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Portrait

Durch Körperarbeit das Bewusstsein erweitern von Andreas Brenk Massagepraxis/Massageschule LA BALANCE

Die Verpanzerung Nach meinem Abitur – mit 19 Jahren – habe ich nicht wie meine Schulkameraden den Weg zu Studium und beruflicher Zukunft eingeschlagen. Stattdessen wies ich mich freiwillig in die Psychiatrie ein. Dem Leben gegenüber, wie ich es bis dahin erfahren hatte, war ich zutiefst verunsichert und verängstigt. Litt zuweilen unter Zwängen und wahnhaften Vorstellungen. Ich war vor dem Leben in eine innere Emigration geflohen, in der ich mich verschanzt und verpanzert hatte. Das ließ mich zunächst den Schmerz verletzender, demütigender oder beschämender Erlebnisse zu Hause, in der Schule oder auf der Straße nicht mehr fühlen. Aber ich spürte auch keine Freude, Liebe und Anerkennung mehr. Da wollte ich heraus; wollte den Panzer durchbrechen. Der Psychiatrieaufenthalt und die sich anschließende 3-jährige Psychotherapie waren ein erster Durchbruch. Der Weg Ich begann zu zeichnen und zu malen, verließ mein Elternhaus und studierte Innenarchitektur. Nach zwei Semestern brach ich das Studium ab, da mir klar wurde, dass das für mich auf einen eintönigen, kaum inspirierenden, womöglich lebenslangen Bürojob hinauslaufen würde. Mit 27 Jahren erwarben meine damalige Lebensgefährtin und ich einen Bauernhof in Mecklenburg. Wir gaben das vertraute und bequeme Berliner Großstadtleben auf, als uns bewusst wurde, wie krank uns das machte. Wir stellten uns den Herausforderungen des Landlebens und der Natur, was heilsam auf uns wirkte. Während meine Gefährtin als Lehrerin und Sprachheilpädagogin arbeitete, kümmerte ich mich um Kind, Haus und Hof. Inspiriert von ihrer pädagogischen und therapeutischen Arbeit, fühlte ich mich zur sozialen Arbeit mit Menschen berufen, kehrte nach Berlin zurück und studierte Sozialpädagogik. Nach all den Lebenswendungen, Abschieden und Neuanfängen war meine Verpanzerung deutlich brüchiger und durchlässiger geworden. Mein Selbstvertrauen hatte zugenommen, meine Lebensfreude war gewachsen. Es bedurfte nur noch eines Momentes, als ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort weilte

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einfach JA 06-07/2017

und mit 40 Jahren die erste Massage meines Lebens erhielt: eine Rebalancing-Behandlung. Also Tiefengewebsmassage, Energiearbeit, Atemarbeit, Arbeit am Ausdruck meiner Gefühle – Körperarbeit im besten Sinne des Wortes. Der Durchbruch Nach 1,5 Stunden fühlte ich meinen Körper lebendig, nah und zu mir gehörig, wie Jahrzehnte nicht mehr. Eine vergessene Lebensenergie strömte wieder durch ihn hindurch. Vor Freude ließ ich meine Tränen fließen. Weitere Rebalancing-Behandlungen folgten. Ich war beeindruckt, wie die tiefen Berührungen meines Körpers mich auch innerlich bewegten; wie sie mir verdrängte Gefühle offenbarten: Wut, Verzweiflung, Ohnmacht und Trauer; und wie sie mein Herz öffneten. Wenige Monate später begann ich eine mehrjährige Ausbildung in Körperarbeit: Rebalancing, Cranio-Sacral-Therapie, Klinische Fußreflexzonentherapie, Ganzheitliche Massage, tantrische Körperarbeit. Eine aufwühlende und begeisternde Reise zu mir selbst. Und so erlaubte ich mir 1998, mit 43 Jahren, noch einmal einen Neuanfang: meine sichere und lukrative Stelle als Sozialarbeiter kündigte ich und machte mich als Körpertherapeut selbstständig. Die Haltung Seither erforsche ich die Essenz der Berührung. So praktiziere und unterrichte ich, was ich erspürt und erkannt habe. Zum Beispiel, dass Berührung • für die Entwicklung eines jeden Menschen so bedeutsam ist wie Licht und Nahrung • wärmt, schützt, heilt sowie zentriert, stabilisiert und erdet • die Selbstwahrnehmung schult und das sinnliche Empfinden steigert • das Selbstbewusstsein stärkt • die soziale und emotionale Kompetenz erweitert • Herzen öffnet, Gedanken klärt, die Seele nährt • Menschen verbindet. Die kompetente, achtsame und liebevolle Berührung mit einer inneren Haltung von Respekt und Wertschätzung dem Klienten gegenüber, sind für mich

Juni/Juli 2017 .............. "Körperarbeit - sich selbst im Körper wahrnehmen"  
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