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Landwirtschaft − weltweit

Nr. 1 7. Januar 2012

Weltmarktpreis und Handhacke Selten denkt man beim Anziehen seiner Kleidung aus Baumwolle daran, dass am Anfang dieser Wertschöpfungskette ein Landwirt steht. In Malawi profitieren Kleinbauern von einem Qualitätslabel, das sich „Cotton made in Africa“ nennt. Früh um fünf wirft die Sonne ganz lange Schatten. Die Kühle des Morgens hat viele Bäuerinnen und Bauern auf die Felder gelockt. Die Wolken des Vortages sind verzogen, es wird wohl wieder keinen Regen geben. Es ist Anfang Dezember im südöstlichen Afrika; schon seit Wochen hat Kaunda Namwera seine Felder in reiner Handarbeit vorbereitet und wird ungeduldig. Seine Baumwollsamen müssen in den Boden. Ab Mitte November rechnet man in Malawi mit der großen Regenzeit. Bis Mitte Dezember sollte gesät sein, damit die Baumwolle rechtzeitig vor der kleinen Re-

genzeit im Mai reif ist und ohne Qualitätsverluste geerntet werden kann. Schon der Vater des 31-jährigen Kleinbauern hat Baumwolle angebaut. Viele von Namweras Kollegen haben die gut verkäufliche Cash-Crop dagegen erst kürzlich in ihre Fruchtfolge integriert. Davor bauten sie in erster Linie für den Eigenbedarf Mais, Bohnen, Kassava oder Erdnüsse an. Auch wenn die meiste Nahrung noch immer selbst erzeugt wird, werden Geldeinnahmen immer wichtiger. Für die bessere Schulbildung der Kinder, Dinge des täglichen Bedarfs wie Batterien,

Erntezeit für die aufgesprungenen Kapseln ist in Malawi im Mai. Der fest in die Wolle verwobene Baumwollkern hat einen Gewichtsanteil von 60 Prozent.

Kleider oder Medikamente − oder für ein Handy. In diesem Jahr gab die Regierung nach der erstmaligen Registrierung der Bauern, die oft keinen Personalausweis besit-

Saatgut von der Regierung zen, sogar Saatgut aus. 20 Prozent der Kosten dafür werden beim späteren Verkauf der Rohbaumwolle wieder abgezogen. Ein noch größerer Anreiz für den Einstieg in diese Kultur bie-

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Baumwollsaat im Dezember: Kaunda Namwera (r.) und sein Berater Gift Kumadze legen fünf Samen im Abstand von 45 cm. Später wird auf zwei Pflanzen vereinzelt. tet jedoch ein Beratungsprogramm der im ganzen Land tätigen Baumwollgesellschaft „Great Lakes Cotton Company“ (GLCC). Mit Hilfe einer bis in kleinste Dörfer organisierten Beraterstruktur werden Demonstrationsfelder angelegt, Treffen organisiert und mit einem einfachen „Fünf-Finger-System“ die wichtigsten Grundregeln im Anbau vermittelt. Das sind frühe und saubere Feldvorbereitung,

Textilkette und Weltmarkt Rund 200 Tage vergehen zwischen Baumwollaussaat und Reife. Nach der Ernte werden in Entkörnungsanlagen in einem technisch aufwendigen Verfahren Samen und Samenfäden voneinander getrennt. Rund 60 Prozent des Gewichts entfallen auf die Samen, sie werden zu Öl gepresst und sind als Viehfutter gefragt. 40 Prozent sind Rohbaumwolle, die in Ballen zu etwa 90 Kilogramm gepresst wird. Qualitätsmerkmale sind Faserlänge und Sauberkeit. Meist über internationale Handelsvertreter wird die Rohbaumwolle an die Spinnereien zur Garnherstellung verkauft. Von hier gelangt das Garn in die lange textile Kette bis zum fertigen Kleidungsstück. Textilindustrie ist vor allem in China, der EU, Türkei, Bangladesch, Indien oder Kam-

bodscha ansässig. Hauptanbauländer sind China, Usbekistan, USA, Ägypten, Indien, wo meist großflächiger und auch unter Bewässerung angebaut wird. Aus Sub-SaharaAfrika kommen rund zehn Prozent der Weltproduktion. Aktuell liegt der Preis bei 1,54 Euro/kg (14. 12. 2011, Quelle: Bremer Baumwollbörse). Als Hauptgrund für hohe Preise in 2010 werden sinkende Anbauflächen in China (man baut dort immer mehr Nahrungsmittel an) bei gleichzeitig steigender Nachfrage gesehen. Auch in Malawi sind chinesische Aufkäufer auf dem Vormarsch. Als ungerecht kritisieren die afrikanischen Kleinbauern, dass sie mit den gleichen Preisen leben müssen wie etwa ihre amerikanischen Kollegen, die dafür staatliche Subventionen bekommen.ses


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richtiger Saatzeitpunkt und Saatstärke, regelmäßige Unkrautbekämpfung und Schädlingsbekämpfung nach dem Schadschwellenprinzip. Auf die gute Organisationsstruktur von GLCC wiederum setzt „Cotton made in Afrika“ (CmiA). Noch reichen die Lizenzeinnahmen durch den Textilverkauf in Europa nicht aus, um die Beratung der malawischen Bauern zu finanzieren oder einen Mindestpreis zu garantieren; internationale Geldgeber schieben an (siehe Kasten). Wichtige Vorbildfunktion vor Ort haben die sogenannten

„Lead farmer“, führende Farmer, die anderen Tipps geben und Vorbild im Anbau sind. Namwera ist Lead Farmer und ein angesehener Mann. Er besitzt zwei Hektar Land und baut im Wechsel mit Mais Baum-

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Deutlich mehr Ertrag wolle an. Sein Boden ist locker, sandig und fruchtbar, nur ein Kilometer entfernt vom Shire River, einem Ausfluss des Malawi-Sees. Seine Erträge konnte Namwera in den letzten Jahren

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steigern, von etwa 600 kg auf 850 kg/ha Rohbaumwolle. Sein Einkommen auch nur annähernd planen kann er damit aber nicht. Der Preis schwankt je nach Weltmarkt stark und entsteht im fernen Liverpool oder New York. 2010 war ein sehr gutes Jahr: Er bekam etwa 180 Kwacha/kg Rohbaumwolle (0,80 Euro). In der Hoffnung auf ähnliche Preise werden in diesem Jahr deutlich mehr Felder mit Baumwolle bestellt. Viel-

leicht ist der Preis aber nur halb so hoch. Das Reetdach von Namweras Haus wurde durch Blech ersetzt. Auf der Veranda herrscht seit einigen Monaten reger Betrieb: Zusammen mit seiner Frau Wema verkauft er Batterien, Streichhölzer, Rasierklingen, Reis, Seifen oder auch einzelne Zigaretten. Der kleine Laden, der aus den BaumwollEinnahmen finanziert werden konnte, beschert der fünfköpfi-

Aus dem nahen Shire-Fluss kommen nachts tonnenschwere Flusspferde und richten großen Schaden an.

Unkraut jäten und Dämme ziehen, alles wird mit einer etwa 80 cm langen Handhacke erledigt.

Cotton made in Africa Die 2005 ins Leben gerufene Handelsinitiative „Cotton made in Africa“ (CmiA) soll afrikanischen Kleinbauern helfen, ihre Baumwolle wirtschaftlich, ökologisch und sozial verträglicher anzubauen. Bei Otto, Tchibo, s’Oliver, Tom Tailor

Amerikanische Technik aus den 1960ern wird in der Entkörnungsanlage der „Great Lakes Cotton Company“ in Balaka eingesetzt, die CmiA-Baumwolle verkauft.

oder Puma finden sich CmiATextilien im Angebot, wenn man danach sucht. Die Firmen zahlen pro verkaufter Textilie sechs bis acht Cent Lizenzgebühr und haben sich mit anderen Partnern in der „Aid by Trade Foundation“ zusammengeschlossen. Erzielte Überschüsse sollen nach dem Prinzip des sozialen Handels an die afrikanischen Kleinbauern weitergeleitet werden. Afrikanische Partnerländer sind derzeit die Elfenbeinküste, Benin, Burkina Faso, Sambia, Mosambik und Malawi. In einem Public Private Partnership haben sich staatliche oder öffentliche Institutionen mit der Privatwirtschaft zusammengeschlossen, das Projekt ist bis 2015 angelegt. Geldgeber sind vor allem die Bill & Melinda Gates Stiftung und die Deutsche Entwicklungs- und Investitionsgesellschaft DEG. Das Konzept CmiA weicht vom klassischen Fair Trade ab, was manche wegen der Verwechselbarkeit kritisieren. Auch betrachtet CmiA in erster

Linie die Standards des Rohprodukts und nicht der gesamten textilen Wertschöpfungskette, wie es viele Fair-TradeLabel machen. Darauf verweist Claire Lissaman vom Ethical Fashion Forum/London. Beim Fair Trade legt eine Gemeinschaft, etwa eine Kooperative, einen Mindestpreis fest, auf den dann noch eine Prämie bezahlt wird. Diese wird für das Gemeinwohl verwendet. Ein Problem des fairen Textilhandels ist, dass das teurere Angebot die Nachfrage oft übersteigt. Wie Roger Peltzer von der DEG-Entwicklungsbank betont, soll sich das Gütesiegel CmiA bewusst im Standardgeschäft des sehr hart umkämpften Textilmarktes durchsetzen und die Nachfrage nach hochwertiger afrikanischer Baumwolle und ihre Preise mittelfristig steigen lassen. 2007 wurden zehn Millionen Stück Textilien verkauft, 2011 rund 700 000 Euro Lizenzgebühren eingenommen und allein in Malawi rund 58 000

Dieses Logo soll zukünftig noch deutlicher auf die afrikanische, kleinbäuerliche Herkunft von Baumwolle hinweisen. Kleinbauern erreicht. Die Erträge wurden schon um rund 30 % gesteigert und liegen bei etwa 800 kg Rohbaumwolle/ha. Man sei aber noch lange nicht am Ziel. Bei 45 Mio. Stück pro Jahr und noch weiteren Handelspartnern sei das Label am ses Massenmarkt etabliert. www.cotton-made-inafrica.com


Der sonntägliche Kirchgang ist dann noch feierlicher und es gibt mit Reis und Hühnchen Abwechslung zu dreimal täglich Maisbrei. Er und seine Frau wünschen sich für die Zukunft, dass sie ihren Kindern eine bessere Schulbildung ermöglichen können als die hoffnungslos überfüllten staatlichen Schulen. Die besseren Privatschulen kosten Geld. Bei weiteren Mehreinnahmen will er außerdem Herbizide für die Unkrautbekämpfung einsetzen. Bis es so weit ist, schwingt er weiter seine Handhacke. ses Weitere Bilder aus Malawi finden Sie online unter www.badi sche-bauern-zeitung.de.

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Bilder: Sester

gen Familie ein kleines Zusatzeinkommen. Warenlager ist ein Schrank im Hausflur. Hier werden Portionsbeutelchen mit Speiseöl abgefüllt, denn die meisten Dorfbewohner haben nicht genug Bargeld, um etwa eine Flasche Öl zu kaufen. Rund 200 Sonnentage braucht die Kultur. Zwei- bis dreimal wird Unkraut gejätet, regelmäßig auf Schädlinge kontrolliert. Gefürchtet sind tierische Schädlinge wie Heuschrecken, Baumwollkapselbohrer oder Blattläuse. Gift Kumadze ist einer von 130 GLCC-Beratern und sorgt unter anderem auch dafür, dass Namwera und seine Kollegen an Pflanzenschutzmittel kommen. Bei der akuten Devisenknappheit des Staates kein leichtes Unterfangen! Erst wenn die Schädlingszahl in einem drei mal drei Meter großen Feld eine bestimmte Schadschwelle überschreitet, rücken die Bauern mit einer Rückenspritze aus. Dass dabei Schutzkleidung getragen wird und keine Kinder in der Nähe sind, ist eines der Ziele von CmiA. Gegen einen tierischen Schädling hilft keine Chemie: nächtliche Besuche von Flusspferden aus dem Shire-River. Von einer Entschädigung können die Bauern nur träumen. Wenn jetzt bald Regen fällt und er vor den Weihnachtsfeiertagen säen kann, ist Kaunda Namwera dennoch zufrieden.

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Wema Namwera und ihre Kinder Kevin, Rose und Clara (v.l.) essen dreimal am Tag Mais, dazu etwas Gemüse.

Armes Land mit landwirtschaftlichem Potenzial Malawi ist ein dicht besiedeltes Binnenland im südöstlichen Afrika mit 14 Millionen Einwohnern. Hauptstadt ist Lilongwe, die wirtschaftlich stärkste Stadt aber Blantyre im Süden. Am bekanntesten ist der fast 500 km lange und sehr tiefe Malawi-See am Ende des ostafrikanischen Grabensystems. Bei subtropischem Klima gibt es zwei Regenzeiten: zwischen November und März und im Mai. Malawi zählt zu den ärmsten Volkswirtschaften der Welt, das Bruttoinlandspro-

dukt (BIP) pro Kopf beträgt 142 Euro pro Jahr. Die Wirtschaft hängt von den Zuschüssen von IWF, der Weltbank und einzelnen Spendernationen ab, darunter auch Deutschland. Im Human Development Index (Menschlicher Entwicklungsindex) liegt das Land auf Platz 171 von 187. Mehr als ein Drittel der Menschen kann weder lesen noch schreiben. Aids fordert viele Opfer. Das jährliche Bevölkerungswachstum von über zwei Prozent verschärft die Landknappheit. 90 Prozent der Bevölkerung

leben von der Landwirtschaft. Von Dürren abgesehen bietet das Land gute Bedingungen für den Ackerbau. Hauptnahrungsmittel ist der Mais. An Verkaufsfrüchten steht ganz vorne Tabak (mit sinkender Tendenz) auf Platz 1, gefolgt von Tee und Zuckerrohr. An vierter Stelle kommt Baumwolle, die Anbaufläche beträgt etwa 62 000 ha. Ihr Anteil soll in den nächsten Jahren mit Hilfe staatlicher Programme steigen. Quellen: kfw-Entwicklungsbank, Malawischer Bauernverband, Sester

Die Armut hat Gesichter bekommen Entscheidungsträger aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Bankenwesen lebten Anfang Dezember einige Tage in malawischen Bauernfamilien. Organisiert wurde der Aufenthalt durch den von den kirchlichen Hilfswerken getragenen „Exposure- und Dialogprogramme e.V.“. minimales Einkommen, ein größeres Haus konnte gebaut

Bild: privat

Aus den Erfahrungen erlebten die Teilnehmer, wie arme Menschen aus eigener Kraft ihre Situation verbessern und welche Werte sie dabei leiten. Unter den Teilnehmerinnen war auch Dr. Christine Natt, die Vizepräsidentin der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung in Bonn. „Meine Gastfamilie lebt sehr einfach. Sie hungert nicht, weil sie neben Baumwolle auch Nahrungspflanzen für den Eigenbedarf anbaut. Das geschieht in einer gesunden Fruchtfolge“, berichtet sie. Die Baumwolle sorge für ein

werden. „Die Abhängigkeit vom Weltmarktpreis gibt es ja auch bei vielen unserer landwirtschaftlichen Produkte. Bei den niedrigen Erträgen und Einkünften der Bauern in Malawi hat ein Abfall im Preisniveau aber ungleich gravierendere Auswirkungen auf das Le-

Nadine Schön (r.) in ihrer Gastfamilie.

ben der Familie“, sagt sie fast etwas zornig. Sie sieht auch die Gefahr der Konkurrenz zwischen Cash Crop und Nahrungsmittel, weshalb der Erhalt der Bodenfruchtbarkeit durch Fruchtfolge sehr wichtig ist. Für Nadine Schön, MdB für das nördliche Saarland, war es als Mitglied im Wirtschaftsausschuss eine wichtige Erfahrung, zu erleben, wie weltweite Handelsbeziehungen sich lokal in Afrika auswirken. Bemerkenswert fand sie den Vergleich der Bemühungen in ihrer Heimat, Landwirten verstärkt mit regionalen Wertschöpfungsketten zu einem besseren Einkommen zu verhelfen, und der totalen Abhängigkeit der Baumwoll-Bauern vom Weltmarktpreis und der globalen ses Textilkette.


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