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diese in der Öffentlichkeit aufgetaucht sind, kam es zur Aufregung, auch zu Drohanrufen. Die Leute, die zufällig am Foto sind, waren alle ziemlich amüsiert. Es war damals einfach anders. Man hat nicht sofort kontrolliert oder geahndet. Heute würde man bestimmt die Polizei rufen! Peter Weibel hat den Begriff „Wiener Aktionismus“ geprägt, eine sehr provokante Bewegung der modernen Kunst und sehr männerlastig. Wie ging es dir damit? Damals wurden Frauen zu Begleiterinnen degradiert oder waren maximal Fotomodelle. Brav und unauffällig hatten sie zu sein. Meine Vorstellung war vollkommen konträr. Ich konnte mit dem männerdominierten Frauenbild des Aktionismus nichts anfangen.

SONDERAUSSTELLUNG

„Fama et Infamia“ / „Die Utopie der Namenlosen“ noch bis 30. Juni 2018 auf Schloss Ambras zu sehen, geöffnet täglich von 10 bis 17 Uhr schlossambras-innsbruck.at

Darstellungen. Prinzipien des Machtbewusstseins, der Stärke, des Leidens und des Schmerzes kann man gut in das Konzept der Sammlung einbauen. Ich habe die Ausstellung mit der Kuratorin Sabine Folie vorab besprochen, aber fertig noch gar nicht gesehen. Ich war sehr erfreut, als ich in die Ausstellung kam. Sie hat meine Intentionen sehr gut umgesetzt. Sabine Folie ist auch Leiterin des VALIE-EXPORT-Forschungszentrums in Linz. Hättest du lieber ein Museum eröffnet? Nein, ein Museum wollte ich nie. Es wurde einmal die vorsichtige Frage an mich herangetragen, ob ich mir als Linzerin ein kleines Museum wünsche. Das kam für mich aber nie in Frage. Mein Wunsch war ein Forschungszentrum, weil meine eigenen Arbeiten, feministische Schriften über Kunst und Medien, zusammenhängend dargestellt werden sollen. Das Forschungszentrum soll auch Kuratorinnen und Studierenden zur Verfügung stehen, die über meine Archivalien auch andere Werke kennenlernen oder ihre eigenen erweitern können. Insgesamt übergebe ich 62.000 gut geordnete Objekte, die digitalisiert werden müssen. Im Forschungszentrum sollen Fragen

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M AYA / DA S T I R O L E R F R A U E N M AG A Z I N

gestellt werden: Was hat meine Generation an feministischen Künstlerinnen in Europa, in den USA, in China gemacht? Wie haben sich diese Künstlerinnen trotz ihrer kulturellen Unterschiede ausgedrückt? Was fällt dir auf, wenn du heute auf die junge Generation der Künstlerinnen blickst? Was wir als Künstlerinnen damals erreicht haben, ist heute selbstverständlich. Wir mussten alles erst erkämpfen. Heute ist es zwar normal, dass Ehefrauen auch arbeiten dürfen oder müssen, weil es zur ökonomischen Notwendigkeit geworden ist. Aber sonst? Die Gehälter der Frauen sind nach wie vor niedriger als die der Männer und die aktuelle Diskussion über sexuellen Missbrauch an Frauen zeigt ganz deutlich, dass sich nicht allzu viel geändert hat. Du hast 1968 den Kunst- und Medientheoretiker Peter Weibel, der später auch dein Lebensgefährte war, an der Leine durch München geführt. Wie groß war damals die Aufregung? Es hat zunächst überhaupt niemand darüber berichtet. Es gab nur die Fotos, die ein von uns bestellter Fotograf gemacht hat. Erst als

Bei deinem Tapp- und Tastkino hast du einen Kasten mit zwei Öffnungen vor deinem Busen getragen und Passanten durften hineinfassen. Wie fühltest du dich? Es war eine Performance, die für mich selbstverständlich war. Ich habe sie erfunden. Ich war die Künstlerin, die am Körper gearbeitet hat. Ich habe das Tapp- und Tastkino als kleinen, mobilen Kinosaal gesehen, indem ein Film gezeigt wird, den man eben ertasten kann. Im Kino ist man Voyeur, beim Tapp- und Tastkino wird man selbst zur Leinwand. Trennst du die Frau von der Künstlerin? Nein, da gibt es keine Trennung. Ich bin sowohl als auch. Ich habe immer viel über den Körper ausgedrückt. In den späten 1960er-Jahren, als ich angefangen habe, war nur der Körper agierend. Warum nennst du dich VALIE EXPORT? Weil ich meinen Familiennamen nie mochte. Ich wollte meinen eigenen Namen, der international klingen und zugleich einprägsam sein sollte. VALIE ist die Kurzform von Waltraud, so wurde ich früher in Linz immer gerufen. Und EXPORT kam von der damaligen Zigarettenmarke „Smart Export“, die du ja auch in ein Kunstwerk eingebaut hast? Nein, das war nicht so. Ich habe zwar später die Smart-Export-Zigarettenpackung benützt und machte eine Collage zu meinem Namen. Statt der Weltkugel in der Mitte der Packung montierte ich ein Porträtfoto von mir. Statt „Smart“ habe ich VALIE eingefügt. Das war damals mein erstes Kunstwerk, das heute im Museum of Modern Art in New York zu sehen ist. Inzwischen ist mein Künstlername gesetzlich geschützt und muss in Großbuchstaben geschrieben werden.

FOTOS: KHM-MUSEUMSVERBAND

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maya ist das Tiroler Frauenmagazin für alle, denen Gesundheit, Schönheit und Mode wichtig ist und die sich gerne inspirieren lassen.

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