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DIE ZEITSCHRIFT DER DEUTSCHEN INLAND-MISSION

BRENNPUNKT GEMEINDEGRÜNDUNG

DIE GABE DER LEHRE:

SO VIEL MEHR ALS PREDIGEN 1/2017

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... einige aber zu Lehrern

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Weil 5 Prozent zu wenig sind

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Den Text erst einmal sprechen lassen

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Passende Lehre für genau diese Ohren

... damit ihr ganzes Wesen umgestaltet wird

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Buchbesprechung: Ansteckende Jüngerschaft


Editorial Liebe Leserinnen und Leser!

„[Christus] selbst hat die einen als Apostel eingesetzt, die anderen als Propheten, andere als Verkündiger des Evangeliums und wieder andere als Hirten und Lehrer, um die Heiligen auszurüsten für die Ausübung ihres Dienstes. So wird der Leib Christi aufgebaut.“ Epheser 4,11-12 Zürcher

Vielfach ist in der Missionsarbeit vom „fünffältigen Dienst“ die Rede. Wir möchten den „Brennpunkt Gemeindegründung“ in diesem Jahr nacheinander diesen fünf in Epheser 4,11 erwähnten Leitungsgaben widmen. Mit dieser Ausgabe beginnen wir mit dem Dienst des Lehrers. Gesunde Lehre ist für eine gesunde Gemeindegründung unverzichtbar. Darüber besteht für mich kein Zweifel. Von daher hat Lehre meines Erachtens in der Gemeindegründung einen hohen Stellenwert. Ich frage mich nur, wie hoch genau dieser einzustufen ist. Denn Paulus erwähnt in Epheser 4,11 die Lehre erst an fünfter Stelle – und das steht mit meiner theologischen Tradition in einem gewissen Konflikt. Für mich war die Predigt – ich rede hier von der Auslegungspredigt – das Zentrum des geistlichen Lebens schlechthin. Schließlich wächst der Glaube durch die Predigt (Röm 10,17), nicht wahr? Manch erfahrener Gemeindegründer wird hier einwenden, dass eine gute Auslegungspredigt die Menschen zwar ansprechen kann, aber langfristig weniger die Mündigkeit oder das selbständige Bibellesen als vielmehr die Abhängigkeit der Gläubigen von einem begabten Prediger fördert. So stellen sich einige Fragen: ››

Was ist eigentlich nach dem Neuen Testament Lehre?

››

Ist wirklich die Predigt das zentrale Werkzeug der Lehre?

››

Wenn nicht, wie kann dann Lehre in der Praxis ausschauen?

››

Wenn Lehre in Form der Predigt nicht dieser zentrale Platz zukommt, welche Rolle füllt der Lehrer in der Gemeindegründung aus?

Mit diesen Fragen wünsche ich eine inspirierende Leseerfahrung!

Christian Frei

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„... einige aber zu LEHRERN“ Wer in der Gemeinde lehrt, will nicht möglichst viel Wissen vermitteln, sondern einen Lernprozess in Gang setzen. Denn Lehre soll zum Handeln führen. Beruflich sind Lehrer offenbar nicht die angesehensten Leute: In einer Umfrage aus dem Jahr 2014 rangieren sie auf dem zehnten Platz – weit hinter Feuerwehrleuten, Polizisten und Müllwerkern. Woran immer das liegt, in evangelikalen Gemeinden sind Bibellehrer oder bibeltreue Theologen oftmals hochangesehen und der geistlichen Gabe des Lehrens wird eine überaus große Bedeutung beigemessen, ebenso der Lehre selbst. Schon ein oberflächlicher Blick ins NT bestätigt das zunächst: Lehre, das Lehren und Lehrer spielen in fast allen neutestamentlichen Büchern eine wesentliche Rolle. Ansetzen möchte ich jedoch bei einem Beispiel aus dem Alten Testament:

„Denn Esra hatte sich mit ganzem Herzen der Aufgabe hingegeben, das Gesetz Jahwes zu studieren und zu befolgen und in Israel seine Ordnungen und Rechte zu lehren.“ Esra 7,10 Insbesondere anhand dieser drei Aspekte von Esras Lebenswerk möchte ich versuchen zu entfalten, was einen Lehrer in der Gemeinde auszeichnet.

Lehrer sind Lernende Zunächst war Esra jemand, der davon erfüllt war, „das Gesetz des Herrn zu studieren“ (andere Übersetzungen sagen „erforschen“) – er war in Gottes Wort ganz zu Hause und lebte darin. Auf diesem Boden bewegt sich jeder Lehrer im Volk Gottes: Er lehrt Gottes Wahrheit und schöpft nicht aus eigenen Quellen

selbst erdachter Ideen und Erfahrungen. So wie es für jeden Mathematiklehrer grundlegend ist, seinen Stoff gut zu beherrschen, wird ein neutestamentlicher Lehrer in seiner Bibel zu Hause sein. Wie sollte er das schaffen, ohne selbst lebenslang ein Lernender zu bleiben? Ein Mensch mit einer unersättlichen Neugier und nie erlöschenden Faszination für Gottes offenbarte Wahrheit, wie der Autor und Gemeindegründer Neil Cole es einmal ausdrückt. Man muss einen Lehrer nicht dazu überreden, die Bibel (und auch alles mögliche andere) zu studieren – es zieht ihn einfach dahin. Solche Menschen kann man auch mit einem Blick in ihr Büro oder Wohnzimmer erkennen – und zwar an den gefüllten Bücherregalen (oder auch an den vielen Dateien auf seinem E-Reader). Bücher sind für Lehrer wie gute Freunde, mit denen sie sich gerne umgeben und die sich irgendwie ständig vermehren. Bei alledem ist klar: Die Autorität eines Lehrers in der Gemeinde kommt aus der Wahrheit Gottes und gründet nicht in seiner eigenen Position oder Gabe. Die Bibel selbst ist die Autorität, an der alles, was gelehrt wird, zu messen ist. Unglücklicherweise gewinnt man bei manchen Predigern und theologischen Lehrern den Eindruck, eine formale Ausbildung mit den biblischen Sprachen und jeder Menge sonstiger Kenntnisse sei unabdingbar, um die Bibel überhaupt verstehen zu können. „Wenn der Lehrer zur Autorität wird anstelle des Wortes Gottes, haben wir ein ernstes Problem“, warnt Neil Cole.1 1 Neil Cole: Primal Fire, Carol Stream, Tyndale 2014, S. 207.

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P der sindredigten in einen beste nicht Gang Lernprozess W zu eg setzen , um

Lehrer leben, was sie lehren Laut Esras oben genannter Beschreibung war er nicht nur ein Forscher und Student der von Gott offenbarten Wahrheit – er lebte auch danach. Er war ein „Täter des Wortes“ (Jak 1,22), der in die Praxis umsetzte, was er erkannt hatte. Gottes Wort zu befolgen, bedeutet für einen Lehrer auch, über die rechte, biblisch ausgewogene Lehre zu wachen: Er wird diese Lehre entfalten und ebenso lehrmäßige Irrtümer aufdecken und korrigieren. Vielfach lautet die Überzeugung: Je besser wir Gottes Wort verstehen, desto gesünder sind wir in geistlicher Hinsicht und desto besser nehmen wir unseren Auftrag in dieser Welt wahr. So richtig das sein mag, besteht andererseits zugleich die Gefahr, dass es bei der rechten Erkenntnis, der bloßen Vermittlung von biblisch richtiger Information bleibt (z.B. in Predigten). Doch Wissen muss zum Tun werden! Erkenntnis muss zum Gehorsam führen, sonst ist das Ziel gesunder Lehre nicht erreicht: Sie soll zu einem geistlich gesunden Leben führen! Im Missionsbefehl formuliert Jesus es so: „... lehrt sie alles zu halten, was ich euch geboten habe!“ (Mt 28,19). Anders ausgedrückt: Bringt ihnen bei, meinen Worten zu gehorchen. Wenn wir an vielen Stellen in den Evangelien lesen, dass Jesus die Menschen lehrte und als Lehrer angesehen wurde, dann zielt dies alles genau auf diesen Punkt. Ein Lehrer in der Gemeinde wird somit nicht nur die „Theorie“ meistern, sondern auch in der „Praxis“ Vorbild sein und Wege der Umsetzung bahnen. Jesus sagt seinen Jünger einmal: „Wenn ihr dies wisst – selig seid ihr, wenn ihr‘s tut“ (Joh 13,17).

MEHR ALS PREDIGTEN Der dritte Aspekt von Esras Charakterisierung betrifft das Lehren – das eigentliche Merkmal eines Lehrers. Ich habe jedoch unter den Stichworten „Forschen“ und „Tun“ versucht aufzuzeigen, dass sich das Lehrersein nicht im bloßen Lehren erschöpft. Lehren geht über bloßes Unterrichten und Vermitteln von Information hinaus. Es bringt vielmehr bei anderen einen Prozess des Lernens in Gang. Ein guter Lehrer wird dabei realisieren, dass dazu Vorlesungen, Vorträge oder Predigten nicht der alleinige und auch nicht der beste Weg sind. Neil Cole be-

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merkt: „Ein wahrer Lehrer ist ein Mentor auf der persönlichen Ebene und nicht bloß ein öffentlicher Redner.“2 Dies tritt deutlich am Beispiel des Apostels Paulus in den Pastoralbriefen hervor: Wiederholt betont er die Bedeutung der Lehre neben der Bedeutung seiner persönlichen Beziehung insbesondere zu Timotheus und dessen persönlichem Einfluss in den Gemeinden (1Tim 1,2; 2Tim2,1-2; 3,10-15).

Ein erfolgreicher Lehrer Wann hat ein Lehrer im Volk Gottes sein Ziel erreicht? Wann ist er erfolgreich? In Schule oder Universität könnte man den Erfolg daran messen, dass die Schüler oder Studenten ihre Prüfungen bestehen. Doch dies scheint mir kein Kriterium für Nachfolger von Jesus zu sein. Nach Epheser 4,11-16 besteht der „Erfolg“ eines Lehrers darin, dass er die Heiligen ausrüstet „für das Werk des Dienstes, für die Erbauung des Leibes Christi.“3 Ein erfolgreicher Lehrer lehrt also nicht nur, sondern befähigt und trainiert auch andere, es zu tun – Multiplikation also. Der Erfolg eines Lehrers manifestiert sich schlicht darin, dass er durch seinen Dienst weitere Generationen von Lehrern hervorbringt. Neil Cole fasst es so zusammen: „Wir können nicht behaupten gelehrt zu haben, wenn nicht die folgenden vier Schritte geschehen sind: 1. Wir verstehen die Botschaft richtig. 2. Wir kommunizieren die Botschaft so, dass sie verstanden wird. 3. Wir achten darauf, dass die, die von uns lernen, den Inhalt in ihrem Leben anwenden. 4. Wir rüsten die Lernenden dazu aus und setzen sie frei, sich selbst und andere zu lehren.“ 4

GESCHICHTLICH ZU ERKLÄREN Von den fünf in Epheser 4 genannten grundlegenden Gaben ist dem Lehren im Lauf der Kirchengeschichte bis zum heutigen Tag besonders auch in evangelikalen Gemeinden eine dominierende Rolle zugekommen. Das hat kulturelle Gründe und liegt auch an der Aufspaltung der Kirche in Klerus und Laien. Dazu kommt oft die theologische Ansicht, es gäbe nach Abschluss des neutestamentlichen Kanons keine Apostel und 2 Ebd., S.205. 3 Darüber wurde schon mehrfach im Brennpunkt Gemeindegründung geschrieben, z. B. in Ausgabe 04/2016. 4 Ebd., S. 210.


Propheten mehr. Aus den beiden Gaben von Hirten und Lehrern wurde der Pfarrer oder Pastor und der Evangelist spielt außerhalb der lokalen Gemeinde seine Rolle. Dort findet auch die akademische Ausbildung der Pastoren bzw. Lehrer statt. Auf einer solchen Grundlage kann eine natürliche, organische Multiplikation der Gaben und Dienste kaum mehr funktionieren. Daher kommt im typisch evangelikalen Gottesdienst heute der Predigt eine überragende, ja, konstituierende Bedeutung zu. Kirchen und Gemeindehäuser sind seit Jahrhunderten gestaltet wie Lehrsäle: vorne, meist erhöht, eine Kanzel oder ein Pult, davor Bänke oder Stühlen in Reihen. Nicht selten verstehen sich auch Gemeindegründer als Lehrer in diesem Sinne und gründen demzufolge Gemeinden, in denen die Lehre über alles hochgehalten wird. Ist es dann verwunderlich, dass es solchen Gemeinden oft an evangelistischem Eifer mangelt? Dass die Beziehungen der Gemeindeglieder nur wenig von herzlicher Liebe und Vertrauen geprägt sind? Diese Aspekte werden dann einfach unterbewertet!

Ausgewogenes Lehren Wie kann ein Lehrer seine Gabe in einer Gemeinde ausgewogen leben und einsetzen? Dazu abschließend noch einige ergänzende Aspekte. Zunächst möchte ich festhalten, dass der eigentliche, ultimative Lehrer der Gläubigen der Heilige Geist ist. Darauf weist Jesus seine Jünger hin, als er das Kommen des Geistes ankündigt (Joh 14,26). Johannes macht in seinem Brief mit Blick auf den Umgang mit Irrlehrern deutlich:

„Ihr aber habt vom Heiligen selbst den Heiligen Geist erhalten. Und durch diese Salbung kennt ihr alle die Wahrheit. (...) Der Heilige Geist, mit dem Christus euch gesalbt hat, bleibt in euch! Deshalb braucht ihr keinen, der euch darüber belehrt, sondern der Geist lehrt euch das alles. Und was er lehrt, ist wahr, es ist keine Lüge. Bleibt also bei dem, was er euch lehrt und lebt mit Christus vereint“ (1Joh 2,20.27). Glaube ich das als Gemeindegründer und/oder Lehrer? Dass die Kinder Gottes direkt von ihm gelehrt werden (vgl. 1Thess 4,9) und im Ernstfall einen menschlichen Lehrer gar nicht brauchen? Weiterhin werden an einigen Stellen im NT ausdrücklich alle Gläubigen aufgefordert, andere bzw. einander zu lehren:

„Wenn ihr zusammenkommt, hat jeder von euch einen Psalm, eine Lehre (...). Alles muss dem geistlichen Aufbau der Gemeinde dienen!“ (1Kor 14,26) „Gebt dem Wort von Christus viel Raum und lasst es seinen ganzen Reichtum in euch entfalten! Belehrt und ermahnt euch gegenseitig mit aller Weisheit!“ (Kol 3,16) „Lehren“ wird hier als interaktiver Prozess im Gemeindeleben beschrieben, der offenbar nicht an gewisse Formen gebunden ist. Es gilt, sich als Gemeindegründer und/oder Lehrer die Frage zu Im NT wird „Lehren“ stellen: Ermutige ich dazu? Leite als interaktiver ich meine Gemeinde dazu an? In Prozess im Hebräer 5,11-14 werden die GläubiGemeindeleben gen kritisiert, weil sie längst selber beschrieben. Lehrer sein sollten, aber immer noch von vorgekauter geistlicher Nahrung abhängig sind.5 Und ein letzter, wesentlicher Aspekt: Ein Lehrer arbeitet am besten im Team mit Aposteln, Propheten, Evangelisten und Hirten. In Epheser 4 werden zwar die einzelnen Gabenträger deutlich unterschieden, in ihrer Arbeitsweise und ihrem Ziel jedoch gemeinsam betrachtet. Allzu oft bleibt das leider aus, und ein ungesundes Vergleichs- und Konkurrenzdenken sowie Neid greifen um sich – insbesondere in der Missions- und Gemeindegründungsarbeit. Was für ein Segen kann jedoch entstehen, wenn unterschiedlichste Menschen mit ihren sich ergänzenden Gaben vertrauensvoll zusammenarbeiten!

WOLFGANG KLÖCKNER lebt mit seiner Familie seit über 25 Jahren im Allgäu und hat an der Gründung einiger Gemeinden mitgewirkt. DIM-VORSTAND

5 Vgl. Buchauszug aus „Organisch Leiten“ von Neil Cole in Brennpunkt 04/2016.

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Weil fünf Prozent zu wenig sind

Auch Vorträge und Predigten haben ihren Platz in Jüngerschaftsbewegungen, schreibt David Watson. Doch weil bei reinen Vorträgen nur fünf Prozent hängenbleiben, sind für ihn Gespräch, Ermutigung und Nachhaken noch viel entscheidender.

„Was ist mit Lehren und Predigen?“ – Das ist die Frage Nr. 1, die mir gestellt wird, wenn ich über Jüngerschaftsbewegungen, Entdecker-Bibelstudium und Entdeckergruppen rede. Solche Gruppen arbeiten induktiv und korrigieren sich selbst durch einen Coaching-Prozess. Für den Uneingeweihten scheint es, als gäbe es keine Lehrer oder Prediger. Mehrere Aspekte möchte ich zu dieser Frage kurz beleuchten.

PA S

SIV

5% Vortrag

Kein Platz mehr für die Gabe der Lehre?

Wer sich gründlich mit dem Wirken von Jesus oder Paulus beschäftigt, sieht aber, dass Vorträge nur einen sehr kleinen Teil ihrer Arbeit ausgemacht haben. Man gewinnt im Neuen Testament vielmehr den Eindruck, dass sie ihre Tage in direktem Kontakt zu Menschen verbrachten und sie zu Jüngern machten. Nicht, dass sie überhaupt keine Vorträge hielten. Nur waren Vorträge nicht ihre einzige Form: Sie beteten mit anderen, widmeten sich gemeinsam den Nöten, gingen miteinander und alleine auf Missionsreisen, berichteten, was sie erreicht hatten, tauschten sich aus und diskutierten mit ihren Gegnern, brachten anderen bei, was sie selber lernten, und setzten es in die Praxis um (Gehorsam). Der Gedanke, Lehren und Predigen bestehe aus bloßem Reden, kam ihnen gar nicht in den Sinn und war sicherlich nicht ihre normale Praxis.

Wer nur zuhört, behält nur fünf Prozent Das folgende Diagramm stammt aus dem Buch „How the Brain learns“ (zu deutsch: „Wie das Gehirn lernt“) von Dr. David Sousa (2001) und basiert auf verschiedenen Forschungen.

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10% lesen

20% etwas sehen & hören

30% etwas gezeigt bekommen

TIV

50% mit anderen darüber austauschen

AK

Ein gewisser Prozentsatz derer, die diese Frage stellen, meinen damit: „Ich habe den Eindruck, Lehren und Predigen sind meine Gaben und damit sehe ich für mich keinen Platz in Entdeckergruppen.“ Das Problem daran ist, dass dieser Einwand sich auf das Lehren bzw. den Lehrenden konzentriert und nicht auf den Lernenden, also den Menschen, der Gott kennenlernen soll – und um den es hier eigentlich geht. Ich bezeichne das als „Nachrichtensprecher-Syndrom“: Solche Menschen halten sich selbst für so gute Redner, Lehrer oder Prediger, dass sie meinen, mit dem Klang ihrer Stimme würde sich der Inhalt ihrer Botschaft in den Köpfen ihrer Zuhörer einprägen. Sie begründen ihren Standpunkt mit der Bibel und glauben, heutiges Lehren und Predigen wäre auch im ersten Jahrhundert die Norm gewesen.

LERNPYRAMIDE

75% selbst praktisch umsetzen 90% andere unterrichten & begleiten

ANTEIL DER VERMITTELTEN INHALTE, DIE IM GEDÄCHTNIS BLEIBEN

Beachten Sie: Wenn jemand einen reinen Vortrag hält, hat der Zuhörer nach 24 Stunden nur fünf Prozent des Gehörten behalten. Diese Rate geht mit jedem Tag, der verstreicht, noch weiter zurück. In diesem Zusammenhang schreibt Dr. Sousa: „Der Vortrag oder die Vorlesung ist in höheren Schulen wie auch Hochschulen nach wie vor die vorherrschende Art und Weise des Lehrens – trotz überwältigender Belege dafür, dass die allermeisten Lernenden davon am wenigsten behalten.“ Heutiges Lehren und Predigen sind Lehrstile, die keine Jünger hervorbringen können. Und sie tun es auch nicht – egal, wie viel der Redner von seinen Fähigkeiten oder Inhalten hält. Sicherlich gibt es auch einen Platz für Predigten, doch im gesamten Prozess der Jüngerschaft ist er anderem untergeordnet. Wer Menschen zu Jüngern machen will, kann nicht einfach nur Lehrer und Prediger sein. Er muss ein erhebliches Maß an Zeit mit seinen potenziellen Jüngern verbringen: Er muss sich mit ihnen unterhalten, ihnen Dinge zeigen und erklären, muss sie ermutigen und ihnen auch beibringen, was er selber lernt und sie ermahnen umzusetzen, was sie gelernt haben. Nur auf diese Weise werden Wissen und Praxis von einem Menschen zum anderen und von einer Generation zur nächsten vermittelt. Ein guter Prediger wird jede Menge Beispiele und Geschichten in seiner Predigt verwenden und manchmal vielleicht Schuldgefühle hervorrufen, um zu erreichen, dass die Zuhörer sich mehr merken können. Aber in Wirklichkeit sind die meisten


Zuhörer nicht in der Lage, anschließend irgendjemandem zu erzählen, was sie gerade gehört haben – es sei denn vielleicht, sie haben sich Notizen gemacht und können darauf zurückgreifen. Innerhalb weniger Wochen erinnert sich niemand mehr an irgendetwas des Gesagten, außer es enthielt einen guten Witz oder eine gute Geschichte, die sie anderen schon ein paar Mal erzählt haben. Eine Predigt fordert überhaupt keine Rechenschaft für den Inhalt oder erwartete Verhaltensänderungen. Selbst dem Lehrer oder Prediger selbst fällt es schwer, irgendwelche Einzelheiten aus den Predigten der letzten paar Wochen zu nennen.

Predigten haben keine engagierten Jünger hervorgebracht Unsere Formen in Jüngerschaftsbewegungen sind darauf angelegt, im gesamten Prozess möglichst gut dafür zu sorgen, dass Menschen die Inhalte verstehen, behalten, umsetzen und weitersagen. Alles beginnt mit einem hingegebenen und gehorsamen Jünger Jesu, der auch andere zu Jüngern macht. Niemand kann ein hingegebener und gehorsamer Jünger sein, ohne sich dafür einzusetzen, andere zu Jüngern zu machen. Ein Jünger ist jemand, der die Lehren von Jesus kennt und nach ihnen lebt. Und das schließt das Gebot ein, andere zu Jüngern zu machen. Schauen wir uns den Lernprozess in einer Jüngerschaftsbewegung im Hinblick auf die Lernpyramide an: ››

Ein gut ausgebildeter Jünger lebt bewusst in seinem nachbarschaftlichen Umfeld, gibt sich als geistlicher Mensch zu erkennen und kümmert sich um Nöte und Bedürfnisse der Menschen.

››

Menschen, die geistlich auf der Suche sind, zeigen sich interessiert und nehmen an einem Entdecker-Bibelstudium teil (= sehen, hören, etwas gezeigt bekommen, mit anderen austauschen). Sie werden ermutigt, über die Inhalte mit Familie, Freunden, Nachbarn und Arbeitskollegen zu reden (= praktisch umsetzen, andere unterrichten).

››

Wenn das Interesse zunimmt, entsteht eine feste Entdecker-Gruppe mit einer interessierten Person als „spirituellem Leiter“ für diese Gruppe. Zu ihm oder ihr baut der Lehrende eine Beziehung auf und leitet sie oder ihn darin an, eine Entdeckergruppe zu leiten. In diesem Coaching werden Fähigkeiten gelehrt und geübt, bis sie sitzen (= etwas gezeigt bekommen, mit anderen austauschen, umsetzen, andere unterrichten).

››

In einer Entdeckergruppe werden Menschen, die Gott nicht kennen, dahin geführt, Jesus zu lieben. Jede Woche tauschen sie sich darüber aus, wofür sie dankbar sind, was sie belastet, welche Nöte es in ihrem Umfeld gibt und wie sie darauf reagieren können. Sie werden nach den Inhalten der vergangenen Woche gefragt und ob sie in ihrem Alltag etwas verändert haben. Ein Bibeltext wird gelesen, in eigenen Worten zusammengefasst und die Folgen daraus für das eigene Leben werden besprochen. Die Suchenden werden gefragt, mit wem sie vor dem nächsten Treffen über den Bibelabschnitt reden (= sehen, hören, etwas gezeigt bekommen, mit anderen austauschen, umsetzen).

Vergleichen wir den klassischen Vortragstil mit dem Jüngerschaftsprozess:

VORTRAGSSTIL BIBEL

ERKLÄRUNG

ANWENDUNG

JÜNGERSCHAFTSPROZESS BIBEL

VERSTÄNDNIS

GEHORSAM

Wir wollen nicht einfach nur lehren oder predigen. Wir wollen mit unseren Worten, unserem Leben, unserem Handeln so lehren und predigen, dass andere es uns gleich tun können, indem sie uns nachahmen, wenn sie mit ihren Familien, Freunden und Nachbarn zusammen oder bei der Arbeit sind. Mehr als Erklärung und Auslegung streben wir Verständnis an; mehr als Anwendung wollen wir Gehorsam. Zum Lehren und Predigen gehört weit mehr als der bloße Vortrag, der die Leute auffordert, ihr Verhalten zu ändern. Echtes Lehren und Predigen ist Teil eines Jüngerschaftsprozesses, auf den sich Menschen innerhalb einer Gemeinschaft einlassen und so wirkliche Hoffnung und Veränderung in dieser Gemeinschaft erleben. Der Erfolg misst sich daran, dass diese Gemeinschaft einen solchen Lernprozess mit anderen beginnt. Der wahre Lehrer in diesem Prozess ist der Heilige Geist: Suchende Menschen werden dahin geführt, die Bibel zu entdecken, hinzuhören und von Gott zu lernen.

DAVID L. WATSON war einige Jahre in einer Gemeindegründungsbewegung in Nordindien involviert, wo er viele Erfahrungen sammelte. Er arbeitet in der Leitung von „CityTeam Ministries“ und konzentriert sich heute darauf, weltweit Gemeindegründungsbewegungen insbesondere unter unerreichten bzw. schwer zu erreichenden Völkern und Ländern zu unterstützen.

Dieser Artikel ist am 27.08.2013 auf der Seite www.davidlwatson.org erschienen und wurde von uns leicht gekürzt. Die vollständige Übersetzung finden Sie hier: www.dim-online.de/ blog?start=10

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Den Text erst einmal sprechen lassen Dave Sweet und seine Frau Linda beschlossen im Sommer, eine Entdeckergruppe zu Hause zu starten. Das war auch die Einübung einer neuen Form von Lehre. Nachdem wir es satt hatten, sonntagmorgens eine Dreiviertelstunde zu fahren, um Gemeinschaft mit anderen Christen zu haben, entschlossen meine Frau und ich uns im letzten August, bei uns zu Hause mit einer Hausgemeinde zu beginnen. Bei unseren Treffen haben wir mit dem Studium des Galaterbriefes begonnen.

Die Predigt nützt dem Prediger Auch in der Gemeindegründung ist eine gute, gesunde, biblische Lehre wichtig. Das Ziel eines Lehrers ist es, mündige Christen hervorzubringen. Das Ziel eines Lernenden ist, alles zu tun, was Jesus erwartet (vgl. Mt 28,20a). Doch es kann geschehen, dass wir mit unserer Erfahrungswelt nur an eine Form von Lehre denken. Wenn wir z.B. in 2. Timotheus 4,2 Paulus’ Aufforderung „Verkündige das Wort!“ an seinen geistlichen Sohn Timotheus lesen, kann es passieren, dass wir nur an die Auslegungspredigt denken. Die Vorbereitung einer solchen Predigt ist vor allem für das geistliche Wachstum des Predigers hilfreich. Dagegen gilt es als bewiesen, dass seine Zuhörer für gewöhnlich recht wenig vom Gehörten mitnehmen und erst recht umsetzen (vgl. S. 6). Weder das Ziel eines Lehrers (mündige Christen hervorbringen) noch das Ziel des Lernenden (tun, was Jesus erwartet) wird erreicht.1 Dabei macht die Stelle aus 2. Timotheus meines Erachtens vor allem deutlich, dass wir uns für die Verkündigung des wahren 1 Manch andere fruchtbarere Formen des Bibelstudiums wurden im Brennpunkt 01/2016 beschrieben. Da hieß es: „Ziel aller Gruppen [die das Wort Gottes miteinander betrachten] ist nicht Erkenntniszuwachs oder Wissensvermittlung, sondern Jüngerschaft.“ Ich empfehle das Heft nochmals zur Hand zu nehmen und die Anregungen zum Studium des Wortes zu lesen.

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Inhalts der Schrift stark machen müssen. Es ist die Aufforderung der Reformation: „Sola scriptura“ – allein die Schrift.

Den Text sprechen lassen Als Vorbereitung für unsere Zeit miteinander am Sonntag haben wir vereinbart, in der Woche vor unserem Treffen den Galaterbrief fünfmal durchzulesen (einmal am Tag, fünfmal in der Woche). Der Brief sollte einfach nur durchgelesen werden – ohne Kommentare zu Rate zu ziehen oder große Analysen anzustellen. In diesem Fall gilt es, das geschriebene Wort sprechen zu lassen und einen ersten Eindruck vom Text zu gewinnen. Unser gemeinsames Studium verläuft in einem moderierten Gespräch und Austausch miteinander. Der Moderator stellt möglichst hilfreiche Fragen, fasst zusammen, was die anderen sagen und fordert die Gruppe zum weiteren Nachdenken heraus. Es gibt viele hilfreiche Arten eine Gruppe in der Entdeckung der Schrift anzuleiten. Sie hängen sowohl von

Unsere lt Erfahrungswe läss t uns bei Lehre nur an gsd ie Auslegun en. pre d igt denk


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den Fähigkeiten des Moderators ab als auch von der Zusammensetzung der Gruppe. Diese Form der Lehre ist für mich Neuland. Meine persönliche Begabung lässt mich ganz gut Zusammenhänge in der Schrift erkennen und ich kann sehen, wie einzelne Erkenntnisse ins große Bild der Heilsgeschichte passen. Noch nicht sehr geübt bin ich aber in der Moderation. Trotzdem empfinde ich unsere Gespräche als eine große Bereicherung für uns alle.

Gegenseitig nachhaken In unserem neuen Treffen ist ein weiteres Element, das gern noch wachsen darf, die Praxis der gegenseitigen Rechenschaft: Wir üben Gehorsam miteinander ein. Nachdem wir erkannt haben, was Gott uns in der jeweiligen Bibelstelle sagt, fragen wir uns, wie wir das Gelernte im Gehorsam umsetzen sollten. Wir beten für- und miteinander und bei unserem nächsten Treffen fragen wir uns gegenseitig, wie es uns bei der Umsetzung des Gelernten erging. Durch eine solche Art des gemeinsamen Bibelstudiums werden die Lehrer in einer Gemeindegründung noch stärker herausgefordert, die Schrift besser kennenzulernen und, weil sie Vorbild sind, auf das eigene Leben anzuwenden. Erst dann können sie ihre Geschwister zum Wachstum auffordern. Lehrer haben die Verantwortung, Gottes Willen zu erkennen, im Gehorsam umzusetzen und andere dazu anzuleiten.

Gefahr der Irrlehre?

und Lehrer öffnet: Falsche Lehre und Lehrer werden durch keine Methodik aufgehalten. Der beste Schutz gegen Irrtum ist die gemeinsame Beschäftigung mit dem Wort Gottes, das Vertrauen auf die Leitung des Geistes Gottes und ein vertrauensvolles Umfeld gegenseitiger Liebe und Rechenschaft, in dem wir Gehorsam üben!

Durch d as s tu d ium Bibelin der Gruppe Lehrer s werden d ie tärker a ls Vor bild her ausgefo rdert. DAVE SWEET dient Gott mittlerweile schon seit über 30 Jahren zusammen mit seiner Frau Linda. TEAM FÜRSTENWALDE

Ein Schlusswort an diejenigen, die Angst haben, dass das Folgen dieser Vorgehensweise Tür und Tor für falsche Lehren

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s e z n a g r h i ... damit d r i w t e t l a t s e g m u n e s We Gott will unser Handeln prägen und nicht unseren Wissenshunger stillen. Im Weserbergland hat man gelernt: Das hat auch Auswirkungen auf die Form von Lehre. Bei dem Wort „Lehrer“ kommen bei mir alte Erinnerungen aus der Schulzeit hoch. Ich war in der Schule nicht unbedingt der Schüler, auf den sich die Lehrer gefreut haben! Ein wenig frech, aufbrausend, unmotiviert und unglaublich störend. Ich weiß noch, wie oft ich den Unterricht vor der Tür beenden musste, weil ich den Rahmen gesprengt hatte. Unter solchen Umständen könnt ihr euch auch vorstellen, wie meine Noten am Ende des Schuljahres ausgesehen haben. Viele Lehrer haben sich an mir die Zähne ausgebissen, und viele hatten mich innerlich schon aufgegeben. Als ich im neunten Schuljahr der Hauptschule angelangt war, bekamen wir einen neuen Lehrer an die Schule. Irgendwie hatte ich das Glück, dass dieser Lehrer in unserer Klasse das Fach Informatik übernahm. Wir lernten bei ihm nicht nur theoretisch, wie ein Computer zusammengestellt war, sondern wir durften auch direkt am Computer lernen. Am Ende des neunten Schuljahres waren wir dann sogar soweit, dass wir eigene Roboter mit Motoren gebaut hatten und diese am Computer programmierten.

Beziehung wirkt Wunder Für mich hat der Lehrer in meinem schulischen Werdegang etwas Großes vollbracht. Er hat mir nicht nur eine theoretische Lehre vermittelt, sondern hat mir eine praktische Lehre gezeigt. Er hat seinen Unterricht immer so gestaltet, dass wir Schüler die Theorie in die Praxis umsetzen mussten. Er wandte sich jedem Einzelnen zu und nahm sich die Zeit, damit jeder Schüler die Inhalte verstand und umsetzte. Im zehnten Schuljahr wurde er mein Klassenlehrer und durch seine Art habe ich gelernt, ein anderer Schüler zu sein.

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Neues Herz statt voller Kopf Als ich mich einige Jahre später an der Bibelschule beworben habe, war einer der Gründe für meine Bewerbung an der Bibelschule: „Ich will mehr über Gott wissen!“ Leider musste ich feststellen, dass ich nach drei Jahren Bibelschule immer noch viele Fragen in Bezug auf Gott hatte. Im Nachhinein merkte ich, wie falsch dieser Grund eigentlich gewesen war. Denn im Glaubensleben mit Gott geht es gar nicht um Wissen: Gott hat eine viel größere Absicht mit uns! Sie ist in Römer 8,28-29a formuliert (NGÜ, Hervorhebung hinzugefügt):

„Eines aber wissen wir: Alles trägt zum Besten derer bei, die Gott lieben; sie sind ja in Übereinstimmung mit seinem Plan berufen. Schon vor aller Zeit hat Gott die Entscheidung getroffen, dass sie ihm gehören sollen. Darum hat er auch von Anfang an vorgesehen, dass ihr ganzes Wesen so umgestaltet wird, dass sie seinem Sohn gleich sind.“ Gottes Absicht ist, seine Kinder hier auf der Erde in das Wesen seines Sohnes zu verwandeln. Gott will unser Wesen verändern und nicht unseren Wissenshunger stillen! Leider stelle ich immer wieder fest, wie wir Christen durch unsere Gesellschaft geblendet werden: Jeder versucht, seinen beruflichen Werdegang gut darzustellen, sich weiterzubilden, denn dann kann man zeigen, wie gut man ist. Leider wenden wir dasselbe Prinzip auch auf das Christentum an:

rte o W t, n h e l c l a o M t e e n i e n d i h e c t s M n ch i e n M n n habe eben vo dern. L än r s e a v d zu


Ein erke Lehrer Situ nnt d i a e Einz tion de der elnen i s n Gru ppe. Wir meinen, unser Wissen oder unsere Haltung zu einer bestimmten dogmatischen Lehre aus der Bibel belege unsere geistliche Reife. Aber geistliche Reife zeigt sich nicht im Wissen, sondern in unserem Handeln. Wie behandele ich meinen Vater im Himmel? Wie behandele ich meine Nächsten? Wie gehe ich in schwierigen Situationen durchs Leben? Darin zeigt sich meine geistliche Reife.

Und wo bleibt die Lehre? Im Weserbergland sind wir seit einiger Zeit schon dabei, Gemeinde mit anderen Strukturen zu leben. In unseren „Ortsgemeinschaften“ und den „Hausgemeinschaften“ (unseren Gottesdiensten) findet man nicht mehr die klassische Predigt. Aber auch andere Elemente leben wir anders. Wenn ich anderen Christen erzähle, wie wir unsere Gemeinschaften leben, wird mir sehr oft die Frage gestellt: „Und wo bleibt bei euch die Lehre?“ Meine Antwort auf diese Frage ist dann immer: „Ich habe gelernt, dass meine tollen Worte und was ich über das Wort Gottes zu sagen habe, nicht die Macht haben, das Leben von Menschen zu verändern. Meine tollsten Seminare und die tollsten Predigten, die ich gehalten habe, haben das Leben der Menschen nicht so verändert, wie ich es mir für sie gewünscht habe. Aber ich habe gelernt, dass Gottes Wort die Macht hat, das Leben der Menschen so zu verändern, dass es über meine Wünsche hinaus geht“ (vgl. 2Tim 3,16-17; Heb 4,12). Ich möchte den Menschen nicht mehr Wissen über die Bibel vermitteln, vielmehr möchte ich, dass Gottes Wort das Wesen der Menschen so verändert, dass sie Christus ähnlicher werden. Deshalb lesen wir lieber mit den Menschen die Bibel und lassen sie entdecken, was Gott von ihnen möchte. So leben wir bei uns im Weserbergland die Gabe des Lehrens.

Nicht belehren, sondern einüben

für eine Gruppe von Menschen, die Gott ihm anvertraut hat. Der Lehrer hat nicht die Aufgabe, der Gruppe systematisch biblische Lehre zu vermitteln. Ein Lehrer erkennt die Situation des Einzelnen in der Gruppe und gibt ihm die passenden Bibelstellen an die Hand, die ihm helfen und die ihn ermutigen, den richtigen Weg im Leben einzuschlagen. Ein Lehrer nimmt jeden Einzelnen aus der Gruppe an die Hand und hilft ihm, durch Gottes Wort zu entdecken, wo und wie sie in das Wesen Jesu verwandelt werden sollen. Der Lehrer hat nicht die Aufgabe zu belehren, sondern vielmehr dem Einzelnen beizubringen, das gemeinsam in Gottes Wort Entdeckte im Leben umzusetzen. In Matthäus 28,20 sagt Jesus: „... und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe.“ Die große Herausforderung besteht darin, dass wir Menschen helfen dass sie die Dinge befolgen, die Gott in ihrem Leben verändern möchte, damit sie in das Wesen Jesu verwandelt werden – statt sie mit einer Lehre zu füttern, die das Wissen aufbläht, aber das Leben nicht verändert. Wer die Gabe des Lehrers hat, kann Menschen an die Hand nehmen, sie an das Wort binden, ihnen helfen zu befolgen, was sie in Gottes Wort entdeckt haben. Er hilft den Menschen, ein Jünger Jesu zu werden, indem er ihnen hilft, im Gehorsam zu handeln und das zu tun, was Gott von ihnen möchte.

VICTOR SUDERMANN ist ein leidenschaftlicher Teamplayer. Er gründet gerne Neues und brennt für das Weserbergland. TEAM WESERBERGLAND

Die fünf Geistesgaben aus Epheser 4,11 sind Gaben mit Leiterschaftsfunktion. Der Lehrer übernimmt eine Verantwortung

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Passende Lehre für genau diese Ohren Wenn plötzlich Menschen aus dem Iran und aus Afghanistan auf der Matte stehen und sich taufen lassen wollen, ist es gar nicht so leicht zu entscheiden, was sie über den Glauben lernen sollten – und auf welche Weise. David Schott hat Wege gesucht und gefunden. Da saß ich nun zusammen mit zwei Flüchtlingen aus dem Iran und versuchte, sie kennenzulernen. Die Situation war vollkommen neu für mich, vor einem Jahr, im Frühling 2016. Zum Glück spricht einer von ihnen einigermaßen, wenn auch gebrochen Deutsch. Ich erfahre, dass er sich 2014 im Iran bekehrt hat, geflohen ist und sich in Berlin hat taufen lassen. Sein Freund stammt aus der gleichen Stadt, hat sich erst in Berlin bekehrt und möchte sich nun bei uns taufen lassen. Er spricht so gut wie kein Deutsch. Es folgen weitere Taufanfragen von Afghanen und Iranern und seither haben wir zwei Tauffeste mit neun Täuflingen gefeiert. Andere Christen aus Cottbus, die im Frühling 2016 bei mir ein Praxistraining besucht und daraufhin angefangen hatten, mit Flüchtlingen über Jesus zu reden, feierten ein weiteres Tauffest. So sind nun zwei persischsprachige Bibellesegruppen in und um Cottbus entstanden.

Breite Kommunikation Für den persischen Taufkurs und auch das nachfolgende Bibellesetreffen stand ich vor der Herausforderung, Lehrmaterial neu zu entwickeln und auf die Gruppe zuzuschneiden. Denn mein bisheriges deutsches Lehrmaterial konnte ich aufgrund der Sprachbarriere nicht verwenden. Ich fragte mich: Was und wie lehre ich, um sie zu guten Jesusnachfolgern zu machen? Lehre beschränkt sich meines Erachtens nicht nur darauf, geistliche Inhalte während eines Bibellesetreffens zu vermitteln. Denn sie will Lernprozesse in Gang setzen, andere unterweisen und ihre Lehrfähigkeit entwickeln, damit sie in Zukunft selber leiten können. Das erfordert Kommunikationsfähigkeit, Neugier, Wissbegierde und Lerneifer.

Vor der Lehre STAND die Analyse Da die geflüchteten Menschen aus Ländern kommen, in denen Christen verfolgt werden, haben die meisten keine eigene Bibel oder geistliche Literatur. Vom christlichen Glauben kennen sie meist auch nur die Grundlagen. Was muss unter diesen Umständen Inhalt eines Taufkurses sein?

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Bei deutschen Interessierten würde ich zunächst einen „Jesuskennenlernen“-Kurs starten oder mit ihnen den „roten Faden der Bibel“ durchlesen, die zu Bekehrung und Taufe führen sollen. Bei ihnen weiß ich, was ich voraussetzen kann und was nicht. Doch über diese geflüchteten Menschen mit ihrem Taufbegehren weiß ich fast nichts, außer dass sie schon Christen sind. Oder doch nicht? Vielleicht sind sie ja auch Muslime, die sich erhoffen, mit der Taufbescheinigung in Deutschland bleiben zu können? Wie soll ich herausfinden, ob sie wirklich Christen sind?

Vielleicht sind sie Muslime, die nur hoffen, in Deutschland bleiben zu können?

Ich lasse mir deshalb erzählen, wie sie zu Jesus gefunden haben, und in der Regel gehört dazu auch ihre Fluchtgeschichte. Aber was, wenn ich mir nicht sicher bin, ob stimmt, was er mir erzählt? Bei einem der afghanischen Täuflinge war das der Fall. Kann ich ihm dann einfach sagen, dass ich ihm nicht glaube, und ihn deshalb nicht taufen? Aufgrund der Sprachbarriere sind komplexe Sachverhalte ohnehin schwierig zu verstehen. Persische Übersetzer sind rar gesät und auf die Schnelle nicht aufzutreiben, zumal sie Christen sein müssen, weil sich die Flüchtlinge einem Muslim nicht öffnen würden. Englisch spricht auch keiner von ihnen. Bei einigen der Getauften stellte sich zudem später heraus, dass sie den Taufkurs als eine Art Vorbereitungskurs zur Entscheidung für Jesus ansahen und die Taufe als ihre Bekehrung. Auch gut.

Manches geht in die Hose Wenn ich lehre, versuche ich immer darauf zu zielen, dass sich die Inhalte leicht multiplizieren lassen. Deshalb stelle ich gerne Bibelentdeckerfragen: Was sagt der Text über 1. Gott und 2. Menschen? Und was kann ich 3. umsetzen? Interessierte erforschen durch diese Fragen die Inhalte der Bibel und ihre konkrete Anwendung im eigenen Leben selbst. Auf diese


Weise bilden die Bibel – und nicht irgendwelche anderen Bücher oder Lehrer – die Basis des Glaubens. Jeder soll lernen, die Bibel selbst und ohne Pastor auszulegen und zu verstehen. Und so überlegte ich, wie ich den Taufkurs trotz Sprachbarriere gestalten konnte. Beim ersten Taufkurs versuchte ich, die Bibelentdeckerfragen Meine Gegenüber mithilfe von Google-Translator aus dem Deutschen rätselten, was ich ins Persische zu überihnen mit diesem setzen – was jedoch Kauderwelsch sa- furchtbar in die Hose ging. Meine Gegengen wollte. über runzelten die Stirn und rätselten, was ich ihnen mit diesem Kauderwelsch sagen wollte. Dieser Weg war also schwierig.

Neuer Versuch Schließlich stieß ich auf einen zweisprachigen Glaubens- und Taufkurs in Deutsch und Farsi. Der ist recht umfangreich, nicht alles erschien mir passend und multiplizierbar, aber zumindest konnten sie es in ihrer Sprache lesen und er ging definitiv in die richtige Richtung. Außerdem gefällt mir, dass er auch Entdeckerelemente enthält, die animieren, selbst in der Bibel zu lesen und etwas aufzuschreiben. Mit einem Teil daraus entwickelte ich vier Lektionen, um den Taufkurs einfach und reproduzierbar zu halten: Evangelium, Bedeutung der Taufe, Bekehrungszeugnis erzählen, Vorbereitung auf den Taufgottesdienst. Natürlich würde ich am liebsten noch viel mehr vor der Taufe vermitteln, aber das würde zu lange dauern. Denn die Täuflinge sollen nicht lernen, dass man einen langen Taufkurs machen muss, bevor man sich taufen lassen darf. Schließlich sollen sie in Zukunft selber Menschen taufen, und zwar kurz nach ihrer Bekehrung. Was ist also das Minimum, das sie wissen müssen, um getauft zu werden? Das wird für mich zum Kriterium für den Taufkurs und die Überwindung der Sprachbarriere.

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Hinzu kommt noch, dass einige von ihnen in naher Zukunft, ihr sogenanntes „BAMF-Interview“ haben, in dem entschieden wird, ob sie in Deutschland bleiben können. Der Iran gilt als sicheres Herkunftsland. Es sei denn, man wird auf Grund seines Glaubens verfolgt. Auf Konversion vom Islam zum Christentum steht die Todesstrafe. Aus diesem Grund ist eine Taufbescheinigung für die jungen Gläubigen ein wichtiger Nachweis, um nicht in den Iran abgeschoben zu werden. Also darf der Taufkurs auch aus diesem Grund nicht zu lange dauern.

aber auch nachhaltiger. Der Taufgottesdienst stand unter dem Motto „Wir sind berufen zu taufen“.

Im Sommer 2016 taufte ich zwei Flüchtlinge. Bei der nächsten Taufe im Herbst 2016 blieb ich trocken und es tauften diejenigen, die beim letzten Mal getauft worden waren, um die Taufe multiplizierbar zu halten. Dafür wurden in der vierten Lektion über den Taufgottesdienst sowohl die Täuflinge als auch die Täufer gelehrt. Das machte das Ganze zwar aufwändiger,

Lehre befähigt unterwegs

Für die weiteren Treffen mit den Neugläubigen gab es erfreulicherweise schon den „Folgen & Fischen“-Kurs von Steve Addison in persischer Sprache. Aber auch hier fehlten Themen, die ich für besonders wichtig hielt, und musste improvisieren. Die Iraner und Afghanen lernen glücklicherweise zunehmend Deutsch, sodass die Verständigung leichter wird. Ein Übersetzer ist jedoch nach wie vor sehr wichtig.

Ziel der Lehre ist, Leute zu befähigen und zu trainieren, wie Gemeinde funktioniert. Sie sollen fähig sein, sich allein von Gottes Wort zu ernähren und es anzuwenden. Dafür muss man neue Gewohnheiten vermitteln und einüben wie etwa, sich regelmäßig Zeit mit Gott zu nehmen, die Bibel zu lesen und sie anzuwenden. Oft geschieht diese Umsetzung unterwegs. Es entstand beispielsweise ein Streit zwischen einem Afghanen und einem Die beiden gaben Iraner. Ich bereitete eine Lehreinheit sich die Hand und dazu vor. Wir lasen entsprechende alle applaudierten. Texte in der Bibel und ich erzählte davon, wie Gott in meinem eigenen Leben Hass und Groll überwunden hatte. Anschließend kam der Streit auf den Tisch und wurde tatsächlich vor allen und mit allen in der Gemeinschaft ausgetragen und gelöst. Die beiden gaben sich nachher die Hand und versöhnten sich. Alle applaudierten. In Zukunft sollen die neuen Gläubigen selber die Bibelgesprächsrunde leiten. Ganz langsam zwar, aber immerhin kristallisieren sich Leitertypen heraus, die ich per „Learning by Doing“ schule: Wir lesen gemeinsam die Bibel und sie entdecken die Inhalte selber. Ich lehre, indem ich Fragen stelle, die übersetzt werden, und bitte sie, sich darüber auszutauschen. Wenn der Austausch beendet ist, stelle ich die nächste Frage. Ich lasse mir das Fazit übersetzen, um zu überprüfen, ob der Kerngedanke verstanden wurde.

Fehler führen weiter Bei der Entwicklung und Anpassung der Lehre an die Zielgruppe habe ich auch Fehler gemacht. Aber Fehler zu machen und daraus zu lernen, gehört dazu. Schließlich gibt es nicht den einen, perfekten biblischen Lehrplan, der für alle gilt. Lehre und Lernprozesse sind immer individuell auf eine konkrete Gruppe bezogen. Das sehen wir auch bei Jesus, der als Rabbi seine Art des Lehrens aus dem jüdischen Kulturraum übernahm und seine Art und Inhalte des Lehrens immer auch an seine Zuhörerschaft anpasste (vgl. Mt 13,10-13).

DAVID SCHOTT hat ein großes Herz für Ostdeutschland und setzt sich für eine Jüngerschaftsbewegung in der Lausitz ein. Mit seiner Frau Lena lebt er als „Christ nebenan“ in Cottbus. TEAM COTTBUS

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Wie gehen wir mit Entscheidungen unserer Kinder um?

Gebe ich den Leistungsdruck der Schule auch zu Hause an meine Kinder weiter? Friederike Schäfer plädiert dafür, vor allem in die Beziehung unserer Kinder zu investieren. Als Eltern sind wir sehr oft mit den Entscheidungen unserer Kinder konfrontiert: Der Siebenjährige will sein Taschengeld sofort am ersten Tag komplett ausgeben, statt es sich einzuteilen. Die 13-Jährige verbringt mehr Zeit mit dem Handy als mit den Hausaufgaben. Der 17-Jährige besucht lieber Partys als den Gottesdienst. Der 20-Jährige gibt sein Geld für Dinge aus, die seine Eltern nicht mal anschauen würden, statt an seine Zukunft zu denken und einen Sparvertrag abzuschließen. In einem gewissen Rahmen haben auch unsere Kinder Entscheidungsfreiheit, die wir ihnen je nach Alter zugestehen müssen. Die Berufs- und Partnerwahl sind dann noch mal eine besondere Herausforderung. Da ist manchmal der Rat der Eltern gefragt – mehr aber nicht. Die Entscheidung dürfen sie nicht treffen.

Leistungsdruck weitergeben? Zudem erreichen das Kind viele Erwartungen von außen: Fast jeden Tag muss ein Schulkind sich beispielsweise dafür entscheiden, seine Hausaufgaben zu machen. Wie viel Streit und Stress gibt es täglich in deutschen Küchen, weil die Eltern die Position des Lehrers einnehmen und dessen Druck an das Kind weitergeben! Das kann die Eltern-Kind-Beziehung sehr belasten und den Familienfrieden ernsthaft stören. Wie soll man damit umgehen? Viel wichtiger, als den Leistungsdruck weiterzugeben, ist es, sich für das Wohlbefinden des Kindes zu entscheiden und zu engagieren. Ich glaube, ein Schulkind kann sehr wohl selbst entscheiden, was es in diese Art seiner Bildung investiert.

Die Beziehungen entscheiden Wir können als Vater oder Mutter dafür viele Gelegenheiten wahrnehmen, unserem Kind etwas beizubringen, das uns beiden Spaß macht. Die Beziehung, die wir dadurch zu unseren Kindern aufbauen und pflegen, wird über unsere Beziehungsqualität in den nächsten Jahrzehnten entscheiden.

Eine Langzeit-Studie der Harvard-Universität, die Menschen 75 Jahre lang begleitet hat, zeigte etwa, dass im Alter nicht der Cholesterinspiegel oder die gelungene Karriere entscheidend ist für die Gesundheit, sondern die Qualität der engen Beziehungen. Sie betrifft erst die Eltern und später auch das Kind.

Falsche Abzweigung genommen? Was aber, wenn das Kind an den wirklich wichtigen Kreuzungen falsche Entscheidungen trifft? Die Reaktion der Eltern wird die Qualität der Eltern-Kind-Beziehung zeigen: Baut sie auf Äußerlichkeiten und Erfolg? Oder geht es wirklich um die Herzens-Verbundenheit? Besonders eindrücklich finden wir alle die biblische Erzählung über den Vater, der das Erbe vorzeitig auszahlt und dann nach einiger Zeit einen völlig zerlumpten und verarmten Sohn zurückkommen sieht (Lk 15,11-32). So hatten sich das beide nicht vorgestellt. Trotzdem lesen wir nichts über Vorwürfe! Im Gegenteil: Der Vater teilt seine große Freude über die Rückkehr seines Kindes mit allen Hofbewohnern. Das zeigt auch etwas über die Prioritäten seines Lebens: Er kann seinen Reichtum und seine Karriere genießen. Aber er stellt sie nie über das Wohlergehen seines Kindes. Das ist eine wichtige Entscheidung, die Mütter und Väter treffen müssen.

FRIEDERIKE SCHÄFER hat sechs Kinder zwischen 29 und 16 Jahren, ist Erziehungsberaterin und lebt in BrakelFrohnhausen. TEAM WESERBERGLAND

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BUCHBESPRECHUNG: Ansteckende Jüngerschaft Mit Menschen auf Entdeckungsreise gehen David L. & Paul D. Watson

Dieses Buch ist eine Weiterentwicklung des David-Watson-Buches „Gemeindegründungsbewegungen“ und gliedert sich in zwei Teile: Im ersten geht es darum, welche Denkweise Menschen, die andere zu Jüngern machen, haben sollten – also um die geistlichen Grundlagen, wenn man Menschen mit dem Evangelium erreichen will. Die anderen zwei Drittel des Buches verfolgen den praktischen Ansatz: Was sollten Menschen tun, die andere zu Jüngern machen? Allein der unterschiedliche Umfang zeigt, dass dieses Buch für die Praxis gedacht ist. Um Fehler zu minimieren, sind die Grundlagen wichtig – aber entscheidend ist die Umsetzung. Im Klappentext heißt es dazu: „Die Autoren haben in ihrer eigenen Arbeit gelernt, dass es … nicht um Programme und Veranstaltungen geht. Wer seinen Glauben weitergeben will, lebt am besten bewusst einen erkennbar geistlichen Lebensstil und lässt Menschen, die dafür offen sind, entdecken, was die Bibel sagt.“ Die vielfältigen Tipps und Anregungen, wie das umzusetzen ist, machen dieses Buch wertvoll. Dabei wendet es sich keinesfalls nur an Vollzeit-Missionare, die ihre Berufung in diesem Auftrag sehen. Nein, auch wer in einer „klassischen“ Gemeinde lebt und mit einer kleinen Gruppe arbeiten oder neu anfangen will, findet reichhaltige Hinweise. Beeindruckt hat mich, dass auch das eigene geistliche Leben dabei hinterfragt wird. So stellt sich ganz neu die Frage, ob und wie ich selber Jüngerschaft verstehe und lebe. Das allein macht die Lektüre schon lohnenswert. Bernd Hüsken

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David & Paul Watson: Ansteckende Jüngerschaft Mit Menschen auf Entdeckungsreise gehen Movement-Verlag, 2016. Für 15,- Euro unter www.movement-verlag.de zu bestellen.


Buchauszug „Ansteckende Jüngerschaft“

Im Restaurant eine Person des Friedens finden Wie entdecken wir Menschen, die offen dafür sind, sich mit dem Glauben zu beschäftigen? Manchmal schickt Gott sie uns direkt über den Weg. Und darauf können wir uns vorbereiten. Ein Freund von mir ging zur Kasse, um das Essen zu bezahlen. Als der junge Angestellte der Burger-Kette das Geld entgegennahm, fragte er meinen Freund: „Glauben Sie, man kann so sehr beten, dass die eigene Familie in den Himmel kommt?“ Mein Freund stutzte verblüfft. In Ohio fängt man so keine Gespräche an, erst recht nicht mit Fremden. Er realisierte, dass der junge Mann möglicherweise eine Person des Friedens war. In den zwei Jahren, seit er mit unserem Jüngerschaftstraining begonnen hatte, bemühte er sich, ein Jünger zu sein, der andere zu Jüngern machte und ein Mann des Gebets zu werden.

„Was hat Gott Ihnen gesagt?“ „Haben Sie eine Bibel?“, antwortete mein Freund. Der junge Mann zögerte erst und sagte dann: „Ja ... ja, ich hab eine.“ „Wenn Sie zu Hause sind, holen Sie die Bibel raus und schlagen Sie Lukas, Kapitel 18, die Verse 1-8 auf. Ich komme in ein paar Tagen wieder und dann können Sie mir erzählen, wie Gott Ihre Frage beantwortet hat.“ Der junge Mann willigte ein. Mein Freund verstaute sein Geld, rief seine Familie zusammen und fuhr nach Hause. Ein paar Tage später fuhr er erneut in das Burger-Restaurant.

Und auch der junge Mann war da. „Hatten Sie Gelegenheit, die Geschichte nachzuschlagen?“ „Ja!“ „Was hat Gott Ihnen gesagt?“ „Es ist möglich, so sehr zu beten, dass die eigene Familie in den Himmel kommt.“ Dann machte er ein langes Gesicht. „Aber man weiß erst, ob es so ist, wenn man vor dem Richter steht.“ Mein Freund beugte sich zu ihm vor. „Wären Sie interessiert zu erfahren, wie Sie und Ihre Familie sicher wissen können, dass Sie in Gottes Reich kommen?“ Die Miene des jungen Mannes hellte sich auf. „Das könnten Sie mir erklären?“ „Ja und Sie auch. Ich habe einen Vorschlag: Wenn Sie Pause machen, kommen Sie an meinen Tisch und ich zeige Ihnen, was Sie tun müssen.“ Später erschien der junge Mann an seinem Tisch. Mein Freund führte ihn durch ein Entdeckerbibelstudium von 1. Mose 1,1 – 2,3. Er schlug dem jungen Mann vor, zu Hause seine Familie zusammenzurufen und dasselbe Studium mit ihnen zu machen. Er erklärte, er werde in der folgenden Woche wiederkommen und hören, wie es gelaufen sei. In der Woche darauf erschien mein Freund wieder. Er wartete, bis der junge Mann Pause machte und zu ihm an den Tisch kam. „Wie war’s?“

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„Alter ... das war die krasseste Geschichte, die ich je mit meiner Familie gemacht habe!“ Der junge Mann beugte sich vor. „Glauben Sie, es wäre okay, wenn ich diese Entdeckersache auch mit meinen Freunden mache?“ Das Erlebnis meines Freundes illustriert mehrere wichtige Punkte.

Jemand zu werden, der Personen des Friedens anzieht, dauert seine Zeit Mein Freund nahm schon zwei Jahre am Jüngerschaftstraining teil, als er den jungen Mann im Burger-Restaurant kennenlernte. Allerdings war das für ihn keine passive Wartezeit. Er arbeitete daran, deutlich erkennbar ein geistlicher Mensch zu werden. Er war bereits Gemeindepastor und übertrug die Prinzipien unseres Jüngerschaftstrainings auf seine Gemeinde. Er sammelte ein paar Freunde um sich, die regelmäßig beteten, und entwickelte einen Gebetskalender.

Eine Person des Friedens zu finden, erfordert Gottes Eingreifen Als mein Freund reifer darin wurde, Jünger zu sein und andere zu Jüngern zu machen, nahm Gott ihn mit hinein in seine Pläne, wie er verlorene Menschen in seinem Umfeld erreichen wollte. Gott wirkte durch den Heiligen Geist und bereitete den jungen Mann darauf vor, sein Wort zu hören. Er führte meinen Freund zur richtigen Zeit in das Restaurant. Gott ließ den jungen Mann diese Frage stellen und bereitete meinen Freund darauf vor zu antworten. Gott steht im Zentrum, wenn es darum geht, die Welt zu erreichen. Wir müssen auf ihn hören und uns in sein Wirken einklinken.

Wir müssen mögliche Personen des Friedens befähigen Jim, ein Freund und langjähriger Missionar, nennt drei entscheidende Eigenschaften von Personen des Friedens: Sie sind offen, eine Beziehung mit uns anzufangen. Sie sehnen sich nach geistlichen Antworten auf ihre tiefgehendsten Fragen. Und sie erzählen das, was sie lernen, weiter. Jim benutzt gern das Akronym OSE, um an diese Eigenschaften zu erinnern: Offenheit, Sehnsucht, Erzählen. Der junge Mann in der Burgerkette war erkennbar offen. Er ging auf meinen Freund zu. Seine Frage und die Tatsache, dass er die Geschichte nachschlug und las, deutet auf seine Sehnsucht nach geistlichen Antworten auf seine Fragen hin. Und schließlich erzählte er seiner Familie davon und der Gedanke, alles mit seinen Freunden zu teilen, begeisterte ihn. Glauben Sie nicht, jeder freundliche Mensch sei eine Person des Friedens. Sondern versuchen Sie, diese Person zu befähigen, wie mein Freund es mit dem Mann im Restaurant tat.

Wir brauchen nicht jede Gruppe selbst zu leiten Mein Freund leitete das erste Treffen mit dem jungen Mann. Daraufhin wiederholte der junge Mann das Treffen sofort mit seiner Familie. Mein Freund lernte sie gar nicht kennen. Aber durch viele Fragen wusste er, wie das Bibelstudium verlief und welche Fragen die Familie stellte. Vom ersten Treffen an setzte mein Freund den jungen Mann als Leiter dieser Gruppe ein.

IMPRESSUM Herausgeber Deutsche-Inland- Mission e.V. Bahnhofstr. 13 58332 Schwelm e-Mail: siehe Vorstand Internet: www.dim-online.de 11. Jahrgang Konto Spar- und Kreditbank Bad Homburg Friedberger Str. 101 61350 Bad Homburg IBAN: DE04500921000000505005 BIC: GENODE 51BH2 Nachdruck Erwünscht nach Genehmigung durch Herausgeber und Autor LEKTORAT Anja Schäfer brennpunkt@dim-online.de

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Verantwortlich Der Vorstand Wolfgang Klöckner Eichenweg 7 87364 Obergünzburg Tel.: 08372/3153899 e-Mail: kloeckner@dim-online.de Bernd Hüsken Bahnhofstr. 13 58332 Schwelm Tel.: 02336/914566 e-Mail: huesken@dim-online.de David Sweet Otto-Nuschke-Str. 15 15517 Fürstenwalde Tel.: 03361/736654 e-Mail: sweet@dim-online.de Klaus Zank Auf der alten Fuhr 17 51709 Marienheide Tel.: 02264/29826 e-Mail: zank@dim-online.de Christian Marsch Schachtstr. 7 58256 Ennepetal Tel.: 02333/87093 e-Mail: marsch@dim-online.de

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CURTIS´ KOLUMNE Weil er 54 Wochen lang hartnäckig blieb An dieser Stelle veröffentlichen wir in jeder Ausgabe Gedanken von Curtis Sergeant, der mit seinen klaren, biblischen Einsichten dazu inspiriert, den Glauben weiterzugeben. Ich möchte heute die Geschichte von meinem Vater erzählen, die zeigt, wie wichtig Geduld und Ausdauer sind, wenn wir Menschen zu Jesus einladen. Mein Vater wuchs in einer ungläubigen Familie auf, die nie zur Kirche ging. Sie waren Bauern. Er war im ersten Jahr der Mittelschule, es war Ostersonntag und er pflügte gerade mit dem Maultier einen Acker. Ein Schulkollege fuhr in seinem Pick-up über das Feld und lud meinen Vater ein, mit in die Kirche zu kommen. Mein Vater sagte: „Nein, ich muss den Acker heute noch zu Ende pflügen. Das dauert den ganzen Tag, deshalb kann ich nicht mitkommen – tut mir leid.“ Am nächsten Sonntag kam der Junge wieder. Mein Vater hatte eine Entschuldigung und fuhr auch diesmal nicht mit. Und so ging es weiter. Die Szene wiederholte sich wieder und wieder und wieder. Ein Jahr später kam der Junge am Ostersonntag wieder über das Feld gefahren. Mein Vater stand auf demselben Acker mit demselben Maultier und als er ihn kommen sah, wurde ihm klar: Dieser Kerl ist seit 53 Wochen hinter mir her. Ich muss endlich etwas tun, um diesen Fanatiker loszuwerden! Also sagte mein Vater: „Ich muss diesen Acker pflügen und das wird den ganzen Tag dauern. Heute kann ich nicht mitkommen, aber wenn du nächste Woche wiederkommst, bin ich dabei.“

Er dachte, das sei der einzige Weg, diesen Kerl loszuwerden. In der nächsten Woche, der 54. Woche, kam der Junge erneut. Mein Vater fuhr mit ihm in die Kirche und hörte das Evangelium zum ersten Mal. Der Pastor predigte über 1. Johannes 1,9-10: „Wenn wir unsere Sünden bekennen, ist er treu und gerecht, dass er uns unsere Sünden vergibt und uns reinigt von aller unserer Ungerechtigkeit“. Die Predigt berührte das Herz meines Vaters und in der Woche darauf war er bereit, Jesus sein Leben zu geben. Schließlich wurde mein Vater Missionar und ich wurde in eine christliche Familie hineingeboren, in eine Missionarsfamilie. Und schließlich wurde ich selbst Missionar und habe weltweit erlebt, wie viele Menschen zu Jesus fanden. Ich habe den Mann einmal kennengelernt, der so hartnäckig an meinem Vater drangeblieben ist: Nach der Mittelschule hat er keinen Tag länger die Schule besucht. Er hat nie dieses winzige Städtchen verlassen, in dem er lebte, und hat in einem kleinen Eisenwarengeschäft gearbeitet. Aus irdischer Perspektive hat er nichts von Bedeutung geleistet, er reiste nirgendwohin. Nichts. Und doch beeinflusste dieser Mann die Welt: Er beeinflusste sie, weil er treu und ausdauernd und geduldig blieb und meinen Vater erreichte. Am Ende hatte das Auswirkungen auf die ganze Welt.

Curtis Sergeant hat in China als Missionar der Southern Baptists eine rasant wachsende Gemeindegründungsbewegung begleitet, war Leiter der Gemeindegründungsarbeit der Saddleback-Gemeinde und schult Christen vor Ort in Alabama und weltweit in ansteckender Jüngerschaft. Kurze Trainigsvideos von ihm gibt es unter: http://bit.ly/1Vn4aQC

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Brennpunkt Gemeindegründung 2017-01  

Die Gabe der Lehre: Soviel mehr als predigen

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