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HERZ IM FADENKREUZ

edition oberkassel


Herz im Fadenkreuz Tatjana Flade

Liebe in Zeiten des Terrors

edition oberkassel 2016


Alle Rechte vorbehalten. Verlag: edition oberkassel Verlag Detlef Knut, Lütticher Str. 15, 40547 Düsseldorf Herstellung: SOWA Sp. z.o.o., Warszawa Umschlaggestaltung: im Verlag unter Verwendung der Fotos von © Regina Knut und © iStock.com/susaro Lektorat: Dr. Mechthilde Vahsen

© Tatjana Flade © edition oberkassel, 2016 www.edition-oberkassel.de info@edition-oberkassel.de

Das Werk inklusive aller Abbildungen ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages und der Autoren unzulässig und strafbar. 1. Auflage 2016 Printed in Europe

ISBN(Print): 978-3-95813-0333 ISBN(Ebook): 978-3-95813-0340

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek: Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.


I. April

Esther fand die neue Kneipe in der Maxstraße sofort, denn ein großes gelbes Verkehrsschild mit einem Känguru in der Mitte hing draußen über der Tür. Ein paar Fahrräder waren an einen mageren jungen Baum am Straßenrand gelehnt. Esther stellte ihres dazu und sicherte es mit einem einfachen Kabelschloss, das einem Dieb nichts entgegenzusetzen hatte. Es war noch hell auf der Straße, aber seit die Sonne weg war, war es rasch kalt geworden. In der Luft lag schon ein Hauch von Frühling. Sie trat ein und schaute sich neugierig um. Einige Tische waren bereits besetzt, Stimmengemurmel durchdrang den Raum. Die Wände waren mit gelben Verkehrsschildern – Kängurus und Wombats –, mit Bumerangs und anderen Holzgegenständen dekoriert. Im Eck hing ein Fernseher, die Bilder flackerten lautlos über den Schirm. Die Musik war angenehm, nicht zu rockig, nicht zu sanft, nicht zu laut. Esther sah Laura und Arnd an einem Tisch sitzen und winken. Lauras kupferrote Lockenmähne war wie immer ungebändigt. Ein paar Ringel fielen ihr ins Gesicht. Sie lachte, ihre grünen Nixenaugen blitzten unternehmungslustig. Arnd, mit unauffälliger Brille und kurz geschnittenen, dünnen Haaren, stand sofort höflich auf, um Esther den Stuhl zurechtzurücken. Jetzt fehlten nur noch Steffi und Volker. »Na, was macht Picasso?«, fragte Arnd grinsend und schob Esther die Getränkekarte zu. Esther grinste zurück. »Ich hoffe, es geht ihm ganz gut. Ich bin fast fertig mit der Seminararbeit. Wie war dein Referat am Freitag?« Arnd zuckte mit den Schultern. »Der Kopf ist noch dran, oder? Der Prof war, glaub ich, ganz zufrieden.« Esther überflog die Karte. »Gibt’s hier vielleicht KänguruSteak?« Sie kicherte. »Iiih!«, rief Laura. »Ich hoffe nicht! Die armen Kängurus …« »Bah, davon gibt’s doch eh zu viele da unten«, warf Arnd ein. 5


»Soll übrigens schmecken, habe ich gelesen.« Außer ein paar Snacks gab es aber sowieso nichts zu essen, dafür eine große Getränkekarte mit importierten Bieren. Esther bestellte sich lieber eine Holunder-Fassbrause. Die Kneipe füllte sich langsam, und die Geräuschkulisse aus Stimmen, Lachen, klirrenden Gläsern und dem Kratzen der Stühle auf dem Holzfußboden schwoll an. Steffi, eine Kollegin aus Lauras Büro, war vor Volker da. Als er endlich auftauchte, musste er sich erst einmal beschweren. »Ich hab mindestens eine halbe Stunde nach einem Parkplatz gesucht!« Sie saßen am Tisch, quatschten über Bier und Fassbrause, lachten über das gemeinsame lange Wochenende auf der Insel Schiermonnikoog im vergangenen Herbst und überlegten, wohin sie das nächste Mal fahren sollten. Esther beobachtete immer mal wieder die anderen Gäste und machte ihre Freunde auf einige aufmerksam. Am Nebentisch saß ein verliebtes Paar, das nur Augen füreinander hatte und zärtlich Händchen hielt. Auf der anderen Seite, direkt hinter Esther, war ein großmäuliger Angeber, der ununterbrochen von seinen unglaublichen Australienreisen erzählte. Sie konnte ihn nur hören – seine laute, herrische Stimme und das selbstgefällige Lachen – und stellte sich vor, wie er aussah. Wahrscheinlich war er groß und kräftig, hatte ein rotes Gesicht und kurze schwarze Haare. Auch Laura, die Esther gegenübersaß, konnte ihn noch hören und zog abwertend die Nase kraus. Ab und zu sah Esther zum Fernseher hoch. Gerade waren ein ausgebranntes Auto und eine abgesperrte Straße zu sehen. Es ging sicher um den gestrigen Autobomben-Anschlag vor dem US-Konsulat in Hamburg. Am unteren Bildrand lief ein Schriftband entlang.

*** Die Polizei vermutet eine Aktion der Islamischen Miliz oder der linksradikalen IFFAR ***

Lauras Blick glitt durch die Menge, blieb an diesem oder jenem hängen. Plötzlich kniff sie kurz die Augen zusammen. »Oh, es gibt doch noch Männer auf dieser Welt.« 6


»Was? Und wir?«, protestierte Volker lachend. »Was soll das heißen?« »Ach ihr, ihr seid lieb und nett, aber ich meine so richtig heiße Typen – also den da vorne nähme ich glatt mit.« »Hast du noch nicht genug von Männern? Von deinem letzten ganz besonders … Wie hieß er noch?« Esther kicherte und tat so, als könne sie sich nicht mehr an den Namen von Lauras Ex erinnern. »Dieser durchgestylte Typ, war der Friseur oder was?«, fiel Steffi ein. Laura bedachte sie nur mit einem vernichtenden Blick. »Er war Maskenbildner. Und außerdem – ein Fehlgriff. Das kann jedem passieren«, sagte sie hoheitsvoll. »Esther, guck mal, an der Theke. Neben der rechten Säule.« Esther drehte sich um. Dort standen zwei Männer, die miteinander sprachen, und sie wusste gleich, welcher gemeint war. Er war zu weit weg, als dass sie sein Gesicht hätte genau erkennen können. Er hatte mehr als schulterlange blonde Haare, war recht groß und schlank. Aber das war es eigentlich nicht. Es war die Art, wie er lässig an der Theke lehnte. Es sah so locker aus, aber darunter lag eine spürbare Körperspannung. Der andere war etwas kleiner, rundlich und hatte kurze schwarze Locken. Er nickte gerade und hob sein Glas. Er hing wirklich einfach nur an der Theke. »Welchen meinst du denn?«, fragte Arnd, unempfänglich für männliche Reize. »Den mit den langen Haaren«, erwiderte Laura. »Ich müsste mir das mal genauer ansehen.« »Das Jagdfieber ist erwacht«, kommentierte Volker. »Ha, ha.« Laura rümpfte die Nase, aber sie blieb sitzen und trank ihr Glas leer. Als Esther sich nach ein paar Minuten noch einmal unauffällig umdrehte, waren die beiden von der Theke verschwunden. Steffi ließ einen Teller mit Chips kommen, aber es waren ganz normale aus dem Supermarkt, keine australischen. »Wie wohl australische Chips schmecken?«, überlegte Esther laut. Volker hatte schon zwei Bier getrunken und riss entsprechend viele Witze. 7


»Wir können ja mal nach Chips mit Koalabär-Geschmack fragen, hahaha!« Esther wollte noch etwas nachbestellen, aber da die Kellnerin sich schon eine Weile nicht mehr hatte blicken lassen, ging sie kurz entschlossen zur Bar. In der Ecke vor den Toilettentüren stand ein blinkender Flipper und Esther sah sofort, dass die beiden Typen, die vorhin noch an der Theke gestanden hatten, daran spielten. Im Moment spielte der Dunkelhaarige, der hastig auf die Knöpfe drückte. Es klingelte und blitzte. Der andere stand daneben und sah zu. Er gefiel Esther aus der Nähe noch mehr. Als hätte er gespürt, dass sie ihn ansah, blickte er plötzlich zu ihr und lächelte ihr zu. Sein Freund schubste ihn an. »Du bist dran. Mal sehen, ob du mehr schaffst!« Er strich sich die dunklen Locken aus dem Gesicht und rieb sich die Stupsnase. Der andere nickte nur und wandte sich dem Gerät zu, das unter seinen Händen gleich wieder schrille Töne von sich gab. Esther ging schnell weiter. Sie schüttelte unwillig den Kopf. Sie war tatsächlich rot geworden. Hoffentlich hatte es keiner gesehen. Dieser Typ war so weit von ihr weg wie Australien. Mindestens. Auf dem Rückweg von der Bar, eine neue Flasche Fassbrause in der Hand, streifte sie ihn mit einem langen Blick. Er spielte immer noch am Flipper, mit schnellen, aber gleichzeitig überlegten Bewegungen, ohne Hast. Esther kehrte zu ihrem Tisch zurück und sagte ihren Freunden nicht, dass sie den attraktiven Typen wieder gesehen und dass er ihr zugelächelt hatte. Sie hatte Angst, dass die anderen merkten, wie sehr er ihr gefiel und über sie lachten. Später musste sie oft an diese flüchtige Begegnung denken und rief sich das kurze Lächeln ins Gedächtnis zurück, das er ihr, wahrscheinlich gedankenlos, geschenkt hatte.

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II. Mai

Esther belegte zusammen mit Laura auf deren Drängen einen Selbstverteidigungskurs für Frauen, nachdem sie wieder von einem Überfall in einer U-Bahnstation gelesen hatte. Sie fuhr täglich mit dieser Linie zur Arbeit. Laura verliebte sich, wie Esther nach der ersten Trainingsstunde erwartet hatte, in den gut aussehenden und charmanten Trainer namens Ralf, dessen leichtes Lispeln ihn nur noch liebenswerter machte. Laura, zwar schlank, aber normalerweise nicht sonderlich sportbegeistert, ging mit größtem Eifer zur Sache, sowohl beim Training als auch beim Flirten. Esther amüsierte sich köstlich, wenn Laura den Trainer mal wieder unschuldig anschaute und »Kannst du mir bitte diese Übung nochmal zeigen?« flötete. Abgesehen davon machte der Kurs Esther allein deswegen Spaß, weil der Trainer ihnen effektive und leicht anwendbare Techniken beibrachte. Sie hatten gerade nach dem Training geduscht. Laura rubbelte sich mit ihrem großen, giftgrünen Frotteehandtuch trocken. »Machen wir noch was?«, fragte sie. Sie gingen meistens noch irgendwohin, tranken etwas oder aßen eine Kleinigkeit. »Wir können ja mal wieder in die ‚Känguru‘-Kneipe gehen«, schlug Esther vor und schlüpfte in ihre Jeans. »Wann waren wir da zuletzt? Ist das nicht schon drei Wochen her?«

Als sie ankamen, standen schon jede Menge Fahrräder an der Hauswand und an den Bäumen. Mit Glück ergatterten sie einen kleinen Tisch und bestellten Getränke. Esther sah sich unauffällig um, ob vielleicht der attraktive Typ wieder hier war. Sie sah ihn nicht und war etwas enttäuscht. Was soll das, schalt sie sich selbst. Soll ich etwa jeden Tag hierherkommen und auf ihn warten? Ich würde ihn doch sowieso nie ansprechen! 9


»Ralf war vorhin ja mal wieder drollig«, sagte Laura und nippte an ihrem Wasser. »Wie er wieder seinen Terminkalender durcheinandergebracht hat.« Esther musste lachen. »Allerdings.« »Auf meine Flirtversuche ist er zwar nicht angesprungen, aber er ist trotzdem süß«, fügte Laura hinzu. *

Seit mehr als vier Stunden lag er auf dem Dach. Er war Warten gewohnt. Es machte ihm nichts aus. Er konnte sich in Gedanken verlieren, ohne dabei seine Konzentration aufzugeben. Dabei beobachtete er die Tür und wusste, dass er sofort reagieren würde, wenn sie endlich aufging. Die Sonne schien auf das Flachdach und heizte es auf. Er stellte sich vor, er sei eine Eidechse, die bewegungslos und scheinbar träge Wärme tankte, und war froh, dass er ein kurzärmliges Polohemd trug. Still lag er auf dem Bauch, das Kinn auf den rechten Arm gestützt, sodass er gerade über den leicht angehobenen Rand des Daches sehen konnte und sein Ziel, die Haustür, im Auge behielt. Sie war braun, aus einem dunklen, sicher sehr schweren und dicken Holz, mit einem kleinen Fenster in der oberen Hälfte, vor dem sich ein schwarzes, schmiedeeisernes Gitter wand. Die Tür hatte keine Klinke, sondern einen schwarzen Knauf. Die Hauswand neben der Tür war weiß, die Farbe sah noch unverbraucht und frisch aus. Rechts von der Tür wuchs ein kleiner grüner Busch. Er hatte jede Einzelheit, die er von seinem Platz aus sehen konnte, in sich aufgenommen. Von seiner Position aus zählte er fünf graue Natursteinplatten. Insgesamt waren es zehn Meter bis zur Vorgartenpforte. Die sah er nicht, weil sie außerhalb seines Blickfeldes lag, aber er wusste, dass sie da war. So wie er mit der Anlage des Hauses und der Nachbarschaft vertraut war. Er hütete sich vor unnötigen Bewegungen, streckte sich nur ab und zu, um nicht im entscheidenden Moment zu steif zu sein. Es roch schwach nach dem trockenen Moos, das stellenweise am rissigen Rand des Daches wuchs. Ein kleiner Käfer krabbelte über seinen Arm. Es kitzelte leicht. 10


»Schläfst du schon, mein Süßer?«, flüsterte plötzlich eine sanfte Stimme in seinem Ohr. Er lachte leise. »Nein«, murmelte er. »Du?« Das hochfeine Mikrofon, das neben der Knopfleiste seines Hemds steckte, fing seine Stimme auf, egal, wie leise er sprach. »Oh, es wird langweilig. Wann kommt der Kerl endlich?«, sagte die Stimme in seinem Ohr. »Vielleicht kommt er gar nicht raus.« »Irgendwann wird er rauskommen. Er hat sicher noch was anderes zu tun heute. – Hast du eigentlich noch gar keinen Hunger?« »Nein.« »Ich habe schon zwei Käsestangen gefuttert.« Es raschelte so laut, dass er mit der linken Hand unwillkürlich an den winzigen Kopfhörer im Ohr griff. »Was war das?« »Die Tüte.« Er hörte, wie sein Partner lachte, und stellte sich vor, wie er gemütlich im Auto saß und eine Käsestange nach der anderen vertilgte. Er grinste in sich hinein. »Okay, Darling, konzentrier dich wieder auf den Job.« Damit kehrte erneut Ruhe ein, und er gab sich wieder seinen Gedanken hin, die ihm ganz alleine gehörten und nichts damit zu tun hatten, dass er auf diesem Dach lag. Eine Haarsträhne fiel ihm ins Gesicht, er pustete sie beiseite. Er dachte an Vietnam. Er erinnerte sich gerne an die Zeit dort, an die Abende am Strand, wenn sie am offenen Feuer gegrillt hatten, und an die Ausflüge mit dem Boot hinaus auf das Meer mit seinem klaren, türkisfarbenen Wasser. Er dachte an die Strandläufe, die er vermisste, weil er gerne lief, aber eben nicht auf hartem Asphalt und in dreckiger Stadtluft. Er erinnerte sich auch an das Training in der offenen Halle, an die angenehme Kühle der glatten Matten auf der erhitzten Haut. Die Bilder zogen langsam vorbei und brachten auch die passenden Gerüche und Geräusche mit – den Duft nach Salzwasser und Seetang, nach geröstetem Fisch, die Stimmen in der Dunkelheit am Strand, das Rauschen der Wellen und das Klatschen, wenn ein Körper auf der Matte aufschlug. 11


Plötzlich bewegte sich die Tür. Alle Gedanken an Vietnam waren sofort ausgeschaltet, die Gegenwart ins Zentrum gerückt, er war bereit. »Achtung«, murmelte er in das Mikrofon. Der erste Mann war breitschultrig und trug einen dunklen, etwas zu engen Anzug, besonders das Jackett spannte über dem massigen Oberkörper. Bodyguard. Der zweite war ein hochgewachsener älterer Herr mit sorgfältig gekämmten grauen Haaren, Koteletten und einer eleganten Brille mit Goldrahmen. Er ging aufrecht und war größer als seine zwei Begleiter. Der dritte, drahtig und wie der erste im dunklen Anzug, machte den Abschluss. Noch ein Bodyguard.

Der Schütze auf dem Dach zögerte keine Sekunde. Sein Training übernahm das Handeln, seine Bewegung war blitzschnell und fließend. Er wusste, dass er nur eine Chance hatte, zog geräuschlos sein G28 DMR über den Rand und hatte das Ziel im Fadenkreuz. Sein Puls beschleunigte sich, aber seine Hand blieb ruhig. Es sah den Kopf des alten Mannes, die eisgrauen Augen, die Nasenwurzel. Die Nasenflügel des Mannes bebten leicht. Er schoss. Es gab nur ein dumpfes Plopp. Er schickte noch einen Schuss hinterher, bevor er sich, ohne einen Blick über den Rand des Daches zu werfen, mitsamt Gewehr zur anderen Seite wegrollte, während drei, vier Schüsse durch den Vorgarten peitschten. Ein kurzer Wutschrei folgte, Rufe, aber er hatte schon die andere Seite des Daches erreicht. »Ich komme«, stieß er hastig hervor, ließ das aufgerollte Kletterseil herunterfallen und hielt sich bereits daran fest, als es sich noch in der Luft vollends auseinanderfaltete. Unten angekommen, riss er an dem Seil, um es von dem Haken im Mauerwerk zu lösen, aber es hing fest. »Lass das Seil!« Hinter ihm stand der weiße Sportwagen, die Beifahrertür war offen, der Motor lief, und er sprang hinein, warf das G28 DMR auf den Rücksitz und schlug die Tür zu. Der Fahrer startete sofort durch, schoss aus dem Hinterhof und war schon auf der Straße, als der Schütze zusätzlich noch 12


eine Decke über die Waffe auf dem Rücksitz warf und sich anschnallte. »Hast du ihn?«, fragte der Fahrer. Der andere zuckte mit den Achseln, zog sich den Kopfhörer aus dem Ohr, löste das Mikrofon und steckte beides in die Brusttasche seines Polohemds. »Ja, ich glaube. Ich wollte nichts riskieren und schauen.« »Klar. Den Tag möchte ich erleben, an dem du nicht triffst.« Der Fahrer warf einen Blick in den Rückspiegel. Niemand folgte ihnen. »Alles okay, Darling?« »Ja, danke. Der Dreckskerl hatte nichts anderes verdient.« Der Fahrer hielt ihm kurz die Hand hin, und er schlug ein. »Wieder einer.«

Esther setzte sich vor ihren Fernseher, um einen Krimi zu schauen. Sie schaltete extra etwas früher ein, um die Nachrichten nicht zu verpassen. »In Bremen ist heute Nachmittag der Frankfurter Großverleger Günter Wachshoven vor einem Wohnhaus erschossen worden«, sagte der Nachrichtensprecher. Hinter ihm war ein Bild des grauhaarigen, distinguierten Verlegers eingeblendet. »Bislang hat sich niemand zu dem Anschlag bekannt. Der oder die Attentäter konnten unerkannt entkommen.«
Das Bild wechselte zum Filmbericht. Ein weiß getünchtes Haus mit brauner Holztür füllte den Bildschirm. Polizeibeamte sicherten Spuren im mit rot-weiß gestreiften Plastikbändern abgesperrten Vorgarten. »Günter Wachshoven hielt sich privat in Bremen in diesem Haus auf«, berichtete eine Reporterin, die vor dem Haus platziert war, mit klarer, unbeteiligter Stimme. »Der Attentäter schlug heute um kurz nach fünfzehn Uhr zu, als der Verleger in Begleitung zweier Leibwächter das Haus verließ. Er tötete ihn mit einem Kopfschuss. Nach bisherigen Ermittlungen lauerte der Schütze auf dem Flachdach eines benachbarten Gebäudes. Von dort floh er über ein Seil, das er am Tatort zurückließ.« Das braune Kletterseil baumelte im Bild. »Ab hier verliert sich seine Spur.« Die Kamera schwenkte wieder auf die Reporterin mit ihrem 13


Mikrofon. »Günter Wachshoven war ein sehr einflussreicher Mann. Zu seinem Verlag gehören mehrere führende Wirtschaftszeitungen. Ein Mann, der auch viele Feinde hatte. Wie erst jetzt bekannt wurde, hatte er bereits früher Morddrohungen erhalten. Bis jetzt gibt es jedoch noch keinen Hinweis darauf, wer hinter dem Mordanschlag steckt.« Das Bild wurde ausgeblendet, die Sendung ging mit einem anderen Thema weiter. Esther knabberte ein paar Chips und freute sich auf ihren Krimi. Die Kommissarin löste ihren Fall zuverlässig wie immer, einen Mord im Rotlichtmilieu, den der Kameramann in passenden Bildern von schmuddeligen, heruntergekommenen Straßen und Menschen mit verbrauchten Gesichtern servierte. *

Am Morgen schien die Sonne vom blauen Himmel. Esther stand schnell auf. Die Radionachrichten brachten wieder etwas über den ermordeten Verleger, aber sie hörte kaum hin. In ihrer winzigen Küche machte sie sich nur schnell Kaffee und aß eine Schale Cornflakes mit Milch. Dann musste sie los, denn heute hatte sie Dienst im Seminar für Kunstgeschichte. Sie holte Bücher aus der Universitätsbibliothek, katalogisierte die neu eingetroffenen Bände für die Seminarbibliothek und half Kommilitonen bei der Suche nach passender Literatur. Die Professorin brachte ihr einige ausländische Fachzeitschriften, aus denen sie Artikel kopieren sollte. Sven, die andere Hilfskraft im Seminar, ordnete zurückgegebene Bücher ein. Danach gingen sie zusammen in die Mensa. Die Schlange war wieder ziemlich lang, außer beim unbeliebten, aber billigen Eintopfgericht. »Was nehmen wir denn heute?«, fragte Sven. »Gemüsebratling mit Röstkartoffeln oder Rinderschmorbraten mit Salzkartoffeln und Erbsen?« »Ich nehme den Bratling«, sagte Esther, die keinen Appetit auf das schwere Fleischgericht hatte. Sven schloss sich ihr an. Sie setzten sich an einen Zweiertisch ans Fenster. 14


»Ich will mich übrigens im nächsten Semester zum Examen melden«, sagte Sven beiläufig nach ein paar Bissen. »Oh.« Esther war überrascht und dachte daran, dass sie für den Bachelor fast alle Scheine zusammen hatte, bis auf den im Nebenfach Kunstgeschichte, zu dem ihr Picasso verhelfen sollte. Sie wusste, dass sie ihr Studium etwas hinauszögerte, aber sie war gern an der Uni. Der Job am Seminar und der Zuschuss der Eltern reichten ihr zum Leben. Und außerdem – was nach dem Abschluss kam, war so unsicher. Sie hatte Praktika gemacht, bei einer Pressestelle, in einem Verlag und in einer Galerie, aber sie hatte das dumpfe Gefühl, dass sie längst nicht ausreichten. In dem Verlag für Kunstbildbände hatte es ihr gefallen, aber gerade dort einen Job zu ergattern erschien ihr unendlich schwierig. Sie stellte sich eine Schlange von Bewerbern vor, die sich durch die Straße wand. Und alle hatten nicht nur erstklassige Abschlussnoten, sondern auch ganze Stapel von beeindruckenden Praktikumszeugnissen in den Händen. »… anmelden willst?« Esther fuhr hoch, aber zu spät, sie hatte nur den Rest der Frage gehört. »Bitte?« »Hast du schon mal überlegt, wann du anmelden willst?«, wiederholte Sven. »Na ja … nicht so richtig. Ich mache meinen letzten Schein in Kunstgeschichte in diesem Semester. Ich muss mit der Hoffer ja auch noch ein Thema absprechen.« Einige Themen interessierten sie, ihr Schwerpunkt lag auf französischer Geschichte. Es sollte etwas halbwegs Spannendes sein, nichts, was schon x-mal durchgekaut worden war und auch keine öde Urkunde. Am liebsten wäre Esther ein alltagsgeschichtliches Thema, denn sie interessierte sich dafür, wie die Menschen früher gelebt hatten und was sie bewegt hatte. Sie gingen ins Seminar zurück. Esther übernahm die Zeitungsauswertung, denn sie las sowieso gerne Zeitung. Der Job an der Uni sparte das Abo. Die Blätter machten mit dem Attentat auf. Zum ersten Mal sah Esther richtig hin. Sie hatte ab und zu von Wachshoven 15


gehört, aber mehr auch nicht. Den Artikeln nach zu urteilen war er nicht gerne in der Öffentlichkeit aufgetreten. Seine Publikationen waren führend in der Wirtschaftspresse. Die Zeitungen spekulierten über das Motiv. Wer hatte ihn bedroht und warum? Die Islamisten? Die linksradikalen Terroristen von der International Freedom Front Against Racism oder IFFAR, wie sie meist nur genannt wurden? Niemand hatte sich dazu bekannt.

Nach dem Seminardienst und dem wie meistens langweiligen Hauptseminar radelte Esther zum Supermarkt. Der Wachdienst ließ sie ungestört passieren, aber einen heruntergekommenen Jungen, der vor ihr hineinhuschen wollte, schickten sie weg. Sie ging rasch weiter, sah sich nur verstohlen nach dem mageren Jungen mit seiner löchrigen und dreckigen Jeansjacke um. Er drohte den Sicherheitsleuten und beschimpfte sie. Er tat ihr leid, und sie hatte ein schlechtes Gewissen. Der Supermarkt blitzte und glänzte wie immer. Sie spazierte an den prall gefüllten Obstständen vorbei, nahm Käse an der Theke mit, frische Milch und auch noch Brot beim Bäcker im Foyer. Als sie nach Hause kam, sah sie, dass ihr Anrufbeantworter blinkte. »Hallo, hier ist Ingo. Rufst du mich mal an?« Esther verzog das Gesicht. Heute nicht. Sie hatte keine Lust, mit ihrem Ex-Freund zu reden. Ingo machte sich immer noch Hoffnungen, aber er nervte sie nur. Sie schaltete den Fernseher ein und setzte sich an ihren Computer, um ihren Großeltern eine E-Mail zu schreiben. Das ununterbrochene Geplapper aus dem Apparat wurde zur beruhigenden Geräuschkulisse. Sie horchte erst auf, als die Nachrichtenfanfare erklang. »Die Polizei hat einen der führenden Köpfe der rechtsextremen Terrororganisation Thule-Kämpfer festgenommen.« Esther starrte das Bild an, das hinter der Sprecherin eingeblendet war. Ein ganz normal aussehender Mann, Anfang dreißig, mit kurzen dunklen Haaren. »Der 33 Jahre alte Norbert Rauher wurde unter anderem wegen Mordverdachts gesucht. Er soll an dem Anschlag auf 16


einen Berliner Studentenclub beteiligt gewesen sein, bei dem vor drei Jahren elf Menschen starben.« Im Filmbericht erfuhr Esther, dass ein Zivilfahnder den Terroristen in einem Café in München entdeckt und festgenommen hatte. *

Er stand in der Küche, als das Telefon klingelte. Er holte es und drückte auf die grüne Taste. »Ja bitte.« »Ich bin’s, Rudolf. Sie haben Rauher in München geschnappt, in einem Café. Ich habe gerade eine Nachricht bekommen.« »Wie bedauerlich.« Er rührte die Tomatensoße um und gab ein paar Topfen Olivenöl hinein. »Jetzt erwischen wir ihn vorerst nicht mehr. Du weißt, was ich mit ihm machen würde.« »Eine Kugel ist viel zu schade für ihn«, bemerkte Rudolf. »Er soll den Rest seines Lebens im Knast schmoren. Die lassen den nicht mehr so schnell raus.« »Habe ich von einer Kugel gesprochen? Vielleicht gibt es eine Freipress-Aktion.« Er nahm den Kochlöffel aus der Soße und schnupperte daran. Es duftete genau richtig nach fruchtigen Tomaten und Kräutern. »Thule ist zu blöd dafür«, sagte Rudolf verächtlich. »Bist du allein? Wo ist von Karls?« »Einkaufen. Wir essen gleich. Wie läuft es bei euch?« »Keine Probleme. Montag ist alles klar?« »Ja. Gleicher Ort, gleiche Zeit. Ciao.« »Ciao.« Er drückte die rote Taste und schob das Mobiltelefon auf die Arbeitsfläche neben dem Herd. Die Wohnungstür klappte. Schlüssel klirrten. »Rauher ist verhaftet worden. Rudolf hat gerade angerufen«, rief er in den Flur. Von Karls kam in die Küche und stellte seine Tasche auf einen Stuhl. »Thule wird sich freuen.« Er lachte dröhnend und packte Saftflaschen aus. Einen Apfelsaft stellte er auf den Tisch, einen zweiten in den Schrank und einen Orangensaft in den Kühlschrank. 17


»Wo haben sie ihn erwischt?« »In einem Café in München. Anscheinend gab es keine Schießerei, Rudolf sagte jedenfalls nichts.« »Wir können ja auch gleich Nachrichten hören. Wie viel Uhr haben wir?« »Die Nachrichten sind gerade vorbei.« Von Karls räumte seine Tasche weg und goss Apfelsaft in die Gläser. »Wir können auch im Internet nachschauen.«

Esther hatte es sich gerade gemütlich gemacht, als das Telefon klingelte. Sie fürchtete zwar, dass es Ingo sein könnte, hob aber trotzdem ab. »Ja?« »Ich bin’s, Laura«, sprudelte ihre Freundin hervor. »Du, ich habe heute einen tollen Typen getroffen.« Vor Begeisterung purzelten ihr die Worte noch schneller als sonst aus dem Mund. »Und weißt du, wo? Ach, darauf kommst du nie – im Bus! Beim Aussteigen. Ich bin gestolpert, und er hat mich festgehalten. Ich hatte ihn im Bus gar nicht bemerkt. Na, der war aber auch vollgestopft mit Leuten. Und ich stolpere, jemand hält mich am Arm fest, und ich wollte nur kurz danke sagen, da sehe ich ihn erst richtig. Total süß. So der schüchterne Typ, weißt du. Also, da musste ich ihn einfach ansprechen. Sebastian heißt er, ist Jurastudent und …« Laura plapperte weiter, ohne Punkt und Komma. Esther lauschte amüsiert dem aufgeregtem Auf und Ab ihrer Stimme. Laura hatte schon Sebastians Telefonnummer und er ihre, aber er war ja offensichtlich ziemlich zurückhaltend, also wollte sie ihn anrufen, aber wann genau eigentlich, und was sollte sie sagen, und sie müssten sich aber unbedingt ganz bald treffen, und am besten sollte Esther doch mitkommen … Am Ende der Telefonkonferenz war Laura beruhigt, denn sie hatte mit Esther einen Schlachtplan gefasst. Morgen schon, am Mittwoch, wollte Laura Sebastian anrufen und ihm vorschlagen, doch eine Kneipe mit ihnen zu besuchen. Das ‚Känguru‘. Esther lächelte noch, als sie den Hörer auflegte. Ihre rechte Hand war verschwitzt und das Ohr heiß telefoniert. Sie war 18


gespannt auf diesen Jurastudenten. Die extrovertierte Laura flog seltsamerweise oft gerade auf die schüchternen Männer. *

Laura rief am Freitagvormittag in der Uni an, um ihr zu sagen, dass es geklappt hatte. Um halb acht wollten sie sich im ‚Känguru‘ treffen. Esther kettete ihr Rad diesmal an eine Laterne und ging über das Kopfsteinpflaster zum Eingang. Es war noch hell, aber der Himmel verfärbte sich bereits. Irgendwo kreischten Kinder. Auf der Straße waren Kreidespuren von Spielen, die Esther wegen der wirren Linien nicht mehr erkannte. Sie dachte an die Spiele, die sie selbst als Kind auf der Straße gespielt hatte, an die ungezählten Kriege um Land, an die Hüpfkästchen, vor allem an die. Sie sah sich selbst über die Straße hüpfen, auf einem Bein, die bunten Söckchen heruntergerutscht, die Augen konzentriert auf den Boden gerichtet, die kurzen Haare zerzaust vom Toben. Ein Erinnerungsschatten, der kurz vorüberhuschte. Sie wandte sich von den verwischten Kreidelinien ab und stieß die Tür zum ‚Känguru‘ auf. Da Laura noch nicht da war, setzte sie sich allein an einen Tisch am Fenster. Sie bestellte einen Tomatensaft und beobachtete die Leute. In der Kneipe war es recht voll, aber die Musik übertönte die Gespräche. Esther kannte das Lied nicht, vielleicht kam es aus Australien. Der Fernseher lief wieder stumm. Die Tür schlug auf und zu, neue Gäste kamen herein. In der Luft lag der etwas säuerliche Geruch von Bier. Die Bedienung kam mit einem vollen Tablett an den Tisch und ließ ihren Blick einen Moment suchend über die Gläser gleiten, doch bevor Esther etwas sagen konnte, griff sie nach dem richtigen. »Tomatensaft, oder?« »Ja, danke.« Da kam Laura hereingestürmt, mit wehenden Haaren und Funkeln in den Augen. »Ein Tonicwater!«, rief sie der Kellnerin zu und ließ sich auf den Holzstuhl fallen. »Hu, ich hab mich beeilt. Ich wollte doch mit dir schon ein bisschen früher da sein. Ich setze mich 19


am besten so, dass er mich gleich sehen kann, wenn er reinkommt. So.« Sie rückte einen Stuhl weiter. Sebastian kam, wie Esther es von einem Jurastudenten erwartete, pünktlich. Ein wenig hatte sie ihn sich nach Lauras Beschreibung so vorgestellt. Er hatte dunkle, glatte Haare und braune, treuherzige Augen, war mittelgroß, kräftig und trug ein weißes Jeanshemd mit einer schwarzen Hose. »Hallo«, sagte er leise. Laura lächelte ihn an. »Schön, dass du da bist. Das ist meine Freundin Esther.« Sebastian nickte artig. »Hallo. Ich heiße Sebastian.« Die ersten Minuten waren ein wenig steif, denn niemand wusste etwas zu sagen, bis Esther das Gespräch mit einer Bemerkung über den Obdachlosen vor dem Supermarkt in Gang brachte. Sebastian schüttelte den Kopf. »Können sie diese armen Schweine nicht in Ruhe lassen? Die haben es schwer genug.« Laura war empört. »Kein Wunder, dass es immer schlimmer wird, überall diese Gewalt. Neulich hat auch jemand diesen Verleger da erschossen, peng, weg, einfach so.« »Der Verleger soll die rechte Presse und die rechtspopulistische Partei von Daniel Kraußler unterstützt haben, habe ich gelesen«, warf Sebastian ein. »Ach so.« Laura nickte langsam. »Na, dann steckt wohl die IFFAR dahinter. Diese Linksextremen haben schon ein paar Attentate auf Rechte verübt.« »Aber vielleicht war es auch die Islamische Miliz, wenn der Verleger Kraußler unterstützte. Die sind sich doch genauso wenig grün«, erwiderte Esther. IFFAR, Islamische Miliz, Kraußler. Die Namen wirbelten in Esthers Kopf herum und lösten ein dumpfes, unangenehmes Gefühl aus. Sie griff nach ihrem Glas, doch es rutschte ihr aus den Fingern und kippte um. Laura konnte sich gerade noch vor dem Tomatensaft in Sicherheit bringen. »Oh, Entschuldigung!« Esther sprang auf. Zum Glück war nicht mehr viel Saft im Glas gewesen, aber die zwei Servietten auf dem Tisch reichten nicht aus, um alles wegzuwischen. 20


»Ich geh mal schnell ein paar Papiertücher holen.« Als Esther sich in Richtung Toiletten drängte, erregte plötzlich etwas ihre Aufmerksamkeit. Sie wusste gar nicht genau, was es war. Wohl eine Bewegung, etwas, das am Rand ihres Gesichtsfeldes lag, sodass sie es gar nicht bewusst wahrnahm. Sie drehte sich um.

Der gut aussehende Typ stand wieder da. Er lehnte an einer Säule, wurde fast ganz verdeckt von ihr, sodass Esther ihn auch bei weniger Gedränge von ihrem Platz aus nicht hätte sehen können. Neben ihm stand der pummelige Dunkelhaarige, mit dem er damals am Flipper gespielt hatte. Der Blick des Fremden blieb an Esther hängen. Es war nur kurz, aber sie wusste, dass er sie erkannte, denn er lächelte in ihre Richtung, bevor er sich wieder dem Dunkelhaarigen zuwandte. Ihr Herz schlug sofort schneller, und ihr Mund wurde trocken. »Das darf nicht wahr sein«, murmelte sie, drehte sich entschlossen um und ging weiter. Sie schob sich durch die Menge, bat um Entschuldigung, ihre Hände streiften fremde Körper. Ich bin so doof. Mein Gott, wer ist das schon. Irgendein cooler Typ. Ich kann mich nicht einfach in so einen verknallen, den ich erst zwei Mal gesehen habe, bloß vom Ansehen. In der Toilette ging sie schnell in eine Kabine, schloss die Tür und lehnte sich einen Moment dagegen. Als sie das WC wieder verließ, hatte sie ihre heißen Wangen mit kaltem Wasser abgekühlt und ein paar Papierhandtücher mitgenommen. Sie schob sich am Flipper vorbei, an dem eine große junge Frau mit kahl geschorenem Kopf und einer knallroten Plastikjacke spielte. Plötzlich berührte sie eine Hand am Arm. »He, du.« Esther zuckte zusammen und fuhr herum. Ein wildfremder Mann stand ihr gegenüber. »Na, Süße? Hast du heute schon Gesellschaft?« Der Typ sah fertig aus, er war unrasiert und fettige Haare hingen ihm ins Gesicht. Er grinste anzüglich. »So ein hübsches Mädchen wie du sollte nicht alleine sein.« »Verpiss dich«, sagte Esther und wollte sich wegdrehen, 21


doch er fasste sie mit der linken Hand am Arm. Er packte richtig zu, und es tat ihr weh. »Na komm schon, Kleine, ich zeig dir mal, wie gut ich küssen kann.« »Nein«, zischte Esther und versuchte sich loszureißen. Noch eine Sekunde länger, und sie würde losschreien. Vielleicht half ihr die Frau am Flipper. Das Gerät klingelte und ratterte. Esther dachte an den Selbstverteidigungskurs. Na los. Hoch das Knie, zwischen seine Beine rammen. Schwung holen und den Ellenbogen gegen seine Schläfe donnern. Er zog sie näher an sich heran, seine Finger gruben sich schmerzhaft in ihren Arm. »Ich raube nur einen Kuss …« Jemand schlug ihm auf die Hand und riss ihn herum. Der Mann jaulte auf. »Verschwinde«, sagte eine fremde Stimme. »Los, ich sage es nicht zweimal.« »Was mischst du dich ein, bist du ihr Stecher oder was?« Statt einer Antwort drehte der Fremde ihm blitzschnell den Arm auf den Rücken und drückte ihn zu Boden. Der Typ mit den fettigen Haaren winselte vor Schmerz. »Reicht das?« Er ließ ihn los. Esther starrte ihren Retter an. Seine dunkelblau-grauen Augen faszinierten sie sofort. Sie erinnerten an einen Stern­ saphir, geheimnisvoll und ein wenig düster. »Danke«, murmelte sie. Fetthaar kam wieder hoch und hielt sich seinen Arm. »Arschloch«, murmelte er, aber er zog ab. Der Fremde lächelte sie an, wie schon vorhin, als er sie von Weitem gesehen hatte. Plötzlich wirkte er sanft auf sie, gar nicht mehr so, als ob er einen anderen Mann mit ein paar Griffen kampfunfähig machen könnte. »Der war sicher harmlos«, meinte er. »Aber trotzdem muss er niemanden belästigen, oder?« »Ja.« Esther wusste nicht, was sie sagen sollte. Verdammt, irgendwas, und wenn es noch so dumm war. Sonst drehte er sich gleich um und verschwand. Der Flipper blinkte und klimperte. Die Frau spielte immer noch und schenkte ihrer Umgebung keinerlei Aufmerksam22


keit. Von ihr war keine Inspiration zu erwarten. Laura wüsste tausend Dinge, die sie ihm sagen könnte. Laura hätte es fertiggebracht, ihm um den Hals zu fallen. Esthers Kopf war leer. »Danke«, wiederholte sie hilflos. »Darf ich … Kann ich dich zu was einladen, zum Dank?« Er lachte, und wieder erreichte das Lachen auch seine Augen. »Gleich eine Belohnung für meine ritterliche Tat? Das war doch nichts. Mit dem wärst du auch allein fertig geworden.« Die Rettung, durchzuckte es Esther. »Ja, eigentlich sollte ich das.« Sie kicherte verlegen. »Ich mache einen Selbstverteidigungskurs. Jetzt gerade hätte ich mich vor meinem Trainer ziemlich blamiert.« »Na ja – vielleicht hat er euch gesagt, dass nicht das Erlernen der Techniken das Schwierigste ist, sondern sie im entscheidenden Moment anwenden zu können.« Ja, wahrscheinlich hatte Ralf tatsächlich so etwas gesagt. »Nimmst du meine Einladung an?«, fragte sie, etwas mutiger. »Ich wäre dumm, wenn ich es nicht täte. Warte einen Moment.« Er verschwand in der Menge, kam aber gleich zurück. Esther vermutete, dass er seinem Freund Bescheid gesagt hatte. Sie war etwas überrascht, dass er allein zurückkam, aber sie sagte nichts. »Wie heißt du?« Er zögerte einen Moment. Den Bruchteil einer Sekunde nur, aber sie bemerkte es an seinem Blick, der zur Seite auswich. »Lys«, antwortete er. »Alle sagen Lys zu mir. Und wie heißt du?« »Esther. Was bedeutet Lys? Diesen Namen habe ich noch nie gehört.« Sie ging vor und bahnte sich langsam den Weg durch die anderen Gäste. Da vorne war schon das Fenster. Laura und Sebastian beugten sich über den Tisch zueinander und waren in ein Gespräch vertieft. »Es ist eine Abkürzung. Ich heiße Lysander.« Das ist kein deutscher Name, dachte Esther, die einen ganz 23


schwachen Akzent wahrnahm. Er machte keine Fehler, aber seine Sprachmelodie war etwas anders, sie wich fast unmerklich ab, sodass es nur einem aufmerksamen Zuhörer auffiel. In Lauras Nixenaugen blitzte sofort das Wiedererkennen auf, als Esther und Lys an den Tisch kamen. »Hallo«, sagte sie völlig überrascht. »Das ist Lys«, stellte Esther ihn vor. »Das sind Laura und Sebastian. Lys hat mir gerade geholfen. Da hat mich so ein ekliger Typ angemacht und begrapscht.« Sie wischte den letzten Rest des Tomatensafts mit dem Papiertuch auf und setzte sich. Lys nahm den Stuhl daneben, die Kellnerin kam gerade vorbei. »Ich brauche jetzt eine Cola. Was nimmst du?«, wandte sich Esther an Lys. »Auch eine Cola.« Esther bestellte. »Bist du allein hier?«, fragte Laura. »Ja«, log Lys. Esther schwieg verdutzt. »Mein Freund ist gerade gegangen«, fuhr er fort. »Er war müde. Erzählt doch mal, was ihr macht, wenn ihr nicht in dieser Kneipe hockt.« »Ich bin Fremdsprachenkorrespondentin für Französisch und Italienisch«, sagte Laura. »Und du?« »Ich studiere Sport.« Esther sah ihn überrascht an. Irgendwie hatte sie etwas anderes erwartet, ein geisteswissenschaftliches Studium. Aber sicher, er sah sportlich aus. Und so fix, wie er den Mistkerl vorhin aufs Kreuz gelegt hatte, machte er garantiert irgendwelchen Kampfsport. »Machst du bestimmte Sportarten?«, fragte Laura neugierig. »Ich meine, spezialisierst du dich auf etwas?« »Ja. Kampfsport und Schwimmen.« Esther nickte innerlich. War ja klar. »Oh, weißt du, Esther und ich machen einen Selbstverteidigungskurs. Der Trainer kommt auch vom Kampfsport, vom Aikido.« »Aikido kenne ich«, sagte Lys. »Aber ich trainiere Taekwondo und Krav Maga.« 24


»Taekwondo habe ich schon mal gehört«, meinte Esther. »Aber was ist Krav Maga?« »Das ist reine Selbstverteidigung, kommt aus Israel. Sehr effektiv.« »Das kann ich bestätigen, ihr hättet sehen sollen, wie er den Typen vorhin fertiggemacht hat. So schnell konnte ich gar nicht gucken«, erzählte Esther. »Laura, vielleicht sollten wir zum Krav Maga wechseln.« »Ich war mal im Judo-Club«, warf Sebastian ein, offensichtlich froh, etwas beitragen zu können. »Aber nur als Kind. Heute gehe ich leider gar nicht mehr zum Sport.« Esther fand, dass er ohnehin unsportlich aussah. »Warum denn nicht?«, fragte Lys. »Wenn du leider sagst, dann würdest du doch gerne etwas tun, oder?« »Wie das so ist – der Geist ist willig, das Fleisch ist schwach.« Sebastian seufzte. Laura lachte. »Du kannst ja mit uns den nächsten Selbstverteidigungskurs belegen.« Esther zog sich aus dem Gespräch zurück. Sie hörte lieber zu, wie Sebastian ein paar Anekdoten aus dem Jura-Studium erzählte und dabei mehr Witz zeigte, als sie ihm zugetraut hätte. Und natürlich redete Laura viel, aber es war nicht nervig, weil sie es so charmant tat. »Ihr hättet mal sehen sollen, wie dumm ich mich am Anfang von unserem Kurs angestellt habe. Ich habe mir schon bei der Aufwärmgymnastik eine Zerrung geholt!« Lys hörte auch viel mehr zu, als dass er selbst sprach. Esther beobachtete ihn so unauffällig, wie es ging. Er war ein aufmerksamer Zuhörer. Er fragte nach, und er lachte viel. Esther überlegte, woran seine dunkelblau-grauen Augen sie noch erinnerten. Ein wenig sah es so aus, als wären die Farben in einem Malkasten zusammengelaufen. Je nachdem, wie das Licht fiel, waren die Augen blau oder grau. Sie konnte kaum den Blick von ihm lassen und wusste nicht, was sie dagegen tun sollte. Wenn sie ehrlich war, wollte sie auch gar nichts dagegen tun. Esther war so versunken, dass sie ganz überrascht war, als er sie plötzlich ansprach. Zögernd erzählte sie etwas von sich und ihrem Geschichtsstudium und kam sich dabei 25


schrecklich uninteressant vor. Aber sie spürte, dass es Lys genauso ging wie ihr, dass er sie immer wieder ansah und tatsächlich behutsam seine Hand auf ihre legte, nicht aufdringlich, sondern fast vorsichtig, zurückhaltend. Ihr Herz pochte, sie hatte das Gefühl, Laura und Sebastian müssten es hören. Lys spielte sanft mit ihren Fingern, sie drückte ihre Finger gegen seine Hand. Das Gespräch glitt von den persönlichen Fragen zu den neuesten Kinofilmen und Büchern weiter zu Reisen und fernen Ländern. Esther stellte überrascht fest, dass Lys in vielen Dingen ihren Geschmack teilte. Wie sie hatte er alle Bücher von Shintaro Tanaka gelesen, der in seinen verrückten Geschichten kunstvoll Realität und Fantasie miteinander verwob. Wie sie wollte er gerne einmal nach Japan fahren und die Schauplätze der Romane besuchen, den Moloch Tokio, die Tempelstadt Kyoto oder die frechen Hirsche von Nara sehen. Und er war auch ein Manga-Fan. »Esther liebt Mangas. Sie zeichnet sogar welche«, verriet Laura. Esther wurde rot und trat unter dem Tisch nach ihr. »Wirklich?«, fragte Lys interessiert. »Ich probiere es.« »Die Zeichnungen sehen echt gut aus«, warb Laura und grinste. Plötzlich war es schon ein Uhr. Eigentlich könnte der Abend noch viel länger dauern, dachte Esther. Sie war gar nicht müde, aber Sebastian gähnte schon und verabschiedete sich, nicht ohne vorher mit Laura und Esther einen Kinobesuch verabredet zu haben. Laura ging mit Sebastian zur Tür und ließ Esther mit Lys allein. Den ganzen Abend hatte sie überlegt, wie und bei welcher Gelegenheit sie ihn nach einem Wiedersehen fragen könnte. Aber er nahm die Frage vorweg. »Hast du was dagegen, wenn wir uns ab und zu mal sehen?«, fragte er, nun wieder ein wenig schüchtern. »Vielleicht zeigst du mir mal deine Mangas.« Seine Augen waren jetzt viel mehr blau als grau, dachte Es26


ther unvermittelt. Sie sah über den glatten Tisch, noch ohne Kerben oder Kritzeleien, und legte die Hände auf die kühle Oberfläche. »Ich möchte dich gerne wiedersehen«, murmelte sie. Er lächelte erleichtert, fast, als habe er eine andere Antwort befürchtet. »Gibst du mir deine Telefonnummer?«, bat er. Was für eine Frage. Sie könnte ihm gleich ihre Visitenkarte geben. War das zu aufdringlich? Sie diktierte ihm ihre Festnetz- und Mobilfunknummer. Sie fragte nicht nach seiner und er sagte nichts dazu, sondern steckte nur sein Handy wieder in die Hosentasche. Als Laura zurückkam, zahlten sie und verabschiedeten sich auf der Straße. Es war Anfang Mai und nachts noch frisch. Esther fror und knöpfte ihre Jacke zu. Der Wind fuhr ihr durch die Haare. Lys winkte ihnen noch einmal zu und verschwand in der Dunkelheit. »Puh«, sagte Laura, »Sebastian war goldig, oder? Aber wie hast du diesen Lys an Land gezogen? Er hat was. Ich würde ihn nehmen, an deiner Stelle.« Esther wurde rot und war froh, dass ihre Freundin es in der Dunkelheit nicht sehen konnte. »Unsinn. Das ist doch alles so weit weg. Ich würde ihn nur gerne näher kennenlernen.« »Habt ihr Nummern ausgetauscht?« »Er hat mich nach meiner gefragt, und ich habe sie ihm gegeben.« »Und seine?«, bohrte die stets praktische Laura. Esther zuckte mit den Schultern. »Er wird sich melden«, meinte Laura. »Er mag dich. Vertrau mir, ich sehe so was.« Esthers Handy klingelte, als sie mit dem Fahrrad schon fast zu Hause war. Sie zog es aus der Jackentasche und schaute auf das Display. Die Nummer war unterdrückt, aber sie wusste, dass es Lys war. »Ja?« »Ich bin’s, Lys. Ich … Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll, aber ich möchte dich gleich noch einmal sehen.« 27


Ihr Herz schlug wieder schneller. »Wo bist du?«, fragte sie. »Noch nicht weit weg von der Kneipe.« »Komm zu mir«, schlug sie vor und gab ihm die Adresse. Ihre Hand zitterte, als sie das Telefon wieder in die Tasche schob. Das hätte ich mir nie zugetraut, dachte sie. Einen Typen kennenlernen und ihn am gleichen Abend zu mir nach Hause einladen. Um halb zwei in der Früh. Er war zwanzig Minuten später da, und ihr kam es vor, als habe er drei Tage gebraucht.

Es war kurz vor fünf, als sie aufwachte. Lys schlief neben ihr. Sie setzte sich vorsichtig auf. Die Decke war halb heruntergerutscht. Sie zog sie hoch, deckte ihn zu und strich sanft über seine Wange und über seine Schulter. Er rührte sich nicht. Sie stieg aus dem Bett und ging leise in die Küche. Ohne Licht zu machen holte sie Mineralwasser aus dem Kühlschrank und goss sich etwas ein. Mit dem Glas in der Hand lehnte sie sich an den türlosen Rahmen zur Küche und sah ins dunkle Zimmer. Sie hatte das Gefühl, erst jetzt wieder klar denken zu können. Ich bin verrückt. Ich kenne ihn gar nicht. Das bringt nicht mal Laura fertig. Sie stellte ihr Glas in der Küche ab und krabbelte wieder zu Lys ins Bett. Als sie das nächste Mal aufwachte, war es richtig hell. Sie sah kurz auf die Uhr, es war schon halb zehn vorbei. Lys lag nicht mehr neben ihr, er musste im Bad sein. Der Morgen danach, dachte sie amüsiert. Hoffentlich ist das jetzt nicht alles nur noch peinlich. Sie gähnte und setzte sich auf. Es war still im Zimmer. Sie hörte auch die Dusche nicht rauschen. Esther runzelte die Stirn, griff nach ihrem Schlafshirt und warf es über, dann ging sie in den Flur und sah, dass die Badezimmertür angelehnt und es drinnen dunkel war. Das Bad war leer. Mit zwei Schritten war sie wieder im Zimmer. Lysʼ Klamotten lagen auch nicht mehr auf dem Boden, wo er sie in der Nacht einfach hatte fallen lassen. Er war weg. »Das gibt’s doch nicht«, flüsterte Esther. Sie spürte, wie Wut und Enttäuschung in ihr hochkrochen. Der hat mich nur benutzt. Sie wollte nur noch schnell unter die Dusche. 28


Als sie aus dem Bad kam, fühlte sie sich ein bisschen besser, aber nicht viel. Sie baute ihre Schlafcouch wieder um und zog verärgert das Bettzeug ab. Sie warf alles in den Wäschekorb. Dann ging sie in die Küche und hielt inne. Auf dem Kühlschrank klebte ein gelbes Post-it. »Es tut mir leid. Lys.« Mehr stand dort nicht. So, es tut dir leid, dachte sie, riss den Zettel vom Kühlschrank, zerknüllte ihn und warf ihn in den Mülleimer. *

Es war kurz vor sieben, als Lys nach Hause kam. Er öffnete leise die Tür und lauschte in den Flur. Alles still. Jörg schlief sicher noch. Lys schlich sich in sein Zimmer und legte sich auf das Bett, aber obwohl er müde war, konnte er nicht schlafen. Er versuchte, seine Gedanken und Gefühle zu ordnen. Ich habe mich unmöglich benommen, dachte er. Wenn er die Augen schloss, sah er unweigerlich Esther vor sich. Er sah ihr fein geschnittenes Gesicht, die großen braunen Augen mit den langen Wimpern, die kastanienbraunen Haare, die sich auf den Schultern lockten, das Grübchen an ihrem Kinn, wenn sie lächelte. Sie schien so gegenwärtig und nah, dass er den frischen Duft ihrer Haare wahrnahm und die zarte Haut ihres Gesichts unter seinen Fingern spürte. Nein, dachte er, ich darf sie nicht wiedersehen. Es ist besser für sie, versuchte er sich einzureden, aber er war machtlos gegen das Glück, das er bei jedem Gedanken an sie empfand. *

Esther zögerte ein wenig, Laura anzurufen, aber schließlich tat sie es doch. »Du hast ihn gleich mit zu dir genommen?«, staunte Laura. »Wow. Das ging aber schnell. Wie war’s?« Esther wurde selbst am Telefon rot. »Schön, aber auch seltsam. Ich meine, ein völlig Fremder, mehr oder weniger … Aber dass er dann einfach abgehauen ist, war mies. Vielleicht sam29


melt er One-Night-Stands und hat sich jetzt noch eine Kerbe in den Bettpfosten geritzt.« Sie lachte, aber es klang ein wenig bitter. »Hm. Ich hoffe, ihr habt wenigstens nicht ohne …« »Nein, zum Glück nicht. Ich muss zwar gestern Nacht meinen Verstand im ‚Känguru‘ vergessen haben, aber daran habe ich noch gedacht.« »Er sah nicht so aus, als ob er Bett-Trophäen sammelt«, meinte Laura nachdenklich. »Wahrscheinlich hat er eine Freundin und das schlechte Gewissen hat zugeschlagen. Ich glaube, er meldet sich wieder. So wie er dich in der Kneipe gestern angeschaut hat … Der war hin und weg von dir.« »Na ja, soll er sich melden. Ich weiß gar nicht, ob ich ihn überhaupt noch mal sehen will. Vielleicht war das alles nur Show. Das macht man doch nicht, einfach verschwinden. Ich blöde Kuh bin total auf ihn reingefallen. Weißt du, wie ich mich heute Morgen gefühlt habe?« »Ich kann’s mir vorstellen«, sagte Laura. »Aber du hast dich auch hinreißen lassen, das hätte ich nicht gedacht.« »Ich auch nicht.« Esther seufzte. »Da ist einfach der Blitz eingeschlagen und die Sicherung ist durchgebrannt. Anders kann ich das nicht beschreiben.« »Siehst du, bei ihm auch. Und dann hat er aus irgendeinem Grund Angst bekommen. Warte mal ab, da kommt noch was«, prophezeite Laura. »Besser nicht. Vor allem aber erzählst du keinem was davon, hörst du, auch nicht Sebastian oder Steffi.« *

Fünf Tage lang passierte nichts. Zu ihrem Ärger musste Esther immer wieder an Lys denken, und es gab ihr jedes Mal einen Stich. Wie konnte ich nur so doof sein und mich von ihm abschleppen lassen. Selbst wenn er anruft, lege ich auf, redete sie sich ein. Er rief nicht an. Er saß auf der Treppe vor ihrem Apartmenthaus, als sie am Donnerstagabend nach Hause kam. Es war 30


noch hell, und sie sah von Weitem, dass dort jemand saß, als sie mit dem Fahrrad um die Ecke bog, aber sie erkannte ihn erst, als sie vor dem Haus vom Rad stieg. Ihr Herz klopfte bis zum Hals, und sie war plötzlich wieder so wütend wie an dem Morgen, als sie allein aufgewacht war. Sie stand neben ihrem Fahrrad und hielt es fest. Er hob den Kopf und sah ihr entgegen. »Du traust dich noch hierher? Was soll das?«, fuhr sie ihn an. Lys stand auf. Mit der rechten Hand strich er die Haarsträhnen beiseite, die ihm ins Gesicht gefallen waren. »Ich möchte mich entschuldigen«, sagte er leise und trat vor sie. Es war die Verunsicherung in seinen blau-grauen Augen, die Esther etwas besänftigte. »So, entschuldigen«, wiederholte sie. Aber so leicht sollte er es nicht haben. Sie sah ihn abwartend an. Er holte tief Luft. »Ich habe mich wie der letzte Prolet benommen. Eigentlich gibt es keine Entschuldigung dafür. Wenn du mir jetzt eine knallst, kann ich das gut verstehen.« »Ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee wäre«, antwortete sie spöttisch. »Dir eine zu knallen, meine ich. Sonst probierst du gleich dein Krav Maga an mir aus.« Er grinste. »Warum bist du abgehauen? Das war wirklich mies.« Esther schob das Fahrrad zum Ständer und kettete es an. Sie spürte verräterische Röte in die Wangen kriechen und war froh, dass er ihr jetzt nicht ins Gesicht schauen konnte. Länger als nötig fummelte sie am Kabelschloss herum. Sie ärgerte sich darüber, dass sie sich freute, ihn zu sehen. »Hast du eine Freundin und war das nur ein Seitensprung mit mir?« Jetzt musste sie sich aufrichten, sonst käme er noch auf den Gedanken, ihr mit dem Schloss zu helfen. Sie drehte sich zu ihm um. Lys schüttelte den Kopf. »Nein.« »Was nein?« »Beides nein.« »Warum also?« »Ich hatte Stress.« Sie wartete, aber er sagte nichts weiter. 31


»Und jetzt?«, fragte sie schließlich. »Nimmst du meine Entschuldigung an?« Was macht er, wenn ich nein sage?, überlegte Esther. Vielleicht dreht er sich um und geht. Und was macht er, wenn ich ja sage? Sie ertappte sich dabei, dass sie sich wünschte, er nähme sie in den Arm. Lys drängte sie nicht zu einer Antwort. Er stand vor ihr und wartete ab. Sie musterte ihn. Er trug eine schwarze Jeans und ein dunkelblau-kariertes Holzfällerhemd, das gut zu seinen Augen passte. Schon in der Kneipe war ihr aufgefallen, dass er legere, aber hochwertige Kleidung trug. »Ich nehme deine Entschuldigung an«, sagte sie. Er lächelte erleichtert, legte den Arm um ihre Schultern und zog sie an sich heran. Sie sog seinen frisch-würzigen Duft ein, der ihr schon beim ersten Mal gefallen hatte. »Darf ich?«, murmelte er, und sie nickte. Er zog zärtlich mit den Fingerspitzen die Konturen ihrer Lippen nach, dann küsste er sie behutsam auf den Mund, und sie erwiderte den Kuss nur zu gerne. Sie spürte ein angenehmes Kribbeln in sich hochsteigen, und ihr Herz schlug einige Takte schneller. *

Als Esther diesmal aufwachte, fürchtete sie einen Moment lang, es wäre nur ein Traum gewesen, aber Lys lag tatsächlich neben ihr. Die Sonne schien bereits ins Zimmer. Esther drehte sich zu ihm um und strich ihm sanft über die Haare. Er schlug die Augen auf. Einen Moment lang schien er nicht zu wissen, wo er war, dann aber lächelte er und schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich fühle mich so zu dir hingezogen, dass ich gar nicht anders konnte, neulich schon und gestern Abend auch wieder«, meinte er. »Das ist mir noch nie passiert.« »Dann haben wir ja was gemeinsam«, antwortete sie trocken. »Ich bereue nichts. Ich hoffe, du auch nicht.« Er lachte und setzte sich auf. »Ich glaube, ich bekomme Hunger.« »Ok, ich gehe erst ins Bad und mache dann Frühstück«, sagte Esther und stand auf. Alles erschien ihr so selbstverständlich, 32


dass sie sich über sich selbst wunderte. Sie hatte gerade Milch, Marmelade, Butter und Frischkäse aus dem Kühlschrank geholt, als es klingelte. Aber es war weder ihr Telefon noch die Türglocke. Das Klingeln kam aus Lysanders Rucksack neben dem Bett. Er zog das Handy heraus. Esther drehte sich diskret wieder zu ihrem Schrank, um Geschirr herauszuholen. »Ja.« Sie hörte, wie sich Lys meldete. »Nichts. Ich erzähle dir nachher alles. Ich bin nicht allein«, sagte er dann. Sie sah, wie er das Telefon ausschaltete und es wieder in den Rucksack rutschen ließ. »Wer wollte denn was von dir?«, rief sie betont fröhlich aus der Küche. »Mein Freund, mit dem ich zusammenwohne, hat sich gewundert, wo ich bin«, antwortete Lys und stand auf. Sie frühstückten zusammen, redeten über Bonn und die Mangas. Esther zeigte ihm ihren Lieblingsmanga »Cat Universe«, und sie lachten gemeinsam über die schrägen Figuren. Sie hatte das Gefühl einer seltsamen Vertrautheit, als hätte sie schon hundertmal mit Lys beim Frühstück gesessen. »Ich habe mir noch gar nicht richtig deine Wohnung angeschaut«, meinte er. Sie wurde ein wenig unsicher, als er sich neugierig umsah. Schließlich verriet die Wohnung viel über sie, ihren Geschmack und ihre Vorlieben. Er schien selbst Kleinigkeiten wie den krummohrigen Teddy neben der Schlafcouch im Zimmer, den getrockneten Rosenstrauß in der Vase auf der Kommode oder den Stapel CDs auf dem Boden vor der Hi-Fi-Anlage zu registrieren. Sein Blick war so aufmerksam, dass sie das Gefühl hatte, er könnte ihr wahrscheinlich alle Gegenstände im Zimmer nennen, wenn sie ihn in zwei Stunden danach fragte. »Lass uns irgendwohin gehen«, schlug sie vor. »Das Wetter ist zu schön, um nur drinnen zu hocken. Bist du mit dem Fahrrad hier?« »Ich habe kein Fahrrad, nur Inlineskates, und die habe ich nicht dabei. Mein Freund Jörg und ich wohnen noch nicht so lange hier, wir wollen erst noch Fahrräder kaufen.« Also gingen sie zu Fuß durch den Hofgarten hinunter zum 33


Rhein. Unterwegs erfuhr Esther, dass Lys und Jörg erst vor einigen Wochen von Göttingen nach Bonn gezogen waren, um ab dem Sommersemester hier zu studieren. Er stellte viele Fragen, über sie, über die Uni, über Bonn. Auf der Promenade liefen sie in Richtung Rheinaue und setzten sich schließlich auf eine Bank in der Sonne. Vom Fluss her kam eine leichte Brise. »Ich hoffe, das war’s jetzt nicht und du meinst es ernst oder verschwindest du wieder plötzlich?«, fragte Esther scherzhaft, aber sie hatte Angst vor seiner Antwort. »Wenn du mich wiedersehen willst, dann nicht«, antwortete er. Er legte den Arm um sie und zog sie dichter zu sich heran. Sie genoss seine Nähe und hielt seine Hand. »Ich habe nicht gelogen, als ich sagte, dass mir das noch nie passiert ist. Du kennst doch diese kitschigen Bildchen von Amor mit seinen Pfeilen, oder? Ich glaube, da ist doch was dran.« Er lachte, als er das sagte, aber sie wusste genau, was er meinte. Blattschuss. Mitten ins Herz. »Möchtest du ein Eis?«, fragte er und ließ sie los. »Weiter vorne war ein Eiswagen an der Promenade.« Sie nickte und folgte ihm. Vor dem Eiswagen war zum Glück keine Schlange. Esther überflog die Tafel mit den Sorten. »Himbeere und Zitrone«, sagte sie dann und wartete gespannt, was er sich aussuchen würde. Er überflog die Karte, während der Eisverkäufer startbereit mit dem Portionierer hinter der Theke wartete. »Mandel und Joghurt, bitte«, sagte er schließlich. Das Eis in der Hand, schlenderten sie zu ihrer Bank zurück und setzten sich in die Sonne. Esther genoss den kühlen, fruchtigen Geschmack auf der Zunge. Mandel und Joghurt, dachte sie. Keine schlechte Wahl. Sie sah ihn an. »Erzähl mir mehr von dir. Woher kommst du?« »Du hörst es?«, fragte er und zog leicht die Augenbrauen hoch. Esther schüttelte den Kopf. »Nur wenn ich genau hinhöre. Es ist kein richtiger Akzent.« »Nein?« »Der Tonfall ist anders. Ein bisschen jedenfalls.« 34


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