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der erste ton

Yasuhisa Toyota und Christoph Lieben-Seutter

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eine Pauken und Trompe­ ten, kein mächtiger Akkord und auch keine samtige Streicherklangfläche, nein, der allererste richtige Ton, der im Großen Saal der Elbphilharmonie erklingt, ist ein ganz schlichtes »a« der Oboe. Denn auch wenn hier und heute die Akustik des neuen Konzertsaals zum ersten Mal getestet werden soll und die Mischung aus Anspannung, Neugier, banger Erwartung und Hoffnung im NDR Elbphilharmonie Orchester mit Händen zu greifen ist: Erst einmal wird gestimmt. Also, same procedure as every rehearsal. Nicht, dass ein Fehler im Versuchsaufbau das Messergebnis beeinflusst. Und doch: So bewusst hat selten ein Orchester eingestimmt. Wie klingt die Oboe im Raum? Höre ich sie gut? Höre ich mich gut, wenn ich den Ton aufnehme? Wie klingt mein Ton im Raum? Höre ich meinen Sitznachbarn? Habe ich genügend Platz zum Spielen? Sehe ich meinen Stimmführer? Fragen über Fragen. Und dann geht es los.

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ieser Freitag, der 2. September 2016, markiert – man kann es ruhig so pathetisch sagen – den Beginn einer neuen Epoche in Hamburgs Musikgeschichte: Zum ersten Mal musiziert ein Orchester im Großen Saal der Elb­philharmonie. Viele, die an diesem Tag auf der Bühne sitzen, waren schon in den Neunzigerjahren dabei, als die Idee eines neuen Konzerthauses für Hamburg aufkam. Sie haben die Vorstellung des Elbphilharmonie-Entwurfs

2003 verfolgt, die Grundsteinlegung 2007 und den Bau­ fortschritt seither. Nun aber betreten sie zum ersten Mal ohne Baustellenhelm und Sicherheitsschuhe, dafür mit ihren Musikinstrumenten jenen Raum, den der Chef­ dirigent Thomas Hengelbrock bereits ihr »neues Zuhause« nennt. Und auch wenn etliche von ihnen den Saal schon im Rohbau gesehen haben: Wer vom Backstage-Bereich auf die Bühne tritt, die Geige oder Klarinette unterm Arm, bleibt zunächst einmal stehen und staunt. »Wow!« entfährt es so manchem. Denn dieser Saal ist nicht nur ein Konzert-Ort, er ist ein Raumkunstwerk. In der Realität wirkt er noch deutlich beeindruckender als auf den Computer-Ren­ derings oder Fotos: größer, weiter, höher, steiler – aber auch organischer. Die Kombination aus der hellgrauen Wandverkleidung und den hellen Holzböden, aus den fließenden Formen der Ränge und den klaren Linien der Stuhlreihen erinnert an skandinavisches Design. »Wein­ berg-Modell« nennt man die ovale Bauform, die für den Großen Saal der Elbphilharmonie gewählt wurde, und man mag dabei an sanfte Terrassen denken. Tatsächlich hat der Raum eher die Form eines riesigen Tropfens, an dessen tiefstem Punkt die Musiker sitzen. In seiner Spitze aufgehängt ist der Klangreflektor, der zentral über dem Orchester schwebt wie ein gutmütiges Ufo. Ihm kommt – neben der Wandverkleidung – eine entscheidende Rolle in der akustischen Konzeption zu: den aufsteigenden Schall zu brechen und gleichmäßig in den Saal zu reflektieren (mehr dazu auf Seite 28). Um das zu gewährleisten, hat

Elbphilharmonie Magazin | Ausgabe 1  
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