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bellelit

Editorial

M a g a z i n f ü r L i t e r at u r #2

Literatur als Event Neue Bühnen für AutorInnen

Rückseitengespräche Über die Entstehung von Romanen

Plus: Gewin nspiel

Von Mars und Menschen

Mit Ulrike Schmitzer gegen die Schwerkraft

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Vorspann Vorspann Vorspann Vorspann Vorspann Vorspann Vorspann Vorspann Vorspann Vorspann Vorspann Vorspann Vorspann Vorspann Vorspann Vorspann

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Editorial

Inhalt

4 (Un)Glaube ans Papier Joseph Roth über die Extra-Ausgabe

6 Von Mars und Menschen

Der Weg zum Roten Planeten. Ein neuer Roman von Ulrike Schmitzer

9 Mondpatenschaft gewinnen Das galaktische bellelit-Gewinnspiel

11 Fast wie im Märchen

Ein Interview mit der Autorin Andrea Drumbl

12 Von Rockstars und

Gelegenheitsmördern Würden Sie für Geld töten?

14 Die Karte seiner Träume

Thomas Ballhausen entführt in dunkle Gegenden

16 Literatur als Event

Der Literaturmontag in Wien und Berlin

17 Muchas gracias für das auto Die Widmung wird zum Sammlerstück

18 Der hundertjährige ...

Über eine gesamtgesellschaftliche Sinnsuche

20 Rückseitengespräche

Mit Elena Messner und Eva Schörkhuber

26 Der Abgrund zwischen

dem Spiel und der Sucht

Zwei Nachlesen zu Büchern von Ilir Ferra

28 rezensionen

Mit Büchern von Lina Loos, Dorothea Zeemann, Philipp Weiss, Andrea Drumbl u. a.

Liebe Freundinnen & Freunde der Literatur!

bellelit, das Magazin für Literatur geht in den

zweiten Jahrgang und somit in die zweite Runde. Das Befüllen der zweiten Ausgabe einer (Literatur-)Zeitschrift ist nicht ganz einfach. Zumindest wenn man Heft Nummer 1 einigermaßen gelungen fand. Wir hatten allerdings das Glück, für diese zweite Ausgabe neue engagierte Mitarbeiter­Innen und -schreiberInnen an Bord holen zu können, die uns tatkräftig unterstützt haben.

So betrachtet Martin Thomas Pesl das große Gedenkjahr zum Ausbruch des 1. Weltkriegs in der Rückschau. Die Autorinnen Elena Messner und Eva Schörkhuber lassen uns in ihren »Rückseitengesprächen« an der Entstehungsgeschichte ihrer Romane teilhaben. Und Jana Volkmann folgt Autorin Ulrike Schmitzer in die Weiten des Weltraums und überlegt, wie es wohl ist, auf dem Mars zu leben. Bettina Buchbauer, Alexandra Binder und Sebastian Reiner schreiben über Bücher von Thomas Antonic & Janne Ratia, Andrea Drumbl, Ilir Ferra, Philipp Weiss und so einigen mehr. Diese und noch viele weitere Texte zu Literatur und ihren AutorInnen finden Sie auf den folgenden Seiten von bellelit #2.

n e s e L m i e b ß Viel Spa wünscht Ihre

bellelit-Redaktion

Impressum. bellelit #2 Herstellerin & Herausgeberin: Edition Atelier – Literaturverlag Poll GmbH, FN 403647z, Schwarzspanierstraße 12/2, A-1090 Wien ◾ Redaktion: Sarah Legler ◾ Redaktionsassistenz: Jana Volkmann, Bettina Buchbauer, Sebastian Reiner ◾ Art-Direktion & Produktion: Jorghi Poll ◾ Bildcredits: Jorghi Poll, sonst bei den jeweiligen Fotos ◾ Coverbild: unter Verwendung eines Graffitis von Edison Wormhole ◾ Druck: Klampfer-Druck, Universitätsdruckerei ◾ www.editionatelier.at

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere für Übersetzungen, Nachdrucke, Vorträge sowie jegliche mediale Nutzung (Funk, Fernsehen, Internet). Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form ohne schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert oder weiterverwendet werden.

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Der bibliophile Band Nacht und Hoffnungslichter präsentiert anlässlich Joseph Roths 120. Geburtstag eine neue Zusammenstellung seiner jour­ nalistischen Texte aus Wien und Berlin.

Joseph Roth: Beobachter seiner Zeit – eine knappe Chronologie Sein erstes Feuilleton wurde 1919 in der eben gegründeten Wiener Tageszeitung Der Neue Tag publiziert, im Laufe des Jahres sollte Joseph Roth über 100 Beiträge verfassen. 1920 übersiedelte er nach Berlin, wo er u. a. für die renommierte Frankfurter Zeitung schrieb. Ab 1921 pendelte er zwischen Berlin und Wien und verfasste u. a. Artikel für Der Tag und das Prager Tagesblatt. Daneben verfolgte Roth bereits seine schriftstellerische Laufbahn und arbeitete an dem Text Das Spinnennetz, der 1923 als Fortsetzungsroman in der Wiener Arbeiter-Zeitung publiziert wurde. 1925 zog er für die Frankfurter Zeitung als Auslandskorrespondent für ein Jahr nach Paris. Danach ausgedehnte Reisen für Reportagen: 1926 Sowjetunion, 1927 Albanien und Jugoslawien, später das Saargebiet, 1928 Polen und Italien.

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1929 verließ Roth die Frankfurter Zeitung und fand bis zum Sommer 1930 bei den Münchner Neusten Nachrichten eine neue journalistische Heimat. Mittlerweile war er als Journalist so gefragt, dass er wohl in fast jeder Zeitung hätte veröffentlichen können, so z. B. in der Literarischen Welt und erneut in der Frankfurter Zeitung. 1933, unmittelbar nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler, emigrierte Joseph Roth nach Paris, schrieb für diverse Exilzeitungen und -zeitschriften und fand einen niederländischen Verlag für seine Romane. Dennoch lebte er in ständiger Armut, zunehmend vom Alkoholismus gezeichnet. Produktiv war Joseph Roth in seinen letzten Lebensjahren jedoch wie eh und je. So entstanden neben den Zeitungsartikeln bekannte Texte wie Beichte eines Mörders, Das falsche Gewicht und Die Kapuzinergruft, bevor er Ende Mai 1939 starb. ◾


Porträt

(un)Glaube ans Papier Joseph Roths Feuilletons haben nie an Aktualität verloren

Papier Das ist die Materie, die allgegenwärtig und unüberwindbar den Leitartikel wie eine Fahne über dem Jammer unserer Gegenwart schwingt. Letzter Zweck allen Geschehens ist: auf Papier mitgeteilt zu werden. So gewinnt die Mitteilung die Herrschaft über die Geschichte. Die Mitteilung macht Geschichte. Der Krieg zeitigte eine besondere Erscheinungsform der Mitteilung: die außerordentliche Mitteilung, im Jargon der großen Zeit »Extra-Ausgabe« genannt. Die »Extra-Ausgabe« bewirkte eine Zeitlang Ereignisse, indem sie sie mitteilte. Dann aber wuchsen die Ereignisse der »Extra-Ausgabe« über den Kopf. Denn eine höhere Macht, das Pressequartier, schuf die Ereignisse, d. h. den Heeresbe-

richt. Und diesen brachte die Extra-Ausgabe, keine außerordentliche mehr, sondern eine ordentliche Mitteilung. Dennoch konnten sich die Leute der Macht des Papiers nicht entziehen. Der Ruf »Extra-Ausgabe!« betäubte den Zweifel. Der Glaube an das Papier blieb aufrecht bis zum Zusammenbruch des Pressequartiers und dem ganz unvorhergesehenen Kopfsprung der Geschichte, der es plötzlich eingefallen war, ein Ereignis ohne vorherige Fühlungnahme mit dem Pressequartier zu zeitigen. Nun bleibt die Extra-Ausgabe aus. Ich hielt sie für tot, erledigt, aber vorgestern sprang sie wieder, munter und lebendig, mitten im Grabenkorso aus dem Munde eines Kolporteurs unter die Leute. Sie hatte wieder Geschichte gemacht. Sie meldete die Ermordung des Königs von Italien. Und die Leute rissen sich um die Mitteilung. Sie kostete achtzig Heller. Aber der Ruf betäubte den Zweifel. Das Papier, das fünf Jahre lang die Menschen belogen und betrogen, hat seine Macht nicht eingebüßt. Siegreich aus dem Schutt der Vernichtung erhebt sich das Papier auf den Schwingen der Extra-Ausgabe. ◾ Josephus – Der Neue Tag, 6.10.1919

Die bibliophile Buchreihe WIENER LITERATUREN präsentiert Texte aus und über Wien von bekannten wie vergessenen in dieser Stadt wirkenden Autorinnen und Autoren. Außerdem in dieser Reihe lieferbar: Felix Dörmann: Jazz Else Feldmann: Travestie der Liebe Stefan Großmann: Ich war begeistert Robert Neumann: Hochstaplernovelle Dorothea Zeemann: Das Rapportbuch

»Der inhaltliche, sprachliche und thematische Reichtum der WIENER LITERATUREN erklärt sich durch Wien selber, geliebte und verehrte Heimat, ersehnte, gehasste, verspottete, traktierte Stadt am Donaufluss.« (Alexander Kluy, Herausgeber)

Joseph Roth Nacht und Hoffnungslichter Feuilletons & Texte aus Wien und Berlin

WIENER LITERATUREN, Bd. 7 Hg. von Alexander Kluy Mit einem Vorwort von Wolfgang Müller-Funk 248 Seiten | 21,95 Euro

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TITEL TITEL TITEL VonTITEL Mars TITEL TITEL

und Menschen

Vorspann Vorspann Vorspann Vorspann Vorspann Vorspann Vorspann Vorspann Vorspann Vorspann Ö1-Wissenschaftsjournalistin Ulrike Schmitzer be­ Vorspann Vorspann Vorspann Vorspann Vorspann schreibt in ihrem neuen Roman den Weg zum Mars Vorspann – inklusive Lexikon der Astronautenfehler von Jana Volkmann Gibt es ein schöneres Wort als »Sternenstädtchen«? Es klingt wie aus einem Märchen oder wie aus einem romantischen Nachtgedicht, wo sich der Mond schon in die tiefblaue Stunde drängt und ein jedes Städtchen golden unter Sternen leuchtet. Die Wahrheit sieht nüchterner aus, zumindest ist das echte Sternenstädtchen ein hochtechnisierter Ort, an dem strenge Verhaltenscodes und wissenschaftliche Präzision herrschen. Zwanzig Kilometer nordöstlich von Moskau gelegen, werden dort seit den 1960er-Jahren KosmonautInnen auf ihre Reisen ins All vorbereitet. Es ist eine »Geschlossene Stadt«, man darf nur mit Passierschein hinein. Zu Zeiten der Sowjetunion war das Sternenstädtchen streng geheim und deshalb auf keiner Landkarte verzeichnet, heute ist es dem Verteidigungsministerium zugeordnet. Es leben über 6.000 Menschen dort, und es gibt eine ausgewachsene Infrastruktur mit Schulen und Supermärkten, sodass die AstronautInnen mit ihren Familien längerfristig dort leben können. Aber im Juri-Gagarin-Kosmonautentrainingszentrum sind auch eine Menge Einrichtungen zu finden, die es nirgends sonst gibt. Die Trainings finden zum Beispiel in einem gigantischen Wasserbecken statt, sodass Reparaturvorgänge in der Schwerelosigkeit geprobt werden können. Außerdem stehen im Sternenstädtchen Swjosdny Gorodok Nachbauten aller russischen Raumschiffe im Originalmaßstab – und die weltgrößte Zentrifuge, Baujahr 1980. Noch heute kreisen dort künftige Weltraumreisende mit 36 Umdrehungen pro Minute, mit ähnlicher Wucht also, wie man sie bei einem Raketenstart zu spüren bekommt, um zu sehen, ob sie den Anforderungen einer solchen Mission gewachsen sind. Eine enorme Belastungsprobe, nicht nur für den Körper. Die Autorin und Wissenschaftsjournalistin Ulrike Schmitzer hat das Sternenstädtchen Swjosdny Gorodok besucht, als sie für einen Radiobei-

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trag recherchiert hat. Wer ihren Roman Es ist die Schwerkraft, die uns umbringt gelesen hat, merkt sofort, dass es neben der literarischen auch eine wissenschaftliche Neugier ist, die sie zum Schreiben bewegt. Diese beiden Triebfedern für Ulrike Schmitzers Schaffen greifen ineinander und sind kaum voneinander zu trennen, vielmehr bedingen die Recherchen für ihre journalistischen Arbeiten oft genug die Themen, die sie auch in ihrer Prosa beschäftigen. So auch in ihrem aktuellen Roman: »Die Basis an Informationen ist aus der Recherche entstanden. Nicht so sehr die Fakten, sondern auch viel Atmosphärisches. So habe ich meine Puzzleteile zusammengefunden, und in der Fiktion hat sich all das verdichtet. Das Sternenstädtchen hat mich natürlich massiv beeindruckt, das ist in den Roman eingeflossen.« Es ist die Schwerkraft, die uns umbringt handelt von Kira, einer Biologin, die zu der ersten Siedlergemeinschaft auf dem Mars gehören will und sich darum aufs Gründlichste vermessen und bewerten, trainieren und studieren lässt. Der Weg ins All verlangt denen, die ihn antreten, unglaubliche Leistungen ab. Das erinnert vage an Senecas vorausschauenden Ausspruch: non est ad astra mollis e terris via – der Weg zu den Sternen ist unbequem. Milde ausgedrückt. Die Auserwählten gehören zu den am gründlichsten untersuchten Menschen überhaupt: körperlich belastbar, hochintelligent, psychisch stabil. Bei der Selektion gilt es, alle Unwägbarkeiten aus dem Weg zu räumen. Aber Menschen sind nie vollkommen berechenbar, und nicht jedes Risiko lässt sich kalkulieren. Wenn Kira gerade nicht an Studien teilnimmt oder im Labor mit Algen arbeitet, sammelt sie die Fehler, die AstronautInnen über die Jahre passiert sind. Was sie dabei zutage fördert, ist auf so bizarre Weise menschlich, dass sich niemand


Editorial Cover Die in Salzburg geborene Autorin Ulrike Schmitzer arbeitet in Wien als Wissenschaftsredakteurin bei Ö1 und hat die Leondinger Akade­mie für Literatur absolviert.

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diese Fälle hätte ausdenken können: Kiras »Lexikon der Astronautenfehler« im Anhang des Buchs ist eine der vielen Schnittstellen zwischen Roman und Realität, die programmatisch für Ulrike Schmitzers gesamtes literarisches Werk stehen: »Ich versuche, Fakten und Fiktion auf unterschiedlichen Ebenen miteinander zu verknüpfen. Für das ›Lexikon der Astronautenfehler‹ war die Recherche viel mühsamer als gedacht. Ich habe unzählige Tagebücher von Astronauten durchforstet und natürlich auch aus den Interviews geschöpft, die ich selbst geführt habe. Diese Fehler werden immer nur in Nebensätzen erwähnt, es hat ja niemand ein Interesse daran, dass das alles publik wird. Noch dazu in dieser Fülle.« Da ist zum Beispiel Lisa Nowak, die »liebeskranke Irre«, wie es im Roman heißt, die die mangelnde Glaubwürdigkeit ihrer psychologischen Gutachten mit einer rasanten Racheaktion unter Beweis gestellt hat. Andere Zwischenfälle stellen eher die technologischen Kompetenzen der Beteiligten infrage: Alexej Leonow, der den ersten Außenbordeinsatz in der Geschichte der Raumfahrt absolviert hat, wäre danach fast nicht mehr durch die Luke ins Innere der Raumstation gekommen. Sein Raumanzug hatte sich im Vakuum aufgebläht, er musste in einer waghalsigen und ziemlich gefährlichen Improvisation selbst die Luft aus seinem Schutzanzug lassen, um wieder an Bord zu gelangen. Ein Szenario wie

aus einem alptraumhaften Weltraumhorrorfilm – und ein besonders bildhaftes Beispiel dafür, dass Fehler im All nicht passieren dürfen und dennoch vorkommen. Nicht immer endet das so glimpflich wie bei Leonow. Kira hat auch ein paar Todesfälle in ihrer Sammlung. Ulrike Schmitzer hat sich in ihrem Roman mit der Frage auseinandergesetzt, wie die perfekte Besatzung für den Flug zum Mars aussehen würde, und schnell festgestellt, dass vollkommene Unfehlbarkeit eine Illusion ist. »Und das ist irgendwie auch beruhigend. Aus Kiras Sicht ist das deshalb wichtig, weil sie sieht: Sie ist zwar nicht perfekt, aber die anderen sind es auch nicht. Es gibt niemanden, auf den man sich hundertprozentig verlassen könnte, auch nicht durch die strengsten Selektionsverfahren.«

Mit dieser schwierigen Auswahl muss sich auch die private Stiftung »Mars One« derzeit auseinandersetzen, und ihre Verfahren sind durchaus aufsehenerregend. Die Organisation hat angekündigt, die erste permanente Siedlung auf dem Roten Planeten gründen zu wollen. Die vierzig SiedlerInnen werden per öffentlichem Casting ausgewählt, und die Reise soll mithilfe eines »Big Brother« nicht unähnlichen Fernsehformats auf der Erde zum Spektakel für die Massen gemacht werden. Als die Arbeiten zu Es ist die Schwerkraft, die uns umbringt begannen, hatte ▶

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»Mars One« noch lange nicht von sich reden gemacht; dass ihr Roman also derart perfekt zum aktuellen Raumfahrtdiskurs passen würde, war für Ulrike Schmitzer nicht abzusehen. Nun ist die Menschheit beziehungsweise ihre Vorhut offenbar näher denn je daran, die legendäre Feststellung »We are the Martians«, wir sind die Marsianer, tatsächlich wahrzumachen. Der Autorin ist das Projekt jedoch spürbar suspekt, aus guten Gründen. »Viele Experten sagen, dass das eine reine Utopie ist. Das Geld reicht nicht aus, die notwendigen technischen Voraussetzungen sind noch nicht geschaffen. Es gibt im Grunde nichts außer der Idee. Es erstaunt mich total, dass sich 200.000 Menschen dafür beworben haben, es ist schließlich ein Todestrip. Der Ex-Astronaut und RaumfahrttechnikProfessor Ulrich Walter spricht von einer 30 %igen Wahrscheinlichkeit, lebend am Mars anzukommen. Die Chancen, dort auch nur eine gewisse Zeit lang zu überleben, sind noch viel geringer. Die größte Gefahr ist die Strahlung, der man beim Hinflug ausgesetzt ist. Und bis man am Mars schließlich eine Schutzbehausung aufgebaut hat, dauert es ja auch eine gewisse Zeit. Die Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu erkranken, ist riesig.« Was Kira dazu bewegt, trotzdem auf den Mars reisen zu wollen, ist eine der interessantesten Fragen, die der Roman stellt. Die Möglichkeit einer Rückreise besteht in der Fiktion ebenso wenig wie in Wirklichkeit. Kiras Entscheidung steht jedoch fest, sie nimmt an Belastungsproben teil und bereitet sich darauf vor, die Erde zu verlassen, ohne jedoch zu wissen, ob sie jemals wirklich gemeinsam mit anderen auf dem Mars siedeln wird. Immer wieder wird deutlich, wie sehr Kira von der Idee eines neuen Gründungsmythos fasziniert ist: Der Mars ist schließlich die terra incognita unserer Zeit, unerforscht, gefährlich und reizvoll. In Wirklichkeit hat die Vorbereitung auf den großen Aufbruch ins All jedoch meist wenig von dem heroischen Glanz, den man mit solch großem Pioniergeist gemeinhin verbindet. Es weiß schließlich auch kaum jemand auf der Erde, wer sich gerade auf der Internationalen Raumstation befindet – wenn nicht gerade Astronauten wie der Kanadier Chris Hadfield einen YouTube-Hit landen.

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Auch die Studien, an denen Kira teilnimmt, sind oft langwierig und nicht selten langweilig. Bei einer Bettruhestudie etwa geht es darum, drei Monate lang im Liegen auszuharren, um Schwerelosigkeit zu simulieren. Ulrike Schmitzer hat auch hier sehr gründlich recherchiert und ihre Informationen von Menschen bekommen, die genau wissen, wie sich so etwas anfühlt: »Ich habe mit Leuten gesprochen, die solche Bettruhestudien gemacht haben. Es nehmen viele Studenten teil, das sind normalerweise keine Astronauten. Diese Dinge gibt es wirklich, und die laufen auch momentan. Nicht mit dem Ziel der Marsbesiedelung, sondern um etwas über den Menschen im All zu erfahren, über das Verhalten des Körpers in der Schwerelosigkeit.« Wenn man das Ganze im Roman aus Kiras Sicht liest, wird einem erst bewusst, was drei Monate still liegen mit dem Körper und der Psyche machen. Permanent will sich der Körper aufrichten, permanent muss man ihn davon abhalten. Bis er irgendwann aufgibt. »Erst kommt der Schmerz in den Beinen, dann im Kreuz, dann schmerzen sogar die Haare, die ständig auf dem Polster aufliegen«, erinnert sich Kira. Anfangs hatte sie die Zeit zum Lesen nutzen wollen, die Klassiker, für die man sonst nie Zeit findet. Irgendwann nimmt sie die Bücher nur noch in die Hand, zum Lesen ist sie zu müde, zu gleichgültig. Aber sie zieht die Bettruhestudie durch. Es folgt ein Ausflug nach Swjosdny Gorodok, in die Zentrifuge, die Kira dreht und dreht, bis sie das Gefühl hat, es zieht ihr die Zähne aus dem Kiefer und die Gedärme aus dem Bauch, all das unter strenger Aufsicht von Oberst Irina. Das harmlos-hübsche Wort Sternenstädtchen entzaubert sich rasch im Angesicht der enormen Strapazen, die Kira dort erlebt. Wieder stellt man sich die Frage: Weshalb macht jemand bei so was mit? Warum geht Kira nicht einfach nach Hause, zurück ins Labor, zu ihren Algen, zu ihrem Notizbuch mit den Astronautenfehlern, irgendwohin, wo sie vor all dem wissenschaftlichen Fortschritt in Sicherheit ist? Dass Kira nicht sehr an ihrem Zuhause festhält, wundert einen allerdings immer weniger, je mehr man über ihren Alltag erfährt. Sie hat weder Familie noch Sozialleben, und die Arbeit als Biologin liegt ihr zwar, aber sie scheint Kira nicht zu erfüllen. Ihrem Ehrgeiz, den Fortschritt der Menschheit mitzugestalten, werden wenige irdische Freuden entgegengesetzt. Ihr Leben, das macht sie selbst deutlich, hat ohnehin viel von einer Isolationsstudie – bis eine Begegnung nicht nur ihre Situation auf der Erde verändert, sondern sie auch dazu bringt, ihren Aufbruch zum Mars und die geheimnisvolle, auf fast bedrohliche Weise verschwiegene Institution, die sie dazu verpflichtet hat, zu hinterfragen. Kira trifft ihre Zwillingsschwester, die etwas exzentrische, einnehmende und liebenswerte Künstlerin Zoe. »Als Kira ihrer Zwillingsschwester begegnet, hätte der Roman leicht ins Unwirkliche kippen kön-


Cover nen, aber das wollte ich nicht«, sagt Ulrike Schmitzer. »Zwillinge sind natürlich auch aus wissenschaftlicher Sicht hochinteressant, im Hinblick auf Selektionsverfahren, weil in diesem Fall tatsächlich identisches genetisches Material vorliegt. Kira hat sehr ausgeprägte technische und mathematische Fähigkeiten, aber ihre Defizite sind im sozialen Bereich, anders als bei ihrer Schwester.« Zoe und Kira faszinieren einander; sie nähern sich an mit der Anziehungskraft zweier unterschiedlich gepolter Magnete, als vertraute Fremde, als schwesterliche Freundinnen. Plötzlich setzt eine ganz andere Art von Schwerkraft ein, die Kira auf der Erde zu halten droht. ◾

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r e mm So lochfestival

tur a r e t i L das e am g a s s a P in der . Juli 3 d n u . 2 2015

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Interview

Fast wie im märchen Andrea Drumbl über ihren zweiten Roman Narziss und Narzisse von Sarah Legler

bellelit : Früher hast du vor allem Lyrik geschrieben; jetzt

hast du bereits deinen zweiten Roman veröffentlicht. Wie kam es zu dieser starken Fokussierung auf Prosa?

AD: Ich habe auch schon früher Prosa geschrieben, aber wahrscheinlich ist nun das Bedürfnis stärker, Prosatexte zu schreiben, obwohl ja auch hier immer wieder Lyrisches einfließt. Es kommt schon mal vor, dass aus einer lyrischen Sequenz eine Prosaminiatur entsteht. Oder umgekehrt. Denn die Literatur ist ja lebendig, sie entsteht, wird mehr oder weniger und verändert mitunter auch ihre Gestalt. Dabei geht es aber natürlich vor allem um den Sprachrhythmus, denn auch beim Schreiben macht der Ton die Musik, wie es so schön heißt.

bellelit : Das »Narziss & Narzissen«-Bild ist ein wesentliches Motiv in deinem Roman. Was bedeutet das für dich?

AD: Es geht hier um die Verschmelzung von etwas Unberührtem, Unbeflecktem, von etwas Unschuldigem und Jungfräulichem und sehr, sehr Freundlichem – mit einer Bedrohung: »Narziss« als das Krankhafte, das Ungesunde, die Bedrohung, und »Narzisse« als das komplette Gegenstück dazu. Wobei diese zwei Gegensätze ja auch wieder irgendwie zusammenhängen. Part und Gegenpart sind. Vater und Tochter sind.

bellelit : Du wechselst im Roman oft die Perspektiven. Wie war das Schreiben aus der Sicht von so vielen verschiedenen Figuren?

AD: Es war eine gewisse Herausforderung, verschiedene Sichtweisen so gut wie möglich darzustellen, aber vor allem war ein großes Lustgefühl dabei, damit zu spielen, sich in die Figuren hineinzuversetzen, mit ihnen zu wachsen und ihre Schicksalsschläge, die es im realen Leben ja durchaus auch in dieser Intensität geben kann, mitzuerleben. Und das bis zu einer Atem­ erschöpfung durchzuführen, die einen selber ergreifen kann. Das ist das eigentlich Faszinierende dabei.

bellelit : Das Märchen von 1001 Nacht zieht sich durch den gesamten Roman; fast alle Figuren träumen

sich zumindest einmal in die glitzernde – und für sie bessere, weil heile – Welt von Sheherazade: Welche Funktion hat dieses Märchen für dich in deinem Roman?

AD: Das Märchen von 1001 Nacht hat die Funktion, die ein Märchen bestenfalls haben kann, nämlich Wünsche zu erfüllen, Träume zu leben, aus der Wirklichkeit auszubrechen und vielleicht einmal im Leben eine Prinzessin zu sein. Und in den Träumen der Figuren kommen ja auch all ihre Wünsche, Sehnsüchte und Hoffnungen zum Vorschein, aber natürlich auch ihre Verletzlichkeiten und Zerbrechlichkeiten. Und der Leuchter als Märchen-Motiv ist für mich ein zentrales Bild unerfüllter sowie ungefühlter Liebe. ◾ Die gebürtige Kärntnerin Andrea Drumbl lebt in Linz und arbeitet derzeit an ihrem dritten Roman.

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Andrea Drumbl Narziss und Narzisse Roman 144 Seiten | 17,95 Euro E-Book: 9,99 Euro


»Joe« alias Cornelius H. W. von Gurlitt alias ... Kunstsammelnder Philanthrop oder Mä­zen für Amateurkiller?

Von

Rockstars und Gelegenheitsmördern Die Charaktere in den Büchern des finnisch-österreichischen Autorenduos Antonic & Ratia mögen verschroben sein oder düster, versoffen, wahnsinnig oder me­ lancholisch – sie sind jedenfalls immer mysteriös 12


Rezensionen

Würden Sie für Geld töten? »Jeder hat gern Geld. Geld ist Gott. Wenn du Geld hast, bist du glücklich, denn dann brauchst du dich vor nichts fürchten.« Hat wirklich jeder Mensch seinen Preis? Das finnisch-österreichische Autorenduo Thomas Antonic und Janne Ratia stellt diese Frage in seinem Thriller Joe 9/11 bewusst provokativ – und führt sie in atemberaubender Konsequenz und mit einem überdeutlichen Augenzwinkern von einem heimlichen Auftragsmord an der portugiesischen Küste durch unzählige Verschlüsselungen, Verweise und Anspielungen hindurch bis zu den Terroranschlägen am 11. September 2001. Begonnen hat alles aber erst im vergangenen Jahr: Zusätzlich zu ihrem 2009 gegründeten paneuropäischen und interdisziplinären Künstlerkollektiv William S. Burroughs Hurts begannen Antonic und Ratia ihre literarische Karriere mit dem Roman Der Bär im Kaninchenfell –Das unmögliche Leben des Thomas A. J. Ratia, der die verrückte Geschichte eines Rockstars erzählt (siehe unten). Nun wagen sie sich mit ihrem neuen Thriller Joe 9/11 an ein brisantes Thema und geben den unzähligen Mythen und Theorien um die tragischen Anschläge in Manhattan einen neuen Twist. Nachdem der Fotograf Peter auf einem in Portugal gefundenen Polaroid zufällig einen Mord ent-

von Bettina Buchbauer

deckt – oder war es ein Unfall? –, nimmt sein Freund Martty mit detektivischem Eifer die Spurensuche auf. In Portugal begegnet ihm der amerikanische Billionär Joe, und mit diesem ändert sich Marttys Sicht auf die Welt, auf Gut und Böse, Richtig und Falsch schlagartig, denn Joe stellt ihm die alles entscheidende Frage und bietet ihm drei Millionen Dollar für einen Mord an. Zur selben Zeit bereitet sich Peter mit dem gefundenen Polaroid auf seine große Ausstellung im World Trade Center am 11. September vor und kämpft ebenfalls mit einer verhängnisvollen Frage: Geld oder Ehre? Mit Joe 9/11 wird uns ein Thriller geboten, bei dem man einfach nicht erahnen kann, was als nächstes passieren wird. Schlag auf Schlag überraschen und schockieren die Ereignisse und übersteigen völlig mühelos jegliche Vorstellungskraft. Das Mitfiebern, sei es nun aus der Sicht des Opfers, des Mörders oder des Marionettenspielers, ist vorprogrammiert ... Eine spannungsgeladene Geschichte, die in die Abgründe menschlichen Denkens führt und noch lange nach dem Lesen eine Gänsehaut hinterlässt. ◾

Verfilmen, bitte!

Foto: JiiVee100

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Es gibt Bücher, die schreien nach einer Verfilmung. Der Bär im Kaninchenfell, das Erstlingswerk von Thomas Antonic und Janne Ratia, ist genau so ein Fall. Die an Skurrilität nicht zu überbietende Musikerbiografie des Thomas A. J. Ratia wird in diesem Roman aus zwei verschiedenen, einander abwechselnden Perspektiven in Szene gesetzt. Da sind zum einen die Lebenserinnerungen der Legende selbst, die so nüchtern und exakt daherkommen, wie man es von einem beinahe durchwegs betrunkenen Rockstar erwarten kann. Hier ein Auszug: »Ich fuhr mit dem Taxi ins Hotel. Ich leerte den Rest der Flasche Koskenkorva, während ich im Auto saß. Mein Magen fühlte sich an wie ein Stein von all den teuren Pisco Sours auf Tahiti und den Rotweinen im Flugzeug der Air Tahiti Nui von diesem vertrottelten Sommelier aus Paris (sie haben mir nicht den Namen dieses Saufbruders verraten).« Zum anderen wendet sich ein Journalist an die LeserInnen und erzählt von seiner außergewöhnlichen Begegnung mit dem Star. Alkoholexzesse,

von Sebastian Reiner

Livemusik, Schifahren und finnische Sauna inklusive. Alles in allem ein Buch, das eine/n zum Lachen, Kopfschütteln und Weiterlesen bringt. Den Soundtrack zum Roman stellen die Autoren aus Wien bzw. Nokia übrigens gleich selbst zur Verfügung, der QRCode bzw. der Link dazu finden sich im Buch. Bleibt nur noch zu hoffen, dass sich möglichst bald David Lynch, Wes Anderson, Martin McDonagh und die Coen-Brüder zusammensetzen, ein paar Flaschen Schnaps mitbringen und an der Verfilmung arbeiten. Vorschlag für die Besetzung: Woody Harrelson als Rockstar Thomas A. J. Ratia, Owen Wilson als Journalist Saul Hudson, David Lynch als David Lynch, Zach Galifianakis als Kellner, Johnny Depp als Johnny Depp usw. ◾

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Thomas Antonic & Janne Ratia Joe 9/11 Thriller 176 Seiten | 16,95 Euro E-Book: 9,99 Euro

Thomas Antonic & Janne Ratia Der Bär im Kaninchenfell Roman 160 Seiten | 16,95 Euro E-Book: 9,99 Euro


Die Karte seiner Träume Thomas Ballhausens lange erwarteter neuer Erzählband In dunklen Gegenden bietet ein ganz besonderes Lesevergnügen von Martin Thomas Pesl Determinierte Strategen auf einsamen Missionen. Statusberichte aus einer Endzeit, deren Details zu trostlos scheinen, um sie auszusprechen. Namedropping, das einen die eigene Unbildung in Sachen Fantasy-Universen bedauern lässt, bei eingehender Recherche jedoch überraschend zu Sternenkon­ stellationen (Aldebaran), Literaten oder wahlweise Quizshowkandidaten (Van Doren) führt. Und wer sind diese mysteriösen Eisenmänner, gegen die offenbar eine Art Krieg im Gange ist? Dass wir uns In dunklen Gegenden befinden, daran lässt selbst Thomas Ballhausen, der sonst gerne vieles erquicklich unbeantwortet lässt, keinen Zweifel. »Ich spiele immer noch ernste Spiele«, schreibt er in einem der zehn Texte seines Erzählbandes, mit dem er sich der fantastischen Literatur in einer peniblen, analytischen Sprache annähert. Seine bedachten, fast pedantischen Formulierungen schicken die Fantasie in scheinbar fernen, vielleicht aber auch sehr nahen Realitäten los, nur um sie sofort wieder an die kurze Leine zu nehmen.

Da scheint ein Polizist eine neue Station übernommen zu haben, missbraucht seine Position jedoch

dazu, in aller Gelassenheit einen Jahrmarktbären freizulassen. Eine Art Soldat verharrt in Untätigkeit vor einem Graben, und ein Chefkartograf berichtet von seiner Mission, glatt die Frage übertünchend, was ein Chefkartograf eigentlich ist. Von Zitaten aus Musik und Literatur eingeleitet, kartieren zehn Ich-Agenten (oder ist es gar ein einziger?) ihre apokalyptischen Welten oft unberührter Natur, lassen sich dabei aber nur allzu gerne von Grenzlinien und Verwaltungsapparaten ablenken.

Ist all das undurchdringlich? Wahrscheinlich. »Die Bilder wollen sich noch immer nicht einstellen, und mein Kopf schmerzt heftiger, als würde ein Teil davon einfach fehlen.« Der Satz kann durchaus auch die Leseerfahrung beschreiben, die einen ereilt, versucht man den gewieft plastischen Formulierungen dieser apokalyptischen Denker zu folgen. Man sollte dennoch nichts unversucht lassen. »Ich bin nicht geheimnisvoll, ich bin schlicht ein bisschen unleserlich«, heißt es an anderer Stelle regelrecht selbstironisch. Dem sei heftig widersprochen und die Analyse eines anderen von Ballhausens Taktikern entgegengehalten: »Die Welt ist in den letzten Jahren immer unleserlicher geworden.« ◾

»Der Archivar kann und soll auch Entdecker sein.« Thomas Ballhausen im Interview über die neue Rei­ he »Passwörter« und seinen Erzählband von Jana Volkmann bellelit : Durch deine Arbeit als Wissenschaftler und Archivar hast du Zugang zu Quellen, die sonst wahrscheinlich eher im Verborgenen bleiben. Wie wirst du auf diese seltenen, oft schwer zugänglichen und häufig unterschätzten Werke aufmerksam? TB: Ich versuche, neugierig und aufmerksam zu bleiben. Jeder Gang in eine Bibliothek, in ein Archiv oder eine Sammlung heißt für mich auch immer,

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auf das zu achten, was ich vielleicht nicht gesucht habe. Also beispielsweise, was für ein Buch neben dem steht, das ich eigentlich einsehen wollte. Ich halte es auch angesichts des um sich greifenden Effektivitätswahns für dringend notwendig, sich die Zeit zu nehmen, vor einem Regal zu stehen und bewusst nach dem Unbekannten zu greifen. Ich glaube daran, dass der Archivar Diener des Materials und der Öffentlichkeit, aber auch ein Entdecker ▶


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Porträt sein kann und soll. Hier versuche ich – zwar hoff- aber auch im neuen Erzählband In dunklen Gegennungslos romantisch, aber immerhin – etwas wie den sehr deutlich sehen. Ich verwehre mich gegen die Verantwortung zur Neugierde zu leben. eine unreflektierte Verurteilung des Phantastischen, hier bringt man sich nicht zuletzt auch um bellelit : Welche Bücher sollen in der Buchreihe sehr viel Lesevergnügen. Diese persönliche und »Passwörter« (ab 2015) erscheinen, und nach wel- wohl auch programmatische Offenheit wird sich chen Kriterien wählst du sie aus? Welchen Stellen- auch in der Auswahl der »Passwörter«-Buchreihe wert wird hier die Phantastik haben? niederschlagen. Gemeinsam mit einem wunderbaren Board internationaler Kolleginnen und KolleTB: Als Autor arbeite ich bewusst mit gen werden wir uns für eine avancierte, wiederElementen der Phantastischen Lizuentdeckende oder auch erstmals übersetzte teratur, ich denke, das kann man Literatur einsetzen. Im Frühjahr 2015 starten in Lob der Brandstifterin, wir mit Furio Jesis wunderbarem, lange nicht zugänglichem Roman Die letzte Nacht. Endlich mal wieder Vampire, deren schlimmstes Geheimnis nicht ist, in der Sonne zu »glitzern« ...

bellelit :

Welche Besonderheiten, welche gesellschaftlichen Implikationen zeichnen die Vampirgeschichten der Gegenwart aus?

TB: Die literarische Figur des Vampirs ist widersprüchlich, von konservativer Natur, aber in ihrer künstlerischen Weiterentwicklung hochgradig adaptierbar. Dieses dynamische Wechselspiel erlaubt das Zusammenziehen sehr unterschiedlicher Eigenschaften und Bedeutungen. Diese literaturgeschichtlich bedeutsame Figur ist von Kultur förmlich durchdrungen, aber nicht einfach assimiliert. Sie bleibt ein kulturell letztbegründeter Außenseiter. Damit kann auch ich mich gut anfreunden. ◾

Thomas Ballhausen lebt als Autor, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Filmarchiv Austria und UniLektor in Wien und stellt derzeit ein Buch über die Arbeit am Archiv fertig.

Thomas Ballhausen Lob der Brandstifterin

Thomas Ballhausen In dunklen Gegenden

Erzählung Textlicht-Reihe 60 Seiten | 7,95 Euro

Erzählungen 104 Seiten | 14,95 Euro E-Book: 9,99 Euro


Literatur als Event Der Literaturmontag im Fluc ist ein neues, ungewöhnliches Lesungsformat mit Open Stage von Sebastian Reiner Die Edition Atelier hat im Herbst 2013 ein Projekt mit dem Ziel gestartet, eine Verbindung von klassischem Lesungsformat und Open Stage zu schaffen. Die Abende des »Literaturmontags« im Wiener Fluc am Praterstern sind in zwei Hälften aufgeteilt. Den ersten Teil bilden eine Lesung und ein Gespräch mit einem / einer angekündigten AutorIn. Nach der Pause wird die Bühne für das schreibende bzw. lesende Publikum freigegeben. Wichtiger Teil des Konzepts war die Suche nach einem geeigneten, für Lesungen ungewöhnlichen Veranstaltungsort. Literatur in einem Musik-Club – diese Idee scheint auf den ersten Blick nicht leicht durch-

Tuluba aus Schönbrunn von Elli Müller

Es ging eine Frau namens Anna zur Grenze. Anna war nicht al-

lein. Mit ihr war Tuluba, der in Schönbrunn geborene afrikani-

sche Elefant. Tuluba hatte, obwohl er noch klein war, sehr große

Ohren, das ist wahr. Die Geschichte hat mir Anna erzählt. Anna erzählt vieles. Sie arbeitet im Zoo, das wirkt sich irgendwie aus.

Es sei manchmal leichter, mit einem Elefanten über die Gren-

ze zu gehen, als seine Tante ins Land zu holen, hat Anna gesagt. Da gebe ich ihr recht. Anna heißt mit Familiennamen Jiménez Krisanovska. Alleine das deutet auf Komplikationen hin. Bei ih-

rer Tante, hieß es, läge kein Recht auf Freizügigkeit und somit keines auf Einreise vor. Es fehle ein Stempel und anderes mehr.

Ihre Tante, sagte Anna, sei eine Frau der Tat. Ließe man sie in

eine, etwa von einem Messie bewohnte Wohnung hinein, müsste

der mit seiner Wirtschaft bei Null beginnen. So gründlich sei die Tante bei der Arbeit. Eine Gründlichkeit, die sie im Umgang mit ihren Papieren leider vermissen lasse. Die Tante lebte in Spanien.

In Spanien sei es beschissen, habe sie Anna am Telefon erklärt. Sie könne ebenso in Österreich putzen. In Spanien putzten nun-

mehr die Spanierinnen selbst. Der Dreck sei überall gleich, und sie würde zumindest bei Anna sein. Wäre das nichts?

Die Tante reiste ein, ließ ihren Koffer in Annas Wohnung

zurück und reiste mit ihrer Handtasche nach Bratislava wieder aus. »Morgen bin ich mit dem Stempel zurück«, sagte sie und

verschwand. Der Anruf kam eine Woche später. »Hol mich hier raus«, sagte sie. »Jetzt lassen sie mich nicht mehr herein.«

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führbar. Mit dem Wiener Fluc wurde jedoch genau die richtige Location dafür gefunden. Einmal im Monat wird jetzt zum Literaturmontag geladen. In Berlin entstand nun, ein Jahr später, nach diesem Vorbild in Kooperation mit dem Österreichischen Kulturforum und dem Verlagshaus J. Frank eine Veranstaltungsreihe, die sich »LiteraturMagnet« nennt. Auch dort wurde ein ebenso ungewöhnlicher Raum für die literarischen Abende ausgewählt: Die FC Magnet Bar, eine Fußball-Fankneipe. Der erste LiteraturMagnet war ein voller Erfolg. Gut vorstellbar, dass dieses Konzept einer Verbindung von klassischer Lesung und Open Stage, in einem dafür unkonventionellen Raum verortet, noch weite Kreise zieht. ◾

Bei Komplikationen fallen der Tierpflegerin Anna zunächst

immer Witze ein. Das war auch diesmal so. Sie dachte an den Witz mit dem Elefanten. Der Witz geht so:

Kommt ein Mann mit einem Elefanten zur Grenze. Der Ele-

fant könne nicht herein, sagt der Grenzbeamte. Am nächsten Tag

kommen Mann und Elefant wieder. Das geht so mehrere Male. Da klebt der Mann dem Tier ein Brot unter den Rüssel, ein weiteres unter den Schwanz.

»Zum letzten Mal«, sagt der Grenzbeamte, »mit dem Elefan-

ten ...« »Aber«, sagt der Mann, »das ist doch kein Elefant, das ist

ein belegtes Brot.«

Die Tante, ihr war sicher nicht nach Witzen, rief wieder an.

Sie könne weder vor noch zurück. Sie müsse nun überhaupt weg.

Und dann, so erzählte mir die Tierpflegerin Anna, sei sie mit

Tuluba, Sohn der afrikanischen Elefantenkuh Numbi aus Schön-

brunn, zur Grenze gegangen, habe die Tante darauf gesetzt und zum Beamten gesagt: »Das ist keine Frau ohne Stempel, das ist ein Elefant samt eigenem Personal.«

Unlängst habe ich Anna Jiménez Krisanvoska besucht. Ich

machte mir Sorgen, weil sie am Telefon so merkwürdige Ge-

schichten erzählt. Anna saß mit einer älteren Frau bei Tisch. »Ist das die Tante?«, fragte ich.

»Nein«, sagte Anna. »Das ist nur eine davon.«

-----Der Text wurde am 24. Februar 2014 bei der Open Stage gelesen. Elli Müller lebt und arbeitet seit 1998 als freie Journalistin, Übersetzerin und Dolmetscherin in Wien. www.gabrielemueller.at


Rezension

Muchas gracias für das Auto

Foto: Oleg Sergin

Jana Volkmann erzählt in ihrem zwei­ ten Buch die Geschichte einer jungen Frau, die sich in den Geschichten an­ derer verliert – beinahe. Über das Leben mit und in Büchern von Sarah Legler Am Wochenende durch ein verwinkeltes Antiquariat schlendern, den etwas modrig-verstaubten Geruch von uralten Büchern einatmen und stundenlang in den übervollen Regalen und Kisten stöbern und kramen. Vielleicht ist ja was Gutes dabei – eine kostbare Erstausgabe, ein skurriler Ratgeber, ein signierter Roman von der Lieblingsautorin. Und wenn man ganz viel Glück hat, findet man auch in den Büchern so manch vergessenen Schatz, der meist wohl unbeabsichtigt zurückgelassen wurde – getrocknete Kleeblätter, viele Jahre alte Fahrscheine, eine beschriebene Ansichtskarte, ein vergilbtes Familienfoto oder eine persönliche Nachricht, eine Widmung aus einem anderen Leben. Als LiteraturfreundIn kennt und liebt man diese Ausflüge in eine andere Welt mit den Zufallsfunden. Ebenso Hanna, die Hauptfigur in Jana Volkmanns Erzählung Fremde Worte. Jeden Sonntag geht die junge Frau durch einen Flohmarkt in Berlin, zu einem Antiquar, der eine wilde Auswahl seiner Secondhandbücher zum billigen Verkauf anbietet. Hier beginnt die Geschichte von Hanna, die sich – so wird sich bald herausstellen – grundlegend von den eingangs erwähnten BuchliebhaberInnen unterscheidet. Wie nebenbei blättert sie durch die alten Werke, fragt vielleicht nach dem einen oder anderen konkreten Titel – sorgsam überspielend, dass sie eigentlich nach etwas ganz anderem sucht. Die Widmungen haben’s Hanna angetan – nicht etwa die signierten Erstexemplare, sondern persönliche Widmungen von Menschen, die sie gar nicht kennt. Bücher, die aus einem bestimmten Grund für einen bestimmten Menschen gekauft wurden und von diesen irgendwann für ein paar Euro einem alten Antiquar überlassen wurden. Die Bücher, die Hanna hier jede Woche kauft, liest sie schon lange nicht mehr – sie blättert lediglich bis zu den handschriftlichen Einträgen. Hier lässt sie ihrer Fantasie freien Lauf und überlegt, was wohl hinter diesen Worten stecken und was für ein Mensch sie geschrieben

haben mag. Doch natürlich ist das längst noch nicht alles – denn eines Tages trifft sie auf eine andere Frau, die genauso verloren zu sein scheint wie sie ... Sehr behutsam und mit feinem Gespür stellt Jana Volkmann ihre Hanna vor. Sie erzählt die feingliedrige Geschichte einer jungen Frau, die etwas verschroben und alleine in ihrer eigenen Welt lebt, die sich aus ihrem eigenen Leben zurückzieht und in die fiktive Vergangenheit anderer, ihr fremder Menschen einschmuggelt. Eine zauberhafte Hommage an das Buch. ◾ Jana Volkmann Fremde Worte

Erzählung, TEXTLICHT-Reihe 48 Seiten | 7,95 Euro


Der

Hundertjährige, der durchs Fenster und stieg nicht mehr gehen wollte Über eine gesamtgesellschaftliche Sinn­ suche des vergangenen Gedenkjahres zum 1. Weltkrieg in Romanform von Martin Thomas Pesl Jetzt ist es auch schon wieder vorbei, das große Gedenkjahr 2014. Keine Institution kam daran vorbei, den großen Krieg zu thematisieren, wenn sie nur in irgendeiner Form ein Programm zu gestalten hatte: ein informatives, ein kulturelles, ein unterhaltendes. Es nicht zu tun, ging nicht, gleichzeitig musste man sich dessen bewusst sein, dass alle anderen es auch tun werden, und sich kreativ von ihnen abheben. So manche Kuratoren, Verlegerinnen, Dramaturgen und Intendantinnen werden den Ersten Weltkrieg verflucht haben, und das nicht nur, weil er halt schrecklich war.

im überspannten wissenschaftlichen Diskurs anno 2014. Erschienen ist es im Frühjahr, geschrieben wurde es naturgemäß noch bevor das große Jahr eingeläutet wurde. Und wie war es jetzt wirklich?, haben wir Elena Messner gefragt. »Museen, politische Gruppen, Verlage, Theater und Medien haben ihren politischen Positionen entsprechend agiert, insofern gab es da keine großen Überraschungen«, resümiert sie, die mittlerweile in Marseille lebt. »Das Österreichische Kulturforum und die österreichische Botschaft in Belgrad haben Vorträge dazu organisiert, welche Schuld Habsburg am Ausbruch des Ersten Weltkriegs hatte, die Kriegstreiberei im Rahmen der Julikrise 1914 von damaligen Militärs und Politikern wurden thematisiert. Pa­ rallel dazu wurden aber auf ›inoffizieller‹ Ebene in Medien oder von einzelnen österreichischen Verlagen mit entsprechender Ausrichtung ganz entgegengesetzte Interpretationen der Ereignisse geliefert, die entlastende Funktion hatten. ›Sinn‹ ist ohnehin etwas, das politisch und kulturell mitkonstruiert wird, und insofern, wenn ich polemisch sein darf, dienen solche Gedenkjahre der gesamtgesellschaftlichen Sinnsuche.«

Auch die Edition Atelier hat ein Buch zum Thema herausgebracht, klar. Aber Das lange Echo von Elena Messner ist ein ganz besonderer Beitrag, weil es das Metabuch zum Gedenkjahr ist. Es ist das prophetische Prequel, die vorgeschickte Erinnerung an die Erinnerung. Es behandelt den Krieg, vor al- Die 1983 in Klagenfurt geborene Elena Messner lem aber die Behandlung des Krieges hat in die Vorbereitungen zu dem einen oder ande-

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Thema ren Gedenkprojekt hineingeschnuppert und dabei gerade in Österreich eher eine Verteidigungshaltung als ein reflektiertes Gedenken vorgefunden. Das inspirierte die Literaturwissenschaftlerin, Übersetzerin und Dozentin dazu, für ihren Roman einen Wiener Weltkriegsgedenkkongress zu erfinden, wie er bestimmt genau so irgendwann im Jahr 2014 stattgefunden hat, und an dem sich zwei Historikerinnen über die Interpretation eines Vorfalls aus dem Jahr 1916 streiten. Dabei gelingt es der Autorin, auf nicht einmal 200 Seiten sowohl besagten Vorfall aus dem Kriegsgeschehen als auch die darüber geführte – und über einem Bier beim Stadtheurigen fortgesetzte – Debatte auf den Punkt zu bringen und zu verdichten.

Der altbekannte Slogan des Hauses, »Kriege gehören ins Museum«, lasse zwar auf eine reflektierte Betrachtung österreichischer Militär- und Gewaltgeschichte hoffen, doch sei, so beobachtet die Autorin, das Heeresgeschichtliche Museum mit der neuen Ausstellung »einen armee- und habsburgaffinen Weg« gegangen. »Ausgeblendet werden weiterhin Kriegsverbrechen der Habsburgischen Truppen, die komplizierten Ursachen des Krieges, das Grauen in den Schlachten, das zivile Leben im Krieg, das tägliche Leiden der Soldaten oder die komplizierte Frage des Zusammenhangs von Politik und Gewalt«, kritisiert sie. »Dabei sind Militärmuseen nicht zwangsweise dazu verdammt, armeeaffine Ausstellungen zu produzieren, die unkritisch mit der Militärgeschichte ihres Landes umgehen. Das Eine als Roman getarnte trockene historische Ab- vergleichbare Museum der Bundeswehr in Dresden handlung ist das schon deshalb nicht, weil sowohl hat etwa einen ganz anderen Weg eingeschlagen.« die alte, als auch die neue Geschichte zwar gründlichem Quellenstudium entwachsen, aber rein fiktiv Und das Thema Krieg geht weiter. »Nächstes Jahr sind. Vielmehr zeigt Messners Streitgespräch, von kann man mit vier Anlässen gleich weitermachen: wie vielen Schichten die Beschäftigung mit der Ver- 200 Jahre Wiener Kongress, 70 Jahre Kriegsengangenheit überlagert wird, und wenn es nur eine de, 60 Jahre Staatsvertrag, 20 Jahre EU-Beitritt«, gar gegenwärtige persönliche Antipathie ist, kom- macht Messner nicht gerade Lust auf die nahe Zubiniert mit dem Wunsch, einen stillen Zuhörer zu kunft. »Nicht jedes ›Jubiläum‹ wird von einer breibeeindrucken. Dass sich die Verfasserin dabei un- ten Bevölkerungsschicht und vielen Medien gleigeniert auf die Seite der jungen Assistentin wirft, chermaßen ›angenommen‹ – es bleibt eine Frage die die rückwärtsgewandte Direktorin des Hee- der gesamtgesellschaftlichen Ausverhandlung, ob resgeschichtlichen Museums angreift, stört dabei und wie stark bestimmte historische Ereignisse nicht. Im Gegenteil, es erleichtert den Zugang zur auf Interesse stoßen.« Und was den Ersten Weltanderen Geschichte: zu jener des slawischstämmi- krieg betrifft: Noch bis 2018 wird man sich künstgen Soldaten Milan Nemec, der auf der Seite der lich und künstlerisch exakt hundert Jahre später Habsburger kämpfen musste und dabei angesichts an den Krieg und hoffentlich auch an seine Gräuel skrupelloser Gräuel, wie sie in militärhistorischen erinnern; dieser Krieg ist der Hundertjährige, der Kontexten beim Erinnern gerne vergessen wer- durchs Fenster hereinkletterte und nicht aufhörden, seines Patriotismus verlustig ging. Und ganz te, Faxen zu machen. Gequält wird man sich über am Rande reüssiert der Roman noch auf einer die Grenze zwischen Erinnern, Gedenken und Zeanderen, durchaus überraschenden Nebenfront: lebrieren manövrieren. Zwischendurch darf man »Jemand hat mir gesagt, ich hätte die schönste Lie- getrost den einen oder anderen Fernsehbericht besgeschichte geschrieben, die er je gelesen hat«, auslassen und in Elena Messners fiktives Heute berichtet Elena Messner. eintauchen, das nicht weniger real ist, aber besser geschrieben. ◾ Da die Autorin in Marseille lebt und unterrichtet – übrigens in Vorbereitung eines neuen Romans über diese Stadt –, hat sie 2014 relativ wenig österreichischen Gedenkprunk besucht. Im Heeresgeschichtlichen Museum war sie aber natürlich, und obwohl sie betont, dass das gleichnamige Haus in ihrem Buch nicht mit dem realen Museum identisch sei – »auch wenn weder Figuren noch Räume und Denkweisen völlig frei erfunden sind« –, fühlte sie sich in ihren sarkastischen Prophezeiungen bestätigt. »In diesem Jahr wurden mehrere Millionen für einen Umbau im Museum ausgegeben. Die Fetischisierung der Militärobjekte wurde innenarchitektonisch weitergetrieben, indem man versucht, den Blick auf Elena Messner Das lange Echo die Objekte zu lenken, die wie Reliquien ausgestellt Roman sind. Dieses Konzept ist eine aussagekräftige Ant192 Seiten | 18,95 Euro E-Book: 12,99 Euro wort auf die letzten Zeilen meines Romans.«

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Rückseiten­gespräche Die Autorinnen Eva Schörkhuber und Elena Messner diskutieren während des Schreibens ihrer Romane häufig miteinander – wir haben eines ihrer poetologischen Gespräche aufgezeichnet Wir sitzen an der Küstenstraße in Marseille und schauen uns den Sonnenuntergang an. Wir wollen uns über die Rückseiten unsere Romane Das lange Echo und Quecksilbertage unterhalten, im Hinblick auf Erzähltechniken, Intertexte, Anspielungen – darüber, was Spuren in unseren Texten hinterlassen hat, und Ideen, die uns beim Schreiben geprägt haben. Es geht in unseren Romanen um den Handlungsspielraum von Protagonistinnen, der durch ihre Beschäftigung mit historischen Themen bis in die Gegenwart erweitert werden soll. Im Roman Das lange Echo ist es die Figur der jungen Militärhistorikerin Vida, die in der Gegenwart ihre Dissertation als Familiengeschichte angelegt hat und wegen ihrer kritischen Auseinandersetzung mit dem Ersten Weltkrieg in Konflikt mit ihrer Vorgesetzen Doris, der Direktorin des Heeresgeschichtlichen Museums, gerät. Das, was Vida wissenschaftlich aufarbeitet, wird auf der zweiten Ebene anhand der Figur des Offiziers Milan Nemec aufgerollt, der 1918 im belagerten Belgrad stationiert ist. Im Roman Quecksilbertage ist es die junge Juristin Valerie, die sich in einem suspekten »Institut für die nachhaltige Kommunikation mit der Zivilgesellschaft« von ihren Vorgesetzen ausbeuten lässt, bis sie dieses Institut, ihre Arbeit, aber auch die Geschichte ihres Landes infrage stellt. Der erste Impuls kommt auch

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bei ihr aus dem Arbeitskontext, die Frage nach dem 8. Mai, mit dem sie über »Communiqués« ihres Institutes konfrontiert wird, und schließlich: Was haben die Menschen aus meiner Familie im Zweiten Weltkrieg, der mit dem 8. Mai in Europa beendet wurde, eigentlich gemacht? Valerie beginnt, diese Fragen daran zu knüpfen, was das mit ihrem Leben heute zu tun hat. In beiden Romanen ist Geschriebenes und Gelesenes zentral für die Entwicklung der Figuren und der Handlung. KOMMUNIKATIONSVERSUCHE

M: Ich möchte gerne über deinen Umgang mit den Sprachmasken sprechen, den montierten und bestimmte Verhältnisse oder Diskursführungen ausstellenden Materialien: In den Quecksilbertagen gibt es dieses »Institut für die nachhaltige Kommunikation mit der Zivilgesellschaft«, eine äußerst absurde Institution. S: Das »Institut für die nachhaltige Kommunikation mit der Zivilgesellschaft« ist, finde ich, eine ziemlich realistische Anspielung auf diese ganzen kleinen PR-, Beratungs- und Schießmichtot-Firmen, die in den letzten zehn Jahren aus allen Ecken und Enden geschossen sind und seltsame Trainings


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Interview und Beratungsdienstleistungen anbieten für eine Gesellschaft, in der es immer mehr sogenannte Blasenjobs gibt. Das ist eine Arbeitsgesellschaft – und wir wissen das seit Ende der 1960er-Jahre –, der die Arbeit ausgeht, und das einzige, was als gesellschaftliche Reaktion auf breiter Ebene wirklich wahrnehmbar wird, ist, dass wir unzählige absurde Dienstleistungsjobs produzieren. Diese Art von Arbeitsbeschaffung, das ist einmal das eine. Und das andere ist »die nachhaltige Kommunikation mit der Zivilgesellschaft« – Zivilgesellschaft, das ist schon immer die Frage von Protestmöglichkeiten gegen die bestehende politische Ordnung – und auch das ist ein riesiger Markt geworden. Und dann auch diese Kommunikationstrainings, in denen es vor allem darum geht, wie man sich besser verkaufen kann – das ist alles Bestandteil dieser Blase, die auch eine Blase der Job- und Arbeitsbeschaffung ist in unserer Dienstleistungsgesellschaft. Die Programme dieser Kommunikationstrainings, die dieses Institut in den Quecksilbertagen anbietet, sind alles andere als erfunden – dieser Text, den es da gibt, der ist, so absurd er auch erscheinen mag, montiert aus den Programmen tatsächlich angebotener Trainings … M: Und Valerie wird aktiv, sie tut und verändert etwas, nämlich den Aussendungstext des »Institutes für die nachhaltige Kommunikation mit der Zivilgesellschaft«.

S: Valerie nimmt im Grunde nur ganz kleine Veränderungen vor: Sie liest diese Aussendung Korrektur und beschließt, den Text zu hacken. Sie schreibt ihn aber nicht um, sondern ändert einfach ein wenig die Orthografie, fügt da und dort ein Wort oder ein paar Buchstaben hinzu, wodurch absurde Formulierungen, die in dem Text schon angelegt sind, wirklich sichtbar werden – das zählt zu den Techniken der Kommunikationsguerilla. Es gibt ein Handbuch – das ist übrigens auch eine Art Intertext –, das Handbuch der Kommunikationsguerrilla, in dem werden diese Techniken und Taktiken beschrieben. Das funktioniert so ähnlich wie die Demontage der Sprachmasken, es ist nicht eine auktoriale Instanz, die demontiert, sondern bestimmte und als selbstverständlich betrachtete Kommunikationsstrategien werden gleichsam gehackt, in einen anderen, leicht veränderten Kontext gestellt und dadurch sichtbar gemacht. Auch für die anderen Aktionen in den Quecksilbertagen gibt es jeweils konkrete Vorbilder: Sie wurden zwar etwas überspitzt und sozusagen literarisiert, aber sie basieren alle auf Techniken und Taktiken der Kommunikationsguerilla. Einige Male z. B. kommt etwas vor, das nennt sich Überaffirmation: Da geht es darum, dass bestehende Verhältnisse, die als selbstverständlich hingenommen werden, so weit zugespitzt werden, dass die Pointe bricht, zersplittert und augenfällig wird

dadurch. Ein Beispiel dafür ist die Szene vor dem Haus der Industrie – die von der Arbeit buchstäblich bis auf die Knochen ausgebeuteten Menschen, die anstelle der Bäuche Uhren haben und während ihres Aufmarsches vor sich hinbeten: »Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut«. Dieser Slogan ist natürlich keineswegs erfunden, sondern war vor einigen Jahren ein Slogan der Wirtschaftskammer Österreich. Es gibt auch Verschränkungen von mehrere Taktiken und Techniken – z. B. das »Gras, das über die Sache wächst« zitiert einerseits die Praxis des Guerilla Gardening, andererseits eben auch eine Form der Überaffirmation. STIMMENECHOS

S: Plaudern wir doch über Das lange Echo und beginnen mit dem Titel. Stimmen, die Echos der Stimmen sind titelgebend. Milan Nemec hat die Stimmen im Kopf und wird sie erst in den letzten Atemzügen anderen zu Gehör bringen. Diese Stimmen werden immer lauter, und sie markieren einerseits die Wendepunkte, an denen er sich doch entschließt, zu handeln. Andererseits sind die Stimmen auch die Echos dessen, was vergangen ist. Sie bilden die Echoräume, die Echokammern, in denen Dinge hörbar werden, die verdrängt, vergessen, eigentlich zum Schweigen gebracht hätten werden sollen. Aspekte des Großen Krieges, die keine offiziellen Fürsprechenden haben, die nicht repräsentiert, sondern verschluckt werden von einer gewissen Art von Geschichtsschreibung.

M: Ja, das stimmt. Ich möchte dazu auch etwas Handwerkliches sagen, nämlich wie ich auf die Echos gekommen bin. Sie sind Teil eines Volksglaubens. Es gibt zwei sehr unterschiedliche Versionen von Volksglauben, die in meinem Roman zitiert werden. Das eine ist der Glaube, dass Menschen wiederauferstehen, Untote, die wiederkehren, wenn sich also das Verdrängte wirklich manifestiert und zurückkommt. Die andere Art des Volksglaubens ist, dass Geister und Schattenwesen existieren, die flüstern und Echos produzieren. Beide Vorstellungen habe ich in meinem Roman teilweise gegeneinander ausgespielt. Dass die Echos dominieren, hat damit zu tun, dass sie auf der Handlungsebene optimaler einsetzbar waren, um das Verdrängte und das Verdrängen darzustellen. Beides sind Resultate meiner Beschäftigung mit Volksglauben, speziell im balkanischen Raum. Dass das Echo dann auch noch im Titel gelandet ist, hat den Grund, den du kurz erwähnt hast, dass es alltagssprachlich heute auch so verwendet wird, dass Ereignisse ein Echo haben, im Sinne der Erinnerung daran. Und in den Echos manifestiert sich die zweite große Handlungs- und Verhandlungsebene – das Innere, die private Auswertung von Dingen, die individuelle Erinnerung im Vergleich zu dem offiziellen, öffentlichen Erin-

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nern. Bei mir waren die Echos eine schöne Klam- mich beziehe, ist von deutschen, österreichischen und Schweizer Historikern erarbeitet worden. Die mer, um diese Ebenen zusammenzubringen. Gespräche zwischen Vida und Doris, der jungen S: Ich möchte zwei Dinge nachfragen. Einerseits ist Wissenschaftlerin und der Direktorin des Heeresdas materialisierte Verdrängte ja richtig greifbar – geschichtlichen Museums, basieren sehr stark auf die Vampire oder Untoten können bekämpft und dem, was in zeitgenössischen wehrwissenschaftgefangen werden. Und auf der anderen Seite gibt lichen Texten zu lesen ist. Und auch das, was der es Stimmen, Echos, die sind körperlos und kön- etwas mysteriös bleibende Besucher, mit dem Minen kaum in unserer »rationalen« Welt bekämpft lan Nemec in Belgrad 1918 in Konflikt gerät, sagt, werden, außer mit schweren Psychopharmaka. Die ist diesen heutigen Texten entnommen. Ich hätte es Frage wäre nun: Was ist bedrohlicher? Und zwei- mir noch leichter machen können, wenn ich die datens: Die Echos, die in deinem Roman historische mals zeitgenössischen, heute historischen Quellen Ereignisse begleiten, haben ja ganz konkrete Stim- zitiert hätte, was ich absichtlich vermieden habe. men bekommen, zeitgenössische Stimmen, die den Also: Ich habe die allerdümmsten Dinge nicht zitiert, weil es mir zu plakativ war. Ich habe die im 21. Nachhall, dieses Echo, verhandeln. Jahrhundert verfassten Quellen verwendet, die ein M: Im Hinblick auf die Echos, die körperlos sind, wenig subtiler sind, fast wie gereinigt. Was ich so die ich in Köpfe oder Stimmen der Figuren hinein- auffällig finde: Hinter dieser heutigen Version, die versetzt habe, bleibt bis zum Schluss unklar: Ist es in den aktuellen wehrwissenschaftlichen Auseinnur eine dissoziative Störung, die Milan Nemec hat, andersetzungen hochgehalten wird, versteckt sich weil er so schwer traumatisiert ist von den Kriegs- exakt das Gleiche. Das fand ich besonders spanereignissen, oder hört er Stimmen, die tatsächlich nend, und deswegen habe ich es auch der Figur des existieren. Die Echos, die ich zitiere, das, was sie Besuchers vor hundert Jahren in den Mund gelegt, erzählen, sind historische Quellen. Das ist nichts um zu zeigen, dass es in der heutigen ArgumentatiGeisterhaftes, das ich erfunden habe, das sind Fak- on einiger Historiker und Wehrwissenschaftler die ten, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, schwere gleichen Argumentationslinien gibt. Verstöße gegen das damalige Kriegsrecht, die heute ZWISCHENTÖNE noch zumeist verschwiegene Ermordung von Zivilpersonen durch Habsburger Truppen und die Verhandlung all dieser Dinge in der zeitgenössischen M: In den Quecksilbertagen sehe ich viele KapitelMilitärgeschichte. Weil du die Frage nach dem Be- überschriften wie »Scherenschnitte«, »Fahrraddrohlicheren gestellt hast: Jeder, der sich mit dem klingel«, »Nebelhorn«. Offensichtlich spielen deiThema beschäftigt hat, wird am Ende verstehen, ne Titel mit Wahrnehmungsfragen, in diesem Fall dass das eigentlich Unheimliche viel weniger geis- mit dem Hören. Und dann gibt es so etwas wie die terhaft ist, sondern die Tatsache, dass das Dinge »Glasglocke« – Jemandem, der gerne und viel liest, sind, die Menschen wirklich getan haben, dass das wird dazu einiges einfallen. Unheimlichste nicht in mystischen Sphären eines Volksglaubens zu finden ist, sondern darin, was S: Ja, zunächst einmal sollen die Zwischentitel Geräuschassoziationen hervorrufen: Jedes Kapitel hat Menschen fähig sind zu tun. seinen bestimmten Klang, seine bestimmte KlangS: Was sind das für Materialien, die als Stimmen farbe bekommen, und der Titel ist jeweils ein Ausdruck davon. Es gibt immer wieder Überraschungsund Echos in Milan Nemec’ Kopf gewandert sind? momente, in denen mit Tönen ebenso gespielt wird M: Ich habe lange überlegt, dem Langen Echo eine wie mit Worten oder eben intertextuellen VerweiBibliografie anzuhängen. Ich habe mich aber be- sen. Die »Glasglocke« ist insofern eine heikle Angewusst – auch bei der zweiten Auflage – dagegen legenheit, da der Klang in diesem Kapitel vorderentschieden, weil ich möchte, dass die Lesenden gründig sein soll – also der Ton, der zu hören ist, selber nachforschen. Das ist eine direkte Auffor- wenn gegen Glaswände, die Menschen voneinanderung zur Aktivität der Lesenden, dass sie sich der trennen und einen unmittelbaren Kontakt undenken »Okay, das hat mich dermaßen irritiert, ich terbinden, geschlagen wird. Und in diesem Kapitel möchte wissen, was da tatsächlich passiert ist.« ist dieses Klopfen gegen Glaswände und auch eines Und es ist nicht schwierig, nach der Lektüre kurz gegen Glasaugen. »Glasglocke« ist außerdem ein Zizu recherchieren, was da tatsächlich passiert ist. tat des Titels der deutschen Übersetzung von SylDas heißt, diesen letzten Akt des Vergewisserns, via Plaths The Bell Jar und eine klare intertextuelle den wollte ich beim Publikum lassen. Die Bibliogra- Markierung. Es wird auch ein Bild aus diesem Rofie habe ich natürlich in meinem Computer, und ich man explizit zitiert: Das Bild von dem Feigenbaum, kann jederzeit die Faktenlage offenlegen, sollte je- das bei der Erzählerin das beklemmende Gefühl mand aus politischen Gründen etwas in Zweifel zie- hervorruft, sie könne sich nicht entscheiden – sie hen oder leugnen wollen. Die Faktenlage, auf die ich sitzt in einem Feigenbaum und hat alle schönen,

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Interview verheißungsvollen Möglichkeiten in Form dieser Feigenfrüchte (man beachte den Namen der Frucht) über ihrem Kopf baumeln, sie kann sich aber nicht entscheiden, irgendwohin zu greifen, verzweifelt daran und bleibt daher bewegungslos sitzen. Und das ist ein klares, schon poetisierendes, aber gleichzeitig sehr griffiges Bild für die Depression, an der die Figur bei Sylvia Plath leidet. Die intertextuelle Markierung soll eher eine Spur sein als eine Fährte: Valerie, die Figur in den Quecksilbertagen, hat sonst wenig mit der Erzählerin in The Bell Jar zu tun, gleichzeitig wird in diesem Kapitel der Quecksilbertage aber auch diese Unentschlossenheit verhandelt – sowohl im Hinblick auf Karriere und Beruf als auch im Hinblick auf zwischenmenschliche Beziehungen: Es geht in diesem Kapitel u. a. um eine Liebesbeziehung, die Valerie seit Jahren lebt und die hauptsächlich von Kontaktlosigkeit geprägt ist. So bekommt die Figur der Valerie eine weitere Dimension: Es gibt diese Erzählerin in The Bell Jar, die auf der einen Seite eine freche junge Frau ist, die wirklich interessante und aufmerksame Beobachtungen der Welt anstellt, und die auf der anderen Seite schwer an Depressionen erkrankt. Valerie leidet nicht dezidiert an einer Depression – sie verhandelt schon deswegen mehr mit sich und der Welt. Das ist z. B. eine Dimension, wo ich mich freuen würde, wenn diese Frage auftauchen würde: Kommt sie etwas weiter als die Figur bei Plath? Kann sie mehr handeln und verhandeln? M: Wenn die Valerie ihren Handlungsspielraum erweitert, dann bedient sie sich auch bestimmter musikalischer Artefakte, sie spielt mit Liedern oder erinnert sich an Lieder, die du ja offensichtlich auch eingebaut hast, als Lenkung entweder für sie oder für die Lesenden …

S: Was mir bei den Liedern wichtig ist, sind zwei Dinge. Auf der einen Seite ist es eine weitere sinnliche Dimension der Figur: Es gibt Lieder, die wieder auftauchen in ihren Träumen, die kurz anzitiert werden in Gedankenströmen der Valerie, Lieder also, die sie offenkundig irgendwann einmal gehört hat, die sie vielleicht nicht bewusst abrufen kann, die ihr aber in dem Moment plötzlich wieder in den Kopf springen – wie dieser Satz, den sie in der Straßenbahn gehört hat. Und da werden Ebenen bespielt, die weiter sind als die rationale Ebene. Das ist die eine Funktion der Musik, diese Art von Sinnlichkeit, mit der sich ein bestimmter Rhythmus in den Kopf schraubt, der dann die entsprechende Textzeile evoziert und in die Gedankenströme einfließen lässt. Auf der anderen Seite sind es die Stadtlieder, die mir wichtig sind: Da geht es darum, dass Musik und ein gemeinsames Liedgut wichtige Bestandteile der Repertoires von allen Widerstandsbewegungen sind, die es auf dieser Welt, auf allen Kontinenten immer und immer wieder gegeben hat

und weiterhin gibt. Lieder zu singen auf der Straße, das beansprucht einfach Raum, und die Stadtlieder sind so gedacht, dass sie mit konkreten Räumen, mit konkreten sozialen Phänomenen und Fragen in der Stadt Wien arbeiten. Drei der Stadtlieder sind Umdichtungen von real existierenden Liedern, und die anderen Stadtlieder sind ein Versuch, diese Art und Weise, sich konkret an einem Ort mit bestimmten Architekturen – der Stadt, der Erinnerung, sozialer Umstände – auseinanderzusetzen, ein Versuch also, auch so etwas zu schreiben. M: Mir ist beim Lesen aufgefallen, dass du oft über diese Lieder einerseits in das Innere der Figur zurückgehst, und dass es sie andererseits auch nach außen trägt. Das Nach-außen-Gehen sehe ich auch als einen politisierenden Akt, als einen Akt des Heraustretens, oder ein Bewusstwerden der Umwelt. Dieser, sagen wir, politisierende Aspekt der Lieder, der spiegelt sich, wenn auch weniger stark, ebenso in anderen Materialien, die du eingebaut hast.

S: Beim Schreiben der Figur war mir immer klar, dass Valerie eine Entwicklung macht, dass sie mehrere Schreckensmomente hat, die sie aufrütteln. Es gibt kein Initialmoment, auf das alles zurückgeführt werden kann, das war mir auch sehr wichtig. Schritt für Schritt bemerkt sie, dass ihr Handlungsspielraum entgegen aller Versprechungen und Verheißungen viel kleiner ist und ihr einfach nicht reicht. So eine Entwicklung einer Figur zu schreiben und dabei ausschließlich auf die Figur zu fokussieren bzw. immer nur vorwegzunehmen, wie diese Figur die von außen auf sie zukommenden oder an sie herangetragenen Dinge gelesen haben wird – das habe ich nicht in Betracht gezogen und deshalb viel Material von außen genommen. Und je mehr Material von außen dezidiert und explizit zitiert Eingang gefunden hat in den Text, umso mehr Reibungsfläche und Konfrontationsraum hat es gegeben zwischen dem Material und der Figur. Ein Beispiel dafür sind die Briefe, die sich Valerie und Kathrin geschrieben haben: Valerie war siebenoder achtjährig auf Jugoslawienurlaub und hat dort eine Gleichaltrige aus der DDR kennengelernt. Die beiden haben sich jahrelang geschrieben. Valerie hat sich als Erwachsene daran erinnert, dass es diese Briefe gab. Aber diese Erinnerung ist auch von außen evoziert worden durch einen Satz, den sie in der Straßenbahn gehört hat. Und ihre Erinnerung, das ist die eine Sache, das ist ein kleiner Schritt, um an die Grenzen ihres so eng abgesteckten Handlungsspielraumes zu stoßen. Später wird sie diese Briefe noch einmal lesen. Diese Briefe sind konkretes Material von außen, Archivmaterial, wörtlich übernommen bzw. leicht arrangiert. Ich finde, dass diese Materialien von außen der Figur noch einmal mehr Möglichkeiten geben, irgendwo anzustoßen und anzuecken, sie hat noch nicht alles gefressen

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Figuren in unseren Romanen zu verschränken, auch wenn sie nicht identisch sind – es sind ja verschiedene Romane. Bei mir ist es Doris, eine Freundin der Hauptfigur Valerie, die am Beginn ihres beruflichen »Hocharbeitens« steht, die ein Praktikum im Heeresgeschichtlichen Museum macht, und bei dir eben die Direktorin-des-HeeresgeschichtlichenMuseums-Doris, die sich bereits hochgearbeitet hat. Beide Figuren stellen eine bestimmte Art des M: Abgesehen von den Briefen, gibt es noch ande- Denkens und den Lebensweg einer an die Macht res ähnlich montiertes Material in deinem Roman? strebenden Frau aus. Da gibt es Sätze in unseren Roman, die ganz subtil auf den Roman der anderen S: Da gibt es zum Beispiel noch ein Gespräch, das verweisen. Gut versteckt. Valerie mit ihrem »Onkel«, einem alten Freund der Familie, führt. Die Möglichkeit, über die eigene Fa- M: Stimmt. Das hat mit unseren langen Diskussiomiliengeschichte nachzudenken und schließlich nen zu tun. Solche versteckten Sätze gibt es bei mir ihre Verwandten auch zu befragen, taucht Schritt häufig. Gut versteckt habe ich zum Beispiel einen für Schritt bei Valerie auf. Es gibt Sätze, die wieder- Satz von Ivo Andrić, den ich nicht dezidiert ausgeholt werden und die an mehreren Stellen jeweils wiesen habe, der aber so oft wiederholt wird, dass eigene Kontexte haben, es gibt Fotografien, die eine er dadurch deutlich markiert ist. Es gibt von Andrić Rolle spielen, Gespräche mit ihren Eltern, mit ihrer einen Roman, in dem ein kroatischer Offizier, der Großtante – und gegen Ende beschließt sie dann, im Ersten Weltkrieg in Sarajevo stationiert ist, bei diesen Onkel zu befragen. Die Materialien, die ich einer serbischen Frau einquartiert wird. Diese Situzu Auszügen aus diesem Gespräch montiert habe, ation des Offiziers, der irgendwo einquartiert wird, kommen von langen Gesprächen, die ich vor eini- kommt recht häufig in der Literatur vor, es geht gen Jahren für ein anderes Projekt geführt habe mit darum, handlungstechnisch einen Kontakt des Militärs mit der Zivilbevölkerung zu ermöglichen. Bei einem Menschen, der genau sein Jahrgang ist. Ivo Andrić ist es insofern interessant aufgelöst, als diese serbische Figur unsympathisch ist, da sie eine LEIHGABEN geizige und opportunistische Person ist, die mit den M: Wir haben ja auch einige sehr gut versteckte Zi- Habsburgern sympathisiert. Der kroatische Habstate und Anspielungen in unseren Romanen hinter- burger Offizier ist die entgegengesetzte Figur – er lassen – die besonders gut versteckten Zitate, die erzählt dieser Frau ständig, dass die Habsburger den Krieg verlieren sollen, damit sie endlich ihren sind eine große Verneigung … südslawischen Staat gemeinsam gründen können. S: Was die Intertexte und Zitate in den Quecksilber- Und da gibt es diesen Satz, den der kroatische Oftagen betrifft, haben wir bereits über die Glasglocke fizier an einer Stelle sagt. Diesen Satz habe ich fast gesprochen. Ich habe außerdem in einem Kapitel wortwörtlich übernommen. Durch den häufigen auf der Plot-Ebene mehrere Geschichten hinein- Einsatz soll es den Lesenden überlassen bleiben: montiert, u. a. Der Fall Franza von Ingeborg Bach- Wenn sie sich mit zentralen Texten aus dieser Zeit mann. Das habe ich so zitiert, dass Leute, die das beschäftigen, werden sie auf diesen Satz stoßen, der Romanfragment gelesen haben, das sofort erken- Roman ist ein sehr bekannter Text. Das ist etwas, nen. Dabei geht es um die Art von Gewalt, die einer das ich »gestohlen« habe. Andererseits hat mir MiEhefrau, die für ihren Ehemann, einen berühmten roslav Krleža mehrere Folien geliefert für Das lange Psychiater, arbeitet, angetan wird: Sie tritt nie in Echo. Teilweise sind einige Passagen klassische ReéErscheinung, macht aber all die Arbeit für die Ko- crituren seiner Texte, die er über den Ersten Weltryphäe, ihren Mann. Das ist inhaltlich zitiert im Ver- krieg verfasst hat. Vor allem in der satirischen Darhältnis zu Valerie, die als voll ausgebildete Juristin stellung der Doris kommen viele Dinge vor, die mit ein unbezahltes Praktikum in einer Kanzlei macht, Texten von Krleža spielen. Und es gibt einen ganz die einen dem Fall Franza sehr ähnlichen Fall über- konkreten Text, der wiederum viel mit der jungen nimmt. Dann habe ich Hannas Hintern, eine Kurz- Vida Nemec zu tun hat – eine wichtige Antikriegsgeschichte von dir, an zwei Stellen inhaltlich zitiert. novelle, eine Militär-Groteske, von Krleža: Baracke Und die Doris, die haben wir voneinander geliehen. 5B. Bei der Lektüre dieses Textes ist die Basis-Idee Wir hatten ja eine kurze zeitliche Überschneidung für die Vida mitentstanden. Da geht es um einen junder gemeinsamen Schreibarbeit. In der Zeit haben gen kroatischen Studenten, der für die Habsburger wir uns viel ausgetauscht, wir sind auf Gemeinsam- in den Krieg geschickt wird und lange nicht begreift, keiten bei Gedankengängen oder Figuren unserer was mit ihm passiert, so lange, bis er eben verwunRomane gekommen und haben festgestellt, dass det in dieser Baracke landet, die von einem arroganes einer inneren Logik folgen würde, zwei Doris-­ ten und feigen Militärarzt geleitet wird: Es ist klar, oder geschluckt, assimiliert oder interpretiert, sondern hier eröffnen sich weitere Spannungsfelder. Diese Briefe stammen aus einer Sammlung von Texten, die Kinder im Alter zwischen acht und fünfzehn Jahren kurz vor dem Mauerfall geschrieben haben, das sind Dokumente, Schriftdokumente, Tagebuch-Einträge, Briefe etc., die gesammelt wurden und nun zur Verfügung stehen.

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Interview dass er bald sterben wird, und der Militärarzt repräsentiert die Macht, die ihn in diesem Krieg missbraucht hat. Kurz bevor der Student stirbt, gibt es einen Moment der Auflehnung. Da versteht er, was ihm passiert ist, er hat einen starken Bewusstseinsmoment, er lehnt sich auf und möchte noch etwas tun, stirbt aber. Bei Krleža ist es recht typisch, dass diese Auflehnungsmomente tragisch enden, auch aus den Erfahrungen seiner Zeit heraus. Für Das lange Echo aber wollte ich, dass Vida diesen Auflehnungsmoment länger ausleben kann. Im Endeffekt bleibt es offen, ob ihr Aufbegehren Sinn hat oder nicht. Und diese Verbindung zwischen den beiden habe ich, finde ich, relativ stark markiert, nämlich über den Namen – der Student heißt Vidulić und meine Figur Vida, die Verbindung ist nicht nur, dass es ähnlich klingt, sondern im Serbokroatischen heißt vid die Sicht, Sehen, auch in Verbindung mit Licht, Klarsicht, hin zur Aufklärung und dem Durchblick usw., und das alles ist Vida Nemec sehr stark eingeschrieben. Das sind zwei literarische Leihgaben für die beiden Figuren, Milan Nemec und Vida Nemec. Es gibt noch mehr davon in meinem Roman.

S: Es gibt formal etwas, das ich mir abgeschaut habe, eine Technik: Diese verdichteten Passagen in den Quecksilbertagen, diese Samples, in denen atmosphärisch alle Dinge versammelt werden, die mit bestimmten Farben zu tun haben oder mit der Arbeit der Figur, oder mit ihrer Scham, die sind aus einer der ersten Fassungen hinauskopiert und ganz verdichtet wiedergegegeben. Das habe ich entdeckt als Roman-Technik bei Aleksandar Tišma in Der Gebrauch des Menschen. Das hat für mich beim Lesen dieses Textes so gut funktioniert, dass ich es sehr gerne ausprobieren wollte, einfach um diese Art von atmosphärischer Verdichtung zustande zu bringen. Es ist so, dass, da es in der Erzählung ja weitergeht, diese Verdichtungen auch die Funktion von Vor- und Rückblenden haben, da häufig Dinge vorkommen, die nicht sofort in den laufenden Erzählstrang eingebettet werden können. Durch diese Verdichtungen wird alles in ein etwas anderes Licht getaucht, ohne dass ich auf lange epische Beschreibungen zurückgreifen müsste.

war aber eher recherchemäßig, da ich auch Texte aus dem deutschsprachigen Raum über diese Zeit lesen wollte. Bei Karl Kraus ist es wie bei Krleža, sie haben einen ähnlichen ironischen Tonfall, wenn sie ans Eingemachte gehen, den ich sehr stark und sympathisch finde, und den ich für sehr aufdeckerisch halte. S: Doris hat einen speziellen Tonfall: zunächst einmal in der Art und Weise wie sie spricht, aber auch im Hinblick darauf, was sie sagt. Das ist sehr spezifisch und macht die Figur – ja, richtig scharf, auf mehreren Ebenen. Bei Karl Kraus geht es ja um die »letzten Tage der Menschheit«, diese Satire funktioniert v. a. darüber, dass er Tonfälle so gut trifft und sie ein bisschen übersteigert, im Endeffekt sind es Sprachmasken, die ausgestellt werden. M: Außerdem sind in dem, was Doris sagt, Auszüge, die wortwörtlich übernommen wurden aus den militärhistorischen Texten. Das ist etwas, das ich faszinierend finde: Ich habe es nicht einmal überspitzt, ich habe es nur auseinandermontiert und in einen etwas anderen Kontext gestellt. Kraus hat auch oft nur Material übernommen aus Zeitungen und montiert. So eine ähnliche Taktik wollte ich auch anwenden, weil mein Kernthema ja diese militärhistorische Auseinandersetzung war: Insofern sind es wirklich nur Zitatcollagen, die aber, anders montiert, fast schon surreal wirken, und wo man gar nicht glauben möchte, dass das wirklich jemand so geschrieben hat – im 21. Jahrhundert. NICHT NUR IM EIGENEN KOPF

S: Damit einher geht noch so eine Frage: Wollen wir entschlüsselt werden? Die intertextuellen Verweise auf die Literatur sind ja teilweise hochspeziell, teilweise auch breit gestreut, und also manchen eher zugänglich oder vertraut als anderen.

M: Ich gehe nicht davon aus, dass die Verweise immer erkannt werden. Wovon ich aber ausgehe, ist, dass Wiederholung und unsere gesetzten »Signale« auffallen und irritieren. Im Grunde ist es also egal, ob es ein belesenes Publikum ist, wichtig ist, dass M: Bei mir wäre da vielleicht der satirische Tonfall etwas in Gang gesetzt wird. ◾ zu nennen, der mir bei Krleža so gut gefallen hat, weil er einerseits so eine extreme Distanzierung Elena Messner, geb. 1983 in Klagenfurt, lebt und den Figuren gegenüber aufbaut und die Lesenden arbeitet derzeit als Autorin, Redakteurin, Literaturandererseits so nahe an die Figuren und ihre Kern- kritikerin und Lehrbeauftragte in Marseille. probleme herankommen lässt. Auch im Langen Echo hätte ich es gern, dass der ironische Tonfall Eva Schörkhuber, geb. 1982 in St. Pölten, lebt und näher zu den Figuren hinführt und dabei Dinge zu arbeitet derzeit als Autorin, Dramaturgin, Lehrbesagen erlaubt, die im ersten Moment eben ironisch auftragte, Lektorin und Redakteurin in Wien. klingen mögen, die aber sehr nahe an der Figur sind und genuin zu ihr gehören. Da ist eine Art ständi- Messner und Schörkhuber sind Mitbegründer der ger Inspiration vorhanden, was Krleža betrifft. Und Kulturplattform textfeld südost und veranstalten ich habe Karl Kraus gelesen zu dem Zeitpunkt, das regelmäßig die Wiener Soundspaziergänge.

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Der Abgrund Zwischen dem »Das Wort ist ein Ort.«

Ilir Ferra Aus dem Fluss Prosa (Textlicht-Reihe) 64 Seiten | 7,95 Euro

»Das Wort ist ein Ort.« Leise drang die Stimme zu mir vor, als ich, den Mantel bereits übergeworfen, gerade drauf und dran war, die Österreichische Gesellschaft für Literatur zu verlassen. Ulrike Schmitzer hatte dort aus ihrem neuen Roman Es ist die Schwerkraft, die uns umbringt gelesen. Großartig, fesselnd, aber auch gleich mehrere Ticks zu lange für mich an einem dunklen Jännerabend. Der Müdigkeit geschuldet, beschloss ich, auf den ihr folgenden Ilir Ferra zu verzichten. Zumal der bereits im einleitenden Interview darauf hinwies, dass sich in Aus dem Fluss – dem Buch, um das es hier geht – Texte finden würden, die es nicht in eines seiner bisher publizierten Werke geschafft hatten. Weil? Weit weg von der Perfektion, die er von sich selbst, aber auch das Publikum von einem Autor erwarte. Texte, die »aus dem Fluss« heraus geschrieben werden mussten, mit denen er lange Zeit aber nicht wusste, was tun damit. Grundsympathisch, dachte ich, und im selben Augenblick, dass es vermutlich kein allzu großes Versäumnis sein würde, jetzt zu gehen. Ein Fehler, wie sich herausstellen sollte. Denn eine der größeren Leidenschaften Ferras neben dem Schreiben dürfte offenbar die Tiefstapelei sein. Das Wort ist ein Ort. Mit ganzen fünf Worten hat er mich schon völlig eingefangen, mich sogar inspiriert. AutorInnen, die das zustande bringen, finden sich in der Regel nicht an jeder Straßenecke. Wie es weitergeht mit dem Wort, das ein Ort ist? So: »Dieser Ort steht jedem offen. Jeder kann ihn betreten. Er ist nicht versperrt – nicht abgegrenzt. In diesem Ort findet alles Raum. Dabei bleibt alles sich selbst am nächsten. Das Wort steht jedem nah, noch näher als einer sich selbst. Näher ist nur noch das Bild. Es folgt das Schweigen. Dann das Denken. Aber ohne das Wort existiert auch das Bild nicht.« Das Wort, das ein Ort ist, gehört zur Kurzgeschichte Quadratur des Kreises. Der Band zu den Textlichtern. Das ist jene kleine, feine Buchreihe der Edition Atelier im handlichen Format, die von sich behauptet, sie sei ideal für daheim und unterwegs und liefere Texte, die unter die Haut

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von Alexandra Binder

gehen und im Kopf bleiben. Ich unterschreibe jede einzelne Eigenschaft blind. Alleine die Sache mit dem Unterwegssein ist eine, derer ich in diesem Fall nicht sicher bin. Bei Aus dem Fluss könnte das schwierig werden. Denn wer meint, Ferras Texte ließen sich zwischen Tür und Angel lesen, der irrt. Das tun sie nicht. Wie witzig er auch daherkommt, wenn er etwa in Siebensachen über Plastiksackerl philosophiert, die wie ein Spiegelbild ihres Besitzers wirken, spätestens wenn er bei den Obdachlosen angelangt ist, »die durch ihre eingeschworene Gefolgschaft von Plastiksackerln der Essenz unseres Lebens irritierend nahestehen«, ist sie wieder da: die Nachdenklichkeit, die dem Witz in allen seinen Erzählungen so gefährlich nahe gegenübersteht und die jede einzelne so besonders macht. Und zwar egal, ob er über Verkäuferinnen und deren Verbrechen »mit einer solchen Fresse Menschen zu bedienen« sinniert, dem er ein »Und trotzdem ist und bleibt auch sie eine Insel« folgen lässt. Oder er mir in Über den Ball mit den Worten »Der Ball ist ein Freund, und du sollst ihn nicht verwenden, sondern verstehen« ein schräges Lächeln entlockt, das er zwei Seiten später mit »Für ihn gibt es kein Oben und kein Unten, kein Rechts und kein Links. Er dreht sich, und plötzlich ist das Oben unten und das Rechts ist links, und kein Zustand bleibt auch nur einen Augenblick erhalten« in eine mehr als gelungene Irritation verwandelt, die mich noch Stunden beschäftigt. Zehn solche höchst eigenwillige Geschichten versammelt Ferra in dem 64-seitigen Buch, das sei der Vollständigkeit halber hier noch erwähnt. Und meinetwegen auch, dass Deutsch die Zweitsprache des Autors mit albanischen Wurzeln ist. Was im Prinzip keine Rolle spielt, das Spiel mit den Worten aber noch bemerkenswerter macht. Und bei ihm, dem Wort, schließt sich das Buch auch. Denn das eingangs erwähnte Wort als Ort findet sich in der letzten Geschichte. Wobei glücklicherweise trotzdem kein Ende in Sicht ist; denn zwar überlässt das Wort »als Letzter den Ort dem Tod«, aber: »Das Wort ist beständiger als das Leben selbst.« ◾


Rezensionen Nach Ilir Ferras poetolo­gisch-philosophischem Essayband Aus dem Fluss ist nun sein neuer Roman erschienen. Zwei Nachlesen.

m Spiel und der Sucht Die Bank gewinnt immer E.T.A. Hoffmann schrieb über Pharo, auch Puschkin nahm sich dieses Kartenspiels an, und bei Dostojewski gerät in Der Spieler das Roulette zum sich immer wieder drehenden Mittelpunkt. Es liegen schon viele literarische Bearbeitungen zum Thema Glücksspiel und Spielsucht vor. Der albanische Autor Ilir Ferra reiht sich nun in diese Linie ein und macht in seinem neuen Roman Minus ein Wettbüro zum zentralen Ort der Handlung. Protagonist und Ich-Erzähler ist jedoch kein Kunde, sondern ein angehender Schriftsteller, bei dem es nicht in erster Linie wirtschaftliche Inte­ ressen sind, die ihn in das Wettlokal führen. Er will als Autor »das Leben ergründen« und bewirbt sich auch deshalb für die Stelle als »Einschreiber«. In dieser Funktion nimmt er Wetten entgegen und gibt sie in das Computersystem ein. Schritt für Schritt verlässt er seine Beobachterrolle und wird Teil einer Welt, die zwar oft dem Rand der Gesellschaft zugerechnet wird, deren Existenz aber im alltäglichen Leben in der Stadt durchaus präsent ist. »Cashpoint«, »Admiral«, »Wettpunkt« – Namen wie diese prägen das Stadtbild aller größeren Städte Österreichs. Der Marktführer Admiral (eine Tochterfirma des Novomatic-Konzerns) betreibt allein in Wien 55 Filialen. Die Wettbüros sind – neben den stetig wachsenden Online-Angeboten – jene Orte, an denen das viel diskutierte »kleine Glücksspiel« praktiziert wird. Diese Form des Glücksspiels, das seinen Namen der Möglichkeit äußerst niedriger Einsätze verdankt, weist laut aktuellem Forschungsstand das höchste Sucht- und Gefahrenpotenzial auf. Die meisten Charaktere, von denen man im Roman Minus erfährt, entsprechen genau jenen Menschen, die diesen Umstand zu spüren bekommen. Neben den Spielautomaten sind es vor allem Sportwetten (teilweise auf alte, aufgezeichnete Hunde- und Pferderennen), von denen sie sich nicht abwenden können.

von Sebastian Reiner

»Einer nach dem anderen gingen sie mit der Zukunft ihre Vereinbarungen ein. Ich, Buchmachergehilfe hin, Einschreiber her, war in Wirklichkeit ein Medium. Ich digitalisierte ihren Glauben, damit er in der Datenbank gelagert wurde, wo er auf die Zukunft wartete. Und auch die Männer selbst warteten darauf, denn in dem Augenblick, in dem sie ihre Tickets entgegennahmen, war für sie die Zeit bis zum Beginn des Ereignisses, auf welches sie gesetzt hatten, einfach ausgelöscht. Der Anpfiff eines Spiels, das mich nicht im Geringsten interessierte, erhielt durch die Erinnerung daran, dass es irgendeiner in seinen Kombinationstickets aufgenommen hatte, eine gewisse Feierlichkeit, die schnell verblasste, weil es bei deren Vielzahl unmöglich war, sich diesen kleinen Regungen hinzugeben, bei deren Eintreten bereits die gleichen Zocker erneut vor mir standen, um weitere Tickets zu kaufen. Aber keiner kam mit seinen Zetteln, um nachzufragen, ob er gewonnen hatte oder nicht. Der Versuch, die Zukunft durch eine Mischung aus Ahnung und Erinnerung zu deuten, war gescheitert. Trotzdem musste doch irgendeiner von diesen Männern einmal hoffen, dass bei der Auswertung der Resultate etwas schiefgegangen wäre, dass der Einschreiber vielleicht einen Fehler gemacht oder er selbst die Resultate seiner Wetten nicht richtig gelesen hätte. Irgendetwas, dachte ich, müsste wenigstens einen von ihnen dazu treiben, nachzufragen, ob er verloren habe. Aber keiner fragte. Sie kamen und spielten auf kommende Ereignisse, immer nur in eine Richtung blickend, immer nur damit beschäftigt, Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit zu vermischen.« Mit Minus ist Ilir Ferra ein durchwegs realistischer Roman gelungen. Nichts an der Handlung wirkt beschönigend oder unglaubwürdig. Könnte man es sich leisten, wäre es überaus verlockend, ein paar hundert Stück dieses Buchs zu kaufen und an die Management-Ebene von Novomatic & Co sowie an die mit der Glücksspielindustrie freundschaftlich verbundenen PolitikerInnen zu verschenken. ◾

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Ilir Ferra Minus Roman 448 Seiten | 21,95 Euro


Geistreiches Wundern

von Jana Volkmann

Die Biografie der Schauspielerin, Kabarettistin und Autorin Lina Loos liest sich zunächst wie ein beeindruckend vollständiger Zusammenschnitt dessen, was man mit dem Wien der Jahrhundertwende bis zu den 1920er-Jahren, den berüchtigten »roaring twenties«, verbindet. Die Mutter Kaffeesiederin, die Geschwister kunstschaffend wie sie selbst; sie unternimmt Reisen nach Berlin und New York, lebt am und fürs Theater, wird die Ehefrau von Adolf Loos und enge Vertraute von Egon Friedell und Franz Theodor Czokor und findet schließlich in einem Wiener HeurigenVorort eine Heimat. Lina Loos ist heute auch für ihr politisches Engagement als Pazifistin und Frauenrechtlerin bekannt. Das Buch ohne Titel ist eine reiche Sammlung autobiografischer Erzählungen. Als eine Theaterkritik von Egon Friedell erscheint, macht ein Druckfehler aus dem großen norwegischen Schriftsteller Knut Hamsun einen gewissen Haresu. Ein Fantasiename, der dermaßen ausgedacht klingt, dass er es unmöglich sein kann. Die Gelegenheit ist einfach zu günstig. Friedell spinnt sogleich die ganze Künstlerbiografie zusammen: Haresu, japanischer Dichter, Autor der Lasterhaften Kirschblüte und Philosoph, von Oscar Wilde verehrt, in Westeuropa verkannt. Es dauert, ehe herauskommt, dass es diesen Haresu nicht gibt. Man kann sich Lina Loos’ kindliche Freude über solches Seemannsgarn und die Leichtgläubigkeit der feuilletonistisch gebildeten Leute gut vorstellen. Im Buch ohne Titel sind diese und andere Erinnerungen versammelt und legen Zeugnis über das Leben einer Frau ab, die wissenden Blicks und mit großer Neugier erzählt. Ihr Sinn für Humor lässt bisweilen an Dorothy Parker denken. Was sie jedoch von der amerikanischen Autorin unterscheidet: Lina Loos schreibt nie böse über die Menschen, so skurril und irrsinnig deren Handlungen auch sein mögen. Sie wundert sich, ohne sich je über die kleinen Leute zu erheben – und wundert sich nicht zuletzt über sich selbst. Die Frau, die lange als die schönste in Wien galt, zeigt sich hier ganz frei von Eitelkeit. Ein Buch voll geistreicher Beobachtungen, von unprätentiöser Ehr-

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lichkeit und mit leichter Hand verfasst. Lina Loos verliebt sich gleich beim ersten Besuch in ihre künftige Heimat Sievering, am Rande Wiens gelegen. Es ist auch der Gegensatz zwischen dem Glanz der Künstlerin und Kosmopolitin einerseits und andererseits der Freude am Kleinen und Einfachen, die Lina Loos’ mal tagebuchartige, mal erzählerische Ausführungen so interessant machen. Die vom Herausgeber Adolf Opel verfasste Biografie im Vorwort rückt ab von der koketten Leichtigkeit, die Lina Loos’ Erzählungen ausmacht, und spricht aus, was Loos selbst allenfalls andeutet: die Abgründe dieses an Widersprüchen reichen Lebens, das von zwei Weltkriegen und dem Tod (nicht selten: Freitod) vieler Freunde nicht unberührt bleiben konnte. ◾ Lina Loos Das Buch ohne Titel Erlebte Geschichten Hg. und mit einem Vorwort von Adolf Opel 296 Seiten | 21,95 Euro

Spinnen, bis der Hitler kommt

von Martin Thomas Pesl

Die längst Genesene, die weiter simuliert, damit der Oberarzt sie verhätschelt. Der hypochondrische Schauspieler, der am liebsten in den Mutterleib zurückkriechen würde. Die klatschenden und tratschenden Schwestern und die sich als Götter in Weiß pudelwohl fühlenden Ärzte. Diese liebevoll überspitzten Krankenhausgestalten, die uns heute in mehr oder weniger ernst gemeinten Arztserien unterhalten, hat Dorothea Zemann in ihrem 1959 erschienenen Roman Das Rapportbuch in literarischer Form verknüpft. Unbarmherzig ist ihr Blick auf die unverbesserlichen Egozentriker, bissig beschreibt sie ihr meist selbstverschuldetes Unglück.

Dass die Autorin (1909–1993) auf eigene Erfahrungen aus der Arbeit als Krankenschwester in der Psychiatrie zurückgreifen konnte, trägt sicher auch

zur Lebhaftigkeit ihrer miteinander versponnenen Spinnergeschichten bei. Bevor man diese jedoch schlicht als gelungenes Vorzeit-Scrubs abtun kann, schleicht sich die Zeit ins Bewusstsein. »Die Medizinmänner können dem jungen Menschen die Begegnung mit der eigenen Zeit und ihren Gespenstern nicht ersparen.« Denn der ganze Irrsinn spielt sich in Wien ab, in den Monaten vor dem Anschluss an Hitlerdeutschland im März 1938. Und ist dadurch plötzlich gar nicht mehr so lustig. Plötzlich wird jede Psychose zum Symptom der Verdrängung, jede sorgsam bereitgehaltene Giftspritze eine verständliche Waffe gegen den hereinbrechenden Untergang.

Aber Dorothea Zemann wäre des dämonischen Doderers, ihres damaligen Liebhabers, nicht würdig, wären ihre Giftspritzen nicht auch sprachlicher Natur und somit wahnsinnig witzig. Die Neuauflage des galligen Rapportbuchs im Zeitalter der Neurosen einerseits und des großen Kriegsgedenkens andererseits schafft eine passende Therapie für Nostalgiker. ◾ Dorothea Zeemann Das Rapportbuch

Roman WIENER LITERATUREN, Bd. 6 Hg. von Alexander Kluy 256 Seiten | 21,95 Euro

Der Vor- und Nachgeschmack der Liebe von Bettina Buchbauer

Philipp Weiss, bisher vor allem durch seine Theatertexte und -aufführungen ein Begriff (zuletzt war er Hausautor des Wiener Schauspielhauses und Writer in Residence in Arizona/USA) hat mit Tartaglia einen erstaunlichen ersten Prosaband vorgelegt. In diesem fragmentarischen, sehr lyrischen Text erzählt er von der Liebe und dem Verlust, dem Reisen und dem Zurückbleiben, der Sehnsucht und dem Loslassen. Weiss schafft mit wenigen Worten ein Karussell der Emotionen, das man nicht so schnell verlassen möchte.


Werbung Kurze Passagen und noch kürzere Erlebnisse lassen einen Einblick in die Beziehung der Protagonisten zu. Tartaglia und Herculine begehren einander, so unterschiedlich sie auch sein mögen. Während Herculine ständig alleine durch die Welt reist, auf der Suche nach dem perfekten Foto, sitzt Tartaglia zu Hause an seinem Tisch, philosophiert über die Sinnlosigkeit der Sprache und beheizt den Kamin mit Goethes gesammelten Werken. Als er an Krebs erkrankt, packt er kurzerhand seine Sachen und verschwindet ohne ein Wort des Abschieds. So steht für beide eine schwierige Zeit der Veränderung bevor, die auch mit Tartaglias Totenmaske nicht endet. Philipp Weiss’ frischer Schreibstil lässt die LeserInnen tief in die Gefühle der ProtagonistInnen eintauchen und darin versinken. So löst ihr tragisches Schicksal schnell ein starkes Mitgefühl aus, welches normalerweise erst nach vielen Seiten der Liebgewinnung einer Figur entsteht. Ein Werk, das während des Lesens unerwartet ein Lächeln und eine Träne ins Gesicht zaubert. ◾

Philipp Weiss Tartaglia Prosa (Textlicht-Reihe) 44 Seiten I 7,95 Euro

»Sie starben allesamt von eigener Hand«

von Bettina Buchbauer

Vier Menschen entscheiden sich innerhalb weniger Tage und unabhängig voneinander für den Freitod. Was sie dazu veranlasst hat und welche Auswirkungen dies auf ihre Mitmenschen hat, verarbeitet Andrea Drumbl in ihrem Romandebüt Die Vogelfreiheit unter einer zweiten Sonne, weil die erste scheint zu schön. Der Titel lässt etwas Heiteres erwarten, doch bei näherer Betrachtung bemerkt man die düstere Aura, die dieses Buch umgibt. Mit schaurig-schönen

Formulierungen werden die Gedanken der Figuren und deren Umwelt dargestellt, die den Lesenden »den Wind in den Bäumen mit seinen Totenklagen« beinahe wispern hören lassen. So wird man als LeserIn schnell in die Depressionen und die Einsamkeit der ProtagonistInnen hineinversetzt. Gleich zu Beginn versinkt zum Beispiel Günter hoch oben auf dem Fensterbrett im vierten Stock in der Finsternis der Nacht in seinem Liebeskummer. Dort denkt er über seine Janka nach, bevor er seine letzten Pulsschläge spürt. Wie sehr sein Selbstmord wiederum seine Angebetete aus dem Gleichgewicht bringt, hätte Günter wohl nicht erwartet. Auch Susanas tragisches Schicksal, eine Vergewaltigung, lässt den Weg zu ihrer Entscheidung, der mit schmerzendem Schlaf und aufgebrauchter Tränenflüssigkeit gepflastert ist, mit einem mulmigen Gefühl im Magen verfolgen und schockierenderweise ein wenig nachvollziehen. Andrea Drumbl wagt sich in ihrem beeindruckenden Romandebüt an ein heikles Thema, das realitätsnahe Geschehnisse behandelt, die manchmal gerne unter den Teppich gekehrt werden. Aus diesem Grund gibt es auch einige Schluckmomente in den verschiedenen Geschichten, die manchmal vielleicht ungewollte Gedankengänge hervorrufen. Die lyrische Schreibweise umrahmt das Ganze jedoch sehr gefühlvoll und macht es zu einem außergewöhnlichem Stück Literatur. ◾

Das Standar dwerk über da schönst s e Spiel! Kurier

Andrea Drumbl Die Vogelfreiheit unter einer zweiten Sonne, weil die erste scheint zu schön Roman 112 Seiten | 16,95 Euro E-Book: 9,99 Euro

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Jetzt in neuer & erweiterter Auflage Wolfgang Mayr, Robert Sedlaczek Die Strategie des Tarockspiels 416 Seiten | 24,95 Euro


Koscher in Goa

von Jana Volkmann

Die Reportage gilt im journalistischen Zirkus als besonders artistische Disziplin. Immerhin lässt sie die Grenze zwischen literarischem und faktischem Erzählen mehr als andere Gattungen verschwimmen; sie ist unmittelbar, bildreich und bekennt sich zur Subjektivität. In seinem Vorwort zu der Anthologie mitSprache unterwegs schreibt Ilija Trojanow: »Der Autor ist nur graduell kompetenter als der Leser; er ist vorausgefahren, er hat sich umgesehen, er berichtet den Nachreisenden von seinen Eindrücken, und wenn er ehrlich ist, spielt er sein jüngst erworbenes Wissen nicht gegen den Leser aus, denn er ist nur die Vorhut einer gemeinsamen Unternehmung.« Diese Unternehmung klingt nach einer großen Sache, und eine solche ist auch das Buch geworden. Auf knapp 400 Seiten bringt mitSprache unterwegs neun Autorinnen und Autoren zusammen, die in den Jahren 2009/2010 gereist und mit eindrucksvollen Reportagen zurückgekehrt sind. Sie erzählen von neun Erfahrungen der Fremde. Anna Kim führte das Projekt nach Grönland, in die größtmögliche Ferne. Die Welt, die sie schildert, ist fremdartig und eisig, bisweilen mutet sie irreal an: Die Landschaftsfotos, die den Text begleiten, könnten ebenso gut auf dem Eisplanet aus Krieg der Sterne aufgenommen worden sein. Ihr 2012 erschienener Roman Anatomie einer Nacht spielt erneut in Grönland, diesmal in einer fiktiven Stadt, die von fiktiven Protagonisten bewohnt wird. Peter Rosei hat die Ferne im Nahen gesucht; er sagte von Anfang an: »Die Reise, die ich grundlegend für den Text ausführen müsste, wäre keine weite« – und landete in Ungarn. Lydia Mischkulnig reiste nicht an einen bestimmten Ort, sondern begab sich auf die Suche nach dem Phänomen der Entwurzelung, der Migration und der Entfremdung. Sie fand sie in Irland, in Polen, in Hütteldorf. In Indien und Sri Lanka ist Doron Rabinovici den Spuren gefolgt, die junge israelische AussteigerInnen in ihren neuen Heimatorten hinterlassen – er aß Falafel in Goa und traf auf

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orthodoxe Rabbiner, die dafür sorgen wollten, dass die verlorenen Söhne und Töchter nach Israel zurückkehren. Natürlich sind diese Reiseberichte vielstimmig und sehr heterogen. Trotzdem finden sich Gemeinsamkeiten in den Texten. Als AutorInnen denken die Reisenden immer auch den Prozess des Schreibens mit, es geht immer auch um ein unspezifisches, abstraktes Fernsein. Der geistige Vater dieses ambitionierten Buchprojekts ist Joseph Roth: Die Reportagen sind als Annäherung an den Schriftsteller, den Journalisten und nicht zuletzt den Reisenden gedacht. Roth war und ist dafür bekannt, dass er von Objektivität nicht viel hielt. Das Berichten von einem neutralen Standpunkt aus? Eine Chimäre. Was das bedeutet, lässt sich auch in dem Band Nacht und Hoffnungslichter nachlesen, der Roths Feuilletons und Essays versammelt. ◾ Manfred Müller & Kurt Neumann (Hg.) mitSprache unterwegs Literarische Reportagen 326 Seiten | 24,90 Euro

Theater als literarische Er­ fahrung

von Jana Volkmann

Von Ichprothesen und Ikonen zeigt einen kleinen, aber bestens gewählten Ausschnitt dessen, was junge TheaterautorInnen in Österreich derzeit zu Papier und auf die Bühne bringen. Der Herausgeber Jorghi Poll macht in seinem Vorwort der Anthologie deutlich, dass das Schreiben fürs Theater besonders und damit auch eine besonders große Herausforderung ist, weil es alle »Zeichensysteme« der Inszenierung berücksichtigen und auch die subjektive Erfahrung des Publikums antizipieren muss. Philipp Weiss’ Seifenblasenoper. Eine Kritik der runden Vernunft etwa ist eine bei aller Rasanz perfekt choreografierte Tour de Force, die neben Dante Alighieri und Meister Yoda auch

einige VertreterInnen der Stimme des Volkes zu Wort kommen lässt. Philosophische Anspielungen von Kant bis Sartre machen aus der Seifenblasenoper ein rundes Ganzes. Der Ritt durch die Kulturgeschichte täuscht nicht darüber hinweg, dass Weiss’ Text eine bunte Bestandsaufnahme unserer Zeit und ihrer Phänomene ist: kurz vorm Platzen, dafür mit einer Menge Auftrieb. Claudia Tondls Zyklop – oder eine phantasmagorische Reise zum dunklen Firmament hingegen zeigt einen Pro­ tagonisten im vermeintlich freien Fall, der seiner Depression vielstimmig Ausdruck verleiht und aus den verschiedenartigen Empfindungen, die damit einhergehen, eine mitreißende und bildreiche Dramaturgie entstehen lässt. Izy Kusche – der schon mit seinem Prosaexperiment Kassiber (2013) seine Nähe zu den Mythen der Antike unter Beweis gestellt hat – lässt die Königstochter Alkestis in einem leeren Raum auf eine Schreibmaschine los. Das Alkestis-Theorem übersetzt seine zeitlose Hauptfigur mühelos in die Gegenwart und skizziert sie inmitten der kapitalistischen und patriarchalen Strukturen ihrer Umgebung als Ausgestoßene. Ursula Scheidle schließlich zeigt in ihrem Text Letzter Halt: Plattform 80 eine weitere Grenzerfahrung: Im Allgemeinen Krankenhaus, das hier als Passagenraum zwischen Krankheit und Gesundsein eine suggestive Symbolik innehat, ist der Tod präsenter als das Leben. Scheidle macht anhand der Geschichte des Komapatienten Konrad und der ihn betreuenden Schwester deutlich, wie wenig wir den Tod begreifen. Die vier Texte, die vier AutorInnen, stellen die Vielfalt des zeitgenössischen Theaters dar und zeigen, dass das Theater ein literarisches Medium ist. Vorhang auf für eine lebendige, oftmals erstaunliche Leseerfahrung! ◾ Jorghi Poll (Hg.) Von Ichprothesen und Ikonen. Theatertexte von Izy Kusche, Ursula Scheidle, Claudia Tondl, Philipp Weiss

Anthologie 188 Seiten | 16 Euro

Das Buch kann per E-Mail direkt beim Herausgeber bestellt werden: office@editionatelier.at


Rezensionen

Auf stand In der blauen Morgendämmerung hängt eine Leuchtschrift: »Aufstehen!« Vor den verdutzten Augen der Morgen- und der Spätnachtmenschen verwandelt sich die Schrift. Unzählige leuchtende Punkte wirbeln durcheinander und formieren sich neu. »Aufstand!« schwebt jetzt in der morgenfrischen Luft über dem Höchstädtplatz im 20. Wiener Gemeindebezirk. Die Menschen reiben sich die versandeten Träume und den letzten Schnaps aus den Augen. Was soll das heißen?

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Eva Schörkhuber: Quecksilbertage | Roman | 200 Seiten | 17,95 Euro


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Bellelit. Magazin für Literatur #2  

Das Literaturmagazin der Edition Atelier versammelt Porträts und Interviews mit AutorInnen und HerausgeberInnen, Rezensionen sowie Textauszü...

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