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Geburt

Körper-Verbindung und betonte die Bedeutung einer tiefen Entspannung während der Geburt, welche auch bewusst zum Lösen von Komplikationen gefördert wurde. Erst am Ende des 2. Jahrhunderts n. Chr. breitete sich, angeleitet von fehlgeleiteten frühen Christen, Verachtung gegenüber Frauen aus und der Heilige Clemens von Alexandria schrieb: „Jede Frau sollte durch den Gedanken, dass sie eine Frau ist, mit Scham erfüllt sein.“ Hebammen, Heilerinnen und weise Frauen, die früher gesellschaftlich angesehen waren und Gebärenden halfen, waren davon besonders betroffen bis hin zu den Hexenverbrennungen im Mittelalter. Frauen galten als Verführerinnen und Schwangerschaft und Geburt wurden als Ergebnis der „Sünde des Fleisches“ angesehen, weshalb man Gebärenden gesetzlich den Beistand durch Ärzte verweigerte. Natürlich führte das zu Angst vor möglichen Komplikationen. Angst bewirkt im Körper drei entscheidende Reaktionen – die Muskeln verkrampfen sich, die Durchblutung wird reduziert und Stresshormone werden ausgeschüttet. All dies führt zu Geburtsschmerzen und verschlimmert diese immer mehr. Erst in dieser Zeit tauchte in Bibelübersetzungen „Evas Fluch“ auf. Die Frau wurde von Gott für die Erbsünde angeblich mit Schmerz und Leid bei der Geburt bestraft. Wenn sie durch Komplikationen starb, galt dies als ihr Schicksal. Ab dem 16. Jhd. zeigten Mediziner wieder Interesse an Geburtskunde, die allerdings noch lange gering angesehen war und deshalb oft von schlechteren Ärzten praktiziert wurde. Mit dem Beginn des Einsatzes von Chloroform zur Betäubung von Schmerzen kam die Geburt in Krankenhäusern auf, wodurch Frauen aus ihrer gewohnten Umgebung gerissen und von Familien getrennt wurden, was sich wieder negativ auf die Geburt auswirkte. Auch Tiere verzögern den Geburtsprozess, wenn ihnen die Umgebung nicht angenehm ist oder sie gestört werden. Die häusliche Geburt und Tätigkeit von Hebammen wurde von vielen Medizinern als unwissenschaftlich dargestellt, Krankenhausgeburten wurden angepriesen. Dort wiederum war die für die Geburt ungünstige Position im Liegen Standard, damit die Ärzte es einfacher hatten. Im Glauben, Frauen nur so helfen zu können, wurden Anästhetika und Schmerzmittel verabreicht und Wehenbeschleuniger oder -hemmer

auch zur besseren Planbarkeit der Krankenhausabläufe eingesetzt. Die Wirkung auf die Kinder beachtete niemand. Auch heute wird vor Gefahren von Medikamenten in der Schwangerschaft gewarnt, aber niemand redet über die Wirkung von Mitteln, die während der Geburt verabreicht werden. Die Erfahrung vieler Generationen von Frauen mit fehlender Unterstützung und falscher Behandlung und daraus resultierend großer Angst vor der Geburt hat sich im kollektiven Gedächtnis so verankert, dass heute die meisten Frauen nicht mehr an ihre natürliche Fähigkeit zur sanften Geburt glauben und von vornherein medizinische Hilfe wünschen. Mit dem Wissen um die Hintergründe können wir aber erkennen, das schmerzhafte Geburten „menschengemacht“ sind. Wir können uns wieder mit dem uralten Wissen um natürliche Geburt verbinden und eine neue Geburtskultur erschaffen. Erste Ansätze dafür gab es bereits vor 100 Jahren und es wurden später verschiedene Methoden entwickelt, die eine sanfte Geburt unterstützen. Einen wichtigen Beitrag dazu hat HypnoBirthing geleistet, das von Marie Mongan begründet wurde. Bei dieser Methode geht es nicht nur um einzelne Techniken, sondern um einen ganzheitlichen Ansatz, der Frauen hilft, durch Visualisierung und Hypnosetechniken Angst systematisch abzubauen. Dadurch wird tiefe Entspannung möglich und der Körper kann seine ureigene Aufgabe wesentlich besser erfüllen. Mit Hypnose ist hier keine Showhypnose gemeint, bei der man nichts mitbekommt und manipuliert wird – im Gegenteil, die Frau ist hellwach, selbstbestimmt und alle Sinne sind auf ihr Kind und den Geburtsprozess konzentriert. Zusätzliche Entspannungs-, Atem- und Konzentrationsübungen unterstützen den Zugang zur weiblichen Kraft und reduzieren Schmerzen, so dass kaum Medikamente gebraucht werden. Auch die Komplikationen verringern sich, wodurch weniger Kaiserschnitte und andere Eingriffe nötig werden. Frauen erholen sich nach solch einer natürlichen Geburt schneller und können so besser eine innige Bindung zu ihrem Kind aufbauen. Die Väter spielen bei HypnoBirthing eine wichtige Rolle als aktive Geburtsbegleiter– so dass die Geburt eine besondere Erfahrung für die gesamte Familie wird. (gz)

Über die Geduld Man muss den Dingen die eigene, stille ungestörte Entwicklung lassen, die tief von innen kommt und durch nichts gedrängt oder beschleunigt werden kann, alles ist ausgetragen – und dann gebären. Rainer Maria Rilke

einfach JA 06-07/2019

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Juni+Juli 2019 ................. Ein guter Start ins Leben – Über Geburt und Kindheit  

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