Page 38

zum Titelthema

Trotzphase und das Zauberwort Nein Ein guter Start ins Leben lässt sich jederzeit nachholen

Mein Umfeld kannte mich als die stets liebe und nette Petra. Ein Nein gab es in meinem Wortschatz nicht, anderen gegenüber Grenzen zu setzen – was war damit gemeint? Ich lächelte stattdessen und überspielte gekonnt die gefühlten Kränkungen. Die Erkenntnis, dass hinter meiner dauerhaft netten und freundlichen Maske in Wahrheit eine tiefe Angst sitzt, traf mich wie ein Blitz aus dem heiteren Himmel. In der Tat, ich hatte befürchtet, mit dem Wort Nein andere zu enttäuschen, nicht mehr zu gefallen. Meine Sehn-Sucht nach Harmonie war so groß, dass ich lieber meine gegensätzliche Meinung auch vor mir leugnete, um weiterhin beliebt zu sein. An diesem Punkt in meinem Leben galt es, eine Entscheidung zu treffen. Weiter so tun als ob, oder doch eine Änderung anstreben. An sich hatte ich keine Wahl, denn ich war nicht glücklich so, wie ich lebte. Also entschied ich mich für die zweite Variante.

36

Aufgabe der Trotzphase Ich fing an zu suchen und machte die Entdeckung, dass meine Defizite aus der s.g. Trotzphase stammen. Die Trotzphase verläuft etwa zwischen dem zweiten und dem fünften Lebensjahr und ist ein wichtiger Meilenstein der gesunden seelischen Entwicklung. Die Kernressource aus dieser Zeit lautet „Autonomie“: Nein sagen und Grenzen setzen können. Das Kind übt sich darin, Dinge alleine zu machen. Im Idealfall gewähren die Eltern ihm Freiräume und ermutigen es zur Selbstständigkeit. Das Kind unternimmt die ersten Versuche, seine Macht einzusetzen. Es gehört zur dieser Phase dazu, dass Kind und Eltern sich aneinander reiben. Eltern erfreuen sich an dem Selbstbestimmungsdrang ihres Kindes und zeigen ihm sanft ihre Grenzen. Das Trotzen ist ein Mechanismus, welches dem Kind hilft auszuhalten, dass es sich nicht durchsetzen konnte. Deswegen erlauben es weise Eltern und räumen ihm die nötige Zeit dafür ein. Sie verspotten einfach JA 06-07/2019

oder verurteilen das Trotzen nicht. Das Kind macht die wunderbare Erfahrung „Ich darf eine gegenteilige Meinung äußern und auch wenn meine Eltern mit ihr nicht einverstanden sind, ihre Liebe bleibt mir erhalten.“ Änderung der alten Prägungen Nun lief meine eigene Trotzphase alles andere als ideal ab. Was konnte ich tun? Die Vergangenheit kann man nicht ungeschehen machen. Oder gibt es doch Möglichkeiten, die Prägungen zu ändern? Vielleicht sogar schmerzfrei? Denn meine Erinnerungen taten weh und mir war nicht danach, in dem alten Schmerz herumzuwühlen. Die ultimative Lösung für mich hieß Imaginative Psychotherapie. Das Leben liebt mich, denn es schickte mir in genau dem passenden Moment eine Therapeutin, die nicht nur mit dieser Methode arbeitete, sondern auch sehr einfühlsam und behutsam war – genau die Richtige für mich! Die Imaginative Psychotherapie, früher Katathymes Bilderleben genannt, bietet eine Art Tagtraumtechnik an, die neben dem verbalen Verfahren vor allem Symbolisierungsprozesse aktiviert, welche erwünschte Änderungen der Persönlichkeitsstruktur bewirken. „Katathym“ bedeutet „aus dem Gefühl heraus“. Man wird eingeladen, aus Emotionen Bilder entstehen lassen. Deren Wandlung wird nicht willentlich gesteuert, sondern geschieht intuitiv durch die Seele, welche immer nach Heilung strebt. Auch die Arbeit mit dem inneren Kind findet hier ihren Platz. Es werden u. a. heilende Imaginationen angeleitet, dass innere Kind an einen sicheren, guten Ort zu bringen und von imaginären Helferwesen versorgen zu lassen. Ich lernte, dass das schlechte Gewissen, welches anfangs automatisch entstand, als ich meine Grenzen setzte, mit der Zeit immer schwächer wurde. Die Aufgabe lautete nur, es auszuhalten und abzuwarten. Wenn in mir Zweifel hochkamen, weil mein

Profile for Zeitschrift "einfach JA"

Juni+Juli 2019 ................. Ein guter Start ins Leben – Über Geburt und Kindheit  

Juni+Juli 2019 ................. Ein guter Start ins Leben – Über Geburt und Kindheit  

Profile for einfachja
Advertisement