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S chutz vor sexueller

G ewalt

Hintergr端nde - Standards - Gesetzestexte


Impressum Schutz vor sexueller Gewalt, Hintergründe - Standards - Gesetzestexte Herausgeber: Jugendamt der Erzdiözese Bamberg und BDKJ Diözesanverband Bamberg Kleberstraße 28, 96047 Bamberg Tel.: 09 51 / 8 68 80 www.jugend-im-erzbistum.de Layout: P-PR Volker Poerschke Druck: flyeralarm GmbH, Würzburg Auflage: 1000 Stck. Bamberg, 2012

Inhalt 1

Selbstverstaendnis kirchlicher Jugendarbeit

1.1 1.2 1.3

Kirchliche Jugendarbeit ist ein sozialer Lebensort Kirchliche Jugendarbeit handelt aus dem Geist Gottes Kirchliche Jugendarbeit fördert eine ganzheitliche Pädagogik

5 5 5

2 Wissenswertes zu sexueller Gewalt

2.1 2.2 2.3 2.4 2.5

Was ist sexuelle Gewalt bei Kindern und Jugendlichen? Wie kommt sexuelle Gewalt vor? Wo kommt sexuelle Gewalt vor? Wer sind die Opfer? Wer sind die Täterinnen und Täter?

6 6-7 7 8 8-9

3 Ziele zum Schutz vor sexueller Gewalt

3.1 3.2 3.3 3.4 3.5

Ein sicherer Ort für Kinder und Jugendliche sein Nachweislich zum Schutz von Kindern und Jugendlichen handeln Mit klaren Standards für Transparenz sorgen Die Kultur der Grenzachtung stärken Einen fachlichen Umgang mit Nähe und Distanz schaffen

10 10 10 - 11 11 11

4 Wir staerken junge Menschen

4.1 4.2 4.3 4.4 4.5

Verantwortliche in der Bildungsarbeit Gruppenleitungen in der Ausbildung Kinder und Jugendliche in der Gruppenstunde Selbstverpflichtung für hauptberufliche und ehrenamtliche Verantwortliche Standards für Internetauftritte

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5 Wir handeln bei Grenzverletzungen 5.1 5.2 5.3 5.4 5.5 5.6

Gesprächshilfe für den Umgang mit Betroffenen Handlungsleitfaden für den Umgang mit Vermutungen und eindeutigen Fällen sexueller Gewalt Vorgehen bei einer Grenzverletzung Verfahrensregeln für pädagogische und theologische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Jugendamtes der Erzdiözese Bamberg Bundesweite Beratungstellen Kontakte und Beratungsstellen in der Erzdiözese

18 - 19 19 20 20 - 22 23 23 - 26

6 Rechtliche Bestimmungen und Gesetzestexte 6.1 6.2 6.3

Leitlinien für den Umgang mit sexuellem Missbrauch Minderjähriger durch Kleriker, 27 - 31 Ordensangehörige und andere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz Prävention von sexuellem Missbrauch an Minderjährigen im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz 32 - 34 Gesetzestexte 35 - 40

7 Materialtipps

7.1 7.2 7.3

Buchtipps Internettipps Filmtipps

41 42 42


Vorwort Der Jugendplan für die Erzdiözese Bamberg benennt die ganzheitliche Bildung und die Persönlichkeitsentwicklung als wichtige Ziele kirchlicher Kinder- und Jugendarbeit. Kinder und Jugendliche sollen befähigt werden, ihre Persönlichkeit frei und selbstverantwortlich zu entfalten. Dies geschieht vor dem Hintergrund des christlichen Menschenbildes, nach dem jede und jeder ein Ebenbild Gottes ist. Daher besitzt jeder Mensch eine unantastbare Würde. Kinder und Jugendliche sollen Jesus Christus als Halt und Orientierung in ihrer Lebensgestaltung und Persönlichkeitsentfaltung erfahren. So kann ihnen ein Weg gezeigt werden, auf dem sie ihr Leben frei und selbstverantwortlich gestalten und zu einem mündigen christlichen Handeln kommen. Kirchliche Kinder- und Jugendarbeit bietet hierzu sowohl ein soziales Erfahrungsfeld, Orientierung in der Gesellschaft, als auch Raum für die individuelle Suche nach dem Spirituellen. Als Menschen mit Persönlichkeit und Selbstverantwortung gestalten Kinder und Jugendliche Kirche und Gesellschaft mit politischem Engagement verantwortlich mit. Die Grundvoraussetzung für eine gelingende Kinder- und Jugendarbeit sind Offenheit und Vertrauen. Wenn Menschen sich öffnen und Vertrauen wagen, machen sie sich verletzlich. Damit diese Verletzlichkeit nicht von Einzelnen ausgenutzt werden kann, braucht es klare Regeln. Kirchliche Jugendarbeit muss ein sicherer Ort für Kinder und Jugendliche sein. Einen Schritt hin zu mehr Sicherheit hat die Deutsche Bischofskonferenz 2010 mit ihren Leitlinien zur Prävention von sexuellem Missbrauch an Minderjährigen unternommen. Das Jugendamt der Erzdiözese Bamberg sieht vor allem in der Prävention einen wichtigen Schwerpunkt der Kinder- und Jugendarbeit. Mit der vorliegenden Arbeitshilfe wollen wir einen noch stärkeren Beitrag zur Vermeidung, Wahrnehmung und Aufklärung von sexueller Gewalt in allen Ebenen der Jugendarbeit leisten. Die Arbeitshilfe will einen Rahmen bieten, an dem sich alle, die in der kirchlichen Kinder- und Jugendarbeit Verantwortung übernehmen, orientieren. Das gibt Sicherheit in mehrfachem Sinn: Sicherheit für die Kinder und Jugendlichen, Sicherheit für Gruppenleiterinnen und Gruppenleiter und Sicherheit für die hauptberuflichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Jugendarbeit. Diese Arbeitshilfe beruht im Wesentlichen auf der Broschüre „Schutz vor sexueller Gewalt“ der kirchlichen Jugendarbeit in der Erzdiözese Freiburg. Wir danken den Verantwortlichen ganz herzlich für die großartige Unterstützung. Offenheit und Sicherheit, Vertrauen und Schutz – auf diesem Boden kann kirchliche Kinder- und Jugendarbeit und damit Kirche wachsen und gedeihen.

Detlef Pötzl

Klaus Achatzy

Diözesanjugendpfarrer Leiter des Jugendamtes der Erzdiözese Bamberg

Ständiger Vertreter des Leiters des Jugendamtes der Erzdiözese Bamberg

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1 Selbstverstaendnis kirchlicher Jugendarbeit

1.1 Kirchliche Jugendarbeit ist ein sozialer Lebensort Sie eröffnet für Kinder und Jugendliche Räume für Freizeitgestaltung, Persönlichkeitsbildung, politisches Handeln und Glaubenserfahrung. Die persönliche Begegnung ist dabei von zentraler Bedeutung. Kirchliche Jugendarbeit fördert die lebendige Beziehung mit mir selbst, mit anderen und mit Gott. So wie der dreifaltige Gott gelebte Beziehung ist, so verwirklicht sich die Gottesebenbildlichkeit des Menschen vor allem in der lebenserfüllenden Begegnung und Gemeinschaft. Diese personale Begegnung soll in der kirchlichen Jugendarbeit weiterhin vertrauensvoll geschehen. Die vorliegende Informationsbroschüre sensibilisiert für sexuelle Gewalt in sozialen Nahräumen und zeigt Handlungsmöglichkeiten zum Schutz für Kinder und Jugendliche auf.

1.2 Kirchliche Jugendarbeit handelt aus dem Geist Gottes Jugendpastoral bezeichnet den Dienst der Kirche durch junge Menschen, mit ihnen und für sie. In jugendpastoralem Handeln soll der menschengemäße und lebensbejahende Geist Gottes erkennbar sein. Folgende Kriterien für das vom Geist Gottes motivierte Leben und Tun sind entscheidend: Die Achtung vor allem Lebendigen, die Förderung der Freiheit, ein Leben in Beziehung, der Aufbruch aus falscher Sicherheit, die Aufmerksamkeit für Unterdrückung sowie ein Leben in Hoffnung und Fülle. Alle Akteure und Akteurinnen der kirchlichen Jugendarbeit – ganz gleich ob als Ehrenamtliche oder Hauptberufliche – sind beauftragt, diesen Geist in ihrem Handeln erlebbar werden zu lassen. In diesem Sinne stärken die vorliegenden Materialien verantwortliche Leiterinnen und Leiter für eine Haltung, in der Grenzen geschützt und geachtet werden.

1.3 Kirchliche Jugendarbeit fördert eine ganzheitliche Pädagogik Sie trägt dazu bei, dass sich Kinder und Jugendliche ihrer Selbst, ihrer Körperlichkeit, ihrer vielfältigen Gefühle bewusst werden können und dass sie über eine Sprache für die unterschiedlichen sexuellen Themen verfügen. Sexualität ist Bestandteil des Menschen in jeder Lebensphase und sie ist ein Ausdruck der Ebenbildlichkeit Gottes als Mädchen oder Junge, als Mann oder Frau. Damit Kinder und Jugendliche in ihrer jeweiligen Unterschiedlichkeit und Intimität geschützt und gestärkt werden, braucht es in der kirchlichen Jugendarbeit einen respektvollen Umgang mit Nähe und Distanz und einen verantwortlichen Umgang mit Methoden und Spielen. Eine gelungene ganzheitliche Pädagogik bestärkt die eigene Wahrnehmung von Lust und Unlust sowie Nähe- und Distanzbedürfnisse. Sie unterstützt Kinder und Jugendliche darin, mit Verunsicherung und Konfliktsituationen angemessen umzugehen und eine selbstbestimmte Körperlichkeit und Sexualität zu entfalten.

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2 Wissenswertes zu sexueller Gewalt 2.1 Was ist sexuelle Gewalt bei Kindern und Jugendlichen? Sexuelle Gewalt ist eine individuelle, alters- und geschlechtsabhängige Verletzung von Grenzen. Sie meint jede sexuelle Handlung, die an oder vor einem Kind oder einem Schutzbefohlenen vorgenommen wird. Dabei kommt sexuelle Gewalt in vielen Formen und Abstufungen vor, nicht alle beinhalten Körperkontakt. Dazu gehören zum Beispiel sexistische Beschimpfungen, Zeigen von pornographischen Schriften und Filmen oder Fotografieren beim Duschen. Formen mit Körperkontakt reichen vom unangemessenen Umarmen, Küssen und Berühren bis hin zu massiven Formen, die sexuelle Handlungen vor oder an anderen einschließen. Nicht jede sexuelle Gewalterfahrung ist traumatisierend, aber jede Form wird von Betroffenen als Verletzung ihrer Grenzen und als subjektiv belastend oder verstörend empfunden. Die Täterinnen oder Täter missachten den Willen von Kindern und Jugendlichen oder nutzen ihre Macht- oder Autoritätsposition aus. Mit körperlicher Überlegenheit oder emotionaler Abhängigkeit kann unter Druck gesetzt und Vertrauen missbraucht werden. Dabei befriedigen die Täterinnen und Täter ihre Machtbedürfnisse oder ihre Bedürfnisse nach Nähe und Zuwendung auf Kosten des Kindes beziehungsweise der oder des Jugendlichen. Quelle: Bange, Dirk: „Handwörterbuch sexueller Missbrauch“, Hogrefe Verlag, Göttingen 2002.

2.2 Wie kommt sexuelle Gewalt vor? Sexuelle Gewalt schließt nicht automatisch körperliche Gewalt ein. Sie kann in vielen Abstufungen vorkommen. Deshalb wird zum besseren Verständnis im Folgenden zwischen sexueller Grenzverletzung, sexuellem Übergriff und strafrechtlich relevanter Gewalthandlung unterschieden. Eine sexuelle Grenzverletzung geschieht, wenn Personen mit ihrem Verhalten bei Anderen eine Grenze überschreiten. Als Maßstab dienen dafür nicht nur objektive Faktoren, sondern auch das subjektive Erleben der Betroffenen. „Das war doch nur Spaß“ ist kein Freibrief für gedankenloses Verhalten. Wo sich andere bloßgestellt fühlen, hört der Spaß auf und eine Entschuldigung ist angebracht. Im pädagogischen Miteinander einer Gruppe oder auf einer Freizeit lassen sich Grenzüberschreitungen nicht immer vermeiden. Eine unbedachte Bemerkung, grobe Berührung oder ein Spiel, bei dem jemand ausgelacht wird, lässt sich kaum ganz unterbinden. Werden diese aber von den Verantwortlichen nicht erkannt und korrigiert, entwickelt sich schnell eine „Kultur“, die es in Kauf nimmt, dass gezielt beschimpft, gegrabscht oder ausgegrenzt wird. Dann wird „normal“, wogegen sich niemand wehrt. Die Folge ist: Der respektvolle Umgang stumpft ab und Grenzverletzungen nehmen zu. Ein sexueller Übergriff ist dann passiert, wenn Personen grenzverletzendes Verhalten trotz Ermahnung nicht korrigieren, sondern wiederholen.

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Ein übergriffiges Verhalten passiert nicht zufällig und nicht aus Versehen. Vielmehr wird die abwehrende Reaktion Betroffener bewusst missachtet, Kritik von anderen überhört und Verantwortung für das eigene Verhalten abgelehnt. Sexuell übergriffig sind zum Beispiel ständige anzügliche Bemerkungen, Voyeurismus, „lockerer“ Umgang mit Pornographie, wiederholte Missachtung von Schamgrenzen, sexistische (Pfänder-)Spiele oder häufiges Sprechen über sexuelle Intimitäten. Übergriffiges Verhalten ist kein Kavaliersdelikt. Reichen pädagogische Maßnahmen nicht aus, solches Verhalten zu stoppen, droht eine Kindeswohlgefährdung (§ 8a SGB VIII). Davor muss die kirchliche Jugendarbeit auf allen Ebenen Kinder und Jugendliche schützen. Übergriffiges Verhalten kann daher bei Honorarkräften und Hauptberuflichen zur Kündigung oder bei ehrenamtlichen Personen zum Ausschluss aus der Jugendpastoral führen. Eine strafrechtlich relevante Gewalthandlung liegt vor bei Körperverletzung, sexuellem Missbrauch, sexueller Nötigung und Erpressung. Kinder unter 14 Jahren sind vom Gesetz besonders geschützt. Alle sexuellen Handlungen an oder vor Kindern gelten als sexueller Missbrauch und zwar unabhängig von der Einwilligung des Kindes oder der Eltern. Bereits der Versuch ist strafbar (§ 176 StGB). Strafmündig sind alle Jugendlichen ab 14 Jahren. Vom Gesetzgeber geschützt sind Jugendliche bis 18 Jahre vor der Förderung sexueller Handlungen (§ 180 StGB) und Schutzbefohlene vor Missbrauch durch zum Beispiel Gruppenleitungen oder Lagerteamer/innen (§175 StGB). Als Straftat gilt in Deutschland auch jede sexuelle Handlung, die indirekt an Minderjährigen zum Beispiel über Medien wie Internet, Handy oder E-Mail verübt wird. Es ist keineswegs ein Kavaliersdelikt, wenn ein 15-Jähriger im Chat eine Zwölfjährige sexuell belästigt, zu sexuellen Handlungen auffordert oder ihr pornographische Filme via Handy schickt. Quelle: Enders, Ursula: „Differenzierung zwischen Grenzverletzungen, Übergriffen und strafrechtlich relevanten Formen der Gewalt“, Köln 2007. Zum Umgang mit Vermutungen von sexuellen Übergriffen oder strafrechtlichen Gewalthandlungen siehe Kapitel 6. Alle relevanten Gesetzestexte sind in Kapitel 7 zu finden.

2.3 Wo kommt sexuelle Gewalt vor? Sexuelle Gewalt findet zum größten Teil im sozialen Nahraum von Kindern und Jugendlichen statt. Das kann zu Hause, in der Nachbarschaft, auf dem Schulhof, beim Vereinstreffen, in der Jugendgruppe oder auf der Ferienfreizeit sein. Nur in seltenen Fällen sind hier die Täterinnen oder Täter Fremde. Ein schwer eingrenzbarer Nahraum entsteht durch mediale Kommunikation zum Beispiel im Instant Messaging in Chats oder Communities. Hier wird sexuelle Gewalt vor allem von Fremden verübt, die sich als Vertraute ausgeben. Die Jugendarbeit in den Pfarrgemeinden oder Jugendverbänden findet im sozialen Nahraum statt. Eine ihrer Stärken ist, Vertrauen und Gemeinschaft durch persönliche Beziehung zu ermöglichen und Entwicklung durch ganzheitliche Methoden und Spiele anzuregen. Es geht nicht darum, jede körperlich ausgedrückte Zuneigung oder Methode per se unter Verdacht zu stellen oder einen Katalog an Verboten aufzustellen. Vielmehr soll in der kirchlichen Jugendarbeit der Blick dafür geschärft werden, wo auch in ihren Reihen Grenzen verletzt werden. Kinder und Jugendliche sind geschützt, wenn Verantwortliche bei Grenzverletzungen nicht wegschauen, sondern eingreifen und korrigieren. Diese Aufgabe hat die Gruppenleitung für ihre Gruppenstunde, die Freizeitleitung für das Ferienlager, die Ministrantenleitung für die Minirunde und das Schulungsteam auf dem Gruppenleiter-/innenkurs. Verantwortung übernehmen heißt, auf den Umgang untereinander, den Umgang mit Medien sowie auf das eigene Verhalten als Leitung zu achten und zu reflektieren.

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2.4 Wer sind die Opfer? Mädchen und Jungen jeden Alters und jeder Herkunft werden in Deutschland Opfer sexueller Gewalt. Die polizeiliche Kriminalstatistik registriert jährlich bundesweit etwa 15.000 Fälle strafrechtlich relevanter sexueller Gewalthandlungen an Kindern und Jugendlichen. Die Wissenschaft schätzt die Dunkelziffer etwa zwanzigmal höher, so dass man realistischer Weise davon ausgehen muss, dass in Deutschland etwa jedes fünfte Mädchen und jeder zwölfte Junge sexuelle Gewalt in Form von Übergriffen oder strafrechtlichen Gewalthandlungen erlebt. Verantwortlich für sexuelle Gewalt ist allein der Täter oder die Täterin und nicht das Opfer. Der Versuch, Opfer mitverantwortlich zu machen mit Entschuldigungen wie „sie hat sich nicht gewehrt“, „er hat das provoziert“ oder „kein Wunder, wie sie rumläuft“, ist ein weiterer Verrat an betroffenen Kindern und Jugendlichen. Zum Schutz vor sexueller Gewalt gilt es daher, nicht nur Kinder und Jugendliche in ihrer Selbstbestimmung zu stärken, sondern vor allem Leitungen auf allen Ebenen auf ihre Verantwortung aufmerksam zu machen. Sexuelle Gewalt hat für die Opfer psychische, körperliche und soziale Folgen, die sich dauerhaft auswirken können. Weil sie vor allem im sozialen Nahraum und in Abhängigkeitsverhältnissen verübt wird, fühlen sich Kinder und Jugendliche schuldig für das, was ihnen angetan wird. Die Angst, dass niemand ihnen glauben wird, der Eindruck, ihrer Wahrnehmung nicht mehr trauen zu können, das Gefühl, sich schmutzig und verraten zu fühlen, erhöhen den Druck der Geheimhaltung. Als größtes Hindernis Hilfe zu finden, erweist sich oft ein tiefes Schamgefühl. Sexuelle Übergriffe oder Gewalthandlungen betreffen die intimsten Bereiche von Menschen. Über derartige Verletzungen zu sprechen, setzt großes Vertrauen voraus. Quelle: Tschan, Werner: „Missbrauchtes Vertrauen“, Karger Verlag, Basel 2005. Mehr Hintergrundwissen: Bayerischer Jugendring (Hrsg.): „Prävention vor sexueller Gewalt in der Kinder- und Jugendarbeit“, München 2006. Fachliche Hilfe finden Betroffene und Verantwortliche in einer Beratungsstelle im örtlichen Umkreis, siehe auch Ansprechpartner in der Erzdiözese Seiten 23 - 26.

2.5 Wer sind die Täterinnen und Täter? Täterinnen und Täter kommen aus allen sozialen Schichten und aus allen Altersgruppen. Sie sind den Opfern in den meisten Fällen bekannt. Drei Viertel der sexuellen Übergriffe und strafrechtlich relevanten Gewalthandlungen werden von Männern und ein Viertel von Frauen verübt. Niemand kann aus Versehen ein Mädchen

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oder einen Jungen sexuell missbrauchen. Täterinnen und Täter missbrauchen in der Regel nicht nur ein Opfer, sondern verüben Wiederholungstaten an mehreren Opfern gleichzeitig oder wiederkehrend über einen längeren Zeitraum. Einzeltaten sind die Ausnahme. Laut polizeilicher Kriminalstatistik wird ein Drittel aller sexuellen Straftaten von Jugendlichen unter 18 Jahren verübt. Täter-/innenstudien zeigen, dass Täter-/innenkarrieren bereits im Jugendalter beginnen. Deshalb ist übergriffiges und wiederholt grenzverletzendes Verhalten von Kindern nichts, was sich auswächst und gehört bei Jugendlichen nicht zur pubertären Phase, die vorbei geht. Vielmehr bedarf solches Verhalten auch in der kirchlichen Jugendarbeit klarer Reaktionen und ernsthafter Konsequenzen. Die Realität ist, dass in den eigenen Reihen Kinder und Jugendliche nicht nur Opfer, sondern auch Täterinnen und Täter werden können. Zu einem umfassenden Schutz vor sexueller Gewalt gehört daher, Täter-/innenkarrieren vorzubeugen und zu unterbrechen. Täterinnen und Täter verfolgen ihre eigene gezielte Strategie. Sie suchen die Nähe zu Kindern und Jugendlichen durch ihr ehrenamtliches Engagement oder ihre berufliche Tätigkeit. Sie zeigen sich nett, kreativ, sozial angepasst, zurückhaltend oder locker jugendlich. Sexuelle Gewalt findet nicht zufällig als Ausrutscher oder Kavaliersdelikt statt. Täterinnen und Täter testen gezielt durch grenzverletzendes Verhalten, manipulieren ihre Opfer und täuschen ihr Umfeld. Es gibt keine typische Täter-/innenpersönlichkeit. Was sie verbindet, ist die Verleugnung, Verharmlosung, Schuldverschiebung und Wahrnehmungsverzerrung in Bezug auf ihr eigenes Handeln zu Lasten der Opfer und des Umfeldes. Sie halten sich daher mit Vorliebe in Institutionen oder Organisationen auf, in denen diffuse Regeln oder Standards gelten. Wo wenig fachlich reflektiert und besprochen wird, kann vieles nach persönlichem Ermessen geregelt werden. Das macht es für Täterinnen und Täter einfacher, Grenzen zu überschreiten, eigene Absichten zu verschleiern und Abhängigkeiten auszunutzen. Das trifft auch auf Gruppen oder Organisationen zu, in denen Regeln und Grenzen autoritär von Einzelnen aufgestellt werden. Mangelnde Transparenz und Beteiligung leistet Täterinnen und Tätern Vorschub. Quelle: Enders, Ursula: „Zart war ich, bitter war‘s, Handbuch gegen sexuellen Missbrauch“, KiWi Verlag, Köln 2003.

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3 Ziele zum Schutz vor sexueller Gewalt

3.1 Ein sicherer Ort für Kinder und Jugendliche sein Zu den Stärken der kirchlichen Jugendarbeit zählt das personale Angebot. Kinder und Jugendliche werden in der Gruppe ganzheitlich gefördert und gefordert. Sie erleben Gemeinschaft und gestalten ihre Freizeit unter anderem im Jugendverband, bei den Ministrant/inn/en, im Jugendchor oder auf dem Ferienlager. Dabei folgt kirchliche Jugendarbeit dem Grundprinzip der Selbstorganisation und setzt auf Beteiligung. Kreative Methoden, Erlebnisräume und Persönlichkeitsorientierung gehören in großer Vielfalt zum Jugendarbeitsalltag. Ein kleinliches Regelwerk und Misstrauen tragen nicht zur Sicherheit bei, sondern verunsichern und beschädigen persönliche Beziehung. Sicherheit gewinnt, wer auf seine Stärken setzt. Für die kirchliche Jugendarbeit heißt das, Verantwortliche in Pfarrgemeinden, Gruppenleitungen und Schulungsteams und Dekanatsjugendbüros für eine Kultur der Grenzachtung zu sensibilisieren.

3.2 Nachweislich zum Schutz von Kindern und Jugendlichen handeln Der Gesetzgeber hat allen Trägern von Jugendarbeit den Auftrag erteilt, Kinder und Jugendliche vor Gefährdungen zu schützen (§§ 8a, 72a SGB VIII). Werden Gruppenleitungen gewichtige Anhaltspunkte für die Gefährdung des Wohls eines Kindes oder Jugendlichen bekannt, dürfen sie nicht darüber hinwegsehen. Neben der Vermutung von sexueller und körperliche Gewalt können Zeichen der Verwahrlosung, Unterernährung, Gebrauch von Alkohol und Drogen oder gewalttätiges Verhalten solche Anhaltspunkte sein. In diesen Fällen wenden sich Gruppenleitungen mit ihren Beobachtungen an die Mitarbeiter/innen in den Dekanatsstellen des Jugendamtes, um sich beraten zu lassen. Die Aufgabe ist in solchen Fällen nicht, selbst detektivisch tätig zu werden oder zu glauben, man sei für eine Besserung der Situation verantwortlich. Hierfür gibt es professionelle Stellen, die helfen können, und die letzte Verantwortung liegt beim staatlichen Jugendamt. Zum Umgang mit Vermutungen von sexuellen Übergriffen oder strafrechtlichen Gewalthandlungen siehe Kapitel 6.

3.3 Mit klaren Standards für Transparenz sorgen Das bietet Sicherheit und wirkt nach innen in die Jugendgruppen und nach außen auf Eltern, Erwachsene in der Pfarrgemeinde und andere. Die Täter-/innenforschung zeigt, dass so aktiv Täter-/innenprävention gelingt. Der Schutz vor

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sexueller Gewalt wird in jeder Gruppenleiter-/innenausbildung thematisiert. So werden zukünftige Leiterinnen und Leiter sensibilisiert, informiert und mit pädagogischem Handwerkszeug unterstützt. Mit der Einführung einer Selbstverpflichtung ergreifen haupt- und ehrenamtlich Verantwortliche Partei und beziehen Position. Mit der Einführung von Standards für eigene Internetauftritte wird der Missbrauch durch Dritte eingedämmt.

3.4 Die Kultur der Grenzachtung stärken Verantwortliche Leitungen sollen in ihrem Jugendarbeitsalltag Grenzverletzungen wahrnehmen und souverän korrigieren können. Das erfordert Sensibilisierung und betrifft jegliche Form von Grenzachtung, nicht nur in sexueller Hinsicht. In einer Kultur der Grenzachtung nehmen Verantwortliche nicht reaktionslos hin, dass gemobbt, geschlagen, ausgegrenzt, gehänselt, beschimpft, verängstigt und eingeschüchtert wird. Eine Kultur der Grenzachtung stärkt nicht nur Leitungen in ihrer Verantwortung, sondern auch Kinder und Jugendliche in ihrer Selbstleitung. Sie dient nicht nur dem Schutz vor sexueller Gewalt, sondern ist ein Beitrag zu einer friedvolleren Welt.

3.5 Einen fachlichen Umgang mit Nähe und Distanz schaffen Die Wahrnehmung von Grenzen und ihre Verletzung wird subjektiv empfunden und kann persönlich unterschiedlich erlebt werden. Damit dies nicht dazu führt, dass Beliebigkeit siegt oder Betroffene sprachlos zurückbleiben, ist die Auseinandersetzung mit Nähe und Distanz für Leitungen und für Kinder und Jugendliche unumgänglich. Gebräuche und Situationen sind zu hinterfragen und zu prüfen: Wann ist es sinnvoll, dass Gruppenleitungen bei ihren Kindern im Zelt übernachten und wann nicht? Welche Rituale und Gepflogenheiten sind bei Lagerüberfällen erwünscht und welche werden unterbunden? Wie wird die Intimsphäre von Kindern und Jugendlichen in Waschräumen gewahrt? Diese Fragen mit „das war schon immer so“ zu beantworten, ist nicht ausreichend. Quelle: Enders, Ursula: „Institutionelle Strukturen und Täterstrategien in Institutionen“, Köln 2007.

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4 Wir staerken junge Menschen

Das Wort Prävention bedeutet zuvorkommen oder verhüten und bezeichnet Maßnahmen, die ein unerwünschtes Ergebnis abwenden. Zum Schutz vor sexueller Gewalt in der Kinder- und Jugendarbeit gilt der Grundsatz: Prävention muss stark machen. Dabei dürfen Jugendverbände und andere Gruppierungen in der kirchlichen Jugendarbeit selbstbewusst an ihre bestehenden Konzepte und Standards in der Bildungsarbeit anknüpfen.

4.1 Verantwortliche in der Bildungsarbeit Hauptberufliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Honorarkräfte und Schulungsteams brauchen Sensibilität, um sexuelle Grenzverletzungen und Übergriffe zu erkennen und Stärke, um erzieherisch dagegen vorzugehen. Es ist die Aufgabe der Erwachsenen, Kinder und Jugendliche vor sexueller Gewalt zu schützen. Das gelingt, wenn sie selbst eine Kultur der Grenzachtung vorleben und ihr eigenes Handeln darauf hin reflektieren. Eine Schulung für Kursteams, Freizeitleitungen und Verantwortliche bieten die Dekanatsstellen des Jugendamtes bzw. die zuständigen Fachstellen der Jugendverbände an.

4.2 Gruppenleitungen in der Ausbildung Alle Leiterinnen und Leiter in der kirchlichen Jugendarbeit sollten eine Gruppenleiter-/innenausbildung vorweisen können. Hier werden die mindestens 16-Jährigen mit allen pädagogischen und methodischen Handwerkszeugen aus-

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gestattet und in ihrer Rolle gestärkt. Im Rahmen dieser Ausbildung wird über den Schutzauftrag informiert, für eine Kultur der Grenzachtung sensibilisiert und in die Selbstverpflichtung eingeführt.

4.3 Kinder und Jugendliche in der Gruppenstunde Kinder und Jugendliche werden in den Gruppen und Verbänden nicht nur durch punktuelle Ereignisse oder Themen gestärkt. Alle altersgerechten Spiele und Methoden, die das Ziel haben, die Person zu stärken und einen respektvollen Umgang mit sich selbst und mit anderen zu fördern, sind ein Beitrag zum Schutz vor Gewalt. Mit dieser Haltung leisten Gruppenleiterinnen und Gruppenleiter bereits ganz alltäglich einen wichtigen Beitrag.

4.4 Selbstverpflichtung für hauptberufliche und ehrenamtliche Verantwortliche Mit der Selbstverpflichtung werden Verantwortliche in ihrer Rolle und Haltung gestärkt. Die eigene Unterschrift verpflichtet dazu, Vertrauen zum Schaden von Kindern und Jugendlichen nicht auszunutzen, sondern aktiv für eine Kultur der Grenzachtung einzustehen. Die Selbstverpflichtung soll von allen Personen, die Verantwortung in der Kinder- und Jugendarbeit übernehmen, unterzeichnet und gelebt werden. Das unterschriebene Exemplar verbleibt bei den Unterzeichnenden.

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Verhaltenskodex mit Selbstverpflichtungserklärung für Geistliche, Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen und Ehrenamtliche in kirchlichen Einrichtungen

Nachname, Vorname

Geburtsdatum

Die katholische Kirche will Mädchen und Jungen, jungen Frauen und Männern Lebensräume bieten, in denen sie ihre Persönlichkeit, ihre Fähigkeiten und Begabungen entfalten können. Dies sollen geschützte Orte sein, in denen junge Menschen sich angenommen und sicher fühlen. Kinder und Jugendliche brauchen und finden Vorbilder, die sie als eigenständige Persönlichkeiten respektieren und unterstützen und denen sie vertrauen können. Die Verantwortung für den Schutz von Mädchen und Jungen, jungen Frauen und Männern, liegt bei den ehrenamtlichen und haupt- und nebenberuflichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Gesamtfeld der kirchlichen Arbeit im kinder- und jugendnahen Bereich. Diese sind zu einem reflektierten Umgang mit ihren Schutzbefohlenen und zur zeitnahen und angemessenen Thematisierung von Grenzverletzungen verpflichtet, die durch ihre Kolleginnen und Kollegen oder durch die ihnen anvertrauten Mädchen und Jungen, jungen Frauen und Männern begangen worden sind, und wenn sie Kenntnis von Grenzverletzungen im außerkirchlichen Bereich an den ihnen anvertrauten jungen Menschen erlangt haben. Dies wird durch die Unterzeichnung dieser Selbstverpflichtungserklärung bekräftigt. Ich verpflichte mich, alles in meinen Kräften stehende zu tun, dass niemand den mir anvertrauten Mädchen und Jungen, jungen Frauen und Männern seelische, körperliche oder sexualisierte Gewalt antut. 1. Ich unterstützte Mädchen und Jungen, junge Frauen und Männer in ihrer Entwicklung zu eigenverantwortlichen, glaubens- und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeiten. Ich stärke sie, für ihr Recht auf seelische und körperliche Unversehrtheit und für ihr Recht auf Hilfe wirksam einzutreten. 2. Meine Arbeit mit den mir anvertrauten Mädchen und Jungen, jungen Frauen und Männern, ist geprägt von Wertschätzung und Vertrauen. Ich achte ihre Rechte und ihre Würde. Ich bin mir meiner besonderen Vertrauens- und Autoritätsstellung gegenüber den mir anvertrauten Mädchen und Jungen, jungen Frauen und Männern bewusst und handele nachvollziehbar und ehrlich. Ich nutze keine Abhängigkeiten aus. 3. Ich gehe achtsam und verantwortungsbewusst mit Nähe und Distanz um. Ich respektiere die Intimsphäre und die persönlichen Grenzen der Scham der mir anvertrauten Mädchen und Jungen, jungen Frauen und Männer und meine eigenen Grenzen. Ich setze mich aktiv und auf allen Ebenen für eine Kultur der Grenzachtung ein. Dies befolge ich auch im Umgang mit den Medien, insbesondere bei der Nutzung von Handy und Internet. 4. Ich bemühe mich, jede Form persönlicher Grenzverletzung bewusst wahrzunehmen. Ich beziehe gegen diskriminierendes, gewalttätiges und sexistisches Verhalten, ob in Wort oder Tat, aktiv Stellung. Im Falle des Verdachts eines gewalttätigen oder sexuell übergriffigen Verhaltens setze ich mich für die notwendigen und angemessenen Maßnahmen zum Schutz der Kinder und Jugendlichen ein. Dazu ziehe ich auch fachliche (professionelle) Unterstützung und Hilfe hinzu und informiere die Verantwortlichen auf der Leitungsebene. Der Schutz der Kinder und Jugendlichen steht dabei an erster Stelle. 5. Ich kenne die Verfahrenswege und die entsprechenden (Erst-)Ansprechpartner/innen für das Erzbistum Bamberg, meinen Verband oder meinen Träger. Ich weiß, wo ich mich beraten lassen kann oder bei Bedarf Hilfe zur Klärung und Unterstützung bekomme und werde sie in Anspruch nehmen. Ein entsprechendes Informationsblatt habe ich erhalten.

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Ort, Datum

Unterschrift


4.5 Standards für Internetauftritte (1) Persönliche Daten nicht ins Internet stellen

PRAXISTIPP

Angenommen, Sophie würde auf der Straße von einem Fremden nach ihrer Adresse, Telefonnummer und Geburtsdatum gefragt. Würde sie ihm das sagen? Hoffentlich nicht! Das Internet ist ein vergleichbar öffentlicher Bereich, deshalb gilt: Persönliche Daten haben im Internet (z. B. im SchülerVZ) nichts verloren. Private Anschrift, E-Mail-Adressen und Handynummern von Gruppenkindern und Gruppenleitungen dürfen nicht zugänglich sein. Außerdem raten wir dazu, auf der Homepage keine vollständigen Namen von Minderjährigen zu veröffentlichen oder Fotos einzustellen, die namentlich zugeordnet werden können.

• Eine eigene E-Mail-Adresse über die Domain/Webprovider anlegen und dafür nur Vornamen oder Funktionen (pfarrjugendleiter@st-nikolaus-hinterdupfingen.de) verwenden. So werden keine persönlichen Daten oder privaten Mail-Adressen preisgegeben.

(2) Einen internen Bereich auf der Homepage anlegen

PRAXISTIPP

Homepages sind eine gute Möglichkeit, um miteinander in Kontakt zu bleiben und Informationen auszutauschen. Aber nicht alles braucht für Fremde sichtbar und zugänglich sein. Ein interner Bereich mit Passwortschutz hilft, Daten von der eigenen Homepage sicher unter Verschluss zu halten.

(3) Forum und Gästebuch kontrollieren Foren und Gästebücher sind eine beliebte Form, sich im Internet zu Themen auszutauschen und sich Grüße zu übermitteln. Aber Vorsicht: HomepageBetreiber sind für die Inhalte der Foren verantwortlich.

• Für fremde Besucher/innen der Homepage sind vollständige Namen nicht wichtig – und für den Kontakt untereinander reichen Vornamen völlig aus. • Adresslisten, Minipläne, persönliche Daten gehören in einen internen Bereich, zu dem nur Mitglieder aus der eigenen Gruppe Zugang haben.

• Einen geschützten Bereich anlegen, zu dem nur Mitglieder mit einem Passwort aus der eigenen Jugendarbeit Zugang haben. Die Administratoren/innen der Homepage haben so volle Kontrolle über die Besucher/innen dieses Homepage-Bereichs und persönliche Daten können nicht in falsche Hände geraten.

PRAXISTIPP • Jede Homepage braucht eine verantwortliche Person, die regelmäßig Einträge in Forum und Gästebuch durchlesen und gegebenenfalls löschen kann. • Unter Einstellungen im Forum eine E-Mail-Adresse eintragen. Dann werden neue Einträge automatisch als Kopie an die Verantwortlichen weitergeleitet. Alternativ können Verantwortliche vorab über neue Einträge informiert werden und diese dann freischalten. Das erspart lästiges Suchen auf der Homepage und man findet gleich, was im Forum nichts zu suchen hat.

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(4) Klare Regeln für den Chat aufstellen

PRAXISTIPP

Chatten ist eine der beliebtesten Beschäftigungen im Internet. Allerdings lauern dort auch die meisten Gefahren: Denn nicht jede und jeder im Chat ist die Person, die er vorgibt zu sein. Im Chat kann man netter erscheinen, als man in Wirklichkeit ist.

• Wer einen Chatraum auf der Homepage eröffnet, muss gewährleisten, dass dieser von einer Moderation oder einem Lotsen betreut wird, sobald er öffentlich zugänglich ist. • Zugang zum Chat sollten nur Personen bekommen, die bekannt sind oder deren persönliche Anmeldung mit Hinweis auf die Chatregeln eingegangen ist. • Für User ist bei der Auswahl des Nicknames zu bedenken, welche Reaktionen dadurch ausgelöst werden könnten. In öffentlichen Chaträumen sind häufig Personen unterwegs, die sich durch Namen wie „Sexymaus14“ oder „SuesseCaro16“ animiert fühlen, über Themen zu chatten, die bei der Auswahl des Nicknames gar nicht im Sinn waren. • Im „realen“ Leben würde es niemand im Traum einfallen, mit wildfremden Menschen über alle Themen zu reden. Dies gilt auch im Chat. Ich entscheide, über was ich reden und was ich mitteilen möchte. Sobald mir etwas merkwürdig vorkommt, beende ich die Unterhaltung oder wende mich an einen Lotsen/Moderator. Keine falsche Höflichkeit: Keine und Keiner muss auf alles reagieren, auf das er oder sie angesprochen wird. • Wer ins Internet geht, sollte sich vorher Gedanken machen, wie das Surfen und Chatten ohne Risiko gelingen kann.

(5) Regeln für Fotos und Filme im Internet beachten

PRAXISTIPP

Nichts macht eine Homepage interessanter als gute Fotos. Fotos sind bunt, ansprechend und zeigen: Bei uns geht es um Menschen. Doch Achtung: Beim Einstellen von Fotos ins Internet muss einiges beachtet werden, denn Fotos betreffen die Persönlichkeitsrechte und dürfen nur unter bestimmten Bedingungen veröffentlicht werden.

• Porträtfotos mit einzelnen Personen oder kleinen Gruppen, bei denen die Darstellung der Personen im Mittelpunkt steht, dürfen nur mit Einverständnis derjenigen, die abgebildet sind, ins Netz gestellt werden. Bei Minderjährigen ist dafür die Einverständniserklärung der Erziehungsberechtigten nötig. Hilfreich ist ein Zusatz auf dem Anmeldeformular für Freizeiten oder Aktionen. Dieser kann folgendermaßen lauten: „Ich bin damit einverstanden, dass Fotos von meinem Sohn/meiner Tochter, die auf dem Ferienlager gemacht werden, auf der Homepage gezeigt werden.“ Diese Einverständniserklärung ist nicht als Freischein zu verstehen, so müssen nachträgliche Bitten um Entfernung einzelner Bilder respektiert werden. • Zulässig ohne Einverständniserklärung sind Fotos, auf denen einzelne Personen nicht klar erkennbar sind, und Gruppenbilder ohne Namenszuordnung. Bevor die Fotos auf die Homepage kommen, sollten sie verkleinert werden. Erstens spart das Speicherplatz und zweitens nimmt das Fremden die Möglichkeit, Fotos herunterzuladen und missbräuchlich im Netz zu verarbeiten.

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• Fotos von Personen unter 18 Jahren dürfen im Netz nicht durch eine Bildunterschrift einem Namen zugeordnet werden. Dies ist eine Faustregel, um Kinder und Jugendliche im Internet zu schützen.


• Selbst wenn die Website vom Netz genommen oder ein Bild gelöscht wird, ist damit nicht gesagt, dass das Material nicht schon über Tauschbörsen oder auf Homepages wie YouTube oder FlickR weiterverwertet wird. Auch wenn es nur als Spaß gemeint war: Fotos oder Videos, auf denen Personen in peinlichen oder intimen Situationen zu sehen sind, dürfen nicht ins Netz. • Heimliche Foto- oder Filmaufnahmen sind verboten. Vor Aktionen und Ferienlagern sollte der Umgang mit Handy und Foto mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern geklärt werden. Für die Ferienfreizeit kann zum Beispiel ein Reporterteam ins Leben gerufen werden, das für alle stellvertretend mit der Berichterstattung beauftragt wird. Hilfreich ist die Vereinbarung, dass Fotos von Projekten und Aktionen nur vom Veranstalter/in und nicht von Teilnehmenden im Internet veröffentlicht werden. • Sollen Fotogalerien auch von jedem und jeder Fremden angesehen werden? Oder nur von Freunden/innen, Gruppenkindern, Eltern? Wenn ja, dann ist es besser, die Galerie in den internen Bereich der Homepage zu stellen.

(6) Rechtliche Grundlagen im Internet berücksichtigen Wer eine Homepage ins Internet stellt, ist als Eigentümer für deren Inhalte verantwortlich. Doch diese Verantwortung beschränkt sich nicht nur auf die Inhalte, die selbst ins Netz gestellt wurden, sondern auch für Links auf andere Homepages ebenso wie für Beiträge in Diskussionsforen und Gästebüchern. Manches, was auf einer Homepage nichts zu suchen hat, ist leicht zu erkennen und einzuordnen: Alles, was andere beleidigt, bloßstellt oder ihnen etwas unterstellt, ist gesetzeswidrig und hat nichts auf einer Webseite verloren. Gleiches gilt für rassistische und pornographische Inhalte sowie für Urheberrechtsverletzungen zum Beispiel Liedtexte.

PRAXISTIPP • Informieren, welche Elemente im Internet frei veröffentlicht werden dürfen, zum Beispiel Hintergrundmusik auf einer Seite. Foren, Gästebücher und alle Bereiche, in denen Fremde Inhalte auf die Seite einstellen können, müssen regelmäßig kontrolliert werden. Eine Mailbenachrichtigung, wenn sich jemand im Gästebuch eingetragen hat, kann helfen, den Überblick zu behalten. • Wie auch für Texte, gilt für Fotos, Videos, Grafiken ein Urheberrecht. Bilder, die nicht selbst fotografiert wurden, „gehören“ dem eigentlichen Fotografen/innen und dürfen nur mit dessen Zustimmung veröffentlicht werden. Für eigene Fotos empfiehlt sich in jedem Fall eine Bildunterschrift mit Angabe des/der Fotografen/in. Fotos mit Bildunterschriften dürfen von Fremden nicht weiter verwendet werden. • Manche Homepage-Anbieter stellen Werbung auf Homepages. Damit ist zwar die Miete der eigenen Domain günstiger, allerdings ist hier Vorsicht geboten, denn man hat kaum Einfluss, welche Werbung eingeblendet wird. Google-Anzeigen versuchen beispielsweise über die Textinhalte der Homepage entsprechende Werbung auszuwählen. Diese Auswahl kann auch irrtümliche oder zweideutige Werbung einblenden, die nicht zur eigenen Seite passen. Am besten ist es daher, diese HomepageAnbieter zu meiden. • Links nur empfehlen, wenn man selbst einen guten Eindruck von den Homepageseiten gewonnen hat. In jedem Fall aber mit einem Disclaimer von den Inhalten der Seiten distanzieren, denn diese können sich jederzeit ändern.

Mehr Tipps zum sicheren Chatten und zum Umgang mit dem Internet gibt es auf www.klicksafe.de auch als Download. Viele Infos zum Umgang mit neuen Medien hält www.jugendschutz.net bereit. Hintergrundwissen und Materialien bietet die Beratungsstelle www.zartbitter.de zu Gewalt in neuen Medien.

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5 Wir handeln bei Grenzverletzungen Gruppenleiterinnen und Gruppenleiter oder Hauptamtliche in der kirchlichen Jugendarbeit sind sehr häufig Vertrauenspersonen von Mädchen und Jungen. Opfer von Grenzverletzungen, Übergriffen und strafrechtlichen Formen sexuellen Missbrauchs geben ihnen oftmals verdeckte oder offene Hinweise auf ihre belastenden Erfahrungen. Manchmal werden Gruppenleitungen oder Hauptamtliche Zeuge/in von Grenzverletzungen oder die Freundinnen und Freunde eines (möglichen) Opfers vertrauen sich ihnen an. Jetzt gilt es besonnen zu reagieren und auf den Schutz von Kindern und Jugendlichen zu achten. Erfährt man von sexuellen Grenzverletzungen oder massiveren Formen sexueller Gewalt, so reagieren die meisten Menschen mit Unsicherheit, Wut oder Entsetzen. Einige können selbst eindeutige Hinweise auf Gewalt nicht glauben und stellen Aussagen des Opfers oder von Tatzeugen/in entsprechend dem Motto „Das kann doch nicht wahr sein“ in Zweifel. Andere verfallen in Aktionismus und überfordern damit sich selbst und die betroffenen Mädchen und Jungen. Die folgenden Tipps dieses Kapitels helfen, im Falle der Vermutung oder in eindeutigen Fällen sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche, besonnen und im Interesse der (möglichen) Opfer zu reagieren.

5.1 Gesprächshilfe für den Umgang mit Betroffenen Die Gesprächshilfe unterstützt Gruppenleitende und Hauptberufliche bei der herausfordernden Aufgabe, ein Gespräch mit einem (möglichen) Opfer zu führen. Auf Grund der besseren Lesbarkeit wird an dieser Stelle die Du-Form verwendet. • Wie reagierst du, wenn ein Mädchen oder ein Junge sich dir anvertraut? • Ruhe bewahren, nichts überstürzen! Allzu heftige und unüberlegte Reaktionen belasten betroffene Kinder und Jugendliche. Viele Opfer sind sehr erleichtert, wenn sie zum ersten Mal eine Person treffen, die die Hinweise auf die sexuellen Übergriffe versteht und sie ernst nimmt. Für dich hingegen kann diese Information sehr belastend sein. • Höre dem Mädchen/Jungen offen zu. Signalisiere, dass es o.k. ist, über die Erfahrungen zu sprechen, aber frage das Opfer nicht aus. Oftmals sind betroffene Kinder und Jugendliche so froh, dass ihnen endlich jemand zuhört und sie den Mut finden über ihre Erfahrungen zu sprechen, dass sie am Anfang sehr viele Details berichten. Achte deshalb darauf, wie lange du gut zuhören kannst und im Gespräch offen bist. Merkst du im Gespräch, dass es dir zu viel wird, so biete dem Opfer an, mit ihm gemeinsam jemanden zu suchen, der schon öfters betroffenen Jungen und Mädchen geholfen hat. Die meisten betroffenen Kinder und Jugendlichen reagieren darauf mit großer Erleichterung. • Lobe das Kind/den/die Jugendliche/n, weil es/sie/er den Mut hat, über die belastenden Erfahrungen zu sprechen. • Offene und in einem ruhigen Tonfall gestellte Fragen sind hilfreich: „Wie ging es weiter? ... Und dann?“ Gebe jedoch in deine Fragestellungen keine Handlungen vor. Suggestivfragen wie „Hat er dich im Genitalbereich angefasst?“ können die Aussage eines Kindes verfälschen.

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• Nimm die Person mit dem was sie erzählt ernst, und werte die Aussagen nicht mit Bemerkungen wie „War ja nicht so schlimm!“ oder „Vielleicht war es ja nicht so gemeint“ ab. • Akzeptiere es, wenn das Mädchen/der Junge nicht weitersprechen will! • Überfordere das Kind/den Jugendlichen nicht mit allzu starken Gefühlsreaktionen. Opfer verstummen oftmals, wenn sie mitbekommen, dass sie die Gesprächspartnerin/den Gesprächspartner belasten. Reagiere ruhig und wertschätzend und kommentiere die Aussagen des Kindes mit klaren und sachlichen Bewertungen: „Das war absolut nicht in Ordnung! … So etwas darf niemand mit Kindern machen! … Das war gemein! …“ • Erscheinen einzelne Details der Aussagen des Mädchens/Jungen zunächst unlogisch, so lass sie einfach stehen und stelle diese in dem Gespräch nicht in Frage. Oft stellt sich später heraus, dass die Kernaussagen dennoch korrekt sind. • Wenn ein Opfer zu sehr von Gefühlen der Vergangenheit überflutet wird und den Kontakt zu dir verliert, unterbrich das Gespräch und schlage eine Pause vor (zum Beispiel einen Spaziergang oder Themenwechsel). Es tut Betroffenen nicht gut, auf eine extreme Art und Weise wieder in die alten Gefühle hineinzurutschen. • Versprich dem Kind/der/dem Jugendlichen nichts, was du nicht halten kannst. • Hilfe holen ist kein Verrat! Gib dem Mädchen/Jungen die Zusicherung, dass du es/ihn über alle weiteren Schritte informierst und dich zunächst einmal über Möglichkeiten der Hilfe erkundigst. • Biete an, gemeinsam zu einer unabhängigen Beratungsstelle zu gehen, oder dass du dich bei den Ansprechpersonen im Jugendamt der Erzdiözese bzw. der Beauftragten der Erzdiözese erkundigst, welche weiteren Möglichkeiten der Hilfe es gibt. • Notiere das Gespräch möglichst wortgenau. Details und konkrete Formulierungen können wichtig sein. (Ort, Datum, Wer war beteiligt? Was wurde gesagt? Was ist genau passiert?) • Konfrontiere in keinem Fall die beschuldigte Person. Es besteht sonst die Gefahr, dass das Mädchen/der Junge zusätzlich unter Druck gerät und erpresst wird.

5.2 Handlungsleitfaden für den Umgang mit Vermutungen und eindeutigen Fällen sexueller Gewalt Wenn du ein solches Gespräch geführt hast oder eigene Beobachtungen gemacht hast, die dich vermuten lassen, dass sich jemand grenzverletzend oder übergriffig verhalten hat, solltest du dir Hilfe holen. Folgende Schritte können dir eine Orientierung geben: • Ruhe bewahren, besonnen handeln! • Suche dir einen Menschen, mit dem du darüber sprechen kannst, wie es dir jetzt geht. Dies sollte eine Person sein, die ruhig und sachlich reagiert, vertraulich mit Informationen umgehen kann und zuverlässig ist. Welche Personen kennst du, die dich und das Opfer unterstützen könnten? (zum Beispiel: Freund/in, Eltern, Jugendreferent/in, Nachbarn, Gemeinde- oder Pastoralreferent/in, Lehrer/in, Priester ...) • Vereinbare einen Gesprächstermin, der sicherstellt, dass ihr in Ruhe und mit ausreichend Zeit miteinander reden könnt. • Hilfreich ist es, wenn die Gesprächspartnerin/der Gesprächspartner so genannte W-Fragen stellt (zum Beispiel: Was? Wann? Wo? Wer? ...) • Du kannst dich an eine unabhängige Beratungsstelle wenden und dich dort auch anonym über Möglichkeiten der Hilfe für das (mögliche) Opfer und dich beraten lassen. • Wenn du dir unsicher bist, ob deine Vermutung berechtigt ist oder nicht, dann können Beratungsstellen dir auch helfen, deine Beobachtungen zu sortieren. Man sollte niemandem unberechtigt einen sexuellen Missbrauch unterstellen.

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5.3 Vorgehen bei einer Grenzverletzung Eine Grenzverletzung ist ein fachliches Fehlverhalten, das nicht gezielt auf geplanten Missbrauch gerichtet ist. Es geschieht aus mangelnder Erfahrung, aus fehlender Fachkenntnis oder auch falscher Wahrnehmung. • Bist du dir sicher, dass es sich um eine Grenzverletzung handelt, wie sie oben beschrieben steht (vgl. auch Seite 6 dieser Broschüre), solltest du, zusammen mit einer verantwortlichen Person (Leiter/in des Zeltlagers, Leiter der Seelsorgeeinheit, andere Gruppenleitungen, Gemeinde- oder Pastoralreferent/in), das Verhalten mit der beschuldigten Person reflektieren und eine Vereinbarung über eine Verhaltensänderung treffen. • Solltest du dir jedoch nicht sicher sein, ob es sich um eine Grenzverletzung sondern um einen sexuellen Übergriff oder um strafrechtlich relevante Gewalt handelt, hole dir Hilfe bei einer der nachstehend (Seite 23 bis 26) genannten Stellen.

5.4 Verfahrensregeln für pädagogische und theologische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Jugendamtes der Erzdiözese Bamberg Diese Verfahrensregeln sollen für die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen die notwendige Transparenz und Handlungssicherheit schaffen, wie sie im Falle der Vermutung sexueller Gewalt aus Sicht der Institution vorgehen können und sollen. Sie beziehen sich auf den Fall der Vermutung der sexualisierten Gewalt im nichtkirchlichen und kirchlichen Kontext. Grundsatz:

Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Jugendamtes haben aufgrund ihrer pädagogischen Qualifikation und des Schutzauftrags für Kinder und Jugendliche in jedem Fall einen Auftrag als Ersthelfer bzw. Ersthelferin.

Für die Wahrnehmung dieses Auftrags finden die folgenden Regeln Anwendung: 1. 1.1 1.2 1.3 1.4 1.5 1.6 1.7

Die Vermutung sexualisierter Gewalt außerhalb des kirchlichen Bereichs.

Ein/e Mitarbeiter/in kann durch das mögliche Opfer selbst oder einer/einen Wissensträger/-in (z. B. Gruppenleiter/in, Leiter/in einer Maßnahme) über eine mögliche sexuelle Gewalt in Kenntnis gesetzt werden. Der/Die o. g. Wissensträger/in muss ein mutmaßliches Opfer darüber informieren, dass eine dritte Person (= der/die Mitarbeiter/in) beratend hinzu gezogen wird. Der/Die Mitarbeiter/in versucht, umgehend einen professionellen Hilfeprozess bei einer dafür zuständigen und geeigneten Stelle einzuleiten. Das weitere Vorgehen wird mit der eingeschalteten Fachberatungsstelle abgestimmt. Im Falle einer unmittelbaren Gefährdung des Kindes bzw. des Jugendlichen ist durch den/die Mitarbeiter/in eine Notrufstelle einzuschalten, um notwendige Schritte für eine sofortige Hilfe einzuleiten (Jourdienst der Jugendämter, zu erreichen über die Polizei). Es gilt der Grundsatz: Der/die Mitarbeiter/in führt zunächst keine Gespräche mit der Familie des Opfers. Mit einem/einer mutmaßlichen Täter/in finden grundsätzlich keine Gespräche statt. Der/die Mitarbeiter/in kann für einen/eine Wissensträger/in beratend und unterstützend zur Verfügung stehen, wenn dieser/diese es wünscht. Zur Wahrnehmung dieser Unterstützungsfunktion gehört auch die Vermittlung des/der Wissensträgers/in an eine Fachstelle. Der/die Mitarbeiter/in erstellt über sein Handeln als Ersthelfer/in mit Hilfe eines standardisierten Formblatts eine Dokumentation, die an die Jugendamtsleitung geht und absolut vertraulich behandelt wird. Sie wird in einer eigenen Ablage für die Dauer von 20 Jahren, gerechnet ab der Volljährigkeit des mutmaßlichen Opfers, aufbewahrt und ist nur der Jugendamtsleitung sowie einer in der Institution vorhandenen Fachkraft zugänglich.

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2.

Die Vermutung sexueller Gewalt innerhalb des kirchlichen Bereichs.

2.1 2.2 2.3 2.4 2.5 2.6 2.7

Ein/e Mitarbeiter/in kann durch das mögliche Opfer selbst oder eine/n Wissensträger/in über eine mögliche sexuelle Gewalt in Kenntnis gesetzt werden. Aufgrund der „Leitlinien für den Umgang mit sexuellem Missbrauch Minderjähriger durch Kleriker, Ordensangehörige und andere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz“ 1ist der/die Mitarbeiter/in verpflichtet, unmittelbar die Beauftragte der Erzdiözese Bamberg über das Vorliegen einer Vermutung bzw. eines möglichen Falles des sexuellen Missbrauchs zu informieren. Die Beauftragte der Erzdiözese berät den/die Mitarbeiter/in und klärt mit ihm/ihr das weitere und geeignete Vorgehen. Eine Information des zuständigen Dienstgebers (der Jugendamtsleitung) bei einem Fall innerhalb der Institution Jugendamt und mit einer möglichen Beteiligung von Mitgliedern dieser Institution, erfolgt nach der Beratung, durch die Beauftragte. Um die notwendige Unterstützung und Hilfe für das Opfer zu gewährleisten, ist parallel im Sinne von 1.3 und 1.4 zu verfahren. Die Beauftragte der Erzdiözese ist davon in Kenntnis zu setzen. Bei einem Gespräch zwischen der Beauftragten und dem Opfer ist die Teilnahme des/der Mitarbeiters/in auf Wunsch des Opfers möglich. Der/die Mitarbeiter/in kann für einen/eine Wissensträger/in beratend und unterstützend zur Verfügung stehen, wenn dieser/diese es wünscht. Zur Wahrnehmung dieser Unterstützungsfunktion gehört auch die Vermittlung des/der Wissensträgers/in an eine Fachstelle. Der/die Mitarbeiter/in erstellt über sein/ihr Handeln als Ersthelfer/in mit Hilfe eines standardisierten Formblatts eine Dokumentation, die an die Jugendamtsleitung geht und absolut vertraulich behandelt wird. Sie wird in einer eigenen Ablage für die Dauer von 20 Jahren, gerechnet ab der Volljährigkeit des mutmaßlichen Opfers, aufbewahrt und ist nur der Jugendamtsleitung sowie einer in der Institution vorhandenen Fachkraft zugänglich.

3.

Unterstützungssysteme für die Mitarbeiter/innen

3.1 3.2 3.3

Den Mitarbeitern bzw. Mitarbeiterinnen wird eine geprüfte Liste professioneller Fachstellen in den Regionen der Erzdiözese zur Verfügung gestellt. Sie wird durch das Jugendamt aufgrund der Beratung durch die Fachstelle „Notruf bei sexualisierter Gewalt“ (Sozialdienst katholischer Frauen (skf), Bamberg) laufend ergänzt und auf den neuesten Stand gebracht. Supervision: Für die Mitarbeiter/innen ist die Möglichkeit der Einzelsupervision oder gegebenenfalls Teamsupervision vorgesehen. Auf Wunsch des/der Mitarbeiters/in wird ihm/ihr diese im notwendigen Umfang und unabhängig von Supervisionsregelungen, die den normalen Arbeitskontext betreffen, gewährt. Für Kontakte und Auskünfte gegenüber der Presse ist grundsätzlich die Presseabteilung der Erzdiözese zuständig. Diese wird im Rahmen des Krisenmanagements von der Jugendamtsleitung bzw. der Beauftragten der Diözese in den Fall einbezogen und mit ihr das Vorgehen abgestimmt.

4.

Krisenmanagement im Sinne der Stabilisierung von Systemen

Dies ist für den Fall der sexualisierten Gewalt durch eine/n hauptberufliche/n oder ehrenamtliche/n kirchliche/n Mitarbeiter/in vorgesehen. Es ist vor allem im Hinblick auf das Umfeld (nicht unmittelbar betroffene Eltern und Kinder bzw. Jugendliche) und die Verunsicherung im Rahmen der Institution zu planen. Die Zuständigkeit zur Planung und Durchführung von Stabilisierungsmaßnahmen richtet sich nach der Verortung des Täters bzw. der Täterin. Dazu sind folgende Fälle zu unterscheiden und darauf die Planung abzustimmen:

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1.

Täter bzw. Täterin: Ein/e hauptberufliche/r Mitarbeiter/in des EJA

Stabilisierung Systeme: • • • •

Stabilisierung System: • Institution EJA - intern

Ehrenamtlich Tätige (z. B. Dekanatsvorstand, …) Eltern (nicht des/der Opfer/s) andere Kinder/Jugendliche sonstige kirchliche Hauptberufliche

Planung des Prozesses: Jugendamtsleitung und Beauftragte der Erzdiözese unter Einbezug der Fachstelle des skf

Durchführung des Prozesses: Jugendamtsleitung

2.

Täter bzw. Täterin: Ein/e hauptberufliche/r Mitarbeiter/in einer Pfarrei/eines Seelsorgebereichs Ein/e ehrenamtliche/r Mitarbeiter/in in der Jugendarbeit

Stabilisierung Systeme: • • • • •

Eltern (nicht des/der Opfer/s) andere Kinder/Jugendliche hauptberufliche Mitarbeiter/innen im Seelsorgebereich/in der Pfarrei hauptberufliche Mitarbeiter/innen i. S. der Pastoralkonferenz ehrenamtlich Tätige im Seelsorgebereich/auf Dekanatsebene/in der Pfarrei

Planung und Durchführung des Prozesses: Beauftragte der Erzdiözese Bei ihr liegt die Entscheidung des Aufbaus erforderlicher Unterstützungssysteme in Kooperation mit den dafür geeigneten Fachstellen und des Einbezugs von … • z. B. hauptberuflichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Jugendamtes der Erzdiözese mit bisheriger Zuständigkeit für bestimmte Gruppen etc. • z. B. bei Anfrage von hauptberuflichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Jugendamtes der Erzdiözese durch ein Subsystem: Information der Beauftragten und Tätigwerden in Absprache mit ihr!

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5.5 Bundesweite Beratungstellen Bei diesen Beratungsstellen und Institutionen gibt es Hilfe: • Beratungsangebot im Bereich der Katholischen Kirche Deutschland: www.hilfe-missbrauch.de • N.I.N.A. Nationale Infoline, Netzwerk und Anlaufstelle zur sexuellen Gewalt an Jungen und Mädchen Tel: 01805-1234 65 und im Netz: www.nina-info.de • Lilith e.V. Prävention und Information gegen sexuellen Missbrauch – Beratungsstelle für Mädchen und Jungen www.lilith-beratungsstelle.de • Notruf und Beratung für sexuell misshandelte Frauen und Mädchen e.V.: www.maedchennotruf.de • Nummer gegen Kummer Telefonisches Beratungsangebot für Mädchen und Jungen, Tel.: 0800 / 111 0 333 • www.save-me-online.de Online-Anlaufstelle für Jugendliche, die online sexualisierte Gewalt erleben

5.6 Kontakte und Beratungsstellen in der Erzdiözese Für Opfer und Betroffene sexuellen Missbrauchs im Erzbistum Bamberg stehen weitere Ansprechpartner/innen zur Verfügung. Sie haben die Aufgabe, Vorwürfen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger nachzugehen und entsprechende juristische und gegebenenfalls psychologische Maßnahmen einzuleiten. • Beauftragte und Koordinatorin Eva Hastenteufel-Knörr Rechtsanwältin und Fachanwältin für Familienrecht Zikenwörth 16 • 96047 Bamberg Telefon: 09 51 / 40 73 55 25 • Fax: 09 51 / 40 73 55 26 • E-Mail: kanzlei-hastenteufel@t-online.de Als Beauftragte der Erzdiözese Bamberg für die Prüfung von Vorwürfen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger durch Geistliche, Ordensangehörige und kirchliche Mitarbeiter/innen ist Eva Hastenteufel-Knörr vor allem als Koordinatorin zwischen Opfern, Justiz und Erzbistum Bamberg tätig sowie als Beraterin für Mitarbeiter/innen, die Hinweise auf einen möglichen Missbrauch erhalten haben und diesen an sie weitermelden. Direkte Ansprechpartnerinnen für Opfer und Betroffene sowie Wissensträger/innen: • Marlies Fischer und Ute Staufer Notruf bei sexualisierter Gewalt - Sozialdienst katholischer Frauen Heiliggrabstraße 14 • 96052 Bamberg Telefon: 09 51 / 9 86 87 30 • E-Mail: notruf@skf-bamberg.de An diese zwei Fachstelle können sich alle Betroffenen und alle Wissensträger/innen aus der gesamten Erzdiözese wenden, um • entweder selbst Hilfe zu bekommen • oder um Beratung hinsichtlich einer geeigneten Beratungsstelle in ihrer Nähe zu bekommen Die nachfolgend aufgelisteten Beratungsstellen beraten in der Regel alle • Menschen, die zu Wissensträger/innen eines sexuellen Missbrauchs oder von sexueller Gewalt gemacht wurden – also auch Pädagog/innen der Jugend(verbands)arbeit – egal welchen Geschlechts, • Kinder und Jugendliche sowie Erwachsene, die Opfer von Missbrauch oder sexueller Gewalt geworden sind, egal welchen Geschlechts.

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Beratungstellen in den Regionen der kirchlichen Jugend(verbands)arbeit im Erzbistum Bamberg Region 1 (Dekanate Hof, Kulmbach, Bayreuth, Auerbach) AVALON Notruf- u. Beratungsstelle gegen sexuelle Gewalt e. V. Casselmannstraße 15 95444 Bayreuth Tel. 0921 / 51 25 25 Fax. 0921 / 78 77 99 01 E-Mail: Avalon.bt@t-online.de www.avalon-bayreuth.de AVALON in Kulmbach: Familientreff der Geschwister-Gummi-Stiftung Negeleinstr. 5 95326 Kulmbach Tel: 0 92 21 / 80 11 826 (über Fr. Pia Schmidt) oder über AVALON (0921 / 51 25 25) E-Mail: p.schmidt@gummi-stiftung.de www.gummi-stiftung.de

Region 2 (Dekanate Teuschnitz, Kronach, Lichtenfels, Coburg) Notruf- und Beratungsstelle für gewaltbetroffene Frauen und Kinder Hindenburgstr. 1 96 450 Coburg Tel. 0 95 61 / 9 01 55 Fax. 0 95 61 / 42 61 34 E-Mail: info@notrufstelle-coburg.de www.notrufstelle-coburg.de (Kinder- und Jugendschutzdienst Allerleirauh im Landkreis Sonneberg Gleisdammstr. 3, AWO-Gebäude 96515 Sonneberg Tel. 0 36 75 / 42 64 96, 0162 / 2665 220 E-Mail: kjsdson.tt@twsd.de

Region 3 (Dekanate Hallstadt-Scheßlitz, Hirschaid, Bamberg, Burgebrach) Notruf bei sexualisierter Gewalt Heiliggrabstr. 14 96052 Bamberg Tel. 0951 / 98 68 7-30 E-Mail: notruf@skf-bamberg.de www.skf-bamberg.de Ansprechpartnerinnen: Ute Staufer, Marlies Fischer

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Caritas Beratungshaus Geyerswörth Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern Geyerswörthstr. 2 96047 Bamberg Tel. 0951 / 299 57 30 E-Mail: eb@caritas-bamberg.de Pro Familia Staatlich anerkannte Beratungsstelle für Ehe, Familie, Partnerschaft und Sexualität Staatlich anerkannte Beratungsstelle für Schwangerschaftsfragen, Familienplanung, soziale Hilfen und Sozialpädagogik Willy-Lessing-Str. 16 96047 Bamberg Tel. 0951 / 133 900 bamberg@profamilia.de Ansprechpartnerin: Ilse Kolb 

Region 4 (Dekanate Höchstadt, Forchheim, Ebermannstadt) Noch keine Angebote vorhanden.

Region 5 (Dekanate Erlangen, Fürth, Nürnberg, Neunkirchen/Sand) Notruf und Beratung für vergewaltigte Mädchen und Frauen e. V. Goethestr. 18 91054 Erlangen Tel. 0931 / 20 97 20 E-Mail: notruferlangen@t-online.de www.notruf-erlangen.de Fachberatungsstelle für Frauen und Mädchen gegen sexuellen Missbrauch und sexualisierte Gewalt Kobergerstraße 41 90408 Nürnberg Tel. 0911 / 33 13 30 Fax 0911 / 33 87 43 E-Mail: wildwasser-nbg@odn.de www.wildwasser-nuernberg.de Beratungsstelle des Deutschen Kinderschutzbunds (DKSB) Kreisverband Nürnberg e. V. Dammstrasse 4 90443 Nürnberg Tel. 0911 / 92 91 90 - 00 E-Mail: kontakt@kinderschutzbund-nuernberg.de www.kinderschutzbund-nuernberg.de

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Paroli Beratung für männliche Opfer (sexualisierter) Gewalt (ab 14 Jahre) Gostenhofer Hauptstraße 61 90443 Nürnberg Tel.: 0911 / 27 98 41 0 E-Mail: jugendberatung@schlupfwinkel.de www.schlupfwinkel.de Hilfe für Frauen und Kinder in Not Nürnberger Land e.V. Wiesenstraße 6 91217 Hersbruck E-Mail: info@frauenhilfe.org www.frauenhilfe.org

Region 6 (Dekanate Neustadt/Aisch, Ansbach) RAUHREIF Arbeitsgemeinschaft gegen sexuellen Missbrauch e. V. Postfach 20 42 91514 Ansbach Tel. 0981 / 9 88 48 E-Mail: rauhreif@ansbach.org www.rauhreif-ansbach.de

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6 Rechtliche Bestimmungen und Gesetzestexte

6.1 Leitlinien für den Umgang mit sexuellem Missbrauch Minderjähriger durch Kleriker, Ordensangehörige und andere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz EINFÜHRUNG Grundsätzliches 1. In ihrer Verantwortung für den Schutz der Würde und Integrität junger Menschen haben sich die deutschen Bischöfe auf die folgenden Leitlinien verständigt. Sie schreiben damit die Leitlinien von 2002 fort. Die Leitlinien 2010 sollen eine abgestimmte Vorgehensweise im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz gewährleisten. Sie sind Grundlage für die von den Diözesanbischöfen für ihre jeweilige Diözese zu erlassenden Regelungen. Katholischen Rechtsträgern, die nicht in diözesaner Zuständigkeit stehen, wird die entsprechende Übernahme der Leitlinien dringend empfohlen. Opfer sexuellen Missbrauchs bedürfen besonderer Achtsamkeit. Sie müssen vor weiterer sexueller Gewalt geschützt werden. Ihnen und ihren Angehörigen müssen bei der Aufarbeitung von Missbrauchserfahrungen Unterstützung und Begleitung angeboten werden. Sexueller Missbrauch vor allem an Kindern und Jugendlichen ist eine verabscheuungswürdige Tat. Dies gilt besonders, wenn Kleriker oder Ordensangehörige sie begehen. Nicht selten erschüttert der von ihnen begangene Missbrauch bei den Opfern – neben den möglichen schweren psychischen Schädigungen – zugleich auch das Grundvertrauen in Gott und die Menschen. Die Täter fügen der Glaubwürdigkeit der Kirche und ihrer Sendung schweren Schaden zu. Es ist ihre Pflicht, sich ihrer Verantwortung zu stellen.

Der Begriff des „sexuellen Missbrauchs“ im Sinne der Leitlinien 2. Diese Leitlinien beziehen sich auf Handlungen nach dem 13. Abschnitt des Strafgesetzbuchs, soweit sie an Minderjährigen begangen werden. 3. Zusätzlich finden sie entsprechende Anwendung bei Handlungen unterhalb der Schwelle der Strafbarkeit, die im pastoralen oder erzieherischen sowie im betreuenden oder pflegerischen Umgang mit Kindern und Jugendlichen eine Grenzüberschreitung darstellen.

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ZUSTÄNDIGKEITEN Ernennung eines Beauftragten und Einrichtung eines Beraterstabs 4. Der Diözesanbischof beauftragt eine geeignete Person (oder mehrere Personen) als Ansprechperson für Verdachtsfälle auf sexuellen Missbrauch an Minderjährigen durch Kleriker, Ordensangehörige oder andere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im kirchlichen Dienst. 5. Die beauftragte Person soll nicht zur Leitung des Bistums gehören. Werden mehrere Personen beauftragt, soll mindestens eine von ihnen nicht zur Leitung des Bistums gehören. 6. Name und Anschrift der beauftragten Person werden auf geeignete Weise bekannt gemacht, insbesondere im Amtsblatt und auf der Internetseite des Bistums. 7. Der Diözesanbischof richtet zur Beratung in Fragen zum Umgang mit sexuellem Missbrauch Minderjähriger einen ständigen Beraterstab ein. Diesem gehören insbesondere Frauen und Männer mit psychiatrisch-psychotherapeutischem, möglichst auch forensisch¬psychiatrischem, sowie juristischem Sachverstand und fundierter fachlicher Erfahrung und Kompetenz in der Arbeit mit Opfern sexuellen Missbrauchs an. Dem Beraterstab können auch Personen angehören, die im kirchlichen Dienst beschäftigt sind. Im Einzelfall können weitere fachlich geeignete Personen hinzugezogen werden. 8. Die Verantwortung des jeweiligen Diözesanbischofs bleibt unberührt. 9. Mehrere Diözesanbischöfe können gemeinsam einen überdiözesanen Beraterstab einrichten.

Zuständigkeiten der beauftragten Person 10. Die beauftragte Person nimmt Hinweise auf sexuellen Missbrauch an Minderjährigen durch Kleriker, Ordensangehörige oder andere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im kirchlichen Bereich entgegen und nimmt eine erste Bewertung der Hinweise auf ihre Plausibilität vor. 11. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im kirchlichen Dienst sind verpflichtet, diesbezügliche Sachverhalte und Hinweise, die ihnen zur Kenntnis gelangen, der beauftragten Person mitzuteilen. Etwaige gesetzliche Schweigepflichten oder Mitteilungspflichten gegenüber staatlichen Stellen (z. B. Jugendamt i. S. d. § 8a SGB VIII, Schulaufsicht) sowie gegenüber Dienstvorgesetzten bleiben hiervon unberührt. 12. Der Diözesanbischof wird von der beauftragten Person unverzüglich informiert. Sofern es sich um Ordensangehörige handelt, ist auch der Ordensobere zu informieren.

Zuständigkeiten bei Ordensangehörigen 13. Der Diözesanbischof ist zuständig in Fällen von Ordensangehörigen, die in bischöflichem Auftrag tätig sind, unbeschadet der Verantwortung der Ordensoberen. 14. In anderen Fällen liegt die Zuständigkeit bei den jeweiligen Ordensoberen. Ihnen wird dringend nahegelegt, den örtlich betroffenen Diözesanbischof über Fälle sexuellen Missbrauchs oder Verdachtsfälle in ihrem Verantwortungsbereich sowie über die eingeleiteten Schritte zu informieren.

VORGEHEN NACH KENNTNISNAHME EINES HINWEISES Gespräch mit dem mutmaßlichen Opfer 15. 16. 17.

Wenn ein mutmaßliches Opfer (ggf. seine Eltern oder Erziehungsberechtigten) über einen Verdacht des sexuellen Missbrauchs informieren möchte, vereinbart die beauftragte Person ein Gespräch. Der Diözesanbischof bestimmt, wer seitens der Diözese an diesem Gespräch teilnimmt. Das mutmaßliche Opfer (ggf. seine Eltern oder Erziehungsberechtigten) kann zu dem Gespräch eine Person des Vertrauens hinzuziehen. Zu Beginn des Gesprächs wird auf die Möglichkeit hingewiesen, dass der Missbrauchsverdacht der Strafverfolgungsbehörde mitgeteilt wird (vgl. Nr. 27). Dem Schutz des mutmaßlichen Opfers und dem Schutz vor öffentlicher Preisgabe von Informationen, die vertraulich gegeben werden, wird besondere Beachtung beigemessen. Das Gespräch wird protokolliert. Das Protokoll soll von dem mutmaßlichen Opfer (ggf. seinen Eltern oder Erziehungsberechtigten) unterzeichnet werden.

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18. 19.

Das mutmaßliche Opfer (ggf. seine Eltern bzw. Erziehungsberechtigten) wird über die Möglichkeit einer eigenen Anzeige bei den Strafverfolgungsbehörden informiert. Der Diözesanbischof wird über das Ergebnis des Gesprächs informiert.

Gespräch mit der beschuldigten Person 20. 21. 22. 23. 24. 25.

Sofern dadurch die Aufklärung des Sachverhalts nicht gefährdet und die Ermittlungsarbeit der Strafverfolgungsbehörden nicht behindert werden, führt ein Vertreter des Dienstgebers – eventuell in Anwesenheit der beauftragten Person – ein Gespräch mit der beschuldigten Person. Der Schutz des mutmaßlichen Opfers muss in jedem Fall sichergestellt sein, bevor das Gespräch stattfindet. In dem Gespräch wird die beschuldigte Person mit dem Vorwurf oder Verdacht konfrontiert, und es wird ihr Gelegenheit gegeben, sich dazu zu äußern. Die beschuldigte Person kann eine Person ihres Vertrauens hinzuziehen. Die beschuldigte Person wird über die Möglichkeit der Aussageverweigerung informiert. Zur Selbstanzeige bei den Strafverfolgungsbehörden wird ihr dringend geraten. Das Gespräch wird protokolliert. Das Protokoll soll von allen Anwesenden unterzeichnet werden. Der Diözesanbischof wird über das Ergebnis des Gespräches von dem Vertreter des Dienstgebers informiert. Auch der beschuldigten Person gegenüber besteht die Pflicht zur Fürsorge. Sie steht – unbeschadet erforderlicher vorsorglicher Maßnahmen – bis zum Erweis des Gegenteils unter Unschuldsvermutung.

Unterstützung der staatlichen Strafverfolgungs- und anderen zuständigen Behörden 26. 27. 28.

Sobald tatsächliche Anhaltspunkte für den Verdacht eines sexuellen Missbrauchs an Minderjährigen vorliegen, leitet ein Vertreter des Dienstgebers die Informationen an die staatliche Strafverfolgungsbehörde und – soweit rechtlich geboten – an andere zuständige Behörden (z. B. Jugendamt i. S. d. § 8a SGB VIII, Schulaufsicht) weiter. Rechtliche Verpflichtungen anderer kirchlicher Organe bleiben unberührt. Die Pflicht zur Weiterleitung der Informationen an die Strafverfolgungsbehörde entfällt nur ausnahmsweise, wenn dies dem ausdrücklichen Wunsch des mutmaßlichen Opfers (bzw. dessen Eltern oder Erziehungsberechtigten) entspricht und der Verzicht auf eine Mitteilung rechtlich zulässig ist. In jedem Fall sind die Strafverfolgungsbehörden einzuschalten, wenn weitere mutmaßliche Opfer ein Interesse an der strafrechtlichen Verfolgung der Taten haben könnten. Die Gründe für den Verzicht auf eine Mitteilung bedürfen einer genauen Dokumentation, die von dem mutmaßlichen Opfer (ggf. seinen Eltern bzw. Erziehungsberechtigten) zu unterzeichnen ist.

Untersuchung im Rahmen des kirchlichen Strafrechts 29. 30.

Unabhängig von den staatlichen straf- und zivilrechtlichen Verfahren ist bei Klerikern eine „kirchenrechtliche Voruntersuchung“ gemäß can. 1717 und 1719 CIC durchzuführen. Diese bedient sich – soweit gegeben – der Ergebnisse der staatlichen Strafverfolgungsbehörden. Bestätigt die „kirchenrechtliche Voruntersuchung“ den Verdacht sexuellen Missbrauchs, informiert der Diözesanbischof den Apostolischen Stuhl, der darüber entscheidet, wie weiter vorzugehen ist (gemäß Motu Proprio „Sacramentorum sanctitatis tutela“ vom 30.4.2001 in Verbindung mit Art. 16 der „Normae de gravioribus delictis“ vom 21.5.2010).

Maßnahmen bis zur Aufklärung des Falls 31. 32. 33.

Liegen tatsächliche Anhaltspunkte für den Verdacht eines sexuellen Missbrauchs an Minderjährigen vor, entscheidet der Diözesanbischof über das weitere Vorgehen. Soweit es die Sachlage erfordert, stellt der Diözesanbischof die beschuldigte Person vom Dienst frei und hält sie von allen Tätigkeiten fern, bei denen Minderjährige gefährdet werden könnten (vgl. Art. 19 der „Normae de gravioribus delictis“). Der beschuldigten Person kann auferlegt werden, sich vom Dienstort fernzuhalten. Die beauftragte Person ist über die beschlossenen Maßnahmen und den jeweiligen Stand der Umsetzung zu informieren. Der Diözesanbischof bestimmt eine Person, die seitens der Diözese das mutmaßliche Opfer (ggf. seine Eltern bzw. Erziehungsberechtigten) unterrichtet.

29


34. 35.

Soweit für den staatlichen Bereich darüber hinausgehende Regelungen gelten, finden diese entsprechende Anwendung. Erweist sich ein Vorwurf oder Verdacht als unbegründet, werden die notwendigen Schritte unternommen, um den guten Ruf der fälschlich beschuldigten oder verdächtigten Person wiederherzustellen.

Vorgehen bei nicht aufgeklärten Fällen 36.

Wenn der Verdacht des sexuellen Missbrauchs weder nach staatlichem Recht noch nach kirchlichem Recht aufgeklärt wird, z. B. weil Verjährung eingetreten ist, jedoch tatsächliche Anhaltspunkte bestehen, die die Annahme eines sexuellen Missbrauchs an Minderjährigen rechtfertigen, gelten die Nrn. 31, 32 und 34 entsprechend. Zugleich ist zu prüfen, inwieweit die zuständigen kirchlichen Stellen selbst die Aufklärung des Sachverhalts herbeiführen können. Dabei sollen auch ein forensisch-psychiatrisches Gutachten zur Risikoabschätzung und ggf. auch ein Glaubhaftigkeitsgutachten zur Aussage des mutmaßlichen Opfers eingeholt werden.

HILFEN Hilfen für das Opfer 37. 38. 39.

Dem Opfer und seinen Angehörigen werden Hilfen angeboten oder vermittelt. Die Hilfsangebote orientieren sich an dem jeweiligen Einzelfall. Zu den Hilfsangeboten gehören seelsorgliche und therapeutische Hilfen. Das Opfer kann Hilfe nichtkirchlicher Einrichtungen in Anspruch nehmen. Diese Möglichkeit besteht auch, wenn der Fall verjährt oder die beschuldigte Person verstorben ist. Für die Entscheidung über die Gewährung von konkreten Hilfen ist der Diözesanbischof zuständig. Bei der Gewährung von Hilfen für ein Missbrauchsopfer ist ggf. eng mit dem zuständigen Jugendamt oder anderen Fachstellen zusammenzuarbeiten.

Hilfen für betroffene kirchliche Einrichtungen, Dekanate und Pfarreien 40.

Die Leitungen der betroffenen kirchlichen Einrichtungen, Dekanate und Pfarreien werden von dem Vertreter des Dienstgebers über den Stand eines laufenden Verfahrens informiert. Sie und ihre Einrichtungen bzw. Dekanate und Pfarreien können Unterstützung erhalten, um die mit dem Verfahren und der Aufarbeitung zusammenhängenden Belastungen bewältigen zu können.

KONSEQUENZEN FÜR DEN TÄTER 41. 42. 43. 44. 45. 46.

30

Gegen im kirchlichen Dienst Tätige, die Minderjährige sexuell missbraucht haben, wird im Einklang mit den jeweiligen staatlichen und kirchlichen dienst-oder arbeitsrechtlichen Regelungen vorgegangen. Die betreffende Person wird nicht in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen im kirchlichen Bereich eingesetzt. Soweit die betreffende Person im kirchlichen Dienst verbleibt, wird ein forensisch-psychiatrisches Gutachten eingeholt, das konkrete Angaben darüber enthalten soll, ob und ggf. wie der Täter so eingesetzt werden kann, dass es nicht zu einer Gefährdung von Minderjährigen kommt. Täter, bei denen eine behandelbare psychische Störung vorliegt, sollen sich einer Therapie unterziehen. Die forensisch-psychiatrische Einschätzung dient der Entscheidungsfindung des Diözesanbischofs. Es obliegt dem Diözesanbischof, dafür Sorge zu tragen, dass die von ihm verfügten Beschränkungen oder Auflagen eingehalten werden. Das gilt bei Klerikern auch für die Zeit des Ruhestands. Wird ein Kleriker oder Ordensangehöriger, der eine minderjährige Person sexuell missbraucht hat, innerhalb der Diözese versetzt, und erhält er einen neuen Dienstvorgesetzten, wird dieser über die besondere Problematik und eventuelle Auflagen unter Beachtung der gesetzlichen Vorschriften schriftlich informiert. Bei Versetzung oder Verlegung des Wohnsitzes in eine andere Diözese wird der Diözesanbischof bzw. der Ordensobere, in dessen Jurisdiktionsbereich der Täter sich künftig aufhält, entsprechend der vorstehenden Regelung in Kenntnis gesetzt.


Gleiches gilt gegenüber einem neuen kirchlichen Dienstgeber und auch dann, wenn der sexuelle Missbrauch nach Versetzung bzw. Verlegung des Wohnsitzes sowie nach dem Eintritt in den Ruhestand bekannt wird. Bei Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im kirchlichen Dienst, die ihren Arbeitsbereich innerhalb kirchlicher Einrichtungen wechseln, ist der neue Vorgesetzte unter Beachtung der gesetzlichen Vorschriften schriftlich zu informieren.

ÖFFENTLICHKEIT 47.

Eine angemessene Information der Öffentlichkeit unter Wahrung des Persönlichkeitsschutzes der Betroffenen wird gewährleistet.

PRÄVENTION Auswahl von Klerikern, Ordensangehörigen sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im kirchlichen Dienst 48. 49.

Von Personen, die haupt- oder nebenberuflich in der Kinder- und Jugendarbeit eingesetzt werden sollen, ist entsprechend den gesetzlichen Regelungen ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis einzuholen. Wenn Anlass zur Sorge besteht, dass bei einer Person Tendenzen zu sexuellem Fehlverhalten vorliegen, wird eine forensisch-psychiatrische Begutachtung angeordnet.

Aus- und Fortbildung 50. 51. 52.

Die Aus- und Fortbildung enthält im Rahmen der allgemeinen Persönlichkeitsbildung die offene Auseinandersetzung mit Fragen der Sexualität, vermittelt Kenntnisse über sexuelle Störungen und gibt Hilfen für den Umgang mit der eigenen Sexualität. Die für die Aus- und Fortbildung Verantwortlichen sowie die für die Personalführung Verantwortlichen nehmen sich der in ihrem Zuständigkeitsbereich tätigen Personen an, die ein auffälliges Verhalten zeigen, um persönliche Schwierigkeiten in einem frühen Stadium anzusprechen und Hilfen zur Bewältigung aufzuzeigen. Die Personalverantwortlichen im kirchlichen Bereich sowie die beauftragten Personen der Diözesen bilden sich zur Missbrauchsproblematik regelmäßig fort.

VORGEHEN BEI SEXUELLEM MISSBRAUCH MINDERJÄHRIGER DURCH EHRENAMTLICH TÄTIGE PERSONEN 53. 54.

Personen, die sich des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger schuldig gemacht haben, werden auch in der ehrenamtlichen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen im kirchlichen Bereich nicht eingesetzt. Bei sexuellem Missbrauch Minderjähriger durch ehrenamtlich tätige Personen im kirchlichen Dienst gelten diese Leitlinien bezüglich der notwendigen Verfahrensschritte und Hilfsangebote entsprechend.

INKRAFTTRETEN 55.

Die vorstehenden Leitlinien werden zum 1. September 2010 ad experimentum für drei Jahre in Kraft gesetzt und vor Verlängerung ihrer Geltungsdauer einer Überprüfung unterzogen.

Würzburg, den 23. August 2010 (vgl. Amtsblatt der Erzdiözese Bamberg, 09/2010)

31


6.2 Prävention von sexuellem Missbrauch an Minderjährigen im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz RAHMENORDNUNG I. Grundsätzliches Die Prävention von sexuellem Missbrauch ist integraler Bestandteil der kirchlichen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Als Grundprinzip pädagogischen Handelns trägt Prävention dazu bei, dass Kinder und Jugendliche in ihrer Entwicklung zu eigenverantwortlichen, glaubens- und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeiten gestärkt werden. Diese Rahmenordnung verpflichtet alle, die im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz für das Wohl und den Schutz von Kindern und Jugendlichen Verantwortung und Sorge tragen. Bereits psychische und physische Grenzverletzungen sollen vermieden und Voraussetzungen dafür geschaffen werden, dass das Wohl und der Schutz von Kindern und Jugendlichen aktiv gefördert werden. Dazu müssen auch manche bereits vorhandenen Initiativen weiterentwickelt werden. Unterschiede bei den Bedarfs- und Gefährdungslagen von Mädchen und Jungen verlangen bei allen Präventionsmaßnahmen eine angemessene Berücksichtigung.

II. Inhaltliche und strukturelle Anforderungen an Diözesen, kirchliche Institutionen und Verbände Die Strukturen und Prozesse zur Prävention sexuellen Missbrauch in den Diözesen, kirchlichen Institutionen und Verbänden müssen transparent, nachvollziehbar und kontrollierbar sein. Die Entwicklung und Verwirklichung von Maßnahmen zur Prävention erfolgt nach Möglichkeit in Zusammenarbeit mit allen hierfür relevanten Personen und Gruppen. Dazu gehören auch die Kinder und Jugendlichen selbst.

1.

Verhaltenskodex

Klare Verhaltensregeln stellen im Hinblick auf den jeweiligen Arbeitsbereich ein fachlich adäquates Nähe-Distanz-Verhältnis und einen respektvollen Umgang zwischen den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie den betreuten Kindern und Jugendlichen sicher. Allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sind die Verhaltensregeln sowie die Sanktionen bei Nichteinhaltung bekannt zu machen.

32


2.

Dienstanweisungen und hausinterne Regelungen

Um das Wohl und den Schutz der Kinder und Jugendlichen zu optimieren, können Dienstanweisungen und hausinterne Regelungen erlassen werden, die auch arbeitsrechtliche Verbindlichkeit haben.

3.

Beschwerdewege

Die Diözesen, kirchlichen Institutionen und Verbände schaffen interne und externe, nieder- und höherschwellige Beratungs- und Beschwerdewege für die Kinder und Jugendlichen, die Eltern und Erziehungsberechtigten sowie die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

4.

Personalauswahl und -entwicklung

Die Prävention von sexuellem Missbrauch ist Thema im Vorstellungsgespräch, während der Einarbeitungszeit sowie in weiterführenden Mitarbeitergesprächen. In der Aus- und Fortbildung ist sie Pflichtthema. Haupt- und nebenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen entsprechend den gesetzlichen Regelungen ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis vorlegen. Außerdem ist die Unterzeichnung einer Selbstverpflichtungserklärung verbindliche Voraussetzung einer Anstellung wie auch einer Beauftragung zu einer ehrenamtlichen Tätigkeit im kinder- und jugendnahen Bereich.

5.

Qualitätsmanagement

Die Leitung von Einrichtungen und die Träger von Kinder- und Jugendprogrammen haben die Verantwortung dafür, dass Maßnahmen zur Prävention nachhaltig Beachtung finden und fester Bestandteil ihres Qualitätsmanagements sind. Für jede Einrichtung und für jeden Verband sowie ggf. für den Zusammenschluss mehrerer kleiner Einrichtungen sollte eine geschulte Fachkraft zur Verfügung stehen, die hierbei im Interesse der Kinder und Jugendlichen sowie der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Unterstützung gibt. Personen mit Opfer- und Täterkontakt erhalten kontinuierlich Supervision.

III. Aus- und Fortbildung Prävention von sexuellem Missbrauch erfordert Schulungen zu Fragen von ● Täterstrategien, ● Psychodynamiken der Opfer, ● Dynamiken in Institutionen sowie begünstigenden institutionellen Strukturen, ● Straftatbeständen und weiteren einschlägigen rechtlichen Bestimmungen, ● eigener emotionaler und sozialer Kompetenz, ● konstruktiver Kommunikations- und Konfliktfähigkeit. Alle in der Diözese für den Bereich Kinder- und Jugendarbeit in leitender Verantwortung Tätigen sowie alle weiteren in diesem Bereich leitend Verantwortlichen werden zu Fragen der Prävention von sexuellem Missbrauch geschult. Dabei bilden die Möglichkeiten zur Verbesserung des Wohls und des Schutzes von Kindern und Jugendlichen sowie Vorkehrungen zur Erschwerung von Straftaten einen Schwerpunkt. Die Schulungen sollen auch dazu befähigen, Dritte über diese Themen zu informieren. Alle, die im Bereich der Diözesen bei ihrer Arbeit mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben, werden zum Thema Prävention von sexuellem Missbrauch gründlich informiert. Sie sollen insbesondere Hinweise auf sexuellen Missbrauch erkennen und mit diesen angemessen umgehen können. Im Sinne einer Erziehungspartnerschaft wird das Thema Prävention von sexuellem Missbrauch auch mit Eltern und Angehörigen von Kindern und Jugendlichen besprochen.

33


IV. Koordinationsstelle zur Prävention von sexuellem Missbrauch Der Diözesanbischof benennt eine qualifizierte Person (oder mehrere Personen) zur Unterstützung und Vernetzung der diözesanen Aktivitäten zur Prävention von sexuellem Missbrauch. Die diözesane Koordinationsstelle hat u. a. folgende Aufgaben: ● Fachberatung bei der Planung und Durchführung von Präventionsprojekten, ● Vermittlung von Fachreferent/innen, ● Beratung von Aus- und Weiterbildungseinrichtungen, ● Weiterentwicklung von verbindlichen Qualitätsstandards, ● Information über Präventionsmaterialien und -projekte, ● Vernetzung der Präventionsarbeit inner- und außerhalb der Diözese, ● Öffentlichkeitsarbeit in Kooperation mit der jeweiligen Pressestelle. Das Thema Prävention hat einen Platz auf der Internetseite der Diözesen sowie der kirchlichen Institutionen und Verbände. Mehrere Diözesanbischöfe können eine überdiözesane Koordinationsstelle einrichten.

V. Erwachsene Schutzbefohlene Für kirchliche Institutionen und Verbände, in denen mit erwachsenen Schutzbefohlenen gearbeitet wird, gelten die genannten Regelungen entsprechend.

VI. Inkrafttreten Die vorstehende Rahmenordnung tritt ad experimentum für drei Jahre in Kraft und wird vor Verlängerung ihrer Geltungsdauer einer Überprüfung unterzogen.

Fulda, den 23. September 2010

(vgl. Amtsblatt der Erzdiözese Bamberg, 09/2010)

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6.3 Gesetzestexte Artikel 1 Grundgesetz (1)

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

Artikel 2 Grundgesetz (1) (2)

Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt. Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich. In diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes eingegriffen werden.

§ 1666 BGB Gefährdung des Kindeswohls durch Eltern und Dritte (1)

Wird das körperliche, geistige oder seelische Wohl eines Kindes oder sein Vermögen durch missbräuchliche Ausübung der elterlichen Sorge, durch Vernachlässigung des Kindes, durch unverschuldetes Versagen der Eltern oder durch das Verhalten eines Dritten gefährdet, so hat das Familiengericht, wenn die Eltern nicht gewillt oder in der Lage sind, die Gefahr abzuwenden, die zur Abwendung der Gefahr erforderlichen Maß nahmen zu treffen.

§ 8a SGB VIII Schutzauftrag bei Kindeswohlgefährdung (1) (2)

Werden dem Jugendamt gewichtige Anhaltspunkte für die Gefährdung des Wohls eines Kindes oder Jugendlichen bekannt, so hat es das Gefährdungsrisiko im Zusammenwirken mehrerer Fachkräfte abzuschätzen. Dabei sind die Personensorgeberechtigten sowie das Kind oder der Jugendliche einzubeziehen, soweit hierdurch der wirksame Schutz des Kindes oder des Jugendlichen nicht in Frage gestellt wird. Hält das Jugendamt zur Abwendung der Gefährdung die Gewährung von Hilfen für geeignet und notwendig, so hat es diese den Personensorgeberechtigten oder den Erziehungsberechtigten anzubieten. In Vereinbarungen mit den Trägern und Einrichtungen ist sicherzustellen, dass deren Fachkräfte den Schutzauftrag nach Absatz 1 in entsprechender Weise wahrnehmen und bei der Abschätzung des Gefähr- dungsrisikos eine insoweit erfahrene Fachkraft hinzuziehen. Insbesondere ist die Verpflichtung aufzunehmen, dass die Fachkräfte bei den Personensorgeberechtigten auf die Inanspruchnahme von Hilfen hinwirken, wenn sie diese für erforderlich halten und das Jugendamt informieren, falls die angenommenen Hilfen nicht ausreichend erscheinen, um die Gefährdung abzuwenden.

35


(3) (4)

Hält das Jugendamt das Tätigwerden des Familiengerichts für erforderlich, so hat es das Gericht anzurufen; dies gilt auch, wenn die Erziehungs- oder Personensorgeberechtigten nicht bereit oder in der Lage sind, bei der Abschätzung des Gefährdungsrisikos mitzuwirken. Besteht eine dringende Gefahr und kann die Entscheidung des Gerichts nicht abgewartet werden, so ist das Jugendamt verpflichtet, das Kind oder den Jugendlichen in Obhut zu nehmen. Soweit zur Abwendung der Gefährdung das Tätig werden anderer Leistungsträger, der Einrichtungen der Gesundheitshilfe oder der Polizei notwendig ist, hat das Jugendamt auf die Inanspruchnahme durch die Personensorgeberechtigten hinzuwirken. Ist ein sofortiges Tätig werden erforderlich und wirken die Personensorgeberechtigten nicht mit, so schaltet das Jugendamt die anderen zur Abwendung der Gefährdung zuständigen Stellen selbst ein.

§ 72a SGB Persönliche Eignung von Fachkräften (1) (2) (3)

Träger der öffentlichen Jugendhilfe sollen hinsichtlich der persönlichen Eignung im Sinne des § 72 Abs. 1 insbesondere sicherstellen, dass sie keine Personen beschäftigen oder vermitteln, die rechtskräftig wegen einer Straftat nach den §§ 171, 174 bis 174c, 176, 181a bis 184e oder § 225 des Strafgesetzbuches verurteilt worden sind. Zu diesem Zwecke sollen sie sich bei der Einstellung und in regelmäßigen Abständen von den zu beschäftigenden Personen ein Führungszeugnis nach § 30 Abs. 5 des Bundeszentralregistergesetzes vorlegen lassen. Durch Vereinbarungen mit den Trägern von Einrichtungen und Diensten sollen die Träger der öffentlichen Jugendhilfe auch sicherstellen, dass diese keine Personen nach Satz 1 beschäftigen.

§ 174 StGB Sexueller Missbrauch von Schutzbefohlenen (1) Wer sexuelle Handlungen 1. an einer Person unter sechzehn Jahren, die ihm zur Erziehung, zur Ausbildung oder zur Betreuung in der Lebensführung anvertraut ist, 2. an einer Person unter achtzehn Jahren, die ihm zur Erziehung, zur Ausbildung oder zur Betreuung in der Lebensführung anvertraut oder im Rahmen eines Dienst- oder Arbeitsverhältnisses untergeordnet ist, unter Missbrauch einer mit dem Erziehungs-, Ausbildungs-, Betreuungs-, Dienst- oder Arbeitsverhältnis verbundenen Abhängigkeit oder 3. an seinem noch nicht achtzehn Jahre alten leiblichen oder angenommenen Kind vornimmt oder an sich von dem Schutzbefohlenen vornehmen lässt, wird mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren bestraft. (2) Wer unter den Voraussetzungen des Absatzes 1 Nr. 1 bis 3 1. sexuelle Handlungen vor dem Schutzbefohlenen vornimmt oder 2. den Schutzbefohlenen dazu bestimmt, dass er sexuelle Handlungen vor ihm vornimmt, um sich oder den Schutzbefohlenen hierdurch sexuell zu erregen, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft. (3) Der Versuch ist strafbar. (4) In den Fällen des Absatzes 1 Nr. 1 oder des Absatzes 2 in Verbindung mit Absatz 1 Nr. 1 kann das Gericht von einer Bestrafung nach dieser Vorschrift absehen, wenn bei Berücksichtigung des Verhaltens des Schutzbefohlenen das Unrecht der Tat gering ist. § 176 StGB Sexueller Missbrauch von Kindern (1) Wer sexuelle Handlungen an einer Person unter vierzehn Jahren (Kind) vornimmt oder an sich von dem Kind vornehmen lässt, wird mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren bestraft. (2) Ebenso wird bestraft, wer ein Kind dazu bestimmt, dass es sexuelle Handlungen an einem Dritten vornimmt oder von einem Dritten an sich vornehmen lässt. (3) In besonders schweren Fällen ist auf Freiheitsstrafe nicht unter einem Jahr zu erkennen. (4) Mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren wird bestraft, wer 1. sexuelle Handlungen vor einem Kind vornimmt, 2. ein Kind dazu bestimmt, dass es sexuelle Handlungen an sich vornimmt, 3. auf ein Kind durch Schriften (§ 11 Abs. 3) einwirkt, um es zu sexuellen Handlungen zu bringen, die es an oder vor dem Täter oder einem Dritten vornehmen oder von dem Täter oder einem Dritten an sich vornehmen lassen soll, oder

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4. auf ein Kind durch Vorzeigen pornographischer Abbildungen oder Darstellungen, durch Abspielen von Tonträgern pornographischen Inhalts oder durch entsprechende Reden einwirkt. (5) Mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren wird bestraft, wer ein Kind für eine Tat nach den Absätzen 1 bis 4 anbietet oder nachzuweisen verspricht oder wer sich mit einem anderen zu einer solchen Tat verabredet. (6) Der Versuch ist strafbar; dies gilt nicht für Taten nach Absatz 4 Nr. 3 und 4 und Absatz 5. § 176a StGB Schwerer sexueller Missbrauch von Kindern (1) Der sexuelle Missbrauch von Kindern wird in den Fällen des § 176 Abs. 1 und 2 mit Freiheitsstrafe nicht unter einem Jahr bestraft, wenn der Täter innerhalb der letzten fünf Jahre wegen einer solchen Strafe rechtskräftig verurteilt worden ist. (2) Der sexuelle Missbrauch von Kindern wird in den Fällen des § 176 Abs. 1 und 2 mit Freiheitsstrafen nicht unter zwei Jahren bestraft, wenn 1. eine Person über achtzehn Jahren den Beischlaf vollzieht oder ähnliche sexuelle Handlungen an ihm vornimmt oder an sich von ihm vornehmen lässt, die mit dem Eindringen in den Körper verbunden sind, 2. die Tat von mehreren gemeinschaftlich begangen wird oder 3. der Täter das Kind durch die Tat in die Gefahr einer schweren Gesundheitsschädigung oder einer erheblichen Schädigung der körperlichen oder seelischen Entwicklung bringt. (3) Mit Freiheitsstrafen nicht unter zwei Jahren wird bestraft, wer in den Fällen des § 176 Abs. 1 bis 3, 4 Nr. 1 oder Nr. 2 oder des § 176 Abs. 6 als Täter oder anderst Beteiligter in der Absicht handelt, die Tat zum Gegenstand einer pornographischen Schrift (§ 11 Abs. 3) zu machen, die nach § 184b Abs. 1 oder 3 verbreitet werden soll. (4) In minder schweren Fällen des Absatzes 1 ist auf Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren, in minder schweren Fällen des Absatzes 2 auf Freiheitsstrafe von einem Jahr bis zu zehn Jahren zu erkennen. (5) Mit Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren wird bestraft, wer das Kind in den Fällen des § 176 Abs. 1 bis 3 1. bei der Tat körperlich schwer misshandelt oder 2. durch die Tat in die Gefahr des Todes bringt. (6) In die in Absatz 1 bezeichnete Frist wird die Zeit nicht eingerechnet, in welcher der Täter auf behördliche Anordnung in einer Anstalt verwahrt worden ist. Eine Tat, die im Ausland abgeurteilt worden ist, steht in den Fällen des Absatzes 1 einer im Inland abgeurteilten Tat gleich, wenn sie nach deutschem Strafrecht eine solche nach § 176 Abs. 1 oder 2 wäre. § 177 StGB Sexuelle Nötigung, Vergewaltigung (1) Wer eine andere Person 1. mit Gewalt, 2. durch Drohung mit gegenwärtiger Gefahr für Leib oder Leben oder 3. unter Ausnutzung einer Lage, in der das Opfer der Einwirkung des Täters schutzlos ausgeliefert ist, nötigt, sexuelle Handlungen des Täters oder eines Dritten an sich zu dulden oder an dem Täter oder einem Dritten vorzunehmen, wird mit Freiheitsstrafe nicht unter einem Jahr bestraft. § 180 StGB Förderung sexueller Handlungen Minderjähriger (1) Wer sexuellen Handlungen einer Person unter sechzehn Jahren an oder vor einem Dritten oder sexuellen Handlungen eines Dritten an einer Person unter sechzehn Jahren 1. durch seine Vermittlung oder 2. durch Gewähren oder Verschaffen von Gelegenheit Vorschub leistet, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft. Satz 1 Nr. 2 ist nicht anzuwenden, wenn der zur Sorge für die Person Berechtigte handelt; dies gilt nicht, wenn der Sorgeberechtigte durch das Vorschubleisten seine Erziehungspflicht gröblich verletzt. (2) Wer eine Person unter achtzehn Jahren bestimmt, sexuelle Handlungen gegen Entgelt an oder vor einem Dritten vorzunehmen oder von einem Dritten an sich vornehmen zu lassen, oder wer solchen Handlungen durch seine Vermittlung Vorschub leistet, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft. (3) Wer eine Person unter achtzehn Jahren, die ihm zur Erziehung, zur Ausbildung oder zur Betreuung in der Lebensführung anvertraut oder im Rahmen eines Dienst- oder Arbeitsverhältnisses untergeordnet ist, unter Missbrauch einer mit dem Erziehungs-, Ausbildungs-, Betreuungs-, Dienst- oder Arbeitsverhältnis

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(4)

verbundenen Abhängigkeit bestimmt, sexuelle Handlungen an oder vor einem Dritten vorzunehmen oder von einem Dritten an sich vornehmen zu lassen, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft. In den Fällen der Absätze 2 und 3 ist der Versuch strafbar.

§ 180a StGB Förderung der Prostitution (1) Wer gewerbsmäßig einen Betrieb unterhält oder leitet, in dem Personen der Prostitution nachgehen und in dem 1. diese in persönlicher oder wirtschaftlicher Abhängigkeit gehalten werden oder 2. die Prostitutionsausübung durch Maßnahmen gefördert wird, welche über das bloße Gewähren von Wohnung, Unterkunft oder Aufenthalt und die damit üblicherweise verbundenen Nebenleistungen hinausgehen, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft. (2) Ebenso wird bestraft, wer 1. einer Person unter achtzehn Jahren zur Ausübung der Prostitution Wohnung, gewerbsmäßig Unterkunft oder gewerbsmäßig Aufenthalt gewährt oder 2. eine andere Person, der er zur Ausübung der Prostitution Wohnung gewährt, zur Prostitution anhält oder im Hinblick auf sie ausbeutet. § 182 StGB Sexueller Missbrauch von Jugendlichen (1) Eine Person über achtzehn Jahre, die eine Person unter sechzehn Jahren dadurch missbraucht, dass sie 1. unter Ausnutzung einer Zwangslage oder gegen Entgelt sexuelle Handlungen an ihr vornimmt oder an sich von ihr vornehmen lässt oder 2. diese unter Ausnutzung einer Zwangslage dazu bestimmt, sexuelle Handlungen an einem Dritten vorzunehmen oder von einem Dritten an sich vornehmen zu lassen, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft. (2) Eine Person über einundzwanzig Jahre, die eine Person unter sechzehn Jahren dadurch missbraucht, dass sie 1. sexuelle Handlungen an ihr vornimmt oder an sich von ihr vornehmen lässt oder 2. diese dazu bestimmt, sexuelle Handlungen an einem Dritten vorzunehmen oder von einem Dritten an sich vornehmen zu lassen, und dabei die fehlende Fähigkeit des Opfers zur sexuellen Selbstbestimmung ausnutzt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft. (3) In den Fällen des Absatzes 2 wird die Tat nur auf Antrag verfolgt, es sei denn, dass die Strafverfolgungsbehörde wegen des besonderen öffentlichen Interesses an der Strafverfolgung ein Einschreiten von Amts wegen für geboten hält. (4) In den Fällen der Absätze 1 und 2 kann das Gericht von Strafe nach diesen Vorschriften absehen, wenn bei Berücksichtigung des Verhaltens der Person, gegen die sich die Tat richtet, das Unrecht der Tat gering ist. § 184 StGB Verbreitung pornographischer Schriften (1) Wer pornographische Schriften (§ 11 Abs. 3) 1. einer Person unter achtzehn Jahren anbietet, überlässt oder zugänglich macht, 2. an einem Ort, der Personen unter achtzehn Jahren zugänglich ist oder von ihnen eingesehen werden kann, ausstellt, anschlägt, vorführt oder sonst zugänglich macht, 3. a im Einzelhandel außerhalb von Geschäftsräumen, in Kiosken oder anderen Verkaufsstellen, die der Kunde nicht zu betreten pflegt, im Versandhandel oder in gewerblichen Leihbüchereien oder Lesezirkeln einem anderen anbietet oder überlässt, 3. b im Wege gewerblicher Vermietung oder vergleichbarer gewerblicher Gewährung des Gebrauchs, ausgenommen in Ladengeschäften, die Personen unter achtzehn Jahren nicht zugänglich sind und von ihnen nicht eingesehen werden können, einem anderen anbietet oder überlässt, 4. im Wege des Versandhandels einzuführen unternimmt, 5. öffentlich an einem Ort, der Personen unter achtzehn Jahren zugänglich ist oder von ihnen eingesehen werden kann, oder durch Verbreiten von Schriften außerhalb des Geschäftsverkehrs mit dem einschlägigen Handel anbietet, ankündigt oder anpreist, 6. an einen anderen gelangen lässt, ohne von diesem hierzu aufgefordert zu sein, 7. in einer öffentliche Filmvorführung gegen ein Entgelt zeigt, das ganz oder überwiegend für diese Vorführung verlangt wird, 8. herstellt, bezieht, liefert, vorrätig hält oder einzuführen unternimmt, um sie oder aus ihnen gewonnene Stücke im Sinne der Nummern 1 bis 7 zu verwenden oder einem anderen eine solche Verwendung zu ermöglichen oder 9. auszuführen unternimmt, um sie oder aus ihnen gewonnene Stücke im Ausland unter Verstoß gegen

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die dort geltenden Strafvorschriften zu verbreiten oder öffentlich zugänglich zu machen oder eine solche Verwendung zu ermöglichen, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft. (2) Ebenso wird bestraft, wer eine pornographische Darbietung durch Rundfunk verbreitet. (3) Wer pornographische Schriften (§ 11 Abs. 3), die Gewalttätigkeiten, den sexuellen Missbrauch von Kindern oder sexuelle Handlungen von Menschen mit Tieren zum Gegenstand haben, 1. verbreitet, 2. öffentlich ausstellt, anschlägt, vorführt oder sonst zugänglich macht oder 3. herstellt, bezieht, liefert, vorrätig hält, anbietet, ankündigt, anpreist, einzuführen oder auszu führen unternimmt, um sie oder aus ihnen gewonnene Stücke im Sinne der Nummern 1 oder 2 zu verwenden oder einem anderen eine solche Verwendung zu ermöglichen, wird, wenn die pornographischen Schriften den sexuellen Missbrauch von Kindern zum Gegenstand haben, mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren, sonst mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft. (4) Haben die pornographischen Schriften (§ 11 Abs. 3) in den Fällen des Absatzes 3 den sexuellen Missbrauch von Kindern zum Gegenstand und geben sie ein tatsächliches oder wirklichkeitsnahes Geschehen wieder, so ist die Strafe Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren, wenn der Täter gewerbsmäßig oder als Mitglied einer Bande handelt, die sich zur fortgesetzten Begehung solcher Taten verbunden hat. (5) Wer es unternimmt, sich oder einem Dritten den Besitz von pornographischen Schriften (§ 11 Abs. 3) zu verschaffen, die den sexuellen Missbrauch von Kindern zum Gegenstand haben, wird, wenn die Schriften ein tatsächliches oder wirklichkeitsnahes Geschehen wiedergeben, mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft. Ebenso wird bestraft, wer die in Satz 1 bezeichneten Schriften besitzt. (6) Absatz 1 Nr. 1 ist nicht anzuwenden, wenn der zur Sorge für die Person Berechtigte handelt. Absatz 1 Nr. 3 a gilt nicht, wenn die Handlung im Geschäftsverkehr mit gewerblichen Entleihern erfolgt. Absatz 5 gilt nicht für Handlungen, die ausschließlich der Erfüllung rechtmäßiger dienstlicher oder beruflicher Pflichten dienen. (7) In den Fällen des Absatzes 4 ist § 73d anzuwenden. Gegenstände, auf die sich eine Straftat nach Absatz 5 bezieht, werden eingezogen. § 74a ist anzuwenden. § 184b StGB Verbreitung, Erwerb und Besitz kinderpornographischer Schriften (1) Wer pornographische Schriften (§ 11 Abs. 3), die den sexuellen Missbrauch von Kindern (§§ 176 bis 176b) zum Gegenstand haben (kinderpornographische Schriften), 1. verbreitet, 2. öffentlich ausstellt, anschlägt, vorführt oder sonst zugänglich macht oder, 3. herstellt, bezieht, liefert, vorrätig hält, anbietet, ankündigt, anpreist, einzuführen oder auszuführen unternimmt, um sie oder aus ihnen gewonnene Stücke im Sinne der Nummer 1 oder Nummer 2 zu verwenden oder einem anderen eine solche Verwendung zu ermöglichen, wird mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren bestraft. (2) Ebenso wird bestraft, wer es unternimmt, einem anderen den Besitz von kinderpornographischen Schriften zu verschaffen, die ein tatsächliches oder wirklichkeitsnahes Geschehen wiedergeben. (3) In den Fällen des Absatzes 1 oder des Absatzes 2 ist auf Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren zu erkennen, wenn der Täter gewerbsmäßig oder als Mitglied einer Bande handelt, die sich zur fortgesetzten Begehung solcher Taten verbunden hat, und die kinderpornographischen Schriften ein tatsächliches oder wirklichkeitsnahes Geschehen wiedergeben. (4) Wer es unternimmt, sich den Besitz von kinderpornographischen Schriften zu verschaffen, die ein tatsächliches oder wirklichkeitsnahes Geschehen wiedergeben, wird mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft. Ebenso wird bestraft, wer die in Satz 1 bezeichneten Schriften besitzt. § 186 StGB Üble Nachrede Wer in Beziehung auf einen anderen eine Tatsache behauptet oder verbreitet, welche denselben verächtlich zu machen oder in der öffentlichen Meinung herabzuwürdigen geeignet ist, wird, wenn nicht diese Tatsache erweislich wahr ist, mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe und, wenn die Tat öffentlich oder durch Verbreiten von Schriften (§ 11 Abs. 3) begangen ist, mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft. § 201a StGB Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen

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Mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer (1) von einer anderen Person, die sich in einer Wohnung oder einem gegen Einblick besonders geschützten Raum befindet, unbefugt Bildaufnahmen herstellt oder überträgt und dadurch deren höchstpersönlichen Lebensbereich verletzt. (2) Ebenso wird bestraft, wer eine durch eine Tat nach Absatz 1 hergestellte Bildaufnahme gebraucht oder einem Dritten zugänglich macht. (3) Wer eine befugt hergestellte Bildaufnahme von einer anderen Person, die sich in einer Wohnung oder einem gegen Einblick besonders geschützten Raum befindet, wissentlich unbefugt einem Dritten zugänglich macht und dadurch deren höchstpersönlichen Lebensbereich verletzt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft. (4) … § 22 KUG Gesetz betreffend das Urheberrecht an Werken der bildenden Künste und der Photographie „Bildnisse dürfen nur mit Einwilligung des Abgebildeten verbreitet oder öffentlich zur Schau gestellt werden. Die Einwilligung gilt im Zweifel als erteilt, wenn der Abgebildete dafür, dass er sich abbilden ließ, eine Entlohnung erhielt. Nach dem Tode des Abgebildeten bedarf es bis zum Ablaufe von zehn Jahren der Einwilligung der Angehörigen des Abgebildeten. Angehörige im Sinne dieses Gesetzes sind der überlebende Ehegatte oder Lebenspartner und die Kinder des Abgebildeten und, wenn weder ein Ehegatte oder Lebenspartner noch Kinder vorhanden sind, die Eltern des Abgebildeten.“

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7 Materialtipps 7.1 Buchtipps • Bange, Dirk: „Handwörterbuch sexueller Missbrauch“, Göttingen, 2002. • Bayerischer Jugendring (Hrsg.): „Prävention vor sexueller Gewalt in der Kinder und Jugendarbeit“, In: Bausteine 1-4, München, 2006. • Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): „Mutig fragen - besonnen handeln. Informationen für Mütter und Väter zur Thematik des sexuellen Missbrauchs an Mädchen und Jungen“, o.O., o.J.. • Bundesverband Johanniter (Hrsg.): „Achtung; Arbeitshilfe gegen sexuellen Missbrauch im Jugendverband“, Berlin 2005. • Deutsches Jugendinstitut e.V. (Hrsg.): „Sexuelle Gewalt gegen Kinder“, in: Impulse, 3/2011, München, 2011. • DPSG Bundesverband (Hrsg.): „Aktiv gegen sexualisierte Gewalt, eine Arbeitshilfe für Leiterinnen und Leiter“, Neuss 2008. • Enders, Ursula: „Zart war ich, bitter war`s - Handbuch gegen sexuellen Missbrauch“, Köln, 2003. • Dies.: „Differenzierung zwischen Grenzverletzungen, Übergriffen und strafrechtlich relevanten Formen der Gewalt“, Köln, 2007. • Dies.: „Institutionelle Strukturen und Täterstrategien in Institutionen“, Köln, 2007. • Dies.: „Grenzen achten. Schutz vor sexuellem Missbrauch in Institutionen - Ein Handbuch für die Praxis“, Köln, 2012. • Evangelische Landesjugendkammer in Baden (Hrsg.): „Prävention vor sexuellem Missbrauch in der Evangelischen Kinder- und Jugendarbeit“, in: Bausteine für die Aus- und Fortbildung von Ehrenamtlichen, Karlsruhe, 2005. • Informationszentrum Kindesmisshandlung/Kindesvernachlässigung (Hrsg.): „Sexualisierte Gewalt durch professionelle Institutionen“, in: IzKK-Nachrichten, 1/2007, München, 2007. • Katholische junge Gemeinde (Hrsg.): „Stärker als du glaubst, Arbeitshilfe für Gruppenleiter/innen“, Bamberg 2007. • PSG Bundesverband (Hrsg.): „Prävention von sexueller Gewalt, eine Arbeitshilfe für Leiterinnen“, Neuss, 2008. • Tschan, Werner: „Missbrauchtes Vertrauen“, Karger Verlag, Basel, 2005.

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7.2 Internettipps • www.hinsehen-handeln-helfen.de Seite des BMFSFJ • www.bjr.de/themen/praevention-sexueller-gewalt.html PräTect-Projekt des BJR: viele Methodenvorschläge zur Präventionsarbeit, auch für Multiplikator/inn/en-Arbeit • www.amyna.org • www.beauftragte-missbrauch.de • www.dgfpi.de • www.donnavita.de • www.dunkelziffer.de • www.jugendschutz.net - Jugendschutz in Telemedien Mainz, Merkblätter für Kinder, Jugendliche und Eltern zum Chat, Handy und weitere Informationen • www.kibs.de - Für Jungen • www.klicksafe.de - mit Merkblättern zum sicheren Surfen • www.praevention-kirche.de • www.save-selma.de - Interaktives Spiel • www.schulische-praevention.de • www.spass-oder-gewalt.de - Interaktives Spiel • www.tauwetter.de • www.wildwasser.de • www.zartbitter.de - Beratungsstelle in Köln, Hintergrundwissen und Materialien für die Praxis

7.3 Filmtipps Eine Liste aktueller Filme zum Thema gibt es unter www.schutz.kja-freiburg.de und auf Anfrage bei der Medienzentrale Bamberg 09 51 / 50 27 00, www.medienzentrale-bamberg.de

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Bildnachweis • • • • • • • • •

Volker Poerschke (Titelbild, Seiten 2, 15, 18, 27, 35) Deutscher Bundesjugendring, Foto-DVD „Blickwinkel“, Foto: dieprojektoren agentur für gestaltung und präsentation (Seite 5) momosu/pixelio.de (Seite 6) Sabine Koriath/pixelio.de (Seite 8/9) Willi Schewski/pixelio.de (Seite 10/11) Susann G./Pixelio.de (Seite 12/13) Deutsche Bischofskonferenz (Seite 32) Katharina Scherer/pixelio.de (Seite 41) Katholische junge Gemeinde (KjG) Bamberg (Seite 44)



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