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ecolife

bewusst schön leben

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4 /09 www.eco-life.info

CHF 9.60

Erdhaus trifft Baumhaus Warum die Flintstones schöner wohnen

Auf dem Holzweg Coole italienische Möbel aus Sturmholz

Bauern im Hochhaus Die Landwirtschaft schiesst in die Höhe

Endlich daheim ! Grünes Wohnen – stilvoll, trendig, gemütlich


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4/09 ECOLIFE EDITORIAL

Kampf um das beste gute Gewissen «Ich finde es faszinierend, dass man durchaus genussreich leben und trotzdem etwas für die Umwelt tun kann.» Das ist nicht nur, wofür sich ecoLife mit jeder Ausgabe starkmacht. Sondern es ist auch eine interessante Aussage von Coop-Marketingchef Jürg Peritz im Interview ab Seite 46. Ich habe Peritz am Hauptsitz von Coop in Basel zu einem längeren Gespräch getroffen. Was er erzählt hat, wirkt glaubwürdig. Da ist ein Unternehmen, das seine Verantwortung für ökologische und soziale Aspekte wahrnimmt, ohne sich den Spass am Konsum verderben zu lassen. Peritz redet auch nicht um den heissen Brei herum, wenn er sagt, dass Coop mit seinem Öko-Aktivismus Geld verdienen, seine Marktposition auf Kosten etwa von Konkurrent Migros ausbauen will. Und er ist sich bewusst, dass Coop mit seinen 50 000 Mitarbeitenden letztlich ein Koloss bleibt, der die Umwelt vielerorts belastet. Das Gleiche gilt für Migros, die grosse Coop-Konkurrentin. Auch bei ihr wird die orange Firmenfarbe grün und grüner. Die beiden Detailhändler liefern sich ein beeindruckendes Duell um das beste gute Gewissen. Als Journalist erlebt man das in schnellem Rhythmus: Coop schickt die Medienmitteilung «Mit gutem Gewissen Kaffee trinken». Migros weist auf das Engagement für den schonenden Baumwollanbau hin. Coop nimmt Produkte von A. Vogel ins Sortiment, «dem Pionier für die natürliche Gesundheit». Migros lanciert eine nachhaltige Produktlinie für das Baby. Coop baut das Sortiment von Schweizer Saisongemüse weiter aus. Migros macht die halbe Schweiz mit ihrer «Stickermania» zugunsten des WWF und des Regenwaldes ver­rückt. Coop meldet hohe Nachfrage bei Fleisch aus artgerechter Tierhaltung. Migros titelt: «Trans­­pa­ rente Deklaration der Stromkosten von Kaffeemaschinen». Beide Unternehmen weisen gleicher­ massen hübsche wie reich gefüllte Nachhaltigkeitsberichte aus. Wem nützt es? Letztlich unserer Umwelt. Und das ist gut so. Denn in einem weiteren Punkt haben Jürg Peritz und ich die gleiche Meinung, wenn er sagt: «Ich bin überzeugt, dass nachhaltige Leistungen den Wirtschaftsmotor der Zukunft darstellen. Was früher industrielle Leistungen waren, sind heute grüne Marktleistungen.»

Reto Wüthrich, Chefredaktor ecoLife


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ECOLIFE 4/09 ECOTHEMEN

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ecoThemen 3 Editorial Kampf ums beste gute Gewissen 8 Green Publishing Die Papier- und Druckindustrie wandelt sich zur Ökobranche. 11 Handel Im Interview sagt Coop-Marketingchef Jürg Peritz, dass grünes Engagement nichts mit Marketing zu tun hat. Na ja. Fast nichts. 15 Lifefair Kuno Spirig erklärt, weshalb seine Messe für Nachhaltigkeit und «Green Lifestyle» Sinn macht.

17 GreenSwitzerland-Award Diesen Herbst wird zum ersten Mal ein Award für besonders umweltgerechte Unternehmen verliehen. Wer darf sich Chancen ausrechnen? 18 SuisseEMEX Die Schweizer Marketingmesse setzt auf Ökothemen. Im GreenVillage stellen Hersteller ihre Innovationen in Sachen Nachhaltigkeit vor. 19 Erdhaus Düster, feucht, unterirdisch? Weit gefehlt. Wer in einem Erdhaus wohnt, kann sich durchaus wohlfühlen. 24 Persönlich Wie sich Karin Doppmann bei newTree engagiert, damit der Wald Früchte trägt.


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8 Green Publishing: Immer mehr Branchen sind sich ihrer Verantwortung gegenüber der Umwelt bewusst und investieren in die ökologische Nachhaltigkeit. So wie die Papier- und Druckindustrie. 11 Handel: Die Öffentlichkeit nimmt Coop als Unternehmen wahr, das sich überdurchschnittlich stark für Nachhaltigkeit engagiert. Wie viel davon ist Marketing? Wie viel ist echtes Engagement? Und wer hat eigentlich noch den Durchblick bei all diesen Engagements? 30 Baumhaus: Wer in den Baumwipfeln übernachtet, muss auf Komfort keineswegs verzichten. ecoLife zu Besuch im Baumhaus.

8 25 Möbel Der italienische Möbelhersteller Riva ver­ wendet für seine edlen Stücke unter anderem Sturmholz. 30 Baumhaus Jean-Paul Vuilleumier und Urs Amrein haben ­etwas gemeinsam: Sie haben Baumhäuser ­gebaut und sich damit Bubenträume erfüllt. 34 Minergie-P Wichtige Fakten über Minergie-Häuser und Einblicke bei drei Familien, die umweltgerecht und trotzdem cool wohnen. 37 Energie-Spiegel Walter Fassbind hat ein System ausgetüftelt, mit dem wir unseren Energiekonsum ver­ anschaulichen können. Wie das geht, schreibt er gleich selber.

40 Öko-City Die Pionierarbeit hat sich ausbezahlt: ­Bewohnerinnen und Bewohner von Öko­ siedlungen ­leben schon lange vor, wie man in Gemeinschaft umweltfreundlich leben kann. 44 Landwirtschaft Diese Idee hat was: bauern im Hochhaus. Interview mit Dickson Despommier, der die Landwirtschaft in die Städte verlegen will.


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ECOLIFE 4/09 ECOTICKER

Bauen für die 2000-WattGesellschaft «Wo man schaut, bevor man baut» ­lautet der Slogan der Messe «Bauen & Modernisieren». Der Bauherr ist als ­Auftraggeber ebenso gefordert wie der Architekt bzw. der Planer als Auftragnehmer. Es gilt, Werterhaltung, Rendite, Komfort und Nachhaltigkeit unter einen Hut zu bringen. Das erfordert ein breites Spektrum an Informationen, Wissen und Fachkompetenz. All dies bietet die Messe «Bauen & Modernisieren» vom 3. bis 7. September 2009. 600 Aussteller aus dem In- und Ausland stellen ihre Innovationen vor. 14 Sonderschauen, 80 Fachvorträge oder die Verleihung des Solarpreises runden den Anlass ab. Parallel dazu findet die Eigenheim-Messe Schweiz statt. www.bauen-modernisieren.ch; www.eigenheim-schweiz.ch

ecoTicker Urin als Treibstoffquelle Auf der Autobahnraststätte werden in der Regel zwei Dinge gemacht. Ein Tank wird aufgefüllt, ein anderer entleert. Vielleicht lässt sich bald beides noch enger verbinden: Forscher der Ohio University haben entdeckt, dass Urin als wertvoller Treibstoff der Zukunft dienen könnte, denn mithilfe eines sehr günstigen Katalysators kann der menschliche Abfallstoff zur billigen Wasserstoffquelle werden. «Die Entdeckung könnte nicht nur dazu führen, in Zukunft Autos mit günstigem Wasserstoff zu versorgen, sondern auch zur besseren Reinigung von Abwässern dienen», so Jon Edwards, Media Relations Officer der Royal Society of Chemistry.

Provence auf der Haut Der kürzlich eröffnete Internetshop provence-pur.ch setzt auf Körperpflege-Naturprodukte auf Basis der Olive . Dazu gehört etwa die Savon de Marseille. Das Unternehmen hat einige Seifensiedereien rund um Marseille aufgespürt, die noch heute das alte Handwerk der Seifenherstellung pflegen. Auch Körpermilch, Bad- und Duschgels, Badeöl und anderes findet sich im Shop. Verfeinert sind die Produkte mit den Düften aus der Provence: Lavendel, Rosmarin, wilder Thymian. Keinerlei Chemikalien, keine Enzyme, keine künstlichen Farb- oder Duftstoffe und natürlich keine Tierversuche – das gilt für alle Produkte im Shop. www.provence-pur.ch


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Alurecycling: Schweizer Pionierleistung wird 20 Sie heisst Igora-Genossenschaft für Aluminium-Recycling und hat Herrn und Frau Schweizer zu zuverlässigen Alusammlern gemacht. Dieses Jahr ­ feiert die Organisation ihr 20-jähriges Bestehen. Nach wie vor verfolgt Igora ein hohes Ziel: eine Schweiz mit 100 Prozent Alurecycling. Als Pionierleistung wurde das auf privatwirtschaftlicher Basis aufgebaute Sammelsystem für Aluverpackungen vor 20 Jahren erstmals mit dem Konzept des vorgezo­ genen Recyclingbeitrags aufgebaut und über die Jahre erfolgreich erweitert. Heute wird Igora von über 80 Unternehmen der Getränke-, Lebensmittel-, Tiernahrungs- und Aluminiumindustrie sowie vom schweizerischen Detailhandel getragen. In 20 Jahren sammelte sie über 2,5 Milliarden Alugetränkedosen und heute kommen jährlich 6500 Tonnen Alu von Verpackungen ins Recycling.

Teppich aus der Natur Die Teppichfabrik Ruckstuhl aus Langenthal (BE) hat in diesem Jahr die neue Kollektion «Crespo custom» lanciert. Sie ist durch den höheren Materialeinsatz an Wolle deutlich schwerer als die bisherige «Crespo basic», aber auch wunderbar weich. Nicht weniger als 50 verschiedene Farbtöne stehen zur Verfügung, die sich auch zu Melierungen miteinander kombinieren lassen. Die Masse werden individuell auf die Kundenbedürfnisse eingestellt. Die Teppichfabrik Ruckstuhl ist eine Herstellerin von hochwertigen Teppichen aus Naturfasern, die sich im Bereich der exklusiven textilen Bodenbeläge für den Wohn- und Objektbereich international einen Namen geschaffen hat.

Baerg Marti: Essig für Gourmets «Denn das Gute liegt so nah», hat sich Stephan Marti, Geschäftsführer des neuen Unternehmens Baerg Marti gedacht, als er die Idee entwickelte, natürlichen, handgefertigten Essig in der Schweiz herzustellen. «Die Schweiz ist bekannt für Käsespezialitäten und Schokoladeprodukte, aber was die Herstellung von Qualitäts­ essig betrifft, stecken wir noch in den Kinderschuhen», sagt Marti. «Bislang haben sich vor allem Italien und ­Österreich einen Namen in der Essigproduktion gemacht. Baerg Marti möchte diesen weissen Flecken auf der ­Kulinarik-Landkarte nun schliessen». Baerg Marti steht für Schweizer Essige, die aus der reinen Essenz der ­Natur bestehen. Das Sortiment umfasst sechs Balsamund sechs Kräuteressige sowie einen ApfelHonig-Essig. Alle verwendeten Ansatzessige, Früchte und Kräuter stammen aus biologischer Produktion. Zudem wird auf die Beigabe von Zusatzstoffen sowie auf ­industrielle Herstellungsschritte bewusst verzichtet. Die Produkte werden in e­ inem er­s ten Schritt in der Schweiz, in naher Zukunft auch in Japan, in Russland und in Grossbritannien auf den Markt gebracht. www.baerg-marti.ch


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Der Druck kommt unter Druck Immer mehr Branchen sind sich ihrer Verantwortung gegenüber der Umwelt bewusst und investieren in die ökologische Nachhaltigkeit. Dazu zählt etwa die Papier- und Druckindustrie, die unter anderem den klimaneutralen Druck von ecoLife möglich macht. Sabine Flachsmann


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In den letzten Jahren hat die Papier- und Druckindustrie grosse Anstrengungen unternommen, um ökologisch nachhaltig zu produzieren.

Kaum eine andere Branche – das ist uns bei ecoLife besonders bewusst – ist derart eng mit der Natur ver­ bunden wie die Papierindustrie. Papier ist ein Holz­ produkt, zu dessen Produktion viel Wasser und Ener­gie benötigt werden. Für die Herstellung wer­ den je nach Sorte 70 bis 95 Prozent Zellulose einge­ setzt, die zu 95 Prozent aus Holz gewonnen wird. In den letzten Jahren hat die Branche riesige An­ strengungen unternommen, um Papier ökologisch und sozial nachhaltig zu produzieren. Die Papierin­ dustrie hat selbst ein grosses Interesse am verantwor­ tungsbewussten Umgang mit Holz, denn sie ist auf den Rohstoff angewiesen. Auch der Wasser- und Energieverbrauch wurde in den letzten Jahren schritt­weise reduziert und moderne Wasseraufberei­ tungsanlagen sind heute in vielen europäischen Pa­ pierfabriken Standard. Ökolabels auf der Überholspur    Die Nachfrage

nach Papieren, für die Zellstoff aus nachhaltiger Forst­wirtschaft verwendet wird, steigt. Immer mehr Unternehmen wollen ihren Beitrag für die Umwelt leisten und verwenden deshalb FSC (Forest Steward­ ship Council)- oder PEFC (Programme for the En­ dorsement of Forest Certification Schemes)-Papiere. Die beiden Zertifikate sind die derzeit bedeutends­ ten unabhängigen Gütesiegel weltweit, die auf das Grundprinzip der ökologischen Forstwirtschaft und die Rückverfolgbarkeit in der Lieferkette setzen. Damit ein Produkt mit dem FSC-Label gekenn­ zeichnet werden kann, muss die Rückverfolgbarkeit bis zum Ursprung gewährleistet werden. Das setzt voraus, dass in einem Handels- oder Verarbeitungs­ betrieb – wie z. B. einer Druckerei – eine konsequen­ te Trennung und Kennzeichnung von zertifizierten und nicht zertifizierten Produkten stattfindet. Relativ neu in der Papierindustrie ist das Label EU-Blume, das europäische Umweltzeichen. Es be­ scheinigt die hervorragenden Umweltleistungen ei­ nes Produktes über den gesamten Lebenszyklus.

Heute steht bereits eine grosse Anzahl an zertifizier­ ten Papierqualitäten zur Verfügung, die die verschie­ densten Anwendungen abdeckt. Einen Einfluss auf die Papiereigenschaften haben die Ökosiegel nicht. FSC-, PEFC-Papiere oder solche mit der EU-Blume unterscheiden sich in ihren Druck- und Verarbei­ tungseigenschaften in keinster Weise von vergleich­ baren herkömmlichen Papierqualitäten. Öffentlichkeit sensibilisieren    Bereits seit einigen Jahren forcieren die Papiergrosshändler den Absatz von nachhaltig produzierten Papieren. Mit einer ge­ zielten Kommunikation tragen sie wesentlich dazu bei, dass die Umweltlabel in der Öffentlichkeit be­ kannter werden. «Wir haben eine lange Tradition in Bezug auf Qualität und Ökologie», erklärt Yvonne Nievergelt, die als Leiterin PM & Marketing/Kom­ munikation bei der Papiergrosshändlerin Antalis AG tätig ist. Ökologisches Bewusstsein und ein hohes Mass an Qualitätsdenken seien schon immer ein in­ tegraler Bestandteil der Unternehmensphilosophie von Antalis gewesen. Antalis sei es ein Anliegen, nicht nur «grüne» Papiere zu vertreiben, sondern sich auch nachhaltig und ethisch korrekt zu verhalten. Man sei bestrebt, die Transporte von der Strasse auf die Schiene zu verlegen, dies vor allem, wenn es um Anlieferungen von Papierfabriken geht, so Yvonne Nievergelt. Ein weiterer Meilenstein ist die «Papertour», welche Antalis seit 2007 durchführt: eine mobile Ausstel­ lung im Zug, die in sieben Schweizer Städten Halt macht. Sie zeigt ökologische Papierlösungen, ver­ anstaltet Referate und Vorträge und bietet natürlich auch eine Präsentation des Angebotes. Antalis be­ vorzuge zudem Lieferanten, die eine klare, nachhal­ tige Politik betreiben, so Nievergelt. Chancen erkennen und nutzen    «Das Thema Nachhaltigkeit hat auch beim Papiergrosshändler Sihl + Eika bereits seit vielen Jahren eine sehr hohe


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strategische Bedeutung», sagt Stefan Baumgartner, Unternehmensverantwortlicher für Umweltfragen bei der Sihl + Eika Papier AG. Als Beispiel dafür er­ wähnt er, dass Sihl + Eika bereits 2003 der erste euro­ ­päische Papiergrosshändler mit FSC-Zertifikat ge­ wesen sei, das Unternehmen zu den Gründungsmit­ gliedern des öbu (Netzwerk ökologisch orientierter Unternehmen der Schweiz) zähle oder über ein ein­ zigartiges Bahn-/Strassenkonzept und über ein res­ sourcenschonendes «Paper Management» verfüge. Sihl + Eika habe diese Thematik sehr früh – und damit nicht als Modetrend – als wichtige Basis für die wirtschaftlich nachhaltige Geschäftsentwick­ lung aufgegriffen. «Das Fundament an Know-how, Systemen, Produkten und Dienstleistungen ist für uns ein entscheidender Wettbewerbsvorteil. In ei­ ner Zeit voller grüner Label, Versprechungen und Verheissungen ist es wichtig, mit beiden Beinen auf dem Boden zu bleiben und Kompetenz zu vermit­ teln», sagt Baumgartner. Wichtig ist für ihn der Dialog mit allen Beteilig­ ten: Mitarbeitende, Agenturen, Drucker, End­ver­ braucher, Institutionen oder Umweltverbände. Be­ sonders anspruchsvoll für alle Beteiligten werde aber erst der nächste Schritt sein, nämlich die CO2-The­ matik, sagt Baumgartner. Sihl+Eika habe dafür den ersten Schritt getan und die Emissionen von einem professionellen Unternehmen berechnen lassen. Klimaschutz praktisch realisieren    Unternehmen

und ihre Produkte werden zunehmend in Bezug auf ihre Nachhaltigkeit bewertet. Dabei fällt auch im­

mer wieder der Begriff Klimaneutralität. «Da­ runter ist zu verstehen, dass CO2-Emissionen, die in sogenannten Klimaschutz­ projekten eingespart wurden, an einem ande­ren Ort ausgeglichen wer­ den können.» In diesem Sinne klimaneutral lassen sich auch Zeitschriften, Broschüren, Plakate, Briefbögen, Mai­ lings sowie Verpackungen herstellen und entspre­ chend kennzeichnen. Das Magazin ecoLife gehört hier selbstredend dazu. Es wird bei der Ziegler Druck- und Verlags-AG in Winterthur gedruckt. Neben der Berücksichtigung der herstellungsseiti­ gen CO2-Emissionen, die z. B. durch Energiever­ brauch, Druckplatten, Logistik, Verwaltung oder Reinigungsmittel entstehen, fliessen in eine solche Berechnung auch die individuellen Parameter des jeweiligen Druckerzeugnisses wie Auflage, Farbe oder Transport ein. Verbraucher, die sich für ein nachhaltig produziertes Druckerzeugnis entschei­ den, leisten damit einen Beitrag zum Klimaschutz. Hierzu zählt auch die Neidhart + Schön Group, die u. a. auf anspruchsvolle Publikationen speziali­ siert ist. Sie unterzog sich einem EnergieeffizienzCheck, um darauf aufbauend den Druckprozess zu optimieren. Besonders wegweisend wird das neue Druckzentrum für nachhaltige Medienproduktion sein, das gemeinsam mit der Druckerei Feldegg und der Bühler Druck AG am 1. Januar 2010 in ZürichSchwerzenbach eröffnet wird.  

Adoptieren Sie einen Orang-Utan!

Übernehmen Sie die Patenschaft für einen Orang-Utan-Waisen. Helfen Sie uns mit 15 CHF im Monat, ihnen die Freiheit zurück zu geben!

bos-schweiz.ch BOS Schweiz Badenerstrasse 313 Postfach CH-8040 Zürich www.bos-schweiz.ch info@bos-schweiz.ch

Jedes Jahr sterben auf Borneo rund 1‘000 junge Orang-Utans durch Abholzung des Regenwaldes und Jagd auf Orang-Utan-Weibchen, deren Babys illegal als Haustiere gehandelt werden. Lone Dröscher-Nielsen von Borneo Orangutan Survival (BOS) auf Borneo pflegt beschlagnahmte kleine Orang-Utans bis sie alt genug sind ausgewildert zu werden. Sie alle brauchen Ihre Unterstützung!


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«Am Anfang sprachen alle von einem Nischenmarkt»

Die Öffentlichkeit nimmt Coop als Unternehmen wahr, das sich überdurchschnittlich stark für Nachhaltigkeit engagiert. Wie viel davon ist Marketing? Wie viel ist echtes Engagement? Und wer hat eigentlich noch den Durchblick bei all diesen Engagements? ecoLife fragte Coop-Marketingchef Jürg Peritz. Interview: Reto Wüthrich

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HANDEL

Aus dieser guten Baumwolle wird ein Coop-Shirt.

ecoLife: Als Marketingchef müssen Sie glücklich sein. Ihre Massnahmen, um Coop als umweltbewusstes Unter­ nehmen in unseren Köpfen zu veran­ kern, haben funktioniert. Jürg Peritz: Es freut mich, wenn Sie das so feststellen. Nachhaltigkeit ist ein enorm vielfältiges und komplexes Gebiet, das sich nicht mit zwei, drei grossen Projekten abdecken lässt. Auch kleinere Aktionen erreichen lokal eine hohe Bedeutung und sind deshalb genauso wichtig. Wir stellen fest, dass wir an verschiedenen Stellen sinnvolle Alternativen und zukunftsgerichtete Modelle ermöglichen. Wo ist der gemeinsame Nenner? Das Wichtigste für mich ist die Vision. Sie ist die deutlichste Offenbarung der Vorstel­ lungskraft und die hauptsächliche Trieb­ feder menschlichen Handelns. Bei Coop lautet die Vision: «Gemeinsam an die Spitze». Um dies zu erreichen, haben wir fünf Missionen definiert – die Nachhaltigkeit ist eine davon. Jede Mission ist so etwas wie ein Leuchtturm für alle, die bei Coop Verantwortung übernehmen. Damit haben Sie etwas über den Stel­ lenwert gesagt, aber nicht zu den konkreten Pfeilern der Nachhaltig­ keitsstrategie. Wie sehen diese aus? Es sind drei Pfeiler. Erstens wollen wir einen nachhaltigen Konsum ermöglichen, zweitens die innerbetriebliche CO2-Neutralität erreichen und drittens unsere Verantwortung als Arbeitgeber wahrnehmen.

Nach aussen ist vor allem der erste Punkt wahrnehmbar. Als Journalist werde ich wöchentlich von Coop und Migros mit neuen Medieninformatio­ nen über nachhaltige Engagements oder für die Umwelt besonders sinn­ volle Produktneuheiten eingedeckt. Wie heikel ist die Gratwanderung zwi­ schen reinem Marketing und echtem Engagement? Ich sehe das überhaupt nicht als Gratwanderung. Die Langfristigkeit und Ernsthaftigkeit in diesem Bereich ist bei Coop nachweisbar. Schon anfangs der 90er-Jahre haben wir zum Beispiel den biologischen Landbau gestartet und die Schweizer Landwirtschaft bis heute massgeblich geprägt. Wir haben entscheidend dazu beigetragen, dass «Bio» heute eine so wich­tige Position in der Schweiz innehat. Sicher ist aber auch, dass wir nicht einfach Geld ausgeben für irgendwelche ideologischen Ideen. Wir tun es, um eine klare Positionierung am Markt zu erreichen. Was die Konkurrenz anbelangt, sehe ich das positiv. Es kann uns allen nur guttun, wenn sich auch andere Unternehmen im sozialen und ökologischen Bereich weiterentwickeln.

Wenn es kein Marketing ist – warum tun Sie sich das denn an? Die Basis von Coop ist die Grundversorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln. Wenn wir auch in 50 oder 100 Jahren noch gesunde Lebensmittel zu vernünftigen Preisen zur Verfügung stellen wollen, darf uns nicht egal sein, was mit unserem Planeten geschieht. Er bildet die Grundlage unseres Angebotes, das ist das eine. Aber wenn man die ökologische Gesamtbelastung in Landverbrauch umrechnet, dann zeigt sich, dass die eine Welt, die wir haben, nirgends hinreicht. Insbesondere die Industrieländer leben über ihre Verhältnisse. Die Menschen brauchen aber die Dienstleistungen der Umwelt und der Ökosysteme als Grundlage für ihr Wohlbefinden. Aus der Erkenntnis dieser Problematik engagieren wir uns. Als Unternehmen mit über 50 000 Mitarbeitenden ist es nur konsequent, dass man nachhaltig denkt und nicht nur, aber auch bei der Ökologie Verantwortung zeigt.


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Sie haben mehrfach angedeutet, dass Ihr Bestreben, ein grünes Unterneh­ men zu werden, auch wirtschaftliche Aspekte beinhaltet. Sind Sie so etwas wie ein Botschafter für den viel be­ schworenen «New Green Deal»? Sagen wir es so: Ich bin überzeugt, dass nachhaltige Leistungen der Wirtschaftsmotor der Zukunft darstellen. Was früher industrielle Leistungen waren, sind heute grüne Marktleistungen. Lassen Sie uns etwas konkreter wer­ den und auf Kernthemen der Nach­ haltigkeit eingehen. Nehmen wir das Klima. Wie lange dauert es, bis Coop CO2-neutral ist? Coop hat die Vision formuliert, innert 15 Jahren in den von ihr direkt beeinflussbaren Bereichen CO2-netutral zu werden. Wir haben bereits seit einigen Jahren auditierte Zielvereinbarungen zur CO2-Re-

duktion mit den Schweizer Behörden. Da die Schweiz sogenannte Lenkungsabgaben auf den Brennstoffen vorsieht, profitieren wir zweifach von unseren Anstrengungen: Erstens geht CO2-Reduktion in der Regel mit Energie-Sparmassnahmen einher, was bei den hohen Energiepreisen lohnende Einsparungen mit sich bringt. Und zweitens werden wir von den Lenkungsabgaben befreit, solange wir unsere Reduktionsziele einhalten. Das dürfte beim Ausstoss eines Gross­ unternehmens wie Coop aber kaum reichen, um CO2-neutral zu werden. Richtig, wir müssen davon ausgehen, dass wir selbst mit grossen Anstrengungen nur rund die Hälfte unseres CO2-Ausstosses tatsächlich einsparen werden können. Und die andere Hälfte? Diese wird über sogenannte Kompensationsprojekte an einem anderen Ort auf dieser Welt eingespart. Im Rahmen unserer Umweltpartnerschaft mit dem WWF beteiligen wir uns beispielsweise bereits Melanie Winiger trägt Naturaline. Immer mehr andere auch.

heute an der Verbreitung von Biogasanlagen in Nepal und Solarkochern auf Madagaskar und tragen so zu einer nachhaltigen Entwicklung bei. Wir sind zudem Teil der WWF Climate Group, bei der sich auch andere grosse und kleine Unternhemen aus der Schweiz verpflichten, ihren Energiekonsum zu reduzieren. Stimmt es, dass Sie diesbezüglich auch Ihre Mitarbeitenden in die Pflicht genommen haben? Nicht ganz, ein Befehl wäre kontraproduktiv. Es ist aber so, dass sich die Mitarbeitenden auf freiwilliger Basis verpflichten können, ihren Energiebedarf zu Hause zu reduzieren. Wenn 10 Prozent unserer 50 000 Mitarbeitenden ihren privaten Energie­ konsum auch nur um 10 Prozent reduzieren, dann wird soviel CO2 eingespart, wie unser Unternehmen insgesamt emittiert. Ein anderes wichtiges Kernthema der Nachhaltigkeit ist das Wasser. Wenn man bedenkt, dass für die Produktion eines konventionellen T-Shirts rund 20 000 Liter Wasser nötig sind und wir gleichzeitig auf eine Wasserknapp­ heit zusteuern, müssen sie sich et­ was einfallen lassen. Coop hat auch hier Massnahmen ergriffen. So verbraucht eine der 155 neuen oder modernisierten Verkaufsstellen durch­ schnit­tlich 760 Liter Wasser pro Quadratmeter, 30 Liter weniger als im Vorjahr. Coop hat in allen Verkaufsstellen, Verteilzentralen, Produktionsbetrieben und in der Verwaltung insgesamt 6000 Sparventile instal­ liert. Dadurch werden jährlich bis zu 40 000 Kubikmeter Wasser eingespart. Gleichzeitig unterstützen wir mit einem Teil des Verkaufserlöses durch Wassersparsets ein Wasserprojekt von Helvetas im Norden von Guatemala.

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Essen mit gutem Gewissen: «Bio» und Einheimisches von Coop.

Die Überfischung ist ein weiterer kri­ tischer Punkt. Ja, in diesem Bereich sind der Schwund der Artenvielfalt und der Rückgang der zur Verfügung stehenden Ressourcen bereits deutlich spürbar. Verschiedene beliebte Fischarten sind hochgradig gefährdet. Coop hat mit dem WWF Schweiz eine Seafood Group gebildet, in der wir quantifizierte Aktionspläne erarbeiten und umsetzen – übrigens gemeinsam mit der Migros. Es geht darum, für die am meisten gefährdeten Arten Alternativen zu suchen, etwa durch Zuchtfische. Die Zertifizierung von Fischereibetrieben, die sich zur nachhaltigen Bewirtschaftung verpflichten, ist ein anderer wichtiger Ansatz. Einzelne gefährdete Fischarten haben wir sogar aus dem Sortiment genommen. Das wohl wichtigste Kernthema dürf­ te für Sie aber der biologische Land­ bau sein. Diese Einschätzung stimmt. Hier engagieren wir uns mit besonderer Leidenschaft. Wo man als Pionier agiert und Widerstände überwindet, so wie wir das 1990 beim Start

mit dem Handel mit biologischen Lebensmitteln getan haben, da setzt man besonders viel Herzblut ein. Biolandbau sehen wir als wichtigen Beitrag zum Erhalt der Artenvielfalt und der Sortenvariabilität. Hier spielen die Konsumierenden eine wichtige Rolle, weil sie das Bioenga­ gement letztlich mit dem Kassenzet­ tel ihres Einkaufs steuern. Je grösser die Nachfrage, desto grösser das Angebot – das ist eigentlich ganz einfach. Als wir uns hier zu engagieren begannen, entfiel der überwiegende Teil des Umsatzes mit Bioprodukten noch auf kleine Naturkostläden, und alle sprachen von einem Nischenmarkt. Inzwischen ist unsere Kompetenzmarke Naturaplan etabliert und bietet eine breite Palette von Produkten aus dem Biolandbau an. In der Schweiz wird heute jedes zweite Bioprodukt bei Coop eingekauft. Auch Natura­ line bei den Textilien oder ProSpecieRara

Jürg Peritz ... ... ist 62 Jahre alt, gelernter Kaufmann und bei Coop Schweiz Leiter der Direktion Marketing/Beschaffung. Seit dem 1. April 2008 ist er zudem stellvertretender Vorsitzender der Coop-Geschäftsleitung. CEO von Coop Schweiz ist Hansueli Loosli. Peritz ist Verwaltungsratspräsident der Eurogroup Far East Ltd., Hongkong, und hat weitere VR-Mandate inne, u. a. bei Coopernic, Dipl. Ing. Fust AG oder bei der Stiftung bioRE in Rotkreuz.

(ein Verein, der sich u. a. für den Erhalt der Kulturpflanzen- und Nutztiervielfalt einsetzt – die Red.) sind heute integraler Bestandteil der Unternehmensstrategie von Coop und tragen zum Erhalt der Artenvielvalt und der Bodenfruchtbarkeit bei. Ist Ihnen der nachhaltige Lebensstil auch persönlich in Haut, Haar und Seele übergegangen? Ich würde es nicht ganz so dramatisch formulieren. Aber es ist schon so, dass ich mich an der Eingangspforte des CoopHauptsitzes nicht in einen anderen Menschen verwandle. Ich identifiziere mich stark mit dem Thema Nachhaltigkeit. Aber ohne, dass dies auf Enthaltsamkeit oder eine Art Purismus hinausläuft. Ich finde es faszinierend, dass man durchaus genussreich leben und trotzdem etwas für die Umwelt tun kann. Aber woher kommt Ihr persönlicher Antrieb bei diesem Thema? Sicher aus einer gewissen grundsätzlichen Sorge um unsere Natur, die mir zum Beispiel zur Erholung in den Ferien und der Freizeit dient. Aber stark geprägt hat mich meine frühere Funktion als Einkäufer von Textilien. Das ist mehr als 15 Jahre her. Da wurde mir bewusst, welch riesige Mengen Pestizide im Baumwollanbau eingesetzt werden, wie viel Wasser für die Produktion nötig ist, unter welchen Bedingungen die Baumwollbauern, aber auch die Näherinnen arbeiten, wie viele Bauern sich verschulden müssen, weil sie teure Dünger und Pflanzenschutzmittel kaufen müssen, wie viel gefährliche Chemikalien bei der Färbung und Ausrüstung der Textilien eingesetzt werden. Glauben Sie mir, das hat mich geprägt – nachhaltig ge  prägt.


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«Die Messe selbst ist das Highlight» Vom 4. bis 6. September 2009 findet in den Maag-Hallen in Zürich die Lifefair statt – die Messe für Nachhaltigkeit und «Green Lifestyle». ecoLife hat sich mit Geschäftsleiter Kuno Spirig unterhalten. Interview: ecoLife

ecoLife: In wenigen Tagen öffnet die Lifefair ihre Türen. Wie ist die Stim­ mung bei Ihnen? Kuno Spirig: Danke, es kommt gut. Aber damit es gut kommt, ist derzeit ein gros­ ses Team daran, eine tolle Sache zu organisieren. Ich bin stolz darauf, mit solch motivierten und engagierten Menschen die Lifefair organisieren zu dürfen. Die Wirtschaftskrise sorgt derzeit für heftige Turbulenzen. Spüren Sie das? Ja. Wir spüren nach wie vor grossen Goodwill. Doch Sponsoringpartner zu finden, war dieses Mal schwieriger. Eine strenge Kostendisziplin und das grosse Engagement aller Partner hilft aber enorm. Wir ersetzen Budgets einfach durch Intelligenz und Einsatzbereitschaft. Was werden die Highlights der Messe sein? Es gibt nicht ein einzelnes Highlight, sondern die Messe selbst ist das Highlight. So wie eine wunderbare Alpenwiese durch die Vielfalt der Pflanzen beeindruckt, beeindrucken die rund 100 Unternehmen und Organisationen, die sich an der Lifefair zeigen und engagieren. Gibt es etwas, worauf Sie sich bei der Lifefair besonders freuen? Ich werde mich besonders freuen, wenn Besuchende und Ausstellende zufrieden sind. Und wenn sie alle etwas für sich von der Lifefair mit nach Hause nehmen können, was als Ansporn oder Inspiration für Nachhaltigkeit und grünen Lifestyle dient, dann habe ich all meine Ziele erfüllt.

Wie ist die Idee zur Messe überhaupt entstanden? Nachhaltigkeit und Green Lifestyle haben noch immer ein «glismetes» Image, obwohl es inzwischen unzählige Produkte und Möglichkeiten gibt, um auf moderne, coole Art Nachhaltigkeit zu leben. Weltweit spricht man vom Trend von Gesundheit und Nachhaltigkeit. Zum Trend wird etwas erst, wenn es massentauglich ist. Ich bin überzeugt, dass viele nachhaltige und «grüne» Produkte inzwischen massentauglich sind. Davon zeugen auch die vielen unterschiedlichen Stände und Aussteller, die sich an der Lifefair präsentieren. Wie fielen die Reaktionen aus, als die Messe letztes Jahr erstmals durchge­ führt wurde? Die Reaktionen waren durchaus positiv, inbesondere wurde die hohe Qualität der Besuchenden gelobt, die sich wirklich für die Produkte der Ausstellenden interessiert haben. Aber natürlich gab es auch kritische Stimmen, wie es bei einer erstmaligen Durchführung normal ist. Gewünscht wurden insbesondere eine Weiterentwicklung bezüglich des Auftritts vor Ort. Dem haben wir Rechnung getragen. Sind Sie selber auch nachhaltig? Ich bin kein Heiliger. Aber ich bemühe mich im Rahmen der sinnvollen, im Alltag umsetzbaren Möglichkeiten, mein Bestes zu geben. So fahre ich ein Familienauto mit möglichst geringem Verbrauch, ich rezykliere und sammle Papier, ich versuche Wasser zu sparen, indem ich dusche statt

bade, und ich achte im Allgemeinen auf Fair-Trade-Produkte. Es gibt in dem Bereich aber keine Regeln. Ich denke, jeder Konsument sollte sich sein eigenen Portfolio basteln. Wichtig ist einfach, dass man versucht, möglichst bewusst zu konsumieren und nicht einfach nach dem Erstbesten greift. Dann ergeben sich die Lösungen von selbst. Was tun Sie nach der Lifefair 2009? Ich freue mich darauf, auszuspannen, Zeit für die Familie zu haben und den vielen Menschen zu danken, die so stark und mit viel Herzblut das Zustandekommen der Lifefair gefördert haben. Natürlich heisst «nach der Messe» auch wieder «vor der Messe». Das bedeutet, dass ich schon bald wieder dran sein werde, die vielen Kontakte zu pflegen und die Lifefair 2010 zu ent  wickeln.

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LIFEFAIR


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4/09 ECOLIFE GreenSwitzerland-Award

Neuer Award für grüne Unternehmen Diesen Spätherbst wird erstmals der GreenSwitzerland-Award vergeben. Ausgezeichnet werden Unternehmen oder Werbekampagnen, die ökologische Nachhaltigkeit wirklich ernst meinen. ecoLife hat dazu Initiator Andrej Voina, den Gründer und Betreiber der Website greenswitzerland.ch, befragt. Interview: Reto Wüthrich

ecoLife: Was müssen Unternehmen können, um den GreenSwitzerlandAward einheimsen zu können? Andrej Voina: Entscheiden wird eine Jury, bestehend aus Kommunikationsprofis, aber auch aus Fachleuten aus dem Bereich Umweltschutz und Nachhaltigkeit. Entscheidend ist der Gesamteindruck. Krea­tive Ansätze, konsequente Umsetzung und vor allem gute Ideen sollen belohnt werden. Wie ist das Echo? Der Entscheid für den Award fiel – sehr kurzfristig – ungefähr Ende April. Für viele Agenturen und Unternehmen war das so kurz vor den Sommerferien ein wenig zu spontan. Obwohl die Qualität der bereits eingegangenen Teilnehmer sehr hoch ist, haben wir uns entschieden, die Anmelde-

frist zu verlängern und die Preisverleihung im Spätherbst durchzuführen. Es sollen sich prominente Unterneh­ men um den Preis beworben haben. Ich will vor der Verleihung keine Namen nennen. Beworben haben sich aber vom Einfrau-Betrieb bis hin zum Grossverteiler verschiedenste interessante Unternehmen und sogar Weltmarken. Das macht es spannend. Denn Kreativität ist nicht an die Grösse eines Unternehmens gebunden. Wie läuft die Jurierung ab? Alle Jurymitglieder stimmen über die nominierten Unternehmen und Kampagnen ab. Vergeben werden die ersten drei Plätze. Die Quersumme der Stimmen ergibt die Rangfolge. Die Award-Gewinner werden an einer Infoveranstaltung der SuisseEMEX im

Spätherbst bekannt gegeben. Weshalb in diesem Umfeld? Der Gedanke eines GreenSwitzerlandAwards existiert schon länger. Zusammen mit der SuisseEMEX wurde er nun früher ins Leben gerufen als ursprünglich geplant. Die Kategorie «Green Campaign» wurde deshalb speziell für die SuisseEMEX kreiert, um dem entsprechenden Umfeld gerecht zu werden. Schön wäre es, wenn sich der Award stetig weiterentwickelt und weitere Kategorien dazukommen. Ich denke zum Beispiel an Tourismus, Technologie, Forschung, Bauwirtschaft oder Energie. www.suisse-emex.ch, www.green­ switzerland.ch  


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Dass grünes Marketing nicht nur ein Lippenbe­ kenntnis, sondern ein echtes Thema ist, zeigt sich an der dritten SuisseEMEX, der Schweizer Fach­ messe für Marketing, Kommunikation, Event und Promotion. Die innovative Business- und Fachwis­ sens-Plattform wird vom 25. bis 27. August 2009 in den Zürcher Messehallen Lösungen und Angebote von über 400 Ausstellern präsentieren. Das letztjäh­ rige hohe Besucherinteresse an nachhaltigen Ange­ boten motiviert die Veranstalter, ein erweitertes GreenVillage als eigenständigen Messebereich mit Präsentationsbühne zu integrieren.

Gutes Marketing ist grün Mit dem Themenpark «GreenVillage» widmet die Marketingmesse SuisseEMEX dem grünen Marketing einen grossen eigenen Bereich. ecoLife ist als Medienpartner dabei und unterstützt damit die zunehmende Bereitschaft, umweltbewusstes Verhalten auch in Kommunika­ tion und Marketing zu verankern. Reto Wüthrich/pd

Klimafreundlich und clever    Nachhaltige Ideen, Produkte und Lösungen, mit denen sich Unterneh­ men nicht nur glaubwürdig positionieren können, sondern die auch tatsächlich einen bewussteren Umgang mit der Umwelt ermöglichen, finden im neu gestalteten «GreenVillage an der SuisseEMEX’09 ihren Platz. Klimafreundliches Drucken, nachhalti­ ge Event- und Seminarangebote, umweltfreundliche Werbemittel, recyclingfreundlicher Messebau – die Themenvielfalt ist unbegrenzt. Ausstellern bietet die Messe eine Wissens- und Angebotsplattform in Sachen Green Marketing und Green Events. Neu werden die «Grünen Seiten» im offiziellen Ausstellerkatalog die nachhaltigen Angebote der Aussteller zusätzlich zusammenfassen. Alle Ausstel­ ler ausserhalb des GreenVillage, die ebenfalls grüne Angebote am Stand präsentieren, erhalten ein mar­ kantes Symbol als Standkennzeichnung, damit dies für Messebesuchende sofort erkennbar ist. Experten engagieren sich    Um der Thematik der

Nachhaltigkeit von Fachexpertinnen und -experten vertieft nachzugehen, wird das GreenVillage auch eine Plattform für Informationen und lädt auf der eigenen Präsentationsbühne zu Fachvorträgen und Diskussionsrunden ein. Das Thema des Klima­ schutzes und der Nachhaltigkeit wird aus den ver­ schieden­s­ten Marketingblickwinkeln präsentiert. Die Messebesuchenden erhalten praxisnahe Lösun­ gen aus erster Hand. Die Fachexperten von Climate­ Partner stehen für eine kostenlose Beratung wäh­ rend der ganzen Messezeit zur Verfügung. www.suisseemex.ch  


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Die Flintstones möchten nicht mehr

anders

Düster, feucht, unterirdisch – wohliges Wohngefühl stellt sich kaum ein, wenn man an ein Erdhaus denkt. Doch der Rundgang zeigt: Es handelt sich keineswegs um eine primitive Höhle. Vera Sohmer


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Tipp Blue-Tech 09 ist die Fachver­anstaltung für

Wer durch Arboldswil im Kanton Baselland fährt, sieht Dutzende von Häusern mit spitz zulaufenden Ziegeldächern. Ein gewöhnliches Bild wie in vielen Dörfern. Doch plötzlich stutzt man. Es rückt etwas ins Blickfeld, das völlig anders ist: schneeweiss, wulstige Rundungen, eigenartig, fremdartig. Doch beim zweiten Mal hinschauen stellt man fest: So schlecht passen sie gar nicht in die sanft hügelige Landschaft, diese Häuser ohne Ecken und Kanten. Überraschend wohnlich    Langsam gewöhne man

sich daran, hätten die Nachbarn gesagt. Jene, die in den eckigen Häusern mit den spitz zulaufenden Dä­ chern wohnen. Einige Dorfbewohner waren auch schon zu Besichtigungen da. «Völlig abwegig fand es keiner und die meisten waren überrascht, wie wohn­lich es bei uns ist», sagt Urs Ritter. Als er vor 30 Jahren zum ersten Mal ein Erdhaus betrat, wäre er am liebsten geblieben. Die hell gestrichenen, ge­ wölbeartigen Räume hätten sehr einladend auf ihn

IMPRESSUM ecoLife Das Schweizer Magazin für Nachhaltigkeit www.eco-life.info Verlag ProfilePublishing GmbH Pfadacher 5, 8623 Wetzikon Telefon 043 488 18 44 Fax 043 488 18 43 info@profilepublishing.ch Verlagsleiterin Karin Stich stich@profilepublishing.ch

Chefredaktor Reto Wüthrich +41 (0)79 414 69 48 reto.wuethrich@eco-life.info Mitarbeit an dieser Ausgabe Beatrice Fankhauser, Walter Fassbind, Sabine Flachsmann, Yvonne van Hunnius, Steffen Klatt, Fabrice Müller, Anita Niederhäusern, Daniela Schwegler, Vera Sohmer Patrizia Villiger (Lektorat)

Foto und Illustration Claudia Meyer/Setz Architektur, Jürg Zürcher, Magi Wechsler, Getty Images: Sabine Scheckel, Neo Vision, Image Source, Absodels, Pernilla Bergdahl, SambaPhoto/Guto Seixas, Katrina Wittkamp Fotolia: Vitalij Goss iStockphoto:PetePattavina Inserate ProfileMedia AG Pfadacher 5, 8623 Wetzikon Tel. 043 488 18 55 Fax 043 488 18 43 admin@profilemedia.ch

effiziente Energielösungen, erneuerbare Energien. Sie bietet u. a. Tipps zu Sanierung, Finan­zierung und zum Bau des Eigenheimes. Mit Fachtagung, Aus­s tel­ lung und Investors Event. 17. bis 19. September 2009, Katharina-Sulzer-Platz, Win­terthur. Eintritt frei, Fachtagung mit Anmeldung. www.blue-tech.ch

gewirkt. Und überall Formen, wie sie auch in der Natur vorkommen. Die Säulen beispielsweise gli­ chen Bäumen, unten kräftig, sich nach oben verjün­ gend. Überhaupt gefiel ihm diese Architektur, die der Landschaft keine Fremdkörper aufpflanzt, son­ dern sich der Natur unterordnet. Lange hätten er und seine Frau Rösi konventio­ nell gewohnt – in einem eckigen, modernen Kasten, sagt Urs Ritter. «Aber die Erdhausidee liess mich nicht mehr los.» Vor ein paar Jahren stiess er auf den Architekten Karl Eymann, der in Arboldswil be­ reits zwei Erdhäuser gebaut hatte. Das dritte sollte als Fortsetzung der beiden anderen am untersten Punkt des Geländes am Hang entstehen. Urs Ritter wusste: «Das ist es.» Seit einem Jahr steht es, das

Gestaltung und Produktion Karin Engler k.engler@profilepublishing.ch Druck Ziegler Druck- und Verlags-AG 8401 Winterthur Abonnement ecoLife erscheint sechsmal jährlich Einzelpreis Fr. 9.60 Jahresabonnement Fr. 45.– (Ausland: plus Portokosten) Bestellungen Tel. 043 488 18 42 abo@eco-life.info ISBN-Nr. 3-907659-73-2

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Traumhaus – 170 Quadratmeter Wohnfläche, ver­ teilt auf vier Ebenen, der Topographie angepasst. 1,7 Millionen Franken und 2000 Arbeitsstunden hat das Ehepaar investiert.

ser in Hänge hineingebaut sind. Der Lehmverputz der Innenwände sorgt zudem für Feuchtigkeitsaus­ gleich. Und angenehm riechen tut er auch, sagt der Architekt.

Bestandteil der Natur    Typisch ist die Erde auf

Verkehrte Welt    Nur etwa 50 Erdhäuser gibt es bislang in der Schweiz. Die meisten stammen von Peter Vetsch, der von dieser Bauweise bereits in den 1970er-Jahren schwärmte. Ob es bald mehr werden? Möglich, sagt Karl Eymann, schliesslich fördere der Bund Ökoenergie. Und dass es mit der Zersiedelung und dem Landschaftsverbrauch so nicht weiterge­ hen kann, rücke auch allmählich ins Bewusstsein. Umdenken müssten jetzt nur noch die Architekten: «Für jemanden, der konventionell baut, ist das keine Architektur, was wir da machen.» Da wundert auch nicht, dass der Nachwuchs fehlt – ausgebildet wird nicht im Erd- oder Hügelhausbau. Rösi und Urs Ritter möchten nicht mehr anders wohnen. Kommen sie heute in ein kantiges Gebäu­ de, fühlen sie sich wie in einer verkehrten Welt. Sie sehnen sich nach ihrem Haus voller Kuppeln und Kurven. Vielleicht, weil diese Formen so ursprüng­ lich, so natürlich sind – und so beschützend wirken. Sie wollen zurück in ihre Höhle? Urs Ritter lacht. «Als wir erzählten, dass wir ein Erdhaus bauen, hiess es tatsächlich: Oh je, jetzt gehen sie unter die Höhlenbewohner.» Für die ersten Fotos vor der neu­ en Behausung posierte das Ehepaar dann auch als «Flintstones» – in Fellen und mit Velos, die Stein­ scheiben als Räder haben.  

dem Dach – die rund 1,40 Meter dicke Schicht be­ steht aus Aushubmaterial. Ein Prinzip der Erdhausarchitektur: Man packt das, was man für den Haus­ bau ausschaufeln musste, oben wieder drauf. «So gibt man der Natur einen grossen Teil der ursprüng­ lichen Oberfläche zurück», sagt Karl Eymann. Die Erdschicht verstärkt zudem den Eindruck, die Häu­ ser seien Bestandteil der natürlichen Umgebung – sie sehen aus, als wären sie selbst gewachsen. Auf Urs Ritters Dach spriesst inzwischen, was spriessen will: Gräser, Wildblumen, Undefinierbares. «Ich habe noch keinen einzigen Halm abgeschnitten.» Dunkel und klamm, so stellt man sich ein Erd­ haus vor. Ein Rundgang bei Ritters zeigt: Es stimmt weder das eine noch das andere. Durch die vielen Fenster und Oberlichtkuppeln strömt reichlich Ta­ geslicht in die Gewölbe und das Wohnklima ist an­ genehm. Die Luftfeuchtigkeit beträgt konstant 50 Prozent, die Temperatur immer 22,8 Grad – som­ mers wie winters. Die besondere Konstruktion sorgt für ausgeglichene Verhältnisse und dafür, dass man rund ein Drittel weniger Heizenergie braucht als in Häusern normalen Zuschnitts. Erdhäuser bestehen aus Spritzbeton, dieser erhält einen Mantel aus Po­ lyurethan, das isoliert gut. Ebenso die Erdschicht auf dem Dach und der Umstand, dass viele Erdhäu­

Elektroroller - X-9 …70 km/h Der X9 besitzt einen bürstenlosen DC-Radnaben-Motor mit 3000 Watt Nennleistung bei 60 Volt und wird von 19 LiIon-Zellen mit einer Kapazität von 40 Ah betrieben. Sie besitzen eine hervorragende Zyklenstabilität von 1000 Lade­vorgängen. Das kräftige Drehmoment sorgt für die Bewältigung von Steigung bis 20 %. Durch das Schweizer Know-How konnte mit dieser technischen Neu-Entwicklung VESPINO ein zuverlässiges Produkt auf den Markt bringen mit 2 Jahre Garantie. Nicht nur das Äussere dieses Rollers überzeugt, seine Leistungen sind atemberaubend. Dabei verbraucht der Vespino X-9 pro 100 km Strom für gerade mal Fr. –.80. Dies reicht für Berg- und Talfahrten von 50 bis 70 km. Weitere technische Daten finden Sie unter: www.vespino.ch ADISSA FE AG • Hauptstrasse 55, CH-4528 Zuchwil, Telefon 032-685 02 77. Anfragen per Mail an: klaussner@vespino.ch


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Würzige Angelegenheit Vom 14. bis 25. September 2009 finden zum 12. Mal die Max­Havelaar-Wochen statt. Dieses Jahr stehen sie unter dem ­Motto «Fair Kochen». Zwei prominente Schweizer Köche zeigen, wie man mit Fairtrade-gelabelten ­Zutaten wie Reis, Gewürzen und exotischen Früchten wunderbare Menüs kreieren kann. Unter der Rubrik «Fair Kochen» auf maxhavelaar.ch stellt Max Havelaar ab 14. September jeden Tag ein neues Rezept vor. Auch Köch­innen und Köche zuhause sind gefragt. Sie können ihr eigenes Fairtrade-Rezept einschicken oder bei einem Wettbewerb mitmachen.

ecoTicker Solarkraftwerk für unterwegs Beim Verlassen des Hauses gehört das Einpacken des Handys ebenso dazu wie beim Reisen eine Fotokamera. Der Haken: Die Leistungsdauer eines Akkus ist beschränkt. Mit leerem Akku lässt sich nicht mehr telefonieren oder fotografieren. Eine gute Lösung für unterwegs bietet deshalb Sunbag. Das mobile Solarkraftwerk lädt die Akkus auf und bringt damit die Elektronik wieder auf Trab. Über ein integriertes Solarpanel lässt sich das Herzstück des Sunbags – erhältlich in zwei Grössen – aufladen und dient gleichzeitig als Akku. Diese Technologie stammt ursprünglich aus der Raumfahrt und verwendet Solarzellen, die leicht, biegsam und bruchsicher sind.

Jugendherbergen auf ­Steinbockjagd Die Schweizer Jugendherbergen geben Vollgas in Sachen Umweltfreundlichkeit: Bis 2011 sollen alle 57 Jugendherbergen (im Bild das nach Minergie-Standard realisierte Haus in Scuol) mit dem EU-Umwelt- und dem Steinbocklabel zerti­f iziert sein. Bei 19 ist dies schon der Fall. Bis Ende Jahr sollen 35 das Zerfifikat tragen. Schon seit 1993 engagieren sich die Schweizer Jugendherbergen konsequent für die Umwelt. So können die Gäste ihre Anreise und Übernachtungen in Kooperation mit der Klimaschutz-Organisation myclimate kompensieren, was bereits 60 Prozent aller Gäste freiwillig tun. Zudem kommen vorwiegend Getränke und Speisen von Max Havelaar Fairtrade auf den Tisch.

Viermal mehr Windstrom Mit der Errichtung von acht zusätzlichen topmodernen Grossturbinen auf vier Baustellen in den Gemeinden St. Imier, Courtelary, Villeret und Cormoret (Berner Jura) soll die Jahresproduktion des bestehenden Kraftwerks ab Herbst 2010 vervierfacht werden. Zur sicheren und landschaftsverträglichen Durchführung dieser umfangreichen Arbeiten, die inklusive der erforderlichen Verstärkung des Stromnetzes rund 52 Mio. Franken kosten, setzt die verantwortliche Juvent SA neue umweltschonende Baumethoden ein. Damit lassen sich die Bau- und Montageflächen, die Anzahl Lastwagenfahrten und der CO2Ausstoss stark reduzieren.


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OlivenĂśl fĂźr den Frieden Bereits seit acht Jahren produzieren palästinensische Kleinbauernfamilien ein ­charaktervolles, kalt gepresstes OlivenĂśl in Bioqualität fĂźr den Export. Der Verkauf in Europa sichert die Existenz vieler Familien. Das erstklassige erntefrische Bio­ olivenĂśl ist in Europa einzigartig. Es ist das Resultat jahrelanger Arbeit einer Bewegung von jĂźdischen und palästinensischen Menschen in Europa (ÂŤKampagne ­OlivenĂślÂť), welche gemeinsam auf eine Annäherung der beiden VĂślker und den Frieden im Nahen Osten hinarbeiten. Die palästinensischen Kleinbauern pflegen ihre Olivenb��¤ume und den Boden sanft und umweltschonend. Dank der Bezahlung eines fairen Preises kĂśnnen die Kleinbauern ihre Lebensbedingungen aus ­eigener Kraft verbessern. Mit dem VerkaufserlĂśs werden ne­ben der Ăśkologischen Landwirtschaft auch medizinische und schulische Projekte sowie Projekte zur Unter­s tĂźtzung von Frauen finanziert. Das ÂŤbio&fair Extra VergineÂť-OlivenĂśl wird zudem nicht geflogen, sondern per Schiff nach Europa transportiert. In Europa kann es via Direktversand bezogen ­werden. www.gebana.com/olivenoel

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ECOLIFE 4 /09 PERSÖNLICH

Aufgezeichnet von Daniela Schwegler

«Der Wald trägt Früchte»

Karin Doppmann ...

«Wir verhelfen Menschen in Afrika mit Bäumen zu einem neuen Einkommen. Das Rezept ist einfach: Wir zäunen Ödlandflächen in der Sahelzone ein. Die überall frei rumlaufenden Ziegen, Schafe und Esel können die nachwachsenden Bäumchen nicht mehr abknabbern. Ein neuer Wald entsteht und damit eine neue Lebensgrundlage für die Menschen vor Ort. Unsere Spenderinnen und Spender tun Menschen und Umwelt etwas Gutes: Einerseits unterstützen sie die ländliche Bevölkerung in den drei Ländern, in denen wir tätig sind: Burkina Faso, Benin und Eritrea. Andererseits profitiert die Umwelt. Die 250 000 Bäume auf unseren Parzellen absorbieren für ihr Wachstum das Treib­ hausgas CO2 und verbessern das Klima weltweit. Die CO2-Zertifikate sind eine wichtige Einkommensquelle der Nonprofitorganisation newTree, die ich präsidiere. Ein Laufmeter Maschendrahtzaun kos­tet fünf Franken. Für die Menschen in Afrika ist das unbezahlbar. Wir liefern ihnen deshalb das Material: Draht, Pfähle, Beton. Aufstellen müssen sie den Zaun selber. Unser Ansatz, Bäume zu schützen, nicht nur zu pflanzen, hat sich wie ein Lauffeuer ver­brei­tet. Der Ansturm ist riesig. Wir haben so viele Anfragen, dass wir kaum mehr nach­kommen mit dem Einzäunen neuer Parzellen. Die Selektionskriterien an unsere Partner vor Ort sind streng: Es müssen genügend Leute mithelfen, den Zaun zu erstellen, und sie müssen gewährleisten, dass der Zaun geschützt wird. Früher machten uns Maschendrahtdiebe zu schaffen. Sie schnitten den Zaun von den Pfählen weg und verkauften ihn auf dem Markt für teures Geld. Statt den Zaun wie früher nur am Pfahl zu befesti-

.­.. ist 35-jährig und Präsidentin von newTree. Die Non-Profit-Organisation ist überzeugt, dass Halbwüsten wie die Sahelzone Afrikas wieder grün und fruchtbar werden können. Durch das Einzäunen von Wüsten­ parzellen wachsen neue Bäume: eine neue Lebensgrundlage für die Bevölkerung vor Ort. Zudem profitiert das Klima weltweit. Die Bäume absorbieren CO2 aus der Atmosphäre. Mehr Infos: www.newtree.ch.

gen, ziehen wir ihn nunden Zaun nun durch Löcher in den Pfählen hindurch. Das Einschlaufen ist unsere Antidiebstahlsicherung. Die Landstücke, die wir wieder begrünen, bedeuten für die Bauern- und Viehzüchterfamilien Leben und Zukunft. Dank der neuen Lebensgrundlagen können sie in ihrer Heimat bleiben und müssen nicht in die Slums der Grossstädte abwandern, um ein Auskommen zu finden. Von einer eingezäunten Parzelle lebt eine ganze Gross­familie oder Frauengruppe. Der Wald trägt Früchte: Die Bauern ernten Nüsse oder bauen Papaya an, die sie trocknen und auf dem Markt verkaufen. Wir zeigen auch, wie man Bienen züchtet. Der Verkauf von Honig ist eine begehrte Einnahmequelle. Die Frauen pflanzen im Schatten der Bäume zudem Gemüse oder Mais an. So hat die ganze Familie zu essen. Mit unserer Arbeit zeigen wir den Bauern, dass ein lebender Wald mehr bringt als ein abgeholzter. Die Kochstellen, die wir mit den Frauen aus Erde und Lehm bauen, brauchen nur einen Drittel so viel Holz wie ihre herkömmliche Kochmethode auf dem offenen Feuer. Wir haben zusammen mit den Frauen schon mehr als 1500 solcher holzsparender Koch­s tellen gebaut. Unser Ansatz, die Natur zu schützen und dabei den Menschen vor Ort eine neue Lebensgrundlage zu geben, überzeugt mich persönlich sehr. Unser grosses Ziel ist ein wieder begrünter Sahel.»  


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Auf dem Holzweg ins Glück

Green Design hat viele Facetten. Beim italienischen Möbelhersteller Riva kommt es edel daher. Renommierte Designer wie Karim Rashid, Paola Navone oder der Schweizer Mario Botta verpassen dem Massivholz Form und Funktion. So unterschiedlich ihre Entwürfe auch sind, hergestellt werden sie alle nach ökologischen Grundsätzen. Beatrice Fankhauser

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Fährt man vom südlichsten Zipfel der Schweiz noch wenige Kilometer weiter, befindet man sich mitten in der Hügellandschaft von Brianza, dem Tischler­ mekka der Lombardei. Viele kleine und mittelgros­ se Familienbetriebe haben sich hier im letzten Jahr­ hundert niedergelassen. In dieser idyllischen Regi­ on entsteht das Massivholzdesign von Riva. Die Kreationen aus deren Natura-Kollektion gelten als Eco-Design vom Feinsten. Kirschbaum, Ahorn, Ei­ che, Nussbaum, Teak oder Zedernholz aus bestä­ tigten Wiederaufforstungsgebieten sind die Res­ sourcen dafür. Der Sinn für Qualität und Nachhal­ tigkeit macht Eindruck beim nördlichen Nachbarn. Die Schweiz steht an dritter Stelle mit Aufträgen. An rund 25 Verkaufsstandorten zwischen Genf (Ar­ topia) und Davos (Casty Wohnen) gibt es Riva De­ sign zu kaufen. Unternehmen mit Herz    Als Familienbetrieb Matteo Thun kombiniert massives Nussbaumholz mit Leder.

1920 in Cantù bei Como gegründet, hat sich Riva im letzten Jahrhundert mit der Einrichtung von Ho­ tels und Bürogebäuden sehr schnell einen Namen für kunstvolles Handwerk gemacht. Es war Mitte der 90er-Jahre, als sich Maurizio und Davide Riva, die En­ kel des Firmengründers, darüber Gedanken machten, eine eigene Kollektion auf den Markt zu brin­ gen. Daraus entstanden ist die Kollektion R1920, ein Komplett­

«Kairo» von Karim Rashid: ägyptisch inspiriert.

programm, das vom Bett über Tisch und Stuhl bis hin zur Küche modernes Eco-Living bietet. Tech­ niken, die sich über Generationen bewährt haben, setzen sie auch heute noch bei ihren Entwürfen ein. In ihren Produktionshallen stehen junge Schreiner neben erfahrenen Handwerkern, so wird die Tisch­ lerkunst von Generation zu Generation überliefert. Riva arbeitet regelmässig mit international re­ nommierten Designern und Architekten zusammen. Die ersten waren Renzo und Matteo Piano, Paolo Pininfarina und Terry Dwan. 2001 ist ein Schweizer zum Team gestossen: Mario Botta. «Ein grossartiger Mann und Architekt, der sehr hellhörig ist für öko­ logische Anliegen», rühmt Maurizio Riva. «Sein erstes Objekt war ein Tisch aus Kauriholz, das aus den Sümpfen Neuseelands geborgen wird. Er wurde an einer Auktion zugunsten der Familien der Feu­ erwehrmänner, die am 11. September in New York ums Leben gekommen sind, versteigert.» Man spürt, in Cantù geht es nicht nur um den blossen Möbelhandel. Der Mensch steht im Vor­ dergrund und die Passion gehört dem Holz. Daraus entstand 2001 das Museo del Legno, das Holzmu­ seum. «Hier wird unsere Tradition wachgehalten. Das Museum beherbergt rund 2200 Holzverarbei­ tungsstücke aus aller Welt, die zwischen 1740 und 1930 im Einsatz waren. Zudem soll das Museum eine Brücke bilden zwischen Handwerk und Kul­ tur. In den Räumlichkeiten werden spezielle Events durchgeführt, darunter eine Ausstellung zum De­ sign von Studio Piano oder der «on stage»-Designund Mal-Even von Arnaldo Pomodoro.»


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Design aus Massivholz    Geschichte und Traditio­

nen werden bei Riva wachgehalten, ohne dass man sich vor neuen Ideen verschliesst. Davon konnte man sich letzten April am Salone del Mobile in Mailand überzeugen: Erstmals war das enfant terrible des Designs, Karim Rashid, am Riva Stand präsent. Für den Sessel Kairo mit den geschwungenen Einker­ bungen hat er sich auf seiner letzten Reise nach Ägypten inspirieren lassen: «Ich war sehr beein­ druckt von den Linien, die einen doppelten Bogen formen. Es scheint, als wollten sie ein Auge bilden. Ich habe diese Form in Einrichtungsgegenständen, von Hand in Holzboote eingeritzt oder in den Sym­ bolen in Hieroglyphenschriften der antiken Ägyp­ ter gefunden», kommentiert er die Form von Kairo. Eine weitere Neuheit stammt von der Italienerin Paola Navone. Sie lässt runde Pilze aus Zedern- und Nussbaumholz aus dem Boden schiessen. Ihr spie­ lerischer Geist ist in der Szene bekannt und passt bestens zu Riva. Der Sessel Maui-Mini von Terry Dwan ist eine Deklination des Bestsellers Maui, mit kleineren und ergonomischen Ausmassen. Ausge­ stattet mit einer drehbaren Basis und Beinen aus na­ türlichem Eisen kann er als Loungesessel oder an einem Tisch benutzt werden. Wie sein grosser Bru­ der ist er aus einem Stück angefertigt. Durch die kon­

zentrischen Kreise des Zedernbaumstammes wird jeder Sessel zu einem Unikat. Damit liefert die ge­ bürtige Amerikanerin ein perfektes Beistellmöbel für drinnen und draussen. Im Gleichgewicht mit der Natur    In seinem Kern trägt Holz die Geschichte des Lebenskreislaufes. Auf den italienischen Möbelhersteller übertragen, impliziert das den Zyklus von der Pflanzung über die Entstehung eines Möbelstücks bis hin zur Wie­ deraufforstung von Gebieten, woher das Holz stammt. Holz wird nur von Lieferanten gewählt, die sich dem für den Schutz und für die Verwaltung der Waldbestände entwickelten Programm «Smart­ Wood Certified Forestry» anschliessen. «Wir bearbeiten das Holz mit grosser Sorgfalt, denn es ist ein wertvolles Geschenk der Natur: es lebt, «atmet» und darf nicht erstickt oder mit chemi­ schen Lackfarben bedeckt werden», sagt Maurizio Riva. In der Produktion verwendet Riva seit Jahren nur Öle, Naturwachse und Vinylleime ohne Form­ aldehyd (die chemische Verbindung wird von der Weltgesundheitsorganisation WHO für den Men­ schen als krebserregend eingestuft). In den Produk­ tionshallen in Cantù herrscht somit keine dicke Luft

Die Tischplatte von Newton gibt es in Eiche, Nussbaum oder Lärche.

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und die Gesundheit wird während des Herstellungs­ prozesses nicht mit giftigen Dämpfen belastet. Nicht immer sind sich Käufer beim Erwerb eines neuen Möbelstückes bewusst, was sie ins eigene Living tragen. Sehr viele chemische Zusammensetzungen befinden sich in Produkten und Materialien inner­ halb unserer Wohnung, die für einen langen Zeit­ raum in die Atmosphäre abgegeben werden. Wenn man bedenkt, dass wir im Schnitt 80 Prozent unse­ res Tages in geschlossenen Räumen verbringen, wird die Wichtigkeit einer guten Wahl offensicht­ lich. Doch die haben wir leider nur im privaten Um­ feld. Ästheten mögen Holz    Die natürliche Holzbe­ handlung wirkt sich nicht nur auf die Gesundheit positiv aus. Ästheten mögen, dass die Oberflächen­ bearbeitung mit Naturöl und Bienenwachs die Be­ schaffenheit des Holzes hervorhebt und für leben­ dige Farbnuancen sorgt. Massives Holz ist in seiner Farbintensität und Maserung einzigartig. Als leben­ diges Material reagiert es auf Lichteinstrahlung mit Nachdunkeln. Darauf sollte bei der Platzierung der Möbel geachtet werden. Ansonsten ist die Pflege eines Holzsessels oder -tisches sehr einfach. Und Riva hat vorgesorgt: Beim Erwerb eines Möbels

Ergonomisch eingebuchtet: Hocker «Ludo» von Terry Dwan.

wird gleich ein Pflegesatz mitgeliefert, in dem sich ein Fläschchen für die Feinbearbeitung, ein Staub­ tuch, ein Stahlwollschwämmchen für die Entfer­ nung von eventuellen Kratzern oder Rändern, ein Tuch für die Verteilung der Flüssigkeit und ein Baumwollhandschuh befinden. Und in einer Holzkiste gibt es noch ein besonde­ res Geschenk: Es lebt, wächst und wird irgendwann ein stattlicher Baum. Eine poetische Geste. Ein Ge­ schenk zurück an die Natur. Somit ist der natürliche Kreislauf geschlossen. «Der Baum als Geschenk ist ein Symbol unserer Liebe für die Natur. Vor allem aber verdeutlicht es einen unumstösslichen Fakt: Möbel aus Holz entstehen aus einem Baum», erklärt Maurizio Riva das Natural-Living-Projekt, wie die «Baumschule» der besonderen Art genannt wird. Sinnvoll bis zum Span    Wo gesägt und gehobelt wird, da fallen Späne. Auch in den Produktionshal­ len von Cantù bleibt einiger Holzabfall liegen. Seine Geschichte endet im Kamin bei Privaten in der Nachbarschaft. Bis zur letzten Stufe sind die Pro­ duktionsabläufe darauf ausgerichtet, schonend mit der Umwelt umzugehen. Zu dieser Philosophie ge­ hört, dass bis zum kleinsten Span das Holz sinnvoll verwertet wird. www.riva1920.it  


IM DIALOG MIT DER TECHNOLOGIE

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ECOLIFE 4 /09 Baumhaus

Bubenträume in luftiger Höhe Eine Hängebrücke führt uns sanft, aber stetig in luf­ tige Höhen. Sie sind normalerweise Vögeln und Eichhörnchen vorbehalten. Noch können wir nur erahnen, was da kommen wird, denn das dichte Blätterwerk verdeckt uns die Sicht. Dann plötzlich tauchen sie auf – zuerst bruchstückhaft, dann im­ mer klarer. Sie hängen in fünf bis acht Metern Höhe an drei grossen Eschen. Jedes von ihnen wurde ei­ nem Vogel gewidmet, der hier im Wald oberhalb von Le Locle lebt. Die Fassaden wurden in den Far­ ben der jeweiligen Vögel gestrichen. Und auch sonst ist man den Vögeln und Tieren dieses Waldes sehr nahe, wenn man ferienhalber einige Tage oder auch eine Woche oder länger in einem der Baumhäuser von Jean-Paul Vuilleumier verbringt. «Im Winter ist es hier besonders schön», schwärmt der Schreiner mit eigener Werkstatt gleich gegenüber den Baum­ häusern. «Dann lebt man mitten in einer weissen, stillen Zauberwelt.» Minergie-Baumhaus    Vor sieben Jahren realisier­ ten Jean-Paul Vuilleumier und drei Mitarbeiter das erste der heute vier Baumhäuser gleich neben der Werkstatt. Es diente als Prototyp und wurde an­ lässlich der Expo.02 gebaut. Das Baumhaus war schnell ausgebucht. Zwei Jahre später kamen die drei weiteren dazu. Sie stehen auf einer Waldpar­ zelle der Stadt, die eine auf 20 Jahre befristete Bau­ bewilligung aussprach. Danach müssen die Häuser wieder abgerissen werden. Oder die Bewilligung wird neu verhandelt und verlängert. Gäste aus der ganzen Schweiz mieten die Baum­ häuser der Familie Vuilleumier. Drei Häuser bieten Platz für zwei Personen, eines sogar für eine vier­ köpfige Familie. Das grosse Baumhaus wurde im Minergie-Standard erstellt und ist rollstuhlgängig. Die Häuser verfügen alle über eine kleine Küche,


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4/09 ECOLIFE Baumhaus

Jean-Paul Vuilleumier und Urs Amrein haben etwas gemeinsam: Sie haben Baumhäuser gebaut und sich damit Bubenträume erfüllt. Wer in den Baumwipfeln übernachtet, muss auf Komfort keineswegs verzichten. Fabrice Müller


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ECOLIFE 4 /09 Baumhaus

Auch ein starker Sturm bringt das Baumhaus nicht ins Wanken. Je mehr Leute drin sind, desto stabiler ist es.

eine Dusche mit WC sowie einen Holzofen, der im Winter mit Pellets beheizt wird. Für den Innenaus­ bau wurde vor allem Tannenholz verwendet, das für ein besonderes Aroma in den Häusern sorgt. Attrak­ tiv ist auch die unmittelbare Nähe zum Freibad, zu den Sportanlagen und im Winter zu den Langlauf­ loipen. Seminare mal anders    Von Le Locle nach Hildis­ rieden. Das Haus bewegt sich. Das wird einem be­ reits klar, wenn man die steile, etwa drei Meter hohe Stahltreppe hinaufsteigt. Die Treppe steht auf klei­ nen Rädern, die flexibel auf die Bewegungen dieses nicht alltäglichen Hauses reagieren. Oben auf der Veranda spürt man leichte Vibrationen, die durch Gehen oder Hüpfen ausgelöst werden. Die Befürch­ tung, das Haus könnte bei starkem Sturm ins Schwanken geraten, sind allerdings unbegründet. Auch eine Vollbesetzung mit maximal 30 Personen

bringt das Haus nicht aus der Ruhe – im Gegenteil: Je mehr Leute sich im Haus befinden, desto stabiler ist es. An Stabilität mangelt es dem Baumhaus von Urs Amrein vom Neuhof in Hildisrieden aber auch ohne Gäste nicht. Eine rund 70-jährige Eiche trägt dieses Baumhaus, das als Seminar-, Schulungs- und Sitzungsraum gemietet werden kann. «Mit dem Baumhaus erfüllte ich mir einen lang ersehnten Bu­ bentraum», erzählt der Landwirt. Mit 180 Anlässen pro Jahr ist das Baumhaus gut ausgelastet. Genügend Platz zum Wachsen    Das Baumhaus befindet sich etwa drei bis sechs Meter über dem Boden. Die Konstruktion wurde über die massive Astgabelung direkt über dem Dach des Baumhauses aufgehängt. Verstellbare Gurtaufhänger tragen das 24 Tonnen schwere Haus. Sie sind verstellbar, um das Längenwachstum der Eiche ausgleichen zu können. Zwei Stahlringe führen um den circa 90 Zentimeter dicken Stamm. «Mit dieser Lösung ge­ ben wir dem Baum genügend Platz, pro Jahr etwa einen Zentimeter zu wachsen. Stimmen unsere Be­ rechnungen, dürfte der Stamm in circa 15 Jahren zwei Stellen der Stahlringkonstruktion berühren.» Für die Stromversorgung wurde eigens eine Lei­ tung bis zum Baumhaus gelegt. Auch Telefon- und Internetanschlüsse sind vorhanden. www.lesnids.ch, www.baumhaustraum.ch, www.campingsaignelegier.ch


4/09 ECOLIFE

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33 PROFIL


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ECOLIFE 4 /09 MINERGIE-P

Vier Wände für ein Halleluja Wer nach neusten Baustandards baut, dämmt seine vier Wände so gut, dass keine konventionelle Heizung mehr nötig ist. Drei raffinierte Beispiele zeigen, dass dafür auf gute Architektur keineswegs verzichtet werden muss. Anita Niederhäusern


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Das Walmdach des Minergie-P-Hauses im berni­ schen Golaten scheint auf einem das Haus umlau­ fenden Glasband zu schweben. Hausbesitzerin De­ borah Eggel erklärt: «Das Band stellt die unter dem Dach laufenden Lauben der alten Bauernhäuser dar.» Die vierköpfige Familie Eggel Böni wusste von Anfang an, dass für sie nur ein Minergie-P-Haus in Frage käme, das sei man der Umwelt schuldig. «Ei­ gentlich sollte nur noch so gebaut werden», findet sie. Ebenso wichtig war, dass das Haus über zwei Wohnungen verfügt, die der jeweiligen Situation der Familie angepasst werden können. Im Moment sind es zwei 5 ½-Zimmerwohnungen, die so inein­ ander verschachtelt sind, dass beide von der schö­ nen Lage profitieren und direkten Zugang zum Garten haben. Das Minergie-P-Haus, entworfen vom Archi­ tekturbüro aardeplan in Baar, steht wie ein Pilz an einem sanft abfallenden Hügel. Der Betonkern um­ fasst die Treppenaufgänge sowie die Nasszellen. «Wir haben ihn den mächtigen Kaminen der alten Bauernhäuser nachempfunden», erklärt Deborah Eggel. Im Erdgeschoss befinden sich die Waschkü­ che und die Haustechnikzentrale. Die Aussenwän­ de sind mit 30-36 cm, das Walmdach mit 48 cm Steinwolle gedämmt. Grosse Fenster in der holzver­ kleideten Fassade lassen viel Licht aus allen Him­ melsrichtungen herein und gewähren einen wun­ derbaren Rundblick.

Übers Jahr gesehen weist das Minergie-PHaus in Riehen eine positive Energie­bilanz auf. Es produziert mehr Strom, als seine Bewohner fürs Heizen, Warm­wasser, elektrische Geräte, Lüftung und Beleuchtung brauchen.

penzellischen Trogen an. Das Haus beweist, dass sich gute Architektur, ein tiefer Energieverbrauch und Denkmalpflege durchaus vertragen. «Die Idee, ein Haus zu bauen, das wie ein Sonnenkollektor funktioniert, hatte ich bereits in den 70er-Jahren aus einer Zeitschrift», erklärt Miteigentümer Heini Baumgartner. Damals erfuhr er von einem Haus, das sich selber mit Energie versorgt. An der St. Galler ImmoMesse traf er den Architekten Thomas Metz­ ler, der sein Mann werden sollte, um den Traum vom Wohnen ohne herkömmliches Heizsystem zu realisieren.

Schmetterlinge unterm Dach    Im Erdgeschoss

befindet sich eine Wärmepumpe zur Erzeugung der Restwärme für die Heizung und das Brauchwarm­ wasser. Auf dem Dach wurden zehn Quadratmeter thermische Sonnenkollektoren installiert, die, nebst der passiven Sonneneinstrahlung, einen grossen Teil der Wärmeerzeugung übernehmen. «In diesem Haus lässt es sich als Familie gut leben», erklärt Deborah Eggel, «und jede Wärmequelle, sei es nur eine kleine Kerze, wird gleich für die Raumwärme genutzt. Bei uns ist es das ganze Jahr über konstant 22 bis 23 Grad warm.» Neben der dunkelroten Fassade ziehen auch die grossen Schmetterlinge auf der Dachunterseite, dem Dachhimmel, die Besucher des Hauses im ap­

Das Haus als Kraftwerk    Auch der Bauherrschaft Christine und Stephan Wenk und dem Architekten Werner Setz von Setz Architektur in Rupperswil ist mit dem 2-Generationen-Haus mit 240 m2 Wohn­ fläche in Riehen ein zukunftsweisendes Bauobjekt gelungen. Das Minergie-P-Haus produziert dank einer Solarstrom- und Kollektorenanlage sowie einer Wärmepumpe mit Erdsonde über den persönlichen Bedarf hinaus Energie. Werner Setz: «Wir planen erfreulicherweise auch immer öfter Minergie-PBauten. Häuser, die mehr Energie produzieren, als ihre Bewohner brauchen, sind jedoch leider noch die Ausnahme!» Die Energieversorgung des 2-Ge­


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ECOLIFE 4 /09 MINERGIE-P

Minergie-Fakten

Der Dachhimmel des Schmetterlingshauses in Trogen

nerationen-Hauses wird zum grössten Teil über die Solarstromanlage und die Sonnenkollektoren auf dem Gebäude sichergestellt. Hinzu kommt eine Wärmepumpe mit Erdsonde. Im Sommer kann das Haus über die Erdsonde und die Fussbodenheizung auch leicht gekühlt werden. Grosse Fensterflächen auf der südlichen Gartenseite sorgen nicht nur für lichtdurchflutete Innenräume, sie unterstützen auch die solare Energienutzung. Auf der Nordseite wur­ de hingegen auf grossflächige Verglasungen ver­ zichtet, um den Wärmeverlust über Fensterflächen zu minimieren. Christine Wenk-Furter erklärt: «Für uns war von Anfang an klar, dass wir ein energieeffizientes Haus bauen wollten, weil dies zukunftsträchtig ist und wir uns im Alltag nach Möglichkeit umweltverträg­ lich verhalten wollen. Das Architekturbüro Setz hat uns ermutigt, den Minergie-P-Standard anzupei­ len.» Und es sei ein gutes Gefühl, in einem Haus zu wohnen, das unter dem Strich Energie produziert: «Beim Komfort mussten wir keinerlei Abstriche ma­ chen, d. h. wir wohnen wie in einem ganz «norma­ len», aber sehr gut ausgestatteten Haus. Das Wohn­ klima ist aufgrund der Komfortlüftung stets sehr an­ genehm.» Oft werde ihnen die Frage gestellt, ob sie denn lüften könnten: «Natürlich können wir das, auch wenn wir nicht mehr so oft das Bedürfnis da­ nach haben», erklärt Christine Wenk-Furter und fügt an: «Am Morgen lasse ich gerne die kühle Mor­ genluft herein.» Zu teuer?    Manfred Huber, Geschäftsführer von

aardeplan, wird immer wieder auf die Mehrkosten von Minergie und Minergie-P angesprochen: «Un­ sere Minergie-P- oder Minergie-Häuser sind nicht teurer als konventionelle Bauten», erklärt der Archi­ tekt, «Mehrkosten können für Architekten und Pla­

• Bauen nach Minergie hat drei Vorteile: höherer Komfort, verbesserte Werterhaltung und deutliche Energiekosteneinsparungen. • Minergiebauten brauchen rund fünfmal weniger Heizenergie als der Durchschnitt aller Gebäude • Minergie-P-Gebäude brauchen rund zehnmal weniger Heizenergie als der Durchschnitt aller Gebäude in der Schweiz. • eco: Sowohl Minergie wie auch Minergie-P-Häuser können nach dem Standart «eco» gebaut werden, der für eine gesunde und ökologische Bauweise sowie für den Rückbau und die Wiederverwertung der Baumaterialen steht. • Restwärme: Bei einer Aussentemperatur von minus 10 Grad reicht in einem Minergie-P-Haus eine RechaudKerze aus, um drei Quadratmeter Wohnfläche zu beheizen. Der Restwärmebedarf beträgt pro m2 10 Watt, eine Rechaudkerze erbringt 30 Watt, eine anwesende Person sogar 60 Watt. • Die Komfortlüftung ist ein fester Bestandteil eines Minergie- oder Minergie-P-Gebäudes und sorgt für eine systematische Lufterneuerung, um anfallende Feuchte und Schadstoffe abzuführen. Die Kombination von dichter, gut gedämmter Hülle und mechanischer Lüftung schafft gute Komfortverhältnisse.

ner entstehen, wenn sie den Standard noch nicht kennen und der planerische Aufwand daher höher ist. Architekturbüros, die bereits über Erfahrung mit effizienten Bauten verfügen, bauen aber nicht teurer, als wenn sie die herkömmlichen Normen verwenden würden.» Manfred Huber streicht aber einen wichtigen Faktor heraus: «Der Architekt muss sich bereits beim ersten Entwurf bewusst sein, wel­ che Anforderungen bei Minergie und Minergie-P an die Haustechnik gestellt werden. Diese gilt es von Anfang an zu berücksichtigen, nur so kommen gute Lösungen zustande.» Dieser Meinung ist auch Thomas Metzler vom Bauatelier Metzler in Hüttwil: «Der Schritt von Minergie zu Minergie-P verursacht keine grossen Mehrkosten, da mit Minergie-P die Haustechnik auf ein Minimum reduziert und das so gesparte Geld in eine qualitativ bessere Gebäudehülle gesteckt werden kann.» www.minergie.ch


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4/09 ECOLIFE Energie-Spiegel

Bereit für die Wahrheit? Wollen Sie Genaueres über Ihre energetischen Gewohnheiten erfahren? Immer mehr Menschen wollen das. Sie interessieren sich dafür, ihren EnergieKonsum besser einschätzen zu können. Dabei könnte der Energie-Spiegel eine wertvolle Hilfe sein. Walter Fassbind* In der Schweiz ist der Bereich Haushalte für 30 Pro­ zent des schweizerischen Endenergiekonsums ver­ antwortlich. Über 40 Prozent der fossilen Energie­ träger werden in Gebäuden verheizt. Im Hinblick auf Bevölkerungswachstum, einen erhöhten Flächenund Komfortanspruch sowie die tiefe Erneuerungs­ rate von Wohnbauten ein wichtiges Feld für Reduk­ tions­potenztiale. Allerdings sind sich nur wenige Haus­eigentümerinnen und Hauseigentümer dieser Verantwortung bewusst. Der Druck nach einem ökologischen Lebensstil steigt, viele wünschen sich einen Übergang vom ökonomisch zum ökologisch sparsamen Lebensstil. Dazu gehört auch das Thema Energiesparen. Oder positiver ausgedrückt: ein schonungsvoller Umgang mit Energie. Moderne Baustandards und erhöhte Anforderungen an Gebäudehülle und Haustechnik schaffen sicherlich gute Voraussetzungen, aber le­ ben und verhalten sich die Bewohner auch danach? Reicht es, in einem Minergie-Haus zu wohnen oder kann man mehr tun? Brauche ich denn viel oder we­ nig Energie? Gibt es überhaupt Optimierungspoten­ zial? Wo stehe ich eigentlich im Vergleich mit ande­

ren? Für Antworten dieser scheinbar einfachen Fra­ gen runzeln Fachleute zuerst die Stirn und begin­ nen mit dem Satz: «Das kommt darauf an ...», und schon wirds kompliziert. Oft fehlt es an der Kennt­ nis der eigenen Verbrauchsdaten. Technik allein genügt nicht    Heute herrscht weit­ gehend Klarheit darüber, wo die technischen Ener­ giesparpotenziale liegen, und es stehen auch genü­ gend Lösungen zur Verfügung. Trotzdem fehlt es an der breiten Umsetzung. Das ist keine Frage der Tech­nik oder der gesetzlichen Rahmenbedingun­ gen, viel­mehr stehen wir vor Aufgaben der Kommu­ nikation und Überzeugung. Natürlich ist Geld eines der wesentlichen Merkmale für eine Veränderung im Verbrauchsverhalten, aber genauso können auch nicht finanzielle Motive wie Problemvermeidung, Ausdruck von Werten, soziale Motive, Gruppenzu­ gehörigkeit oder auch Verantwortung gegenüber zukünftigen Generationen die Bereitschaft zum Energiesparen erhöhen. Bereitschaft, Kompetenz und Motivation sind wichtige Voraussetzungen für einen schonungsvol­


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ECOLIFE 4 /09 Energie-Spiegel

len Umgang mit Energie. Aber wie können das In­ teresse geweckt, nötiges Wissen vermittelt und das Verhalten «energetisiert» werden? Gibt es eine Möglichkeit, diese Schritte zu kombinieren, um ein energieschonendes Verhalten anzusteuern? Diese Fragen und deren Antworten habe ich in einer Mas­ ter-Thesis an der FHNW behandelt. Die techni­ schen und psychologischen Erkenntnisse wurden unter www.energie-spiegel.ch in die Form eines in­ teraktiven, bedarfsorientierten Informations-, Kom­ munikations- und Monitoringsystems umgesetzt. So funktionierts    Mit dem Energie-Spiegel kön­ nen Interessierte eine Unterstützung erhalten, sich

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24.6.2009

14:57 Uhr

und ihre Gebäude bezüglich des Energiekonsums zu kontrollieren, zu beurteilen und zu optimieren. Der Energie-Spiegel soll eine möglichst breite Nutzer­ schaft dazu animieren, sich mit dem eigenen Ener­ gieverbrauch auseinanderzusetzen. Er zeigt auf, wie sich der Energiekonsum im Lauf der Zeit ändert und wie stark man vom Durchschnitt abweicht. Nach der Registrierung lassen sich die hauseige­ nen Zähler für Wärme, Elektrizität und Wasser de­ finieren. Die Zählerstände werden dann beispiels­ weise wöchentlich oder monatlich abgelesen und im System eingetragen. Bereits nach kurzer Zeit zeigt sich der Verlauf des eigenen Energiekonsums und erste Massnahmen können eingeleitet und deren

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4/09 ECOLIFE Energie-Spiegel

Wirksamkeit getestet werden. Sie werden staunen, welche Auswirkungen Ferien, ein paar kalte Win­ tertage, eine Fenstersanierung oder eine konse­ quente Energiesparwoche haben können. Mit den Energiedaten lassen sich aber auch das Gebäude sowie deren Bewohner beurteilen. Je nachdem wie viel Wohnraum sie mit anderen teilen, kann ihre Umweltwirkung gering sein. Sie können erkennen, wie weit ihr Gebäude von einem Miner­ giestandard und wie weit Sie von einem Mitglied einer 2000-Watt-Gesellschaft entfernt liegen. Dieser bewusste Umgang mit den eigenen Ver­ brauchsdaten beinhaltet zudem eine überaus wert­ volle Nebenerscheinung, man lernt die Haustechnik

kennen und gewinnt ein Gefühl für das, was viel und wenig Energieverbrauch sein kann. Lernen kann man auch über die wertvollen Tipps und Tricks oder über die Fragen und Antworten aus dem Fo­ rum. * Walter Fassbind (42) ist dipl. Ing. für Umwelttechnik und Management FH MAS. Er leitet die Fachstelle Energie der Stadt Zug und arbeitet nebenbei als selbstständiger Berater für Umwelt- und Energieprozesse. www.energie-spiegel.ch

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ECOLIFE 4 /09 ÖKO-CITY

Nicht nur für Gutmenschen Die Pionierarbeit hat sich ausgezahlt: Bewohner von Ökosiedlungen leben schon lange vor, wie man in Gemein­schaft umweltfreundlich leben kann. Und ihr Wohl­befinden, gutes Gewissen und ihr voller Geldbeutel scheinen gute ­Argu­mente zu sein, um Trends zu setzen. Yvonne von Hunnius*

«Ich dachte am Anfang immer, da müsste doch noch eine Heizrechnung kommen, doch sie kam nie.» Georg Schoch wohnt im Modellstadtteil Vau­ban in Frei­burg. Seine Siedlung schneidet im Vergleich al­ ler 180 deutschen Ökosiedlungen in einer Studie bei der Nachhaltigkeit am besten ab. Über 5000 Bewohner leben auf einem ehemali­ gen Kasernengelände meist ohne eigenes Auto. Holz­ hackschnitzel und Solarpanele erzeugen Energie, auf Freiflächen werden praktisch täglich Gemein­ schaftsworkshops angeboten. Georg Schoch ist we­ der Öko-Freak noch Alt-68er noch ein Anhänger der Kibbuz-Bewegung. Er suchte einfach eine preis­ werte Wohnung und fand sie in Vauban. Bewohner ökologischer Quartiere haben Wirtschaft und Ge­ sellschaft gelehrt, wie Wohlbefinden und Umwelt­ bewusstsein unter einem Dach wohnen können.

zig Jahren unter nachhaltigen Gesichtspunkten reali­ siert wurden. «Diese Siedlungen haben gezeigt, dass nachhaltige Technik funktioniert. Schritt für Schritt werden soziale und ökologische Elemente nun in den regulären Bau integriert.» In den Vorreiterregionen gibt es vielleicht bald keine Unterscheidung mehr zwischen regulären und ökologischen Quartieren. Schon früh wurde der Gedanke von Planern und Bewohnern in skandinavischen Ländern, Holland und Deutschland aufgegriffen. Frankreich, süd- und osteuropäische Staaten hinken noch hinterher. Doch der Siegeszug der in Ökosiedlungen getesteten Tech­ niken ist laut Wolpensinger kaum mehr aufzuhalten. Lösungen in Fragen der Energieeffizienz, Mobili­ tät, der Verwendung von ökologischen Baustoffen, einer ökologischen Bauweise und einer umweltge­ rechten Ver- und Entsorgung sind oft schon nicht mehr Modell, sondern Muss.

Vom Modell zum Muss    In Europa zählt der deut­

sche Wissenschaftler Holger Wolpensinger 380 Sied­ ­lungen oder Stadtquartiere, die in den letzten zwan­

Beispiel Winterthur    In Winterthur steht das bes­

te Beispiel für diesen Trend: der Eulachhof mit 136


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4 /09 ECOLIFE ÖKO-CITY

Siedlungen wie diese in Asperg bei Stuttgart zeigen, dass nachhaltige Technik wirklich funktioniert.

Miet­wohnungen, die erste Null-Energie-Wohnüber­ bauung der Schweiz. Matthias Maier vom verant­ wortlichen Generalunternehmer Allreal sagt unver­ blümt: «Wir sind keine Gutmenschen und in den Wohnungen leben sicher auch nicht nur Gutmen­ schen. Der passive Energiehaushalt des Gebäudes schafft Wohlbefinden und lohnt sich langfristig. Und wir sehen den Bedarf der Schweizer.» Das Unterneh­ men mit einem Immobilienportfolio von zwei Mil­ liar­den Franken setzt verstärkt auf nachhaltiges Bauen. Zu Recht, denn die Wohnungen waren bei Fertigstellung schon komplett vermietet. Nicht nur Spezialglas, sondern auch innovative Solar- und Wärme­dämmungskonzepte machen es möglich, dass der Eulachhof in Spitzenzeiten Energie ins Netz einspeist und über das Gesamtjahr gesehen für Hei­ zung und Warmwasser keine zusätzliche Energie­ leistung in Anspruch nimmt. Es geht. Die Schweiz ist erst vor einigen Jahren auf den fahrenden Zug nachhaltiger Wohnkonzepte aufgesprungen. Die Förderkultur, die während der letzten Jahrzehnte

beispielsweise in den deutschen Bun­desländern Bayern und Baden-Württemberg für ­einen Boom gesorgt hat, wird hier nicht praktiziert. Unterstützt wurde jedoch die Forschung. Auch sind Experten international voll des Lobes für das ausgefeilte Sys­ tem des Schweizer Labels Minergie, das seit der Mitte der 90er-Jahre nachhaltige Gebäude zertifi­ ziert. Die Erfahrung in ökologischer Bauweise und die Investition in Innovation machen sich nun be­ zahlt. Dass das Aufspringen für Schweizer nun kein Problem ist, liegt aber auch an der regen Genos­ senschaftsszene. «Bald sind Grossprojekte nur noch unter diesen Gesichtspunkten zu planen», sagt auch Johannes Maier vom Architektenbüro Müller Sigrist in Zü­ rich. Ihr Konzept für die Siedlung Kalkbleiche eines Genossenschafts-Zusammenschlusses in Zürich hat erst kürzlich alle Verantwortlichen restlos überzeugt. Höchste Minergie-Kriterien sollen erreicht, innova­ tive Gemeinschaftsräume zur Verfügung gestellt wer­ ­den – und das zu einem sozialverträglichen Preis.


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ECOLIFE 4 /09 ÖKO-CITY

Ökosiedlung in Asperg bei Stuttgart mit Architektur von Joachim Eble.

«Öko ohne sozial» – geht das?    In Zürich kommt das Genossenschaftswohnen mit Sozial- und ÖkoEffekt in Mode. Bei der traditionellen Genossen­ schaft Kraftwerk 1 steht bald Kraftwerk 2 und sogar Kraftwerk 3 an. Vorstandsverantwortlicher für Öko­ logie, Martin Schmitz: «Es war nicht leicht, geeig­ nete Ob­jekte zu finden, doch nun haben wir ein Ge­ bäude des Zürcher Kinderdorfs in Zürich Höngg ge­ funden, das saniert wird.» Kraftwerk ist aus der Hausbesetzerszene entstanden. Heute ist die Genos­ senschaft nicht unpolitisch, doch entideologisiert. «Wenn ein Autofreak Mitglied werden und einzie­ hen will, dann schliessen wir ihn nicht aus», sagt Schmitz. Doch die soziale Komponente im Nach­ haltigkeitsdenken der Genossenschaft ist zentral: Ein Kraftwerk-Bewohner hat Wohn­recht auf Le­ benszeit, die Mieten müssen leistbar bleiben und die Integration von Immigranten ist zentral. Während die Pioniere in den 70er- und 80er-Jah­ ren die Ökosiedlung noch als politisches Ausrufezei­ chen in der Gesellschaft sahen, entspricht sie heute einem modernen Lebensstil. Doch umfasst dieser Lebensstil lediglich Solarheizung und Mülltren­ nung? «Unsere Annahme ist, dass eine Ökosiedlung ohne den sozialen Aspekt nicht komplett funktio­ niert. Sie kann ökologisch sein, doch nicht nachhal­ tig», sagt Matthias Drilling, Dozent für Stadtent­ wicklung der Fachhochschule Nordwestschweiz. Drilling hat ein Forschungsprojekt begonnen, in des­ sen Rahmen er den sozialen Faktor von ökologischen Siedlungen untersucht. Drängende Klimaaspekte bilden die Grundlage: Je ansteckender der Lebens­ stil des ökologischen Wohnens, desto geringer der

CO2-Ausstoss – je seltener neu gebaut oder umge­ zogen wird, desto geringer der versteckte Verbrauch von Energie. Drilling: «Erst, wenn Menschen aufei­ nandertreffen und sich über ihr Leben austauschen, voneinander abschauen und sich vielleicht auch ge­ genseitig kontrollieren, kann ein gesellschaftlicher Haltungswechsel stattfinden.» Siedlung als Keimzelle neuen Denkens    Für den

Pionierarchitekten Joachim Eble aus Tübingen ist der Stein bereits ins Rollen gekommen. «Ökoquartiere mit Dorfcharakter treffen einen Nerv der Zeit. Hier finden wir, was wir unterschwellig suchen», sagt er. Wenn man Menschen bewusst in den Planungspro­ zess neuer Stadtteile und Siedlungen miteinbezie­ he, so seine Erfahrung, dann forderten sie häufig weit mehr ökologische Bestandteile, als die öffentliche Hand und Investoren dies vorgesehen hätten. Mit dem Planungsbüro John Thompson & Part­ ners in London wendet er erfolgreich das Konzept des «Community Planning» an. Ob es sich um eine Stadterweiterung in Abu Dhabi oder eine Siedlung in Leverkusen handelt, immer werden alle Projekt­ beteiligten an ein Reissbrett zur Projektplanung ge­ rufen. Lerneffekt: Nur wenn freiwillig Massnahmen des ökologischen Wohnens umgesetzt werden, ste­ hen die Zeichen gut, dass alle Bewohner dahinter­ stehen. Einen Lebensstil von oben zu verordnen, sei zum Schei­tern verurteilt, so Eble. Gesundheit ist das beste Argument    Doch solange

die Sehnsucht nach neuen Wohnformen die Men­ schen umtreibt, hat automatisch auch die Ökologie einen Fuss in der Tür. Gemeinschaft trotz Individualität zu leben und dies vor allem gesund – das sind Wünsche, auf die ökologische Quartiere eine Ant­ wort geben. * Yvonne von Hunnius ist Redaktorin bei www. nach­haltigkeit.org


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Saubere Rocker im «Wöschhüsi» Das gab es in der Schweiz noch nie: einen Waschsalon an einem Musikfestival. Das von der Marke Held betriebene «Wöschhüsi» am diesjährigen Gurtenfestival war denn auch gleich ein voller Erfolg. Bei heftigem Unwetter und teilweise sintflutartigen Regenfällen wurde der ökologische Gratisservice rege genutzt. «Wir wurden förmlich überrannt», sagt Marion Renn, Brandmanagerin von Held. Das Team habe während des Festivals mehr als 700 Kleidungsstücke gratis und ökologisch gewaschen. Die Festivalbesucherinnen und -besucher konnten ihre schmutzigen T-Shirts und Hosen zum Waschen bringen, bekamen ein Ersatzshirt mit witziger Öko-Botschaft und konnten nach gut vier Stunden ihre saubere Kleidung wieder abholen. Mehr noch: Die schottischen Rocker der Band Franz Ferdinand liessen im Wöschhüsi gleich ihre gesamte Sommergarderobe waschen.

ecoTicker Mehr naturnaher Tourismus Schweiz Tourismus und die Schweizer Berghilfe lancieren gemeinsam ein Impulsprogramm für den natur- und kulturnahen Tourismus in Berggebieten. Eine Fachjury hat unter 26 Bewerbern nach einem ausführlichen Auswahlverfahren die vier Pilotdestinationen definiert, die am Förderungsprogramm teilnehmen können: St-Ursanne/Clos du Doubs (JU, Bild); das Safiental (GR), die Moosalp/ Augstbordregion (VS) sowie das Obere Emmental inklusive zwei Gemeinden aus dem Entlebuch (BE/LU). Ziel des Impulsprogrammes ist es, das Angebot und die Kooperationen entlang der gesamten touristischen Leistungskette zu verbessern und die Vermarktung zu stärken.

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Wir wollen Sterne gucken Die Unesco und die International Astronomical Union haben das Jahr 2009 zum ­ Jahr der Astronomie erkoren – und Lichtverschmutzung zu einem Schlüsselthema gemacht. In der Schweiz setzt sich die ­Organisation Dark-Sky Switzerland (DSS) seit über zehn Jahren gegen die zunehmende Lichtverschmutzung ein. Aus Anlass des Internationalen Jahrs der Astro­ nomie hat DSS ihre Website neu gestaltet und stark ausgebaut. www.darksky.ch

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ECOLIFE 4 /09 LANDWIRTSCHAFT

«Das sein,

Dickson Despommier ... ... Mikrobiologe, geboren 1940 in New Orleans, ist seit 1982 Professor für Gesundheitswesen an der Columbia Universität in New York. Seit Ende der 90er-Jahre propagiert er den Gedanken der vertikalen Landwirtschaft. Die Idee entstand während eines akademischen Projekts, bei dem die Wirkung von Dachgärten auf die Sommerhitze in New York untersucht wurde.


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alles wird nicht leicht aber machbar» Die Landwirtschaft soll künftig in Hochhäusern mitten in den Städten betrieben werden, schlägt Dickson Despommier vor. Die freiwerdenden Flächen sollen mit Wald bepflanzt und der Natur überlassen werden. Damit will der New Yorker Wissenschaftler den Klimawandel rückgängig machen. Nur die Viehzucht fände dann noch ausserhalb der Städte statt. Interview: Steffen Klatt*

ecoLife: Wenn man an Landwirtschaft denkt, denkt man normalerweise an Landschaft. Was ist falsch daran? Dickson Despommier: Wenn Sie in Afrika, in Südasien oder auch in Südostasien reisen oder selbst in den Vereinigten Staaten, dann treffen Sie immer wieder auf Bauern, die nicht mehr weiter wissen, aus verschie­denen Gründen. Der wichtigste Grund ist der schnelle Klimawandel. Schau­ en Sie nach Indien. Dort ist der Monsun im Dezember nur noch kurz, die Regenfälle aber heftig. Der Boden kann nicht mehr wie frü­her den Regen aufnehmen und ein ganzes Jahr lang behalten. Der Punjab verlor vor zwei Jahren 90 Prozent seiner Weizenernte in einem Unwetter zwei Wochen vor der Ernte. In jenem Jahr musste Indien erstmals Weizen importieren, und das aus­gerechnet aus Australien, wo damals Busch­brände tobten. Bedeutet der Klimawandel, dass die Erde nicht mehr genug zu essen hat für die Milliarden von Menschen, die zu den heutigen sechs Milliarden hin­ zukommen werden? So ist das. Über die heutige Landwirtschaft kann man drei Dinge sagen: Sie ist

entweder schon gescheitert. Oder sie schei­tert gerade. Oder sie wird scheitern. Das erinnert an Thomas Malthus, der vor zwei Jahrhunderten gesagt hat, die Erde habe nicht genug zu essen für alle. Damals lebte keine Milliarde Menschen auf der Erde. Heute kann sie sechs Milliarden ernähren. Heute haben wir genügend Nahrung für alle, sie wird nur ungleich verteilt. Zu Malthus' Zeiten war es ein richtiger Gedanke, dass ohne Änderungen in der Landwirtschaft die wachsende Zahl von Menschen nicht mehr zu ernähren sein würde. Malthus hatte dennoch unrecht, weil innerhalb von 20 Jahren das Dynamit, der Verbrennungsmotor und der Traktor entwickelt wurden und man Öl entdeckte. All das hat die Landwirtschaft industrialisiert. Können nicht auch heute völlig neue Entwicklungen die Landwirtschaft so verändern, dass sie weitere Milliarden Menschen ernähren kann? Das ist richtig. Es gab zwei Revolutionen der Ernährung. Die eine geschah vor mehreren Tausend Jahren: Vor 15 000 Jahren gab es nicht einen einzigen Bauernhof.

Vor 10 000 Jahren gab es überall auf der Erde Bauernhöfe. Bis 1950 sah die Landwirtschaft einigermassen gleich aus, trotz der Industrialisierung. Dann aber brach der grosse Frieden aus. Die Bevölkerung wuchs, die Nachfrage nach Nahrungsmitteln stieg. Die Wissenschaft entwickelte Dünger, Unkrautvernichtungsmittel und Pestizide. Sie zwang die Erde zu etwas, was die Natur nie gekannt hat: Monokulturen. Die Natur ist gemischt. Plötzlich führten die Menschen Monokulturen ein. Das veränderte für immer das Leben auf der Erde. Plötzlich war der Klimawandel ein Thema, weil er nicht mehr durch die Wälder aufgehalten wurde. Wie wollen Sie das Problem lösen? Wir können gute Nahrungsmittel in Gebäuden herstellen, die nicht einstöckig sind wie die heutigen Gewächshäuser. Sämtliche technischen Elemente dafür existieren bereits. Wir setzen sie nur in einem wesentlich grösseren Massstab ein, und das innerhalb der Städte selbst. Steht dann mitten im Quartier anstel­ le eines Wohnblocks ein «Landwirt­ schaftsblock» mit einer Gewächs­ haus­etage über der anderen?


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ECOLIFE 4 /09 LANDWIRTSCHAFT

Zukünftige Landwirtschaft wie sie Dickson Despommier sieht.

Genau das. So einfach ist die Idee. Der Hauptgrund für eine geschlossene Landwirtschaft ist es, das Land wieder an die Natur zurückzugeben, damit sie das Kohlendioxid aus der Atmosphäre zurückholen kann. Wenn wir das jetzt nicht freiwillig tun, dann müssen wir es in 50 Jahren gezwungenermassen tun. Denn dann wird man draussen auf dem Land keine Landwirtschaft betreiben können, wenn wir das Kohlendioxid nicht mehr einbinden. Wozu braucht es die geschlossene Landwirtschaft sonst noch? Um die zusätzlichen drei Milliarden Menschen zu ernähren, die in den nächsten Jahrzehnten hinzukommen werden. Heute beanspruchen wir ein Gebiet von der Grösse Südamerikas, um die Menschheit zu ernähren. Für die zusätzlichen Menschen brauchten wir ein zusätzliches Gebiet von der Grösse Brasiliens. Es gibt aber auf der Welt kein solches Gebiet mehr. Nur Brasilien könnte uns den grössten Teil des zusätzlichen Gebiets zur Verfügung stellen. Aber dann gäbe es keinen Regenwald mehr. Und auf dem Gebiet könnten wir vielleicht noch drei Jahre lang Nahrungsmittel anbauen, dann wäre Schluss. Wir könnten theoretisch die Welt mit Dünger, Unkrautvernichtungsmitteln und Pestiziden zwingen, uns Nahrungsmittel für 10 Milliarden Menschen zu geben. Aber dann könnte die Natur kein Kohlendioxid mehr binden. Das wäre das Ende jedes Ökosys-

tems auf der Welt. Es gibt ganz praktische Fragen: Wie wollen Sie Sonnenlicht in Ihre Ge­ wächshausplantagen bringen? Waren Sie schon einmal im Eden Project? In Cornwall? Ja. Dann wissen Sie, wie es geht. Dort werden lichtdurchlässige Abdeckungen verwendet, die mehr Licht hereinlassen als Glas und nur ein Prozent des Gewichts von Glas wiegen. Damit wurden Lebensräume für bedrohte tropische Pflan­zen geschaffen. Mit solchem Material möchte ich leichte, modulare Gebäude schaffen, in denen ich Nahrungsmittel anbauen kann. Es können vertikale Gewächs­ häuser gebaut werden, die völlig effizient sind und Vorteile aus neuen Materialien ziehen können. Sie meinen also, dass sich alle prakti­ schen Probleme – etwa Sonnenlicht und Wasser hineinzubringen – lösen lassen? Das alles wird nicht leicht sein, aber machbar. Kann man alles in solchen übereinan­ der gestapelten Gewächshäusern an­ bauen, unabhängig von Jahreszeiten und regionalen Besonderheiten? Wenn Sie Vegetarier sind, können Sie dort alles anbauen, was Sie brauchen. Sie können die besten Salate mit Avocado, Spargel, vier verschiedenen Sorten Spinat und so weiter anbauen. Aber wenn Sie ein Steak essen wollen, so wie ich es gern tue,

dann müssen Sie das Vieh ausserhalb der Städte halten. Aber das stört mich nicht. Wichtig ist, dass Reis und Getreide nicht länger anstelle von Wäldern wachsen. Sie sehen die vertikale Landwirtschaft als Mittel gegen den Klimawandel. Wie kann Ihre Landwirtschaft den Aus­ stoss von Kohlendioxid verringern? Für jeden Hektar Anbau in geschlossenen Gebäuden können Sie mehrere Hektar in der offenen Landwirtschaft einsparen. Nehmen Sie den extremen Fall, Erdbeeren: Ein Hektar im Gewächshaus spart 30 Hektar in offener Landwirtschaft. Dieses Land kann an die Natur zurückgegeben werden. In Amerika erstreckte sich der Wald vom Atlantik bis zum Mississippi. Dieser Wald enthielt mehr Kohlendioxid als heute in der Atmosphäre ist. Selbst wenn nur ein Zehntel dieser Menge wieder eingefangen werden könnte, würde die Kohlendioxidbilanz der Atmosphäre wieder ins Gleichgewicht kommen. Wenn die Bundes­ staaten Indiana und Ohio wieder mit Wald bedeckt wären, würde sich der Klimawandel verlangsamen. Die Frage ist, wie man das erreichen kann. Die Bauern müssen dafür bezahlt werden, Bäume zu pflanzen. Dafür braucht es bloss ein paar gute Beispiele. Vielleicht macht Kanada den Anfang. Was passiert mit den anderen Bau­ ern? Werden sie alle in die Städte ab­ wandern? Manche werden das tun. Andere werden versuchen, so weiterzumachen wie bisher. Aber in dem Augenblick, in dem sie ihre Produkte verkaufen wollen, werden sie feststellen, dass die Nahrungsmittel aus den Städten nur halb so teuer sind. Denn heute geht die Hälfte der Nahrungsmittel auf dem Feld oder während des Transports auf die Teller verloren. In den Entwicklungsländern sind es sogar bis zu 80 Prozent. Dieses Problem haben Sie bei der vertikalen Landwirtschaft nicht. * Steffen Klatt ist Redaktor bei www.nachhaltigkeit.org


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