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MÄNNLICHE DOMINANZ UND WEIBLICHE UNTERWERFUNG Die Künstlerin VALIE EXPORT stellt zum ersten Mal auf Schloss Ambras in Innsbruck aus. In der Ausstellung „Fama et Infamia. Die Infamie der Namenlosen“ werden Objekte, Filme und Installationen der Künstlerin präsentiert, die mit den historischen Sammlungen in Dialog treten.

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erstörend und schonungslos. So bezeichnet Veronika Sandbichler, Direktorin von Schloss Ambras, die Auseinandersetzung der österreichischen Performancekünstlerin VALIE EXPORT mit den historischen Ambraser Sammlungen Erzherzog Ferdinands II. (1529– 1595). Kuratorin Sabine Folie verschafft den bekannten Objekten zeitgenössische Präsenz, indem sie die Prinzipien von Dominanz und Unterwerfung verbindet. Es wird ein neuer Blick auf Objekt und Ausstellungsgeschichte

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J U L I A S PA R B E R- A B L I N G E R

eröffnet: Dabei trifft die Fama – die Geschichte der Ruhmreichen und der Gewinner – auf die Geschichte der Infamen – der Abtrünnigen, Ausgestoßenen und Unterdrückten. F o l i e e r k l ä r t , dass ihr Ausstellungskonzept aus einer Befragung der Sammlung im Haus mit der Gesellschaft entstanden ist. Anfangs sollte es nur eine einzelne Intervention werden, entstanden ist ein Parcours, in dem Gegensätze aufeinanderprallen. In der Installation „Heads – Aphärese“ treffen die Ruhmreichen auf die Infamen und erscheinen als ge-

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M AYA / DA S T I R O L E R F R A U E N M AG A Z I N

VALIE EXPORT

1940 in Linz geboren, mit bürgerlichem Namen Waltraud Stockinger. 1960 ging sie nach Wien, um Textildesign zu studieren. Später arbeitete sie als Medienund Performancekünstlerin und Filmemacherin. Sie unterrichtete in Milwaukee, Berlin und Köln. VALIE EXPORT gehörte in den 1960er- und 1970erJahren zu den radikalsten feministischen Aussagen in Europa. Gerade zur jetzigen #MeToo-Debatte erfahren diese wieder internationale Aktualität. 2015 wurde sie mit dem renommierten „Frauen-Lebenswerk-Preis“ ausgezeichnet.

Selbstporträt aus dem Jahr 1970: „VALIE EXPORT – SMART EXPORT“

sichtslose Büsten. „Daher fehlt die Möglichkeit zur Identität“, erklärt die Künstlerin. Hinter den Köpfen werden auf einem Bildschirm Fotografien von toten Menschen eingeblendet, die ermordet wurden oder Suizid begangen haben. Die Fotografien stammen aus EXPORTs Film „Tote Menschen schreien nicht – Dead people don’t scream I/II“ und treffen auf römische Imperatoren als ruhmreiche Gewinner der Geschichte. Gleich daneben prangen an der Decke befestigte, überdimensionale Nähnadeln, die laut quietschend auf den historischen Boden niedergehen. VALIE EXPORT erklärt die Installation mit der Ausbeutung der Frauen. Bis heute sei das Nähen eindeutig weiblich. In Billiglohnländern nähen Frauen unter unmenschlichen Bedingungen. „Das hat sich bis heute nicht geändert.“ Die Installation „Nadel“ stammt aus den Jahren 1996/1997 und steht Lanzen gegenüber, die jahrzehntelang viel gerühmten männlichen Helden zugeordnet wurden. D a s B a d der Philippine Welser, die einzig noch vollständig erhaltene Badeanlage des 16. Jahrhunderts, ist eine kulturgeschichtliche Rarität auf Schloss Ambras. Im Umkleideraum ist die EXPORT-Installation „Zwangsvorstellungen“ aus den 1970er-Jahren zu sehen, in der Fotografie, Schlittschuhe, Glas und Ölkanne die Externalisierungen innerer Zustände zeigen sollen, die sich über den Körper ausdrücken. Im Bad selbst wird der Film „Unsichtbare Gegner“ gespielt, den VALIE EXPORT 1976 gedreht hat. Durch das Aufeinandertreffen von Disparatem entsteht ein „Ort der Intimität – wie es ein Bad jedenfalls ist“, so die Kuratorin. D i e A u s s t e l l u n g „Fama et infamia – die Infamie der Namenlosen“ ist ein gewagter Versuch, Gegensätze zu verbinden: Die Brisanz von Medien, Botschaften und Jahrhunderten trifft schonungslos aufeinander. Eine verstörende, aber durchaus gelungene Begegnung männlicher Dominanz und weiblicher Unterwerfung auf der Bühne von Gegenwart und Vergangenheit.

„Heute würde man die Polizei rufen!“ i m G e s p r ä c h mit VALIE EXPORT im Café Ferdinand auf Schloss Ambras. Warum ist das Schloss Ambras ein geeigneter Ausstellungsort für VALIE EXPORT? V A L I E E X P O R T : Ich war gleich fasziniert von diesem Ort und der Ausstellungsidee. Ein Teil meiner Arbeiten im Dialog mit historischen

FOTO: VIOLETTA WAKOLBINGER

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