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zum Titelthema

Lebe Deine Bestimmung! von Andrea Hähnel Solange ich denken kann, habe ich mich für Gott interessiert und mit ihm verbunden gefühlt. Zu DDR-Zeiten geboren in eine atheistische Familie, hatte ich es mit meiner göttlichen Natur zunächst nicht leicht. „Glaube ist etwas für haltlose Menschen“, sagten meine Eltern. Im Alter von 16 Jahren stand ich auf einem Berg in der Slowakei, unweit eine Herde Schafe mit bimmelnden Glocken um den Hals. Ausgebreitet am Fuß des Berges rechteckige Felder, die wie Handtücher aussahen. Mein Herz weit offen durch meine erste Liebe zu einem Jungen. Wind blies durch mein Haar und um meine Nase. Da fühlte und wusste ich ganz tief in mir: „Gott existiert“. Es war keine Frage von Glaube mehr, sondern eine Gewissheit in meinem Inneren, die unumstößlich war. Ich erlebte in mir unendliche Weite, unbeschreibliche Schönheit und ein tiefes Glücksgefühl. Ich sammelte Spruchkarten über Gott, Nächstenliebe, Vertrauen und versteckte sie in einem Geheimversteck, weil es mir verboten war. Ich gab vor, zur Disko zu wollen und ging mit einer Klassenkameradin zum evangelischen Jugendtreff. Ich kaufte eine Kette mit Kreuz und trug sie unter meiner Kleidung. Ich fühlte mich intuitiv zu den Menschen hingezogen, die in die Kirche gingen. Doch ich war zutiefst unglücklich in diesem Konflikt, für meine tiefste Sehnsucht nach Gott meine Eltern belügen zu müssen, zumal es gegen die 10 Gebote verstieß. Und ich blieb auch nicht unentdeckt. Aus Angst vor negativen Konsequenzen des DDRRegimes forderte mich mein Vater eines Tages auf: „Du hast diese Richtung erfahren. Das genügt. Du kehrst jetzt wieder um!“ Ich konnte es nicht, selbst wenn ich gewollt hätte.

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Meine göttliche Natur gab mir zu jeder Zeit eine Ausrichtung und Orientierung, die über die Widrigkeiten und Probleme, mit denen ich konfrontiert einfach JA 04-05/2018

war, hinausreichte. Sie war und ist mir stets eine klare innere Führung, aus ihr schöpfe ich Vertrauen, sie öffnet mir eine größere Perspektive. Ich bin überzeugt, dass nichts, was uns widerfährt, gegen uns ist, sondern uns zu mehr Bewusstheit und innerem Wachstum auffordert. Mit der Wende und dem Zerfall des DDR-Regimes wurde es für mich sehr viel leichter, meine Spiritualität zu leben. Ich ließ mich taufen. Doch Gott war für mich nicht der alte bärtige Mann, sondern so etwas wie das lebensbejahende Prinzip. Es muss in den Religionen doch einen gemeinsamen Nenner geben, war ich überzeugt, und besuchte Veranstaltungen verschiedenster Glaubensrichtungen. Was mich stets am meisten berührte, waren die Authentizität, die Lebendigkeit, Kreativität und Hingabe an das Leben, die ich bei den meisten Menschen, die Gott einen festen Platz in ihrem Leben einräumten, vorfand. Und mit diesen Menschen erlebte ich ein ganz anderes Zusammensein, ein neues WIR. Ich träumte davon, ein Zentrum zu führen, in dem genau das geschehen sollte: die Entdeckung und Anbindung an unsere göttliche Natur. Potenzialentfaltung. Gemeinschaft. Unterstützung. Ehrlichkeit. Natürlichkeit. Ich war inzwischen approbierte Psychotherapeutin und drang immer tiefer in die Komplexität und Verletzlichkeit, Größe und Schönheit der menschlichen Natur vor. Ich liebte meine Klienten. Sie erschienen mir näher mit ihrer göttlichen Natur, mit ihrem Wesen verbunden zu sein, als die scheinbar so gesunden und normalen Menschen, die den Leistungsanforderungen und dem alltäglichen Hamsterrad gewachsen waren. Eines Tages schenkte mir ein Freund „Mut und Gnade“ von Ken Wilber. Die darin enthaltenen Verweise auf sein Integrales Modell faszinierten mich. Ich beschäftigte mich ausführlicher damit und plötzlich gab es eine Struktur in der überwältigenden Informationsvielfalt, die mich umgab. Unsere Bewusstseinsentwicklung verläuft gesetzmäßig und durchläuft ganz bestimmte Stufen, die nicht übersprungen werden können. Von egozentrisch

April/Mai 2018 ….....…. Unsere göttliche Natur im Alltag leben - was bedeutet das ganz praktisch?  
April/Mai 2018 ….....…. Unsere göttliche Natur im Alltag leben - was bedeutet das ganz praktisch?  
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