Issuu on Google+


1 Š edition oberkassel, Dßsseldorf 2013


Prolog

Es ist sternenklar. Die Grashalme zittern hin und wieder in der fast windstillen Nacht. Der Mond pinselt seine bleiche Farbe an den Himmel. Die Konturen von Feldern, Wald und Horizont fließen ineinander, als wären sie mit einem Weichzeichner behandelt worden. Schon den ganzen Tag lang liegt der Gestank von Gülle über den Äckern, aber erst jetzt, mit den geschärften Sinnen der Nacht, nimmt sie den Geruch bewusst wahr. Irgendwo ist das Fauchen eines umherstreunenden Katers zu hören. Am Waldrand raschelt es. Er geht ohne nachzudenken. Die Abkürzung durch den Wald findet er auch im Dunkeln. Die Kälte spürt er nicht. Obwohl der Alkohol seinen Körper etwas wanken lässt, fühlt er sich klar wie selten. Das Gerede der anderen an der Theke ist ihm zum Schluss gewaltig auf die Nerven gegangen, und er war froh rauszukommen. Aber er hat wenig Lust, nach Hause zu gehen. Er sieht das Gesicht seiner Frau vor sich, diesen Blick, aus dem in letzter Zeit nur noch Verachtung spricht. Und wieder packt ihn diese dumpfe, ohnmächtige Wut. Ihre Füße schmerzen. Zwischen dem Klackern ihrer Absätze auf dem Asphalt meint sie, ihren Herzschlag zu hören, und plötzlich spürt sie den starken Drang zu laufen. Aber sie zwingt sich, gleichmäßig zu gehen und versucht, ihren Atem zu beruhigen. Die Stille ist unheimlich. Seitdem sie das Dorf verlassen hat, ist ihr kein Auto begegnet. Ein Buswartehäuschen taucht in ihrem Blickfeld auf. Dahinter liegt ein kleines Waldstück, durch das schwach die Lichter eines Bauernhofes glimmen. Seine Finger krallen sich in der Hosentasche um das Jagdmesser, das er immer bei sich trägt. Der Griff aus Hirschhorn drückt sich in die Innenfläche seiner Hand. Er zieht an der Zigarre, aber sie will ihm jetzt nicht schmecken. Er hat es immer gewusst, die Thekenkameraden sind nichtsnutzige Idioten. Saufen und Sprüche 2 © edition oberkassel, Düsseldorf 2013


machen – das können sie. Aber ein Kerl muss mehr können als dumm rumlabern. Ein Kerl muss handeln. Und die armseligen Figuren dort im Zelt? Nichts als heiße Luft. Dabei haben sie sich doch fast die Augen aus dem Kopf gestiert, als dieses Flittchen getanzt hat, einer gieriger als der andere. Er holt das Messer aus der Tasche und lässt die Klinge auf- und zuschnappen. Sie horcht. Ist da ein Keuchen zu hören oder ist es nur ihr eigener rascher Atem? Sie dreht sich nach allen Seiten um. Ihre rechte Faust umschließt unwillkürlich den Schlüsselbund, den sie in der Jackentasche trägt. Sie bleibt stehen und hält den Atem an, horcht. Alles scheint ruhig. Im Weitergehen zuckt sie zusammen. Auf dem Hof hinter dem Wald schlägt ein Hund an, ein kurzes, trockenes Bellen. Ein nervöses Lachen entfährt ihr und sie atmet geräuschvoll weiter. Die erleuchtete Bushaltestelle liegt kurz vor ihr. Die Plexiglasscheiben sind zerkratzt und vollgeschmiert wie ein missbrauchtes Schwarzes Brett. Langsam tritt er aus dem Schutz der Bäume heraus und horcht. Von links nähert sich das klickende Geräusch von Absätzen auf dem Asphalt. Er schnuppert. Noch ehe die Silhouette eines Menschen auftaucht, steigt ihm dieser Geruch in die Nase, ein süßlicher Geruch von einem billigen Parfüm. Er spuckt ein paar Tabakkrümel aus und leckt sich die Lippen. Dann tritt er zurück in den Wald. Der Hund auf dem Nachbarhof bellt. Rombergs Hund. Romberg, der geölte Lackaffe, auch so ein elender Schwätzer. In letzter Zeit kommt er auffällig oft zu Besuch, und dann diese Scheißfreundlichkeit. Seit langem schon fragt er sich, was die zu bedeuten hat. Romberg war es doch auch, der dieser verdammten Schlampe am längsten auf den Hintern gestarrt hat. Ein Weiberheld war der schon immer. Aber Romberg und seine Frau? Kann das sein? Würde sich jemand freiwillig mit seiner abgetakelten Alten einlassen? Ein verächtliches Schnaufen entfährt ihm. Er zieht die Mütze tief ins Gesicht. Seine Hand tastet wieder nach dem Messer. 3 © edition oberkassel, Düsseldorf 2013


Auf Höhe der Bushaltestelle beginnt sich ihr Atem zu beruhigen. Plötzlich knacken Zweige, und ehe sie wieder nach dem Schlüsselbund greifen kann, bricht eine Gestalt aus dem Wald heraus. Sie will schreien, doch eine grobe, schwielige Männerhand presst ihr den Mund zu. „Keinen Mucks! Und dreh dich bloß nicht um.“ Metall blitzt auf und etwas Spitzes, Kaltes legt sich an ihren Hals. Eine beängstigende Kraft liegt in diesen Händen. Die Hände stoßen sie in das Wartehäuschen hinein, zwingen sie, sich auf die Bank zu knien. Ihr Gesicht wird hart gegen die Plexiglasscheibe gestoßen, Blut läuft ihr aus der Nase. Sie ist unfähig, sich zu bewegen. Die Hand riecht nach Nikotin. Der Hund auf dem Bauernhof schlägt wieder an. Irgendwann splittern die Neonröhren, ein feiner Glasregen geht auf sie nieder, und um sie herum wird es dunkel. Ein Glassplitter ist unter seinen Hemdkragen gerutscht. Als er seine Hand auf die Stelle drückt, ist sie voller Blut. Er nestelt nach einem Taschentuch. Unbeholfen bringt er die Blutung zum Stillstand. Sein weißes Hemd, das Jackett und die helle Sommerhose sind voller Blutflecken. Er flucht und schleudert den Stein, mit dem er das Licht gelöscht hat, mit voller Kraft in den Wald. Das Messer schiebt er in die Hosentasche zurück. Ohne sich noch einmal umzusehen, geht er davon, zügig, aber ohne Hast. Immer noch presst er das blutige Taschentuch gegen die Wunde. Er spürt keinen Schmerz. Schweiß läuft ihm in den Nacken und trotzdem ist ihm kalt. Er schlägt den Kragen seines Jacketts hoch. Sein Mund füllt sich mit einem komischen Geschmack. Er hat das Gefühl, dass er seine Wut heruntergeschluckt, aber noch lange nicht verdaut hat. Sie schließt die Augen. Ein gleichmäßiges Rauschen umgibt sie. Sie befindet sich in einer Luftblase. Die Außenwelt ist ausgesperrt. Da ist die Ostsee, ein graues Band an einem verregneten Sonntag, der menschenleere Strand, und da ist sie, gebückt gegen den Sturm, der an ihren nassen Haaren zerrt, und da ist er, der weit vorausläuft und nur noch als Punkt erkennbar ist, ihr Freund, und der Wind bläst ihr mit solcher Macht ins Gesicht, dass sie keine 4 © edition oberkassel, Düsseldorf 2013


Luft bekommt, und ihre Lippen werden rissig und schmecken nach Salz, und da sind die Möwen mit ihren heiseren Stimmen, und eine der Möwen taucht tief ein ins Meer und taucht wieder auf, schießt nach oben, immer wieder, und sie ruft nach ihrem Freund, aber der ist weit weg und kann sie nicht hören, und sie will laufen, aber ihre Absätze bleiben stecken im aufgeweichten Sand und sie kommt nicht von der Stelle, und dann sieht sie in der Ferne den Hof, den verfallenen Hof mit seinen alten Mauern, und der Sturm wird heftiger und fegt über die Gebäude hinweg, deckt die Dächer ab und reißt die Mauerreste ein, und Wolken von Staub und Dreck hüllen sie ein, bis alles schwarz wird und sie endlich ganz in der Dunkelheit verschwindet. Alle paar Meter spuckt er aus. Er hat noch Lust auf einen Absacker, aber ins Zelt kann er nicht mehr zurück. Die Klamotten sind hin, daran ist diese Schlampe schuld. Er muss die Sachen unauffällig loswerden. Hauptsache, es sieht ihn so niemand. Aber das ist unwahrscheinlich. Bis zum Hof sind es nur noch ein paar Minuten, und seine Frau erwartet ihn nicht. Wahrscheinlich weiß sie nicht einmal, dass er weg war. Kein Mensch vermisst ihn. Was soll´s. Immer noch dieser verdammte Geschmack im Mund. Den wird er einfach nicht los. Da kann er ausspucken, soviel er will. Sie sitzt auf der Bank des Wartehäuschens, und ihr Körper zittert vor Kälte, doch es ist eine Kälte, die den Kopf nicht erreicht. Sie hat die Beine angezogen und hält ihre Knie eng umschlungen. Ihr Make-up ist zerlaufen, verkrustetes Blut klebt unter der Nase. Ihre Bluse ist zerrissen, der Kragen blutverschmiert. Ihr Körper wiegt vor und zurück, immer wieder, wie einem inneren Rhythmus folgend, aber sie spürt die Bewegung nicht. Sie hört nichts mehr, und in ihr ist eine vollkommene Leere. Sie ist jetzt nur noch Körper, nichts weiter als ein hohles Gefäß, dessen Inhalt jemand ausgeschüttet hat. Und was da geschehen ist, das ist nichts als eine dumpfe Erinnerung, nur ein verschwommener Schwarzweißfilm, der in einem leeren Kino abgespielt wird, ohne Inhalt, ohne Ton. Ein Film, der nichts mit ihr zu tun hat, in dem sie nur eine stumme Beobachterin ist, still und unbeteiligt. 5 © edition oberkassel, Düsseldorf 2013


Die Plexiglasscheiben des Buswartehäuschens sind beschlagen. „Freibier für alle“, hat jemand dort hingekritzelt. Ein zerfledderter Anschlag wirbt für ein Nachttaxi. Glassplitter bedecken den Boden, dazwischen liegt ein kalter Zigarrenstummel. Der Mann hat irgendwann den Mantelkragen hochgeschlagen und ist gegangen, wortlos und ohne Eile. Mit der größten Selbstverständlichkeit, wie einer, der seine Arbeit erledigt hat. Ein alter Opel mit polnischem Kennzeichen rast Richtung Dorf. Er fährt an ihr vorbei. Der Wagen hat ein defektes Rücklicht. Ihr wird schlecht, und ihr Mund füllt sich mit Erbrochenem.

6 © edition oberkassel, Düsseldorf 2013


I

7 Š edition oberkassel, Dßsseldorf 2013


Osterup

Der Spargelbauer Klemens Schmölling aus Osterup im westlichen Westfalen gehörte zu jenen Menschen, die an jeder Sache grundsätzlich einen Haken vermuten. Inwieweit dies mit der Tatsache zusammenhing, dass er Münsterländer war, ist schwer zu sagen. Fest stand, er war ein von Natur aus argwöhnischer Mensch, und von denen gab es nicht wenige in diesem flachen Landstrich zwischen Ruhrgebiet und norddeutscher Tiefebene. Die Beharrlichkeit des Regens hatte hier eine grüne, fruchtbare Landschaft geschaffen, die in einem auffälligen Kontrast zur Wortkargheit und Gefühlsknauserigkeit seiner Bewohner stand. Die Emotionen schossen nicht ins Kraut, aber in punkto Sturheit konnten es viele Münsterländer mit dem Regen aufnehmen. Auch Klemens Schmöllings Misstrauen wurzelte tief. Alles Neue, alles Ungewohnte hatte sich an dieser Skepsis zu messen, und zumeist prallte es, noch bevor es Eingang in seinen Kopf fand, an seiner breiten Stirn ab wie ein exotischer Vogel an einer knorrigen westfälischen Eiche. Nun war sein Argwohn keinesfalls das Resultat einer vorsichtigen, behutsam abwägenden Lebenshaltung. Sie entsprang nicht jener gesunden Skepsis, wie man sie bei Menschen findet, die allem Unbekannten zunächst abwartend gegenübertreten. Solche Verästelungen in seinem Charakter zu vermuten, wäre durchaus übertrieben gewesen. Nein, Klemens Schmölling war, und damit widersprach er dem gängigen Bild des Münsterländers, eine stumpfe, ichbezogene Natur. Er war ein Mensch, der sich hinter einem Wall aus dumpfem Misstrauen verschanzte und dort den Großteil seines Lebens verbrachte, seit er vor dreiundfünfzig Jahren das Licht der Münsterländer Parklandschaft erblickt hatte. Dieser Wall schützte ihn davor, sich auf irgendwen oder irgendwas näher einzulassen, als es ihm für sein persönliches Fortkommen wichtig erschien. Denn Schmölling war nicht ohne Ehrgeiz. Er hatte es im Dorf zu etwas gebracht, hielt diverse Ehrenämter besetzt und scheute sich nicht, am Stammtisch lauthals seine 8 © edition oberkassel, Düsseldorf 2013


Meinung zu verkünden. All das tat er jedoch nicht um der Dorfgemeinschaft willen, sondern immer mit dem Ziel, sein Revier abzustecken, Konkurrenten auf Distanz zu halten und sich seiner Autorität zu versichern. Sah er die in Gefahr – und Schmölling witterte instinktiv alle potenziellen Feinde –, reagierte er barsch und aufbrausend und neigte zu heftigen Wutausbrüchen. Klemens Schmölling war nicht nur Spargelbauer, er war auch Bier- und Korntrinker, Tabakpflanzer, Zigarrenraucher, Hobbyschweinezüchter; weiterhin Kassierer im landwirtschaftlichen Ortsverein, Schützenbruder der ersten Stunde und – gelegentlich – schwadronierender Stammtischpolitiker vor ausgewähltem Publikum. Der von ihm bewirtschaftete Bistrup-Hof trug den Namen der Familie seiner Frau. Schmölling hatte hier eingeheiratet. Seine Frau Gertrud, obwohl sie den Namen ihres Mannes angenommen hatte, war für die Leute immer die Bistrupsche geblieben. Er selbst würde nie ein Bistrup werden. So war das hier, und Schmölling wusste das. Dennoch bestand er stets darauf, zu den Honoratioren gezählt zu werden, zu denen die einfachen Dorfbewohner aufzublicken hatten. Über die Jahre hatte Klemens Schmölling sich einen gewissen Ruf im Dorf erarbeitet. Man mochte ihn nicht, viele rümpften die Nase über ihn, aber man nahm ihn, wie er war. Und die meisten hatten Respekt vor dem, was er als Landwirt erreicht hatte. Aber Klemens Schmölling hatte sich verändert. Seit einiger Zeit schon war er unruhiger, unsicherer geworden. Wer ihn genauer kannte, konnte diesen schleichenden Wandel nicht übersehen. Sein Blick hatte nicht mehr die Klarheit früherer Tage, sein Gang war gebeugter, seine Stimme weniger scharf, als man es von ihm gewohnt war, neu war auch das Zittern seiner Hände; Klemens Schmöllings Fassade begann zu bröckeln. Zwar gab er in Gesellschaft und auf Festen immer noch gerne den gewohnten Polterer, aber seine dröhnenden Auftritte wirkten nur noch gezwungen, seine Lautstärke wie das Grollen eines Gewitters, das längst vorbeigezogen war. 9 © edition oberkassel, Düsseldorf 2013


Jakob Sandow erwachte von einem plötzlichen Ruckeln und schreckte hoch. Er öffnete die Augen und brauchte einen Moment, um sich und seine Gedanken zu sortieren. Er befand sich immer noch im Zug. Das heißt, nach dreimal Umsteigen war dies für ihn mittlerweile der vierte Zug. Zum Glück war es auch der letzte, ein Nahverkehrszug, der ihn von Münster nach Osterup, einem kleinen Dorf im westlichen Münsterland bringen sollte. Wie es aussah, war es einer von den Zügen, die an jeder Milchkanne hielten. Ihm gegenüber saß ein älteres Ehepaar, das eingestiegen sein musste, während er geschlafen hatte. Jakob blickte in zwei zerfurchte, ein wenig mürrische Gesichter. Die beiden hatten die Mäntel nicht ausgezogen. Jeder zwei Plastiktüten und einen Regenschirm auf den Knien balancierend, blickten sie wortlos in seine Richtung. Jakob nickte den beiden zu, erntete aber keine Reaktion. Er stand auf und öffnete das Abteilfenster. Der Zug stand mitten in der flachen Landschaft. In der Ferne erkannte er ein rot verklinkertes Stallgebäude mit zwei Silotürmen. Ein paar Pferde grasten auf einer Weide, dahinter zog sich ein schmaler Streifen Wald. Über den Bäumen hingen dunkle Wolken. Häuser oder gar ein Bahnhof waren weit und breit nicht zu sehen. Bummelzüge war er von zu Hause gewöhnt. Warum es aber jetzt hier auf freier Strecke plötzlich nicht mehr weiterging, vermochte er nicht zu ergründen. Die ganze Fahrt über war er angespannter gewesen, als er wahrhaben wollte, und obwohl er in der Nacht die meiste Zeit wach gelegen hatte, fand er im Zug lange keinen Schlaf. Erst jetzt, ganz zum Schluss seiner Reise, hatte die Müdigkeit gesiegt und ihm kurz die Augen geschlossen. In den letzten Jahren hatte Jakob nicht gerade das durchlebt, was man eine unbeschwerte Jugend nennt. Dennoch hatte er sich sein lebenslustiges, aufgeschlossenes Wesen bewahrt; das Grübeln gehörte nicht unbedingt zu seinen Lieblingsbeschäftigungen. Während der langen Stunden im Zug freilich fehlte ihm die Ablenkung, und so war er ganz automatisch ins Brüten geraten, hatte lange aus dem Fenster geschaut und Gedanken und Erinnerungen in die Bilder der sich verändernden Landschaft gemischt. Er kam aus einem staubigen Dorf in der Mark Brandenburg, hatte zuletzt ei10 © edition oberkassel, Düsseldorf 2013


nige Monate in Berlin gelebt. Von dort war er am Morgen losgefahren, einmal quer durch die Republik. Zuerst mit der S-Bahn zum Hauptbahnhof dann mit dem Intercity Richtung Ruhrgebiet. Hinter der Stadtgrenze Berlins ging es lange durch die menschenleere Weite seiner märkischen Heimat, durch riesige Kiefernwälder und sandige Heidelandschaften. Zwischendurch wurde es gebirgiger, dann kamen sie in dichter besiedeltes Gebiet. Hinter Hamm schließlich wurde es wieder einsamer, und das Münsterland mit seinem Flickenteppich aus Weiden, Äckern, Streuobstwiesen und kleinen Wäldern begann. Dass es ihn hierher zog, war reiner Zufall. Und von Ziehen konnte im Grunde auch keine Rede sein. Sein Leben steckte in einem Loch fest. Er hatte Stress mit seinem Vater, einem arbeitslosen Melker, der nur noch von Alkohol und schlechter Laune lebte. Seine Mutter war schon vor Jahren mit ihrem neuen Typen nach Berlin gezogen und hatte freiwillig auf das Sorgerecht verzichtet. Jakob konnte den Neuen seiner Mutter ohnehin nicht ausstehen und so blieb er beim Vater. Das hatte immerhin den Vorteil, dass er in Ruhe die Schule abschließen konnte, auch wenn ihn die Lernerei schon lange anödete. Am Ende stand er sogar mit einem ganz annehmbaren Abitur da, und alles hätte gut sein können. Aber dann hatte er seine Freundin Sarah ausgerechnet auf der Abiparty knutschend mit dem Sohn des Dorfbonzen erwischt. Da war er kurz mal ausgetickt. Es gab einen Tumult mit viel Geschrei, zwei blutigen Nasen und einem heulenden Mädchen. Am Ende dieser ganzen verdammten Geschichte wollte Jakob nur noch weg, und zwar so schnell wie möglich. Sein Vater machte keine Anstalten, ihn daran zu hindern. Wahrscheinlich war er ganz froh, einen Esser weniger im Haus zu haben. Jakob fuhr nach Berlin und quartierte sich bei seiner Mutter ein. Er fand einen Job in einer Großküche. Die Arbeit war zwar anstrengend und schlecht bezahlt, aber Jakob war nicht anspruchsvoll und er verdiente zum ersten Mal in seinem Leben sein eigenes Geld. Zusammen mit seinem Ersparten hatte er nach einem halben Jahr genug Geld, um sich einen großen Wunsch zu erfüllen und den Führerschein zu machen. Das Zusammenleben mit seiner Mutter und ihrem Lebensgefährten allerdings wurde bald uner11 © edition oberkassel, Düsseldorf 2013


träglich. Die anfängliche Freude über das Wiedersehen mit dem „verlorenen Sohn“ hielt nicht lange an. Die Wohnung war klein, und immer öfter kam es zu Spannungen. Eines Nachts brachte Jakob nach einer Party ein Mädchen mit nach Hause. Am nächsten Morgen begegnete der Freund seiner Mutter dieser Fremden im Badezimmer und machte eine Riesenszene. Er schrie wild herum und wollte Jakob aus der Wohnung werfen, worauf seine Mutter abwechselnd ihren Freund und den Sohn anschrie, und das Mädchen schließlich heulend auf die Straße lief. Jakob ließ sie laufen. Es war sowieso nichts Ernstes. Aber er hatte keine Lust mehr auf den ewigen Stress und zog freiwillig aus. Für eine Weile kam er bei einem befreundeten Kollegen aus der Großküche unter. Auf Dauer war das alles natürlich keine Lösung. Er hatte keine eigene Wohnung und einen Job ohne Perspektive. Pläne machen, vorausdenken – das war nie seine Sache gewesen. Er hatte immer gerne in den Tag hineingelebt; irgendwie hatte sich immer etwas ergeben. Aber jetzt spürte er, dass er endlich ein paar Weichen in seinem Leben stellen musste. Er erinnerte sich, wie er als Kind davon geträumt hatte, Bauer zu sein, und er hatte bis heute nie das Interesse an der Landwirtschaft verloren. Außerdem hatte ihm die Zeit in Berlin gezeigt, dass er nicht für die Großstadt gemacht war. Warum also nicht Landwirtschaft studieren? Jakob machte sich schlau und beschloss, sich zunächst einmal für ein Praktikum zu bewerben. Und, um den Schnitt radikaler zu machen, am liebsten irgendwo möglichst fern der Heimat. Er antwortete auf einige Annoncen in der Landwirtschaftlichen Wochenzeitung. Der Bistrup-Hof in Osterup, ein kleiner Spargelhof, der einer gewissen Gertrud Schmölling gehörte, sagte als erster zu. Jakob trug den Brief mit der Zusage in der Innentasche seiner Jacke. Es wunderte ihn ein bisschen, dass das Papier nur von Gertrud Schmölling unterschrieben war. Führte sie den Hof alleine? Gab es keinen Bauern? Das machte ihn neugierig. Als er seine zwei Taschen packte, war es Ende Februar. Das Frühjahr stand vor der Tür; eine gute Zeit zum Aufbruch, fand Jakob. Und jetzt saß er hier und fuhr, gegen Kost und Logis und ein paar Euro Taschengeld, für ein Jahr nach Westfalen. 12 © edition oberkassel, Düsseldorf 2013


„Na, dann viel Spaß“, hatte ihm der Kumpel aus Berlin, der Verwandte in Bielefeld hatte, ironisch mit auf den Weg gegeben. Jakob wisse hoffentlich, dass die Westfalen in punkto Sturheit die Brandenburger locker in den Schatten stellten. Langsam und behäbig seien die Menschen, außerdem maulfaul und ungesellig. „Bevor du da mit jemandem warm wirst, muss viel Korn die Kehle hinunterfließen“, hatte der Freund gemeint und ihm prophezeit, er werde es kein Jahr dort aushalten. Jakob hatte sich inzwischen wieder hingesetzt. Er sah auf die Uhr. Planmäßig brauchte der Zug vierzig Minuten bis Osterup. Aber wer wusste schon, wie lange sie hier noch standen. „Soll wohl nachher noch Regen geben.“ Jakob blickte auf, unsicher, ob die Worte ihm gegolten hatten. Aber der Mann, der sie gesprochen hatte, blickte unverändert auf den Boden und machte nicht den Eindruck, dass er dringend einen Kommentar zu seiner Bemerkung erwartete. „Haben Sie eine Ahnung, warum der Zug hier hält?“, fragte Jakob ein paar Minuten später. Anstelle einer Antwort raschelte der Mann mit den Einkaufstüten. Dann war es wieder eine Weile still. „Gut, dass ich die Wäsche noch reingeholt habe“, meinte die Frau und nickte heftig mit dem Kopf. Wem oder was das Kopfnicken galt, blieb allerdings im Dunkeln. Jakob überlegte, ob er seine Frage wiederholen sollte, aber als er die unbeteiligten Gesichter des Paares sah, ließ er es sein und schloss die Augen. Das gleichmäßige Tuckern des stehenden Zuges machte ihn wieder schläfrig. Durch das Fenster drang das Wiehern eines Pferdes. Ein leichter Geruch nach Schweinestall wehte herein. „Ist normal. Muss erst der Gegenzug durch sein. Dann geht`s hier auch weiter. Interregio nach Münster. Soll aber wohl gleich kommen.“ Der Mann sah jetzt plötzlich hoch und nickte Jakob zu. Sein Gesicht hatte beinahe freundliche Züge angenommen. „So schnell geht das hier bei uns nicht. Oder haben Sie es eilig? Wohin soll´s denn gehen, junger Mann?“ „Osterup“, antwortete Jakob. „Soso“, meinte der Mann und raschelte wieder mit den Tüten. 13 © edition oberkassel, Düsseldorf 2013


„Da kommt der gute Spargel her“, gab jetzt die Frau zum Besten und nickte erneut mit dem Kopf. „Bald ist es wieder so weit. Wir mögen ihn ja am liebsten mit Butter und Schinken. Bloß nicht diese holländische Soße. Und beim Schinken: Nur der gute westfälische Knochenschinken, luftgetrocknet. Alles andere taugt nichts. Sie sind aber nicht von hier, oder?“ Jakob schüttelte den Kopf, erstaunt über den plötzlichen Wortschwall. „Ich komme aus Brandenburg. Mache ein landwirtschaftliches Praktikum in Osterup. Übrigens auf einem Spargelhof. Da kann ich Ihre Tipps dann ja gleich mal in die Tat umsetzen.“ „Wenn Sie mich fragen, alles Blödsinn“, sagte der Mann und machte eine wegwerfende Handbewegung. „Wird alles maßlos übertrieben. Der ganze Aufwand für die paar Stangen Gemüse. Und Ende Juni ist der ganze Zauber sowieso wieder vorbei.“ „Aber essen tut er sie doch gerne“, meinte die Frau und zwinkerte Jakob zu. In diesem Moment fuhr der Zug wieder an. Jakob schloss das Fenster. Draußen war inzwischen alles grau in grau. Die Wolken hingen so tief, dass es aussah, als wollten die Baumkronen jeden Moment in sie hineinpieksen. Ein paar Minuten später begann es zu regnen. Als die nächste Station angesagt wurde, griffen die beiden alten Leute nach ihren Einkaufstüten und Schirmen und standen auf. „Übernächste müssen Sie auch raus“, meinte der Mann. „Haben Sie einen Regenschirm dabei?“, fragte die Frau. „Also wenn es sich hier erst einmal eingeregnet hat … So ein westfälischer Landregen, ich kann Ihnen sagen, der ist hartnäckig.“ Der Mann sah seine Frau missbilligend an. „Nu lass mal. Der junge Mann kommt schon zurecht.“ Die beiden nickten Jakob zu und schlurften aus dem Abteil. „Gut, dass ich die Wäsche noch reingeholt habe“, hörte Jakob die Frau noch einmal sagen, bevor sich die Tür geräuschvoll schloss. Jakob stieg aus dem Zug und stellte die Taschen ab. Der Bahnsteig war menschenleer. Es regnete immer noch; nicht stark, aber in dichten, sprühfeinen Fäden, und natürlich hatte er keinen Schirm dabei. Das einzige Gebäude, das er hier auf diesem winzi14 © edition oberkassel, Düsseldorf 2013


gen Bahnhof erkennen konnte, war eine Ruine, die nur noch aus ihren Außenmauern bestand. Nicht gerade ein idealer Ort, um sich unterzustellen. Jakob hatte ohnehin nicht viel Hoffnung, dass sich das Wetter schnell bessern würde. Der vielbeschworene westfälische Landregen – er musste lachen. Die erste Lektion in Landeskunde hatte er schon gelernt. Er zog den Reißverschluss seiner Jacke zu und machte sich auf den Weg, ohne eine Ahnung zu haben, wo der Bistrup-Hof lag. Deshalb beschloss er, erst einmal ins Dorf zu gehen und dort nach dem Weg zu fragen. Es war früher Nachmittag, und auf der Straße begegnete ihm eine ganze Weile kein Mensch. Einmal kam ihm ein Radfahrer mit aufgespanntem Regenschirm entgegen. Jakob sprach ihn an, aber der Mann hielt den Schirm tief vor das Gesicht und konnte oder wollte ihn nicht hören. Im Dorf gab es eine Gaststätte mit dem Namen „Osteruper Baum“. Erleichtert ging Jakob auf die Eingangstür zu. Er war inzwischen völlig durchnässt. Hier würde er sicher Auskunft bekommen. Außerdem konnte er ein wärmendes Getränk gebrauchen. Das Schild „Montags Ruhetag“ war allerdings nicht geeignet, seine Laune zu verbessern. Jakob ließ die Taschen auf das nasse Pflaster knallen und atmete geräuschvoll aus. „Scheiße!“, zerriss sein Fluch die betuliche Stille des Dorfnachmittags. „Nananana, wer wird sich denn so aufregen? Morgen ist ja wieder geöffnet.“ Jakob blickte hoch. Im ersten Stock des Gebäudes war ein Fenster aufgestoßen worden. Eine Frau schaute neugierig und ein wenig spöttisch auf ihn hinunter. Sie hatte ein waches, sommersprossiges Gesicht. Jakob betrachtete es aufmerksam und für einen Fremden eine Spur zu lange. „Ist sonst noch was?“, fragte die Frau misstrauisch. „Ja, also“, meinte Jakob, „ich habe das Schild gelesen ...“ „Schön“, sagte die Frau, „und welchen Teil von montags Ruhetag haben Sie nicht verstanden?“ „Es ist so, ich komme vom Bahnhof und wollte eigentlich nur nach dem Weg zum Bistrup-Hof fragen. Ich fange dort heute an zu arbeiten, Jahrespraktikum. Und dann hätte ich gerne etwas Heißes getrunken. Der Regen hier bei euch ist ja gemeingefähr15 © edition oberkassel, Düsseldorf 2013


lich.“ Zum Beweis schüttelte er seine blonde Mähne und ließ die Regentropfen spritzen. Die Frau lachte. „Vom Bahnhof kommen Sie? Na, da sind Sie ja in die völlig verkehrte Richtung marschiert. Vom Bahnhof rechts aus dem Dorf heraus, da wären Sie direkt auf den Bistrup-Hof zugekommen.“ „Na, klasse. Heute ist wohl mein Glückstag.“ „Könnte stimmen. Wir müssen gleich noch einmal in die Stadt zum Großmarkt. Da kommen wir bei Bistrups vorbei und können Sie mitnehmen. Warten Sie, ich schließe auf und mache Ihnen einen Tee mit was drin. Sie holen sich ja sonst den Tod da draußen.“ Ein paar Minuten später saß Jakob in der Schankstube des „Osteruper Baums“ und nippte an seinem Heißgetränk. Die Wirtin hatte es gut mit ihm gemeint; es war eher Rum mit Tee als umgekehrt. Mit jedem Schluck floss eine wohltuende Wärme durch seinen Körper. Jakob musterte die Wirtin aus den Augenwinkeln. Sie war eine attraktive Frau. Zwar um einiges älter als er, aber das hinderte seinen Flirtinstinkt nicht an der Arbeit. Er wollte gerade zu einem Kompliment ansetzen, da erschien ein hagerer, fast kahlköpfiger Mann mit einem Stapel leerer Gemüsekisten im Raum, brummte einen Gruß und sah fragend in Jakobs Richtung. „Wir haben hier einen unverhofften Gast, der sich ein wenig verlaufen hat“, erklärte die Wirtin. „Ein Praktikant. Muss zum Bistrup-Hof. Wir nehmen ihn gleich mit und setzen ihn dort ab.“ Der Mann zuckte knapp mit den Schultern, sagte aber nichts. „Wie heißen Sie überhaupt, Herr Praktikant?“, fragte die Wirtin. „Jakob Sandow, aber Jakob genügt.“ „Also, Herr Jakob, es geht gleich los. Ich heiße übrigens Christine Kappenberg, meinetwegen auch nur Christine.“ Auf der Fahrt zum Bistrup-Hof sprachen nur Jakob und Christine. Jakob erzählte ein bisschen was über seine Herkunft und was ihn hierher ins Münsterland verschlagen hatte. Der Mann hatte sich stumm ans Steuer gesetzt und schwieg beharrlich. Jakob saß hinter dem Fahrer und sah auf dessen Glatze. Er bemühte sich, seine Blicke möglichst von Christine fernzuhalten. Seine Lust am Flirten hatte einen kleinen Dämpfer erhalten. Natürlich, die besten 16 © edition oberkassel, Düsseldorf 2013


Frauen waren immer vergeben. Warum sollte das hier in Westfalen anders sein als zu Hause? An der Einfahrt zum Bistrup-Hof stieg Jakob aus und bedankte sich. „Lass dich nicht ärgern, Herr Praktikant“, sagte Christine und zwinkerte Jakob zu. „Wenn es geht, halte dich an die Bäuerin. Gertrud ist ein lieber Mensch. Ihr Mann Klemens dagegen – na, du wirst ihn kennenlernen. Mein Bruder kennt ihn auch. Stimmt´s Georg?“ Der Mann nickte. „Halt dich an Gertrud. Viel Glück“, sagte er knapp und fuhr los. Erstaunt sah Jakob dem Wagen nach. „Bruder“ hatte sie gesagt. Und er Hornochse hatte geglaubt … Ein Lächeln erschien auf seinem Gesicht. Mal sehen, vielleicht ging da ja was. Das Dorf war klein genug. Früher oder später würde man sich wieder über den Weg laufen. Jakob schritt die lange Auffahrt entlang. Es kam ihm so vor, als hätte der Regen ein wenig nachgelassen, aber vielleicht hatte er sich auch nur an ihn gewöhnt. Der Hof lag versteckt hinter Bäumen und einer hohen Hecke. Dicht hinter dem Anwesen erhob sich wie ein riesenhaftes Begrüßungskommando ein halbes Dutzend Windräder in den Himmel. Die Leuchten der Rotoren blinkten schwach in der trüben Wolkensuppe. Das Einfahrtstor, ein aus Sandsteinen gemauerter Rundbogen, wirkte recht imposant. Das schmiedeeiserne Gitter allerdings war rostig und hing schief in den Angeln. Jakob trat durch das Tor. Kein Mensch war zu sehen. Rechts gab es eine marode Scheune, dahinter ein Gewächshaus. Links lag ein halb verfallenes Speichergebäude, geradeaus das Wohnhaus, daneben eine Maschinenhalle. Zwischen den Gebäuden führte ein gepflasterter Weg auf einen Platz, um den sich mehrere umgebaute Stallgebäude und ein zum Hofladen umfunktioniertes Fachwerkgebäude gruppierten. Jakob blieb ratlos in der Mitte des Platzes stehen. Gerade, als er wieder zurück Richtung Wohnhaus gehen wollte, hörte er ein Quietschen. Er drehte sich um. In einem der ehemaligen Stallgebäude öffnete sich ein Schiebetor, ein gedrungener Mann mit einer Zigarre im Mund zwängte sich durch den Spalt und trat mit 17 © edition oberkassel, Düsseldorf 2013


gesenktem Kopf auf den Platz. Jakob befürchtete, der Mann bemerke ihn überhaupt nicht, also setzte er an, etwas zu sagen. Der Mann hob plötzlich den Kopf und stieß ein paar Rauchwolken aus. Sein Gesicht war stark gerötet, die Blicke aus den kleinen, wässrigen Augen hefteten sich fast feindselig an Jakob. „Und Sie? Wie kommen Sie auf den Hof? Was haben Sie hier zu suchen?“ Jakob sah den Mann verblüfft an. Mit dieser Begrüßung hatte er nicht gerechnet. War das jetzt die Ungastlichkeit der Westfalen oder lag hier ein Missverständnis vor? Er hatte jedenfalls seine Ankunft für heute angekündigt. Entschlossen griff er in die Innentasche seiner Jacke, zog den Brief mit der Zusage hervor und hielt ihn dem Mann hin. „Ich bin Jakob Sandow und soll heute mein Praktikum hier antreten.“ Der Mann schnaufte und riss Jakob das Papier aus der Hand. Während er las, nahm die Röte in seinem Gesicht merklich zu. „Melden Sie sich bei meiner Frau. Im Hofladen.“ Damit klatschte er Jakob den feucht gewordenen Brief in die Hand und verschwand wieder in der Scheune. Aus dem Hofladen drang ein warmer Lichtschein auf den Platz. Ein heller Glockenton erklang, als Jakob die Tür öffnete. Er betrat einen freundlich gestalteten Raum mit Dielenboden und einer niedrigen Holzbalkendecke. An den Wänden reihten sich Regale mit Fleisch- und Wurstwaren, Eiern, Milch- und Käseprodukten, Obst und Gemüse, Brot und Kuchen, Honig, Marmeladen und Gläsern mit eingelegten Früchten. Jakob warf einen sehnsuchtsvollen Blick auf die Sachen. Sie erinnerten ihn daran, dass er seit dem Morgen nichts Richtiges gegessen hatte. Hinter der Ladentheke tauchte eine Frau auf, die etwa so alt sein musste wie seine Mutter. Sie war klein gewachsen, trug eine Pagenfrisur mit rötlich schimmernden Haaren und sah ihm freundlich ins Gesicht. Dann sah sie die Taschen, kam hinter der Theke hervor und gab ihm die Hand. „Sie müssen Jakob sein. Ich bin Gertrud Schmölling. Willkommen auf unserem Hof. Tut mir leid, dass niemand Sie vom Bahnhof abholen konnte, aber mein Mann war mit dem Auto weg, und ich hatte ja Ihre Telefonnummer nicht.“

18 © edition oberkassel, Düsseldorf 2013


„Halb so wild“, sagte Jakob, „zwei nette Menschen aus dem Dorf haben mich hergefahren. Aber beim nächsten Mal sollten Sie etwas besseres Wetter bestellen.“ Gertrud Schmölling lachte. „Jetzt kommen Sie erst einmal mit ins Haus. Ich schließe hier so lange ab. Um diese Zeit kommen selten Kunden. Es ist ja noch früh im Jahr. Richtig los geht es erst mit der Spargelsaison. Dann herrscht hier Hochbetrieb, das werden Sie dann auch merken.“ Sie gingen über den Platz. Die Bäuerin zeigte auf die ehemaligen Stallgebäude. „Früher war das hier ein reiner Schweinemastbetrieb. Die Ställe sind aber inzwischen alle umgebaut. Na ja, fast alle. Es gibt noch einen kleinen Hühnerstall. Einen anderen Teil nutzt mein Mann für seine Zuchteber. Ist aber nur noch ein Hobby von ihm. Zurzeit steht dort allerdings nur Thilo, ein prämiertes Tier und sein ganzer Stolz.“ Gertrud Schmölling hielt einen Moment lang inne. Sie fixierte einen imaginären Punkt in der Ferne. „Am besten, Sie halten sich fern vom Eberstall. Mein Mann ist da sehr eigen. Wir haben jetzt eine Lager- und Sortierhalle, Kühlräume und natürlich die Unterkünfte für die Saisonarbeiter. Für Sie habe ich übrigens ein Dachzimmer im Haus fertig gemacht. Die Arbeiter werden ab nächster Woche nach und nach eintrudeln. Dann ist es hier nicht mehr so ruhig.“ „Kann man denn allein vom Spargelanbau leben, wenn ich mal so frech fragen darf.“ „Normalerweise nicht“, sagte Gertrud Schmölling. „Ist ja ein klassisches Saisongeschäft. Aber sehen Sie die Windräder dort? Die Grundstücke gehören auch zum Hof. Sind an einen Energiekonzern verpachtet. Zusammen mit den Einnahmen daraus kommen wir ganz gut zurecht.“ In diesem Moment meldete sich Jakobs Magen zu Wort. Die Bäuerin lachte. „Jetzt aber erst einmal in die Küche. Sonst bricht mir mein Praktikant schon am ersten Tag vor Hunger zusammen. Ich mach uns schnell was fertig. Bratkartoffeln mit Speck, das mögen Sie hoffentlich.“ Auch wenn er nicht so hungrig gewesen wäre, Jakob hätte geschworen, noch nie bessere Bratkartoffeln gegessen zu haben. 19 © edition oberkassel, Düsseldorf 2013


Während er aß, versorgte Gertrud Schmölling ihn mit weiteren Informationen über den Hof, erklärte, welche Arbeiten sie für ihn vorgesehen hatte und wie sein Tagesablauf in den kommenden Monaten aussehen würde. Sie selbst trank nur einen Kaffee. „Ich mache eine Diät“, erklärte sie. „Zwei Kilo habe ich schon geschafft.“ „Diät?“, fragte Jakob kauend, „das haben Sie doch nun wirklich nicht nötig – also ganz im Ernst, wenn ich das sagen darf, Sie haben doch eine Topfigur. Es sei denn natürlich, Sie streben eine Karriere als Magermodel an.“ „Danke für die Blumen“, murmelte Gertrud Schmölling, während sie rasch aufstand und die Tasse in die Spüle stellte. Jakob schluckte den letzten Bissen hinunter, und als er hochschaute schien es ihm, als sei ihre Nackenhaut leicht gerötet. Vom Flur kamen plötzlich Geräusche. Die Haustür wurde aufgeschlossen, man hörte ein Rumpeln, als lasse jemand seine Schuhe auf den Boden fallen. Dann wurde die Tür mit Vehemenz geöffnet, und der Bauer betrat auf Socken die Küche. Gertrud Schmölling drehte sich um und räusperte sich. Einen Moment lang wirkte sie verunsichert. Aber dann schien es Jakob, als ginge ein Ruck durch ihren Körper. Sie deutete auf Jakob. „Das ist Jakob Sandow. Er macht hier sein Praktikum und wird ein Jahr bei uns verbringen.“ Jakob stand vom Tisch auf und wollte dem Bauern die Hand geben. Aber dieser blieb auf Distanz. Wieder fixierten ihn die kleinen, wässrigen Augen. „Schön, dass ich das auch mal erfahre“, zischte Schmölling. „Ist ja auch zu viel verlangt, dass der Hausherr weiß, was auf seinem Hof vorgeht.“ „Einer muss ja schließlich die Arbeit machen“, entgegnete Gertrud Schmölling spitz. „Na wunderbar“, sagte der Bauer. „Ich sehe, du hast alles im Griff.“ Damit riss er die Kühlschranktür auf, griff sich eine Flasche Bier und verschwand schnaubend aus der Küche. Gertrud Schmölling sah Jakob an und zuckte mit den Schultern. „Das war Klemens, mein Mann.“ 20 © edition oberkassel, Düsseldorf 2013


Jakob nickte. „Dachte ich mir schon. Wir hatten draußen bereits das Vergnügen.“

21 © edition oberkassel, Düsseldorf 2013


Jürgen Flenker: Ebers Ende