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Sein & Schein Ab Juni mimt Susanna von der Burg die angeblich schlechteste Sängerin der Welt: Im Stück „Souvenir“ schlüpft sie in die Rolle der Florence Foster Jenkins – einer starken Frau mit einer unglaublich tragischen Geschichte. Die unerschütterliche Liebe zur Musik eint die Frauen durch die Zeit – die eine gesegnet mit einer wundervollen Stimme, die andere einer lebenslangen Illusion erlegen.

D

ie besten Geschichten sind jene, denen tiefe Emotionen zugrunde liegen. Die große Liebe, das erschütternde Drama, die tiefe Trauer, das wundersame Glück. Und oft liegen all diese Gefühle, besonders die extremen, ganz nah beieinander, sind ineinander verwoben, vereint im Tanz des Lebens, der einem steten Auf und Ab folgt, ohne erkennbares Muster, ohne Vorwarnung oder Einleitung. So ist es, das Leben – eine liebliche Tragödie, ein tragisches Glück. Und wir, wir spielen die Hauptrolle in diesem Bühnenstück – und sind zugleich Mitwirkende oder Zuschauer in zahlreichen anderen. Wir werden gemacht und wir machen, denn unser Leben erfährt seine Bedeutung erst im Kontext anderer. Wir freuen uns über ihre Gunst, erhoffen ihre Zustimmung, fürchten ihr Urteil, passen uns stückweit an an das, was von außen an uns herangetragen wird – ob wir wollen oder nicht. Wir sind nachgiebig wie Knete, die sich in Form pressen lässt und erst nach häufigem Kneten und viel Zeit an Elastizität verliert und eine Form findet. Was weich ist, kann gebogen werden. Was hart ist, kann brechen. K a u m e i n L e b e n führt so dramatisch deutlich vor Augen, wie sehr unser Sein von anderen geprägt wird, wie jenes der angeblich schlechtesten Sängerin, die jemals auf einer – ausverkauften – Bühne stand. Die Amerikanerin Florence Foster Jenkins galt als Wunderkind, spielte mit acht Jahren sogar vor dem damaligen Präsidenten der Vereinigten Staaten. Doch Berühmtheit erlangte sie schließlich

nicht als Pianistin. Mit dem Klavierspielen hielt sie sich vielmehr über Wasser in jenen Jahren, als sie – getrennt lebend von ihrem Mann und abgeschnitten von der väterlichen Fürsorge – auf sich allein gestellt war. Obwohl sie sich gegen beide Männer widersetzt hatte, besiegelten sie ihr Schicksal. Ihr Vater, weil er sich ihrem Traum einer Gesangsausbildung entgegenstellte und sie enterbte. Ihr Ehemann, mit dem sie als Teenagerin durchgebrannt war, indem er sie mit Syphilis ansteckte und die damals übliche Behandlung mit Quecksilber und Arsen nicht nur ihre Haare, sondern auch ihr Gehör forderten. Nach dem Tod ihres Vaters bekam Florence Foster Jenkins zwar dennoch sein Geld, ihr Erbe. Doch ihr Gehör erlangte sie nie wieder zurück. Dass sie es verloren hatte, war ihr selbst vermutlich gar nicht bewusst. Sie, die exzentrische Sängerin, die ihre beachtlichen finanziellen Mittel großzügig als Mäzenin einsetzte, hatte einen Kreis an angeblichen Bewunderern und Freunden um sich, die ihren gelegentlichen Konzerten

ZUR PERSON

In den vergangenen Jahrzehnten hat Susanna von der Burg, seit 1999 am Tiroler Landestheater, so ziemlich jede Rolle gesungen, die sie singen wollte.

TEXT:

SONJA NIEDERBRUNNER FOTOS:

ANDREAS FRIEDLE

Ihre musikalische Ausbildung erhielt die gebürtige Wienerin Susanna von der Burg am Konservatorium der Stadt Wien bei Prof. Margaret Zimmermann (Gesang), Prof. Lilo Mrazek (Operette/Musical) und Ks. Prof. Waldemar Kmentt (Oper). Engagements führten sie an das Landestheater Detmold, die Städtischen Bühnen Münster sowie an das Staatstheater Wiesbaden. Neben ihrer regen Konzerttätigkeit gastierte sie u. a. am Theater Flensburg als Tosca und als Elisabeth in Tannhäuser sowie in Turin. Seit 1999 gehört Susanna von der Burg zum Ensemble des Tiroler Landestheaters.

M AYA / N U M M E R 02 / J U N I 2018

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maya #2  

maya ist das Tiroler Frauenmagazin für alle, denen Gesundheit, Schönheit und Mode wichtig ist und die sich gerne inspirieren lassen.

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