Lage sein, im Notfall Mitarbeiter aus einer Höhe von 35 m (Messplattform) bergen zu können. Deshalb haben wir schon 2017 die Höhenrettungseinheit der Dillinger Werkfeuerwehr kontaktiert. Gemeinsam wurden Einsatzpläne und Standard-Einsatzregeln für Rettung und Versorgung erarbeitet. Im selben Jahr haben wir den Einsatz erstmals geübt. Nun fand

am 19. April am Kamin die erste Einsatzübung statt, bei der die Kollegen unangekündigt in Aktion treten mussten.

14.25 Uhr Alarm! Unsere Werkfeuerwehr und die Höhenrettungseinheit der Dillinger Werkfeuerwehr werden zeitgleich alarmiert. Den öffentlichen Rettungsdienst hat man bereits alarmiert.

Rettung aus 35 m Höhe

Foto: Armin Hans

14.30 Uhr Unser erstes Fahrzeug rückt aus. Eine Minute später ein zweites. Zu diesem Zeitpunkt haben die Kollegen aus Dillingen bereits über Digitalfunk unserem Einsatzleiter bestätigt: Ihre Höhenret-

tungseinheit mit einer Stärke von 1/4 (Einheitenführer plus vier Höhenretter) ist ausgerückt. An der Einsatzstelle erkundet der Einsatzleiter zunächst die Lage und schickt zwei Feuerwehrleute

Unsere

glück auf 2-2018

Geißler: Die Kollegen nehmen die Dinge selbst in die Hand. Sie kommen zu sogenannten Stehungen zusammen, bringen dabei aktuelle Probleme zur Sprache, ordnen die Probleme nach Wichtigkeit und Dringlichkeit, beraten sich und beschließen dann erste Gegenmaßnahmen. Was in aller Welt sind „Stehungen“? Geißler: Jedes Kind braucht eben einen Namen. „Stehung“ bedeutet ganz einfach: Die Kollegen sitzen bei dieser Besprechung nicht irgendwo am Konferenztisch. Die Kollegen stehen in der Produktion gemeinsam an einer Tafel, einer sogenannten KVP-Tafel, auf der man die Ergebnisse und Vereinbarungen des Treffens festhält. Dazu gehören auch die Maßnahmen, die umgesetzt werden sollen, um die diskutierten Probleme zu lösen. Und wer kümmert sich um die Umsetzung? Geißler: Die Mitglieder der Stehung. Sie übernehmen die Verantwortung dafür, dass die Maßnahme umgesetzt wird. Sie stimmen sich mit den Kollegen, die die Maßnahme umsetzen sollen, ab. Dazu gehört auch der voraussichtliche Fertigstellungstermin. Umgesetzt wird je nach Problem

Der nächste Schritt Als Nächstes will man in Verbindung mit den KVP-Tafeln ein ShopFloorManagement einführen (Führen auf Produktionsebene.) Ziel ist auch hier: Prozessverbesserung am Ort der Wertschöpfung.

zur Versorgung des Verletzten auf die Plattform. Der hat – so ein Gespräch mit dem vor Ort befindlichen Erhaltungspersonal – vermutlich einen Stromschlag erlitten. Jetzt liegt er in 35 m Höhe bewusstlos auf der Plattform. Nach Rücksprache wird dem Einsatzleiter mitgeteilt, dass alle relevanten Stromleitungen abgeschaltet sind. Nachdem das zweite Fahrzeug eingetroffen ist, werden vier weitere Feuerwehrmänner mit Material hochgeschickt. Sie sollen die Rettung des verletzten Mitarbeiters unterstützen. Die beiden Feuerwehrmänner, die als Erstes auf der Plattform waren, haben den Verletzten erstversorgt und in die stabile Seitenlage verbracht. Sie überwachen weiterhin seinen Zustand. Die vier nachgekommenen Feuerwehrmänner bereiten die Schleifkorbtrage und die Rettungswindel vor. Danach wird der Verletzte gemeinsam in die Schleifkorbtrage umgelagert und dort gesichert.

14.50 Uhr Die alarmierte Einheit der Dillinger Hütte trifft an der Einsatz-

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„Frau Senst (WSK-Geschäftsführung) hat sehr schnell das Potenzial der KVP-Tafeln erkannt. Sie hat den Piloteinsatz in der Schmiede und der Kurbelwellenfertigung beschlossen.

FRANK GEISSLER

im Team, teamübergreifend oder auch mithilfe Externer. Wenn nötig, unterstützt das übergeordnete Lenkungsteam mit Ressourcen oder Entscheidungen. Und wenn die Maßnahme umgesetzt ist? Geißler: Erfolgskontrolle. Die Kollegen beraten bei einer weiteren Stehung, ob die Maßnahme den erhofften Erfolg gebracht hat. Also die Kollegen entscheiden? Geißler: Genau. Das Team der Stehung ist der Boss. Die Kollegen entscheiden, wann welches Problem angegangen wird und wann und ob das Problem gelöst ist. Dabei begrenzt man sich auf wenige Maßnahmen, die umgesetzt werden. Das hält den Prozess übersichtlich und erhöht automatisch die Umsetzungsgeschwindigkeit. Fallen da nicht auch Probleme unter den Tisch? Geißler: Dafür gibt es eine Sammelbox. Dank ordnungsgemäßer Beschriftung der Problemlösungskarten ist die Maßnahmenumsetzung jederzeit für alle Betrachter sehr transparent. Ist ein Problem erfolgreich gelöst, ist Platz für die nächste Maßnahme. Vielen Dank für das Gespräch.

stelle ein. Der Einsatzleiter informiert sie über die Lage.

14.55 Uhr Voll ausgerüstet steigen die Kollegen den Turm zur Plattform hoch. Als sie oben sind, ziehen sich die beiden Trupps von uns zunächst auf die darunterliegende Plattform zurück: Trupp 1 bleibt zur Unterstützung vor Ort; Trupp 2 steigt dann ab. Die Höhenrettungseinheit wählt zwei unterschiedliche Sicherungspunkte und bereitet die Rettungsmaßnahme vor (sogenanntes Aufseilen).

15.08 Uhr Einer der Höhenretter übersteigt mit der Schleifkorbtrage und dem verunglückten Mitarbeiter das Geländer und beginnt mit dem Abseilen.

15.12 Uhr Höhenretter und verunfallter Mitarbeiter werden am Boden in Empfang genommen. Der Verletzte wird dem Rettungsdienst zur medizinischen Versorgung übergeben.

glueckauf-2-2018  

glückauf 2-2018 – die Zeitung für Mitarbeiter der GMH Gruppe.

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