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Wege zur Weiterbildung Herbst 2017 – #10

EBNAVI

(( WEITERBILDUNG   WIE WEITER? 

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LEUTE Brainman André Huber bringt mit Überzeugung Gehirne in Schwung.

THEMA Digital ist klasse: Die Digitalisierung in der Bildung öffnet neue Wissenstüren.

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SERVICE Durchblick im Weiterbil­ dungsdschungel: Heraus­ finden, welche Weiterbil­ dungen einen wirklich 64 weiterbringen.


Herausgeber EB Zürich, Kantonale Berufsschule für Weiterbildung, Serge Schwarzenbach Redaktion Katleen De Beukeleer (verantwortlich für diese Ausgabe), Christian Kaiser Mitarbeit Gülsha Adilji, Andi Czech, Claudio Harder, Miriam Selmi Reed Bilder Reto Schlatter Illustrationen Eva Kläui, Philip Schaufelberger, Jan Zablonier Infografik Daniel Röttele Korrektorat Fritz Keller, Franziska Schwarzenbach Gestaltung Giorgio Chiappa

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Kantonale Berufsschule für Weiterbildung Bildungszentrum für Erwachsene BiZE Riesbachstrasse 11 8090 Zürich Telefon 0842 843 844 www.eb-zuerich.ch lernen@eb-zuerich.ch

Titelbild © Bjoern Wylezich – stock.adobe.com Auflage 23 300 Exemplare Druck galledia ag ISSN 2297-2307


EDITORIAL

Homo sapiens, der wissende Mensch Unsere Spezies hat ihren Erfolg in hohem Masse der Tatsache zu verdanken, dass sie ihr Wissen an Verwandte weitergibt. Schon in unseren Anfangszeiten musste nicht jede Generation neu erfinden, wie man ein Feuer entfacht. Später kamen Einrichtungen dazu, in denen Lehrer systematisch vermittelten, was der Mensch an Kenntnissen und Erfahrungen gesammelt hatte. Im alten Ägypten war Bildung für angehende Beamte gedacht, später wurde sie Sache der Kirche, um dann in die Verantwortung des Staates zu gelangen – man denke beispielsweise an die allgemeine Schulpflicht oder Reglemente der Berufsbildung. Auch ich habe mal gelernt, zu sprechen, Fahrrad zu fahren und Schnürsenkel zu binden. Später kamen noch weitere Fähigkeiten und Erkenntnisse dazu, und ich nehme an, dass ich täglich dazulerne. Vor 40 Jahren bekam das «lebenslange Lernen» eine bildungspolitische Bedeutung. Seither buhlen private Anbieter um Teilnehmende, die ihre Klassenräume füllen. Weiterbildung ist ein Geschäft geworden. Und wie sieht die Zukunft aus? Die Arbeitswelt ändert sich in grossen Schritten. Was das für die Weiterbildung von morgen – und somit für uns alle – bedeuten könnte, lesen Sie in «Wie weiter mit der Weiter­ bildung?» ab Seite 9. Motor dieser Veränderungen ist die Digitalisie­ rung. Viele denken dabei wehmütig zurück an die Zeiten, als sie noch offline ihr Brot verdienten und Kinder noch ohne Youtube lernten, ihre Schnürsenkel zu binden. Trotzdem müssen wir uns nicht von der digitalen Transformation einschüchtern lassen. Wie die Bildung von der Digitalisierung profitieren kann, lesen Sie in «Die Bildungszukunft rocken» ab Seite 43. Auch Bildungsexpertin Sabine Seufert schaut im Interview ab Seite 51 optimistisch in die Arbeits- und Bildungszukunft. Lassen Sie sich inspirieren! Serge Schwarzenbach, Herausgeber

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INHALT

LEUTE  6 Brainman André Huber hat sich sonderbare Gewohnheiten angeeignet, um sein Gehirn in Form zu halten. Der selbst ernannte «Brainman» spornt als Kursleiter auch gerne andere dazu an, ihren Kopf auf Trab zu halten. Nicht mit Schlaf fördernden Referaten, sondern mit Spass und Edutainment. Sein Motiv: Er will nicht weniger, als seinem Publikum zu mehr Grösse zu verhelfen.

INSPIR ATION  34/74 Cartoon Schau mal auf Youtube 38 Spiel: Ein Begriffsmemorandum rund um Weiterbildung Ein Denksport-Memory als Trainingspaket für die grauen Zellen 78 Wer hat das gesagt? Quiz: Bildung aus Sicht von Prominenten SERVICE 20 Selbstdressur Fertig mit Ablenkungen und Ausreden! Wer den eigenen Kopf zu überlisten weiss, lernt besser und mehr.

35 Fertig Zombiezucht Zuhören und Nachahmen hat als Bildungsmodell ausgedient, findet Gülsha Adilji. Stattdessen wünscht sie sich für ihre Kinder in spe, dass sie lernen, eigene Wege und Lösungen zu suchen – mit der Hilfe von Schreinern, Steuerberatern und neuen Technologien. Und ohne Angst. 48 Der Schalter zur Bildung Drei Wettinger Kantonsschüler entwickelten für ihre Maturaarbeit einen Käseroboter. Ihre Sicht auf zukunftsfähige Bildung heisst: Lernen, um anzuwenden – digital und gleichzeitig traditionell.

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28 Pult ohne Papier Ordnung muss her, auch in den tiefsten Schu­ bladen des digitalen Büros. 64 Wohin mit meinem Bildungshunger? Weiterbildungen, so weit das Auge reicht. Doch welche ist die richtige? Eine Entscheidungshilfe. 68 Die gute zweite Halbzeit Älter werden kann man lernen. Auch wenn man sich noch nicht angesprochen fühlt. 75 Mal digital Gezeichnet von Ideenarmut? Illustrator macht jedermann zum Künstler.


INHALT

THEMA : W EITERBILDUNG AL S MEGATREND 9 Weiterbildung als Megatrend Alle reden davon, dass die Bedeutung von Berufs- und Weiterbildung stark zunimmt. Aber warum ist das so? Was sind die wichtigsten Treiber, die uns immer grösseres Wissen und Können abverlangen? Und was bedeuten sie für unser Bildungssystem? Politik und Experten sind sich da alles andere als einig. PLUS Eine Übersicht über die bildungsrelevanten Megatrends. plus   Zehn Fähigkeiten, die ab 2020 garantiert gefragt sein werden (➝ 14).

FOTOSTRECKE Ein neuer Job, angstfrei sprechen Lernen vor einer Gruppe oder eine Weltreise mit Open End: Es gibt endlos viele Gründe, wieso sich Menschen weiterbilden wollen. Unsere Porträtreihe zeigt zwölf Frauen und Männer, die an der EB Zürich eine Weiterbildung besucht haben. Tauchen Sie kurz in ihre Geschichten ein, die von Lebenszielen und neuen Wegen erzählen – und von inspirierenden Begegnungen. Bilder Reto Schlatter Auf­zeichnungen Katleen De Beukeleer

16 Infografik: Weiterbildung in der Schweiz Frauen bilden sich fleissiger weiter als Männer. Nur sieben Prozent der in der Schweiz besuchten Weiterbildungen sind Sprachkurse. Und in Sachen betrieblicher Weiterbildung ist die Schweiz international alles andere als spitze. Diese und viele weitere Einzelheiten zur Weiterbildung liefert die Infografik. 43 Digital macht Schule Die Digitalisierung führt zu grosser Verunsicherung. Auch in der Bildung. Edupunks, Visionäre und Bildungs­querulanten hingegen sind optimistisch. Ihr Umgang mit der Digitalisierung zeigt Chancen auf, wie auch wir unser Bildungsleben bereichern können. plus   Von der öffentlichen Werkstatt zur Online-Universität für Flüchtlinge: Was wir von neuen Bildungskonzepten lernen können (➝ 44). 51 Interview Ein Blick in die Bildungszukunft: Die Professorin für Wirtschafts­ pädagogik Sabine Seufert weiss, mit welchen Kompetenzen wir uns eindecken sollen. Sie erklärt, wie wir lernen werden – ohne Angst vor Avataren, Robotern und Experimenten. Und warum es immer wichtiger wird, nach dem Warum zu fragen.

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POR TR ÄT

Der Hirnmann Seine Passion ist das Hirn. Davon gibt es allerdings mehr als sieben Milliarden verschiedene. Drum will André Huber erst einmal sein eigenes verstehen. Als «Brainman» vermittelt er aber auch anderen, wie sie besser von ihrer einzigartigen Hirnausgabe Gebrauch machen. Das Lernenlehren ist sein Metier, «learn2learn» (lerne zu lernen) lautet seine Aufforderung an alle. Text Christian Kaiser Bild zVg

Wassereinbruch im Trainingsraum – André Huber kommt direkt aus dem Übungskeller, wo er einen Wasserschaden begutachten musste. Direkt unter dem Hotel Seefeld probt nämlich Long Tall Ernie. Der lange, dünne Ernie tobt sich da zu Rock’n’RollRhythmen aus – und ist keine Einzelperson, sondern eine ganze Tanztruppe. André Huber und seine Frau hüpfen, wirbeln und springen seit vielen Jahren mit und haben den Jive und den gekickten Rock’n’Roll-Schritt im Blut; sie treten auch auf Büh­ nen auf, «Long Tall Ernie» lässt sich für Veranstal­ tungen aller Art buchen. Die Hochzeitsfotos zeigen die Hubers in Rockabilly-Tracht und bei gefährlich aussehenden Trage- und Hebefiguren. Viele Schritte bahnen das Hirn

Ja, «The Brainman», wie sich André Huber nennt, tut gern auch etwas für den Körper, schliesslich besteht Mann nicht nur aus Hirn. Als wäre diese Art von Rock’n’Roll nicht schon Hochleistungssport genug, läuft der Hirnmann auch Marathon, in per­ sönlicher Bestzeit von 3 Stunden 17 Minuten. Natür­ lich ist Tanzen und Laufen auch gut fürs Hirn, die 6  EB NAVI #10

Synapsen werden so richtig mit Sauerstoff durchge­ pustet. «Das fördert die Hirnleistung, aber ich mache es nicht deswegen», sagt Huber. Im Übungs­ raum wird Huber immer wieder auch zum Schüler, der Neues lernen muss: komplizierte Schrittkombi­ nationen, neu ausgetüftelte Figuren. «Man muss das Neue langsam, langsam angehen, die ersten Schritte im Sekundentakt, und dann brauchts einfach viel Training.» Das sei wie beim Golf- oder Geigespielen: Bis eine Bewegung zum Automatismus wird, will sie 1000-mal eingeübt sein. Zähne putzen mit links

Vom Immergleichen und dröger Routine hält Huber allerdings nicht viel, denn das ist Gift fürs Hirn. Seine zentrale Botschaft wiederholt er viel und gern: Braucht euer Hirn – und gebt ihm, was es braucht. Und das ist eben das, was aus der Routine fällt, das Neue. Nur so findet im Hirn dieses Neuronenfeuer statt, bei dem elektromagnetische Impulse neue Ver­ bindungen knüpfen. «The Brainman» rät: «Gehen Sie an neue Orte, essen Sie Unbekanntes, machen Sie möglichst viel anders als gewohnt: Putzen Sie die


Zähne mal mit der ungewohnten Hand, stellen Sie den Papierkorb auf die andere Seite usw.» Da ist er voll in seinem Element, über solche Dinge kann er stunden­ lang referieren: Wie lernt man? Wie merkt man sich Neues? Wie funktioniert das Hirn, und wie kann man es unterstützen und trainieren? Wie lässt sich das Ler­ nen vereinfachen, wie gewinnt man wichtige neue Erkenntnisse? Brillieren statt grillieren

Antworten liefert «The Brainman» in Firmensemi­ naren und Kursen an der EB Zürich und anderswo. Über die Hälfte seines Pensums bestreitet er aber im In- und Ausland als Keynote-Speaker, der unter­ haltsame Referate hält. Inhalt: «Brain, Brain, Brain». Diesen Sommer etwa konnten ihn die Gäste auf einem Kreuzfahrtschiff zwischen Schottland, Island und Lofoten live erleben – im Unterhaltungs­ programm. Ganz getreu seinem Sommermotto, das er auf Werbekarten drucken liess: «Mit Hirn brillie­ ren, statt unterm Schirm grillieren.» «The Brainman» versteht sich als Edutainer, ver­ bindet also Lehren (Education) und Unterhaltung (Entertainment). Wobei zu unterhalten klar an erster Stelle steht: Lehrende müssen für ihn «Unterhalter mit Wissenshintergrund» sein. Und weil gutes Entertainment eben auch sehr hirngerecht ist, sodass man fast von selber lernt, wenn es schlau gemacht ist, ist Huber ein Stück weit auch Edutrai­ ner: Von ihm kann man auch lernen, wie man gut

lehrt. «Lernen muss Spass machen, die Freude am Erkenntnisgewinn ist für den Lernerfolg elemen­ tar.» Denn was der Mensch gern macht, lernt er leicht, wo die Motivation fehlt, wirds schwer. Dazu zitiert «The Brainman» etwas verkürzt einen ande­ ren Geschichtenerzähler mit herausragendem Hirn: «Anstatt die Menschen zu lehren, ein Schiff zu bauen, wecke in ihnen die Sehnsucht nach dem Meer.» (Antoine de Saint-Éxupery). Gute Wissensunterhalter sind Geschichtenerzähler

Gutes Lehren bedeutet für Huber, die Inhalte attrak­ tiv verpackt zu verkaufen. Und da sieht er auch die Parallelen und Synergien zu seinem Herkunftsberuf als Verkäufer; bevor er vor fast 20 Jahren damit anfing, sich intensiv mit Lerntechniken zu beschäfti­ gen, hat er Finanz- und Versicherungsprodukte verkauft. Für beides brauche es schlau gemachtes Storytelling, kunstvolles Geschichtenerzählen. Damit sie ihren Job gut machen, benötigen Wissens­

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AUF KURS BLEIBEN

unterhalter darum für Huber vor allem Humor, Präsentationskunst und rhetori­ sches Geschick. Dass er über Letzteres verfügt (schliesslich erteilt er auch Rhe­ torikkurse), beweist er, wenn er hinge­ worfene Stichworte schnell zerlegt und rasch auf den Punkt bringt:

Mit Mega Memory zum Topgedächtnis Sich alles besser merken können Smart Reading – strategisch lesen mit Neuro Tricks Die Informationskompetenz steigern Speed Reading – schneller lesen – besser behalten Lesetechnik für Beruf und Weiterbildung optimieren Anmeldung: www.eb-zuerich.ch/ebnavi/weiterbildung

Eselsbrücke – «Die müsste eigentlich Fuchsbrücke heissen. Dem Hirn eine Brücke zu bauen ist nicht einfältig, dumm oder störrisch, sondern schlau.» Das Hirn denkt in Bildern, oft sind es Wortbilder. Memory – «Zweitklässler schlagen Erwachsene, weil sie Farben und Symbole schneller zuordnen können.» Ihre Merk­ fähigkeit ist sozusagen noch nicht durch abstrakte Denkumwege eingeschränkt. Vokabeln lernen – «Ein Unding. Sprachenerwerb geschieht am leichtesten in Bildern und Erlebnissen, also im Land mit Einheimischen.» Sprachkurse würde er hingegen weniger empfehlen. Spielen – «ist bestes Hirntraining, jedes Lernen geschieht am besten spielerisch. Spielen gleich Lernen.» Als Zeugen für diese Gleichung führt er den Neurowissenschafter Gerhard Hüther an, der ein Vorbild für ihn ist.

Zu seinem eigenen Hirn hat Huber ein «zwei­ spältiges» Verhältnis. Auch er ärgert sich, wenn er Hotelzimmernummern oder Namen verwechselt oder wenn andere sagen, seine Erinnerungen an gemeinsame Erlebnisse seien in Tat und Wahrheit Trugbilder. «Wenn ich aber bewusst entscheide, etwas zu behalten, dann geht es.» Denn das Hirn merke sich das, was es wolle. Diese Kombination ist sein Erfolgsrezept für eine sichere Abspeicherung im Hirn: Es braucht einen bewussten Auftrag plus die nötigen Techniken, um Informationen anzuknüpfen und abzulegen. Wagner und Shakespeare richtig abgelegt

Dafür arbeitet er mit verschiedenen Techniken wie Mega Memory, Merklisten oder Brainstorys. Letz­ tere etwa sind bildhafte Fuchsbrückengeschichten, die er für sich und andere erfindet. Etwa jene mit der man sich die Wagner-Opern des Nibelungenzyklus 8  EB NAVI #10

einprägen kann. Dabei steht man am Rhein, sieht einen vorbeischwimmenden Goldschatz und einen auftauchenden Wal, der eine Kür schwimmt usw. Und schon sind «Rhein-gold» und «Wal-küre» im Hirn verankert. Um Wissen abzuspeichern, braucht das Hirn solche Strukturtechniken. Für grössere Informationsmengen benutzt Huber auch seine Joggingstrecke und legt dort an einzelnen Merkpunkten Wissen ab. So zum Beispiel hat er sich «aus Spass an der Freude» sämtliche Komödien und Dramen von Shakespeare eingeprägt, und das sind an die 50. Ja, das etwas «ver-rückte» Denken hat ihm schon als Kind gefallen, die Krea­ tion, die Wortspiele, die ausgefallenen Ideen. Sein Motto für diesen Herbst lautet: «Lieber Gedächtnis ölen, als Kürbis aushöhlen.» Die entsprechende Werbekarte hat seine Frau gestaltet, der Sohn kümmert sich um die Social-Media-Kanäle. Und so ist «The Brainman» auch eine Art Familienunter­ nehmen. Grösse als Ziel

Das Prädikat vom Hirnmann stammt übrigens nicht von ihm selbst. Einmal, bei einem Auftritt in Deutschland, hat ihn der Speaker als «Brainman» angekündigt. Huber fand: Das passt, und ist dabei geblieben. Obwohl der Name eigentlich schon besetzt ist. Von einem Autisten aus England namens Daniel Tammet, der mathematische Rechnungen in null Komma nichts bis zu hundert Stellen nach dem Komma lösen und Sprachen innerhalb einer Woche lernen kann. Von solcher Inselbegabung ist Huber weit entfernt. Intelligenz ist für ihn immer auch ein Set aus verschiedenen Komponenten, die es zu nutzen und zu fördern gilt. Hubers Credo: «Das Ziel müssen grosse, urteilsfähige, kreative Men­ schen sein, nicht Wissenskleine.»  n


W EITERBILDUNG

Wie weiter mit der Weiterbildung? Die Art der Arbeit ändert sich rasant. Niemand kann mehr mit Sicherheit wissen, welche Fertigkeiten und Fachkenntnisse in Zukunft noch gefragt sind. Wissen, das wir uns heute aneignen, kann morgen schon überholt sein. Was bedeutet das für den Stellenwert der Weiterbildung? Welche Trends krempeln die Arbeitswelt radikal um? Und welche Kompetenzen werden wir in diesem Umfeld vor allem brauchen? Ein Überblick.

Text Christian Kaiser

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«Der Erwerb von Wissen und Können sowie deren kontinuierliche Aktualisierung und Weiterentwicklung sind Voraussetzung für persönliche Entfaltung und für die Teilhabe an allen Bereichen der Wirtschaft und Gesellschaft.» (Botschaft des Bundesrates zum neuen Weiterbildungsgesetz, in Kraft seit 1. Januar 2017) Wirtschaftsvertreter und Politikerinnen aller Couleur sind sich weitgehend einig: Die Bildung wird die Wettbewerbsfähig­ keit der Schweiz und ihre Integration ins europäische und globale Umfeld in den nächsten Jahrzehnten entscheidend bestimmen. Dabei wird es darum gehen, nicht nur Kenntnisse für berufliche Akti­ vitäten, sondern auch ein vertieftes Ver­ ständnis und umfangreiche Kompeten­ zen zu erwerben, um mit der Welt und der Gesellschaft von morgen sinnvoll umzugehen. Zunehmende Bedeutung der Weiterbildung

«Als Land mit beschränkten natürlichen Ressourcen ist die Schweiz zum Erhalt ihrer Wettbewerbsfähigkeit auf ihr Humankapital angewiesen. Ein gut funk­ tionierendes Bildungssystem ist deshalb für den Wirtschaftsstandort Schweiz zentral.» Das schreibt der Bundesrat in der Botschaft zum neuen Weiterbil­ dungsgesetz. Unter dem Titel «Bedeutung der Wei­ terbildung» führt der Bundesrat weiter aus, warum: Die «Wissensgesellschaft», «der technologische Fortschritt» sowie das «Erfordernis einer nachhaltigen Ent­ wicklung» würden ständig neue und 10  EB NAVI #10

höhere Qualitätsanforderungen stellen. Und kommt zum Schluss: «Das lebens­ lange Lernen und insbesondere auch die Weiterbildung hat stark an Bedeutung gewonnen.» Einen zentralen Treiber für diesen Bedeutungszuwachs der Weiter­ bildung sieht der Bundesrat in der «Globalisierung und dem damit einher­ gehenden Strukturwandel von Gesell­ schaft und Wirtschaft». Gleichberechtigter Pfeiler des Bildungssystems

Das neue Weiterbildungsgesetz mit dem erklärten Ziel, die Weiterbildung zu stärken, ist nach jahrelanger Vorarbeit am 1. Januar 2017 in Kraft getreten. Für die Weiterbildung bedeutet es einen ent­ scheidenden Durchbruch: Ihr Beitrag für die Qualität und die Durchlässigkeit des Bildungsraums Schweiz ist offiziell gewürdigt, die Weiterbildung wird als wichtiger Pfeiler im gesamten Bildungs­ system aufgewertet und zu einem gleich­ berechtigten Teil der Bildungspolitik erhoben. Denn der Bund kam mit dem neuen Gesetz nicht nur einem in der Verfassung verankerten Auftrag nach (Art. 64a BV), er hat im Grundsatz auch anerkannt, dass es sich bei der Weiterbil­ dung um einen für den Werk- und Denk­


Bedeutungszuwachs der Weiterbildung: Trends und Entwicklungen Für die steigende Relevanz der Weiterbildung sieht der Bundesrat folgende Ursachen: 1. Wandel des Beschäftigungs- und Bildungssystems Die Schweiz hat sich in den vergangenen Jahrzehnten von einer Industrie- zu einer Dienstleistungsgesellschaft gewandelt. Weiterbildung spielt dabei eine wichtige Rolle. Anbieter von Weiterbildungen reagieren sehr schnell auf neue Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt. Damit ergänzen Weiterbildungen in geeigneter Weise das formale Bildungssystem. Im Weiterbildungsangebot widerspiegelt sich die Nachfrage am Arbeitsmarkt. Allgemeine, berufsübergreifende Elemente gewinnen neben der Vermittlung von fachtechnischem Wissen an Bedeutung. 2. Demografische Entwicklungen Gemäss Bundesamt für Statistik (BFS) ist bereits jede zweite Person der erwerbstätigen Bevölkerung in der Schweiz über vierzig Jahre alt. Gleichzeitig sinkt die Zahl der Jugendlichen und damit das zukünftige Arbeitskräftepotenzial. Der Zufluss an neuem und aktuellem Wissen und Können erfolgt je länger, desto weniger über die Rekrutierung von Nachwuchskräften. Innovation wird künftig tendenziell weniger über den Generationenwechsel als über Weiter­ bildung auf allen Qualifikationsniveaus gewährleistet. 3. Berufliche Neuorientierung und Wiedereinstieg Berufliche Karrieren ohne grössere Veränderungen werden immer seltener. Wechsel aufgrund persönlicher Neuorientierungen, durch den technologischen Fortschritt bedingte Veränderungen von Berufsbildern, Quer- und Wiedereinstiege in den Arbeitsmarkt nach einer Familienphase entwickeln sich zum Normalfall. Berufliche Neuorientierung und berufli-

cher Wiedereinstieg sind nicht zuletzt wegen der raschen Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt in der Regel mit einem beträchtlichen Weiterbildungsaufwand verbunden. 4. Integration Eine nachhaltige gesellschaftliche Entwicklung und die erfolgreiche Integration von Menschen mit Behinderungen, von gering qualifizierten Personen, von Migrantinnen und Migranten, aber auch von älteren Menschen in Gesellschaft und Arbeitsmarkt setzten Weiterbildungsanstrengungen auf verschiedenen Ebenen voraus. Im Migrationsbereich stehen der Erwerb von Sprachkenntnissen und beruflicher Qualifikation, aber auch die Anrechnung bereits erworbener Bildungsleistungen und Berufserfahrungen im Vordergrund. Für die ältere Generation hat insbesondere der Erwerb von Grundkenntnissen in Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) eine wichtige Bedeutung, damit sie möglichst lange im Arbeitsmarkt bleiben und später selbstständig am gesellschaftlichen Leben teilhaben kann. 5. Zugang zu Weiterbildung Verschiedene Faktoren können eine Teilnahme an Weiterbildung erschweren oder gar verunmöglichen. Dazu zählen zum Beispiel mangelnde Zeit, persönliche und familiäre Gründe (Vereinbarkeit von Beruf, Weiterbildung und Familie) oder geografische Erreichbarkeit, aber auch das Fehlen von Grundkompetenzen wie Lesen, Schreiben, Alltagsmathematik und Anwenden von Informations- und Kommunikationstechnologien bei Erwachsenen. Hier besteht die Aufgabe von Weiterbildungsinstitutionen darin, den Zugang zu gewährleisten und den Anschluss an das nötige Wissen und die erforderlichen Kompetenzen zu gewährleisten.

platz Schweiz gleichbedeutenden, glei­ chermassen förderungswürdigen Bereich handeln muss wie die Berufsbildung, die Hochschulbildung oder die Forschung. Das war in der Vergangenheit und ist in der heutigen Praxis alles andere als selbstverständlich. Nun ist es Sache der Kantone, die Ziele des Gesetzes gemein­ sam mit dem Bund umzusetzen (Art. 4 WBG). Unter anderem lautet der Auftrag: Einzelpersonen bei ihren Weiterbil­ dungsanstrengungen zu unterstützen,

ihre Teilnahme an Weiterbildung zu ermöglichen und günstige Rahmenbe­ dingungen für die Weiterbildungsanbie­ ter zu schaffen. Warum diese Aufwertung der Weiter­ bildung im gesamten Bildungskontext dringend nötig ist, erklärte der Bundesrat in seiner Botschaft anhand wichtiger gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und internationaler Trends und Entwicklun­ gen (➝ Kasten oben).

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Mit der Frage, was die wirtschaftli­ chen Umbrüche für die Berufsbildung bedeuten, befasst sich die Plattform «Berufsbildung 2030»: Akteure und Akteurinnen im Berufsbildungsbereich erarbeiten gemeinsam mit Expertinnen und Experten aus Wissenschaft und Wirtschaft eine «Vision 2030» sowie strategische Leitlinien für die Entwick­ lung der Berufsbildung. Diese sollen bis im November 2017 verabschiedet und veröffentlicht werden. Das Ziel ist, eine breit abgestützte Strategie für die Berufs­ bildung 2030 auszuarbeiten. Unter ande­ rem haben die Verbundpartner dafür in einem ersten Schritt Megatrends ausge­ macht, welche einen entscheidenden Einfluss auf die Anforderungen an die Berufsbildung haben werden. Megatrends für die Berufsbildung

Anschliessend wurde die Bedeutung die­ ser Megatrends für die Berufsbildung in einem offenen Abstimmungsprozess dis­ kutiert. Die Ergebnisse dieses VotingProzesses wurden im Frühjahr veröffent­ licht und sind recht aufschlussreich: Den mit Abstand grössten Einfluss wurde dem Megatrend Digitalisierung beige­ messen, gefolgt von den Einflüssen der Megatrends Upskilling, Deindustrialisie­ rung (inzwischen in «Dienstleistungs­ gesellschaft» umbenannt) und Globali­ sierung (➝ Kasten, Seite 13). Die Digitalisierung hatte für 97 Pro­ zent der Teilnehmenden einen starken oder eher starken Einfluss, die Globali­ sierung für 73 Prozent, die übrigen Werte lagen dazwischen. Interessant dabei: Dem wichtigsten Treiber «Digitalisie­ 12  EB NAVI #10

rung» massen die Experten einen ganz anderen Stellenwert bei, als das in der Botschaft des Bundesrates zum Weiterbil­ dungsgesetz zum Ausdruck kommt. Dort wird im Bereich Digitalisierung prak­ tisch nur von der Nachholbildung der älteren Arbeitnehmenden gesprochen. Für «Berufsbildung 2030» sind die Aus­ wirkungen jedoch viel gravierender und umfassender. Wenn die Weiterbildung für die Berufsbildung über die Grundbildung hinaus sowie für das lebenslange Lernen eine wichtige Rolle im gesamten System spielen soll – so wie vom Bund vorgese­ hen –, sind diese Trends auch für die zukünftige Ausgestaltung der Weiterbil­ dung massgebend. Für jene, die sich weiterbilden wollen, steht dabei die Frage im Vordergrund, was diese Megatrends für sie bedeuten, sprich: Welche Kompe­ tenzen sie als Berufsleute künftig haupt­ sächlich brauchen, um erfolgreich zu sein. Eines ist dabei sicher: In einer der­ art dynamischen Berufswelt benötigen sie vor allem Anpassungsfähigkeit und Flexibilität (➝ Interview ab Seite 51). Der Umgang mit dem Wandel

Kompetenz hat nichts zu tun mit GoogleAbfragen, der Darreichung von Wissen in medial aufbereiteten Häppchen oder dem Abhaken von Checklisten. Das ist nur Anpassung ans Gegebene, der anpas­ sungsfähige Mensch geht weiter; er ver­ lässt das Vorgegebene dort, wo es die Situation erfordert. Um innovativ zu sein, um Probleme zu lösen und Neues zu schaffen. Wichtiger als das Wissen ist die Fähigkeit, selbstverantwortlich damit


Die vier wichtigsten Megatrends für die Berufsbildung Die vier wichtigsten Trends für die Anforderungen an die Berufsleute der Zukunft definiert die Plattform «Berufsbildung 2030» wie folgt: 1. Digitalisierung Wie jede bisherige technologische Entwicklung wird auch die Digitalisierung und die damit verbundene «Industrie 4.0» zu veränderten Produktionsprozessen und somit zu anderen Anforderungen an die Arbeitskräfte führen. Gewisse routinemässige Tätigkeiten werden durch neue Technologien abgelöst, dies auch im Dienstleistungsbereich. Dieser «Veränderungsprozess» ist nicht neu, jedoch das aktuelle Tempo der Veränderung. Das bedeutet: –– Mit der Digitalisierung wird sich die Berufslandschaft verändern, neue Berufe werden entstehen, bestehende Berufe verschwinden. –– Die Tätigkeiten auch innerhalb eines Berufs werden sich verändern bzw. an die neuen Technologien anpassen. Entsprechend werden sich die Bildungsinhalte verändern. –– Die Digitalisierung eröffnet in der Bildung neue Möglichkeiten in der Wissensvermittlung, stellt aber ebenfalls neue Anforderungen an die pädagogischen Methoden. –– Aufgrund der technologischen Entwicklung wird Wissen immer einfacher zugänglich. Wissen kann über verschiedene Kanäle «konsumiert» werden. Der Wissensvorsprung aufgrund von Erfahrung verliert an Bedeutung. Hinzu kommt, dass die Lernenden technologisch «up to date» sind. Die Anforderungen an die Ausbildner in der Schule, aber auch im Betrieb steigen dadurch. 2. Upskilling Die Kompetenzen, das Wissen und die Innovationspotenziale der Mitarbeitenden sind in einer zunehmend komplexen und dynamischen Wirtschaft zentral. Die Unternehmen fragen zunehmend qualifizierte Fachkräfte nach. Die Erwerbstätigen weisen ein immer höheres Ausbildungsniveau aus. Das Bundesamt für Statistik geht in seinen Bevölkerungsszenarien 2015–2045 davon aus, dass sich dieser Trend fortsetzt. Dies bedeutet: –– Die steigenden Anforderungen der Wirtschaft an die Arbeitskräfte spiegeln sich auch in steigenden Anforderungen an die Lernenden wider. –– Die Bedeutung der höheren Berufsbildung für die persönliche berufliche Entwicklung wird weiter zunehmen. –– Bei steigenden Anforderungen wird einerseits die Konkurrenz zu den Gymnasien um schulstarke Jugend­liche verstärkt, andererseits steigt die Zahl der Personen, welche den Anforderungen nicht mehr gewachsen sind.

–– Die Attraktivität des Berufsfeldes, welche massgebend durch berufliche Weiterentwicklungsmöglichkeiten bestimmt wird, ist zunehmend wichtig für die Gewinnung von Fachkräften. 3. Dienstleistungsgesellschaft Seit den 1970er-Jahren schwand die Grösse des industriellen Sektors gemessen an der Gesamtbeschäftigung. Diese Entwicklung wurde getrieben durch wirtschaftliche Krisen, die Globalisierung sowie die Digitalisierung. In den vergangenen 40 Jahren nahm zugleich die Beschäftigung im Dienstleistungssektor deutlich zu. Dieser Wandel in den Wirtschaftssektoren beeinflusst auch die Berufsbildung: –– Die Berufsbildung steht einer vermehrten Arbeitsnachfrage im Dienstleistungsbereich gegenüber. In der Industrie gibt es zunehmend Arbeitsplätze in stark technologisierten und innovativen Unternehmen. –– Die Dienstleistungsorientierung (Skills) wird auch im klassischen Gewerbe und in den Industrieberufen immer wichtiger. 4. Globalisierung Die Globalisierung führt zu einer zunehmenden internationalen Verflechtung. In der Wirtschaft manifestiert sich dies in nationenübergreifenden Handelsströmen, Produktionsketten, Arbeitsmärkten und Firmenstrukturen. Die Schweiz weist als kleines, hoch entwickeltes Land einen hohen Internationalisierungsgrad auf. Das bedeutet: –– Die Berufsbildung wird vermehrt auch in internationalen Firmen und in Firmen mit ausländischen Arbeits- und Führungskräften stattfinden, welche mit dem Schweizer Bildungssystem nicht vertraut sind. –– Die ausbildenden Betriebe stehen vermehrt unter internationalem Konkurrenzdruck. –– Die ausbildenden Betriebe, auch KMUs, sind vermehrt mit dem internationalen Umfeld verwoben. Die Zusammenarbeit mit ausländischen Standorten, Partnerfirmen, Kunden und Zulieferern wird zunehmen. –– Es wird zunehmend einfacher, unqualifizierte Tätigkeiten ins kostengünstigere Ausland zu verlagern. –– Die Schweizer Berufsbildungsabschlüsse werden vermehrt an internationalen Bildungsstandards gemessen.

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umzugehen, wichtiger als die Kenntnis der kommenden Technologien ist das «Gewusst wie» der Technologienutzung. Gefragt ist längst nicht mehr nur Fachwissen: Immer wichtiger wird der Umgang mit Technologien, Menschen und – sich selbst. Kompetent sein heisst anpassungsfähig sein: sein Wissen auf Dauer in wechselnden Situationen anwenden und die Folgen des Handelns abschätzen können. Dafür müssen wir sowohl mit Dingen (Sachkompetenz) als auch Personen (Sozialkompetenz) und uns selbst (Selbstkompetenz) umgehen können. Auch Methodenkompetenzen wie, vernetzt denken, lernen oder Priori­ täten richtig setzen zu können, werden dabei immer wichtiger. Technologie als stärkster Treiber

Was das konkret heisst, hat eine Studie des Insitute of the Future für die For­

schungsabteilung der University of Phoenix ermittelt: Die Zukunfts- und Bil­ dungsforscher aus dem kalifornischen Palo Alto und Phoenix Arizona haben 2011 sechs zentrale Treiber für den gegenwärtigen Wandel ausgemacht: Langlebigkeit, Globalisierung, neue kooperative Formen der Produktion und Wertschöpfung, intelligente Maschinen und Systeme, massiv erhöhte Kapazitä­ ten und neue Formen der Datenverarbei­ tung sowie eine Vielzahl an neuen Kom­ munikationsmedien, mit welchen es umzugehen gilt. Gut die Hälfte der uns noch bevorstehenden Umbrüche in der Arbeitswelt werden für das Forscherteam vom technologischen Fortschritt ange­ trieben. Aus diesen sechs Motoren des Wandels haben sie 10 «Skills» abgeleitet, welche Arbeitskräfte in Zukunft brau­ chen werden (➝ Kasten S. 14/15).  n

Quellen Artikel www.berufsbildung2030.ch www.iftf.org Quelle Box Studie «Future Work Skills 2020», Institute for the Future for the University of Phoenix Research Institute (2011)

Zehn Fähigkeiten, die 2020 gefragt sein werden Ein hochkarätiges Team von amerikanischen Zukunfts- und Bildungsforschenden hat zehn Schlüsselfähigkeiten für die Arbeitskräfte von morgen ausgemacht und beschrieben: 1. Sinn-Gebung Definition: Die Fähigkeit, die tiefere Bedeutung zu erkennen, Erkenntnisse und Einsichten zu entwickeln, die für die Entscheidfindung zentral sind. Erläuterung: Wenn intelligente Maschinen die Routinejobs übernehmen, wird es eine grössere Nachfrage nach Fähigkeiten geben, in welchen Maschinen nicht so gut sind. Dazu gehören Denkfähigkeiten auf hohem Niveau, die (noch) nicht programmierbar sind.

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2. Soziale Intelligenz Definition: Die Fähigkeit, mit anderen auf direkte und vertiefte Weise in Verbindung zu treten, zu fühlen und gewünschte Reaktionen und Interaktionen mit anderen anzuregen. Erläuterung: Die Fähigkeiten der Prototypen von «sozialen» und «emotionalen» Robotern sind noch limitiert. Zu fühlen ist ein menschlicher Konkurrenzvorteil. Die soziale Intelligenz wird für die verstärkte Zusammenarbeit von Menschen und für den Aufbau von Vertrauensbeziehungen zwischen ihnen immer wichtiger. 3. Innovatives und anpassungsfähiges Denken Definition: Professionalität und Expertise im (Er-)Denken von radikal Neuem; ein Denken, das über Routine und (über-


holte) Regeln hinausgeht und radikal neue Lösungen und Antworten bringt. Erläuterung: Langjährige Untersuchungen haben gezeigt, dass die Automatisation sowie die Auslagerung ins Ausland vor allem die Jobs im mittleren Anforderungssegment wegrationalisieren. Die Nachfrage für hoch qualifizierte Stellen mit abstrakten Denkfähigkeiten sowie niedrig qualifizierte Jobs mit manuellen Fertigkeiten nimmt hingegen zu. Für beide Gruppen wird aber vermehrt «situative Anpassungsfähigkeit» verlangt – verstanden als die Kompetenz, auf einzigartige und unerwartete Umstände sofort und unkonventionell zu reagieren. 4. Interkulturelle Kompetenz Definition: Die Fähigkeit, in unterschiedlichen kulturellen Umgebungen zu wirken, Gemeinsamkeiten auszumachen, Beziehungen aufzubauen und so wirksam zusammenzuarbeiten. Erläuterung: In einer wahrhaft verbundenen Welt wird interkulturelle Kompetenz zu einer wichtigen Fähigkeit für alle Arbeitnehmenden (nicht nur für jene, die ins Ausland versetzt werden). Organisationen sehen Diversität zunehmend als Treiber für Wachstum und Innovation, weil kulturell möglichst verschieden zusammengesetzte Teams bessere Resultate bringen als Gruppen von Gleichgesinnten mit ähnlichem Hintergrund. 5. Rechnerisches Denken Definition: Die Fähigkeit, grosse Datenmengen in abstrakte Konzepte zu übersetzen und datenbasierte Argumentationen nachzuvollziehen. Erläuterung: Wenn die zur Verfügung stehenden Daten­ mengen exponentiell ansteigen, brauchen wir rechen­ betonte Denkfähigkeiten, welche diesen Daten einen Sinn verleihen. Damit sind nicht nur statistische Analysen und quantitative Argumentationen gemeint, sondern auch Basiskenntnisse im Programmieren und Simulieren von virtuellen und physischen Welten. 6. Verständnis neuer Medien Definition: Die Fähigkeit, Inhalte neuer Medien kritisch zu beurteilen und selber zu entwickeln und diese Medien für überzeugende Kommunikation einzusetzen. Erläuterung: Videos, Blogs und Podcasts halten auch in der Berufswelt Einzug. Damit wird sich auch die Erwartung steigern, dass Arbeitskräfte in der Lage sind, diese Werkzeuge einzusetzen, um ihr Zielpublikum zu überzeugen. Dazu gehört es auch, Informationen selbst in eine ansprechende visuelle Form zu bringen und zu präsentieren.

7. Transdisziplinarität Definition: Kenntnisse unterschiedlicher Disziplinen und die Fähigkeit, quer durch Wissensfelder hindurch Konzepte zu verstehen und miteinander zu verknüpfen. Erläuterung: Globale Erwärmung, Überbevölkerung – viele der heutigen globalen Probleme sind zu komplex, um von Spezialisten gelöst zu werden. Vielschichtige Herausforderungen verlangen nach transdisziplinären Lösungsansätzen. Die idealen Arbeitskräfte verfügen über vertiefte Kenntnisse in einem Feld, verstehen aber auch die Fachsprache anderer Wissensgebiete; sie sind wissbegierig genug, um mit Fachleuten aus anderen Disziplinen in Teams zusammen­zuarbeiten. 8. Designer-Mentalität Definition: Planerische und gestalterische Fähigkeiten, um Arbeitsprozesse und Aufgaben selbst so zu designen, dass die gewünschten Resultate herausschauen. Erläuterung: Sensoren, Kommunikationsmittel und Rechenleistungen bringen neue Möglichkeiten mit sich, unsere Arbeit selbst neu zu designen: Wir können unsere Arbeitsumgebungen so gestalten, dass wir in der Lage sind, uns an die verschiedensten Herausforderungen anzupassen und unsere Aufgaben optimal zu erfüllen. 9. Guter Umgang mit kognitiver Belastung Definition: Die Fähigkeit, Informationen nach Wichtigkeit zu filtern und zu verstehen, wie sich Erkenntnisprozesse verbessern lassen. Erläuterung: Die Fülle an Informationsströmen bringt die Gefahr der Überladung mit sich. Die Datenflut lässt sich nur sinnvoll nutzen, wenn man weiss, wie sie sich effektiv filtern lässt und wie man sich auf das Wesentliche fokussieren kann. Filter- und Ranking-Techniken können helfen, die relevanten Informationen vom «Grundrauschen» abzuheben. 10. Virtuelle Zusammenarbeit Definition: Die Fähigkeit, als Mitglied eines virtuellen Teams produktiv zu arbeiten, sich zu engagieren und Präsenz zu markieren. Erläuterung: Virtuelles Verbundensein macht es einfacher, auch auf Distanz Ideen auszutauschen und gemeinsam produktiv zu sein. Aber die virtuelle Arbeitsumgebung bedingt auch ein neues Set an Kompetenzen. Zudem müssen neue Wege gefunden werden, wie emotionale Komponenten wie Zugehörigkeitsgefühl und soziale Anerkennung auch in virtuelle Netzwerke einfliessen können.

WEITERBILDUNG   15


Weiterbildung in der Schweiz Wie viele Erwachsene in der Schweiz bilden sich weiter und in welcher Form? Welches sind die beliebtesten Weiterbildungen und was sind die wichtigsten Gründe für die Teilnahme? Eine grafische Übersicht. Infografik Daniel Röttele

1

So bilden sich Schweizerinnen und Schweizer weiter

Anteil der Personen in der Schweiz im Alter von 15 bis 75 Jahren, die sich im Jahr 2011 weiterbildeten

2

24 % verzichteten auf Weiterbildung

Geschlecht: Frauen besuchen deutlich häufiger Kurse und Seminare

Anteil des Geschlechts beim Besuch nicht formaler Weiterbildungsaktivitäten, in Prozent der Aktivitäten

56%

44%

76 % bildeten sich in irgendeiner Form aus oder weiter

3

Alter: Die 35- bis 54Jährigen sind spitze

Verteilung der Altersklassen beim Besuch nicht formaler Weiterbildungsaktivitäten, in Prozent der Aktivitäten 24%

23% 20%

16% 12%

16 4

ahre 75 J 65–

ahre 64 J 55–

ahre

ahre

ahre

54 J 45–

44 J 35–

34 J 25–

Frauen

15–

Männer

24 J

ahre

5%

Quellen: BfS: Lebenslanges Lernen in der Schweiz. Ergebnisse des Mikrozensus Aus- und Weiterbildung 2011 (1), BfS: Weiterbildungsaktivitäten


Nach Art des Lernens: Kurse als Hauptlernquelle Von den 76 %, die im Jahr 2011 eine oder mehrere Weiterbildungen machten, besuchten 60 % Kurse oder Seminare, 49 % lernten selber informell (Mehrfachnennungen möglich).

60 % besuchen eine oder mehrere nicht formale Weiterbildungen (z. B. einen Sprach-, einen Informatikkurs oder ein Kommunikationsseminar)

4

49 % lernten informell (z. B. durch das Lesen von Fachliteratur oder durch ein Tutorial am Computer)

16 % nahmen an formaler Bildung teil (z. B. Erwerben eines Universitätsdiploms)

Gründe und Nutzen: Persönliche Motive stehen im Vordergrund

Gründe für eine Weiterbildung … … und welchen Nutzen sie brachte Die sechs häufigsten Gründe für die Teilnahme an nicht formaler Weiter- Die sechs häufigsten Antworten zum Nutzen nicht formaler Weiterbildung, in Prozent der Aktivitäten (Mehrfachnennungen möglich) bildung, in Prozent aller Aktivitäten (Mehrfachnennungen möglich) aus persönlichem Interesse

88%

um nützliche Kenntnisse für den Alltag zu gewinnen um die Arbeit besser zu machen

76% 73%

ich hatte einen persönlichen Nutzen im Alltag ich konnte die Arbeitsleistung steigern

59%

ich bekam neue/interessantere Arbeitsaufgaben 39%

um neue Leute kennenzulernen 37%

ich fand eine neue Arbeitsstelle 20%

die Teilnahme war obligatorisch 28%

ich wurde befördert 14%

um eine neue Arbeit zu finden 24%

ich erhielt eine Lohnerhöhung 14%

Ergebnisse  des Mikrozensus Aus- und Weiterbildung 2011 (2, 3, 4)

74%

  17 5


5

Die zehn am häufigsten gewählten Weiterbildungen

Welche Themen werden am häufigsten gewählt? Geordnet nach Prozent aller nicht formalen Weiterbildungsaktivitäten

12,9 % Gesundheit/Medizin (z. B. Weiterbildung im Bereich Pflege oder im Rettungswesen)

9,9 % Informatik (z. B. Erlernen einer Programmiersprache oder von Textverarbeitung)

7,8 % Dienstleistungen (z. B. Weiterbildung im Verkehr oder Besuch einer Fahrschule)

Erläuterung: Rund 13 % aller nicht formalen Weiterbildungen werden im Bereich «Gesundheit und Medizin» besucht. Gefolgt von Persönlichkeitsbildung und Informatik. Letztere wird vor allem direkt am Arbeitsplatz geschult, während z. B. künstlerische und kreative Kompetenzen vor allem in Privatstunden erworben werden.

6

7,3 % Sport und Spiel (z. B. Erlernen einer Sportart)

6,9 % Sprachen (z. B. Erlernen einer Fremdsprache)

Kosten: Wie viel geben Schweizerinnen und Schweizer im Schnitt aus

Durchschnittliche Ausgaben für die nicht formale Weiterbildung, in Franken pro Jahr

Wer bezahlt die Weiterbildungen?

15%

für berufliche Zwecke

für ausserberufliche Zwecke

18 6

48%

Anteil der Finanzierung aller Weiterbildungsstunden bei nicht formalen 38% Weiterbildungsaktivitäten

allein vom Teilnehmer bezahlt

teilweise vom Teilnehmer bezahlt

vom Arbeitgeber oder von anderer Stelle bezahlt*

* z. B. von der öffentlichen Arbeitsvermittlung


10,4 % Persönlichkeitsbildung (z. B. Weiterbildung in Kommunikation, in Umgangsformen oder Meditation)

8,7 % Wissenschaft (z. B. Weiterbildung in Philosophie oder Ökonomie)

7,5 % Künstlerische/kreative Aktivitäten (z. B. Unterricht in Malen/Zeichnen oder Erlernen eines Instruments)

6,9 % Kaderkurse (z. B. Weiterbildung in Personalführung oder Management)

6,4 % Industrielle Produktion (z. B. Weiterbildung im Bereich Architektur oder Bau)

7

Internationaler Vergleich: Die Schweiz liegt unter dem europäischen Durchschnitt

31%

27% arn

Ung

31% n atie

Lita

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37% UK

Kro

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Por

37%

40%

41%

44%

46%

47%

48%

49%

49%

50%

51%

52%

55%

53%

55%

tug

Durchschnitt EU 27

al we den Zyp ern Ital ien Fra nkr eich Bul gar ien Let tlan d Finn lan d Deu tsch lan d Sch we iz Nie der lan de Rum äni en Est lan d Öst erre ich

56%

57%

57%

58%

60%

Pol en

Tsc h

ech ien Slo we nie n Lux em bur g Slo wa kei Bel gie n Ma lta Spa nie n

62%

72%

Der Anteil der Teilnehmenden an beruflichen Weiterbildungskursen, die vom Arbeitgeber unterstützt werden, liegt in der Schweiz bei 46 Prozent. Ein Grund für den relativ tiefen Anteil in der Schweiz könnte der hohe Anteil an selbst finanzierter Weiterbildung sein (siehe 6).

Quellen:  BfS: Weiterbildungsaktivitäten. Ergebnisse des Mikrozensus Aus- und Weiterbildung 2011 (5, 6), BfS: Berufliche Weiterbildung in Unternehmen der Schweiz (7)

19 7


BER ATUNG

Jedem Elefanten sein Rüebli Ein neuer Job, eine Weiterbildung, ein Rauchstopp: Das Ziel ist schön, der Weg dahin aber meistens nicht mit Gänseblümchen besät. Sibylle Jäger ist Expertin im Bereich Selbstmanagement und gibt Tipps, wie wir unser Gehirn dazu «überlisten» können, die unangenehmen Schritte zum Bestimmungsort mitzulaufen.

Seit Jahren drücke ich mich davor, mich in Sachen Buchhaltung weiterzubilden, obwohl es für den Job dringend nötig wäre. Ich bin kein Zahlenmensch. Wie bringe ich die nötige Motivation auf? Carola I., Steffisburg

20  EB NAVI #10

Es ist schwer, Motivation aufzubringen für etwas, wovon Sie nicht überzeugt sind. Stellen Sie sich zuerst die Frage, ob der Kurs wirklich nötig ist. Wenn der Chef Ihnen die Weiter­ bildung auferlegt, spielt bei Ihnen eine Angst um Ihre Position in der Firma mit. Angst ist aber ein Konzentrationsblocker beim Lernen. Sie können versuchen herauszufinden, wo Buchhaltungs­ kenntnisse Ihnen trotzdem Freude machen könnten. In Ihrem Fall ist es besonders wichtig, dass die Software, die Literatur oder der Kurs, den Sie einkaufen, spielerisch aufge­ baut ist. Das limbische System lässt sich am ehesten überreden, wenn man mit ihm spielt. Das Spiel nimmt Ihnen die Angst weg; Sie können sich das Thema besser angewöhnen. Auf dieses Prinzip sind beispielsweise die lustig geschriebenen Bücher «für Dummies» basiert. Vielleicht finden Sie auch einen Freund oder Arbeitskolle­ gen, der mit Ihnen zusammen einen Buchhaltungskurs machen will. Das macht sicher mehr Spass als alleine, und die Verbind­ lichkeit ist grösser.


Auf jeden Fall sollten Sie sich im Voraus mit Kreativitäts-, Lernund Lesetechniken wie zum Beispiel dem Smart Reading ver­ traut machen. Es gibt Kurse, in denen Sie solche Techniken erlernen können. Ausserdem gibt es mehrere Tipps, die Sie immer dann ein­ setzen können, wenn Sie das Gefühl haben, etwas machen zu «müssen», wie lernen, üben oder trainieren. Gewöhnen Sie sich an, Ihre Lernzeit effizient zu planen. Legen Sie immer kleine Lernschritte fest. Kurze, intensive Lern­ phasen funktionieren besser als mehrere Stunden. Unser Gehirn kann 45 Minuten lang intensiv arbeiten. Danach braucht es eine Pause. Tragen Sie diese Lernphasen in Ihrer Agenda ein – fix wie einen Zahnarzttermin. Nur dann wird das Lernen konkret und verbindlich. Legen Sie für jeden Schritt Ziele fest: Was will ich heute erreichen? Sie können sich zum Beispiel vornehmen, ein Buch in 45 Minuten durchzulesen mit dem Ziel, so viele Fragen wie möglich zu beantworten. Schon sind Sie in einem inneren Wett­ bewerb – das hat das limbische System gerne. Sogar unange­ nehme Sachen wie einen trockenen Fachbericht können Sie spielerisch und «Limbi-gerecht» angehen, indem Sie sich etwa fragen: Gelingt es dem Autor, mich heute noch mehr zu langweilen als gestern? BUCHTIPPS Nach einer solchen Lernphase können Sie sich dann freuen über das, was Sie schon gelernt haben. Dabei wird das Belohnungshormon Endorphin freige­ setzt. Der Kopf hat unglaubliche Drogen­ reserven, diese sollten Sie nutzen. Der Erfolg verursacht ein Fest fürs Gehirn! Belohnen Sie sich, wenn Sie Ihr Ziel erreicht haben. Machen Sie etwas, was Ihnen gefällt: einen Spaziergang, Ihre Lieblingsserie im Fernsehen schauen, Dan und Chip Heath Werner Tiki Küstenmacher Trampolin springen ... Aber Vorsicht: Switch – Veränderungen Limbi– Der Weg zum Glück Belohnen Sie sich nicht mit Süssigkeiten, wagen und dadurch führt durchs Gehirn einer Zigarette oder einem Glas Rotwein. gewinnen! 2016 Das limbische System ist an der Sucht 2013 beteiligt. Eine schöne Belohnung soll keine Sucht auslösen oder unterstützen.

Ich bin 44 und werde bald ein Bachelorstudium anfangen. Das individuelle Lernen zu Hause macht mir Angst, das ist schon so lange her. Wie kann ich mich am besten darauf vorbereiten, dass genug Zeit, Lust und Energie fürs Lernen bleibt? Hansjörg G., Flims

WEITERBILDUNG   21


Ich bin ein sehr impulsiver Mensch. Steht die Torte da, dann zählt die Diät nicht mehr; läuft der Fernseher, verschiebt sich das Lesen von Fachartikeln auf nächste Woche. Ist Selbstdisziplin überhaupt erlernbar? Maria C., Niederbipp

Für jeden Menschen gilt: Der Wille und der Verstand, die uns sagen, die Torte mache dick und Literatur mache schlau, brin­ gen uns nicht weiter. Selbstdisziplin heisst: Wir müssen lernen, mit dem limbischen System zu kommunizieren. Das limbische System ist ein Teil unseres Gehirns, der im Zusammenspiel mit anderen Gehirnanteilen für unsere Emotionen zuständig ist. Vereinfacht kann man sagen, dass das limbische System «der Chef im Kopf» ist. Das merkt man zum Beispiel bei Lampenfie­ ber oder Prüfungsangst. Hier kann unser Emotionenzentrum unseren Verstand quasi ausschalten. Manche Autoren veranschaulichen dies mit dem Bild vom Elefanten und dessen Reiter: Das limbische System ist der Ele­ fant und der Wille ist der Reiter. Damit der Elefant macht, was der Reiter will, muss er ihm ein Rüebli geben. Die Frage für uns Menschen ist also: Was ist mein Rüebli? Mit welcher Methode kann ich dafür sorgen, dass mein limbisches System mitwirkt? Das limbische System kann nur einfache Sachen verstehen. Stellen Sie sich die unangenehmen Folgen Ihres Verhaltens sen­ sorisch vor. Manche Menschen reagieren vor allem auf Geschmäcker oder Empfindungen an der Haut, andere eher auf Bilder oder Gerüche. Wenn Sie beispielsweise abnehmen oder mit dem Rauchen aufhören wollen, müssen Sie Ihrem Gehirn sagen, dass das, was auf dem Tisch liegt, nicht attraktiv für Sie ist. Fassen Sie Ihr Bauchfett an oder stellen Sie sich den schlech­ ten Nikotingeschmack vor, den Sie im Mund haben werden. Das sind Push-Faktoren fürs Gehirn, die Sie weg vom unerwünsch­ ten Verhalten bringen. Idealerweise gibt es auch Pull-Faktoren, die Sie zum Ziel führen. Was beispielweise die Fachliteratur betrifft, sollten Sie herausfinden, was für Sie erstrebenswert ist. Vielleicht gefällt Ihnen das innere Bild, wie Sie sich auf Ihrem Schreibtisch in fünfzehn Bücher vertiefen. Oder wie Sie Ihre Kunden mit Ihrem Fachwissen beeindrucken. Eventuell führt mehr Wissen auch zu einem besseren Job – und somit zu einer grösseren Wohnung?

AUF KURS BLEIBEN Erfolgreiches Stress-Management Ein Trainingsplan für die persönliche Stress-Kompetenz Motiviert handeln: Persönlichkeits-System-Interaktion Handlungsstrategien als Kraftquellen nutzen Zürcher Ressourcenmodell ZRM® – Einstieg Das eigene Verhalten besser steuern und in gewünschter Weise handeln Mit Selbstsicherheit zum Erfolg Das eigene Selbstwertkonzept erkennen Anmelden: eb-zuerich.ch/ebnavi/weiterbildung

22  EB NAVI #10


An meinem Wohnort wird jedes Jahr ein Stadtlauf durchgeführt. Seit Jahren wünsche ich mir, teilnehmen zu können. Ich habe schon mehrere Methoden ausprobiert, das Training durchzuhalten, aber immer versanden sie. Was kann ich noch machen? Anna M., Basel

In unserem Unternehmen gab es schon einige Burn-outs. Gerade Menschen, die hohe Ansprüche an sich selber stellen, scheinen schneller betroffen. Kann zu viel Selbstkontrolle ungesund werden? Beat C., Zürich

Lassen Sie sich nicht stressen, wenn Sie etwas errei­ chen wollen. Wenn eine Methode nicht funktioniert, dann sollen Sie das zur Kenntnis nehmen und wei­ terschauen, ob eine andere Vorgehensweise Ihnen besser entspricht. Genau diese Einstellung unterscheidet übrigens exzellente Leute von anderen – egal, in welchem Bereich. Der normale Mensch hört auf, wenn er scheitert. Exzellente Menschen machen einfach wei­ ter. Scheitern ist für sie ein Zeichen, dass es so nicht geht und dass sie weiter nach einer Lösung suchen müssen. Experimentieren Sie also mit dem eigenen Kopf, bis Sie den richtigen Schalter gefunden haben.

Ja, denn Selbstkontrolle versuchen wir zu erzwingen und «ver­ gewaltigen» sozusagen unser Gefühlssystem. Besser ist es, spie­ lerisch an die Dinge heranzugehen. Unser «Limbi» liebt den Wettbewerb ohne Druck und Zwang. Deshalb lohnt es sich, sich selbst immer ein wenig aus einer neutralen Distanz zu beobach­ ten und die Dinge nicht immer so ernst zu nehmen, die uns im Leben begegnen. Perfektionismus führt uns zwar einerseits zu Exzellenz. Auf der anderen Seite sind gerade Perfektionisten von «Aufschieberitis» und Blockaden betroffen. Sie verschieben alles auf später und fangen oft gar nicht an, weil das Endbild, das sie sich von ihrer Aufgabe machen, völlig überdimensioniert ist.

Sibylle Jäger ist Trainerin, Beraterin und Coach. Es ist ihr ein Anliegen, sich für eine stressreduzierte Effizienz und entspannte Produktivität am Arbeitsplatz zu engagieren. Sie interessiert sich für unser Gehirn und dessen unterschiedliche Zustände – und wie man diese proaktiv beeinflussen kann. «Der Kopf ist hartnäckig», weiss Sibylle Jäger aus eigener Erfahrung: Gefühlte fünfzehn Mal nahm sie einen neuen Anlauf, bis sie den richtigen Weg fand, mit dem Rauchen aufzuhören. An der EB Zürich erteilt Sibylle Jäger Kurse in Arbeitsmethodik und MS Office. Eva Kläui

WEITERBILDUNG   23


M AURO ODERM AT T, 5 0 Ausbildung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  Master in Information Management Systems Beruf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  Technischer Koordinator bei der Skyguide Weiterbildungen an der EB Zürich  . .  Web Publisher, PHP, Outlook, Buchhaltung und vieles mehr Aktuelle Weiterbildung . . . . . . . . . . . .  Mit Mega Memory zum Topgedächtnis Ziel  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  Do more with less

Ich habe die Grundsätze des Mega Memorys früher schon gekannt, aber nun wieder mal auffrischen müssen. Ziel des Mega Memorys ist es, das Gedächtnis clever zu nutzen, mit Techniken wie Eselsbrücken. Ich kann das Mega Memory jedem empfehlen, denn ich wende es überall im Alltag an.

24  EB NAVI #10

Mein Arbeitgeber unterstützt mich an drei Tagen pro Jahr mit Weiterbildungszeit. Die nutze ich gerne. Weiterbildungen sind für mich auch eine wichtige Plattform, um Leute kennenzulernen. Häufig begegne ich Menschen, mit denen ich sonst nicht in Kontakt kommen würde. Die unterschiedlichsten

Branchen und Ansprüche kommen so zusammen. Ausserdem lerne ich viel von den Problemen und Lösungen der anderen. Der Austausch bietet Best Practice aus erster Hand. Austauschen, nachfragen, üben: Während wir heutzutage überall mit Stress konfrontiert sind, bieten Weiterbildungen Raum zum Austoben.  n


MEL A NIE LOESSNER, 47 Ausbildung . . . . . . . . . . . . . .  Ernährungswissenschaften, CAS Management Beruf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  Freischaffende Ernährungswissenschaftlerin im Bereich Kommunikation (www.vitamintexte.ch) Aktuelle Weiterbildung . . .  Schreibdenken – Schreiben als Denkwerkzeug nutzen Ziel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  Eine erfolgreiche Selbständigkeit

Als Ernährungswissenschaftlerin bearbeite und redigiere ich schon seit Langem Fachartikel. In den letzten Jahren habe ich mich darauf spezialisiert, wissenschaftliche Erkenntnisse zu Ernährung allgemein verständlich aufzubereiten – für Artikel, Projekte und Vorträge. Im Mai habe ich mich dann in diesem Bereich selbständig gemacht. Ich wollte das Schreiben mal anders, kreativer angehen. Im Kurs «Schreibdenken» habe ich reichlich Inputs dazu bekommen, wie ich zum Beispiel mit Schreibblockaden umgehen kann. Auch privat kann ich die Schreibdenk-Techniken anwenden: Es ist wichtig, Emotionen schreibend verarbeiten zu können.

Ausserdem habe ich gemerkt, dass man auch in einem Tageskurs sehr viel lernen kann. Und dass gute Bildung nicht teuer sein muss. Ich hätte zwar einfach ein Fachbuch über Schreibdenken lesen können, aber ich bevorzuge es, wenn jemand das Thema adäquat aufbereitet. Genau diese Rückmeldung bekomme ich häufig von meinen Kunden: Über Ernährung wird so viel geredet und geschrieben, dass man den Überblick verliert. Ein persönliches, verständliches und gut formuliertes Angebot wird besonders geschätzt.  n

WEITERBILDUNG   25


LOT TI FR ASCOLI, 5 8 Ausbildung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Beruf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Weiterbildung an der EB Zürich . . . . Aktuelle Weiterbildung . . . . . . . . . . . Ziel  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Archäologie  Archäologin  Autocad  Filmen und fotografieren mit Drohnen  Bei der Archäologie weiss man nie ganz genau, was kommt. Ich erhoffe mir noch viele spannende Entdeckungen, Ausgrabungen und Erkenntnisse.

Weiterbildungen geben einen Einblick in die Zukunft. Da technische Hilfsmittel und Informatik in der Archäologie immer wichtiger werden, wollte ich wissen, wie Drohnen funktionieren und was man damit machen kann. Als Archäologin habe ich viel Affinität zu Gegenständen. Ich muss die Sachen in die Finger bekommen. Andere Kursteilnehmer hatten ihre eigenen Drohnen dabei. So findet man schnell heraus: Kann und will ich das überhaupt? Ich bilde mich zwar sowieso dauernd weiter, weil ich an der Universität unterrichte. Aber es 26  EB NAVI #10

ist gut, auch einen Ort zu haben, wo man Sachen ausprobieren kann – ganz niederschwellig. Ein vierstündiger Kurs reicht zwar nicht, um mit einer Drohne fliegen zu können. Aber der Einblick war spannend: Wie nah kann man an ein Objekt heranfliegen? Was ist gesetzlich erlaubt? In wenig Zeit viel lernen: Das ist der Vorteil, wenn eine Lehrperson vorsortiert und auswählt, was relevant ist. Mein Sohn ist computer­technisch mehr versiert als ich – wir haben nun tatsächlich beschlossen, gemeinsam eine Drohne zu kaufen.  n


L AURENCE SCHNECK ENBURGER, 4 5 Ausbildung . . . . . . . . . . . . . .  Pädagogin, Rekrutierung Reiseleitung, Sachbearbeitung Asylwesen, Hortleitung Beruf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  Leiterin und Vermittlerin Spielgruppenverein Aktuelle Weiterbildung . . .  Selbstbewusst Nein sagen – ein Kurs für Frauen Ziel  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  Sobald meine Tochter etwas älter ist, möchte ich mit einem höheren Pensum als Lehrerin arbeiten.

Dieses Nein-Denken und Ja-Sagen – das war bei mir immer schon ein Thema. Ich gebe sehr viel, von allen Seiten will man etwas von mir. Offiziell habe ich ein 25%-Pensum, aber ich arbeite viel mehr. Beruflich wie auch privat ist es langsam Zeit, dass ich es schaffe, Nein zu sagen, wenn ich Nein denke.

Ich wusste nicht, dass der Kurs nur für Frauen gedacht war, aber das war eigentlich noch gut. Das liess Raum für typische Frauenthemen. Weiterbildungen sollen mehr als nur Zuhören sein. Wir haben im Kurs zum Beispiel Rollenspiele gespielt. Es ist hilfreich, schwierige Situationen mal durchzuspielen und dann zu schauen, wie man reagiert.

Ich habe Techniken gelernt, die mir den Druck wegnehmen, wenn ich mit einer Anfrage konfrontiert bin, die bei mir Emotionen auslöst. Ich weiss, wie ich vorgehen soll. Und trotzdem ist das nicht so einfach. Oft denkt man: Ich gehe hin und mache das so – und am Schluss kommt es anders. Aber ich bin dran, das kommt schon gut.  n

WEITERBILDUNG   27


SERVICE

Büro mit Überblick aufs Datenmeer Das digitale Büro spart Zeit, Papier, Platz und Geld. Fast jeder benutzt es in irgendeiner Form beim Lernen und Arbeiten. Wer sich aber etwas vertiefter damit auseinandersetzt, kann mehr Effizienz herausholen. Experte Andi Czech gibt Tipps für ein digitales Büro wie aus dem Möbelkatalog: aufgeräumt, zweckmässig – und sicher. Text Andi Czech

28  EB NAVI #10

Auf dem Smartphone checken Sie Ihre E-Mails, Sie betrachten das Wetter von morgen, Sie brauchen es auch schon mal als Taschenlampe oder vielleicht sogar zum Telefonieren. Mit dem Tablet lesen Sie Zeitung oder tauchen in Ihre Musik­ sammlung. Auf dem Notebook verfassen Sie Dokumente und und und … Sie haben für jedes Gerät Ihre Vorlieben entwickelt und benutzen Anwendungen (Apps), die Sie routiniert bedienen. Sie sind aber noch nie dazu­ gekommen, sich in weitere Anwendungs­ möglichkeiten einzuarbeiten? Dies vorweg: So geht es den meisten Nutzern. Sie können aber lernen, Ihre digitalen Geräte breiter und effizienter zu nutzen. Das ist nicht mal besonders anspruchs­ voll. Die folgenden Abschnitte helfen Ihnen dabei, im Vorfeld die richtigen Abklärungen und Entscheidungen zu treffen.


Welche Apps brauchen Sie wirklich?

Die Palette an Anwendungen ist extrem breit. Alleine im Google Play Store gibt es heute knapp drei Millionen Apps. Zeit­ schriften reichen immer wieder Listen mit den sogenannten «Top-Apps» herum. Diese Listen geben zwar einen Überblick über das App-Angebot, werden den indi­ viduellen Bedürfnissen der Nutzer aber kaum gerecht. Ausserdem sind viele Apps nicht auf allen Geräten (Smartphone, Tablet, Computer) lauffähig. So kommen Sie zu Apps, die Sie wirk­ lich brauchen: Tipp 1: Kümmern Sie sich als Erstes um einen besseren Überblick bei den vorinstallierten, vom Gerätehersteller ausgewählten Apps. Die meisten davon sind für Sie von geringem Nutzen. Über den App-Store können Sie nicht benötigte Apps auf einfache Weise wieder deinstallieren: –– Android: Google Play / vom linken Bildschirmrand nach rechts wischen / Meine Apps und Spiele / App antippen / Deinstallieren –– iOS: Lange auf App drücken, bis die Icons zu wackeln beginnen. Schliesssymbol (X) antippen und dann auf Entfernen drücken. Tipp 2: Um in die Welt der Apps zu tauchen, verlassen Sie sich nicht auf Best-of-Listen, sondern: –– Gehen Sie in den für Ihr Gerät zu Verfügung stehenden App-Store. –– Schreiben Sie in das Suchfeld Begriffe, die mit einer gewünschten Anwendung zu tun haben (Datenablage, Kalender, Synchronisation, Virenschutz …). –– Lesen Sie dort die App-Beschreibung des Herstellers und die Nutzerkommentare.

–– Erhalten Sie einen positiven Eindruck, installieren Sie die App. –– Testen Sie die App sofort oder mindestens in den nächsten Tagen aus. Wenn sie nicht gefällt, so deinstallieren Sie sie umgehend. Apps für den Einstieg

Mit einigen Apps für den Einstieg können Sie Ihr digitales Büro auf Vordermann bringen. Google Kalender Der Kalender von Google hält Ihre Ter­ mine auf allen Ihren Geräten bereit. Sie brauchen dafür nur ein Google-Konto. –– Tablets und Smartphones: Nutzen Sie die zur Verfügung stehende App. –– Computer: Melden Sie sich unter google.ch mit Ihrem Google-Konto an. Wählen Sie im Menü oben rechts den Kalender. Diese Variante funktioniert unter jedem Betriebssystem und eignet sich auch dazu, auf einem fremden Computer kurz die Termine zu che­ cken. (Achtung: Abmelden danach nicht vergessen!) –– Der Google Kalender kann auch in andere Anwendungen wie Mozilla Thunderbird oder Outlook eingebun­ den werden. Sogar die vorinstallierte Kalender-App von Windows 10 kann über einen Klick aufs Zahnradsymbol (Einstellungen) unter «Konten verwal­ ten» ebenfalls dazu veranlasst werden.

WEITERBILDUNG   29


Mobiles Office Microsoft bietet fünf Office-Apps, die auch für Tablets und Smartphones (And­ roid und iOS) bereitstehen: Word, Excel, PowerPoint, Outlook und OneNote. Die Apps können Sie im App-Store gratis herunterladen. Tipp 1: Fragen Sie sich zuerst, ob Sie diese Werkzeuge tatsächlich brauchen. Für eine anspruchsvolle Dokumentbearbeitung ist der Computer immer noch eindeutig das beste Gerät. Tipp 2: Falls Sie sich für die Office-Apps entscheiden, können Sie Ihre Dokumente in einer Cloud ablegen. Damit haben Sie über alle Geräte Zugriff, Einsicht und zumindest Korrekturmöglichkeiten. Der Onlinespeicher One­ Drive von Microsoft ist am besten mit den Office-Apps kompatibel. Im Gegensatz zu Webspeicherdiensten wie Dropbox oder Google Drive funktioniert hier die Synchronisation wirklich klaglos. Die Dokumente erscheinen sofort in aktueller Form auf allen Geräten. Die OfficeProgramme öffnen dabei die Dokumente jeweils an der Stelle, an der zuletzt gearbeitet wurde. Praktisch! Das erspart bei grossen Dokumenten das Scrollen an die richtige Stelle. OneNote (siehe unten) und Outlook gibt es mit vollem Funktionsumfang kosten­ los. Bei den anderen drei Programmen braucht es für die Verwendung aller Funktionen ein Office-365-Abonnement (dazu gibt es auch mehr Speicherplatz auf OneDrive).

30  EB NAVI #10

OneNote Weg mit den Notizblöcken. OneNote von Microsoft ist praktischer – und gratis. Über ein Microsoft-Konto lässt sich One­ Note installieren und über verschiedene Geräte bedienen. Notizen, Checklisten oder integrierte Excel-Tabellen werden dabei automatisch synchronisiert. Die Texterkennung (OCR) funktioniert aus­ gezeichnet. Mit ein wenig Wissen und Anwendungserfahrung lässt sich One­ Note zu einem tauglichen Organizer für den beruflichen und privaten Alltag machen. Die zahlreichen Versionen laden Sie gratis unter der Webadresse onenote.com herunter oder direkt über den jeweiligen App-Store des Geräts. GMX-Free-Mail Wenn Sie eine einfache Lösung für Ihren Mailverkehr und Ihre Kontakte suchen und nicht alle Daten einfach so bei den «Grossen» haben wollen, verwenden Sie ein Mail-Konto vom deutschen Anbieter GMX. vorteile –– Gratis –– 1 GB Speicherkapazität –– Nachrichten können für eine unbe­ grenzte Zeit aufbewahrt werden. –– A nhänge lassen sich bis zu einer Grösse von 20 MB empfangen und verschicken. –– Auf dem Computer arbeiten Sie über den Browser; auf Tablets und Smart­ phones mit einer einfachen App.


AUF KURS BLEIBEN iPhone effizient nutzen Sinnvolle Einstelllungen und Apps für das eigene iPhone Das iPad für Fortgeschrittene Das iPad im Berufsalltag professionell einsetzen Mein Android – Tablet und Smartphone Android-Geräte für den täglichen Gebrauch optimieren Wie sag ich es meinem Smartphone Bedienung mit der Sprachfunktion

–– Ein weiteres Handicap ist der Speichervorgang für viele Apps auf den mobilen Geräten. Entweder werden Dokumente ungefragt an Anmeldung: www.eb-zuerich.ch/ebnavi/weiterbildung einem Speicherort abgelegt, oder das Verändern des Speicherorts erscheint nicht nachteile offen auf dem Bildschirm, sondern –– Sollen Ihre Kontakte mit Kalender- und muss irgendwo im Hintergrund aufge­ Aufgabendaten zusammenspielen, spürt werden. wird es komplexer. Beispielsweise kann nicht mit Outlook synchronisiert wer­ Beide Varianten fördern weder die Über­ den, falls Sie dieses als Anwendung für sicht noch das bewusste Organisieren Agenda und Aufgaben nutzen. Ihres Ablagesystems. Dabei wäre mehr Effizienz dringend nötig: Bei der Infor­ Suchen und finden: Ablagesystem mationsflut auf unseren Geräten ist es Der Explorer ist ein unscheinbares, aber wichtig, gezielt suchen und finden zu häufig genutztes Programm unter Win­ können. dows. Sein Ebenbild ist der Finder auf dem Mac. Mit ihm verwalten Sie Ihre Tipp 1: Nehmen Sie sich unbedingt die Zeit, um sich Dateien und Ordner. Für mobile Geräte folgende Fragen zu überlegen: hingegen fehlt ein ausgereiftes vorinstal­ –– Wie habe ich am besten Zugriff auf meine Daten? liertes Standardtool. –– Welche Daten will ich auf verschiedenen Geräten Die angebotenen Ablage-Möglichkei­ einsehen und vielleicht auch bearbeiten? ten sind unbefriedigend: –– Wäre hierfür ein Cloud die richtige Lösung? Lesen Sie –– Bei Android können Sie wenigstens Ihr dazu auch den Abschnitt über Datenschutz. Gerät über ein USB-Kabel mit dem Tipp 2: Funktionstüchtige Gratis-Dateimanager ohne Computer verbinden und dann dessen Werbung unter Android sind Dateimanager F und Asus Ablage im Explorer anzeigen lassen. File Manager. Für iOS gibt es zurzeit keinen tauglichen –– Den mobilen Geräten von Apple fehlt Gratis-Dateimanager. Dieser soll allerdings mit der nächsder sogenannte Speichermodus. Daten ten Version iOS 11 bereits vorinstalliert sein. Eine Alterwerden über iTunes zwischen den ver­ native bietet der plattformunabhängige Dateitransfer schiedenen Geräten ausgetauscht – über WiFi. Das kostenpflichtige Tool (CHF 1.19) kann auf wenn Sie nicht aufpassen, allenfalls alle angeschlossenen Speichermedien zugreifen und zeigt auch schon mal gegen Ihren Willen Fotos in der Vorschau an. (Synchronisation). Das ist sehr gewöh­ –– Android: WiFi File Transfer von smarterDroid nungsbedürftig (Pendants unter And­ –– iOS: AirDrop roid: PhoneExplorer, Kies).

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Das Lernfoyer Das Lernfoyer ist der Selbstlernbereich der EB Zürich. Sie können die Geräte Ihres digitalen Büros mitbringen und an ihnen arbeiten. Daneben gibt es eine ständig aktualisierte Präsenzbibliothek zu den verschiedensten Themen, auch im IKT-Bereich. Für Computeranwendungen steht sogar eine lang erprobte eigene Lehrmittel-Reihe zur Verfügung. Ein satter Pool von Übungs- und Lösungsdateien hilft Ihnen dabei, sich in eigener Regie weiterzubilden. Das Lernfoyer im Zürcher Hauptgebäude (Riesbachstrasse 11) steht für alle Kursteilnehmenden bis vier Wochen nach Kursende gratis zur Verfügung. Der Raum ist an sechs Tagen pro Woche geöffnet. Es ist immer eine Lernbegleitung vor Ort, die Ihnen punktuell weiterhilft, wenn Sie an Ihren Projekten arbeiten oder den Lernstoff aus den Kursen vertiefen oder erweitern wollen.

Datenschutz

Mit Daten bezahlen Sie für all die tollen Gratisdienste, die Ihren Alltag erleich­ tern. Doch was und wie viel sammeln grosse Anbieter wie Google, Microsoft und Facebook? Was machen sie mit den Daten? Gesammelt werden zuerst einmal Personendaten wie Name, Mailadresse, Geburtstag, Geschlecht und Land. Falls angegeben, auch die Telefonnummer und Kreditkartendaten. Dazu kommt das Ver­ halten in Webanwendungen und mobilen Apps: Suchanfragen, besuchte Websei­ ten, Videos und angeklickte Werbungen. Über den Browser und mobile Geräte können noch mehr Daten wie der Stand­ ort, Geräteinformationen und Cookies ausgelesen werden. So kann ein ziemlich akkurates Bild des Surfverhaltens einer Person entworfen werden. Mit diesen Informationen wollen die Unternehmen ihre eigenen Produkte und die personifizierte Werbung verbessern. Ein Beispiel: Google erkennt aus einer Mail der Swiss, dass die Nachricht wichtig ist. Sie zeigt sie dementspre­ chend gekennzeichnet im Posteingang an. Zudem liest Gmail die Flugdaten aus 32  EB NAVI #10

der Mail und erstellt automa­ tisch einen Kalendereintrag im Google-Kalender. Als Drit­ tes erkennt Google Sie als Swiss-Kunden und weiss, wann Sie wohin fliegen. Diese Infos ermöglichen es, Wer­ bungen für Hotels oder Shops an Ihrer Zieldestination einzublenden. So weit nicht schlimm, aber was pas­ siert mit den Daten darüber hinaus? Und wie können Sie sich davor schützen? Dies bleibt in der Regel im Dunklen. Tipp 1: Lesen Sie die AGBs der Gratisdienste und überprüfen Sie, ob sie Informationen an Partnerfirmen weiterreichen. Wenn ja, bedeutet dies, dass Ihre Daten wirklich irgendwo landen können. Tipp 2: Sie können auch ein paar einfache Regeln befolgen, um den Datenverkehr wenigstens ein wenig einzudämmen: –– Das Benutzerprofil jedes Kontos ist ein Fundus an persönlichen Informationen. Gegenmassnahme: Geben Sie so wenige Informationen wie möglich preis. –– Die meisten Cloud-Dateiablagen sind unverschlüsselt. Ihre Dokumente liegen darin offen wie ein Buch – was je nach Server-Standort und Zugangsmöglichkeiten durch Dritte oft kein angenehmer Gedanke ist. Gegenmassnahme: Verschlüsseln Sie Ihre Dateien, zum Beispiel mit boxcryptor.de. –– Nicht nur die Google-Suchmaschine registriert, wonach Sie suchen. Sobald ein Gerät mit dem Internet verbunden ist, können alle Ihre Aktivitäten überwacht und übermittelt werden. Gegenmassnahme: Nutzen Sie falls


möglich die Dienste, ohne sich einzuloggen. Ändern Sie die Einstellungen im Gerät: –– In gewisse Browsern (z. B. Chrome) können Sie einen Inkognito-Modus aktivieren. Seiten, die Sie sich auf Inkognito-Tabs ansehen, werden nach dem Schlies­ sen aller Inkognito-Tabs nicht in Ihrem Browserverlauf, Cookiespeicher oder Suchverlauf gespeichert. Ihre Lesezeichen und heruntergeladenen Dateien bleiben aber erhalten. Sie sind jedoch nicht ganz unsichtbar. Der Inkognito-Modus verhindert nicht, dass Ihr Arbeitgeber, Ihr Internetanbieter oder die besuchten Webseiten Informationen zu Ihren Web­ aktivitäten erfassen. – Deaktivieren Sie auf Ihrem Gerät den Standortzugriff (unter Einstellungen). Passen Sie die Einstellungen der Dienste Ihren Bedürfnissen an. Beispielsweise bietet Ihr GoogleKonto unter https://myaccount.google.com («Persönliche Daten & Privatsphäre») die Optionen «Aktivitätseinstellungen» und «Einstellungen für Werbung» an.

Hilfe holen

Das moderne elektronische Büro ist sehr vielseitig, wird aber auch immer komple­ xer. Dadurch sind Sie hin und wieder auf Hilfe angewiesen. Tipp 1: Neben den Supportseiten der Herstellerfirmen (support.microsoft.com/de-ch, support.google.com/ android, support.apple.com), stehen zahlreiche Foren im Internet zur Verfügung. Tipp 2: Taugliche Hilfeseiten für Ihr digitales Büro, also für Computer und mobile Geräte, finden Sie unter pctipp.ch, heise.de, androidpit.de und maclife.de. Tipp 3: Es geht aber auch einfacher und persönlicher. Auch im Bereich IKT (Informations- und Kommunikationstechnologie) ist ein Kurs sinnvoll und zeitgemäss. Der IKT-Unterricht passt sich dauernd den technologischen Entwicklungen und Nutzergewohnheiten an. Frontales 1:1-Zeigen und Nachmachen ist Geschichte; der Dialog mit den Kursteilnehmenden und deren spezifischen Geräten steht im Mittelpunkt.

Andi Czech (61) gab schon Informatikkurse, als die meisten Menschen noch keinen Computer hatten. Heute gibt er auch Crashkurse in Lern- und Arbeitstechnik und ist IKT-Experte beim SVEB (Schweizerischer Verband für Weiterbildung). Seit 1999 ist er Informatik-Animator an der EB Zürich in den Bereichen «Grundlagen der Computerpraxis» und «Anwendungen am Arbeitsplatz». Abseits vom digitalen Geschehen ist Czech ein passionierter Musiker und Sänger. Sein momentan aktivstes Musikprojekt heisst «Comebuckley». Die unter dem Genre «acid folk apart» laufende Formation war ursprünglich als Tribut an Sänger Tim Buckley gedacht und hat sich nun von ihrem Idol abgenabelt. Eva Kläui

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Philip Schaufelberger (www.daslip.ch)

Tutorial Kommunikation

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CARTE BL ANCHE

KlüpperliZombies Text Gülsha Adilji

Mit vier oder fünf Jahren kommen meine Future-Kinder hier in der Schweiz in den Kindergarten; ab diesem Zeitpunkt werden Geld, Energie und Lehrerinnen-Nerven aufgewendet, um sie zu kleinen, perfekt funktio­ nierenden Zombies zu verwandeln. Sie müssen ruhig sein und stillsitzen, wenn es ihnen jemand befiehlt. Ihnen wird aufgetragen, ein Hüsli klein irgendwelche Dialoge zu schreiben in einer Sprache, die sie vielleicht gar nicht lernen wollen. Verben unterstreichen oder Winkel errechnen, genau wie Pausenzeit, alles ist fremdbestimmt. Sie fügen sich willenlos bzw. ler­ nen, sich zu benehmen und anzupassen, alles andere wird bestraft mit Klüpperli, Strichli oder Briefen an die Eltern. Als Jugendliche quälen sie sich um halb sieben aus dem Bett, damit sie ent­ gegen ihrem Rhythmus und entgegen ihrer Natur den gesamten Tag in einem Zimmer verbringen können. Wir wurden nicht gebaut, um acht oder neun Stunden zu sitzen, unsere Körper sind nicht da, um den Kopf von einem Schulzimmer ins andere zu tragen; unsere Knochen, Muskeln und Sehnen sind perfekt, um auf Bäume zu klettern, um zu rennen, zu springen und zu tanzen. Uns wird in der Schule nicht nur der Bezug zu unseren Kör­ pern genommen, auch nimmt man uns die Kreativität, indem man uns eine Riesenangst in den Kopf pflanzt: die Angst, Fehler zu machen, denn Fehler werden bestraft. Wir lernen nicht, kreativ zu sein, zu verschiedenen WEITERBILDUNG   35


Lösungen zu kommen und diese auszuprobieren. Wir lernen, dass Fehler mit schlechten Noten und einer wackligen Zukunft bestraft werden. Noten sind ein Mahnmahl, dass, wenn sie nicht stetig gut sind, wir keine gute Lehrstelle finden, keinen guten Lohn haben und dass es später viel anstren­ gender werden wird. Nach ihrer Schulzeit können meine fiktiven Kinder nicht nur die Mitter­ nachtsformel, sie sind ausserdem die perfekten Arbeiter und fügen sich problemlos den Regeln der Arbeitswelt. Jedes Jahr wird die Arbeitsqualität und das Leistungssteigerungspotenzial überprüft und nach oben korri­ giert. Qualitätsmanagement heisst das Tool, das es unseren Vorgesetzten ermöglicht, uns zu kontrollieren und mit Geldanreizen zu noch schier unmenschlicheren Leistungen zu «motivieren». Dass wir das alles mitmachen und nicht eine Revolte starten, um diesen absurden Druck umzuwälzen, hat sehr wahrscheinlich damit zu tun, dass wir zu zahmen, fleissigen Bienen herangezüchtet wurden. Wir lassen nicht nur zu, dass an unseren Hirnen, die dann nur noch mit Ritalin im Zaum gehalten werden können, vorbeigebildet wird, wir entscheiden uns auch gegen sechs Wochen Ferien im Jahr und glauben, dass frühes Aufstehen eine Tugend ist. Ich wünsche mir viel mehr unangepasste Querdenker, die nach der Schule keine angepassten Zombies sind. Denn genau das ist es, was wir in Zukunft brauchen werden. Wir können sehr schlecht voraussehen, wo die techni­ schen Fortschritte hinführen. Noch nie hat sich die Welt so schnell verän­ dert wie jetzt; umso entscheidender ist es, dass wir keine willigen Schubla­ dendenker aus der Schule entlassen, sondern Jungs und Mädchen, die ein­ fallsreich und fantasievoll an die neuen Herausforderungen herantreten können. Ich wünsche mir Lehrpersonen, die mit jeder Faser offen sind für die rasante Veränderung in der Tech-Branche: Der Lehrer der Zukunft zieht sich die Apple Keynote live rein und weiss, wie man den FacebookAlgorithmus überlisten kann. Nicht nur, dass man dank Smartphone und Laptop von überallher lernen kann, entscheidend ist, dass wir die neusten wissenschaftlichen Errungenschaften in die Lehrmittel fliessen lassen. Viele Kinder lernen besser, wenn sie die Buchstaben ablaufen oder ganz gross schreiben, andere eignen sich Wissen an, wenn sie darüber reden können, und wieder andere merken sich Dinge am besten, wenn sie sie zu Hause für sich nochmals ruhig durchgehen.

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Wieso lässt man also Kinder nicht so lernen, wie sie es am besten können? Wünschenswert wäre auch, wenn die Wissensvermittlung in Zukunft nicht mehr nur durch Lehrpersonal stattfindet, sondern auch durch Ärzte, Gärt­ ner, Kleinunternehmerinnen, Steuerberater und Schreinerinnen. Sie wür­ den ab der ersten Klasse den Unterricht mitgestalten, und es würden The­ men statt Fächer besprochen. Mit einem Schreiner macht Geometrie und Flächen errechnen plötzlich Sinn, denn man muss wirtschaftlich mit dem Holz umgehen und kann nicht randomly Rohstoffe verschwenden, denn da man das Holz selber im Wald holen musste, weiss man, wie anstrengend dessen Beschaffung ist. Das alles lernt man nebenbei, genauso welche Holzsorte woher stammt. Kinder, die sich plötzlich für Fotosynthese inte­ ressieren, dürfen selbständig dazu weiterrecherchieren, mithilfe von Siri oder indem sie sich via Google-Hangout mit einer Forscherin in Australien darüber austauschen. Sie hätten aber auch die Option, eine App zum CO2Ausstoss mit der schuleigenen Informatiker-Crew zu entwickeln. Die ande­ ren bauen vielleicht eine Sitzbank oder rechnen aus, wie viele Vogelhäuser man mit zehn Quadratmetern Holz bauen könnte und für wie viel Geld man diese verkaufen müsste, um alle Kosten zu decken. Diese Form von Wissensvermittlung soll nicht nur in Projektwochen stattfinden, sondern konsequent durchgezogen werden.

zVg

In eine solche Schule möchte ich meine Kinder in spe senden. An einen Ort, wo das sich angeeignete Wissen Sinn macht und hirngerecht und indi­ viduell vermittelt wird. Dort, wo man selbstbestimmt lernen kann und dazu aufgefordert wird, eigene Lösungen und Wege zu suchen. Und nicht an einen Ort, wo Schwatzen mit einem Klüpperli bestraft wird.  n

Gülsha Adilji, Jahrgang 1985, hat noch keine Kinder. In was für eine Schule sie ihre Nachkömmlinge schicken will, wenn sie dann mal da sein werden, weiss sie aber ganz genau: Diese Schule soll ihre Kinder zur Unangepasstheit erziehen. Gülsha Adilji ist für viele Deutschschweizer der Inbegriff von jung, eigensinnig und schlag­fertig. Auch ihre Karriere – ein Wort, das sie verabscheut – hätte sich kein Laufbahnberater ausdenken können. Adilji wuchs im Kanton St. Gallen auf. Sie machte eine Lehre als Pharmaassistentin, holte die Matura nach und studierte erst Populäre Kulturen und Film­ wissenschaften und dann Biotechnologie. Das Studium brach sie zugunsten einer Anstellung beim Jugendsender Joiz ab, wo sie zur gefragten Moderatorin und Journalistin des Jahres 2012 avancierte. Heute arbeitet sie, neben diversen Engagements als Moderatorin, als selbständige Autorin und gilt als Nachwuchshoffnung auf Schweizer Kleinkunstbühnen. Gülsha Adilji lebt in Zürich.

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Lernen geschieht am besten spielerisch über Bilder und Eselsbrücken, die eigentlich Fuchsbrücken heissen müssten. Darum haben wir das klassische Memory mit etwas Denksport kombiniert. Herausgekommen ist ein heiteres Begriffs­ memorandum rund um Lernen und Weiterbildung.

Text Christian Kaiser  Illustrationen Jan Zablonier

Der Begriff Memorandum bedeutet wörtlich: «das, was zu behalten ist». Bei unserem Begriffsmemorandum geht es einerseits darum, Bilder und ihre Lage zu behalten, andererseits die sich in den Bildern versteckten Begriffe zu Begriffspaaren zu kombinieren. So kommen gleich zwei Hirnleistungen auf einmal zum Zug: das Memorisieren (im Gedächtnis behalten) und die kreative Kombinatorik. Mein Gedächtnis gehört mir, Memory aber ist Privateigentum

Die Ausgangsidee ist das klassische Memory; die Wortmarke Memory ist allerdings von der Ravensburger AG seit vielen Jahren geschützt – obwohl Memory ein immer gebräuchlicherer Anglizismus für das Gedächtnis ist und umgangssprachlich ein Gattungsname für Gedächtnisspiele aller Art. Kartenmerkspiele sind sehr beliebt, der Ravensburger-Verlag bezeichnet das Memory als seinen grössten Spieleerfolg, laut Wikipedia hat er davon bis heute über 50 Millionen Stück verkauft. Behalten als Ziel

Mit den 32 Karten auf den Seiten 39 bis 42 lässt es sich auch nach den klassischen Memory-Regeln spielen, also indem Paare aus zweimal identischen Bildern gebildet werden. Das Ziel unseres Spiels ist es aber, mit den aufgedeckten Bilderkarten zusammengesetzte Begriffe rund um Weiterbildung und Lernen zu bilden. Dabei geht es ums Behalten im dreifachen Sinn: Wer die Kartenlage im Kopf behält und mit seiner Wortkombination recht behält, darf die Karte behalten.

So wird gespielt (für 1 bis 4 Spielende):

1. Karten ausschneiden und verdeckt auslegen 2. Spielerin A beginnt, deckt zwei Karten auf, versucht aus den aufgedeckten Bildern ein Begriffspaar rund um Lernen und Weiterbildung zu bilden. Zum Beispiel: «Esels-Brücke». Wenn das gelingt, darf sie die beiden Karten behalten und weiterspielen. Sonst ist Spieler B an der Reihe. Erlaubt und bewusst versteckt sind auch heitere Wortkombinationen wie «Bil(d)-Dung». 3. Gewonnen hat, wer am Ende die meisten Karten gesammelt hat. Und hier für Anfänger ein paar Beispiele für mögliche, versteckte Begriffspaare (Profis bitte direkt umblättern!):

Esels-Brücke, Hirn-Windung, Bücher-Wurm, Diplom-Feier, Netz-Nerd, Kopf-Arbeit, Gedanken-Kette, Bild-Dung

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W EITERBILDUNG

Die Bildungs­ zukunft rocken Wir werden von hochbegabten Gegenständen und Drahtlosigkeit überrollt. Mensch und Wirtschaft wissen noch nicht recht, wie sie damit umgehen sollen – und auch der Bildungsbereich reagiert verzweifelt. Bildungsvisionäre sehen das anders: Das Lernen im digitalen Zeitalter könne nur besser werden.

Text Katleen De Beukeleer

Unser Leben spielt sich inmitten einer Revolution ab – der digitalen Revolution. Wir lieben sie, wenn wir abends mit den Füssen hoch und der Katze auf dem Schoss eine Shoppingtour durch London machen können. Wir hassen sie, wenn unsere Kinder lieber mit ihrem Bild­ schirm kommunizieren als mit uns. Auch in der Bildung stellt die Digita­ lisierung, so sind sich viele Experten

einig, die wichtigste Änderung dar seit der Erfindung des Buchdruckes. Und auch hier hinterlässt die digitale Revolu­ tion viel Ratlosigkeit. Angestellte, Selb­ ständige sowie private und öffentliche Bildungsanbieter suchen nach Wegen, Schritt zu halten. Als Bundesrat Schnei­ der-Ammann im Juni die Idee einer 150-Millionen-Geldspritze für die digi­ tale Grund- und Weiterbildung lancierte,

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Morgen weiss ich mehr: den Wandel mitgestalten «Wir können auch resignieren. Digitale Diktatur», schreiben Marc Klug und Michael Lindner in ihrem Buch «Morgen weiss ich mehr – Intelligenter lernen und arbeiten nach der digitalen Revolution». Die beiden Autoren und Redakteure des Blogs digitalistbesser.org haben es sich zur Aufgabe gemacht, «Kopfarbeitern und Kreativen» das Potenzial der digitalen Transformation aufzuzeigen. Sie ermuntern dazu, zum Gestalter dieses «Schwellenzeitalters» zu werden. Das Internet zu nutzen für alles, was uns im Industriezeitalter zunehmend abhanden gekommen ist: persönliche Freiheit, ökologisches Bewusstsein und soziale Gerechtigkeit.

Kiron – die Online-Universität für Flüchtlinge 2015 gründeten deutsche Studenten das Start-up Kiron Open Higher Education. Die Ausgangslage: Flüchtlinge erfüllen oft die Anforderungen der Universitäten in ihrem Aufenthaltsland nicht. Wenn Ausweise, Diplome, Geld oder Sprachkenntnisse fehlen, haben sie keine Chance auf höhere Bildung. Hier springt Kiron in die Bresche, indem es Flüchtlingen Tausende MOOCs (interaktive Onlinevorlesungen) anbietet. Die MOOCs sind für Geflüchtete kostenlos, meistens in Englisch verfasst und stammen aus etablierten Universitäten und Hochschulen: Auch Vorlesungen aus Harvard, Stanford und Yale sind dabei. Die ersten zwei Studienjahre laufen komplett online. Im Moment bietet Kiron fünf Studiengänge an: Informatik, Betriebswirtschaft, soziale Arbeit, Ingenieur- sowie Politikwissenschaften. Parallel laufen interaktive Sprachkurse und ein Programm für psychosoziale Hilfe. In Deutschland, Frankreich, Jordanien und der Türkei können Studierende nach diesen zwei Jahren zu einer der zirka vierzig Partner-Universitäten wechseln. Diese rechnen die zuvor absolvierten Onlinekurse an und bereiten die Studenten weiter auf den Bachelor­ abschluss vor. Aktuell zählt Kiron um die 2700 Studenten. Kiron wirft einige Idées fixes der Bildung über Bord und zeigt: Lernen geht auch unabhängig vom Aufenthaltsort, vom Sekundarabschluss und vom sozialen Status. Was zählt, sind die Fähigkeiten der Studenten. Kiron ist somit ein Musterbeispiel dafür, wie die Digitalisierung das Lernen demokratisieren kann. ➝ www.kiron.ngo

hörte sich seine Begründung an wie die eines jungen Mannes, der fürs Vaterland in den Krieg zieht. «Wir sollen uns nicht später den Vorwurf machen müssen, wir hätten irgendetwas verschlafen», sagte der Bundesrat. 44  EB NAVI #10

Zurück in die analoge Vergangenheit können wir aber nicht. Also bleibt uns nur, tief Atem zu holen und der Zukunft mit offenen Armen entgegenzulaufen. Die Edupunks

Dass ein Paradigmenwechsel von «He­ rausforderung» hin zu «Chance» mög­ lich ist, zeigen die selbst ernannten Edu­ punks. Der US-amerikanische Blogger Jim Groom lancierte den Begriff 2008 und traf damit den Nerv der Zeit. Obwohl die Edupunks keine starren Definitionen mögen, klingt die Konsens-Umschrei­ bung ungefähr so: So wie die Punkbewe­ gung, die in den Siebzigerjahren als Ju­ gend- und Musikkultur entstand, sind die heutigen Edupunks nonkonformistisch und antiautoritär. Sie feiern das Do-it-yourself-Prinzip. Sie wehren sich dagegen, dass Staat und Konzerne die neuen Technologien als vorgefertigte, kommerzielle Guetzliformen auf unseren Schulbänken servieren. Stattdessen ste­ hen die Bedürfnisse der Studierenden im Mittelpunkt; das Internet ermöglicht Lernen und Austausch für alle. Heute werden unter dem Begriff Edu­ punk im breiteren Sinne Menschen ver­ standen, die ihre Lernbiografie selber zusammenstellen und dabei vermehrt auf die Möglichkeiten des Internets set­ zen. Wie die Amerikanerin Laurie Pickard, die anhand von Onlinekursen ein MBA-Studium (Master in Business Administration) abschloss, und das hun­ dert mal günstiger als ein traditionelles MBA. Seither hat sich ihr Blog No Pay-


Wissen soll man teilen: Open Source und Open educational resources

MBA (nopaymba.com) zu einer Plattform entwickelt, wo – ebenfalls typisch für die Edupunks – Interessierte miteinander teilen, wie sich ein solcher individueller Bildungsweg planen und gestalten lässt. Dass gerade die USA die Edupunks her­ vorbrachte, ist kein Zufall: Wo junge Menschen sich verschulden müssen, um studieren zu können, suchen sie neue Wege. Bildung 4.0: mehr als nur digital

In Deutschland wird Anja C. Wagner gerne als Edupunk-Vordenkerin bezeich­ net, selber nennt sie sich «Bildungs­ querulantin». Wagner gründete die Internetcommunity FlowCampus, die Menschen und kleine Unternehmen dabei helfen will, zu optimistischen Mit­ gestaltern der digitalen Zukunft zu wer­ den. FlowCampus ist Thinktank und Unternehmen in einem – und macht somit selber vor, wie kreatives Denken zum Businessmodell werden kann. Die Experten, bei denen man sich bei Flow­ Campus Hilfe holen kann, heissen «Bil­ dungsdesigner», «Future Business Thinker», «Innovationsberater» oder «Bildungskreative». «Wir arbeiten und leben an der Schnittstelle von Arbeit und Bildung

Wissen soll man teilen: Open Source und Open educational resources (OER) sind kostenlose, frei zugängliche Lern- und Lehrmaterialien. Bekanntestes Beispiel von OER ist wohl Wikipedia. Auch die gemeinnützige Khan Academy ist bereits zu einem grossen Anbieter gewachsen. Im deutschen Sprachraum bietet sie kostenlose Lernvideos und Übungen zu Mathematik und Informatik. In der Schweiz ist der Verein CH Open ein grosser Verfechter von OER – und von Open Source im Allgemeinen. Unter Open Source versteht man heute nicht nur Software, sondern auch Hardware, Fabrikationsgeräte (zum Beispiel 3D-Drucker) und Daten. Marcel Bernet, der an der EB Zürich seit einigen Jahren Informatikkurse leitet und dort auch als Experte für die digitale Gesellschaft gilt, war jahrelang Präsident von CH Open. «Wer im Bereich neue Technologien etwas lernen will, braucht autodidaktische Fähigkeiten», sagt er. «Die Zeiten sind vorbei, als man noch zuwarten konnte, bis jemand einen entsprechenden Kurs entwickelte.» Da ein Grossteil der neuen Technologien auf Open Source basierten, sei es unabdingbar, sich damit auszukennen. «Ausserdem muss man sich in einem Beziehungsnetzwerk austauschen können.» Genau diese Wissensvermittlung unter den Mitgliedern sei dann auch die Grundidee von CH Open gewesen. «Sobald man sich mit neuen Technologien befasst, kommt schnell die Erkenntnis, dass man sein Wissen teilen soll», so Bernet. ➝ www.ch-open.ch

4.0» ist der Leitgedanke von Flow­ Campus. Der Suffix 4.0 verweist auf «Industrie 4.0», das Schlagwort für die vierte industrielle Revolution. Während die erste industrielle Revolution durch die Mechanisierung eingeleitet wurde, die zweite durchs Fliessband und die dritte durch den Einzug des Computers, wird die vierte gekennzeichnet durch die Verzahnung von Produktion und Digitalisierung. Da die reale und die vir­ tuelle Welt nicht nur in der Industrie, sondern in unserem ganzen Dasein ver­ schmelzen, sind mittlerweile auch Arbeit und Bildung zu 4.0 geworden. 2016 publizierte FlowCampus ein «Bildung-4.0-Manifest», das in zehn Punkten zusammenfasst, wie Vordenker die Bildung der Zukunft sehen. Die The­

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Das Bildung-4.0-Manifest von FlowCampus in Kürze Keine Konserven aus der Schulküche mehr Zweihundert Jahre lang war Massenproduktion angesagt. Die Industriekultur bestimmte die Bildung. Punkte, Module, Raster und Credits garantierten überall die gleiche Qualität. Im 21. Jahrhundert hingegen ist die Massenproduktion automatisiert. Die Zukunft gehört nun der Kreativindustrie. Einheitliche Bildung ist passé. Es braucht neue, flexible Lernplattformen: dezentral, institutionenübergreifend, kooperativ, bottom-up statt top-down.

Bildung breiter sehen Bildung 4.0 ist mehr als digitales Lernen oder digitaler Wissenstransfer. Wir sollen über die bisherigen Bildungs­ kanäle und -schemen hinaus denken. Sich «digital aufzubauen» heisst nicht, Hunderte (Online-)Kurse zu besuchen, sondern eher, sich mit anderen Experten auszutauschen und zu vernetzen. Als Weiterbildungsorte der Zukunft gelten beispielsweise sogenannte «Makerspaces» (➝ Box «FabLab Winti»).

Faktencheck statt Interessen wahren Das aktuelle Bildungssystem führt uns in die Irre, weil es immer noch von den bisherigen Interessengruppen bestimmt wird. Da ein Organ immer seine Funktion behalten will, schliesst es oft die Augen vor neuen Trends. Bildung 4.0 hingegen schafft unabhängige Strukturen, die von aussen auf das Bildungssystem blicken. Diese checken kontinuierlich die Fakten: Welche Kompetenzen sind heute gefragt, welche Berufe sterben aus?

Handwerk und Technologie vernetzen Bildung 4.0 vernetzt bestehendes Handwerk mit neuen technologischen Möglichkeiten. Diese Vernetzung schafft nachhaltige Berufsbilder.

Weg mit Bürokratie Bildung 4.0 braucht möglichst bürokratiefreie Strukturen. Nur so kann sie sich den Umständen je nach Bedarf anpassen. Eine Ausbildung mit späteren Weiterbildungen und Umschulungen ist den heutigen Veränderungsprozessen nicht mehr gewachsen. Wohl des Menschen statt Wohl der Wirtschaft Unternehmen und Angestellte laufen ständig der Wirtschaft hinterher. Die Lösung findet man in einem Perspektivwechsel: Die Kompetenz einer Wirtschaft entfaltet sich heute entlang der individuellen Kompetenzen seiner Bürger. Bildung soll nicht mehr dem Wohl der Wirtschaft, sondern dem Wohl des Menschen dienen. Dafür braucht Bildung 4.0 eine neue gesamtgesellschaftliche Grundkompetenz. Platz für Experimente Die erfolgreichsten Menschen der Kreativindustrie sind Schul- oder Studienabbrecher. Die kreativsten Köpfe stecken sicher nicht in den Pipelines der aktuellen Bildungsstätten. Bildung 4.0 schafft offene Strukturen, in denen Platz und Geld für Experimente bleiben.

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Selber aktiv werden Auch an die «Masse im Mittelfeld der kompetenzschwachen Dienstleister und Industriearbeiter» ist im Manifest Bildung 4.0 gedacht. Es verweist auf Freelance-Arbeits­ modelle und ruft Lohnarbeiter dazu auf, nun selber vermehrt aktiv zu werden. Bedingungsloses Lernguthaben Bildung 4.0 bedeutet lebenslange Lernbegleitung. Dafür braucht es ein bedingungsloses Lernguthaben. Behörden, Jobcenter und Personalabteilungen mischen sich nicht mehr in den Bildungsweg jedes Einzelnen ein. Wenn das selbstbestimmte, lebenslange Lernen für jeden finanzierbar wird, könnte dem akuten Mangel an vielen neuen Berufen wie Data-Analysten begegnet werden. Meisterstück statt Abschluss Weil Bildung 4.0 ständig im Fluss ist, kann es nicht gelenkt und auch nicht bewertet werden. Abschlüsse werden irrelevant. Neue Kompetenzen sollten nicht in Form eines Zertifikats, sondern wie einst durch ein Gesellen- oder Meisterstück im persönlichen E-Portfolio dokumentiert werden. ➝ bit.ly/b40manifest


FabL ab Winti: mit digitalen Methoden et was Bleibendes herstellen

sen sind mal mehr, mal weniger ausge­ reift – regen aber zum Nachdenken an (➝ Box links). Und wo sind die Datenpunks?

Eine Frage jedoch wird von Digitalisie­ rungsoptimisten gerne ausgeblendet: Was ist mit dem ewigen Spassverderber Datenschutz? Das britische Centre for Learning and Performance Technologies publiziert jedes Jahr eine viel beachtete Top 200 der Lerntools. Jeder findet seinen eige­ nen Lernalltag in dieser Liste zurück: Youtube ist weltweit das Lerntool par excellence, an zweiter Stelle kommt Google Search – später folgen Twitter, Facebook, Skype, Dropbox und Co. Der Widerspruch ist offensichtlich: Bildung soll weg vom Staats- und Wirt­ schaftsmonopol, und gleichzeitig bauen wir Weltkonzerne wie Alphabet (Googles und Youtubes Mutterhaus) und Facebook zu noch mächtigeren (Bildungs-)Kolos­ sen auf. Während unsere analogen Lehrer höchstens wussten, ob wir lieber aus dem Fenster schauen oder Blümchen auf unseren Unterlagen kritzeln, sind wir mit unseren neuen, virtuellen Lernplatt­ formen per Du. Die Grossen kennen unsere Freunde, unsere Kleidergrösse und unsere sexuelle Beschaffenheit. Und auch die Geschäftsmodelle vieler kleine­ rer digitaler Bildungsanbieter sind auf Datengold basiert.

Siebdruck-Plakate, Keramikvasen oder Möbel – im Winterthurer Machwerk kann man lernen, selber schöne Dinge zu machen. Oder auch die neuste Technologie zu bedienen. Im FabLab im Parterre stehen Laser-Cutter, 3D-Drucker oder CNC-Fräsmaschinen zur Verfügung, die digitale Daten in Handfestes verwandeln: Vogelhäuschen aus mit dem Laser geschnittenem Sperrholz, Figuren und Spiele aus gedrucktem Kunststoff oder auch kleine Roboter, die sich auf Zahnbürsten­ köpfen bewegen (Brizzle-Bots). In Workshops und Kursen wird erklärt, wie man solche Bots baut und ansteuert oder wie das 3D-Drucken funktioniert. In der Pipeline ist gerade ein Workshop, in dem Kinder Fidget-Spinner im persönlichen Design bauen können. Vor allem ist das FabLab aber ein offenes Labor zum Ausprobieren und Rumtüfteln. Das Ziel: Learning by Doing mit neuster Technologie sowie Teilen des Know-hows im Netzwerk. Die Mitglieder sind mehrheitlich Private. Für sie ist das FabLab eine Art Plattform für den sozialen Wissensaustausch. Während der Öffnungszeiten ist immer ein LabManager im Einsatz, der Unterstützung bietet. LabManager und Vorstandsmitglied Andreas Bachmann ist im Hauptberuf Elektroingenieur. Er schätzt am FabLab die Interdisziplinarität und den Praxisbezug: «Zum Beispiel habe ich von Feinmechanikern schon wertvolle Inputs bekommen.» Präsident Claudio Prezzi sieht im Know-how-Transfer über die Disziplinen hinweg auch kommerzielle Chancen: «Das bietet Potenzial für Firmen aus ganz verschiedenen Bereichen, zum Beispiel bei der Ideenoder Prototypenentwicklung.» Die FabLab-Idee stammt ursprünglich aus Boston; in der Zwischenzeit gibt es weltweit rund 500 FabLabs. Eine internationale Charta legt die Grundzüge fest: «FabLabs sind ein globales Netzwerk lokaler Labs, die Erfindergeist fördern, indem sie Zugang zu digitalen Fabrikationsmaschinen bieten.» Das FabLab Winterthur zählt rund 150 Mitglieder, die meisten sind zwischen 30 und 50 Jahre alt. Aber den Umgang mit digitalen Technologien lernen kann man auch noch viel später: Das älteste FabLab-Mitglied hat sich mit 84 einen eigenen 3D-Drucker gebaut. (Christian Kaiser) ➝ www.machwerk.ch ➝ www.fablabwinti.ch ➝ www.fablabs.ch

Werden wir unter dem Deckmantel der Selbstbestimmung zum Kontrollver­ lust geführt? Die Zukunft wird zeigen, ob sich auch in unserer Datenzukunft etwas mehr Punk durchsetzen kann. Damit Bil­ dung richtig rocken kann.  n

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15 MINUTEN, DIE MEIN LEBEN VER ÄNDERTEN

Alles andere als Käse: Lernfeld Tüftelarbeit Der Wettinger Maturand Timo Gerdes entwickelte zusammen mit zwei Klassenkollegen einen Käsepflegeroboter und erzählt, wie ein funktionierender Schalter zum Meilenstein in seinem Leben wurde. Ganz im Sinne ihres Teamgeistes diskutieren auch Gerdes’ Mittüftler Dario Walde und Raphael Graf mit, was für sie zukunftsorientierte Bildung ausmacht.

Aufgezeichnet von Katleen De Beukeleer

timo gerdes   Am Anfang unserer Maturaarbeit haben wir stundenlang gebastelt und verschiedene Motoren ausprobiert. Während der Schulstunden, am Abend, am Wochenende. Irgendwann setzten wir die vielen Einzelteile zusammen, legten den Schalter um und – ein Lämpchen leuchtete. Es funktionierte! Das war ein wichtiger Augenblick in meinem Leben, der mir einen gewaltigen Motivationsschub gegeben hat. Wir waren nicht nur am Rumbasteln, sondern dabei, etwas Funktionsfähiges zu bauen. Als der Roboter dann später lief, schalteten wir aus purer Freude ständig den Schalter ein und aus. Auch die Begeisterung, die wir am Ende der Maturaarbeit bei Mitschülern, Lehrern und Experten empfanden, war beeindruckend und schön.

Wissen fürs Leben

In den naturwissenschaftlichen Fächern wird an unserer Schule recht viel experimentiert. Für unser Akzentfach «Experimentelle Technik Natur­ 48  EB NAVI #10

wissenschaft» durften wir beispielsweise mit Lego Mindstorms experimentieren – das ist nicht nur Kinderspielzeug, sondern man kann damit recht anständige Roboter bauen. Die meisten anderen Fächer sind aber sehr auf Theorie basiert. Die Frage ist jedoch immer: Wie lässt sich Praxis in den Unter­ richt integrieren? Ohne Grammatik und Wortschatzlisten kann man kein Französisch lernen, zum Bei­ spiel. r  aphael graf 

Das Abspeichern von Rohdaten ist noch keine Bildung. Diese entsteht erst, wenn Wissen in die Praxis umgesetzt wird und klar ist, wie man es brauchen kann im weiteren Leben.

timo gerdes   Für unsere Maturaarbeit wollten wir also unbedingt etwas Praktisches machen. Etwas, dem wir beim Wachsen zuschauen können – fast wie wenn es unser Kind wäre.


Das Käseroboter-Team bei Schweizer Jugend forscht: Timo Gerdes, Dario Walde, Raphael Graf (von links nach rechts). © Riechsteiner Fotografie, Schweizer Jugend forscht

raphael graf  Ich arbeite seit vier Jahren jeden Sommer auf der Alp in L’Etivaz im Kanton Waadt. Der Bauer, bei dem ich arbeite, macht seinen eige­ nen Käse. Das bedeutet viel und schwere Arbeit: Jeder Käselaib muss regelmässig mit einer Salzlö­ sung behandelt, gebürstet und gewendet werden. Die existierenden Käsepflegeroboter sind sehr teuer und werden nur in grossen Käsereien einge­ setzt. Kleine Bauern können sich das nicht leisten und müssen nach wie vor alles von Hand machen. So kam die Idee unseres Käsepflegeroboters.

Lerneffekt Teamarbeit

timo gerdes   Der wichtigste Lerneffekt unserer Maturaarbeit ist ohne Zweifel das Arbeiten im Team. Die Theorie hätten wir wohl noch irgendwann ler­ nen können. Teamfähigkeit aber ist etwas, was wir sicherlich ins Berufsleben mitnehmen können.

 ario walde  Wir haben die Maturaarbeit als d Chance gepackt, zusammen etwas Neues zu kre­ ieren, was wir sonst nicht in der Schule machen. Da wir einen Sponsorenbeitrag von der Hasler Stiftung bekamen, hatten wir auch viel Freiheit bei der Umsetzung unserer Ideen.

Internet für die Praxis

timo gerdes   Ohne Internet wäre es unmöglich gewesen, den Roboter zu bauen. Besonders im Pro­ grammieren waren wir Anfänger. Wir wussten nicht, womit wir den Roboter steuern würden, was für Motoren wir dafür brauchen und wie sich die Schalter anschliessen lassen. Das haben wir uns alles im Internet angeeignet. Und in Internetforen fanden wir immer schnell eine Lösung für unsere Probleme. Das Internet war zwar keine neue Lernquelle: An unserer Schule wird gemäss dem BYOD (Bring your own device)-Prinzip gearbeitet. Die Lehrer dru­ cken nicht mehr eine bestimmte Quelle aus, die wir dann durchkauen, sondern legen Links zu mehreren Quellen ab. Diese können wir dann auf unserem Tablet oder Laptop miteinander vergleichen. So lernt man, nicht alles zu glauben, was im Internet steht. Während des Roboterbaus entdeckten wir dann die Möglichkeiten des Internets bei der technischen Umsetzung einer Idee.

Der Livelehrer ist unersetzbar

 aphael graf  Trotz aller Vorteile des Internets r bin ich froh, dass wir noch normalen Frontal­

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unterricht haben. Es ist weniger anstrengend und effizienter, wenn der Lehrer uns gleich ser­ viert, was wir wissen sollen. Das Internet soll nicht einen Livelehrer ersetzen, sondern eine Erweiterung sein. Auch bei der Maturaarbeit waren wir froh um die Hilfe unseres Betreuers. Sie ersetzte oft stundenlanges Suchen im Netz. timo gerdes   Wir sind in diese Zeit hineingeboren, in der sich die Technologie stetig weiterentwickelt. Da können wir mithalten. Ich habe Freude an Fortschrit­ ten und lerne gerne neue Programme. Das hält fit. Trotzdem soll Grundbildung – egal ob in der Ausoder Weiterbildung – nicht im Internet stattfinden. Da scheitert es immer an der Disziplin. Wenn man einen Kurs besucht, kann man sich etwas von einem Spezialisten erklären lassen und es später selber noch ausweiten. Ich glaube, solche Kurse werden im Berufsleben wichtig bleiben. r  aphael graf 

Auch ich habe keine Angst vor den neuen technischen Möglichkeiten. Ich kann sie mir selber beibringen. Mein Vater aber ist Berufsschullehrer und sagt, viele junge Leute hätten Mühe mit den schnellen Entwicklungen. Ich glaube, wenn man sonst wenig diszipliniert ist und nicht viel Ordnung hat, beherrscht man auch alles Computertechnische nicht.

timo gerdes   Wenn aber nach der Digitalisierung noch mal eine Revolution kommt und alles umge­ wälzt wird, weiss ich nicht, ob wir dem noch gewach­ sen sein werden.

Interesse an Prototyp

Nach der Maturaarbeit haben wir unseren Käsepfle­ geroboter beim nationalen Wettbewerb der Stiftung «Schweizer Jugend forscht» präsentiert, wo unsere Eingabe mit «sehr gut» bewertet wurde. Die Vorbe­ reitung war nochmals sehr intensiv und musste ganz in der Freizeit gemacht werden. Wir haben den theo­ retischen Teil erweitert und den Roboter optimiert, damit er fehlerfrei läuft. Bei der Präsentation fragte uns ein Landwirt, ob wir schon einen Prototyp haben, denn er hätte Bedarf. Uns fehlt aber die Zeit, den Roboter weiterzuentwickeln. Bald werden wir Zivil- und Militärdienst leisten, da werden sich unsere Wege trennen.

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Lernpause

 aphael graf  Militär- und Zivildienst zwingen r uns, mindestens ein Jahr Pause zu machen. Das finde ich gar nicht so schlecht, es gibt einem Zeit zum Nachdenken. Ich werde als Zivildienst­ leistender wieder auf der Alp arbeiten und auch Forschung zu Nutztierhaltung machen. Nachher möchte ich an der ETH Agrarwissenschaften studieren. Was danach kommt, weiss ich nicht – nur, dass ich wohl eher auf diesem Gebiet blei­ ben will. Vielleicht wechsle ich irgendwann auch zum Lehrerberuf.

d  ario walde   Ich will an der ETH Chemie-Inge­ nieur studieren und nachher für eine Firma arbeiten. Vielleicht werde ich auch irgendwann Lehrer. Es ist schön, wenn man sein Wissen und seine praktische Erfahrung weitergeben kann. timo gerdes   Ich werde in einer Werkstatt für psy­ chisch Erkrankte Zivildienst leisten. Es ist gut, mal mit Menschen zu arbeiten, die es nicht so leicht haben im Leben. Ich glaube, so lernt man die eige­ nen Probleme zu relativieren und zu schätzen, was man hat. Mich freut es ausserdem, diesen Menschen helfen zu können – das werde ich nach dem Studium wohl eher nicht mehr machen können. Ich weiss nicht genau, was mir diese Arbeit bringen wird, aber ich bin mir sicher, dass sie mir etwas bringen wird. Nach dem Zivildienst werde ich an der ETH ein Studium als Maschinenbauingenieur anfangen. Mein Berufsleben stelle ich mir so vor, dass ich eher beim gleichen Arbeitgeber bleiben werde.

 aphael graf  Wir müssen nächstes Jahr aufpas­ r sen, dass wir das Lernen nicht verlernen. Speziell im Militär muss man den Kopf abstellen, um funktionieren zu können. Ein Jahr später muss man ihn wieder hochfahren.

Timo Gerdes, Dario Walde und Raphael Graf (alle 19) schlossen im Sommer an der Kantonsschule Wettingen die Matura ab. Nebst ihrer Faszination für die Technik verbindet sie auch die Freude am Musizieren: Gerdes spielt Cello, Walde ist Saxofonist und Graf spielt Trompete und Klavier. Die intensive Roboter-Ära und die gemeinsame Zeit im Schulorchester sind nun zu Ende – das Beachvolleyball im Sommer lässt sich das eingespielte Team aber nicht nehmen.


W EITERBILDUNG

«Bald werden wir nicht mehr von Aus- und Weiterbildung sprechen.» Die Professorin für Wirtschaftspädagogik Sabine Seufert erklärt im Interview, warum wir in einigen Jahren unsere Denkweise über Bildung völlig umstellen werden. Und warum es gut sein kann, nicht genau zu wissen, was die Hauptstadt der Niederlande ist.

Interview Katleen De Beukeleer, Christian Kaiser  Bild Reto Schlatter

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Frau Seufert, Menschen sind lernfähig, aber unbelehrbar. Einverstanden? Tja, das Wort Belehren erinnert an Oberlehrer, da sträuben sich einem doch gleich die Nackenhaare. Wir Menschen wollen selbstbestimmt und eigenver­ antwortlich sein, auch beim Lernen. Trotzdem belehren wir unsere eigenen Kinder. Das Belehren ist mit Angst besetzt: Wir wollen sie davor schützen, dass etwas passiert – oder wir wollen doch «einfach nur das Beste» für sie. Je älter Kinder werden, desto mehr bestimmen sie selbst, welche Erfahrungen sie machen wollen und was sie dabei verinnerlichen. Menschen sind sehr lernfähig, aber belehrt werden möchte niemand. Machten Sie selber schon mal die Erfahrung, etwas gegen Ihren Willen lernen zu müssen? Ich bin auf dem Bauernhof mit einer extremen Langeweile grossgeworden. Dadurch ging ich unheimlich gerne in die Schule, ich saugte alles auf. Die Langeweile war ein Energiereservoir. Später im Gymnasium jedoch habe ich fast nur geträumt. Ich verstand nicht, warum ich etwas lernen musste. Genau das sehe ich nun auch bei meinen Studenten: Dieses Warum beim Lernen. Lernen funktioniert also nur, wenn man das «Warum» kennt, sprich intrinsisch motiviert ist. Dennoch schreiben Institutionen in Lehrplänen Lerninhalte vor. Ist das ein unauflösbarer Widerspruch? Bildungsstandards braucht es natürlich. Die Frage ist aber: Wie leben Schulleitungen und Lehrperso­ nen dieses System? Es ist für sie schwieriger gewor­ den, die vorgegebenen Qualitätsansprüche und die Erwartungen der Eltern zu erfüllen. Aber inner­ halb des normativen Rahmens gibt es viel Spiel­ raum. Da bieten gerade neue Technologien viel 52  EB NAVI #10

Potenzial, das im Moment noch nicht genutzt wird. Ihr Vorteil: Sie können das Lernen viel individuali­ sierter gestalten. Und weil die Heterogenität immer grösser wird, ist das auch dringend notwendig. Im Moment fehlen uns aber noch die nötigen didakti­ schen Strategien dafür. Wie könnten die aussehen? Die Kinder wachsen schliesslich mit dem Internet als Lernmedium auf. Ja, Kinder recherchieren immer früher im Internet. Gleichzeitig sehen wir aber, dass Jugendliche keine Suchstrategien entwickeln, die man als Kompetenz erachten kann. Genau das müsste aber geschehen: Das Bildungssystem sollte uns verschiedene Wege beibringen, wie wir Sachverhalte hinterfragen kön­ nen. Wir sollten so lernen, dass die Wahrheit immer eine kontextabhängige Momentaufnahme ist. Statt­ dessen teilen Jugendliche alle Informationen in rich­ tig oder falsch ein. Das Schulsystem funktioniert immer noch nach diesem Muster. Ein Beispiel? Der Lehrer meines zwölfjährigen Sohnes stellte der Klasse mal die Frage: Was ist die Hauptstadt der Niederlande? Einige sagten: Amsterdam. Andere schrien: Den Haag! «Es ist Amsterdam», sagte der Lehrer. Und weiter ging der Unterricht. Der Lehrer hätte diesen Moment nutzen können, um die Frage zu stellen: Warum wart ihr euch nicht einig? (Anm. d. Red.: Den Haag ist Regierungssitz, Amsterdam gilt seit 1983 dennoch als Hauptstadt). Sind intelligente Suchstrategien in Zeiten von Verschwörungstheorien und Fake News besonders wichtig? Wir stehen an einer Epochenwende. Es ist normal, dass sich Wissen verändert. Und trotzdem müssen


wir auch feststellen können, welches Wissen Fakt ist und warum wir etwas als richtig erachten. Das Feststellen von Fakten ist eine gesellschaftliche Herausforderung geworden. Darum soll Bildung den Jugendlichen helfen, die richtigen Fragen zu stellen. Es kann Orientierung geben, wenn man weiss: Wo habe ich Wissenslücken? Welche Fragen kann ich noch nicht klären? Wie kann ich regelmässige Wis­ sensupdates machen?

men unterstützt. Ständige Updates bleiben aber not­ wendig fürs Analysevermögen und um mit anderen Leuten an Schnittstellen arbeiten zu können. Auch ein gutes Systemwissen bleibt nötig: Wie funktio­ niert meine Branche, das Unternehmen, wie ist hier die digitale Prozesskette? Behauptungen, nur noch Sozialkompetenzen seien wichtig, täuschen darüber hinweg, dass Fachwissen ständig aktualisiert wer­ den muss.

Die Halbwertszeit des Wissens verkürzt sich laufend. Wir wissen gar nicht mehr, welches Wissen und welche Kompetenzen künftig noch gefragt sein werden. Was bedeutet das für die Weiterbildung? Was sind die Haupttreiber für die Zukunft? Für die nächsten Jahre ist das natürlich der digitale Transformationsprozess, aber auch die Globalisie­ rung mit ihren ökonomischen Effekten. Wir haben zum Beispiel mit Unternehmen wie Uber und Airbnb heute eine Internet-Generation, die keinen Hehl daraus macht, alte Geschäftsmodelle zerstören zu wollen. Altbewährte Unternehmen wissen nicht, wer morgen ihre Konkurrenten sein werden. Eine Bran­ che nach der anderen ist davon betroffen. Ausserdem werden viele Unternehmen zu Software-Firmen, neue Geschäftsfelder entstehen. Für die Aus- und Weiterbildung heisst das: Die Kompetenz zur Bewäl­ tigung des Transformationsprozesses ist für die nächsten Jahre ausschlaggebend. Unternehmen müssen es schaffen, ihr Personal schnell für diesen Prozess zu qualifizieren.

Die Gefahr ist heutzutage doch gross, dass Fach­ wissen am Ende der Aus- und Weiterbildung schon komplett überholt ist? Das stimmt, aber die schnellen Entwicklungen eröffnen auch neue Möglichkeiten. Eigentlich ist es schade, dass uns das im Moment so stark belastet. Bald werden wir diese Denkweise umstellen. Wir werden uns in einem Veränderungsprozess befinden, in dem wir nicht mehr von Aus- und Weiterbildung sprechen werden. Das ist überholt.

Bedeutet die unvorhersehbare Zukunft, dass Methodenkompetenzen wichtiger werden als Fach­ kompetenzen? Nein, Fachwissen bleibt wichtig. Wir werden zwar vermehrt von Datenbanken und kognitiven Syste­

Wovon? Inwiefern? Zwischen Arbeiten und Lernen wird in Zukunft kein Unterschied mehr gemacht werden: arbeiten ist lernen und umgekehrt. Und wenn Lernen zum Alltag gehört und man dieses gut gestaltet, dann ist das ein komplett anderer Ansatz, als wenn man an fünf Tagen pro Jahr ein Seminar besucht. Die Bildung der Zukunft wird mehr auf die ganze Lebenszeit ausgerichtet sein und vermehrt mit den Stärken jedes Einzelnen arbeiten. Dadurch werden wir viel authentischer mit dem Lernen umgehen; wir werden alle ein bisschen wie Forscher unterwegs sein können.

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Heisst das, dass der Lernkompetenz in Zukunft eine besonders grosse Bedeutung zukommen wird? Ja genau, und die können wir übrigens auch mit neuen Systemen aus der künstlichen Intelligenz unterstützen. Soziale Roboter etwa haben für die Bildung grosses Potenzial. Ich glaube, dass sich durch deren Einsatz auch die Normen ändern wer­ den, was wir unter Sozialkompetenz verstehen. Sie sehen die Zukunft im Lernen mit virtuellen Lernrobotern? Ja, im Moment gibt es da noch überhaupt keine Akzeptanz. Aber wir werden uns immer mehr an die sozialen Roboter gewöhnen. Japanische Zahn­ ärzte zum Beispiel trainieren jetzt schon mit ihnen. Für bestimmte Bildungsbereiche ist es nützlich, in einem risikofreien Umfeld Rollenspiele zu üben oder Gesprächstechniken zu erlernen. Die Maschine wird zum Lernpartner. Ich glaube nicht, dass sich die Gesellschaft überall Sozialroboter wünscht. Aber sie kann sie dort einsetzen, wo sie einen Mehrwert bringen. Geht der Veränderungsprozess mit einer Verschiebung vom formellen hin zum informellen und autodidaktischen Lernen einher? Genau. Diese Verschiebung konnten wir schon in den letzten Jahren beobachten. Weil unsere Kinder sowieso mit den neuen Medien aufwachsen, sind sie das informelle Lernen in der Freizeit gewohnt. Wenn Kinder auf dem Trampolin einen Salto machen wollen, schauen sie auf Youtube, wie es geht. Sie schauen im Internet nach, wenn sie etwas wissen wollen. So eignen sie sich gute, natürliche Lernkompetenzen an. Aber wie gesagt: Leider wird das in der Schule noch nicht wirklich genutzt.

Was bedeutet die Zunahme an selbst gesteuerten Lernformen für Abschlüsse und Diplome? Auch das Zertifizierungssystem wird viel flexibler und individualisierter werden. Grosse Berufsschritte wird man zeigen können, indem man zwischendurch seine neuen Kompetenzen validieren und zertifizie­ ren lassen kann. Lernen Sie selber auch auf Youtube? Ja, vor Kurzem habe ich mich so zum Beispiel mit der Minecraft Education Edition auseinandergesetzt. Auf der einen Seite ist Minecraft der Hauptstreit­ punkt zu Hause, weil mein Sohn es so gerne spielt. Gleichwohl finde ich es auch interessant: Was macht das Spiel so faszinierend? Was kann man da fürs Lernen nutzen? Ich möchte die Stärken dieses Spiels gerne mal in einem Entwicklungsprojekt ausprobie­ ren. Vielleicht kann man sich die Zukunft des Ler­ nens ein bisschen so vorstellen, wie jetzt schon Minecraft funktioniert: Dass man sich als Avatar irgendwo auf einer englischsprachigen Plattform trifft und gemeinsam etwas Neues gestaltet. Kooperation statt Konkurrenz mit künstlich intelligenten Systemen als Erfolgsrezept? Genau. Ich bringe gerne das Beispiel der Schach­ weltmeister. Die werden immer jünger. Man hat untersucht, woran das liegt, und festgestellt: Die Älteren trainieren gegen den Computer, während die Jüngeren ihn als Trainingspartner sehen. Sind die Digital Natives also künftig im Vorteil? Nicht immer, das ist zu stereotyp. Sobald Ältere sehen, wie das technologiegestützte Lernen funktio­ niert, gewöhnen sie sich schnell daran. Umgekehrt ist es auch so, dass bei Jüngeren die Lernkompetenz niedriger ist, als man meint. Sie verfügen über die

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nötigen Skills, mit modernen Technologien umzuge­ hen und haben schnell Zugriff. Häufig können sie aber die Zeit nicht effizient nutzen. Sie stecken keine Lernziele, die Informationsfülle erschlägt sie. Sie brauchen mehr Struktur. Welche Lösungen gibt es? Das Reverse Mentoring ist ein sehr guter Ansatz. Die Deutsche Telecom zum Beispiel hat gute Erfah­ rungen gemacht mit solchen Kompetenztandems: Jüngere und Ältere stärken sich gegenseitig mit Technologie-Zugang und Erfahrung. Die Jüngeren brauchen Mentorship, auch wenn sie meinen zu wis­ sen, wie alles funktioniert. Daher ist es ideal, sich gemeinsam auf die Reise zu begeben. In der Hetero­ genität die unterschiedlichen Stärken nutzen: Das ist die Aufgabe des ganzen Bildungsbereiches. Wie kann die Zusammenarbeit Mensch und Maschine konkret aussehen? Was ist der Nutzen? Die neuen Systeme werden dafür sorgen, dass alles transparenter wird. So können wir mehr lernen – auch über uns selber. In den USA gibt es Projekte, in denen Lehrer/innen ihre Unterrichtspläne vom Computer vergleichen lassen können. Das System spiegelt einem zurück: Schauen Sie mal, Sie verwen­ den immer wieder die gleiche Methode. Ihre Kolle­ gen verwenden andere. Wollen Sie das nicht auch mal ausprobieren? Die künstliche Intelligenz kann so zum Coachingtool werden. In Lehrberufen wird die Autonomie sehr gross geschrieben. Aber auch hier nimmt der Druck zu, sich upzudaten und zusammenzuarbeiten. Hier kann ein solches Coachingtool viel bringen.

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Sie sind auch Spezialistin für die betriebliche Weiterbildung. Was bedeutet die heutige Epochenwende für die Unternehmen? Wo sehen Sie da die grössten Aufgaben? Viele Unternehmen haben bereits gute Rahmen­ bedingungen. Sie haben ihre Effizienz extrem gesteigert und die richtigen Prioritäten festgelegt. Da sie aber nicht genau wissen, was an ihrem Geschäft durch disruptive Technologien wegbrechen wird, müssen sie neue Geschäftsfelder aufbauen – gleichzeitig die alten à jour halten. Sie müssen die neuen Experimentierfelder finanzieren und dafür Sorge tragen, dass es nicht zu unterschiedli­ chen Kulturen innerhalb des Betriebes kommt: die hippen privilegierten Innovativen versus die unter Druck geratenden Träger des herkömmlichen Geschäfts. Sie meinen eine firmeninterne Klassengesellschaft? Etwa so. Mit Bildung aber können Unternehmen dafür sorgen, dass die Wertschätzung fürs gesamte Personal bestehen bleibt. Was heisst das alles für das Learning Design? Wie soll man sich die künftige firmeninterne Weiter­ bildung vorstellen? Es geht nicht mehr um klassische Bildung, sondern mehr um eine Leistungsunterstützung. Sehr viele Bildungsabteilungen «kuratieren» jetzt schon ihre Angebote. Der Begriff Kuratieren kommt aus den Museen: Der Kurator sucht die Perlen und bringt sie in einem Kontext zusammen. So bereiten heute auch Bildungsabteilungen didaktisches Material auf. Das können Werkzeuge, Apps, Lernvideos, MOOCs und so weiter sein.


Werden klassische Seminare überflüssig? Nein, sie bleiben notwendig, damit die Präsenz nicht komplett untergeht. Es braucht Austausch, aber auch Reflexionsräume, wo man mal abseits vom Alltag etwas Neues lernen oder gemeinsam etwas generie­ ren kann. Wenn es darum geht, Kompetenzen zu entwi­ ckeln, muss das punktuelle Lernen aber von grösse­ ren Lernprozessen abgelöst werden. Nur so entstehen dauerhafte, flexibel anwendbare Kompetenzen. Das ist in der Weiterbildung aber schwieriger zu organi­ sieren. Es ist einfacher, einmal einen Referenten einzuladen, als eine Weiterbildung in Prozesse mit Vor- und Nachbereitung aufzuteilen.

vor diesen Kolossen. Auch die Digitalisierung sollten wir nicht überschätzen. Eigentlich ist sie nur ein Werkzeug wie viele andere auch. Wie offen sind Sie da selber? Auch ich bin ambivalent. An manchen Tagen geht es ganz gut, an anderen nicht. Einerseits produziere ich selber Youtube-Lernvideos, wobei ich mir von meinem zwölfjährigen Sohn helfen lasse. Anderer­ seits weiss ich nicht, wie es sein wird, wenn er dann mal auf Facebook ist. Da will ich dann schon befreundet sein, glaube ich. Das ist wie die Dampf­ lok für mich.  n

Was heisst das für Seminaranbieter oder Kursleiter? Sie müssen mehr in die Rolle des Moderators hinein­ wachsen. Und klar kommunizieren können, welchen Service sie anbieten – inklusive Kuratierung, Pra­ xistransfer, Prozess-Coachings und Evaluation und so weiter.

Prof. Dr. Sabine Seufert (50) studierte an der Friedrich-Alexander-Universität in Nürnberg Wirtschaftspädagogik. Sie habilitierte 2006 zum Thema «Innovationsorientiertes Bildungsmanagement». Neben ihrer Professur an der Universität St. Gallen ist Sabine Seufert Direktorin des Instituts für Wirtschaftspädagogik – Digitale Bildung & Betriebliche Bildung, an dem auch das von der Gebert Rüf Stiftung initiierte Swiss Centre for Innovations in Learning (scil) angesiedelt ist. Das Ziel dieses Kompetenzzentrums ist, dass Weiterbildung, Beratung und Forschung ineinandergreifen und sich wechselseitig befruchten. Sabine Seufert wohnt mit ihrer Familie in St. Gallen.

zVg

Diese ganzen Umstellungen verlangen von jedem Einzelnen doch eine besonders grosse Offenheit. Ja, und gleichwohl ist der Angst­ zyklus der Technologie etwas Normales. Ich habe mir mal ein Ted-Video im Internet ange­ schaut, in dem die Digitalisie­ rung mit dem Einzug der Dampf­ lok verglichen wurde. Damals befürchteten die Bauern das Schlimmste für die Kühe auf ihren an der Eisenbahn grenzen­ den Wiesen; es gab sogar Leute, die sich umbrachten aus Angst

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A NOUK HOLTHUIZEN, 4 4

M A NUEL A BRUGGISSER, 51

Ausbildung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Primarlehrerin; Organisationsentwicklung, Arbeitspsychologie und Informatik; Immobilienunterhalt; aktuell: Master in Coaching und Supervision Beruf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  Coach Weiterbildung an der EB Zürich . . . .  Zürcher Ressourcenmodell Aktuelle Weiterbildung . . . . . . . . . . .  Resilienz-Training Ziel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  Ich möchte als Coach weitergehen. Zudem möchte ich die Ausbildung zum Work-Health-Coach in Hamburg absolvieren.

Ich habe mich für das Resilienz-Training angemeldet, als ich in einer schwierigen Lebenssituation war. Ich wollte herausfinden, wo ich stehe und wer ich bin. Ausserdem schreibe ich für meinen Master in Coaching und Supervision eine Masterarbeit zum Thema Selbstmanagement. Dazu gehört auch die Resilienz, die für die Stärkung von Angestellten besonders wertvoll ist. Ich kann kein Jahr zu Ende gehen lassen, ohne eine Weiterbildung oder einen Kurs zu besuchen. Das traditionelle Kursumfeld berührt und bereichert mich. Wenn 58  EB NAVI #10

man sich in einem Kurs mit sich selber und den anderen Teilnehmenden auseinandersetzt, verändert sich der Blickwinkel auf das eigene Ich und auf die Welt. Gerade der Boom an Selbstentwicklungsangeboten zeigt, dass der Mensch sich trotz Digitalisierung nach Austausch sehnt. Die Resilienz fliesst in meinen Beratungen als Coach ein – und stärkt meine eigene Gesundheit und Psyche. Gerade in unserer schnelllebigen Zeit ist die Verankerung im eigenen Leben wichtig.  n


MEL A NIE RUF, 29 Ausbildung . . . . . . . . . . . . . .  Hochbauzeichnerin Beruf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  Hochbauzeichnerin Aktuelle Weiterbildung . . .  Bildungsgang 3D-Visualisierung und -Animation Ziel  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  Eine Stelle im Bereich 3D-Visualisierung

Bevor ich Hochbauzeichnerin wurde, hatte ich zwei Lehren als Logistikassistentin und Kauffrau abgebrochen. Sie gefielen mir nicht. Während der Lehre als Hochbauzeichnerin merkte ich, dass ich ein sehr gutes räumliches Vorstellungsvermögen habe. Da entstand mein Interesse an 3D-Visualisierungen. Der Bildungsgang ermöglicht es mir nun, diese Stärke zu nutzen.

Ich bringe mir vieles selber bei, indem ich Unterlagen lese, google und mich in Blogs und Internetforen aufhalte. Wichtig bleibt aber der Kontakt mit Menschen. Ich kann gut beobachten. Ich lerne sehr viel, indem ich Dozenten nachmache. Barrierefreiheit gehört zu meiner Definition einer guten Weiterbildung. Da ich gehörlos bin, finde

ich es wichtig, dass ein DolmetschEinsatz möglich ist. Der Dozent soll sich auch Zeit nehmen können, wenn ich nicht nachkomme. Ausserdem sind der Preis und die Chancen auf eine bessere Arbeitsstelle entscheidend. Und man soll vor allem auch Spass dabei haben!  n

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PE TER BISCHOFBERGER, 4 8 Ausbildung . . . . . . . . . . . . . .  Maler Beruf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  Betreuer im sozialen Bereich; aktuell: Fachmann Betreuung im Validierungs­ verfahren Aktuelle Weiterbildung . . .  Allgemeinbildung im Validierungsverfahren Ziel  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  Eine Stelle als Fachmann Betreuung

Mein erster Beruf war Maler. Als ich eine Feinstaub­allergie bekam, musste ich den Job wechseln. Seither habe ich immer als Miterzieher oder Betreuer in verschiedenen sozialen Institutionen gearbeitet. Nun möchte ich berufsbegleitend das Diplom Fachmann Betreuung nachholen. Während eines Validierungsverfahrens habe ich die Berufserfahrung, die ich in den

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letzten fünfzehn Jahren gesammelt habe, in Dossiers belegt. Experten haben meine Kompetenzen beurteilt und daraufhin festgelegt, welche Kompetenzen ich weiter noch brauche für den Berufsabschluss. Eine davon ist die Allgemeinbildung. Die Allgemeinbildung ist zwar spannend, und ich lerne viel. Mit meinem Beruf hat das aber wenig

zu tun. Es ist schade, dass die Experten nicht genauer hinschauen und nicht an erster Stelle den Fokus setzen auf das, was ich für das weitere Berufsleben echt brauche. Im Validierungsverfahren wird einfach als Regel vorausgesetzt: Diese Person soll dieses Wissen haben, also braucht er es. Solche Regeln sollten häufiger hinterfragt werden.  n


H A NS - PE TER IN AUEN, 61 Ausbildung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Beruf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Weiterbildungen an der EB Zürich  . . . Aktuelle Weiterbildung . . . . . . . . . . . . . Ziel  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Sportlehrer  Sportlehrer  Office-Kurse, Desktop Publishing, Lightroom  Web-Management-Content mit WordPress  Eine Weltreise

In zwei Jahren werde ich pensioniert. Dann gehe ich mit meiner Frau und unserem Hund auf eine Weltreise. Um die Reise zu dokumentieren und mit Freunden und Verwandten in Kontakt zu bleiben, werde ich einen Wordpress-Blog einrichten. Ich wollte mir das Wissen dazu selber mittels Youtube-Tutorials beibringen, habe mich dann aber doch für einen einführenden Kurs an der EB Zürich angemeldet. Begleitend dazu kann ich an den Tutorials weiterarbeiten. So eine Reise muss gut vorbereitet werden. Letztes Jahr habe ich die Lastwagenprüfung gemacht.

Wir wollen mit unserem Expeditionsmobil autonom sein und zum Beispiel auch einen Stromgenerator mitnehmen können. Da wollen wir nicht limitiert sein, was das Gewicht des Fahrzeugs anbelangt. Bald werde ich auch noch einen Fotokurs besuchen, damit ich gute Bilder machen kann für den Blog. Die Ausrüstung dazu habe ich bereits gekauft. Unsere Reise hat ein Open End. Vielleicht finden wir irgendwo ein Plätzchen, wo wir bleiben. Oder vielleicht kommen wir zurück, wenn Enkelkinder da sind. Mal schauen, was auf uns zukommt.  n

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A NOUK HOLTHUIZEN, 4 4 Ausbildung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Beruf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Weiterbildung an der EB Zürich . . . . Aktuelle Weiterbildung . . . . . . . . . . . Ziel  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Journalismus  Journalistin BR und soziokulturelle Animatorin  Drehbuch schreiben  Reden vor Publikum  Offenheit für neue Berufsfelder und eine gute Vernetzung. Mit diesen Eigenschaften kann ich die Zukunft auf mich zukommen lassen.

Als Journalistin werde ich immer wieder für Moderationen von Podiumsdiskussionen angefragt. Bisher sagte ich immer ab. Ich hatte Angst, mich vor versammeltem Publikum nicht genug konzentrieren zu können. Seit einigen Monaten arbeite ich zusätzlich als soziokulturelle Animatorin mit Flüchtlingen. Dort muss ich ständig vor vielen Menschen sprechen und vor verschiedenen Gremien das Projekt präsentieren. Ich habe mich jedes Mal richtig auf die Kursabende gefreut. Wir machten viele Übungen, und der Dozent ist sehr erfrischend – genau das braucht eine gute Weiterbildung. 62  EB NAVI #10

Vor Publikum zu reden kann man nicht digital lernen – aber auch sonst ist E-Learning für mich keine Alternative. Da fehlt mir die Disziplin. Ausserdem lerne ich besser audiovisuell als im Studium von Texten. Sowohl im Journalismus als auch in der Soziokultur habe ich mir fast alles durch Learning by Doing angeeignet. Letzte Woche wurde ich angefragt, an der Kantonsschule Wohlen eine Präsentation über meine Arbeit mit Flüchtlingen zu halten. Ich habe ohne Überlegen zugesagt und freue mich drauf.  n


ROM A N INDERBIT ZIN, 20 Ausbildung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Weiterbildung an der EB Zürich . . . . Aktuelle Weiterbildung . . . . . . . . . . . Ziel  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Lehrling im 4. Lehrjahr Informatik Systemtechnik  Englisch  Französisch A2  Eine Stelle als Informatiker oder Wirtschaftsinformatiker

In Paris habe ich mal versucht, Französisch zu reden. Da habe ich mir gedacht: Es wäre cool, die Sprache zu lernen. Zurück in Zürich war die Motivation aber wieder verschwunden. Trotzdem will ich meine Französischkenntnisse jetzt auffrischen, denn ich brauche sie für die anstehende Berufs­ maturität.

Ich lerne viel übers Internet, vor allem bei meinen Lieblings­ fächern Informatik und Mathematik. Trotzdem habe ich lieber Frontal­ unterricht. Vor allem für Sprachen ist Selbststudium nichts für mich. Ich schätze es, wenn eine Lehrperson mir die Blätter in die Hände drückt und mit mir anschaut, was ich richtig und falsch gemacht habe.

Das grösste Hindernis beim Französischkurs ist jeweils, am Kursabend teilzunehmen. Nachher ist alles gut. Die meisten Kurs­ teilnehmerinnen sind viel älter als ich, und ich bin der einzige Mann, aber ich fühle mich wohl. Es sind immer zwei lebendige Stunden, so macht sogar Sprachenlernen Spass.  n

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SERVICE

Ein NAVI für die Auswahl einer Weiterbildung Wie im Meer an Weiterbildungsmöglichkeiten die passende Insel finden? Wer genau weiss, was und wohin er oder sie will, hat den Kurs schon mal gesetzt. Dann gilt es aber auch auf Qualitätskriterien zu achten, damit die gewählte Ausbildung den gewünschten Nutzen bringt. Hier die Checkliste mit den wichtigsten Punkten. Text Christian Kaiser

Schritt 1: Klärung der Ziele und der Motivation

–– Welche Motive bewegen mich dazu, eine Weiterbildung in Angriff zu nehmen? –– Welchen Nutzen will ich für meine persönliche und berufliche Zukunft aus einem Kurs ziehen? –– Welche Ziele will ich mit einer Ausoder Weiterbildung erreichen? –– Was an Abschlüssen und Diplomen brauche ich dafür? –– Über welche Vorkenntnisse verfüge ich, wo habe ich Lücken? –– Welches sind meine Stärken, welches meine Schwächen auf dem betreffen­ den Gebiet? –– Welche Möglichkeiten sehe ich, die Lerninhalte künftig anzuwenden? –– Wie viel Zeit und Geld kann und will ich in eine Weiterbildung investieren? Wann? 64  EB NAVI #10

Schritt 2: Informationen sammeln über Weiterbildungsmöglichkeiten

–– Welche gedruckten und elektronischen Infomaterialien stehen zur Verfügung? –– Welche Angaben zu Lernzielen, Inhal­ ten und Methoden sind darin enthal­ ten? –– Sind die Lernziele und -inhalte klar definiert? Entsprechen Sie meinen Bedürfnissen? –– Welche Lernformen, -methoden und Lehrmittel werden eingesetzt? –– Wie sind Lernziele, Inhalte und einge­ setzte Methoden aufeinander abge­ stimmt? –– Wie lange dauert die Weiterbildung und wie ist sie zeitlich gegliedert? –– Entsprechen das Lerntempo und der Zeitplan meinen Bedürfnissen? –– Was sind die Teilnahmevoraussetzun­ gen, inhaltlich und technisch? Erfülle ich sie?


–– Besteht die Möglichkeit, einen Infor­ mationsanlass zu besuchen und die Dozenten kennenzulernen? –– Welche Angaben zur Qualifikation des Lehrpersonals werden gemacht? –– Kann ich die Dozenten direkt kontak­ tieren, um allfällige Fragen zu stellen? –– Kann ich das Schulungsgebäude und die Räumlichkeiten vorab besuchen, um mir ein Bild zu machen? –– Wer nimmt sonst teil? Entspricht mir die Grösse und Zusammensetzung der Gruppe punkto Vorkenntnissen und Berufserfahrung? –– Bietet die Institution eine Weiterbil­ dungs- oder Laufbahnberatung an, um allenfalls offene Fragen zu klären? –– Was kostet die Ausbildung? Welche Zusatzkosten (Fahrspesen, Lehrmittel) kommen hinzu? –– Wie sehen die Allgemeinen Geschäfts­ bedingungen und die Zahlungsmodali­ täten aus, wie sind die Kündigungsund Rücktrittsbedingungen? Schritt 3: Qualitätskriterien überprüfen

–– Hat die Institution einen guten Ruf? –– Sind die Unterrichtenden kompetent und engagiert? Haben Sie Praxisbezug und Erfahrung auf ihrem Fachgebiet und sind didaktisch geschult? –– Bildet sich das Lehrpersonal auch selber weiter? –– Betreibt der Anbieter Qualitätssiche­ rung und Evaluationen, verfügt die Institution über ein Qualitätszertifikat wie Eduqua?

–– Ist die Weiterbildung praxisbezogen und up to date, sodass ich das Gelernte auch umsetzen kann? –– Sind die Ausschreibungsunterlagen, Konditionen klar und einfach verständ­ lich? –– Sind die Zulassungsbestimmungen transparent und nachvollziehbar? –– Sind die Anforderungen für allfällige Prüfungen bekannt? Wie werde ich in der Vorbereitung unterstützt? Wie sind die Erfolgs- und Durchfallquoten? –– Wie kann ich am Ende meine neu erworbenen Fähigkeiten nachweisen? Erhalte ich eine Bestätigung oder ein Zertifikat? Welchen Stellenwert hat der Nachweis für allfällige Arbeitgeber? –– Was sagen ehemalige Teilnehmende über die Qualität der Weiterbildung, die eingesetzten Methoden und den Lernerfolg? –– Wie stellt der Anbieter neben dem Prä­ senzunterricht die Betreuung durch die Dozierenden sicher? –– Bieten die Schulungsräume eine unter­ stützende Atmosphäre und eine gut ausgestattete Infrastruktur auf dem aktuellen Stand (Technik, Medien, Computer)? –– Wie beurteile ich das Preis-Leistungs­ Verhältnis? Schritt 4: Angebote anhand obigem Kriterienkatalog vergleichen und auswählen

WEITERBILDUNG   65


Deutsch A2 Kurzkurs Deutsch in der Pflege B1 Deutsch Fit für B2 «Goethe-Zertifikat C1» Bü Deutsch / A1–B1 Fit in der Rechtschrei Mit E-Mails gut kommunizieren Drehbuchschreib Englisch B1 Stufe 1 First Certificate in English Gru Stan und Internet der Dinge Video – Dokumentarfilm Fran und Hotellerie A2 Italienisch A2 Stufe 3 Spanisc Arbeitsplatz, privat und unterwegs OneNote – und Co − Social Media geschickt nutzen Date grafie: Einstieg AutoCAD – konstruieren in 3D gestalten HTML5 und CSS3 Bildungsgang: We ment mit WordPress Video – Kamera und Film C#: Einführung Programmieren fürs iPhone Big FileMaker: Einführung Docker Bildungsgang « Projekte erfolgreich durchführen Selbständigke Gute Entscheidungen treffen Weiterbildungs Gesprächstraining Online-Marketing und digita Fachausweis Ausbilder/in Rhetorik – rede

57 auserlesene Angebote für Weiterbildung


1/B2 ÖSD «Zertifikat B1» Prüfungsvorbereitung üro-Korrespondenz C1/C2 Aussprache-Training ibung Attraktiv und verständlich schreiben iben – Grundlagen TOEFL Prüfungsvorbereitung (FCE) B2 A + B2 Führung smart – Team- und uppenleitung Berufliche Neuorientierung durch ndortbestimmung Englisch für Gastgewerbe d Hotellerie A2 Aufbauen einer eigenen Cloud nzösisch A1 Stufe 1 Französisch für Gastgewerbe ch PC: Einstieg Word: Einführung Outlook am – die Online-Zettelwirtschaft Facebook, Twitter eien verschlüsseln leichtgemacht Digitale FotoD Photoshop – Grundlagen Beratung: Websites eb-Publisher EB Zürich Web-Content-Managemsprache Bildungsgang: Video PHP: Einführung g Data – Überblick Bildungsgang: Journalismus «Führungsfachfrau/-mann (SVF)» mit eidg. FA eit: Von der Idee zur Gründung sberatung Erfolgreich verhandeln ale Werbung Bildungsgang: Eidg. en vor Publikum PowerPoint

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SERVICE

Reif fürs Lernen Für das Lernen während des Älterwerdens gibt es eine Wissenschaft: die Geragogik. Experte Claudio Harder erklärt, wie die Geragogik unser Denken über das Altern entgreisen und uns eine gute zweite Lebenshalbzeit bescheren kann.

Text Claudio Harder, Katleen De Beukeleer 68  EB NAVI #10

Um 1900 betrug die durchschnittliche Lebenswartung einer Schweizerin 48 Jahre, die eines Schweizers 45 Jahre. 2015 waren es schon 85 Jahre für Frauen und 80 Jahre für Männer. Mit steigender Lebenserwartung verbreitet sich die Lebensmitte: Fünfzig, sechzig Jahre gilt heute als gute Lebenszeit. Die Gruppe gesunder, junger Älterer zwischen 55 und 75 wird immer grösser. Mit der hohen Lebenserwartung hat sich auch die zent­ rale Altersfrage verändert. Diese lautet nicht mehr: Wer war ich?, sondern: Wer will ich werden für die nächsten zwanzig, dreissig Jahre? Jedem Alter seine Potenziale

Rein biologisch gesehen, entwickeln wir uns linear von Jung zu Alt. Lebenspha­ senmodelle beschreiben aber, wie jeder Phase des Lebens einzigartige Entwick­ lungspotenziale innewohnen. Mit zunehmendem Alter treten physi­ sche Bedürfnisse in den Hintergrund. Die geistigen und spirituellen Bedürf­ nisse und Stärken wachsen. Um das Alter von fünfzig Jahren findet ein Umbruch statt: Wir orientieren uns immer mehr nach immateriellen Werten und bekom­ men zunehmend Lust auf Bildung und Kultur.


Diese Potenziale werden nur im ent­ sprechenden Alter entdeckt und erlebt. Was eine Sechzigjährige denkt und fühlt, konnte sie nicht mit 35. Was ist Geragogik?

Aus der Einsicht, dass die Suche nach innerer Zufriedenheit mit dem Altern ansteigt und die Lust auf eine geistige Horizonterweiterung zunimmt, ist die Geragogik entstanden. Sie befasst sich mit dem Prozess des Lernens und der Bil­ dung von reifen Erwachsenen. Im Zent­ rum steht nicht die schulische Wissens­ vermittlung für Ältere, sondern die Lebensqualität. Die Geragogik als Wis­ senschaft besteht aus drei Pfeilern: –– Bildungsmöglichkeiten und -chancen für alternde Menschen –– Aus- und Weiterbildung von Personen, die mit alternden Menschen arbeiten –– Wissenschaftliche Erforschung von Fragen über das Alter Geragogische Bildungsarbeit lässt sich unter vier Stichworten zusammenfassen: altern Die Geragogik gibt Anregungen, wie man sich kritisch mit dem Alter und dem Altern auseinandersetzen kann. leben Geragogische Lernprozesse haben ihre Wurzeln in der Lebenspraxis. Ziel ist eine subjektive Lebenszufriedenheit.

wachsen Die Geragogik leistet einen Beitrag zur Sinn- und Identitätsstiftung. Sie setzt sich dabei mit krisenhaften Lebenssitua­ tionen auseinander. lernen Wie können sich verborgene Potenziale entfalten? Wie können neue Lebensmög­ lichkeiten kreativ gestaltet werden? Die Geragogik zeigt entsprechende Angebote auf. Einsichten versus Praxis

Die gelebte wirtschaftliche Praxis steht den Einsichten über das heutige dritte Lebensalter jedoch diametral gegenüber. Trotz gesellschaftlich brühwarmer The­ men wie Fachkräftemangel und Inlän­ dervorrang haben Erwerbslose ab fünfzig es besonders schwer, wieder in den Arbeitsmarkt einzusteigen. Noch immer werden viele Menschen ab 55 frühpensio­ niert. Dafür gibt es zwei Gründe. Erstens erweist sich ein gut gemeintes Altersver­ sicherungssystem als Bumerang: Ältere Arbeitnehmende sind oft unbeliebt, weil teuer. Und zweitens ist damit der Mythos verknüpft, dass nur Jugendlichkeit und reine Leistung wichtig seien. Oft ist es sogar so, dass Menschen, die diesen Mythos vertreten, auch selbst darunter leiden. Eines der Ziele der Geragogik ist es, den Arbeitsmarkt altersfreundlicher zu machen – und mit diesen Vorurteilen aufzuräumen.

WEITERBILDUNG   69


Eine Mission der Geragogik: Massnahmen für 55+ im Arbeitsprozess

Ab 55+ soll der verbleibende Arbeitspro­ zess angenehm und zeitgemäss gestaltet werden. Die Geragogik erarbeitet kon­ krete Massnahmen, die sowohl erwerbs­ tätige 55+ als auch deren Vorgesetzten und Coaches hierbei unterstützen. Ziel ist es gleichzeitig, das «Ausfädeln» vor­ zubereiten. Für Erwerbstätige: Veränderungen im Alter und Massnahmen Lagebeurteilung Häufig besteht ab 55+ grosse Verunsiche­ rung: Reicht mein Leistungsvermögen noch? Was bedeute ich noch im Betrieb und in der Gesellschaft? Habe ich noch genug Durchhaltevermögen? Kann ich eine konstante Leistung gewährleisten? ➝ Entscheid Das gesellschaftliche Bild über ältere Menschen hat nur noch teilweise mit der Realität zu tun. Ich mustere mich nicht mehr aus aufgrund dieser Fremdbilder. ➝ Instrument/Impuls Eine prospektive Standortbestim­ mung klärt ab, was ich mit 65+ als Rückblick möchte und was ich davon beeinflussen kann. Dadurch kann ich meinen Rhythmus aktualisieren: Was gehe ich ruhiger, anders oder intensiver an? Wo haben sich meine Interessen verlagert? Veränderungen im Alter und Mass­ nahmen für meine nähere (betriebli­ che) Zukunft zweifel Wenn mein Umfeld Schwachstellen wie Technik oder Schnelligkeit anspricht, drehen sich meine Gedanken um diese Schwächen.

70  EB NAVI #10

➝ I nstrument/Impuls Eine rückblickende Standortbestim­ mung zeigt meine Stärken und Resili­ enz auf. Sie veranschaulicht, was ich an Schwierigkeiten überstanden und dabei gelernt habe. Sie beantwortet Fragen wie: Was habe ich (im Detail), was andere nicht haben? Und umge­ kehrt? Wie können wir uns ergänzen? vergleiche Junge scheinen stärker und schneller. Mein eigenes Wissen und meine Erfah­ rungen scheinen veraltet und werden weniger respektiert. ➝ Entscheid Realitätscheck: Wie sind mein Wis­ sen, mein Können und meine Leis­ tungsfähigkeit im Vergleich mit anderen? hoffnungen Ich hoffe, die Zeit bis zur Pensionierung gut zu überstehen. ➝ Entscheid Ich gestalte die (noch lange) Zeit bis zur Pensionierung aktiv mit. Ich bestimme, welche Technologien ich (noch) lernen will, welche Weiterbil­ dungen ich besuchen will und was ich loslassen kann oder muss. Massnahmen für meine weitere (private) Zukunft ab 65 Die Pensionierung rückt näher. ➝ Instrument Ein Pensionierung-Vorbereitungs­ kurs hilft, die Zeit nachher greifbarer zu machen. Er zeigt auf, was ich sel­ ber beeinflussen kann und muss. Er macht persönliche Ressourcen bewusst, die auch für die Erwerbszeit noch zentral sind, und hilft heraus­ zufinden, was für mich der richtige Modus nach der Pensionierung ist. Will ich mehr vom Gleichen? Will ich Ruhe? Ausgleich zum Gehabten? Oder etwas ganz Neues?


Für Vorgesetzte und Personaler/ innen: Veränderungen im Alter und Massnahmen Lagebeurteilung Auch auf betrieblicher Seite besteht Ver­ unsicherung: Stimmt das Leistungsver­ mögen älterer Arbeitnehmenden? Was ist ihr betrieblicher Wert? Haben sie noch genug Durchhaltevermögen? Ist noch eine konstante Leistung zu erwarten? Bis zur Pensionierung bleibt die Zusammen­ arbeit jedoch bestehen. ➝ Entscheid Die eigenen Vorurteile prüfen: Stimmt das noch, was ich mir mal in jungen Jahren als Bild von den Alten zurechtgeschustert habe? ➝ Instrumente/Impulse 1. Rekapitulieren Sie, was gute Füh­ rung ausmacht. Führen heisst auch, Engagement zu unterstüt­ zen. Zur Unterstützung des Enga­ gements gehört, das Ausfädeln ab ca. 55 Jahren zu thematisieren und die verbleibende Zeit für alle sinnvoll zu gestalten. 2. Erstellen Sie ein Gesamtportfolio des Betriebes mit Verteilung von Alter, Erfahrung und Ausbildung. Dies macht den betrieblichen Wert älterer Angestellten sichtbar: Als Wissens- und Erfahrungsträger können sie schwierige Situationen ausgleichen, weil sie diese mit Erlebtem vergleichen können.

Veränderungen bei alternden Arbeit­ nehmenden und Massnahmen für die nähere (betriebliche) Zukunft zweifel Schaffen ältere Arbeitnehmende Change-Projekte, Kulturentwicklung oder die Einführung neuer Technologien noch? Engagieren sie sich noch? ➝ Entscheide 1. Veränderungen nicht tabuisieren, sondern direkt besprechen. 2. Auch für «alte Füchse» bleibt Füh­ rung notwendig. Sie brauchen Unterstützung in der Selbstein­ schätzung, im Umgang mit Jünge­ ren und im Mut, sich weiterzu­ bilden.

AUF KURS BLEIBEN Geragogik – Bildung und Beratung für ein attraktives Alter(n) Bildungs- und Beratungsangebote für Kundschaft ab 55 Jahren kompetenzorientiert gestalten Achtsamkeit – entschleunigen und mehr erreichen Mit Gelassenheit eine starke «persönliche Mitte» aufbauen Resilienz-Training Schatzsuche statt Fehlerfahndung im eigenen Arbeitsleben Gesprächstraining Sich in Einzel- und Gruppengesprächen wirkungsvoll einbringen Anmeldung: www.eb-zuerich.ch/ebnavi/weiterbildung

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➝ I nstrumente/Impulse 1. Machen Sie individuelle Standort­ bestimmungen ab 55+. 2. Checken Sie: Wurde der Change überhaupt abgeschlossen? Oder wurde er, wie es oft vorkommt, vorzeitig abgebrochen? Häufig hin­ terlässt ein stiller Abbruch Paral­ lelkulturen im Betrieb. Die Jünge­ ren stellen um, während die Älte­ ren am Gehabten festhalten. Diese befinden sich zunehmend auf einem Abstellgleis. Es liegt in der Verantwortung des Betriebes, den Change zu Ende zu führen und die ganze Belegschaft einzubeziehen. Suchen Sie Lösungen, wobei die Erfahrung der Älteren eine Stärke statt eine Last ist. 3. Datieren Sie Ihre Führungskräfte über Diversity (u.a. das Führen mehrerer Generationen) und spe­ zielle Führung bei Älteren auf. Ins­ tallieren Sie eventuell ein Coa­ ching für Führungskräfte von 55+. 4. Erweitern Sie die Führungsaufga­ ben aufs ganze Berufsleben und Angestelltenspektrum (20 bis 70 Jahre). Auch ältere Mitarbei­ tende sollen so geführt werden, wie es für sie motivierend, produk­ tiv und konstruktiv ist. 5. Passen Sie Ihre Mitarbeitergesprä­ che an. Führungskräfte sollen darin das Alter thematisieren und klare Ziele setzen. Besprechen Sie Veränderungen wie z.B. ein neues Dokusystem individuell. Passen Sie dabei auf, dass nicht über das Verhalten oder die Person, sondern über die Arbeitsorganisation gesprochen wird. 72  EB NAVI #10

6. Sehen Sie bei Neueintritten von älteren Angestellten eine dichte Einführungsphase vor. Verlassen Sie sich nicht ausschliesslich auf ihre Erfahrung, sondern geben Sie auch ihnen die Chance, sich an die neue Betriebskultur und den neuen Jobinhalt anzupassen. vergleiche Weil Junge anders scheinen, geben Ältere ihr Wissen und ihre Erfahrung oft nicht weiter. Sie nehmen sich zurück, ihr Arbeitsverhalten ändert sich. Sie werden zunehmend unsichtbar. ➝ Instrumente/Impulse 1. Sie können Göttisysteme oder Arbeitstandems Junge-Alte ein­ richten. Diese können den Knowhow-Transfer und die interne Zusammenarbeit sicherstellen. 2. Ältere messen sich an den Jungen. Darum thematisieren sie ihre Gesundheit oft nicht. Machen Sie das deshalb vom Betrieb aus. So können Sie auf die individuelle Ergonomie und den Arbeitsrhyth­ mus der Älteren eingehen. Oft reichen kleine Eingriffe wie eine Extrapause oder ein Power Nap. Greifen Sie Stress und den Umgang mit Druck auf. Dies kann auch ein Aufhänger sein, um Fra­ gen wie gesellschaftliche Vorur­ teile oder die wankende Selbstein­ schätzung anzugehen.


hoffnungen Wir haben jemanden, der alles weiss, nicht mehr viel Führung und keine Wei­ terbildung mehr braucht. ➝ Entscheid Diese Hoffnung ist falsch. Weiterbil­ dungen und Feedbacks sind weiter­ hin notwendig. Massnahmen für die weitere (private) Zukunft ab 65 Der Austritt aus dem Betrieb muss vorbe­ reitet werden. ➝ Entscheide 1. Pensionierung-Vorbereitungs­ kurse (eventuell extern) anbieten, damit die älteren Angestellten Pers­pektiven erhalten. 2. Angestellte bis zum Austritt moti­ vieren. Sinnhaftigkeit und Partizi­ pation bieten.

➝ Impulse 1. Thematisieren Sie frühzeitig den Transfer von Wissen und Können (siehe Götti- und Tandemsysteme) und klären Sie ab, was machbar ist. 2. Handhaben Sie Job-Design und Job-Alignment flexibel: Anpassun­ gen im Aufgaben- und Rollenprofil sollen abgesprochen, terminiert und regelmässig ausgewertet wer­ den. 3. Bereiten Sie die Angestellten vor auf die Trennung von Rolle und Person. Wie viel Identität füllt der Beruf/die Position während der Erwerbszeit, wie viel während der Freizeit? Wie viel an Identität ent­ steht aus Privatem? Zeichnen Sie eine Kurve über die ganze Lebens­ zeit. Machen Sie transparent, was bei Austritt zurückgelassen wird (und wem das übergeben werden muss) und was mitkommt.

Claudio Harder lernte die Gestaltung von Organisationen von Grund auf. Einige baute er selbst auf und führte sie zwanzig Jahre lang. Seit 1996 begleitet er als (Führungs-)Coach und Organisationsentwickler Menschen bei allem, was sich für sie und ihre Organisationen verändert und erneuert. «Auch mit 61 Jahren wechseln sich die Blicke ab: Mal nach vorne in die offene Zukunft, mal zurück ins Erfahrene und Gelernte», sagt Claudio Harder. Das kommt auch der Geragogik zugute, die er an der EB Zürich unterrichtet. Eva Kläui

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Philip Schaufelberger (www.daslip.ch)

Tutorial Kreative Weiterblidung

74  EB NAVI #10


SERVICE

Versiert verziert Die Wirtschaft des 21. Jahrhunderts braucht kreative Köpfe. Man muss aber kein genialer Alleskönner sein, um gleich in mehreren Disziplinen mit Einfallsreichtum zu punkten. Illustrieren zum Beispiel kann man heutzutage erstaunlich schnell lernen. Expertin Miriam Selmi Reed zeigt, wie einfach Grundkenntnisse des Programms Adobe Illustrator zu hübschen Resultaten führen. Text Miriam Selmi Reed, Katleen De Beukeleer Malen und Zeichnen ist nicht jeder­ manns Sache. Und doch wäre mehr künstlerische Begabung manchmal prak­ tisch. Kreative Gestaltungselemente kön­ nen dafür sorgen, dass die eigene Visi­ tenkarte, Website, Kundenpräsentation oder der Lebenslauf sich von der Masse abhebt. Nicht immer erlauben die Res­ sourcen den Gang zur Grafikdesignerin oder zum Grafikdesigner.

Egal, wie bescheiden oder umfang­ reich Ihre eigene Inspiration ist: Illustra­ tor hilft Ihnen, sie auszuschöpfen. Das Zeichenprogramm von Adobe hat den Ruf, Profis vorbehalten zu sein. Dies stimmt aber nicht. Gerade Laien bietet Illustrator sogar grosses Potenzial. Der Einstieg in das Programm ist leicht und für jeden machbar. Ein paar Anwen­ dungsbeispiele zeigen, wie Illustrator Ihnen dabei hilft, Ihre kreative Ader anzuzapfen.

Spezialeffekte

Illustrator bietet eine sehr überschaubare Anzahl Werkzeuge – deren Möglichkeiten sind aber endlos und in ihrer Basisform oft leicht umsetzbar. Die «Effekte» zum Beispiel machen aus einfachen Formen coole Illustrationen. Auf dem neben stehenden Bild sehen Sie, wie Sie mit dem «Verzerrungsund Transformationsfilter» aus einem Stern im Handumdrehen eine flotte Spirale zaubern.

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Symbol-Bibliotheken

Illustrator hat integrierte Symbol-Bibliotheken. Die Symbole kann man mit wenigen Programmkenntnissen laden und nach Wunsch verändern. Jeder Teil der Katze im Beispiel kann in all seinen Facetten (Farbe, Grösse, Proportion …) angepasst werden.

Adobe Stock

Illustrator kann man seit einigen Jahren nicht mehr als downloadbare Software kaufen. Adobe vermarktet alle ihre Programme nur noch über die Adobe Creative Cloud. Kunden können sich monatsweise Zugriff auf diese Cloud kaufen. Der Vorteil: Die Gebraucher arbeiten immer mit der aktuellsten Programmversion und profitieren von den neuesten Anwendungen. Ausserdem haben sie Zugang zur hauseigenen Datenbank: dem Adobe Stock. Über neunzig Millionen Bilder, Grafiken, Videos, Vorlagen und 3D-Objekte stehen hier zur Auswahl und Bearbeitung bereit.

Vom Foto zum Kunstwerk

Fotos bestehen nicht aus Vektoren, sondern aus kleinen Punkten, sogenannten Pixeln. Illustrator ist zwar nicht für die Fotobearbeitung geeignet, kann Fotos aber in wahre Kunstwerke verwandeln. Mit einem einzigen Schritt, dem «Bildn­ achzeichner», vektorisiert das Programm Ihre Pixelbilder. Aus Ihrem Foto wird eine technische Zeichnung, die Sie beliebig verändern können. Das kann zum Beispiel so aussehen:

Illustrator Draw

Auch für die geniale Idee unterwegs ist gesorgt: Illustrator Draw ist eine App, die man auf mobilen Geräten (Smartphone, Tablet) benutzen kann. Sie können beispielsweise mit dem Finger oder mit einem druckempfindlichen Stift eine Skizze erstellen, welche Sie später auf dem Computer mit Illustrator weiterbearbeiten können. 76  EB NAVI #10


AUF KURS BLEIBEN Illustrator – Grundlagen Zeichnen und gestalten – nicht nur für Profis und Naturtalente Beratung: Drucksachen gestalten Einmal erklärt ist gelernt für den nächsten Flyer Anmeldung: www.eb-zuerich.ch/ebnavi/weiterbildung

Mehr entdecken

Sobald man mal die wichtigsten Werkzeuge von Illustrator versteht und die Bibliotheken kennt, macht es enorm Spass, immer wieder Neues zu entdecken.

Arbeiten mit Vektoren

Illustrator ist ein Vektorprogramm. Das heisst, dass die in Illustrator erstellten Grafiken aus Linien – Vektoren – bestehen. Ein Vektor ist für den Computer nicht mehr als eine mathematische Formel: Das Aussehen jedes Vektors wird ausschliesslich durch technische Daten wie Farbe, Krümmung, Beginn- und Endpunkt bestimmt. Vektoren lassen sich ohne Qualitätsverlust beliebig vergrössern oder verkleinern. Das ist ideal für Logos, Firmenbeschriftungen oder Diagramme und Infografiken, die auch bei der PowerPoint- oder Poster-Präsentation haarscharf bleiben sollen.

Beispiel eines einfachen Diagrammes …

… und wie es einige Schritte später aussehen kann.

An der EB Zürich unterrichtet Miriam Selmi Reed seit sieben Jahren die Programme Illustrator und InDesign. Zusammen mit ihrem Partner arbeitet die Illustratorin und Grafikerin im eigenen Studio für eine nationale und internationale Kundschaft. Als Ausgleich mag Miriam Selmi Reed es immer noch, manuell zu zeichnen und echte Farbe an ihren Händen zu spüren. Dies macht sie unter anderen für eigene Projekte wie die Illustration von Kinder- und Kochbüchern. Der Blog i-adobe.com von Miriam Selmi Reed zeigt viele Tipps zu Illustrator. Eva Kläui

WEITERBILDUNG   77


QUIZ

Wer hat das gesagt? Ordnen Sie den Prominenten die Aussagen zu und tragen Sie den entsprechenden Buchstaben in die Kreise ein. Schicken Sie das Lösungswort an quiz@eb-zuerich.ch. Einsendeschluss ist der Freitag, 12. Januar 2018. Die Lösung findet sich ab dem 15. Januar 2018 auf www.eb-zuerich.ch/aktuell. Unter den richtigen Einsendungen werden drei Bildungsgutscheine im Wert von je 100 Franken verlost.

 I

H  

Die beste Bildung der Welt ist, Meister am Werk zu sehen.

Ich war immer gut in der Schule und habe alle genervt mit meinen Fragen. Als ich sechs war, fanden das alle herzig, mit zweiundzwanzig wirkt es wohl arrogant.

 T

Ich kann bis heute die Begriffe Arbeit, Spiel, Freizeit und Lernen nicht voneinander unterscheiden.

 L

 F Wie die Welt von morgen aussehen wird, hängt in grossem Mass von der Einbildungskraft jener ab, die gerade jetzt lesen lernen.

Im Internet finde ich ja meist nur, was ich suche. In der Zeitung finde ich Dinge, von denen ich gar nicht wusste, dass sie mich interessieren.

 L Bildung ist das, was übrig bleibt, wenn man all das, was man in der Schule gelernt hat, vergisst.

N  

Reden lernt man nur durch reden.

 E

Von deinen unzufriedensten Kunden kannst du am meisten lernen.

P  

Natürlicher Verstand kann fast jeden Grad von Bildung ersetzen, aber keine Bildung den natürlichen Verstand.

R  

In meiner Zeit als Unternehmer haben wir die Leute weitergebildet, und sie mussten als Kompromiss einen tieferen Lohn akzeptieren, mit der Möglichkeit, ihn wieder anzuheben, sobald die Leistung stimmt.

Experten sind Leute, die, damit sie Experten bleiben, sich weigern, etwas hinzuzulernen.

Albert Einstein Wissenschaftler

Arthur Schopenhauer Philosoph

78  EB NAVI #10

Harry S. Truman USPräsident

Bill Gates Gründer Microsoft

C  

Cicero römischer Politiker

Astrid Lindgren Schrift­ stellerin

Michael Ringier Verleger

Michael Jackson Popstar

André Hazel Johann Stern Schneider- Brugger Ammann Kabarettistin Freilerner Bundesrat


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EB Zürich Wege zur Weiterbildung .

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der Schweiz, die von der öffentlichen Hand getragen wird.

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EB Zürich Kantonale Berufsschule für Weiterbildung Bildungszentrum für Erwachsene BiZE Riesbachstrasse 11 8008 Zürich So erreichen Sie uns Tram Nummer 2/4 bis Feldeggstrasse Bus 33 bis Höschgasse

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So kontaktieren Sie uns lernen@eb-zuerich.ch Telefon 0842 843 844 sse

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« Wir haben viel gelernt im Kurs. Mit Vergnügen. » EB Zürich, die Kantonale Berufsschule für Weiterbildung Riesbachstrasse 11, 8008 Zürich www.eb-zuerich.ch

EB Navi #10 – Magazin der EB Zürich  
EB Navi #10 – Magazin der EB Zürich