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Backstage

Marius Mohn (39), Versilberer, Graveur, Mädchen für alles und Poolhall-Junkie Haufenweise Besteck landete im Müll, als ich vor eineinhalb Jahren mein Debüt als Galva­ niseur bei Sola gab – darunter auch der eine oder andere Silberschmuck von mir, den ich zum Üben in die Werkstatt mitgenommen hatte. Der Versilberungsprozess funktioniert elektrolytisch. Als Laie ist das eine ziemlich knifflige Angelegenheit. Gibt man zu wenig Strom, werden die Teile milchig grau, zu viel Strom, und die Oberflächen werden rau. Zu meinem Unglück stand damals auch gleich ein grosser Auftrag an: 30̓000 Teile sollten innert dreier Monate versilbert werden. Ich musste in die Bresche springen und mir das Handwerk in einer Woche von Grund auf an­ eignen. Ehrlich gesagt wollte ich zuerst alles hinschmeissen. Doch dann hatte ich plötzlich den Dreh raus. Heute habe ich selbst versil­ bertes «Baguette»-Besteck zu Hause. Ist eine Glühbirne kaputt, das Dach über­ schwemmt oder eine Hebebühne beschädigt, ruft man nach mir. Ich bin Mädchen für alles und Improvisationskünstler – manchmal füh­ le ich mich wie MacGyver, der mit Kreditkar­ te und Kaugummi Computer flickt. Dabei musste ich mir früher immer wieder anhören, dass ich keinen Nagel gerade in die Wand hauen könnte – für einmal war da meine gan­ ze Familie einer Meinung. Mein Motto? Mach das Beste aus dem, was du hast.

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Ich bin ein grundsätzlich launischer Mensch. Mein MP3-Player ist mein Stimmungsbaro­ meter. Bin ich gut gelaunt, klimpern Funk und Jazz durch die Werkstätte. Muss ich was los­ werden, dröhnen Metallica und Rage Against the Machine aus den Lautsprechern. Dvořák läuft, wenn die Melancholie in mir hoch­ kommt. Ich arbeite gerne mit meinen Händen. Nichts ist automatisiert in unserer Werkstatt, wir arbeiten wie vor hundert Jahren. Aller­ dings gehen beim Versilberungsprozess ziem­ lich viele T-Shirts drauf – die Spritzer der Säurebäder kennen kein Pardon. Dass Billard mehr ist als ein Spiel, bei dem man auf Kugeln haut, weiss ich seit zehn Jah­ ren. Mittlerweile besitze ich einen eigenen Pooltisch und habe mit Freunden einen Raum gemietet, wo wir uns regelmässig zum Spie­ len treffen. Die Präzision, auf die es beim Bil­ lard ankommt, fasziniert mich. Ab und an werfe ich mich an Plauschturnieren in Schale. Einfach so, weil es mir Spass macht, in ande­ re Rollen zu schlüpfen. Ich durfte auch mal in einem apokalyptischen Science-FictionKurzfilm mitmachen. Ich habe einen der letz­ ten Überlebenden gespielt, einen Sonnyboy mit Roboter-Geisha. Einziger Wermutstrop­ fen dabei war, dass mein – zugegebenermas­ sen miserables – Hochdeutsch synchronisiert wurde.

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Gazette 11/01 Seite 22 Profil Mariush Mohn von Sola

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