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Barbara Klein: Dunkler Schnee

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09.07.2012 edition oberkassel Verlag Detlef Knut, L端tticher Str. 15, 40547 D端sseldorf; Tel.: 0211/5595090 ; www.edition-oberkassel.de


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Barbara Klein: Dunkler Schnee

1 Nova Scotia – „Es war ein Schuss!“ Eine junge Frau mit dunklem Pagenkopf, auf dem eine helle Strickmütze sitzt, kämpft sich durchs kahle Gestrüpp. Hie und da bleibt sie mit ihrer Steppjacke an Zweigen hängen, mitunter bricht sie auf gefrorenen Pfützen ein oder tritt in eine Matschkuhle, in der der Frost sein Werk noch nicht vollenden konnte. Marisa unterbricht ihren Spaziergang, um zu verschnaufen, und lässt den Blick schweifen. Der Himmel über den Wäldern Nova Scotias gibt dem frühen Wintertag ein farbiges Gesicht, das scheinbar die Gedanken an Zurückliegendes wie mit einem Lächeln abweisen möchte; Gedanken und Erlebnisse aus der Vergangenheit, die aber wie Kletten an der Frau haften. Wolken zeichnen mit Sprenkeln und Streifen bizarre Bilder ins winterliche Pastell. In der vergangenen Nacht hat es gefroren, sodass Bäche und Rinnsale erstarrten und zur Kulisse ihres eigenen Daseins wurden; pausierende Lebendigkeit. Der Grand Lake, einer der vielen Seen der Atlantikprovinz, hat mit dem Weben seiner eisigen Decke begonnen, die ihn für die nächsten Monate zur Spielfläche für Eis-Angler, Spaziergänger und Hockeyfans machen wird; die Eisschollen wachsen zusehends und dort, wo Nähte entstanden, sieht es aus, als hätten geheimnisvolle Wesen ihre Pfade angelegt, um den erstarrenden See zu Fuß bis zu den Häusern am gegenüberliegenden Ufer überqueren zu können. Manche Spur zieht sich zu den kleinen Inseln, die sonst einsam inmitten des Gewässers Enklaven der Vogelwelt sind. Nun sehen sie sich unerwartet mit dem Land vereint. Der Wald wirkt chaotisch und ungezähmt. Gekippte Bäume, hilflos ineinander

verkeilt,

zeugen mit ihren zum

Himmel ragenden,

rippengleichen Ästen von Krankheit und Tod; Stümpfe und abgesägte 2

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Zweige von menschlichem Eingreifen; kleine Kiefern und Tannen von der unbändigen Kraft der Natur, alles nachwachsen zu lassen, was irgendwo einen Platz findet. Hoch über Marisa krähen Rabenvögel auf Beutezug, sie hört sonst nichts außer dem eigenen Atem. Sie lässt eine Handvoll Schnee von ihrem Handschuh rieseln, rüttelt an einem dünnen Tannenbaum und stellt sich unter die fallenden Flocken, dass es kalt auf ihrem Gesicht prickelt, dann stapft sie ein Stück weiter, bis sie ans Ufer des Sees kommt, betrachtet das von Eis überzogene Schilf und schaut zum Himmel, um abzuschätzen, ob es wieder schneien wird. Zwischen den nackten Baumkronen sieht sie von weit hinten eine graue Wolkenwand herankommen, die die aprikosenfarbigen und weißen Tupfer zu überwältigen droht.

Bruno, Marisas Mischlingsrüde, in dem vermutlich Border Collie und Neufundländer stecken, schleppt einen Stock herbei, legt ihn vor ihren Füßen ab, trabt ein Stück ins Gebüsch zurück, dreht sich um und blickt sie mit schief gelegtem Kopf und aufgestellten Ohren an. Marisa hebt den Stock auf und wirft ihn zwischen Bäume, dass der Hund ihm hinterherjagen kann. Die weißen Flecken in Brunos Fell sehen im Vergleich zum winterlichen Niederschlag gelb wie Pergament aus. Der Hund jappt aufgeregt und hat sichtlichen Spaß am Schnee, in den er hin und wieder beißt und darauf herumkaut, als wären es Bröckchen aus Fleisch, bis ein Eichhörnchen seine Aufmerksamkeit auf sich zieht. Aufgeregt fiepend und mit wehender Fahne sitzt es auf einem Baum, läuft dann flink herunter, verliert sich fast im Schnee und huscht auf das erstarrte Wasser. Marisa packt Bruno geistesgegenwärtig am Halsband. „Nein, mein Freund, du bleibst hier!“ Das dünne Eis würde ihn nicht tragen. Sie wirft erneut einen Stock, um ihn von dem Nager abzulenken.

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Marisa stapft dem Hund hinterher, um sich durch das Gesträuch wieder zu dem Pfad durchzuschlagen, von dem sie gekommen ist. Sie folgt ihren eigenen Spuren, um im Schnee den Weg nicht zu verlieren. Der Wind lebt auf, und sie beginnt, trotz Mütze und Skijacke zu frieren. Marisa ist noch nicht lange in Neuschottland. Nicht überstürzt, aber dennoch spontan hat sie die Reise angetreten. Zum Kofferpacken hat sie sich kaum Zeit gelassen; überhaupt hat sie den Trip nach Kanada nicht gründlich vorbereitet, obwohl sie letztendlich Großes damit vorhat. Groß sollen die Veränderungen sein, wenngleich sie bis jetzt nur schwammige Vorstellungen der 31Jährigen sind. Das Leben ändern, das steht an vorderster Stelle, und der intuitive Entschluss, nach Kanada zu kommen, soll der Beginn sein. Nach allem, was geschehen ist … In den lokalen Wetternachrichten, die gebetsmühlenartig wiederholt werden, bis man sie auswendig dahersagen kann, spricht man davon, dass die winterlichen Verhältnisse bis auf Weiteres anhalten werden. Der Schnee sei dieses Jahr so früh gekommen, wie schon lange nicht, und werde also so schnell nicht weichen. Für diesen Teil Kanadas sei es extrem ungewöhnlich, bereits Anfang Dezember die Landschaft im weißen Gewand zu sehen. Um das Ungewöhnliche immer wieder herauszustellen, werden die Meteorologen es nicht müde, mit Nachdruck zu betonen, dass Nova Scotia mit Sicherheit vor dem härtesten Winter seit 15 Jahren stehe. Mit einem großen Koffer und einer riesigen Hundebox ist Marisa vor zwei Tagen aus dem herbstnassen Frankfurt Richtung Halifax aufgestiegen. Vom Halifax Stanfield International Airport war es mit dem Leihwagen nicht mehr weit bis zu ihrem Ziel Wellington. Wellington, das in nichts an die große Schwester in Neuseeland erinnert, liegt eingebettet zwischen bewaldeten Hügeln und den Seen Lake Fletcher und Grand Lake. Der alte Highway 2 durchschneidet diesen Ort wie auch viele andere, die sich nur 4

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in Nuancen, hauptsächlich durch ihre klangvollen Namen, unterscheiden; Fall River, Fletchers Lake, Oakfield oder eben Wellington versprechen dem aufmerksamen Reisenden eine Fahrt durch die Geschichte der Besiedelung Nova Scotias. Die farbigen Häuser mit ihren Holzfassaden oder mit den neueren Varianten aus Vinyl leuchten rechts und links des Highways, zahlreiche schon weihnachtlich geschmückt. Man passiert Seegrundstücke mit eigenen Bootsstegen, die freilich im Winter am Ufer liegen, auf der Waldseite höher gelegene Grundstücke mit steilen Auffahrten, hin und wieder Abzweigungen den Berg hinauf, die in die seit den siebziger Jahren kontinuierlich wachsenden Wohnsiedlungen führen. Die Unterschiede der einzelnen Communitys verschwinden im Einerlei des Straßenbildes. Der von Schneepflügen aufgehäufte Schnee längs der Strecke gibt dem an sich schon einheitlichen Bild eine Leitplanke, die dazu verführt, die wenigen Besonderheiten der Orte im Vorbeifahren zu versäumen.

Marisa mag diese Gegend, das Leben nah an der Natur, die einfachen Häuser und offenen Gärten, die Wildnis, die sich zwischen den Siedlungen wacker hält – bis man wieder Holz braucht. Die Wirtschaftskraft der Provinz muss in Schwung gehalten werden. Außerdem gibt es immer Familien, die ihr Haus mitten im Wald bauen wollen, weg von der Hafenstadt Halifax, auch weg von Bedford, obwohl diese Stadt ein attraktiver Wohnort ist, weil das Leben dort wesentlich günstiger als in Halifax ist. Man will nah an die Rehe und Streifenhörnchen heran, aber mit gutem Anschluss an das Straßensystem. Ganze Schneisen werden in den Wald geschlagen, um ein Haus vor der Straße zu verbergen, aber um ihm einen Zugang zu eben dieser zu gewähren. Die Hausbauer und Holzfäller haben einen guten Job in Nova Scotia. Man wohnt gerne hier, der Freizeitwert ist hoch.

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Hat man sein Haus jedoch direkt an der Atlantikküste stehen, muss man wetterfest sein, denn dort herrscht nicht selten dichter Nebel, der sich hartnäckig über den von Flechten übersäten Nadelbäumen hält, und ist selbst im heißen Sommer auf wärmende Kleidung angewiesen. Es ist die kanadische Ruhe, nach der Marisa sich sehnte, als sie den Flug buchte; die Aussicht, die Gedanken zu ordnen, die Gefühle einzufangen, die Angst zu vertreiben. Weg aus Deutschland, nur weg! Weg von allem, was sie durchgemacht hat. Dass sie ausgerechnet nach Wellington kommen musste, an den Ort, in dem sie eine glückliche Zeit verbrachte, scheint ein Wagnis zu sein. War die Entscheidung, hierher zu kommen, die richtige? Die Sehnsucht nach Zuversicht war zu groß, als dass sie einen fremden Ort hätte wählen können, an dem sie sich erholen kann. Zuversicht, die sie in den vergangenen Monaten immer wieder verloren, aber nie vergessen hat. Der Gedanke an die alten Gefühle führte bisweilen sogar so weit, dass sie in ihrer Vorstellung ein eigenes Haus in Kanada bewohnt, dass sie hierher ihren Lebensmittelpunkt verlegt. Sie hat wieder das gelbe Holzhäuschen am See gebucht, so wie vor über einem Jahr. Doch jetzt ist sie allein. Jetzt ist alles anders, kein Sommer, kein

Freund,

kein

Heiratsversprechen,

keine

festgeschriebene

Perspektive. Vor dem Haus ist eine Garage; zu beidem führt eine kurze, aber steile Zufahrt hinab. Das gesamte Grundstück geht bergab. Es scheint, als habe man nur für das Wohnhaus und die Garage zwei Ebenen eingezogen, damit sie nicht die Wiese hinabrutschen und im See landen. Als ehemaliges Cottage strahlt das Haus immer noch seinen Feriencharakter aus, doch es ist nach Umbauten nun so groß, dass es ein passables Wohnhaus abgibt. Die ganze Straße mit dem hübschen Namen Sunnylea hat ursprünglich aus Ferienhäusern bestanden. Nett gerahmt von 6

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Bäumen und dem See. Vom alten Highway aus muss man erst die Schienen überqueren, um zur Sunnylea Road zu gelangen. Vom Charme dieser Gegend muss man wissen, es gibt sonst keinen Grund, diese im Nichts endende Straße zu betreten. Auf der Grenze der Zuständigkeiten der größeren Gemeinden Fall River und Enfield haben sich hier in den vergangenen zwei Jahrzehnten die Menschen ein Zuhause geschaffen, haben ihren Ferienort zur Wohnstätte gemacht. Das gelbe Haus am Ende der Sunnylea Road steht als einziges noch Urlaubern zur Verfügung, und Adam, der Besitzer, erkannte Marisa gleich wieder, als sie vor zwei Wochen anrief. Während ihrer Absprache am Telefon ging ihr der Gedanke durch den Kopf, dass sie Weihnachten zum ersten Mal allein verbringen würde. Es fühlte sich seltsam an, fast unbehaglich, aber nicht zuletzt durch Adams begeisterte Stimme gleichzeitig tröstend. Sie erreicht den Pfad, von dem aus es nicht mehr weit ist zu dem Schotterweg, der sie ihrem Ferienhaus näher bringt. Bruno schlägt an. Marisa blinzelt gegen die Sonne, kann aber nichts ausmachen. Dann hört sie ein Motorengeräusch. Sie sieht auf den Pfad und bemerkt frische Spuren eines Quads, eines jener Aufsitzer, die sommers wie winters im Wald zu Sportzwecken gefahren werden. Die Reifenspuren ziehen sich bis zum Schotterweg, wo sie sich auf Eis und Schnee und zwischen Autospuren verlieren. Sie geht weiter, hört zwischen dem Knirschen des Schnees unter ihren Schuhen von ferne den Motor, bis er schließlich erstirbt. Es wird einer der neuen Anwohner sein, denkt sie. Der Schotterweg ist neu. Er wurde für ein Haus am See angelegt. Sie hört noch einmal einen Motor, dann nur noch einen Blue Jay, den Bruno im Gebüsch aufschreckt, und der krächzend, als wolle er sich beschweren, ihren Weg kreuzt. Sie überlegt, ob sie mit ihrer Vermutung, es handele sich um ein Quad, richtig liegt, doch die schmalen Spuren und das eigentümliche Geräusch sind die gleichen, die auch das Gefährt von Adam machte. Adam war mit einem solchen Aufsitzer nach ihrer Ankunft zum

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Haus gekommen. Marisa erkannte ihn erst nicht unter seinem Helm. Adam brachte nicht nur den Schlüssel und ein paar Vorräte, sondern erzählte

gleich

mit

ausschweifenden

Gesten

und

blumigen

Formulierungen über die Nachbarschaft und Gott und die Welt. Marisa, von der Reise übermüdet, hatte für Adams Temperament zunächst nicht viel übrig, doch nach einer Tasse Kaffee fand sie zunehmend Vergnügen an seinen Geschichten. Er riet ihr, sich in Acht zu nehmen, der Winter fange schon heftig an, sie solle nicht ohne Handy spazieren gehen und immer erst auf den Schneepflug warten, bevor sie sich hinters Steuer setze. Sie antwortete mit gespielter Ironie, was denn mit der globalen Erderwärmung sei, nickte aber brav zu seinen Worten. Eingeschneit zu sein und ein paar Wochen nur in der Nähe des Hauses bleiben zu müssen und sich im einzigen Kiosk von Wellington nebst Bäckerei zu versorgen, entspricht genau ihrer Stimmung. Sie geht auf dem Schotterweg einen halben Kilometer fast bequem, wenn man von kleinen Rutschpartien absieht, bis sie auf die zwei Balken stößt, die irgendjemand als Brücke quer über den jetzt vereisten Bach gelegt hat. Über diese kommt sie wieder in den Wald, um über den Hügel zu ihrem Haus zu gelangen. Die Trampelpfade durch das Gehölz existieren schon so lange, wie Menschen in dieser Gegend leben. Sie führen fast nur über

Privatgelände,

doch

es

ist

ein

allgemein

akzeptiertes

ungeschriebenes Gesetz, dass jeder diese Pfade benutzen darf. Sie übersteigt umgefallene Bäume, rutscht auf gefrorenen Pfützen und sackt knöcheltief in den Schnee ein. Bruno taucht seine Nase immer wieder in das kalte Weiß, wälzt sich auf freien Flächen und erschnuppert mit aufgestellten Ohren und Rute die mannigfach vorhandenen Schlupfwinkel von Eich- oder Streifenhörnchen und Mäusen. Marisa schaut ihrer lustigen Promenadenmischung zu. Bruno ist nicht nur zum ersten Mal in

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seinem Leben geflogen, sondern erlebt auch seinen ersten Schnee. Sie lächelt beim Anblick dieser Unbekümmertheit, der reinen Freude an den Elementen, des Genießens des Augenblicks und allmählich merkt sie, wie sich eine leichte Entspannung im Schulterbereich entwickelt. Obwohl sie immer noch nicht ausgeschlafen ist, fühlt sie schon jetzt die wohltuende Wirkung dieser Winterlandschaft wie eine Bestätigung für ihren Entschluss, hierhergekommen zu sein. Weit weg von allem. Weit weg von der Vergangenheit, vom Schmerz, der in zahlreichen Momenten noch so nah ist. Sie horcht auf; da ist wieder das Motorengeräusch. Bruno apportiert einen Stock, den er ausgegraben hat. Marisa bückt sich, wirft ihn, wiederholt auf einer Lichtung das Spiel mit dem Hund, bis sie außer Atem ist. Da bricht durch die weiß verhangenen Sträucher ein Schuss, und der Geschossknall lässt Schnee von den Zweigen stäuben …

2 Eineinhalb Jahre zuvor „Marisa, komm ins Wasser! Es ist super!“ Laurens tauchte unter, kam wieder hoch, nahm den Mund voll Wasser und versuchte es im Bogen wieder auszuspucken, als wäre er eine Comicfigur. Er schwamm auf dem Rücken, kraulte ein paar Meter, drehte sich zum Brustschwimmen um, tauchte wieder, prustete beim Auftauchen und winkte Marisa zu, die langsam die Wiese herunterkam. „Komm endlich!“ Laurens schickte sich an, weiter hinauszuschwimmen. Marisa war mit ihrem Freund seit einer Woche in Kanada, und endlich war die bleierne Schwüle, die die Urlauber schon seit der Ankunft umklammert hatte, in einen klaren Sommertag übergegangen, hatte der trockenen Hitze wenigstens für eine Weile das Zepter übergeben. Die 9

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Bäume wiegten sich leicht im Wind und schienen die zunehmende Lebhaftigkeit rund um den See mit einem Seufzen hinzunehmen. Der Grand Lake lud zum Schwimmen ein, was, an den vielen Stegen und Plattformen mitten im Gewässer leicht zu erkennen, von den SeeAnwohnern reichlich genutzt wurde. Am Ufersaum, hier wie dort, stiegen vereinzelt dünne Rauchsäulen, bisweilen auch dicke Rauchschwaden von den Barbecue-Grills auf. Gegenüber, rund 300 Meter entfernt, planschten Familien im Wasser, ein paar Boote zogen mit gleichmäßigem Brummen ihre Runden, es waren einzelne Rufe, mal ein Lachen, mal das Bellen eines Hundes zu hören, und überall war die Entspannung eines Ferientages zu spüren. Marisa zog ihren Pareo von den Hüften, ließ ihn auf die Wiese fallen und schritt, nur noch mit einem Bikini bekleidet, vorsichtig über Wurzeln und Steine zum Ufer hinab. Sie betrat den Steg, setzte sich und ließ die Beine ins Wasser baumeln. „He, komm endlich rein!“, rief Laurens, der schon wieder am Steg war. Marisa lächelte über das Bild, das Laurens ihr bot: Ein großer Junge planscht selig im Wasser. „Kannst du dir vorstellen, dass hier vielleicht mal Indianer Rast gemacht haben? Vielleicht genau hier, wo wir jetzt sind.“ Marisa sah sich um, nahm die Uferlinie wie eine Skizze in ihr Urlaubsgedächtnis auf und versuchte sich ein inneres Bild von den Mi’kmaq-Indianern zu machen. Laurens’ Stirn zeigte ein paar Fältchen. „Was für Indianer?“ „Mi’kmaq heißen die Ureinwohner des südöstlichen Kanadas. Es gibt sie auch heute noch; sieben Stammesgruppen, soweit ich weiß.“ „Ja, ja, die Mickeys“, scherzte Laurens und umfasste Marisas Unterschenkel. Lachend ließ auch sie sich ins Wasser gleiten.

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„Wir können ja mal schauen, ob wir auf einem Ausflug was über die Indianer erfahren können. Da gibt es, glaub ich, einen Ort …“ Sie kam nicht dazu weiterzusprechen, denn Laurens drückte ihr einen nassen Kuss auf den Mund. „Ich bin hier, um mich zu erholen, Süße.“ „Du Kulturbanause! Wenn wir schon mal auf diesem Kontinent sind, können wir doch auch …“ „Heirate mich!“, unterbrach Laurens sie und umfing die schlanke Gestalt seiner Freundin. Marisa stockte für einen Moment der Atem. „Was?“, brachte sie endlich heraus und ärgerte sich im selben Augenblick, nichts Gescheiteres zu sagen zu haben. „Heirate mich!“, wiederholte Laurens und strahlte sie an. Marisa war perplex; damit hatte sie überhaupt nicht gerechnet. Ihre Gefühle und Gedanken stolperten Momente lang übereinander, sie wusste nichts zu erwidern, doch sie merkte, wie ansteckend Laurens’ Lachen und Optimismus waren. Mit aufgesetztem Stirnrunzeln fragte sie: „Meinst du, dass wir uns schon lange genug kennen?“ „Ein Jahr ist lang genug. Du liebst mich, und ich liebe dich. Was willst du mehr?“ „Das kommt so überraschend“, sagte Marisa und wurde für einen Augenblick ernst; sie versuchte angestrengt, ihre Gefühle zu bestimmen, doch es wollte sich auf die Schnelle kein Ja oder Nein in ihrem Inneren manifestieren. Sie küsste Laurens auf den nassen Mund und ließ sich, eng umschlungen, ins tiefe Wasser schaukeln. Sie drehten sich um sich selbst, Laurens erwiderte den Kuss, forderte ihre gesamte Aufmerksamkeit, raubte ihr den Atem. Sie versanken ineinander, wiegten sich im plötzlichen Wohlgefühl des anstehenden Entschlusses, überließen sich der sanften Strömung des sommerwarmen Sees, nahmen schließlich

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emotional vorweg, welche Konsequenzen der Urlaub in Nova Scotia haben würde, ließen kein Wenn, kein Aber mehr zu, konnten gar nicht mehr anders, als atemlos und voller Überzeugung dieser Idee zu folgen und den Grand Lake zum vorläufigen Zeugen ihres Trauversprechens zu machen.

„Was hältst du davon, wenn wir an deinem Geburtstag heiraten? Dreißig Jahre und endlich unter der Haube, hm?“ Laurens lächelte verschmitzt und wehrte das Kissen, das ihm postwendend an den Kopf fliegen sollte, geschickt ab. „Pass nur auf, dass du nicht zu übermütig wirst! – Wein?“ Laurens nickte und Marisa stand auf, um Gläser zu holen. Nach dem obligatorischen Barbecue am Abend machten sie es sich auf der erhöhten Veranda ihres Ferienhauses gemütlich und genossen den Blick auf Kiefern, Eichen, Hemlocktannen und den allgegenwärtigen Ahornbäumen. Der See schimmerte bronzefarben im untergehenden Sonnenlicht. Ab und zu störte eine verspätete Blackfly oder es stachen die Mücken, doch das konnte ihre Glückseligkeit nur bedingt beeinträchtigen. Marisa fühlte sich glücklich. Und sie merkte, wie sie sich gütlich tat am Klischeedenken, in dem nur Sonne, Urlaub, der Beau an ihrer Seite und ein Heiratsantrag vorkamen. Fast fürchtete sie sich vor der Perfektion, in der sie sich befand. Es drängte sie, ein Haar in der Suppe zu finden, ein Stachel, den sie ziehen musste, einen Ball zu treten, der am Pfosten abprallt. „Was meine Eltern wohl sagen werden?“, fragte sie, als sie mit zwei gefüllten Rotweingläsern zurückkam. „Sie denken bestimmt, dass ich niemals heiraten werde. Und stell dir mal Georg vor! Der wird gar nicht begeistert sein“, sagte sie, setzte sich lachend und nippte an ihrem Wein. Sie blickte Laurens von der Seite an.

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Laurens wandte seinen Blick weg vom See hin zu ihr und strahlte übers ganze Gesicht. Er kramte etwas aus der Hosentasche und ließ es in Marisas Glas fallen. „Alle werden sich freuen, mein Sonnenschein!“ Er beugte sich zu ihr und küsste sie sanft. „Wir sind nun offiziell verlobt, nicht?“ Marisa fischte aus dem Glas einen Ring und streifte ihn über den Finger. Blutrot rann der Wein über ihre Hand. „Das will ich meinen!“, sagte sie und schleckte die Tropfen ab. Sie setzte sich rittlings auf Laurens’ Schoß. „Das wird eine Menge Leute überraschen.“ „Wir sind halt immer für eine Überraschung gut. Und Georg? Pah! Der soll sich mal nicht so anstellen mit seinen Praxis-Regeln. Nur weil er unser Boss ist, hat er noch lange nicht unser Privatleben zu beeinflussen. Er wird sich damit abfinden müssen. Außerdem machen wir später sowieso unsere eigene Praxis auf.“ Laurens lachte unbekümmert und zog Marisa noch näher zu sich heran. Marisa und Laurens arbeiteten beide als Physiotherapeuten in einer Praxis in der Kölner Innenstadt. Georg Müller, der Inhaber der Praxis, führte sein Team mit straffer Hand, unterstrich seine Autorität mit cholerischen Ausbrüchen, die man ihm nicht selten verzieh, da es immer wieder Laissez-Faire-Auszeiten gab und er durch fachliche Qualität und kaufmännischen Ideenreichtum bestach. Marisa bewunderte dessen nie versiegende

Phantasie:

Die

Praxis

wurde

als

Seminar-

und

Ausstellungsraum und hin und wieder sogar als Filmset für ein Fernsehteam genutzt, je nachdem, wer aus Georgs weitverzweigtem Bekanntenkreis

ein

Bedürfnis

nach

Verwirklichung

hatte.

Der

Bekanntheits- und Beliebtheitsgrad der Praxis stieg seit Jahren und machte Georg zum beliebten Arbeitgeber. Deswegen oder wegen dessen dunkler Augen, die nicht nur Marisa einst verlockend erschienen waren, konnte er sich stupide Regeln für sein Team ausdenken. Die Weisung,

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keinerlei Beziehungen innerhalb des Kollegiums einzugehen, weil das nur zu Konflikten führen würde, unter denen letztlich die Patienten und also auch die Praxis zu leiden hätten, wirkte aus arbeitsrechtlicher Sicht absurd. Dennoch hielten sich alle daran, zumindest die Fassade der Unschuld aufrechtzuerhalten. So war es Marisa und Laurens bisher gelungen, ihre Partnerschaft vor Georg geheim zu halten. Marisa gefiel dieser Zustand schon lange nicht mehr; sie wollte nicht mehr so tun, als wäre Laurens nur ein Kollege. Sie hatte Laurens nie von ihrer kurzen Affäre mit Georg erzählt. Eigentlich war es mehr ein Ausrutscher als eine Affäre gewesen. Während eines Lehrganges in der Eifel hatte sie Georg kennengelernt. Er war damals einer der Ausbilder. Ohne zu ahnen, dass sie eines Tages einmal miteinander arbeiten würden, hatte Marisa sich auf einen Flirt mit dem um einige Jahre älteren Georg eingelassen. Es war der letzte Abend, die Stimmung ausgelassen, Wein und Bier in Massen getrunken, man war schließlich im selben Bett gelandet. Für Marisa eine einmalige Angelegenheit, Georg jedoch hatte durchblicken lassen, dass er das Beisammensein mit ihr gerne wiederholen würde. Bei Tageslicht und gesunkenem Alkoholpegel hatte der reife, erfahrene Ausbilder jedoch mehr einer Karikatur seiner selbst geglichen; Marisa hatte ihn abgeblockt, ein wenig zu brüsk vielleicht und ohne einen Zweifel an ihrer Entscheidung. Es mochte ihn verletzt haben, trotzdem hatte er sie drei Monate später eingestellt. Die Nacht in der Eifel war im Kästchen der Erinnerungen verschwunden. Die Arbeit in Georgs Praxis war in Ordnung. Georg war der neue Inhaber, beworben hatte sich Marisa bei dessen Vorgänger. Sie hatte gedacht, es werde schon gehen, einen anderen Job könne sie sich immer noch suchen. Die Jahre vergingen, Marisa fühlte sich wohl im Team und hatte das Vorhaben, eine andere Stelle zu suchen, auf die Wartebank geschoben. Und dann war Laurens auf der Bildfläche erschienen. Ich 14

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bleibe, dachte Marisa jeden Tag, obwohl ihr der flatterhafte Georg mit seinen unterschiedlichen Gemütslagen manchmal auf die Nerven ging. Es fügte sich jedoch alles gut; Georg hatte verschiedene Beziehungen mit verschiedenen Mitarbeiterinnen. Manche gingen, manche blieben. Was für die Angestellten galt, war für den Chef nicht bindend. Er nahm sich, was sich ihm bot, genoss sein Leben und seine Stellung auf ostentative Art. Und in Marisas Leben hatte Laurens einen verbindlichen Platz eingenommen. Groß und sportlich mit seinem goldenen Bürstenschnitt. Ein wenig kantig im Umgang, doch nach und nach wurde er weich und biegsam, und Marisa hatte schon früh tief in ihrem Inneren gefühlt, dass da mehr möglich war als eine nette Bettgeschichte. Für Georgs Geschäft war Laurens ein Segen. Die Gerüchte, die Praxis stünde am Existenzminimum, machten seit den Einbußen durch die Gesundheitsreform immer wieder die Runde, doch wegen Georgs sprudelnder Ideen nahm niemand sie ernst. Doch dann war das Team um eine noch in der Probezeit befindliche Mitarbeiterin verkleinert worden; eine weitere Stelle war frei geworden durch einen ausscheidenden Masseur, der sich in Bonn selbstständig machen wollte, und kein Nachfolger wurde engagiert. Das hatte für erste Diskussionen gesorgt. Weitere

Gesprächsrunden

zwischen

Tür

und

Angel

und

nach

Dienstschluss waren gefolgt, weil Georg deutlich hatte durchblicken lassen, warum er die männlichen Therapeuten den weiblichen Patientinnen zuwies und umgekehrt. Marisa fand es abscheulich, die Erfolgsgarantie von den niederen Instinkten der Patienten abhängig zu machen. Laurens hatte schnell erklärt, er hätte mit dieser Art der Prostitution kein Problem. Auf sein strahlendes Lächeln und seine sanften Hände war er stolz. „Warum soll ich den Frauen nicht gönnen, Phantasien zu haben?“, pflegte er zu sagen. Diese Rechnung ging auf. Laurens’ Terminplan sowie die seiner männlichen Kollegen waren immer voll. Georg Müller war zwar ebenfalls 15

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Therapeut, aber er legte am meisten Wert auf einen therapierten Geldbeutel. Den bekam er, wenn die Kundschaft zufrieden war, und zufrieden waren die Leute, wenn sie sich wohl behütet und geschmeichelt fühlten. Seine Mitarbeiter verschafften ihm wieder den Luxus, sich hinter seinem Schreibtisch verschanzen zu können und sich auf die Büroarbeiten zu fokussieren, genauso wie auf seine weiblichen Mitarbeiter. Dass es phasenweise recht ruhig um dessen amouröse Eskapaden war, registrierten alle Angestellten mit Genugtuung. Die Gerüchte um die schlecht gehende Praxis ließen nach, und die Stimmung wurde wieder gut. Georg musste nicht selber Hand an die Patienten legen; er stieß mit seinem Raucheratem sowieso nicht selten auf Ablehnung, konnte sich das Paffen seiner Zigarillos aber weiterhin leisten, wenn der Laden lief. Die zufriedenen Patienten stiegen nicht selten auf Zehnerkarten um, wenn die Verschreibungen der Ärzte ausliefen, und wurden so zu den begehrten Privatklienten. Viele wollten auf den einmal kennengelernten Luxus der Massage nicht mehr verzichten. Marisa besah sich Laurens’ Profil. Die Farbe der Dämmerung hatte sich in seinem kurzgeschnittenen Haar festgesetzt, als wollte das Gold des Tages auch in der Nacht leuchten. „Was meinst du? Werden unsere Kinder nach dir oder mir schlagen? Werden sie blond oder brünett?“ Er lächelte versonnen, nahm einen Schluck Wein und sah sie dann an. „Egal wie, Hauptsache, es sind unsere Kinder.“

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Merkwürdige und beängstigende Dinge geschehen um Marisa, die eigentlich nur ihre Hochzeit vorbereiten will. Da gibt es einen Seitensprung, e...

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