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Geburt

körperlich und mental. Und sie hat mich glücklich gemacht, es war ein gutes Erlebnis gewesen, diese Kraft zu mobilisieren. Mein Bewusstseinszustand während der zweiten Geburt hat mich überrascht. Bin ich bei meiner ersten Tochter noch „ausgestiegen“ – habe mich in „andere Welten gebeamt“, mich von den Empfindungen der Geburtswellen überwältigen lassen – so war ich bei Maras Geburt ganz gesammelt. Ich habe jede Welle intensiv gespürt und konnte sie dadurch aktiv nutzen, indem ich tief geatmet und meinen Oberkörper weit geöffnet habe, danach in der Pause wieder tief entspannte. Ich habe die Unterschiede der Geburtsphasen deutlich gespürt und wie und wo sich Mara im Körper befand. Es war auf eine Art nüchtern und ich war wie Zeuge meiner selbst. Geholfen hat mir die Sicherheit, die mir meine Hebamme vermittelt hat. Sie hat ab und zu nach uns geschaut, die meiste Zeit der Geburt war ich aber auf meinen Wunsch hin allein und konnte mich gehenlassen, komisch aussehen, mich bewegen, wie ich wollte, stöhnen und alle meine Aufmerksamkeit in mich hinein richten. Zum Glück wurden nur ganz wenige Fragen an mich gerichtet, die mich aus meiner Konzentration geholt hätten. Zum Glück war ich in meinem eigenen Zuhause. Zum Glück wurde ich von Menschen begleitet, die warten konnten. „Stäubchen“ sagt man bei uns zum Lächeln der Neugeborenen. Ich bin mir ganz sicher, dass Mara schon in den ersten Tagen ihre Reaktion auf wohlige Gefühle mit einem Lächeln gezeigt hat. Sie hat von Anfang an oft gelächelt und deutlich kommuniziert. Sie hat von Anfang an – neben ihrer bloßen Existenz – etwas aktiv von sich eingebracht. Um es „abzuholen“, brauchte ich aber viel Ruhe und Muße, um den Moment zu erkennen wann sie „sendet“. Dann haben wir uns tief in die Augen gesehen. Was bekam ich da geschenkt? Ruhe, Wissen, Liebe. Ein Blick hinter den Vorhang. Das war für beide Seiten sehr befriedigend. Wenn Mara in den ersten Monaten in unseren Armen eingeschlafen ist, dann haben wir sie gehalten – solange bis sie wieder aufgewacht ist. Derjenige, der sie gehalten hat, wurde mit Tee und Lektüre versorgt. Das ist einfach und schlicht, hat aber viel für unsere Bindung ausgemacht. Es war eine eigene „Tätigkeit“, über sie im Schlaf zu wachen. Sie hat nachts nie Windeln getragen. Immer, wenn sie mal musste, wurde ich wach. Sie wurde unruhig im Schlaf, aber nicht ganz wach. Ich habe sie an meine Brust gelegt, dabei über eine kleine Schale gehalten. Sie hat ihr Pipi gemacht und dann friedlich weitergeschlafen. Ich habe sie auf ein Fell neben mich gelegt. Falls ich doch mal zu tief geschlafen habe, blieb so unser Bett trocken. Träume morgens zu Ende träumen, gutes Essen selbst zubereiten, meinem Kind Zeit zu lassen, bis es sich angezogen hat, sich Zeit für „Windelfrei“

zu nehmen, zu stillen bis das Bedürfnis erfüllt ist ... all diese Dinge brauchen Muße, Zeit und Hinwendung. Durch Mara ist viel davon in unser Leben gekommen.

Eriks Erleben

Ich war froh, als es endlich losging – nach Wochen des Wartens und des Herumschleichens um unseren „Bau“. Arbeitsaufträge nahm ich nur ungern an, ich wollte nicht lange abwesend sein, war immer aufgeregt, wenn ich eine Nacht woanders schlafen musste. Dann, nachts, am Sonntag, nach der Sauna, weckte Steffi mich zögernd: „Ich glaube, es geht los, ... ach ich weiß nicht, ... schlaf lieber weiter ...“ Schlagartig bin ich hellwach. Okay: die Geburtswellen kommen sanft, es ist noch nicht viel im Gange, aber ich bin mir sicher: es geht los. Ich setze mich in Stille, mache mich leer, mein Ego muss jetzt die Klappe halten, kein männlicher Aktionismus, nur da sein, dienen, Raum halten und auch die Schüssel, denn wenig später wird es Steffi übel. Ihr Körper macht sich jetzt leicht und Mara macht sich auf den Weg. Ich bin neugierig auf sie, auf ihr Wesen, kenne nur ihren Schluckauf im Bauch, die Länge des Oberschenkelknochens und das biologische Geschlecht von den Sonografien im Geburtshaus. Es entsteht ein heiliger Raum. Ich massiere meine Liebste. Sie ist ein bisschen neben sich, aber wir sind sehr innig. Ich versuche sie zu beruhigen, es gelingt nicht recht. Gegen 3 Uhr rufe ich unsere Hebamme E. an. Die hält Steffis Hand und sagt ihr in klaren Worten, wie gut sie das macht und dass sie ihr voll vertraut. Steffi beruhigt sich. Wir gehen in die Badewanne, zusammen für eine halbe Stunde und dann schickt Steffi mich raus, ich weiß, dass sie bei konzentrierter Arbeit gern allein ist. Ihre größere Tochter schläft friedlich, ich koche eine Suppe, ein Freund ist zu Gast. Es ist still in unserer Wohnung, die Hebamme ruht sich von 3 aufeinanderfolgenden stürmischen Nächten mit Geburten aus. Ab und zu schaue ich ins Bad, werde liebevoll rausgeschickt, in der Zwischenzeit koche ich meine Suppe – der Rest ist Steffis und Maras Arbeit, bei gleichbleibendem Licht einer Salzlampe im Bad, fensterlos, das Zeitgefühl ist hier drinnen weg. In den anderen Räumen wird es langsam hell – ein sonniger Tag kündigt sich an – ich parke das Auto unserer Hebamme vom Gehweg in eine freigewordene Parklücke. Fee wacht auf, geht ins Bad und will ihre Träume erzählen. Ihre Mama signalisiert einfach JA 06-07/2019

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Juni+Juli 2019 ................. Ein guter Start ins Leben – Über Geburt und Kindheit  

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