Page 45

I

ch habe mir Mühe gegeben, als es darum ging, den Moment der Frage „Willst du mich heiraten?“ individuell und unvergesslich zu gestalten – viel Mühe. Im Grunde dauerte der Antrag einen Monat: Jede Woche schenkte ich meiner Liebsten eine persönliche Kleinigkeit, dann, an unserem Jahrestag, die Ringe. Und auch für den Abend hatte ich noch die eine oder andere Überraschung im Ärmel. Alles in allem eine Menge Gedanken und ein Haufen geheimer Absprachen. Planung genug für meinen Geschmack – zumindest für eine Weile. Genau aus diesem Grunde hatte ich folgenden Wunsch: „Können wir mit den Plänen für die Hochzeit bitte erst morgen anfangen?“ Als ich darauf nicht mal ein offensichtlich geschwindeltes Ja bekommen habe, hätte es mir eigentlich schon klar sein müssen – ab SOFORT gibt es nur noch ein (Haupt-)Thema: Unsere Hochzeit samt der Eckpunkte Wo? Wann? Mit wem? Wie?

Hätte es mir klar sein sollen, dass es nur noch ein Thema geben würde?

Anfangs war ich noch recht entspannt. Schließlich waren wir schon gemeinsam auf Hochzeiten von denen wir uns einiges abgucken konnten. Das Ergebnis war eine gemeinsame Idee über die wichtigsten Rahmenpunkte unseres eigenen Festes. Nachdem die Wunschlocation ohne größere Probleme gefunden und für unseren Termin gebucht werden konnte, war die Sache für mich in trockenen Tüchern. Das Bisschen Caterer beauftragen, Getränke bestellen und so weiter – das kann ja kein großer Aufwand mehr sein. Stimmte auch. All diese Punkte waren schnell und unkompliziert geregelt. Auch die Einladungen und die damit verbundene Gästeliste schafften wir ohne größere Streitigkeiten. Die wichtigsten Fragen waren geklärt: Wann? – Check! Wo? – Check! Mit wem? – Check! Wie? Auch Check! Noch ein wenig darum gekümmert, wer wie wo schlafen kann, Playlist erstellen und eine grobe Idee der Deko samt Farben. Fertig – dachte ich zumindest. Genau darin lag der Trugschluss: Ich übersah dabei, dass für meine Frau eben noch nicht alles klar war:

Wann? hieß für sie: „Wann GENAU?“, Wo? bedeutete „Wo GENAU?“ Und: „Wer/Mit wem GENAU?“ Am Schlimmsten: „Wie GENAU?“ Reichlich Detailfragen beschäftigten sie und damit auch zwangsläufig mich: Wann sollen die Servicekräfte anfangen, die Gläser für den Sektempfang zur Hälfte zu füllen? Wann sollen die Gläser ganz gefüllt werden? Wo genau lassen wir uns von unseren Gästen gratulieren? Wer wird uns Kuchen für den nächsten Tag sichern? Wie kennzeichnen wir die Tortenheber, damit wir sie hinterher zur passenden Tortenplatte und zum passenden Besitzer bringen können? Was benutzen wir als Aschenbecher, das a) funktional ist, b) die Gesamt-Deko nicht zerstört? Unser Arbeitszimmer verwandelte sich zusehends: gespannte Leinen mit Liedtexten, Kuchen- und Dip-Listen, Farbfächer aus kleinen Briefumschlägen, Merkzettel jeglicher Form und Farbe, Ablauf- und Packlisten, ein Flipchart mit To-do-Post-its an der Tür. Auf dem Computer ein Ordner mit 1 673 Objekten in neun Unterordnern. Darunter Bilder, die zur Inspiration dienen sollen, eine alphabetisch geordnete Liste zu Internetseiten, die in stundenlangen Recherchen zusammengetragen worden ist und Ablaufpläne für alles

und jeden. Die Hochzeits-Kommandozentrale war eingerichtet. Natürlich kann sich keine Frau ganz allein um alles kümmern. Und so delegierte sie Aufgaben an freiwillige Helfer frei nach dem Motto: Vertrauen ist gut, abgehakte Checklisten sind besser. Mir als Bräutigam stellte sie sogar ein ,Beratungsteam‘ für die Auswahl meines Anzuges zur Seite. Planung ist eine Kunstform, ich hatte es immer schon geahnt… Heute zeigt die Timeline auf Masking Tape im Türrahmen noch elf Wochen bis zum großen Tag und nun endlich ist auch für meine Braut so langsam alles geklärt. In unsere Gespräche schleichen sich wieder andere Themen ein. Natürlich war und bin ich manchmal genervt und stets erstaunt, was man noch alles finden kann, was bedacht werden muss. Aber genauso bin ich mir zu 100 % sicher, dass es am Tag selbst keine Situation geben kann, für die nicht irgendjemand genauste Instruktionen hat. Ihre Arbeit wird sich auszahlen und ich werde anerkennen, dass Sie es mit ihrem Wahn tatsächlich geschafft hat, eine fantastische Feier und damit den perfekten Start in unser Eheleben zu organisieren. Dazu bleibt mir noch eins zu sagen: Danke, Liebe meines Lebens.

05/2012 www.Eigenwerk-Magazin.de

45

Eigenwerk-Magazin #05  
Eigenwerk-Magazin #05  

Eigenwerk-Magazin #05 - Die Wedding Ausgabe

Advertisement