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Historische Filme aus Davos

Der R채cher von Davos Ein Film von Dr. Stefan Markus

editionZAUBERBERG


Curò Mani

Josephine Baker

Titel: Produzent: Produktionsfirma: Regie: Regiebuch: Drehzeit: Drehort: Länge: Kameraführung: Erstaufführung:

Le justicier de Davos Dr. Stefan Markus Gotthard-Film AG, Zürich Dr. Heinrich Brandt Dr. Heinrich Brandt, Dr. Stefan Markus März 1924 Davos, Parsenngebiet, Glaris, Frauenkirch 6 Akte / 200 m Hans Block Oktober 1924 in Paris und 21. Januar 1925 in Zürich Curò Mani, Davos (Quelle: Cinémathèque Suisse)

Filmmusik 2009:


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Wer ist der Rächer? Agnès Parray verbringt ihren Aufenthalt in Davos mit ihrem geliebten Bob. Doch bald verliebt sie sich in den Grafen von Milesco, einen skrupellosen Abzocker. Agnès gibt Milesco eine hohe Geldsumme, mit welcher er spurlos verschwindet. Agnès ist vom Schmerz zerrissen und flüchtet in den Schnee. Fred Zente und sein Vetter Charles Sanders finden die verstörte Agnès und retten sie. Indessen hört Bob von diesem Vorfall und schwört Rache am Grafen von Milesco. In der Zwischenzeit ist Milesco zu seiner Komplizin, der Baronin Métard, zurückgekehrt. Während eines Spaziergangs findet Bob die Spur von Milesco wieder und stellt ihn zur Rede. Das Gespräch endet in einem Kampf und Milesco stösst Bob in eine Schlucht. Bob überlebt den Sturz. Eine wilde Verfolgungsjagd durch Davos beginnt. Milesco kann bis zum Wiesnerviadukt fliehen. Doch dort stürzt er sich aus Verzweiflung in die Zügenschlucht …


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Ich war fast so schnell wie Jesse Owens Hektik auf der Eisbahn in Davos. Ein Eishockeyspiel. Doch da waren noch andere Leute neben der Eisbahn, mit Kameras, und ein Deutscher hielt ein Megafon in den Händen. Dieser gab den Eishockeyspielern lautstarke Anweisungen. Da stand ich nun, inmitten des Trubels, und bewunderte die Sportler und die Filmcrew. Es war ein sonniger Tag im März 1924, kurz vor meinem zehnten Geburtstag. Mutter hatte mir erzählt, dass die 1. Olympischen Winterspiele in Chamonix stattfinden. Wahnsinn, die Olympischen Spiele, da würde ich gern einmal mitmachen, dachte ich mir und träumte vor mich hin. Plötzlich stand eine Frau neben mir und sagte: «Hallo, mein Name ist Elena Lunda, ich spiele in dem Film mit. Es wird eine Liebes- und Abenteuergeschichte und zum ersten Mal werden alle Wintersportarten in einem Film vereint. Der Film heisst ‹Der Rächer von Davos›, und wer bist du?» Ich war verdutzt, wie sie mich aus meinen Träumen als Olympia-Sportler riss. «Mutter sagt, ich soll nicht mit fremden Leuten reden. Aber ich heisse Werner Christen*.» Ich rannte davon und stolperte über einen Koffer mit dicker Aufschrift: «Filmgesellschaft Gotthard – Film AG.» Ich ging in Richtung Promenade zurück, wo unser Hotel war. Mutter und ich waren hier in den Ferien. Eine Freundin von ihr machte hier in Davos eine Kur und wir begleiteten sie. «Werner! Werner! Los wir essen, wo hast du bloss gesteckt?», rief sie vom Balkon herunter. Ich ging ins Hotel und erzählte ihr vom Filmdreh am Eisfeld. Sie fing an zu kichern und sagte: «Ja Werner, ich habe von diesem Film gehört. Weisst du, was im Dorf gemunkelt wird?» – «Nein, was denn?», fragte ich verwundert. «Vor etwa fünf Jahren da sprach ganz Davos von einem Film, der hiess ‹Blinde Ehemänner – Die Rache der Berge›. Ein deutscher Regisseur namens Erich von Stroheim drehte den Film in den Dolomiten, in Italien. Die Geschichte im Film handelt von einem Arzt, der mit seiner Frau in den Bergen Ferien macht. Jedoch vernachläs*

Christen (1914 –2008) war Sportlehrer an der Schweizerischen Alpinen Mittelschule Davos.


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Hockeymatch in den 30er Jahren: schöne Hüte statt Helme.

sigt er sie ein wenig. Dies nutzt ein deutscher Offizier aus, der im selben Hotel übernachtet, und versucht sie zu verführen. Der Arzt bemerkt dies und will sich am Offizier rächen. Er lädt ihn zu einer Klettertour ein.» «Nun, der Film, den sie jetzt auf der Eisbahn drehen, hat eine ähnliche Geschichte. Man munkelt sogar, der Produzent Stefan Markus habe die Idee gestohlen. ‹Blinde Ehemänner› war nämlich ein grosser Erfolg und brachte Erich von Stroheim lukrative Regieaufträge bei den Universal Studios ein. Daraufhin wurde er ein reicher und gefragter Mann. Stefan Markus sei wohl neidisch.» Ich war ein wenig enttäuscht; warum hat Stefan Markus keine eigene Idee für seinen Film? Später, nach dem Essen, ging ich auf die Promenade, um dort mit meinen neuen Freunden zu spielen. Die Promenade war abgesperrt.


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Skijöring – mit Ski und Ross mitten auf der Strasse.

Und plötzlich waren lautes Geschrei und dumpfes Aufschlagen von Hufen auf der schneebedeckten Strasse zu hören. Ich drehte mich um und sah, wie das Gespann um die Ecke schoss. Das Pferd rutschte fast aus und die Kutsche fiel beinahe aus der Kurve. Auf dem Bock stand ein Mann und hatte sichtlich Mühe sich festzuhalten und gleichzeitig das Pferd anzutreiben. Eine zweite Kutsche verfolgte die erste und sie lieferten sich ein spektakuläres Rennen über die ganze Promenade bis zum Bahnhof am Dorfrand, ständig verfolgt von Kameraleuten und anderen Schauspielern. Ich war begeistert. Ein paar Tage später war ein Artikel über Stefan Markus in der Zeitung. Er war einst ein Kunsthändler und verkaufte sogar ein Bild von Van Gogh, nur um die Gotthard-Film AG zu gründen. Anscheinend hat er vor, nach der Produktion dieses Films nach Paris zu


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ziehen. Seine Produktionsfirma nennt er dort Les productions Marcus. Hätte Stefan Markus seinen Van Gogh damals auch verkauft, wenn er gewusst hätte, dass dieses Sonnenblumenbild einige Jahre später einen noch viel höheren Wert erzielen würde? Im Sommer schrieb die Zeitung, der Film «Der Rächer von Davos» habe Uraufführung in Paris. Es wurde noch eine Weile über Stefan Markus und seinen Film berichtet. Die Firma Les Films Kaminsky aus Paris habe mitgeholfen, den Film nach Spanien, Deutschland, Polen und sogar in die Sowjetunion zu verkaufen. Das war gut für Davos, denn die Touristen brachten bereits damals viel Geld. Mir gefiel dies und ich dachte mir seinerzeit, eines Tages werde ich auch in Davos wohnen. Ich sass in jungen Jahren gerne an der Promenade und lachte mit meinen Freunden über die aufgemotzten Damen und Herren, die mit Schlitten, Schlittschuhen oder Skis herumstolzierten. Ich sah dem Treiben immer gerne zu, selber mochte ich aber die Sommersportarten lieber. Meine Mutter sagte, ich wäre ein guter Leichtathlet, und schickte mich schon früh ins Training. Aber erst als ich «Der Rächer von Davos» sah, entschied ich mich, es dieser aufgemotzten Skigesellschaft zu zeigen. Ich trainierte fast täglich. Ich nahm an verschiedenen Wettkämpfen teil, doch mein Ziel war es, am grössten Wettkampf der Welt teilzunehmen – an den Olympischen Spielen. Der Hürdenlauf war meine Spezialität. Ich war schnell wie der Wind. Doch das allein reichte nicht, ich musste auch viel Kraft haben. Dafür habe ich früh angefangen auf Berge zu steigen und Felswände hochzuklettern. 1936 war es dann so weit. Mit 22 Jahren reiste ich endlich mit weiteren Schweizer Sportlern nach Berlin an die Olympischen Spiele. Ich stand am Start in dieser riesigen Arena, die Hürden waren frisch gestrichen und glänzten in der Sonne. Da waren auch dunkelhäutige Läufer am Start, sie waren fast so gross wie ich. Mit 17 Jahren war ich schon über 1,80 m gross und bin danach noch mehr gewachsen, das war natürlich ein Vorteil für den Hürdenlauf.


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Einst hiess das Quartier ums Hotel Belvédère Englisch Viertel.

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Da staunte Mann: Tolle Schwalbe – hoffentlich fliegt sie nicht.

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Adolf Hitler war da, er sass auf der Tribüne. Zum ersten Mal in der Geschichte wurde ein Sportanlass im Fernsehen gezeigt. Man sagte, tausende von Zuschauern würden auch ausserhalb des Stadions die Wettkämpfe sehen können. Ich war nervös, voll konzentriert und das Einzige, was jetzt zählte, war der Lauf. Mein Vorlauf. Der Startschuss fiel, ich stürzte los und fühlte, wie mir das Adrenalin durch die Adern schoss. Eine Hürde nach der anderen und noch eine letzte und schon war mein Rennen vorbei. Wer meinen Vorlauf gewonnen hat, weiss ich nicht mehr. Im Final siegte der damals beste Hürdenläufer der Welt: Forrest Towns. Er lief im selben Jahr als erster Mensch die 110 Meter Hürden unter 14 Sekunden. Sein Rekord hielt 14 Jahre lang! Doch an ihn erinnert sich heute niemand mehr. Einen aber kennt man noch immer. Und über ihn wird man auch in hundert Jahren noch sprechen: Jesse Owens! Er war der erste Leichtathlet, der vier Goldmedaillen an den gleichen Olympischen Spielen gewann. Jesse gewann die 100 Meter, die 200 Meter, die 4 x 100-Meter-Staffel und den Weitsprung. Und ich habe Jesse mit eigenen Augen gesehen. Welche Ehre! Den Weitsprung gewann Jesse übrigens nur, weil ihm der deutsche Weitsprungstar Lutz Long kameradschaftlich wichtige Tipps für die ungewöhnliche Weitsprunganlage gab. Dies gar nicht zur Freude von Hitler, wie deutlich zu sehen war. Während ich etwas herumlief, um meine Muskeln zu lockern, entdeckte ich ein mir bekanntes Gesicht in den Zuschauerrängen direkt neben Hitlers Tribüne. Sein energisches Auftreten am Filmset ist mir in Erinnerung geblieben. Der Mann, der damals auf einem Stuhl neben der Eisbahn stand und ins Megafon brüllte. Heute weiss ich seinen Namen; Heinrich Brandt, der Regisseur von «Der Rächer von Davos». Ich war stolz, dass dieser Mann nun auf mich, einen «Davoser Läufer», an der Olympiade traf. Neben ihm eine hübsche junge Frau, die wild herumhüpfte und wie eine Verrückte filmte und fotografierte.


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1928 sollte Skijöring olympische Disziplin werden.

Später erfuhr ich, wer die junge Frau auf der Tribüne war. Es war Leni Riefenstahl, die bekannte Filmproduzentin und langjährige Freundin von Hitler. Riefenstahl wurde bekannt durch Filme wie «Triumph des Willens», «Sieg des Glaubens», aber auch «Olympia». Für «Olympia» hat sie wohl damals die Bilder gemacht, 1936 in Berlin. Ihre Filme handelten von der Kraft des Menschen, von Männern, die Berge bezwingen, und von Hitler, seiner Armee und seinen Erfolgen. Es waren Propagandafilme. Der Filmregisseur Heinrich Brandt hat nach dem Dreh von «Der Rächer von Davos» weitere Filme gemacht, wie beispielsweise «In Treue stark». Filme dieser Art verhalfen ihm zu seinem heutigen Ruf als Theoretiker des nationalsozialistischen Films.


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Davos gilt als die Urheimat des Bobsports.

Vor ungefähr 20 Jahren, in den Neunzigern, wollte ich mir den Film «Der Rächer von Davos» nochmals anschauen, doch er war nirgends aufzutreiben. Niemand konnte mir sagen, wo der Film zu finden sei. Er galt als verschollen. Vor etwa 15 Jahren tauchten einzelne Filmrollen einer französischen Vorführkopie im Filmarchiv des Centre national de la Cinématographie in Bois d’Arcy auf. Diese übergaben die Filmrollen an die Cinématèque Suisse, wo der Film reproduziert wurde. Die Reproduktion wurde dann 1998 am Filmfestival in Locarno aufgeführt. Vier Jahre später, im UNO-Jahr der Berge, wurden gleich mehrere alte Alpenfilme gezeigt, wobei dem «Rächer von Davos» besondere Ehre gebührte. So lange verschwunden und längst vergessen, kehrt der Film nun zu seinen Wurzeln zurück. Zurück nach Davos.


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Werner Christen und der Feldstecher Der grossgewachsene Werner Christen war vielen bekannt durch seine Spaziergänge, die der athletische Mann auch als über 90-Jähriger auf der Promenade unternahm. Christen begann 1951 als Turnund Sportlehrer an der Schweizerischen Alpinen Mittelschule Davos (SAMD). 15 Jahre zuvor hatte Christen an den Olympischen Sommerspielen in Berlin als Hürdensprinter teilgenommen. Vielen Davoser Schülern ist Christen durch seine unkonventionellen Trainingsmethoden in Erinnerung. So soll Christen seinen Schützlingen manchmal einen Dauerlauf von Davos Platz bis zuoberst auf den Brämabüel verordnet haben. Dabei habe Christen die jungen Sportler mit einem Feldstecher vom Tal aus «begleitet», um sicher zu sein, dass auch wirklich alle die fast 1000 Höhenmeter rennend bewältigten.

Warum der Rächer kein Auto hatte Im Stummfilm Der Rächer von Davos liefern sich die Helden eine wilde Verfolgungsjagd mit Pferdekutschen durch die Strassen von Davos. Warum eigentlich mit Pferdekutschen und nicht mit Autos? Ganz einfach: Autos waren damals im ganzen Kanton Graubünden verboten. Der Auslöser war im Jahre 1900 ein wütender Postillon, der beim Kreispostdirektor von Chur wegen eines «Ungetüms von einem Automobil» reklamierte. Dieses Ungetüm sei ihm auf einer Landstrasse mehrmals begegnet und darob seien seine Pferde rasend geworden. Die Regierung des Kantons Graubünden machte kurzen Prozess: Am 17. August 1900 verkündete sie: «Das Fahren mit Automobilen auf sämtlichen Strassen des Kantons Graubünden ist verboten.» Und so blieb es bis 1925.


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Herausgeber:

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Stiftung Forum Davos www.edition-zauberberg.ch

Recherche und Text: I m Rahmen des Vertiefungsstudiums Communication Design an der Hochschule für Technik und Wirtschaft HTW Chur haben folgende Studentinnen und Studenten recherchiert und getextet:

Simon Hanimann, Fruthwilen Annina Huber, St. Gallen Monika Huber, Winterthur Alexandra Liebermann, Chur Raphael Schüle, Basel Marielène Froidevaux, St. Gallen

Text und Schlussredaktion:

Franco Item, Davos

Projektleitung:

Layout:

 ranco Item, Davos, Studienleitung F Vertiefungsstudium Communication Design an der Hochschule HTW Chur Riccardo Signorell, Chur, Signorellfilms, Zürich Univ.-Prof. Dr. Ivo Hajnal, Zürich, Stiftungsratspräsident Stiftung Forum Davos und Stiftungsratspräsident Schweizerische Text Akademie Sonja Lina Weber, Divis, Solothurn


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