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Kristine von Soden

t u g d n a r t S Warum das Meer blau ist, der Bikini nie baden ging und alle MĂśwen Emma heiĂ&#x;en

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F체r meine Mutter, die mir ihre Liebe zum Strand und Meer vererbt hat und mit 체ber achtzig Jahren von Mai bis September tagt채glich tausend Meter schwimmt.

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Inhalt Vorwort Möwen

Als ob sie alle Emma hießen! Larus ridibundus & Co.

Der Strandkorb

Ein Welterfolg aus Mecklenburg

S. 09 S. 10 S. 14

Wasserfarben

Wenn das Meer eine blaue Blume wäre

S. 18

Im Sturm erobert

S. 25

Die Strandburg Wolken

Wie Schäfchen. Wie Makrelen

S. 28

Die ersten Seebäder

In Gesellschafts-Toilette zur Table d’hote

Wind

Frische Brisen und schäumende Gischt

Die erste Sonnencreme Als Bräune in Mode kam

Hummer, Krebse, Krabben Fein in Schale

Frei-Körper-Kultur Zur Sonne! Zur Freiheit!

S. 32 S. 36 S. 40 S. 44 S. 48

Meeressalz

Frisch „gepflückt“ aus den Salzgärten auf den Tisch

Bademode

Vom Badekostüm zum Strandbikini

S. 52 S. 56

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Quallen

Tanz der Medusen

S. 62

„Malhühner“ und „Hüppers“ Neue Frauen erobern den Strand

Ebbe und Flut Der Atem des Meeres

S. 66 S. 70

Sehnsucht nach Italien „Bella, bella, bella Marie...“

Muschelschalen und Schneckenhäuser Meeresgeschenke

Inselgefühle

Vom Pfeifen auf die so genannte Welt

Frischer Fisch...

...gefischt von Frischers Fritz

S. 74 S. 80 S. 84 S. 88

Dünen

Wunderwelten – vom Winde angeweht

Strandgut

Verborgene Geschichten

S. 92 S. 96

Meeresleuchten Feststimmung am Strand

S. 102

Sand

Auf jedes einzelne Körnchen kommt es an

Seestücke

Aus meinem Strandtagebuch

S. 106 S. 110

Literatur Bilder und Fotos Biografie

S. 114 S. 117 S. 118

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Vorwort

Strandgut? Das sind Dinge, vom Meer gebleicht, von Sandkörnern und Salzluft geschliffen, die keinem gehören – ein Schuh, ein verrosteter Kronkorken oder von Algen umgarntes morsches Holz, ein Fetzen Zeitung, ein gesprungener Kosmetikspiegel oder wie Perlmutt glänzende Austernschalen. „Jedem Stück – ich bin erst nach und nach darauf gekommen - ist etwas abzuhorchen, abzusehen, jedes, auch das unscheinbarste, alltäglichste ist bereit, etwas zu erzählen und damit preiszugeben, und zwar nicht nur von seewindumzauster Reise, sondern auch von zäher Wanderung über den Grund“, schreibt der leidenschaftliche Strandwanderer Siegfried Lenz. Eine Strandgut-Sammlung der ganz persönlichen Art präsentiert dieses Buch. Jedes der 24 Kapitel widmet sich einem ausgewählten „Angespül“, so die schöne Bezeichnung aus der Blütezeit der Seebäder um 1900. So lauschen wir mit einem Ohr, was Wasserfarben, Wind und Wolken erzählen, spüren wir dem Meeresleuchten nach und lassen uns von der Schönheit der Meerespflanzen betören. Mit dem anderen Ohr hören wir Geschichten zu: von der Erfindung der Sonnencreme, Bikini und FKK über das „weiße Gold“ des Meeres, Fleur de Sel, bis zur Italiensehnsucht in den Wirtschaftswunderjahren. Letztere nutzten Werbestrategen noch lange danach frei nach Belieben für ihre Zwecke, indem vom „Capri der Ostsee“ für Hiddensee oder „Capri des Nordens“ für Sylt die Rede war, was wir hier aber nicht weiter vertiefen wollen. Alle Kapitel sind von unterschiedlichen Meeresstimmungen geprägt – heiteren und ernsten, humorigen und nachdenklichen. Und viele Fragen wie etwa jene, warum es glücklich macht, barfuß im Sand zu laufen, weiten den eigenen Blick zum Horizont. Strandgut lädt dazu ein, für Momente innezuhalten und unsere Phantasie zu beflügeln. In diesem Sinne – viel Spaß bei der Lektüre!

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Möwen

! n e ß ie h a m m E e ll a ie s b Als o Larus ridibundus & Co.

Die Möwen sehen alle aus, als ob sie Emma hießen. Sie tragen einen weißen Flaus und sind mit Schrot zu schießen. Christian Morgenstern – natürlich! Das Möwenlied des Galgenhumoristen ertönt in allen Anthologien, die sich mit Seelyrik beschäftigen und zwischen düsteren Wogen, Schiffbruch, Sturmgeheul und Seemannsabschied nach heiteren Intervallen dürsten. Auf der Insel Föhr wollte der Nonsens-Dichter begraben sein, auf dem Friedhof des Friesendomes zu Nieblum. Über dem Gottesacker, einem der schönsten in Nordfriesland, ziehen Möwen im Gleitflug ihre Kreise, pausieren auf Backsteinsimsen und hinterlassen auf den mit Katzenkopfsteinen und Meereskieseln gepflasterten Dorfstraßen gern weiße Kleckse. Singen? Das tun Möwen nicht! Die intelligenten Vögel kreischen, stoßen Laute aus, die sich wie Lachen, Krächzen, Weinen, Klagen, Trauern, Jaulen anhören. Kann man sich heute alles als Klingelton kaufen und aufs Handy runterladen. Bildend wirkt das indes selten. Viele Menschen haben keine Ahnung, ob eine Möwe oder eine Taube in ihrer Dachrinne sitzt. Seit einer ganzen Weile schon lungern die Seevögel abseits der Meere und Strände scharenweise auch in den Städten herum, mit steigender Tendenz. Mülldeponien und Mülleimer sind die Tafeln der Allesfresser. Aber auch auf die Straße geworfene Reste von Pizza, Pausenbrot und Pommes Frites. Fragt sich, was zuerst da gewesen ist: die Henne oder das Ei? Aber das ist nun wieder ein gänzlich anderes Federvieh, welches man zudem fast gar nicht mehr zu Gesicht kriegt. Es sei denn, man schleicht sich in jene romantischen Batterien, wo die Sonne eine Schaltuhr ist, die morgens für die Hühnerschar Licht anknipst und abends wieder ausknipst. Möwen blieb ein solches Schicksal bislang erspart. Trotzdem hat es die Menschheit auch auf ihre Eier schon immer abgesehen. Der Einfachheit halber wurden sie schlicht aus den Nestern geraubt. Na und? So mochte auch der Opernkomponist und Mitbegründer

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der Salzburger Festspiele Richard Strauss gedacht haben, als er sich auf Sylt zum Frühstück an Möweneiern mit frischer Butter, Sellerie und Brunnenkresse labte und anschließend wohlig auf den Bauch klopfte: „Ein Stück sonniger Ferienmorgen!“ Bis in die Wirtschaftswunderjahre hinein wurden die olivgrünen, braun gepunkteten Gelege zum Beispiel von der Möwenkolonie vor den Toren Schleswigs, dem berühmten Möwenberg, eimerweise „gesammelt“ und bis in die USA exportiert. Und bis 1989 führten Fresstempel aller Art, KaDeWe und Alsterhaus, Möweneier in ihrem Exklusivangebot. Dabei handelte es sich vor allem um die Legeprodukte der schönen Lachmöwe, Larus ridibundus. Sie heißt so, weil sie in Lachen, also Stillgewässern und Watten, ihre Brutplätze hat. Im Sommer erkennt man die bloß 360 Gramm wiegenden flinken Flieger an ihrer schwarzen Haube auf dem Kopf. Im Winter setzen die Lachmöwen ihre Haube ab, zeigen Sie ihren weißen Kopf. Umweltbehörden schoben seinerzeit einen Riegel vor das Möweneier-Geschäft. Nicht zum Schutz der Tiere, nein! Die Eier wiesen alarmierende Belastungen mit Quecksilber und Pestizidrückständen auf. Das verdarb nachhaltig den Appetit. Inzwischen hat sich der Wind wieder gedreht.

Ich schieße keine Möwe tot, ich lass sie lieber leben und füttre sie mit Roggenbrot und rötlichen Zibeben. Der gute Morgenstern bekäme heute ziemliche Probleme, würde er am Strand sein Roggenbrot aus der Tasche holen. Möwen füttern ist nicht mehr angesagt. Auch nicht auf Seebrücken und Strandpromenaden. Auf Fährschiffen ist es oft sogar untersagt. Denn leidvolle Erfahrungen haben gezeigt, dass man die „Raben der Meere“, wie Tiervater Brehm die anpassungsfähigen schlauen Seevögel betitelte, nicht wieder los wird, sie sich gar in Plagegeister verwandeln, lockt man sie erst einmal an. Doch woher, bitte, sollen die Möwen wissen, ob sie genehm sind oder nicht? Für Schnappschüsse wirft ihnen fast jeder Küstengast Brotstücke zu, möglichst hoch in die Luft, um die Flugkünste optimal vor die Linse zu bekommen. Stibitzen sich die Möwen hingegen ohne Fototermin Brötchen oder Äpfel (gern schon geviertelt) oder Kekse aus dem Strandkorb, werden sie meist unsanft verscheucht. So sauste schon manch volle Wasserplastikflasche wie ein Geschoss Richtung Möwe über den Strand. Und Kinder drohen gern mit Sandschaufeln in der Hand. Klar, Möwen sind frech. Doch stillen sie ihren Hunger immer noch am liebsten mit Krebsen, Garnelen, Würmern, Insekten, Fisch. Und löschen ihren Durst am liebsten mit Meereswasser. Nicht mit Cola oder Sekt.

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Um die fünfundfünfzig Möwenarten bevölkern die Meeresstrände der Welt. Das hat schon der schwedische Naturforscher Carl von Linné in seiner Enzyklopädie Systema Naturae (1735) dargestellt. Möwen zu bestimmen, ist jedoch nicht immer leicht, allein schon wegen ihrer wechselnden Garderobe zur Sommer- und zur Winterzeit und ihren Kleidervorschriften für Jung und Alt. Früher, als die Steuermannskunst noch wunderbar ohne GPS auskam, navigierten Möwen Seeleute und Kapitäne zur Küste, schrieen sie im Chor, wo das Festland, wo der Hafen liegt. In einer Herzenssache wurde 1954 eine namenlose Möwe berühmt. Hans Albers hatte sie auf den Weg geschickt, bis heute ist sie unterwegs: „Kleine Möwe, flieg nach Helgoland // Bring dem Mädel, das ich liebe einen Kuss // Ich bin einsam und verlassen // Und ich sehne mich nach ihrem Kuss.“ Ein Fischkutter wird erst zum Fischkutter durch den aufgeregt lärmenden Schwarm der Heringsmöwen, Larus fuscus, mit ihren schiefergrauen Flügeln – „kjo kjo – jojo“! Jede Sturmmöwe, Larus canus, die an der Spitze einer langen Buhnenreihe wacht, schenkt dem Seebild einen malerischen Kontrapunkt – „kiah“! Mantelwöwen, Larus marinus, beeindrucken mit ihrer Flügelspannweite von einhundertsiebzig Zentimetern – „ga ga“. Und die Silbermöwe, Larus argentatus, sie kann dreißig Jahre alt werden und wiegt so viel wie eine Ente, verleiht jeder Insel und jedem Strand majestätischen Glanz - „kiu - „ka“! Im Namen der Möwe buhlen Strandhotels Feriengäste, laden Dampfer zu Inseltouren zum Sonnenbaden oder Abrubbeln. Früher „v“ geschrieben. Das passte besser zu ihrer

O Mensch, du wirst nie nebenbei der Möwe Flug erreichen. Wofern du Emma heißest, sei zufrieden, ihr zu gleichen.

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und Strandpensionen um ein und Frotteebadetücher wurde die Möwe mit Anmut und Eleganz.


b r o k d n a r St Der

rg bu en kl ec M us a g ol rf te el W in E „Loge, erste Reihe!“ orderte mein Vater immer für unseren Strandkorb, also nah am Wasser, ohne andere Strandkörbe vor der Nase, immer mit denselben Nachbarn, immer in den großen Ferien herrliche vier Wochen lang am Timmendorfer Strand, immer bei „Opa Brandt“ − sein Strandkorbareal lag gleich am Anfang des damals noch kleinen eleganten Ostseebades an der Grenze zu Niendorf, von wo aus der berühmte Wanderweg zum Brodtener Steilufer Richtung Travemünde führt. „Hier fühlt man es ganz: das Meer“, begeisterte sich der Publizist Willy Haas, ein enger Freund von Franz Kafka und Franz Werfel. Bei mir haben sich eher die üppigen Stücke der Lübecker Marzipantorte eingeprägt, die wir nach unserem Marsch zum Steilufer, in allen Ostseeferien ein Muss, im Ausflugslokal Hermannshöhe zur Belohnung bestellen durften. Doll eingerichtet war es nicht. Aber ein prominenter Ort wegen des grandiosen Panoramablicks. Sogar Soraya hatte sich im Gästebuch verewigt! Der eigentümliche Name Hermannshöhe geht auf den 1890 zum Travemünder Ehrenbürger gekürten Konsul Hermann Fehling zurück, der sich gern auf dem zwanzig Meter hohen Kliffplateau, seiner geliebten „Höhe“, aufhielt. Wir saßen meistens im großen Kaffeegarten, um den Schiffen zuzugucken, wie sie aus der Travemündung majestätisch auf die offene See glitten. „Drüben“ lag Mecklenburg – die schöne alte Ostseeküste. Dort, in Rostock, wurde der Strandkorb einst erfunden. Von Korbmacher Wilhelm Bartelmann. Oft hat mein Vater die Geschichte erzählt. Denn er kannte das Korbmachergeschäft von seinen vielen Fotoreisen, die er als junger Mann von Wismar bis Usedom mit seiner Leica im Gepäck unternahm. Und in Warnemünde, dem Seebad vor den Toren Rostocks, saß er selbst mit Strandhose und weißer Schirmmütze in einem Bartelmann-Strandkorb! Davon zeugen fidele Gruppenfotos in symmetrischer Anordnung, wie man sie seinerzeit gern zum Andenken geschossen hat. Dass das deutsche Seemöbel ein Welterfolg würde, konnte Wilhelm Bartelmann, der aus einer Lübecker Korbmacherfamilie stammte, selbst aber in Hamburg geboren wurde und 1870 an die Warnow zog, nicht ahnen. Außerdem ging ihm jeder Ehrgeiz ab, groß raus zu kommen. Er verstand sich als Handwerker und Tüftler, nicht als Fabrikant. Fand vermutlich darum auch nicht wichtig, sich seine Flechtwerkidee patentieren zu lassen, woraufhin andere das Geschäft mit dem Strandkorb machten. Und so fing alles an, wie man einschlägigen Chroniken entnehmen kann: Seite 15


Ein schmales, schon etwas gealtertes Fräulein von Maltzahn suchte eines frischen Frühlingstages 1882 Bartelmanns Korbmacherei auf und bat um die Anfertigung einer Sitzgelegenheit für den Strand als Schutz vor Sonne und Wind. Die Dame litt an Rheuma, es fröstelte sie auch leicht, zudem fürchtete sie, ihre Blässe durch zudringliche UV-Strahlen zu verlieren. Bräune hatte einen proletarischen Touch, war höchst unfein, verriet körperliche Arbeit im Freien. Wilhelm Bartelmann nahm den Auftrag der Kundin an. Und überreichte ihr nach ein paar Tagen einen meisterlich geflochtenen „Strand-Stuhl“. Spott folgte von Neidern. Ein Sitzkorb am Strand! Wie kann man nur! Die Ostseegäste hingegen jubelten. War es doch wenig bequem, von Entspannung ganz zu schweigen, in Gründerzeitkledage dem Müßiggang zu frönen – die Damen in knöchellangen Kleidern, zugeknöpft bis zum Hals, die Herren in Anzug mit Fliege und Weste geklemmt. Sehen und Gesehenwerden am Strand bot Bartelmanns Einsitzer unübertroffene Qualität. In Hollywood tauchte das Modell 1959 in der Filmkomödie Some like it hot am Strand von Del Coronado auf, inszeniert von Regisseur Billy Wilder. Der gebürtige Österreicher, im Berlin der Goldenen Zwanziger zum gefragten Drehbuchautor avanciert, war 1932 zur Sommerfrische nach Hiddensee gereist. Und wenn auch am Strand inzwischen längst der Zweisitzer dominierte, so hatte Billy Wilder für Marilyn Monroe, Tony Curtis und Jack Lemmon alias „Sugar“, „Joe“ und „Jerry“ den originellen Einsitzer als Requisite ausgewählt. In der Aufbruchstimmung der Moderne, die mit lautem Trara eine aktive Freizeitgestaltung verlangte, entwarf Wilhelm Bartelmann 1883, also kurz nach seiner Premiere, den Strandkorb, wie wir ihn heute kennen, nur dass sich die Rückwand noch nicht nach hinten kippen ließ. Im selben Jahr eröffnete Gattin Elisabeth die erste Strandkorb-Vermietung „weltweit“, wie allenthalben unterstrichen wird! Wo? In Toplage am Warnemünder Strand. Die Rechnung ging auf, kurbelte die Nachfrage an. Führte indes auch dazu, dass Bartelmann Konkurrenz bekam, darunter von Gesellen, die sich selbständig gemacht hatten. Spätestens 1888, als Kaiser Wilhelm II. im Rahmen seiner „Nordlandfahrten“ im noblen Seebad Swinemünde abstieg sowie in der Tradition seiner monarchischen preußischen Vorfahren in Heringsdorf, brach ein regelrechter Strandkorb-Boom aus. Für beste Werbung sorgte der Hohenzollern-Nachwuchs. Ganze Ansichtskartenserien mit den Prinzenknirpsen, vergnügt im Strandkorb albernd, boten Strandläden zum Verkauf. Bis zum Ende der Kaiserzeit hatte der Strandkorb das Badeleben an allen deutschen Küsten von Pommern bis nach Norderney revolutioniert –

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und schon damals wurde die Mecklenburger Erfindung in die Niederlande und nach Dänemark exportiert, auch nach Frankreich, Spanien und Großbritannien, in Einzelfällen sogar nach Florida. Denn wie angelte man sich am besten einen Millionär? Genau, im Strandkorb flirtend mit super Figur. 1929 ließ sich Thomas Mann aus seiner Heimatstadt Lübeck ein Exemplar des „eigentümlich bergenden Sitzhäuschens“ nach Nidden anliefern, wo sein blau gestrichenes Sommerdomizil gerade bezugsfertig geworden war. An der Kurische Nehrung mit ihren Wanderdünen urlaubte man bis dahin ausschließlich im Sand. „Nur wir haben einen Strandkorb“, verkündete der Literaturnobelpreisträger stolz. Hingegen zierte die geflochtene Oase um jene Zeit bereits das legendäre „Strandbad Wannsee“ in Berlin. Zum Sonnenbaden und Umkleiden, Schmökern, Schlummern, Knutschen wurde der Strandkorb immer perfekter ausstaffiert: mit einer Leine an der Rückwand für Badelaken, Klapptischen an beiden Seiten für Thermoskanne und Brotdose, Haken für Hemden und Handtücher, ausziehbaren Fußstützen, Innentaschen für Sonnenbrille, Ehering und Portemonnaie. Dazu ein Gitter mit Vorhängeschloss, damit nach Verlassen des Strandes bloß kein Fremder das temporäre Eigenheim benutzt. Strandkörbe für Balkon, Garten und Terrasse punkten heute mit Sitzheizung, DVD-Player, Kühlbox, Leselampen und sonstigem Klimbim, lieferbar im XXL- oder XS-Format für Kinder, Hunde, Puppen. Von der Schlei über den Ruhrpott und Sachsen bis in die Berge Tirols wurde das Seemöbel zum Massenphänomen. Schottenkaros und Blumen im Landhaus-Look schmücken seine Sitzpolster und Nackenrollen. Hellblau, kirschrot, dunkelgrün oder wolkenweiß wie samt und sonders auf Sylt präsentiert sich das Kunststoffgeflecht. Früher leuchtete am Strand nur das helle warme Braun des Weidengeflechts. Neuerdings ist es wieder im Kommen. Kombiniert mit gelb-weiß gestreiftem Markisenstoff ein nostalgischer Sommertraum. Fehlt nur noch der frisch aufgebrühte Bohnenkaffee und selbst gebackene Bienenstich vom Strandkiosk neben „Opa Brandt“ am Timmendorfer Strand. Beides wurde damals auf Wunsch zum Strandkorb gebracht. Umsummt von zuckersüchtigen Wespen auf Hotelsilbertabletts. Zum Schluss sei noch eine Formsache angemerkt. Experten unterscheiden den eher „kantigen“ Nordseestrandkorb vom „kurvigen“ Ostseestrandkorb. Und in der Tat gibt es waagerechte und geschwungene Seitenteile sowie gerade und rundliche Hauben. Daraus folgt allerdings nicht, dass die eine Form ausschließlich an der rauen Nordsee und die andere an der milden Ostsee zu finden ist. Beide sind hier wie dort. Und zeigen gern Flagge, woher ihre Insassen kommen. Ahoi!

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n e b r a f r Wasse Wenn das Meer wäre eine blaue Blume

„Blau ist ein seltsam anderes Etwas“, schreibt der Gartenphilosoph und Meeresreisende Karl Foerster, „Blau ist eine Welt, die kein Mensch überschauen kann“ - Himmelsbläue, Meeresbläue, weißer Sand, weißer Strand. Der berühmte Staudenzüchter aus Potsdam hatte viel von der Welt gesehen, bereiste schon als Kind mit seinen Eltern Italien, war am Golf von Venedig, auf Korsika. Die Riviera von Genua über Santa Margherita nach Livorno, von wo aus das Schiff auf die Felseninsel ablegte, liebte er, sie war für ihn eine der schönsten Küsten Italiens. Auf der Schattenseite des Schiffes lag das Meer in einer „schaumgeschmückten Bläue“, in der Ferne tauchte das „mystische Spiel der Delphine“ auf. Sie schnellten aus dem Meer, spannten ihre „gläsernen Flügel“, bewegten sich in „zauberischem Fluge über die Wasserfläche“ und tauchten wieder ab. Nach sechs Stunden Fahrt zeigten sich am Horizont die Umrisse von Korsika in „blauweißem blendenden Himmelsglanz“. Himmel und Meer teilen sich überall eine Bühne. Wenn Karl Foerster über den Himmel schreibt, schreibt er zugleich auch über das Meer. Und umgekehrt. Auf ähnliche Weise bannen Maler Wellen und Wolken auf ihre Leinwand, fließen die Farbbewegungen ihrer Pinselstriche ineinander, dass man Himmel und Meer kaum unterscheiden kann. Beeindruckend immer wieder Gerhard Richters Seestück (1970). Das zwei mal zwei Meter große blaue Gemälde, welches in der Nationalgalerie Berlin hängt, wirkt wie eine Spiegelung, dreht man es um, wird das Meer zum Himmel, vielleicht heißt es darum im Zusatztitel „See-See“. Blau – Farbe der Sehnsucht, Farbe der Stille. „Blaues Schweigen, Brandungsgetön“ erlebte Karl Foerster an der Ostsee. Auch dorthin fuhr er schon mit seinen Eltern, aber nicht nach Usedom, der viel zitierten „Badewanne Berlins“, sondern in die Nähe von Boltenhagen, wo die Grafenfamilie von Bothmer bereits 1803 die ersten Badekarren aufstellen ließ. Jeden Tag roch der Strand anders, war das Meer ein anderes. „Je glatter die See, desto stürmischer wechseln die Farben, je stürmischer, desto eherner werden sie, wie auf nachgedunkelten alten Gemälden“, schwärmt Karl Foerster in einem Meeresbrief. Und woher kommen die Farben? Warum ändern sie sich? Diese Frage beschäftigte schon den englischen Seefahrer William Scorseby. Zwischen 1817 und 1818 durchquerte

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er mehrmals das arktische Meer, erforschte er die Ostküste Grönlands. Dabei fiel ihm auf, dass sich das Wasser innerhalb weniger Meilen von blassgrün über olivegrün bis hellblau färbt, die See aber eigentlich farblos wie Quellwasser ist. Als wichtigsten Grund nannte er verschiedenfarbigen Sand auf dem Meeresboden, was beispielsweise zu den Namen Weißes Meer und Schwarzes Meer geführt hat. Und das Rote Meer? Hier sind die Farbkünstler Blaualgen, deren rote Blüten sich wie riesige Teppiche über die Wasseroberfläche rollen. Andere Erklärungen gehen auf die Zeit des Altpersischen Reichs zurück, als die Himmelsrichtungen durch Farben gekennzeichnet waren, der Süden mit Rot. So kam es, dass man die Meerenge zwischen Nordost-Afrika und der arabischen Halbinsel Rotes Meer getauft hat. Es gibt auch die Meinung, dass das Eisenoxyd der Sandsteinfelsen die rötliche Wasserfärbung verursacht. Auf alten Seekarten ist das Rote Meer rot koloriert. Mit Traumbildern rot glühender Sonnenuntergänge am Meer wirbt die Touristikbranche gern. Nicht verkehrt. Lehrt doch die Wissenschaft, dass Sonnenstrahlen die Hauptrolle bei der Entstehung der Farben im Meer spielen. Treffen diese auf „optisch wirksame Wasserinhaltsstoffe“, so der Fachausdruck, öffnet sich der Vorhang, kann das Schauspiel beginnen! Schon geringste Konzentrationen pflanzlichen Planktons etwa bewirken im offenen Ozean, dass sich Blau in viele Töne auffächert. Mitunter auch wird das Wasser milchig türkis. Das geschieht bei Algen mit einem Kalkskelett, weil dieses das Sonnenlicht besonders stark reflektiert. Im Kattegatt und Skagerrak und auch in der Nordsee treten solche Farbszenen auf, wie das Leibnitz-Institut für Ostseeforschung in Warnemünde herausfand. Glitzerndes glasklares Türkis kennen wir aus der Karibik, der Ägäis oder aus tropischen Meeren. 2010 wurde Türkis, Inbegriff für Sommer, Sonne, Sekt und gute Laune, zur Farbe des Jahres gekürt. Der Name rührt vom Edelstein „Turquoise“ her, jenem blaugrünen Mineral, das Sonnenbrand auf der Haut lindert, im alten Ägypten ein Symbol für Weisheit war und vielen Indianerstämmen als Stein des Wassers und des Himmels galt. Doch unsere Antwortsammlung auf die Frage, woher die Farben im Meereswasser kommen und warum sie sich verwandeln, bietet noch mehr. Experten benutzen das Wort “Verfälschungen“, wenn sie von Substanzen auf der Wasseroberfläche sprechen, die unsere Farbwahrnehmung beeinflussen. Das ist zum Beispiel bei Schaumkronen der Fall. Sie täuschen Färbungen des Wassers nur vor. Das Gleiche geschieht durch Steine oder Muscheln auf dem Meeresgrund sowie durch Sand, wie William Scorseby ganz richtig beobachtet hat. Und natürlich durch das Wetter! Nebel schafft einen eher grauen, bleiernen Meerestyp, gleißende Hitze einen hellen, heiteren.

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Sturm wühlt das Meer auf, Windstille lässt es ruhig und gleichmäßig atmen. Kein Wunder, wenn das Meer mit der menschlichen Seele verglichen wird. Als Heinrich Heine 1826 auf der ostfriesischen Insel Norderney weilte, war ihm gar zumute, als sei das Meer seine Seele selbst. „Und wie es im Meere verborgene Wasserpflanzen gibt, die nur im Augenblick des Aufblühens an dessen Oberfläche herauf schwimmen und im Augenblick des Verblühens wieder hinabtauchen: So kommen zuweilen auch wunderbare Blumenbilder herauf geschwommen aus der Tiefe meiner Seele und duften und leuchten und verschwinden wieder.“ Wer hätte gedacht, dass physikalische Ozeanographie so poetisch sein kann! Die intensivste Wasserfarbe ist Ultramarinblau. Sie findet sich in den Tiefen der Meere, wird gesagt. Dort fühlen sich die Sternzeichen Wassermann und Fische wohl. Das wie ein Ozeanlied klingende „Oltramarino“ wählten die Italiener im 16. Jahrhundert für jenes Blau, welches aus dem Lapizlazuli gewonnen wird. Der Name bedeutet „jenseits der Meere“. Denn der kostbare Edelstein kam von weither, aus dem Hindukusch und aus Persien. Lapizlazuli enthält winzige Einschlüsse von „Katzengold“. Die Steine erscheinen daher wie ein mit Sternen besticktes Himmelszelt. Vom Wasser werden alle Farben verschluckt, zuerst Rot, dann Gelb, zuletzt Grün – nur Blau bleibt. Über die Buntheit der Meere dichtete Paul Verlaine: „Und unter Himmeln, schau, // Die in ihm aufblühn, // Hat es ein sanftes Blau, // Ein Grau, ein Rot, ein Grün…“ Blau ist die Lieblingsfarbe der meisten Menschen, Männer wie Frauen. Blau verspricht Erholung, malt fröhliche Strandbilder im Kopf aus. Heute Blau, morgen Blau garantiert Badespaß. Schier unbezahlbar war das Pigment in der Renaissance. Das Farbenschauspiel der Meere würzt die Sinne, beflügelt die Phantasie. So mag es auch Karl Foerster an der Ostsee ergangen sein. Vom märchenhaften Lenorenwald im Klützer Winkel war er mit Nachbarkindern an den Strand zurückgekehrt, derweil sich das Meer wieder „tief verwandelt“ hat: „Der blaue Weltenabgrund im Nachmittagslicht gewinnt Perlmuttfarben und reift zum Spätnachmittagsgold, auf dem sich fernher blasse grüne Streifen bedrohlich überlagern und alle Glätte mit Bändern aus Türkis zerklüften. Das Nordgewässer spielt in Farben tiefer Südseeträume. Dann führen leichte Brisen in weitem Bogen grüne Inseln wie Seegrasfelder her – Meerschlangen scheinen sich zu nähern.“ Karl Foerster züchtete mit Leidenschaft Rittersporn. Meergott nannte er eine spezielle Sorte in – genau! - Blau. Eine andere Züchtung hieß Azurriese.

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Dabei kam gewiss seine Italienliebe durch. Azurblau zeig im Unterschied zu Ultramarinblau einen leichten Grünstich. Das hängt damit zusammen, dass das Mineral Azurit, ein Nebenprodukt des Kupferabbaus, wie dieses grün oxidiert. Künstler benutzen Azurblau, wenn sie einem Meer Tiefe verleihen wollen, Ultramarinblau, wenn der Himmel weit sein soll! Das Pendant zu „Oltramarino“ heißt im Italienischen „Citramarino“. Im Gegensatz zu „jenseits der Meere“, bedeutet es „diesseits“ davon. War doch Azurit ohne allzu großen Aufwand zu bekommen. Azurblau heißt im Französischen „Azur“, Côte d’Azur ist die azurblaue Küste. Zum Inbegriff mondänen Badelebens an der französischen Riviera avancierte sie 1887, als der aus Dijon stammende Schriftsteller Stéphen Liégeard sein Kultbuch La Côte d’Azur veröffentlichte. 1968 brachte Frauenschwarm Adriano Celentano mit Azzurro leuchtendes Blau in den grauen Alltag, von Apulien bis nach Sylt stand der Sommerhit wochenlang an der Spitze der Charts. Die Fernweh-Single wurde zur meist verkauften Platte im wilden APO-Protestjahr. Tauchen wir wieder ins Meer hinab. Und fragen zum Schluss die Fische, ob sie die Wasserfarben erkennen? Manche verraten es uns. Lachse zum Beispiel aus der Nordsee und der Ostsee. Doch dreht es sich dabei zunächst um ihre eigenen Farben. Wenn die Lachshochzeit naht, werfen die Männchen ihren gewöhnlichen Look aus Grünlichgrau und Weiß auf Rücken und Bauch ab und kleiden sich in smarte Roben aus dunklem Blaugrün und schillerndem Orangerot. Nur so lassen sich die Weibchen beeindrucken und erobern. Wären Lachse farbenblind, würden sie auf den Aufwand verzichten. Die Gabe der Farbverwandlung hat die Natur zum Zwecke der Tarnung Scholle, Flunder und Steinbutt geschenkt. Blitzschnell passen sie sich der jeweiligen Sandfarbe des Meeresbodens an, um sich vor Feinden zu schützen. Zu letzteren gehören auch Badefüße! Oder haben Sie noch nie aus Versehen einen Plattfisch erwischt? Sandstaub wirbelt dann wie eine Wolke im Wasser auf, und nur schwer ist zu erkennen, wo das Gezappel anfängt und aufhört.

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Und wie ist es nun um die Wasserfarben bestellt? Fische, behaupten Biologen, können sie durchaus sehen, vielleicht sogar besser als wir, nämlich ohne Taucherbrille. In einem Kosmos-Bändchen von 1952 wird dazu ein kurioses Experiment präsentiert: Wenn man Plattfische über einige Wochen auf einen gelben, roten oder blauen Grund legt, stelle sich heraus, dass sich die Versuchsfische der jeweiligen Farbe annähern. Ein wasserdichter Beweis für das Vorhandensein eines Farbensinns sei das zwar nicht. Würde das Fischauge jedoch keinerlei Farbe erspähen, aktivierten sich unter der Fischhaut auch nicht die Farbzellen. Schön, dass letztlich alles ein Geheimnis bleibt. Wie das Meer. Wie der Himmel. Und die Farbe Blau. In Gärten, schreibt Karl Foerster, sticht Blau aus jeder Farbsinfonie heraus. Denn Blau ist keine bloße Farbe. „Sie behauptet ihre Heiterkeit gegen Regen und Gewölk, wirkt fast durstlöschend an Hitzetagen, an denen wir so empfindlich gegen müde Farben sind und oft nur Blau lieben, so wie man bei Hitze oft nicht essen, sondern nur noch trinken mag.“ Wenn das Meer eine blaue Blume wäre…

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Die ersten

r e d ä b e e S

In Gesellschafts-Toilette zur Table d’ hôte „Es wird immer mehr Sitte, ins Seebad zu reisen. Noch vor wenigen Jahrzehnten war es nur den reichen Leuten vergönnt, allsommerlich einige Wochen an der Küste zu weilen, jetzt aber eilen jedes Jahr, wenn die Hitze der Hundstage kommt, viele Tausende aus den Mauern der Großstadt an den Strand. Die bestehenden Bäder vergrößern sich in riesigem Maße, und neue werden gegründet. Ob dieser Fremdenstrom an den sonst einsamen Küsten eine in jeder Beziehung erfreuliche Wirkung hat?“ So lautet 1907 eine Zwischenbilanz zum Seebäderbetrieb an der Ostsee in einem Mecklenburger Heimatblatt. Kaum anders sah es an der Nordsee aus. An beiden Stränden stiegen die Gästezahlen kontinuierlich an. Pompöse Hotels und JugendstilVillen schossen aus dem Boden, wo vorher verschlafene Fischernester lagen und sich Fuchs und Hase gute Nacht sagten. Auf Usedom und Rügen etablierte sich gar eine eigene „Bäderarchitektur“ – jener Stil, der eigentlich gar keiner ist, sondern sich aus der Schatzkiste baulicher Künste herausholte, was gefiel: Putten und Pilaster, Simse, Spitztürme und Säulen, Freitreppen, Veranden, Loggien und Laubsägephantasien an Balkonen und Balustraden. Fast alles weiß lackiert! „Seeblick“ oder „Dünenblick“ stand in geschwungenen Lettern an Quartieren in unmittelbarer Strandnähe. Andere firmierten unter „Seeschlösschen“, „Seepferdchen“, „Seestern“, „Meereswoge“, „Augusta“, „Luise“, „Wilhelmine“. Und gern glänzte an den Fassaden „Germania“, „Concordia“, „Bismarck“ oder „Kaiserhof“. Kurhäuser und „Restaurations-Säle“ baten mittags in Gesellschaftstoilette zur Table d’hôte. Das mehrgängige Menü umfasste Suppen, Braten, Omeletts, Seefisch, Austern, Garnelen, Lachs. Dazu trank man Champagner und Rheinwein und zum Dessert einen gehaltvollen „Porter“. Die Mittagstafel, immer zur selben Uhrzeit mit festen Plätzen, diente der Kommunikation, erklärt 1833 eine Chronik über Die Seebäder auf Norderney, Wangeroog und Helgoland: „Man macht hier Bekanntschaften mit dem Badepublikum, das immer ein gebildetes ist, und wird bald in die Mitte desselben aufgenommen, wenn man nicht seinen Egoismus geltend machen will.“

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Aus England war die Seebäderkultur an die deutschen Küsten geschwappt. Schon im 18. Jahrhundert hatten Brighton, Hastings, Margate, Southhampton und etliche Orte mehr von sich reden gemacht. Im Geiste des Aufklärers Jean-Jacques Rousseau, der in seinem Roman Emile oder Über die Erziehung (1762) zum Baden und Schwimmen riet, eröffnete das erste französische Seebad kurz darauf in Dieppe. Die Seebäder Deauville und Biarritz entstanden erst Mitte des 19. Jahrhunderts. Das belgische Ostende avancierte zum Seebad von Weltruf während der Belle Epoque. Warum hat Deutschland noch kein öffentliches Bad? Unter diesem Titel brachte Georg Christoph Lichtenberg 1792 ein Pamphlet heraus, das unter Ärzten ein großes positives Echo fand. Dabei begeisterten vor allem die Ausführungen des Göttinger Naturwissenschaftlers zum Meer: „Der Anblick der Meereswogen, ihr Leuchten und das Rollen ihres Donners, der sich auch in den Sommermonaten zuweilen hören lässt, gegen welchen der hoch gepriesene Rheinfall wohl bloßer Waschbecken-Tumult ist.“ 1793 feierte Heiligendamm die erste Badesaison an einem deutschen Strand. Zum fürstlichen Badearzt kürte Herzog Friedrich Franz I. von Mecklenburg-Schwerin den Rostocker Medizinprofessor Samuel Gottlieb Vogel. Dieser formulierte sogleich Allgemeine Baderegeln, achtzehn an der Zahl, darunter vor allem Warnungen, dass man nie „bald nach Tische und mit vollem Magen“ baden sollte, ebenso wenig in erhitztem Zustand oder „unmittelbar nach einer heftigen Gemütsbewegung“. Grundsätzlich empfahl Vogel, „wenn man von dem Bade rechten Vortheil haben will“, es zweimal täglich zu wiederholen. Über dreihundert Gäste quartierten sich bereits 1794 in Heiligendamm ein. 1797 ging Norderney als erstes deutsches Seebad an der Nordsee in die Seebädergeschichte ein. Bis 1830 folgten knapp drei Dutzend weitere Bäder, darunter Travemünde, Boltenhagen, Cuxhaven, Wangerooge, Wyk auf Föhr, Lauterbach bei Putbus, Zopott, Sassnitz, Misdroy und Helgoland. 1855 startete Westerlands Karriere zum „wilhelminischen Weltbad“. Christian Peter Hansen, der große Syltchronist jener Zeit, als die Insel noch zu Dänemark gehörte, stellte zu den ersten „so genannten Badegästen“ fest: „Alle rühmen die Naturmerkwürdigkeiten, die erfrischende und stärkende Luft und vor allem die heilende Kraft des Meeres.“ Bevor die Dampfschifffahrt neue Reisewege erschloss, reisten die Gäste mit Postkutschen an. Die Fahrten waren oft beschwerlich und zogen sich bei einer Geschwindigkeit von maximal fünf Stundenkilometern über mehrere Tage hin. Mit dem Ausbau des Eisenbahnnetzes an die Küsten stieg der Fremdenverkehr rasant an. Und während anfangs Gäste aus Adel und Finanzoligarchie das Strandbild prägten, Hoheiten und Exzellenzen in Galauniform zur Tanz-

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Reunion stolzierten und in Knickerbockern Tennis spielten, kam nun das Bürgertum hinzu. Die „kleinen Leute“ folgten, nachdem der gesetzliche Urlaub eingeführt war, und das geschah für Arbeiter und Angestellte erst in den turbulenten Weimarer Jahren. Statt die Gesundheit zu pflegen, rückte mehr und mehr die pure Meereslust in den Vordergrund. Nach 1880, als viele Seebäder diese Bezeichnung überhaupt erst verdienten, wurden Seebrücken gebaut – die längsten und prächtigsten in Sellin, Ahlbeck und Heringsdorf. Um die gleiche Zeit kam die „Bildpostkarte“ auf. Kolorierte Seebädermotive mit eingeprägtem Gruß erfreuten sich besonderer Beliebtheit. Heute in Antiquariaten eine Seltenheit. 1901 empfahl Meyers Reiseführer für die Sommerfrische an der Nordsee: helle Oberkleidung für sonnige Tage, warme Unterkleidung für kühle Tage, Überschuhe, Regenmäntel, Überröcke, Plaids. Und für die Reiseapotheke: Heftpflaster, Salmiak, Chininpulver, Zitronensäure, Verbandwatte, Lanolin. „Will man dem Schiffsverkehr seine Aufmerksamkeit schenken, gehört ein Feldstecher ins Gepäck.“ Fotobände und Seebäderporträts, die es in reicher Anzahl zu den Anfängen der Seebäder gibt, enthalten Geschichten und Anekdoten: über das Herrenbad und Damenbad, Kurtaxe und Kurschatten, „Lustfahrten“ oder Gastspiele mit Demonstrationen rätselhafter Vorgänge aus dem Reich der vierten Dimension, zu Telepathie und Auto-Suggestion. Sphären des Unbewussten übten enorme Faszination aus, stiegen zu Themen der Unterhaltung auf, nachdem Sigmund Freuds Traumdeutung 1900 erschienen war. Der Wiener Seelenforscher besuchte mehrfach Hiddensee, wo sein Sohn Ernst ein bescheidenes Anwesen erworben hatte. Doch da war die Kaiserzeit bereits vorbei, gehörte die Table d’hôte der Vergangenheit an. Theodor Fontane mochte das „Martyrium“ nie, hatte immer wieder verlangt: „Weg mit den sieben Gängen, die bis zum letzten Bissen nichts präsentieren, als einen Wettlauf zwischen Hungrigbleiben und Langeweile!“ Zudem war ihm gehörig auf die Nerven gefallen, unentwegt aus jeder Musikmuschel „Heil Dir im Siegerkranz!“ blasen zu hören. Das ging auch anderen Gästen so. Und so wurden in vielen Seebädern bald „kleine separate Tischchen“ eingeführt, wie es in einem Badeführer von Wyk auf Föhr 1902 heißt, „nicht gebunden an eine bestimmte Zeit“. Mit einigen Dutzend Gästen fing der Seebäderbetrieb an den deutschen Küsten an, vorm Ausbruch des Ersten Weltkrieges kletterte die Zahl bereits auf über eine halbe Million. Die „Besucherrekorde“ erreichen heute allein auf den Inseln Rügen und Sylt jährlich jeweils um die sieben Millionen.

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