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Die Geschichten einer Vielzahl solcher religiöser Nonkonformisten aus dem 16.bis 18. Jahrhundert stehen im Zentrum der vorliegenden Broschüre. Dabei vermitteln die 24 Kurzgeschichten nicht bloss einige interessante Einblicke in wenig bekannte Aspekte der Baselbieter (Kirchen-)Geschichte. Vielmehr scheint aus den Schilderungen einer längst vergangenen Zeit immer wieder durch, dass manche der Fragen und Herausforderungen von damals noch heute über etliche Brisanz und Aktualität verfügen. Zumal dort, wo auch heute wieder selbstkritisch und einsatzfreudig, gegenwartsbezogen und zukunftsorientiert über ein glaubwürdigeres Christuszeugnis in dieser Welt nachgedacht wird.

Von Pietisten, Separatisten und Wiedertäufern

Wer waren diese „Wiedertäufer“, die sich weigerten, den offiziellen Gottesdienst zu besuchen, Eide zu schwören und Kriegsdienst zu leisten? Wer waren diese Männer und Frauen, für die Glaube und Kirchenmitgliedschaft nicht erzwungen werden durften, sondern freiwillig bleiben mussten? Und wer waren diese später auftauchenden „Pietisten“ und „Separatisten“, welche gleich den Täufern für ihre oft sehr ähnlichen Überzeugungen immer wieder einen hohen Preis zu zahlen gewillt waren?

Hanspeter Jecker

Für die offizielle Kirche waren sie gefährliche Ketzer und unverbesserliche Verführer, für die politischen Obrigkeiten aufrührerische Rebellen und notorische Unruhestifter. Jahrhundertelang wurden sie deswegen europaweit diskriminiert und verfolgt, inhaftiert und gefoltert, enterbt und enteignet, ausgeschafft und hingerichtet. Auch in der Region Basel. Eine Minderheit jedoch bewunderte sie als Heilige, achtete sie als Menschen, die mit Ernst Christen sein wollten, und schätzte sie als Nachbarinnen und Nachbarn, auf die man sich verlassen konnte, weil sie das lebten, was sie glaubten.

Hanspeter Jecker

Von Pietisten, Separatisten und Wiedertäufern

Ungereimte Geschichten aus dem Baselbiet


Die Geschichten einer Vielzahl solcher religiöser Nonkonformisten aus dem 16.bis 18. Jahrhundert stehen im Zentrum der vorliegenden Broschüre. Dabei vermitteln die 24 Kurzgeschichten nicht bloss einige interessante Einblicke in wenig bekannte Aspekte der Baselbieter (Kirchen-)Geschichte. Vielmehr scheint aus den Schilderungen einer längst vergangenen Zeit immer wieder durch, dass manche der Fragen und Herausforderungen von damals noch heute über etliche Brisanz und Aktualität verfügen. Zumal dort, wo auch heute wieder selbstkritisch und einsatzfreudig, gegenwartsbezogen und zukunftsorientiert über ein glaubwürdigeres Christuszeugnis in dieser Welt nachgedacht wird.

Von Pietisten, Separatisten und Wiedertäufern

Wer waren diese „Wiedertäufer“, die sich weigerten, den offiziellen Gottesdienst zu besuchen, Eide zu schwören und Kriegsdienst zu leisten? Wer waren diese Männer und Frauen, für die Glaube und Kirchenmitgliedschaft nicht erzwungen werden durften, sondern freiwillig bleiben mussten? Und wer waren diese später auftauchenden „Pietisten“ und „Separatisten“, welche gleich den Täufern für ihre oft sehr ähnlichen Überzeugungen immer wieder einen hohen Preis zu zahlen gewillt waren?

Hanspeter Jecker

Für die offizielle Kirche waren sie gefährliche Ketzer und unverbesserliche Verführer, für die politischen Obrigkeiten aufrührerische Rebellen und notorische Unruhestifter. Jahrhundertelang wurden sie deswegen europaweit diskriminiert und verfolgt, inhaftiert und gefoltert, enterbt und enteignet, ausgeschafft und hingerichtet. Auch in der Region Basel. Eine Minderheit jedoch bewunderte sie als Heilige, achtete sie als Menschen, die mit Ernst Christen sein wollten, und schätzte sie als Nachbarinnen und Nachbarn, auf die man sich verlassen konnte, weil sie das lebten, was sie glaubten.

Hanspeter Jecker

Von Pietisten, Separatisten und Wiedertäufern

Ungereimte Geschichten aus dem Baselbiet


Hanspeter Jecker

Von Pietisten, Separatisten und Wiedert채ufern Ungereimte Geschichten aus dem Baselbiet

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Hanspeter Jecker

Von Pietisten, Separatisten und Wiedert채ufern Ungereimte Geschichten aus dem Baselbiet

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Umschlagbild: Täuferisches Paar vor dem St. Johann-Tor in Basel bei der Anlieferung von Milch (um 1800) (Kolorierte Radierung von Joseph Reinhard (1749-1829) in: Collection des costumes suisses des XXII cantons, publiés par Birmann et Huber, Bâle 1802/03) Begleittext zum Original (aus dem Französischen übersetzt): „Die Sekte der Täufer, berühmt geworden in ihren Anfängen durch Gewalttätigkeiten und einen verführerischen Geist, gleicht heute kaum noch dem, was sie einmal war. In der Schweiz wenigstens zeichnen sich die wenigen Leute, die dazu gehören, durch eine Liebe zum Frieden und zur Ordnung aus und durch eine ausgeprägte Redlichkeit. Es wäre umsonst, in ihrem Glaubensbekenntnis den Ursprung ihrer moralischen Reinheit und ihrer patriarchalen Tugenden zu suchen, welche sie so sehr auszeichnen: Weit sicherer würde man ihn in den langanhaltenden Widerwärtigkeiten finden, die sie zu erleiden hatten. Der Kanton Basel beherbergt einige Täufer, welche alle auf dem Land wohnen. Der grosse Hut, den die Männer tragen und ihr einfarbiges Gewand, das sie strikt ohne Knöpfe und Kragen anfertigen lassen, verleiht ihnen grosse Ähnlichkeit mit den Quäkern, mit denen sie übrigens manche Überzeugungen teilen. Sie alle tragen einen recht dichten Bart. Die Frauen tragen eine sehr einfache schwarze Haube, welche ihr Gesicht sozusagen umrahmt und welche sie unter dem Kinn zusammenbinden. Beide Geschlechter zeichnen sich durch eine extreme Sauberkeit aus. Es ist ein interessanter Anblick, den eine täuferische Familie bietet: Nirgendwo sonst würde man eine Versammlung von ruhigeren und reineren Gesichtsausdrücken finden, welche von einer derart vollständigen und andauernden Gesundheit beseelt sind. Die Täufer der Umgebung von Basel sind fast alles Milchhändler. Die auf dem Bilde Dargestellten sind gekommen, um ihre Milch in der Stadt abzuliefern, und sie haben ihren Wagen bei der Nebenpforte des St. Johanntores angehalten.“

© 2003 Hanspeter Jecker jecker@bienenberg.ch 1. Ausgabe 2003

Satz: Salome Vogt, Job Factory Basel AG Druck: Job Factory Basel AG, Print, CH-4053 Basel +41 61 338 99 44, print@jobfactory.ch

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INHALTSVERZEICHNIS Zum Geleit

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1 1.1 1.2 1.3 1.4

Einführung : Wer sind die Mennoniten? Wie sie entstanden sind Was sie glauben Wo Mennoniten heute leben Das Täufertum in der Region Basel - Ein kurzer Überblick

9 9 10 13 13

2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25

Der Lörracher Täuferkreis von 1582 Der Thürner Täuferkreis um 1585 Hans Bussinger von Ormalingen Matthis Senn von Tecknau Das Basler Täufermandat von 1595 Das Täufertum in Rothenfluh Heini und Verena Müller-Rohrer vom Tschoppenhof Veronica Salathe von Seltisberg Michael Rohrer von Maisprach David Joris und Georg Üeckher Die Rheininsel Gewerth bei Augst Ueli Baumgartner von Langnau Bad Bubendorf Die Familie Berchtold Martin Detwiler von Langenbruck Andreas Boni von Frenkendorf Eine Berner Pietistin Die Inspirierten im Baselbiet Hans Martin und Anna Hodel von Pratteln Martin Recher von Ziefen Fridli und Elsbeth Nägeli-Tschudi von Reigoldswil Hieronymus Annoni von Muttenz Hans Schwari von Schwarzenegg auf Alt-Schauenburg Jakob Christen und Johann Jakob Obrecht von Muttenz Ein Blick von ausserhalb und ein Nachwort

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Weiterführende Lesehinweise Karte: Basel und seine Nachbarn in der Frühen Neuzeit

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Zum Geleit

Die nachfolgenden Texte sind ursprünglich geschrieben worden für den monatlichen Gemeindebrief „Schänzli-Puls“ der Mennonitengemeinde Schänzli in Muttenz. Dort sind sie zwischen 1993 und 1995 unter dem Titel „Geschichten aus dem Baselbiet“ in loser Folge publiziert worden. Seither ist wiederholt der Wunsch ausgedrückt worden, diese Texte zusammenzustellen und neu zugänglich zu machen. Die „Geschichten aus dem Baselbiet“ stellten einen Versuch dar, einige meiner in jenen Jahren neu gewonnenen Einsichten aus der historischen Forschung für den Alltag der eigenen Kirchgemeinde und für „Leben und Glauben“ in „Kirche und Welt“ fruchtbar zu machen. Thematisch geht es dabei um die Geschichten von Täuferinnen und Täufern, um die Freuden und Leiden jener Gruppe von Christen also, welche aufgrund ihrer nonkonformistischen Radikalität europaweit und jahrhundertelang diskriminiert und verfolgt worden sind. Von kirchlichen und politischen Obrigkeiten lange als Ketzer und Rebellen bezeichnet, sind die Taufgesinnten von einzelnen Nachbarn und Bekannten aber auch immer wieder als vorbildhafte Christen, ja bisweilen sogar fast als Heilige angesehen worden. Unter dem Titel „Ketzer-Rebellen-Heilige“ habe ich inzwischen die Geschichte des Basler Täufertums von 1580 bis 1700 ausführlich dargestellt. Der vom Verlag des Kantons Basel-Landschaft in Liestal 1998 publizierte Band ist allerdings mittlerweile bereits vergriffen. Diese Tatsache liess es sinnvoll erscheinen, wenigstens die luftigeren „Geschichten aus dem Baselbiet“ nochmals zugänglich zu machen. Dies soll hiermit geschehen. Die einzelnen Texte sind weitgehend in ihrer ursprünglichen Form belassen worden. Seit der Abfassung neu gewonnene Einsichten habe ich nur ausnahmsweise hinzugefügt. Die meisten der dargestellten Personen und Ereignisse aus dem 16. und 17. Jahrhundert sind im obgenannten Band detailliert dargestellt. Anders verhält es sich mit den Geschichten aus dem 18. Jahrhundert und aus dem Umfeld des Pietismus. Hier ist das meiste noch nicht publiziert. Gleichwohl verzichte ich an dieser Stelle auf einen umfangreichen Anmerkungs- und Fussnotenapparat. Erwähnt sei an dieser Stelle einzig der voluminöse Sammelband „Pietisten, Separatisten, Wiedertäufer“ aus dem Staatsarchiv Basel-Stadt (Kirchenarchiv A16), welcher für diese Broschü7


re titelgebend geworden ist! (Ich hoffe, die detaillierten Ergebnisse meiner dank der Unterstützung durch den Schweizerischen Nationalfonds zustande gekommenen Forschungsprojekte zum Radikalen Pietismus in Basel sowie zu den Anfängen der Amischen im Bernbiet demnächst an anderer Stelle vorlegen zu können.) Um eine bessere Lesbarkeit der einzelnen Geschichten zu gewährleisten, sind dieselben gegenüber der Erstpublikation in eine chronologisch stimmigere Reihenfolge gebracht worden. Zudem werden sie eingerahmt mit einer kurzen historischen Einleitung und einem Nachwort sowie einigen knappen Lesehinweisen und einer Karte. Die vorliegende Broschüre erscheint aus Anlass des 100jährigen Jubiläums der Schänzli-Kapelle 1903-2003. Mit dem Wunsch, dass die Begegnung mit dem darin portraitierten Basler Täufertum des 16. und 17. Jahrhunderts anregende Impulse auch für die aktuelle Gegenwart liefern möge, verbindet sich die Hoffnung, dass demnächst auch die noch weitgehend unerforschte Zeit seit 1750 aufgearbeitet werden möge (Der Schweizerische Verein für Täufergeschichte plant übrigens, die Ausgabe 26/2003 seines Jahrbuches MENNONITICA HELVETICA schwerpunktmässig der Region Basel zu widmen und dabei auch Beiträge zu publizieren, welche gerade diese neuere Geschichte detaillierter aufarbeiten). Jubiläen sind bekanntlich nicht die unpassendsten Momente, um aus dem bewussten Zurückblicken in die Vergangenheit die eigene Gegenwart besser zu verstehen und neue Perspektiven für die Zukunft zu gewinnen. Insofern richten sich die nachfolgenden Texte zwar zuerst an Mitglieder und Freunde der Schänzli-Gemeinde. Wenn sie darüber hinaus aber auch einem weiteren Kreis von Leserinnen und Lesern etwas von dem zu vermitteln vermögen, was damalige und heutige täuferisch-mennonitische Gemeinden bewegt hat und noch bewegt, dann ist das durchaus nicht unbeabsichtigt und löst vielleicht ja sogar das eine oder andere Gespräch aus oder regt zu dieser oder jener Wanderung ins Baselbiet an. Einige eingestreute Fotos aus dem heutigen Baselbiet, aufgenommen von Christoph Holenweg, machen dazu hoffentlich „gluschtig“. Mit bestem Dank für die angenehme und speditive Zusammenarbeit mit Johannes Wüthrich und Salome Vogt von der Job Factory Basel AG bei der Drucklegung dieser Broschüre. Muttenz, im Juni 2003 Hanspeter Jecker 8


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Einführung: Wer sind die Mennoniten?

1.1 Wie sie entstanden sind Die Mennonitengemeinden der Schweiz gehen zurück auf die Täuferbewegung der Reformationszeit im frühen 16. Jahrhundert. Sie gelten als älteste protestantische Freikirche. Anders als das mit obrigkeitlichem Zwang durchgesetzte Modell der Volkskirche schwebte den Taufgesinnten eine auf freiwilliger Mitgliedschaft basierende, obrigkeitsunabhängige Gemeinde vor. Im Januar 1525 begannen darum einige ehemalige Mitarbeiter und Freunde Zwinglis in Zürich mit der Taufe von Erwachsenen, welche auf diese Weise freiwillig ihren Glauben bezeugten. Etwa zur gleichen Zeit entstanden auch andernorts in Europa ähnliche Bewegungen, welche man insgesamt als „Radikale Reformation“ bezeichnet. Durch ihre Kritik an einer in ihren Augen unheilvollen Allianz von Kirche und Obrigkeit zogen Täuferinnen und Täufer bald den Zorn der Mächtigen auf sich. Trotz rasch einsetzender Verfolgung verbreitete sich die nach einem ihrer Leiter - dem Niederländer Menno Simons (1496-1561) - zunehmend auch als „Mennoniten“ bezeichnete Bewegung der „Wiedertäufer“ vorerst aber recht rasch quer durch Europa und später auch nach Nord- und Südamerika. Gefängnis, Folter, Güterkonfiskation, Verbannung und Hinrichtung trieben das Täufertum aber immer mehr in die Isolation. Dies half mit, den Boden zu bereiten für wachsende gesellschaftliche Absonderung und eine bisweilen auch theologische Enge mit teils schmerzhaften Fehlentwicklungen. Interne Konflikte führten 1693 zur Entstehung der strengeren und weltabgewandteren Bewegung der Amischen. Erst mit der Aufklärung und der Französischen Revolution begann der äussere Druck nachzulassen. Einflüsse aus Pietismus und Erweckungsbewegungen im 18. und 19. Jahrhundert liessen die täuferischen Gemeinden anwachsen und zu neuem geistlichem Leben finden, verstärkten aber auch den Rückzug als „Stille im Lande“. Mit dem Hineinwachsen in eine zunehmend tolerante und pluralistische Gesellschaft im 20. Jahrhundert stellt sich heute die Frage nach der eigenen kirchlichen und theologischen Identität auch den täuferischen Gemeinden immer wieder mit grosser Dringlichkeit. 9


1.2 Was sie glauben Immer wieder haben massgebliche Vertreter der evangelischen Landeskirchen festgestellt, dass es „in den Hauptstücken des Glaubens“ kaum Differenzen zum Täufertum gebe. Entsprechend ihrem gemeinsamen Ursprung in der Reformation betonen beide die Zentralität der Bibel. Welches waren denn nun aber gleichwohl diejenigen täuferischen Überzeugungen und Verhaltensweisen, welche auch schweizerische Obrigkeiten und Kirchen jahrhundertelang nicht dulden zu können glaubten? Welches waren die Herausforderungen und Fragen, mit denen eine meist erstaunlich geringe Anzahl täuferischer Männer und Frauen ihre Zeitgenossen konfrontiert und in einem Ausmass verunsichert hat, welches heute zu überraschen vermag? •

Erstens stellte das freikirchliche Gemeindemodell der Taufgesinnten eine permanente Anfrage dar an die verschiedenen Typen von Landeskirchen, wie sie auch in der Schweiz jahrhundertelang exklusiv und in engster Symbiose mit den politischen Obrigkeiten bestanden haben. Mit der täuferischen Verweigerung des Eides sollte dokumentiert werden, dass man bedingungslosen Gehorsam nur Gott, nicht aber irdischen Machthabern zu leisten gewillt war.

Die auf Freiwilligkeit beruhende Kirchenmitgliedschaft beim Täufertum stellte zweitens ganz generell die Frage nach der Glaubens- und Gewissensfreiheit: In den Augen der frühneuzeitlichen Gesellschaft war Kirchenmitgliedschaft und regelmässiger Kirchgang unabdingbare Bürgerpflicht. Für die Taufgesinnten jedoch war beides gebunden an eine persönliche freiwillige Glaubensüberzeugung und die Bereitschaft, dieselbe im eigenen Leben konkret umzusetzen. Dementsprechend waren zwar alle Menschen zu einem solchen Glauben herzlich eingeladen, aber niemand konnte oder durfte dazu gezwungen werden! Es musste - um des Evangeliums willen! - Raum sein auch für ein Nein zum christlichen Glauben und zur Kirchenmitgliedschaft!

Drittens ging täuferischerseits mit dieser Freiwilligkeit des Glaubens parallel einher die Ueberzeugung, dass bei den Gläubigen etwas von diesem „Leben in Christus“ auch äusserlich sichtbar werden würde. Gottes Geist ist eine verändernde Kraft, die im Leben von Menschen

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und Kirchen tatsächlich Neues zu schaffen vermag! Das eigene Leben sollte bei aller Gebrochenheit abzudecken versuchen, was man glaubte. Diese Konsequenz, dieser Mut auch zum Nonkonformismus bis hin zur Bereitschaft, für die eigenen Überzeugungen notfalls einen hohen Preis zu bezahlen, hat auf Aussenstehende offenbar immer wieder sehr eindrücklich und glaubwürdig gewirkt! •

Viertens spielte beim Definieren und Einüben dieses veränderten Lebensvollzugs „in Christus“ die Zentralität der Gemeinde eine Schlüsselrolle. Sie ist der Ort konkret erfahrbarer und praktizierter Versöhnung und Entscheidungsfindung, Ort der Ermutigung und der Korrektur: An und in der Gemeinde sollen Menschen sehen und erleben oder wenigstens erahnen können, was Liebe, Barmherzigkeit, Versöhnung, Gerechtigkeit und Friede als die guten Gaben Gottes an uns Menschen sind.

Ein weiteres wesentliches Merkmal täuferischer Gemeinden ist fünftens der Gedanke des „Priestertums aller Glaubenden“ und damit eine Aufwertung und Hochachtung der einzelnen Gläubigen. Dahinter steckt die Überzeugung, dass kein Gemeindeglied über alle, aber jedes über einige Begabungen verfügt. Nur im Zusammenwirken aller vorhandenen Einsichten und Fähigkeiten kann Gemeinde Jesu sein und werden!

Aufgrund ihrer eigenen biblischen Erkenntnis, sowie wohl auch verfolgungsbedingt fanden manche täuferischen Gemeinschaften sechstens zu ungewohnten und neuartigen Formen geschwisterlicher Solidarität. So waren Zeitgenossen beispielsweise immer wieder beeindruckt von der täuferischen Fürsorge für die Armen, aber auch der pastoral-seelsorgerlichen Verbindlichkeit innerhalb der eigenen Gemeinde, bisweilen auch darüber hinaus.

Was durch alle Jahrhunderte hindurch immer wieder Anlass zu obrigkeitlicher Verfolgung bot, das war siebtens insbesondere die täuferische Verweigerung von Kriegsdienst. Wo die meisten christlichen Kirchen recht unkritisch die militärischen Aktionen ihrer eige-nen Regierungen jahrhundertelang absegneten, da hielten die Taufgesinn11


ten durch alle Zeiten hindurch etwas von der Erinnerung aneinen Gott wach, der in Jesus Christus lieber sich selbst dahingab, alsmit Macht und Gewalt seine Feinde zu vernichten. Feindesliebe war und ist für die Taufgesinnten darum nicht bloss den Gläubigen auferlegtes neues Gebot in der Bergpredigt, sondern zentraler Ausdruck der Liebe Gottes zu seinen Geschöpfen. Christsein hiess für sie, in den Fuss-Spuren eben dieses Gottes in der Welt zu leben. Die biblische Zentralität von Friede, Versöhnung und Gerechtigkeit soll zum Tragen kommen, zuhause und weltweit. All dies sind Anliegen, welche die Täuferbewegung quer durch die Jahrhunderte hindurch immer wieder vertreten hat - zur Zeit und zur Unzeit! Manches davon ist auch bei ihr mittlerweile verloren gegangen oder in den Hintergrund gerückt. Es darf auch nicht verschwiegen werden, dass gerade die Täufergeschichte voller schmerzhafter Belege ist, dass sämtliche der oben positiv formulierten Anliegen auch ihre Kehrseite haben können. Der täuferische Mut zur Nicht-Anpassung hat bisweilen zu selbstgefälliger Besserwisserei, zu notorischem Querulantentum und zu einem Rückzug aus der Welt ins fromme Ghetto geführt; die täuferische Betonung von „Früchten der Busse“ und eines veränderten Lebens in Christus hat bisweilen zu einer krankmachenden Leistungsfrömmigkeit und unbarmherziger Gesetzlichkeit geführt. In ihrem guten und biblisch berechtigten Sinne sind mittlerweile nun aber auch manche ursprünglichen täuferischen Anliegen von nicht-täuferischen Kirchen und Gruppierungen aufgegriffen worden. Das Zeitalter der Kirche als einer triumphierenden Mehrheit nach konstantinischem Muster scheint vorbei zu sein - auch für Landeskirchen. Gemeinsam bewegt heute wohl alle Kirchen die Frage, was es heisst, als Minderheit in einer pluralistischen und individualistischen Zeit dennoch oder erst recht „Licht und Salz“ zu sein! Kirche-Sein als Minderheit - das eröffnet in der Tat neue Perspektiven: Sowohl Gefährdungen als auch Chancen. Täuferische Geschichte und Gegenwart weiss um beides... Dies mag ein Ansporn zur Auseinandersetzung sein für etliche auch aus nicht-täuferischen Kreisen. Wir hoffen, dass diejenigen unter uns, welche sich als Erben des Täufertums verstehen, hilfreiche und ebenfalls lernbereite GesprächspartnerInnen sein werden! 12


Und möge es uns besser als in früheren Zeiten gelingen, miteinander im Blickfeld zu behalten, dass all unser theologisches Erkennen, all unsere geistlichen Erfahrungen und all unsere kirchlichen Lebens- und Frömmigkeitsformen bloss Stückwerk sind - und es letztlich durchaus auch sein dürfen (1. Kor 13). Gerade diese Einsicht würde uns frei machen, von anderen zu lernen und unser jeweiliges Anderssein weder als Bedrohung zu sehen noch es gegeneinander auszuspielen, sondern als kritische Herausforderung und hilfreiche Ergänzung füreinander und miteinander zu leben. 1.3 Wo Mennoniten heute leben Eine kontinuierliche Präsenz täuferisch-mennonitischer Gemeinden von den Anfängen bis in die Gegenwart gibt es in der Schweiz nur im Kanton Bern. Neben dem Emmental, der Region Bern/Biel, dem bernischen, dem neuenburgischen und dem Kanton Jura gibt es auch drei Gemeinden in der Nordwestschweiz: In Basel, Muttenz und Münchenstein. Die 14 in der „Konferenz der Mennoniten der Schweiz“ (vormals Altevangelische Taufgesinnten-Gemeinden) zusammengefassten Gemeinden zählen insgesamt etwa 2500 Mitglieder, weltweit gibt es derzeit etwas mehr als eine Million mennonitische Christen auf allen Kontinenten! Besonders zahlreich sind sie ausserhalb Europas in den USA und Kanada, in der Demokratischen Republik Kongo (Ex-Zaïre), in Indien und Indonesien, sowie in Paraguay und Mexiko. (Die Baptisten, sowie der Bund Evangelischer Täufergemeinden / „Neutäufer“ gehören zwar ebenfalls zur Gruppe täuferischer Kirchen in der Schweiz, haben aber andere historische Wurzeln!) 1.4 Das Täufertum in der Region Basel - Ein kurzer Überblick Bereits vier Jahre vor dem Durchbruch der Reformation gab es in der Stadt Basel seit 1525 eine täuferische Gemeinde. Die trotz Behinderungen rasche Zunahme dieser Bewegung auch im Baselbiet deutet darauf hin, dass hier offenbar attraktive Antworten auf Fragen gefunden worden sind, welche damals viele Zeitgenossen umgetrieben haben. Mit dem Durchbruch der Reformation anno 1529 setzte nun allerdings eine systematische Verfolgung 13


ein, welche auch vor Hinrichtungen nicht zurückschreckte. Dadurch wurde das einheimische Täufertum weitgehend eingedämmt und in ländliche Randregionen abgedrängt. Nach einem erneuten Aufblühen der Bewegung um die Mitte des 16. Jahrhunderts, wich diese verhältnismässig offene Atmosphäre auch in Basel gegen das 17. Jahrhundert hin wieder einer repressiveren Politik. Versammlungs- und Redeverbote, lange Gefangenschaften und Folter, Güterkonfiskationen und Ausweisungen trieben auch hier eine grosse Zahl von Taufgesinnten zur Flucht ins Ausland. Asylorte waren dabei vor allem Mähren, das Elsass, die Pfalz, sowie Nordamerika. Wichtige täuferische Zentren befanden sich bis 1700 im Leimental und am Blauen, bei Riehen, Lörrach und Grenzach, in Buus, Maisprach und Tecknau, vor allem aber in Thürnen und Rothenfluh. Um 1700 schien das Rückgrat des einheimischen Täufertums weitgehend gebrochen zu sein. Wohl kam es im Umfeld des radikalen Pietismus anfangs des 18. Jahrhunderts zu neuen erwecklichen Aufbrüchen mit täuferischen Bezügen in Pratteln, Frenkendorf, Diegten und Langenbruck. Zu einem eigentlichen Neubeginn täuferischer Gemeinden im Raum Basel kam es allerdings erst ab 1750 durch den Neuzuzug aus dem Emmental, Jura und Elsass. Wachsende Einflüsse aus Pietismus und Aufklärung hatten frühere Diskriminierungen abgebaut und diese Neuansiedelung ermöglicht. Einzige berufliche Tätigkeit stellte für diese Taufgesinnten vorerst die Bewirtschaftung von meist abgelegenen Sennhöfen dar wie St.Romai, Arxhof, Wildenstein, Dietisberg, Witwald, Schillingsrain oder Alt-Schauenburg. Bald kamen aber auch Höfe in Stadtnähe hinzu wie Brüglingen, St.Jakob, Rothaus, Schlossgut Binningen, Wenkenhof. In der Folge bildete sich gegen 1780 eine Obere und eine Untere Gemeinde heraus, wobei aus der in amischer Tradition stehenden und als „fein und streng“ bezeichneten Unteren die heutige Basler Holee-Gemeinde geworden ist, aus der „grob und gelinden“ Oberen Gemeinde die heutige Schänzli-Gemeinde in Muttenz. Die 1847 gebaute Kapelle der Unteren Gemeinde an der Basler Holeestrasse stellt dabei das älteste nicht-landeskirchliche Kirchengebäude in der Schweiz dar! Namengebend für die Muttenzer Gemeinde wirkte das langjährige Versammlungslokal auf dem „Schänzli“ beim heutigen Reitsportzentrum! Der heutige Standort an der St. Jakobsstrasse wurde im Jahre 1903 bezogen! 14


Wirtschaftliche Probleme, vor allem aber auch die allmähliche Einführung der Allgemeinen Wehrpflicht in der Schweiz liessen im Verlauf des 19. Jahrhunderts eine grosse Zahl von Täuferinnen und Täufern nach Nordamerika auswandern - auch aus dem Baselbiet. Dieser kontinuierliche Aderlass riss erhebliche Lücken in die täuferischen Gemeinden, zumal es oft die leitenden und prägenden Personen waren, welche der Heimat den Rücken kehrten. Die Folge waren ein kirchlich-geistlicher Niedergang und eine theologische Erstarrung. Neue Aufbrüche erlebten die sich im 19. Jahrhundert zur Konferenz der Altevangelischen Taufgesinnten-Gemeinden der Schweiz verbundenen Mitgliedskirchen erst gegen 1900 durch Einflüsse aus der spätpietistisch-erwecklichen Gemeinschafts- und Heiligungsbewegung. Eine Wiederentdeckung und -aneignung des spezifischer täuferisch-mennonitischen Erbes bahnte sich ab den 1920er Jahren an durch zunehmende Kontakte und Zusammenarbeit mit nordamerikanischen Glaubensgeschwistern. Gerade die Basler Gemeinden erfuhren diese Prägung am hautnahsten - zum Beispiel durch die Organisation und Durchführung von zwei Vollversammlungen der Mennonitischen Weltkonferenz in ihrer Stadt (1925 und 1952) oder dank der zeitweisen Verlegung des Europa-Büros des Mennonite Central Committee, des Hilfswerkes der nordamerikanischen Mennoniten nach Basel (1946). Wegen der erwähnten zahlreichen Auswanderungen ist die Mitgliederzahl der Schänzli-Gemeinde in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gesunken bis auf 30 Personen um 1850, sodann kontinuierlich gestiegen auf 120 um 1910 und auf 150 um 1950. Infolge von Zuwanderung, zahlreichem eigenem Nachwuchs, sowie durch Neueintritte aus nicht-mennonitischem Kontext ist die Gemeinde bis in die 1980er Jahre auf 350 Mitglieder gewachsen. Trotz der Neugründung zweier eigenständiger Tochter-Gemeinden in Liestal (1975-1997) und in Münchenstein (seit 1991) ist dieser Bestand gehalten worden. Die Baselbieter Mennonitengemeinden arbeiten mit anderen Kirchen der Region zusammen auf der Ebene der lokalen Evangelischen Allianz sowie der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen Basel-Land. Wichtige Impulse für die Mennonitengemeinden der Agglomeration Basel und darüber hinaus sind seit ihrer Gründung im Jahre 1950 von der seit 1957 auf dem Bienenberg bei Liestal befindlichen Europäischen Mennonitischen Bibelschule (heute: Ausbildungs- und Tagungszentrum Bienenberg bzw. Theologisches Seminar Bienenberg) ausgegangen. Als kirchlich-theologi15


sches Ausbildungszentrum, als Tagungsstätte für kirchliche und nicht-kirchliche Gruppen und Institutionen, sowie als Café-Restaurant für Ausflügler und Gästehaus für Erholungsuchende nimmt der Bienenberg eine wichtige und geschätzte Funktion wahr. Mit einem vielfältigen Tätigkeitsprogramm und dank der aktiven Mitarbeit vieler Mitglieder versuchen die Mennonitengemeinden der Region, ihr Anliegen und Ziel umzusetzen: „Als christliche Gemeinde wollen wir in unserem Umfeld Gottes Reich durch Wort, Tat und Beziehung sichtbar machen, indem wir einladend und verbindlich miteinander leben und verkündigen“ (Schwerpunktprogramm „Visionen 2000“ der Schänzli-Gemeinde).

Weisse Gasse mit Blick zum Barfüsserplatz. Hier wurde im August 1525 der erste Täuferkreis in Basel entdeckt

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Der Lörracher Täuferkreis von 1582

Im Januar 1582 findet im südbadischen Lörrach ein interessantes Gespräch statt zwischen dem dortigen Pfarrer David Hermetinger und einigen der „Wiedertäuferei“ verdächtigen Personen. Aus dem Gespräch und einem späteren Verhör mit den politischen Behörden geht hervor, dass tatsächlich etliche der Verhafteten Wieder-Getaufte sind. Die Protokolle der Unterredungen gehören zu den wenigen erhaltenen Dokumenten, welche uns über den Ablauf einer Taufe bei den damaligen Taufgesinnten der Region Basel Aufschluss geben. Demnach ist die gesamte Gemeinde vor der Taufe einer Person niedergekniet zum Gebet. Sodann ist der Taufbewerber bzw. die Taufbewerberin nochmals gefragt worden, ob er oder sie bereit sei, „leib und leben, haab und guot zu verlassen und gottes jünger zu werden“. Anschliessend vollzog der Prediger die Taufe „im namen gott(es) des vatters, sohns und heiligen geists, gies(st) darnach wasser ufs haubt“. Zum Schluss ermahnt der Gemeindeleiter den Täufling zu einem Gott wohlgefälligen Wandel und lädt ihn ein zu einem Gebet „vor ir speis und narung, ire fründt und oberkheit“. Nicht alle in Lörrach Verhörten waren allerdings tatsächlich getaufte Mitglieder der täuferischen Gemeinde. Bei German Bertschi handelte es sich offenbar um einen blossen Sympathisanten. Bezeichnend sind seine vom Pfarrer protokollierten Aussagen: Bertschi „lobt die teufer heftig vor allen anderen leuten, das sie fromb gottsforchtig sein, beten fleissig, fluchen nicht, tuen niemand kein leit; glaube, das kein volk seie, das ein feiner leben und wandel füere. Wünscht, das er ein rechter teufer sein künt, wie er etlich kent und gesehen, als seinen verstorben schweher Hans Sweychli etc. Befind sich aber, spricht er, nicht also, das ers sein künde; den es bedunke in gar zu schwer, das der herr spricht: welicher nicht sein vater, muetter, weib, kinder, brueder, schwester, darzu sein eigen leben hasset, der kan nicht mein junger sein, Luc 14.“ Laut Aussage von verhörten Taufgesinnten hat Bertschi dieselben zwar immer wieder ermutigt und Partei für sie ergriffen. Aus Angst und um sich 17


nicht selbst in Gefahr zu begeben, habe er für sich allerdings den letzten Schritt nie getan und sei der Gemeinde nicht beigetreten. Es ist nicht das Ziel der GESCHICHTEN AUS DEM BASELBIET, die früheren Täuferinnen und Täufer pauschal zu idealisierten Glaubenshelden empor zu stilisieren. Da war zum einen neben viel Licht auch unzweifelhaft viel Schatten. Zum andern wäre es verhängnisvoll, immer nur davon begeistert zu sein, was mit mir selbst möglichst wenig zu tun hat. Was nützen all die noch so eindrücklichen Glaubenszeugnisse von vorgestern bis heute, wenn sie mich nicht selbst zu konkreten Schritten ermutigen?! German Bertschi war vom Täufertum offenbar zutiefst beeindruckt. Auch wir dürfen dies sein. Aber wie steht es mit der Bereitschaft, der Nachfolge Jesu alles andere unterzuordnen: „Leib und Leben, Haab und Guet“? Bertschi hat gemerkt, dass beides zusammen bisweilen nicht möglich ist. Ist unser Blick heute getrübter?

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Der Thürner Täuferkreis um 1585

Im Juni 1585 werden in Basel die beiden Thürner Täufer Jacob Matter und Hans Hersperger mehrmals verhört. Beide sagen aus, sie seien vor zwei Jahren in die Gemeinschaft der Täufer eingetreten. Auch sie nennen gleich früher verhafteten Taufgesinnten den Hügelzug des Blauen südlich von Basel als ihren wichtigsten Versammlungsort. Entsprechend bekannt klingen denn auch ihre Aussagen! Jacob Matter ist von Beruf Köhler und ein „armer Tagwener“. Er ist verheiratet und hat sechs bereits schon grössere Kinder, worunter zwei verheiratete Töchter. Seine Frau Elisabeth Boni sei ebenfalls Täuferin, weshalb sie beide seit zwei Jahren nicht mehr zur reformierten Kirche gingen. Hans Hersperger ist ebenfalls verheiratet und hat fünf kleine Kinder. Seine Frau Anna Oettlin - so sagt er - sei aber nicht seines Glaubens. Die Überzeugungen der beiden Männer gehen recht deutlich hervor aus einem Gesprächsprotokoll vom 14. Juni 1585: „Jacob Matter (...) begert by dem glauben so sine eltern gehabt, und by dem so er gott verheissen Zuverpliben und woll Nitt verhoffen, das sin g. Oberkheitt, diewill er Iro Zoll Zins, Zechenden etc. abrichten thuge, Ine davon tringen werde. Sig gott mer schuldig dan der Oberkheitt. Hab kein anderen glauben dan wir auch haben, schellt den unsern nitt. Sige woll war, dz bÿ uns gepredigt werde, man halte dasselbig aber nit. Sÿ aber thugen das, so Inen gepredigt werde, halten. (...) Wan er den todt verschuldt, wolle er es gern wie auch alles was gott gefalle liden, so lang er Ime Crafft verlichen werde. Sige nit gesint, In unser predig mer, sondern In Ire Zusammenkonfften zugond. Ir versamblung sÿe woll so woll ein versamblung lut des glaubens als die unser. Es werd ein Jedes sein burde selbs tragen müssen. Vermeint, er thuge nit mer so vill sind (=Sünde) alls voranhin, schwere (=schwöre) auch nimer also. Es solle niemand den andern Richten, Gott stände es Zu. Will nachmals bÿ dem, so Ime Gott bevolchen, verpliben. Hans Hersperg (...) gibt glichformige andtwort, will genzlich bÿ diser Oppinion verpliben und nit davon getrungen Zuwerden verhoffen“. 19


Basel erteilt in der Folge dem Homburger Landvogt Hans Ludwig Iselin den Auftrag, sich über Familienverhältnisse und Vermögen der beiden zu erkundigen, um abzuklären, ob bei einer Ausweisung die Kinder der beiden aus dem eigenen Vermögen erhalten werden können. Der landvögtliche Bericht vom 23. Juni ergibt im Falle von Jacob Matter, dass bei dessen Vermögen von 150 Pfund dies möglich zu sein scheint. Bei Hans Hersperger, der neben einem Vermögen von 300 Pfund noch 125 Pfund Schulden habe und wo sich laut Meinung des Vogtes die Frau mit den kleinen Kindern auf dem Gütlein kaum selbst werde ernähren können, dürfte es jedoch schwieriger werden. Als man aufgrund dieses Berichts am folgenden Tag die beiden Täufer ein weiteres Mal verhört, bleiben sie bei ihren bisherigen Aussagen. Auf den Vorwurf, ob sie denn meinen, nun sündlos zu sein, antworten sie mit Nein. Allerdings hätten sie ihre früheren Sünden bereut und bekannt und seien darüber nun ruhig geworden. Im übrigen möchten sie nicht noch weiter examiniert werden. In einer bezeichnenden Aussage meinen sie, „sÿ konnen und wollen auch mit Inen nitt vill Disputieren, dan sÿ nit darzu gestudiret habind, Sie die predicanten sollen mit denen widerthauffern disputiren welche auch gestudiret, die werden Inen Antwort gnug geben. Man solle sÿ also verpliben lassen. Sie thugend niemant nüt Zu leÿdt“. Als man ihnen aufgrund ihrer Hartnäckigkeit nach einem weiteren Monat Gefangenschaft mit der Ausweisung droht, antworten die beiden Baselbieter in Anlehnung an Psalm 24,1 mit dem für die Taufgesinnten typischen Satz: „So das Land und Erdtrich der Oberkeit, so mogend sÿ die verwisung fürnemen. Es sÿ aber Gott des Allmechtigen!“ Da die Regierung auf dieses Argument natürlich nicht einzutreten gewillt war, werden Hersperger und Matter am 24. Juli 1585 nach achtwöchiger Gefangenschaft ausgewiesen. Eine Rückkehr wird ihnen nur im Falle einer umfassenden Gesinnungsänderung erlaubt. Nach dem Gehörten überrascht es nicht, dass offenbar beide nicht lange danach wieder in ihrem Dorf auftauchen. Überzeugt, dass sie sich kein Unrecht haben zuschulden kommen lassen, sind sie zurückgekehrt in der Meinung, die erste Aufregung werde sich mittlerweile - wie wohl schon früher immer wieder - auch jetzt erneut gelegt haben. An der Sissacher Synode von Mai 1587 wird jedenfalls erwähnt, dass die vormals gefangenen Thürner Täufer wieder da seien. 20


Von Jacob Matter und seiner Familie verliert sich in der Folge zwar die Spur. Und auch von Hans Hersperger hören wir vorerst nichts mehr. Da seine Frau aber offenbar mitsamt den Kindern in Thürnen zurückbleibt, taucht auch der Verbannte immer wieder im Baselbiet auf. Erstaunlicherweise werden noch lange nach dem Ausweisungsbefehl Kinder aus dieser Ehe getauft: Am 30. Juni 1588 Hans Fridli, am 13. Februar 1592 Kuniguldt und am 25. Dezember 1596 Lienhard! Dabei wird der Vater stets als „halsstarriger Widertäuffer“ bezeichnet. Noch 1605 schreibt der Sissacher Pfarrer an den Basler Antistes Grynäus, der ausgewiesene Hans Hersperger halte sich bisweilen heimlich bei seinen nicht-täuferischen Söhnen auf. Was mich beeindruckt: Obwohl sich die beiden als ungelehrt bezeichnet hatten, ist ihre Argumentation erstaunlich gelassen und sattelfest und zeugt von guter Bibelkenntnis. Noch besser - so meinen sie zu den Basler Pfarrern - würden aber die theologisch geschulten Täufer Auskunft geben können. Wie sattelfest sind wohl wir, wenn es darum geht, Red und Antwort zu geben über unseren Glauben? Oder lassen wir‘s schon gar nicht dazu kommen?!

Das Dorf Thürnen am Homburgerbach war jahrzehntelang ein Zentrum des Baselbieter Täufertums

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Hans Bussinger von Ormalingen

Ein gar „schedlicher Kräpss“, ein „sonderbare Straff und heimsuchung Gottes“ sei die Wiedertäuferei: Blosses freundliches Zusprechen helfe bei diesen Sektierern nichts, da müsse man zu ganz anderen Mitteln greifen. Der solches Ende der 1580er Jahre immer wieder in wachsendem Unmut und Verdruss nach Basel schreibt, ist der Basler Landvogt auf Farnsburg. Im Sommer 1589 nimmt er einmal mehr eine Reihe der prominentesten täuferischen Untertanen seines Territoriums fest. Darunter befindet sich auch Hans Bussinger, der Tischmacher von Ormalingen. Über ihn schreibt der Landvogt, er habe sich „erst kurtz verrückter zÿt der Widertöuffery so streng anhengig gmacht, dass unser zusprechen und abmanen by ime nützid gelten will“. Bussinger sei vormals ein Kriegsmann in Frankreich und Mühlhausen gewesen, habe aber „ietzmolen anders ime fürgnommen“. Im übrigen sei er aber Sohn ehrbarer, frommer Eltern... Nachdem sich der Farnsburger Vogt nicht mehr zu helfen weiss, schickt er Bussinger gefangen nach Basel, wo er verschiedentlich verhört wird. Dessen Aussagen sind derart typisch, dass ich sie nachfolgend auszugsweise zitiere: „Die Ursach so ihne Zur Teuferey gebrocht seie das er hin undt wider viel gehört und geläsen von Brüderlicher liebe, einigkeit, freundschaft, gedult. Er habe aber solliche weder bey seinen benachbarten noch sonsten niemalen finden, sehen noch gespüren mögen. (...) Wan die gemeind auss ihrem Dorf gehn Gelterkinden zu Predigt gangen, haben sie den gantzen weg, wie auch im wiederheimkeren von Wuchern, ihren gutern, Vieh und gelt oder auch anderen üppigen sachen geredt, und also Gott im ringsten nie gedacht. Wan dan er in dergleichen sachen darzu geredt und sie gestroft, weren ihme gleich böse wort nachgeredt worden. Umb sollicher Ursachen willen hette er in seinem hertzen Gott angerüft, Ihme lehr und underwisung zu geben wie er sein leben Zum gottesdienst und seiner sehlen heyl anschiken möchte. Da seie ein Junger Theufer ab dem Blauwen (= jahrzehntelanger täuferischer Versammlungsort!) vorhanden gewesen, den hab er gehört einen text auss 22


dem heiligen Matheo ausslegen und predigen, das habe bey ihme dermassen frucht gebracht, das ihme bisshar sein hertz ruewig worden und er dieselbig Gemeindt seidhar besucht (...)“. Offenbar ist Bussinger aber zu dieser Zeit dem reformiert-pfarrherrlichen Zuspruch noch durchaus zugänglich: „Es bethure in gar übel das Er in hafft zogen und unser gnädig herren mitt Ime Zethun bekommen, die wyl Er sich noch nitt allerdings entschlossen von unserer Christenlichen kylchen und gemein abzuwychen und zu den widertöufferen zu trätten.“ Jedenfalls ist er bereit, sich noch weiter belehren zu lassen und künftig den Besuch täuferischer Versammlungen zu meiden. Auch die ihn prüfenden Pfarrer melden befriedigt, dass Bussinger „gar gärn guttwillig fründtlich und bescheiden bericht gäben und empfangen, das in diser gantzen handlung uff seiner syten mehr einfalt dan verhärtete halstarrige bossheit gespürt würt“... Anfangs 1590 wird Bussinger aber dennoch wieder als Täufer bezeichnet. Als der Landvogt ihn aufbieten will, um ihm die Ausweisung und Güterkonfiskation anzudrohen, entkommt er. Der Gelterkinder Pfarrer meldet im April 1590, Bussinger sei nie zuhause, sondern finde an diversen Orten immer wieder Unterschlupf. Im August desselben Jahres taucht er in Frenkendorf auf, danach verliert sich seine Spur für einige Zeit. Fast drei Jahre später, im März 1593 klagt der Pfarrer von Gelterkinden erneut über Bussinger: Derselbe sei zurückgekommen und drohe andere zu „verführen“. Als man ihn einsperren will, taucht er erneut unter. Gegen Ende 1594 arbeitet er offensichtlich als Fensterrahmenmacher in Muttenz. Aber als der Münchensteiner Vogt seiner habhaft werden will, entflieht er erneut, diesmal nach Augst. Eine letzte lapidar kurze Notiz stammt wiederum vom Gelterkinder Pfarrer: Im Oktober 1595 meldet er, dass der Tischmacher von Ormalingen weg sei, aber niemand wisse wohin... Wahrscheinlich ist Bussinger aber bald danach doch zurückgekehrt. Ist er des Umherirrens müde geworden? Wir wissen es nicht. Fest steht jedenfalls, dass ein Hans Bussinger von Ormalingen sich im Mai 1596 mit Anna Schnider von Maisprach in Gelterkinden trauen lässt. Im Jahre 1608 wird daselbst eine Ursula getauft. Als Eltern werden angegeben Hans Bussinger „der dischmacher“ und Anna Schnider. Diese Einträge scheinen darauf hinzudeuten, dass Hans Bussinger sich wieder nahtlos in die 23


reformierte Kirche eingefügt hat. (Es ist möglich,dass dies unter dem Einfluss seiner Frau geschah, denn sie wird nirgends als Täuferin erwähnt!) Da aber in solchen Fällen nie klar ist, inwiefern diese kirchlichen Handlungen mit dem vollen Einverständnis der Betroffenen vollzogen worden sind, muss auch das andere erwogen werden: Es könnte auch sein, dass Hans Bussinger sich äusserlich zwar angepasst hat , innerlich aber anderswo stand. Mit dieser Haltung wäre er durchaus nicht der einzige gewesen. Und bis heute ist dies wohl eine der wichtigen Fragen des Christseins geblieben: Wie sehr kann „Äusserliches“ von „Innerlichem“ abgekoppelt werden? Wieviel Kompromissbereitschaft erträgt die Glaubwürdigkeit? Wo ist Weitherzigkeit, wo aber auch ein gewisses Mass an Sturheit angezeigt? Was heisst es, wie Schafe mitten unter die Wölfe gesandt zu sein, dabei aber klug wie die Schlangen und ohne Falsch zu sein wie die Tauben (Mt.10,16)?! Auf diese Frage Antworten geben zu müssen - wenigstens dies verbindet uns mit Hans Bussinger, dem Tischmacher von Ormalingen...

Wahrscheinlich auch für Hans Bussinger ein Zufluchtsort: Die Rheininsel Gewehrt bei Augst (Vgl. Kapitel 12)

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Matthis Senn von Tecknau

Offenbar stammte Matthis Senn von Tecknau aus vermöglicherem Haus. Sein Vater hatte Einsitz im Gericht von Gelterkinden und besass offenbar recht viel Vieh, welches später an seine beiden Söhne Hans und Matthis überging. Gleich wie sein Vater muss auch Matthis über einen guten Ruf verfügt haben. Er habe sich „ie und allwegen fromm, aufrichtig, erbar und still gehalten und mit den Bösen an einem Joch nit ziechen wellen.“ Auf der Suche nach Echtheit und Glaubwürdigkeit ist Matthis Senn sodann offenbar in Kontakt gekommen mit Taufgesinnten. Als sein Vater ihn in der Folge in eine Ehe drängen wollte, zu der er kein Ja hatte, verliess er seine Heimat und zog gleich so vielen andern anfangs der 1590er Jahre nach Mähren. Bereits 1594 jedoch kehrte er wieder ins Baselbiet zurück. Da er nun aber nicht mehr bereit war, zum reformierten Gottesdienst zu gehen, wurde er bald eingesperrt. Weinend bekannte er, dass es ihm „gar beschwerlich fallen würde, mit sovil ergerlichen und besen leuthen“ Gemeinschaft zu haben. Nach mehreren Verhören mit dem im Aeschenturm gefangenen Senn kamen die Basler Behörden zur Überzeugung, dass dieser wohl nicht aus „fürsetzlicher Hallstarrigkeit“, sondern aus „eitel einfalt“ widerspenstig sei. Am 23. Oktober 1594 wurde er aus der Gefangenschaft entlassen, nachdem er versprochen hatte, die täuferischen Versammlungen künftig zu meiden und sich in allen Punkten als treues Glied der Reformierten Kirche zu verhalten. Wofern er diesem aber nicht nachkomme, sei die „Verlierung aller siner haab und güeteren, keine usgenommen“ die unausweichliche Folge! Dass Matthis Senn offenbar über erheblichen Besitz verfügt haben muss, das machen zahlreiche Akten der folgenden Jahre deutlich. Wahrscheinlich haben die Auseinandersetzungen der Basler Obrigkeit mit reichen täuferischen Untertanen wie Senn dazu geführt, dass in der wenige Monate später erlassenen neuen Basler Kirchenordnung ein Artikel gegen die „Widerteuffer“ eingerückt wird mit folgendem bezeichnenden Zusatz: „Die alle (=die Wiedertäufer) sollen unsers Landts verwisen / und all jhr Haab und gut uns als der Oberkeit als Confiscirt / heimgefallen sein / dar25


umben auch gantz niemanden understehen solle / jnen ützit wenig noch vil jrer gütern abzukauffen / dann wir solche keuff für nichtig halten / unnd nützit gelten lassen wöllen / und solle auch daruber kein recht gesprochen werden / Des wir hiemit meniglichen verwarnet ...“ In der Folge muss sich Matthis Senn während etlichen Jahren ruhig verhalten haben. Zusammen mit seinem forscheren Bruder Hans war er immer wieder bestrebt, nach guten Weideplätzen für ihr offenbar zahlreiches Vieh zu suchen. Dabei kam es hin und wieder zu Interessenskonflikten mit den Bauern von Tecknau, Wisen und Trimbach. Allmählich jedoch hat sich Mathis Senn dann doch wieder dem Täufertum zugewandt. Und auffällig prompt handeln die Behörden, indem sie durch den Varnsburger Vogt am 3.Februar 1606 das Inventar der umfangreichen liegenden und fahrenden „Haab und Güetherr“ des Matthis Senn aufnehmen lassen. Etwa ein Jahr später erwirbt dessen Bruder Hans sämtliche dieser von Basel konfiszierten Güter. Der hohe Kaufpreis von 2‘600 Pfund deutet den Wert von Matthis Senns Besitz an, damit aber auch den gewaltigen Verlust, welchen dieser Täufer zu ertragen gewillt war um seines Glaubens willen. Matthis Senn hat sich in der Folge in die Region Zofingen begeben, wo er sich auf dem Weiler Finsterthülen, östlich von Oftringen niederlässt. Dieser Weiler bildete jahrzehntelang eines der Zentren der dortigen Täufergemeinde, deren Einzugsbereich sich über den Raum Zofingen-Bottenwil-SafenwilBalzenwil erstreckte. Zofingen übte auch eine wichtige Verbindungsfunktion aus zwischen den Täufergemeinden der Stände Bern und Zürich, sowie darüber hinaus nach Basel, ins Elsass und in die Niederlande. Im Zusammenhang mit diesen internationalen täuferischen Kontakten hat der Pfarrer von Zofingen, Adam Forer, eine ausgesprochen interessante Bemerkung gemacht über die Effizienz von Güterkonfiskationen. In einem Bericht über die Aargauer Täufer seiner Umgebung schreibt er 1626: „So mag man mitt der confiscation so gar vil auch nit ußrichtten, sittenmal Inen uff der stett die Collectae werden Zuogsandtt, alß dan auch In theüwrer Zyt beschicht, alß uß dem Oberlandt, Emmenthal, Zürich und Schaffhusergebiet, uß dem Elsaß, und Niderlandtt, ja von Amsterdamischen kauffherren selbs, wie dan ein gwüßer kirchendiener sölches Im grund erfahren.“

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Ob diese bis heute eindrücklich bleibende Solidarität (vgl. schon 2. Kor. 8!) auch dem Matthis Senn zugute kam, ist mir nicht bekannt. Klar ist, dass Senn sich an seinem neuen Wohnort mit Eva Suter verheiratet hat und die beiden in der Folge wenigstens zwei Töchter gehabt haben. 1627 und 1629 versucht Matthis Senn verschiedentlich, von Basel wenigstens teilweise finanziell entschädigt zu werden für den erlittenen Schaden. Der Zofinger Pfarrer unterstützt dieses Anliegen durch die Bestätigung, wonach Senns Töchter ordnungsgemäss reformiert getauft worden seien. Da Matthis und Eva Senn selbst aber offenbar weiterhin täuferisch geblieben sind, lehnt Basel deren Ansinnen regelmässig ab und behält das konfiszierte Gut im eigenen Säckel...

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Das Basler Täufermandat von 1595

Vor etwas mehr als 400 Jahren, am 11. Juni 1595 hat die Basler Regierung eines ihrer schärfsten Mandate gegen das Täufertum auf ihrem Territorium erlassen. Wenn wir uns fragen, was die Basler Obrigkeit anno 1595 zu diesem harten Vorgehen bewogen haben mag, dann stossen wir unter anderem auf die Auseinandersetzungen mit dem Täuferlehrer Marx (Markus) Lützelmann und dessen Frau Anna Sutter . Bereits anfangs der 1580er Jahre wird er von gefangenen Täufern in Lörrach als einer ihrer Prediger genannt. Zusammenkünfte fanden in jenen Jahren offenbar statt in Lörrach, bei Inzlingen, bei Grenzach, in Stetten, auf dem Bruderholz, im Leymental sowie auf dem Blauen. Aber auch bei Lützelmanns zuhause, in einem Häuslein vor dem Riehentor „bei den Reben“ traf sich ein kleiner Kreis regelmässig. Trotz Rede- und Lehrverbot scheinen in der Folge Menschen durch die Verkündigung Lützelmanns zur Täufergemeinde gestossen zu sein. Aufsehen erregt hat dabei etwa die Bekehrung eines hartgesottenen Söldners, welcher in der Folge wohl keinen Kriegsdienst mehr geleistet haben dürfte... Der Wirkungskreis Lützelmanns scheint aber auch weit über die Grenzen Basels hinausgeführt zu haben. Im bernischen Aargau taucht er verschiedentlich auf und richtet in der Optik reformierter Pfarrer grossen Schaden an, indem er „die Leuth in irem Irthum sterckt“. Anfangs der 1590er Jahre wird ihm als einem offensichtlich einflussreichen Täuferlehrer („der Anabaptisten Koryphäe“) wiederholt die Ausweisung angedroht. Soweit wir wissen, haben sich die beiden aber in ihrem Heim bei Riehen halten können. 1595 taucht Anna Sutter in den Akten als Witwe auf. Auch sie - ursprünglich aus dem Thurgauischen - sitzt nun im Gefängnis und widersteht den Belehrungsversuchen der Basler Pfarrer. Ihr Haus wird in der Zwischenzeit bewacht, um zu sehen, welche Täuferinnen und Täufer sich dort allenfalls zu Zusammenkünften einfinden. Um ihren Widerstand zu brechen, schreitet der Basler Rat zur Konfiskation ihrer Güter. Nachdem sie aber auf ihren Überzeugungen verharrt, wird sie im Frühjahr 1595 schliesslich ausgewie28


sen. Gleichzeitig lässt man ihr Häuslein abbrechen, um einerseits ihr selbst eine Rückkehr zu verunmöglichen und anderseits einen offenbar bekannten Täufertreffpunkt auszumerzen. Die Erfahrung mit dem Ehepaar Lützelmann dürfte erheblich dazu beigetragen haben, den Wortlaut des Mandats vom 6. Juni 1595 bewusst scharf zu fassen: „Wie und wess man sich mit den Widertäufferen halten solle Wofern sich jemands der Unseren / in unsern Landen / Herrschaften und Gebiet / der Widertäufferischen Sect / und verkehrten Lehre underziehen / und hiemit die Christliche Kirchen verlassen wurde / der oder die sollen durch die Prediger unserer Landschafft / beschickt / von ihnen in beywesen unserer Ober-Amptleuthen / jedes orts verhört / und freundlich auss Gottes Wort / Newen und Alten Testaments underrichtet / und auff den rechten Weg der Seeligkeit gewiesen werden;(...) Da aber solche Personen / in Ihren bösen falschen opinionen und Meinungen halsstarrig verharreten / und sich nicht bekehren lassen wolten / die alle sollen unsers Landts verwisen / und all jhr Haab und gut uns als der Oberkeit als Confiscirt / heimgefallen sein / Darumben auch gantz niemanden understehen solle / jnen ützit wenig noch vil jrer gütern abzukauffen / dann wir solche keuff für nichtig halten / und nützit gelten lassen wöllen / und solle auch darüber kein recht gesprochen werden / Des wir hiemit meniglichen verwarnent / Und wann nun ein solche / mit der Widertäufferischen Sect behaffte / unserer Landen verwiesene Person / sich wider herzu machte / so sollen unsere Ober-Amptleuth Sie beifängen / und uns als der Obrigkeit zuschicken / wir demnach die fernere gebür / gegen ihnen fürzunemmen wissen“ Neu gegenüber früheren Erlassen ist jetzt derjenige Passus, welcher „halsstarrigen“ Taufgesinnten neben der Ausweisung auch die Güterkonfiskation androhte. Damit war es künftig auch nicht mehr möglich, rechtzeitig seinen Besitz zu veräussern und mit dem Erlös wegzuziehen. Da es neben armen und relativ mittellosen auch etliche vermöglichere Täuferinnen und Täufer gab, schien diese Massnahme geeignet, das Rückgrat der Bewegung zu brechen. Tatsache ist es aber, dass nicht wenige Baselbieter diese Strafe in Kauf nahmen und lieber mit leeren Taschen die Heimat ver29


liessen, als ihren Überzeugungen untreu zu werden. Kein Wunder, dass sich um 1600 herum viele verfolgte und ausgewiesene Taufgesinnte nach Mähren wandten, wo sie auf hutterischen Bruderhöfen im Rahmen der dort praktizierten Gütergemeinschaft (nach Apg. 2 und 4) mit einer solidarischen Starthilfe rechnen konnten! Am 11. Juni 1995 waren es 400 Jahre her, seit dem Erlass des obigen Dokumentes. Dazu gab es keine Gedenkfeiern - weder reformierterseits noch mennonitischerseits. Und doch tun wir gut daran, ein paar Minuten nachzudenken: • •

Was ist mir mein Glaube wert? Wäre ich bereit, um meiner Überzeugungen willen meinen hohen Lebensstandard dranzugeben? Und wie steht es mit den „hartgesottenen Kriegsleuten“, die durch uns erreicht werden?

Aus dem Dorf Rothenfluh sind besonders zahlreiche und lukrative Güterkonfiskationen bei Täufern bekannt

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Das Täufertum in Rothenfluh

In Zeiten der Verfolgung hatte das Täufertum einen schweren Stand. Eine Chance zum Überleben bestand nur fernab der politischen und kirchlichen Zentren. Das war nicht nur in Bern und Zürich, den Kernlanden des schweizerischen Täufertums so, sondern auch in Basel. Möglichst weit weg von den „Gestrengen, Edlen, Ehrenvesten, Frommen, Fürsichtigen, Ehrsamen, Weÿsen und Gnädigen Herren“ in der Stadt - so lautete die Devise. Es erstaunt darum nicht, dass gerade zuhinterst im Farnsburgeramt, in Rothenfluh, jahrzehntelang Täuferinnen und Täufer vorhanden waren. Es gab Zeiten, da scheint sich sogar fast das ganze Dorf mit ihnen solidarisiert zu haben: Schon im Februar 1530 wurden über 50 Männer aus Rothenfluh und Anwil gefangen nach Basel geführt, weil sie sich gegenseitig geschworen hatten, künftig keinen Taufgesinnten mehr gefangen zu nehmen und dem verhassten Landvogt auszuliefern. Natürlich basierte diese Solidarität nicht auf purer Sympathie mit den Glaubensüberzeugungen ihrer täuferischen Nachbarn. Da spielte auch viel grundsätzliche Auflehnung gegen die städtische Obrigkeit mit, welche sich gegenüber ihren bäuerlichen Untertanen oft sehr anmassend verhielt. Aber auch verwandtschaftliche Beziehungen spielten eine wichtige Rolle. Immer wieder beklagen sich Pfarrer über die mangelnde Kooperationsbereitschaft der Unterbeamten im Dorf, wenn es um die Denunziation und Gefangennahme von Täuferinnen und Täufern geht: Untervögte, Geschworene und Bannbrüder weigern sich, ihre täuferischen Eltern, Geschwister, Kinder oder sonstigen Anverwandten auszuliefern. Meist geschieht dies jedoch nicht offensichtlich, sondern die Betreffenden werden zuvor gewarnt, um ihnen Zeit zum vorübergehenden Verschwinden zu geben. Wenn man sie dann „abholen“ will, dann sind sie halt einfach wieder einmal „entwischt“ ... Gegen Ende des 16. Jahrhunderts unternahm die Basler Obrigkeit einen vorderhand letzten umfassenden und sehr energischen Versuch, das Täufertum in seinem Hoheitsgebiet auszumerzen. (Man vergleiche dazu das vorhergehende Kapitel über das „Wiedertäufer-Mandat“ von 1595!) 31


Die Auseinandersetzung der Obrigkeit mit den Täuferinnen und Täufern von Rothenfluh war langwierig, aber letztlich doch „erfolgreich“. Manche haben nach monatelangem Gefängnisaufenthalt den geforderten Widerruf geleistet und sind - wenigstens äusserlich - wieder in den Schoss der reformierten Kirche zurückgekehrt. Andere sind rastlos und heimatlos quer durch die Lande gezogen, von einem Unterschlupf zum andern gehetzt, bis auch sie schliesslich irgendwo aufgegeben haben oder aber entkräftet gestorben sind. Nicht selten haben sie aber unterwegs Menschen getroffen, die von ihrem Glauben beeindruckt und überzeugt worden sind und nun ihrerseits das täuferische Zeugnis weitergetragen haben. Gerade für Rothenfluh wissen wir nun aber auch von einer ansehnlichen Zahl teils recht vermöglicher Leute, die um 1600 herum sozusagen bei Nacht und Nebel ihr Bündel gepackt und unter Zurücklassung eines Grossteils ihres Besitzes als ganze Familien nach Mähren (südöstlich von Prag, nördlich von Wien) ausgewandert sind. Zu ihrem Unglück konnten sie nicht wissen, dass die goldenen Jahrzehnte für die blühenden täuferischen Gemeinden daselbst durch den Ausbruch grauenhafter kriegerischer Auseinandersetzungen schon sehr bald zu einem jähen Abschluss kommen würden... Viele kamen dabei ums Leben, andere kehrten völlig mittellos in die Eidgenossenschaft zurück, um auch hier als Ausgewiesene und Heimatlose kaum irgendwo eine Bleibe zu finden. Ihr zurückgebliebenes Gut hatte die Obrigkeit mittlerweile konfisziert und manches war in den Taschen vornehmer Ratsherren, Landvögte und Pfarrern verschwunden... Gerade von Rothenfluher Täufern und besonders auch Täuferinnen waren dies ganz erkleckliche Summen gewesen: Um das Erbe der Apollonia Rickenbach-Gass und Margreth Bürgin-Gass entbrannten beispielsweise langwierige Streitigkeiten seitens ihrer Verwandten. Noch 1599 hatte der Rothenfluher Pfarrer Isaak Keller geklagt, dass man endlich seriös gegen das Täufertum einschreiten solle ansonsten es sich immer weiter „inwurtzlen“ werde. Viele Leute seien zwar „biss anhero (doch zweiffels ohn nur auss forcht unndt gleissnereÿ) in unser kilchen gangen“. Es sei aber seine „trungenliche pitt, es wölle euwer weissheit allen müglichen fleiss anwenden, damitt solchem übel beÿ guotter Zeitt fürkommen werde“. Nach 1630 hören wir nichts mehr von Täuferischem aus Rothenfluh. Alle Dorfbewohner scheinen sich zum Kirchgang eingefunden zu haben. Vielleicht zwar wieder „nur auss forcht unndt gleissnereÿ“ und kaum aus innerer Überzeugung. Aber dies scheint das kleinere Übel gewesen zu sein für Obrigkeit und Kirche... 32


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Heini und Verena Müller-Rohrer vom Tschoppenhof

Nachdem der baslerische Landvogt auf Schloss Waldenburg jahrelang immer wieder mit einigem Stolz in die Stadt melden konnte, dass es - anders als in den Ämtern Farnsburg und Homburg - bei ihm keine Wiedertäufer gebe, tönt es gegen Ende des 16. Jahrhunderts plötzlich anders. Im Herbst 1596 berichtet er: „Jetzund aber so will disere seckt leider bey uns auch algemach inrissen...“ Ausgangspunkt dieser Sorge war die Entdeckung eines täuferischen Ehepaars in Liedertswil (auch „Tschoppenhof“ genannt), welches sich in der Folge als ausserordentlich hartnäckig erwies und die Obrigkeit jahrelang beschäftigen sollte... Die beiden Eheleute Heini Müller und dessen Frau Verena Rohrer betonen in den Verhören immer wieder, wie sie überhaupt nichts Verbotenes tun würden, sondern bloss, „wass recht unndt Gott gefellig sye.“ Insgesamt hätten sie sich nichts anderes vorgenommen „dann Guts Zethun und sich zu solchen leüthen die es auch thüegen zehalten und glauben nicht anders dann Gott der Herr weisse sie darzu.“ Da ihnen die täuferische „lehr und leben wolgefallen“, hätten sie seither deren Versammlungen in Grenzach, auf dem Blauen , bei Aarau und in Zofingen besucht. Zum reformierten Gottesdienst in Waldenburg wollten sie nicht mehr gehen, weil dort zwar Gottes Wort gepredigt werde, sich aber niemand darum schere, es auch in die Praxis umzusetzen. Heini Müller meinte, „ob dann diss so ein grosse sünd were, wann er schon nit eben zu Waldenburg zur kirchen gange? Er hore bey inen (verstund die Teüffer) auch Gottes Wort!“ Da die beiden nicht von ihren Überzeugungen weichen wollten, wurden sie im Oktober 1596 ausgewiesen. Ihre beiden kleinen Kinder wurden Heini Müllers Bruder übergeben, welcher infolge eigener Armut aber schon bald bat, dieselben dem vermöglicheren Bruder der Verena Rohrer in Maisprach anzuvertrauen. Offenbar kehren im Verlauf des Winters zuerst die Frau, dann auch der Mann wieder nach Liedertswil zurück. Nach wie vor sind sie sich keiner Schuld bewusst. Heini Müller sagt, dass er

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„jetzt nit so unrecht, wie er aber vorhin gelebt; ob wol er in die Kirchen kummen, seie er doch etwann daruss ins Spilhauss und anderswohin übels thun, oder heim sein Frouwen zeschlagen gangen, das er jetzt alles underlosse und über selbige seine sünd reüw und leid trage...“ Nach einer erneuten Ausweisung wenden sich die beiden vorerst nach Maisprach. Aber schon bald befindet sich die offenbar hochschwangere Verena Rohrer wieder zuhause. Ihre Bitte um Aufschub der Ausweisung bis nach ihrer Schwangerschaft sowie nach der Erntezeit wird ihr bewilligt, damit sie ausstehende Schulden noch begleichen könne. Im Frühjahr 1601 tauchen Müllers jedoch erneut in Liedertswil auf und weigern sich, das Land zu räumen: Falls sie wirklich im Unrecht seien, so solle man Gott Richter über sie sein lassen „unnd so mann sy für Unkraut halte, solle mann sy pleiben lassen biss Gott der Herr Ernden und schneyden werde!“ Nun wird es der Obrigkeit aber zu bunt. Auf Befehl aus Basel lässt der Landvogt Ende März 1601 die bescheidene Behausung der Müllers verbarrikadieren: „Ich hab in abwessen dess mans das hauss beschliessen lassen, das weib sampt irren kindern unnd dem vieh daruss gethon, alle fenster unnd leden sampt dem thor vermachen und versperren lassen (...) Hieruff dan solch weib, durch ein zerbrochen glass an einem fenster, mitt einem kindt solch fenster hatt offnen lassen, die sperling daran hinweg gethon, das kindt zum fenster hinin geschoben haben sol, welche die sperling an dem thor unnd stal hinweg gethon haben, sich wider in das hauss gethon und ir ku wider in den stal gestelt.“ Nachdem Heini Müller schon im Februar an den Pranger gestellt und mit Ruten ausgehauen worden ist, vollstreckt der Landvogt diese Strafe anfangs Mai auch an dessen Frau. Er lässt sie „mitt ruotten durch das Stettlin wallenburg biss zum Obern thor uss hin hauwen“ und als sie immer noch nicht nachgibt, geschieht ihr ein gleiches quer durch das Städtlein bis zum Unteren Tor. Als er „ein enderung irres lib an der gestaldt“ bemerkt, fürchtet er um ihr Leben und bricht die Peinigung ab. Man beschliesst sodann, die beiden solange im Gefängnis zu behalten, bis vielleicht doch noch eine Gesinnungsänderung eintrete. Vor allem solle man ihnen nicht mehr allzuviel Aufmerksamkeit widmen, „dann zuo besorgen, sie gfallen inen selb (!)“. Falls 34


man aber so tue, wie wenn man sie vergessen hätte „und liesse sie sitzen, mochten sie mürber werden“... Endlich nach mehrwöchiger Gefangenschaft ist Heini Müller im September 1601 zum Widerruf vor dem Basler Rat und seiner eigenen Kirchgemeinde bereit. Seine Frau widersteht noch einige Wochen länger, bis im November auch sie den wahrscheinlich nicht ganz freiwilligen Widerruf in Basel leistet und freigelassen wird. Entgegen der obrigkeitlichen Forderung leistet sie aber den geforderten Widerruf vor der eigenen Kirchgemeinde in Waldenburg nicht, sondern entkommt. In den Jahren 1607-1609 muss sie erneut wenigstens vorübergehend in ihrer Heimat aufgetaucht sein, ohne jedoch je ihren Überzeugungen abzusagen. Ein letztes Mal ist von den beiden im Jahr 1613 die Rede. Wiederum scheinen sie sich im Waldenburgertal aufgehalten zu haben. Infolge der Nachstellungen dürften sie sich aber bald schon wieder weggewandt haben. Bei aller Schärfe des obrigkeitlichen Vorgehens gegen Leute wie Heini Müller und Verena Rohrer, so blitzt doch da und dort auch seitens der Pfarrer auf, dass sie sehr wohl auch um die Missstände ihrer eigenen Kirche wissen. Bezeichnend ist die Ermahnung von Landvogt und Pfarrer an die versammelte Waldenburger Kirchgemeinde, nachdem Heini Müller seinen Widerruf geleistet hat: Auf Müller zeigend, werden die Anwesenden zum Ablegen von allem Bösen ermahnt, „weil wir wissen, das diser und seinsgleichen sich firnemlich darab ergeren, dann under den firnembsten ursachen auch dise ist, das er so kaum wider hatt mögen gewonnen werden, das er gesechen, das wider christenleuthen ampt Unmass in essen und trincken, spielen, liegen, triegen undt allerley unruog anzurichten so gar gemein sein will.

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Veronica Salathe von Seltisberg

Das Täufertum ist immer wieder Sammelbecken von Männern und Frauen gewesen, die sich in ihrer Unzufriedenheit und Verunsicherung auf die Suche gemacht haben nach neuen Glaubens- und Lebensinhalten. Wer den Weg zum Täufertum fand, der war bereit, aus bestehenden Bindungen und irdischen Abhängigkeitsverhältnissen auszubrechen, um fortan nur noch seinem eigenen Gewissen beziehungsweise Gott und dem Rat der Glaubensgeschwister zu folgen. Und obwohl auch die täuferische Bewegung stark von männlichen Führerpersönlichkeiten geprägt war, haben Frauen an der Bildung und Ausgestaltung täuferischer Gemeinschaften aktiv mitgewirkt. Eine solchermassen prägende Person war Veronica Salathe, Tochter des Meiers von Seltisberg. Geboren 1577, verheiratete sie sich 1597 mit Werlin Buser, einem Weber und Bürger von Liestal. Zwischen 1598 und 1607 sind im Liestaler Kirchenbuch die Taufen von sieben Kindern aus dieser Ehe verzeichnet. Noch weist nichts auf täuferische Gesinnung hin. Dann, offenbar im Jahr 1609 veräussern die beiden ihren Besitz und ziehen als ganze Familie gleich so vielen andern weg nach Mähren. Ob ihr Aufbruch ins gelobte Land der Täuferbewegung mit einer neu gewonnenen Glaubensüberzeugung zusammenhängt? Es kann sein, muss es aber nicht. Bereits zwei Jahre später jedoch meldet sich die mittlerweile verwitwete und ganz offensichtlich täuferisch gewordene Veronica samt vier Kindern zurück in Liestal. Ein Aufenthalt daselbst wird ihr aber nur unter der Bedingung gewährt, ganz vom Täufertum abzustehen. Dazu ist sie aber nicht bereit und zieht weg. Erst anfangs 1616 geht sie den Basler Behörden im Zusammenhang einer grossangelegten Razzia erneut ins Netz. Unterdessen hat sie ihren Wohnsitz offenbar in Böckten genommen. Seit einiger Zeit ist sie auch wieder verheiratet, und zwar mit einem älteren und kränklichen Mann aus dem aargauischen Baden. Zwar gelingt ihr vorerst die Flucht nach Laufenburg, wenig später aber wird sie dennoch aufgegriffen und gefangengesetzt. In den sich anschliessenden Verhören bleibt sie beharrlich auf ihren Überzeugun36


gen. Eine gleichzeitig eingeleitete Untersuchung über den Besitzstand des Ehepaars erweist sich für die Obrigkeit als Flop: Die beiden leben - zusammen mit noch zwei übriggebliebenen Kindern der Veronica aus erster Ehe - in grosser Armut: Die Hoffnung auf fette Beute mittels Güterkonfiskation zerschlägt sich... Da im Verlauf der Verhöre aber immer deutlicher wird, welch einflussreiche Rolle Veronica Salathe bei der Verbreitung von täuferischem Gedankengut gespielt hat und noch spielt, wird deren Ausweisung beschlossen. Irgendwie gelingt es Veronica aber immer wieder, dem Vollzug dieser Anordnung zu entgehen. Aufschlussreich ist eine Klage der Geistlichen aus dem Farnsburger Amt, welche sie 1619 an die Regierung richten: „Fürss vierte, begeren sie gantz trungenlich, dass man die schandlichen und schedlichen widerteüffer abschaffen wölle, unter welchen die fürnembste zu Betkhen Varnspurger herschafft, eine tüechlin wäberin, mit nammen Veronica, sesshaft, die schon albereit etlich unterscheidliche leüt verfüeret, und sich keinss wegs will bekheren lassen, sundern auss gibt, wan unsere g(nädigen) Herren meinen, der vogt von Varnspurg hab sie in der gefangenschafft, so gab er ihren beim besten zu essen und zu trinckhen, er were ein guter Man, liesse sie gern passieren, nur die predikanten seyen so böss, und mögen sie nicht leyden...“ Inwieweit diese Aussage über das täuferfreundliche Verhalten des Landvogts den Tatsachen entspricht oder ihn bewusst anschwärzen wollte, bleibt unklar. Jedenfalls hat sie dem Vogt fast die Stelle gekostet... Um so erstaunlicher ist es, dass Veronica Salathe sich offenbar bis weit in die 1620er Jahre hinein im Baselbiet weiter hat halten können. Regelmässig soll sie an Samstagabenden täuferische Versammlungen besucht haben, wo immer solche gerade vereinbart wurden. Bekannt ist von ihr, dass sie sowohl in der Stadt selbst, als auch auf der Landschaft in der Muttenzer Hard, beim Roten Haus oder in Thürnen solchen Treffen beigewohnt hat. Auch an täuferischen Gottesdiensten in der Region Zofingen muss sie oft dabei gewesen sein. Wenn nicht alles täuscht, so ist Veronica Salathe in den Jahren zwischen 1615 und 1630 wohl eine der zentralen Figuren des baslerischen Täufertums gewesen. Menschen, die massgeblich auch sie für den täuferischen Glauben gewonnen zu haben scheint, werden in den folgenden Jahrzehnten zu 37


den Pfeilern täuferischer Präsenz im Baselbiet: Es sind dies Familien, deren Nachkommen bis in die Gegenwart hinein in mennonitischen Gemeinden weltweit zu finden sind und über die später zu berichten sein wird: Es sind die Familien Hersberger und Berchtold (s.u.).

Das Spalentor - immer wieder Schauplatz langer Gefangenschaften und Verhöre von Täuferinnen und Täufern

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10 Michael Rohrer von Maisprach

Das Dorf Maisprach im Farnsburger Amt hat um 1600 herum eine wichtige Rolle gespielt in der Geschichte des Basler Täufertums. Nach mehreren Inhaftierungen und Ausweisungen von Maispracher Taufgesinnten scheint die Lebenskraft dieser Gruppe aber gegen 1607 erloschen zu sein. Da passiert kurz darauf folgendes: Am 25. Mai 1609 formuliert der Farnsburger Landvogt Hans Herr im Auftrag seines Maispracher Untertanen Michael Rohrer - dem Bruder des „Teüffer-Vreny“ auf Tschoppenhof (s.o. Nr.8) - ein Fürbitteschreiben an den Basler Rat. Danach ist Rohrers an der Grenze zur österreichischen Herrschaft Rheinfelden gelegene „Rübi“ durch Brand beschädigt worden. Als Rohrer dieses zur Verarbeitung von Hanf dienende Gebäude neu aufmauern will, stellt er auf Farnsburg und im benachbarten Rheinfelden Gesuche um Bauholz. Später spricht Rohrer erneut beim Farnsburger Landvogt vor und bittet nun um die weitergehende Bewilligung zum Ausbau seiner Rübi zu einer eigentlichen Getreide-Mühle. Landvogt Herr gibt aber zu bedenken, dass es bereits genügend Mühlen gebe. In seinem Schreiben an den Rat fügt er kommentierend bei: „Zudem verwundere ich mich, da ich woll wüße, das er kaum vermöge ein Schaaffstall zebauwen und die Schulden schwërlich bezalen khönne.“ Dessen ungeachtet lässt Rohrer ohne weitere Formalitäten tatsächlich grösser bauen und lässt wissen, es gebe „ein zimliche müli“ mit Stube und Kammern und zwei Mühl-Rädern. Anderseits ist er aber auch konfrontiert mit der Klage von Bauern, welche um eine Entwertung ihrer Felder fürchten. Noch vor Vollendung des Bauwerks insistiert Rohrer darum bei Landvogt Herr auf der Überweisung eines Gesuchs nach Basel. Dieser entspricht in der Folge zwar dem Begehren seines Untertanen. Er lässt gegenüber seiner Obrigkeit aber keinen Zweifel offen, dass er selbst das Gesuch nicht unterstützt. Dass der gesamte Aufbau der Mühle ohne Vorwissen des Landvogtes und ohne offizielle Bewilligung aus Basel erfolgt ist, stellt nun aber interessanterweise durchaus nicht das Hauptargument von Herr gegen dieses ‚fait accompli‘ dar. Vielmehr beschliesst er sein Schreiben mit einem ganz anderen Hinweis: Michael Rohrers Bau liege 39


„an einem besonderen orth auch an Oesterreichischer gräntz, da allerleÿ gesindt sich erhaltten und herberg nëmen mög. Wÿl insonderheit sein Geschlecht mit der Thoüfferischen Sëct behafft ein nëst darzu geben werd.“ Am 27. Mai 1609 lehnt der Basler Rat das Gesuch Rohrers ab mit dem alleinigen Hinweis, es gebe bereits genügend Mühlen. Der Wiederaufbau der Rübi jedoch bleibt unbestritten. Bereits am 10. Oktober 1610 meldet sich der Farnsburger Landvogt Herr erneut in der Angelegenheit der Maispracher Mühle. Aus seinem Schreiben geht hervor, dass der abschlägige Bescheid aus Basel für Rohrer niederschmetternd gewirkt haben muss: „Dorüber dan er Michell Rorer in etwas widerwertigkeit unnd schwärmutt gerathen, daß er Jo baldt darnach sich in Märherrn (Mähren) mit weib und kinden begeben.“ Herr erinnert in seinem Schreiben sodann noch einmal daran, wie Rohrer ursprünglich seine Hanfrübi bloss habe reparieren wollen, dann aber sein Bauwerk zu einer eigentlichen Mahlmühle erweitert, ja solches vielleicht von Anfang an beabsichtigt habe. Man habe ihm allerdings das entsprechende Gesuch nicht bewilligt, „diewil er sonderlich veragwonet(!) er die Thoüffer (wyl si nit im dorff lige) möcht allda einziechen (wyl seine schwestern mit der sëct behafftet) es alda ein underschlauf gëbe.“ Wie gut das unvollendete Bauwerk allerdings gewesen sein muss, zeigt die Tatsache, dass es Rohrer gelungen ist, dasselbe für 1200 Pfund an seinen Dorfgenossen Fridli Graf zu verkaufen. Landvogt Herr meldet nun aber, dass der neue Besitzer der Rübi seinerseits die Basler Obrigkeit erneut um die Bewilligung zum Bau einer Mühle ersuche. Derselbe Landvogt, der vor etwas mehr als einem Jahr Michael Rohrer gegenüber ins Feld führte, es gebe bereits genügend Mühlen, erwähnt nun aber dieses Argument mit keinem Wort mehr. Vielmehr unterstützt er das Gesuch seines Untertanen! Da der Basler Rat eine Bewilligung offensichtlich hinauszögert, wiederholt der neue Landvogt Theodor Brand am 7. September 1612 das Gesuch. Der Landvogt selbst muss nun eingestehen, dass das von Rohrer angefangene Werk „nit ein schlächter bauw“ sei. Schade sei bloss, dass niemand ohne Basler Erlaubnis weiterbauen und vollenden dürfe. Genau um diese Bewilligung sucht nun aber Landvogt Brand nach. Die Gegend von Buus und Maisprach sei „ein gar mächtiges, Fruchtbares und Kornreiches Landt“ mit nur einer einzigen Mühle in Buus. Viele Buuser und Maispracher müssten zum Mahlen ihres Getreides ins Österreichische nach Magden. Auf diese 40


Weise würden sie „einen großen Zinß jarlichen Auß dem Landt entdragen“. Sie alle, wie auch der Landvogt selbst bitten darum inständig um die nötige obrigkeitliche Erlaubnis zur Fertigstellung der angefangenen Mühle! Genau so hatte schon der initiative Michael Rohrer argumentiert. Da er aber des Täufertums verdächtig war, konnte ihm nicht recht gegeben werden. Beim gut reformierten Fridli Graf war der Fall aber natürlich ein ganz anderer: Die Bewilligung zur Fertigstellung der Mühle wird prompt erteilt. Damit ist der Grundstock gelegt zu einer generationenlangen, florierenden Tätigkeit der Familie Graf als Müller von Maisprach: Noch 1774 befindet sich die Maispracher Mühle im Besitz der Familie Graf, welche somit in reichem Masse von Initiative und Unternehmergeist eines Mannes profitiert hat, dessen Spuren sich im bald von den Wirren des 30jährigen Krieges erfassten Ausland zu verlieren scheinen... Sein Glaube war Michael Rohrer offenbar wichtiger gewesen als eine mit Kompromissen erkaufte Aussicht auf Wohlstand und Sicherheit.

Mühlen - auch die hier abgebildete von Brüglingen - waren immer wieder beliebte Aufenthalts- und Arbeitsplätze von Täufern

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Der Hof Hinter-Birtis im Beinwilertal am Passwang - ein langj채hriges t채uferisches Refugium.

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11 David Joris und Georg Üeckher

Ganz in der Nähe des Bruderholzspitals befindet sich die David-Joris-Strasse. Nur wenige dürften wissen, dass mit diesem Namen ein turbulentes Kapitel Täufergeschichte zusammenhängt. Der Niederländer David Joris (1501-1556) stiess 1534 zum Täufertum und wurde in seiner Heimat bald einer der Führer, aber auch eine der schillerndsten Figuren der Bewegung. Nach zunehmenden Differenzen mit Menno Simons, sowie infolge der bedrängenden Verfolgung floh er mitsamt seiner engeren Verwandtschaft 1544 nach Basel. Dort gab er sich als reformierter Glaubensflüchtling aus und fand als wohlhabender, spendierfreudiger Patron unter dem Namen Johann von Brügge willkommene Aufnahme. Als spiritualistische Taufgesinnte behielten er und seine Familie ihren eigentlichen Glauben für sich und passten sich äusserlich weitgehend den hiesigen Gepflogenheiten an. Die ausgedehnte Korrespondenz Joris‘ mit seinen täuferischen Gesinnungsfreunden in der Heimat blieb ebenso verborgen wie seine umfangreiche Tätigkeit als Schriftsteller und Kunstmaler. Aufgrund seines Reichtums kaufte die Familie des David Joris eine ganze Reihe illustrer Gebäude in der Region: Den Spiesshof am Heuberg, das Weiherschloss in Binningen, das Kirchlein und zugehörige Hofgut auf St.Margarethen, das Weierhaus „Zum kleinen Gundeldingen“, ein Landhaus im Holee, das Rote Haus bei Schweizerhalle, sowie als Refugium den Hof Hinter-Birtis im Beinwilertal am Passwang. Erst familien-interne Streitigkeiten nach Joris‘ Tod 1556 förderten für die baslerische Öffentlichkeit die Wahrheit zutage. Nun konnte sich männiglich nicht laut genug empören darüber, einen derartigen Ketzer bei sich gehabt zu haben. Noch zweieinhalb Jahre nach seinem Tod wurde der Leichnam Joris‘ aus dem Grab in der Leonhardskirche genommen, zur Richtstätte (beim heutigen Zoo) geführt und dort zusammen mit seinen Büchern und Gemälden 1559 verbrannt. Interessanterweise blieb vor allem der Hof Hinter-Birtis in Ober-Beinwil noch jahrzehntelang ein Schlupfwinkel für einheimisches Täufertum. Dessen Besitzer Georg Üecker war nicht nur ein Führer der Bauern beim Seilziehen um mehr Rechte und Freiheiten gegenüber dem Benediktiner-Kloster 43


von Beinwil. Als „der aller berümbtist der lawen Christen in der Cammer“ Beinwil wurde er immer wieder verhört. 1625 und nochmals 1629 wurden bei ihm als täuferisch eingestufte Schriften gefunden und konfisziert: Eine Konkordanz, eine Froschauer-Bibel, ein Liederbüchlein sowie ein Märtyrerbuch. Befragt, wie er als Bauer auf einem abgelegenen Hof zu solchen Büchern komme und sogar offenbar lesen gelernt hatte, gab der „Birtis-Jörg“ zur Antwort, er habe es von einem Weberknecht Elias aus Basel vermittelt bekommen. Dieser gehörte offenbar zu einer Gruppe von Taufgesinnten, welche möglicherweise infolge des 30jährigen Krieges aus dem Elsass fliehen musste und am Passwang ruhigere Zeiten abwartete. Jedenfalls wird aus Verhören Üeckers deutlich, dass er offenbar Beziehungen pflegte zu täuferischen Glaubensgeschwistern in nah und fern, etwa auf der Rheininsel Gewehrt bei Augst oder der Gemeinde im toleranten Markirch. Georg Üecker gelang es immer wieder mit grossem Geschick, zwischen seinen kirchlichen Vorgesetzten des Klosters und der politischen Obrigkeit in Solothurn hin und her zu lavieren und seinen Kopf immer wieder aus der Schlinge zu ziehen. 1635 gab er zu Protokoll, er halte die Lehre der katholischen Prediger grundsätzlich schon für gut. Gleichwohl möchte er wünschen, man lasse ihn in seinem Glauben leben und sterben, sei er doch überzeugt, auch ausserhalb der katholischen Lehre und Praxis die Seligkeit zu erlangen. Immer jedoch, wenn der Boden im Beinwilertal zu heiss für ihn wurde, floh er für kürzere oder längere Zeit mitsamt Frau und Kindern weg. Zuerst für einige Jahre nach Langendorf bei Solothurn, dann auf den Hof Erzberg beim Scheltenpass. 1649 jedoch scheint er sich endgültig von seinem Hof verabschiedet zu haben. Als wohl bereits schon älterer Mann floh er zusammen mit seiner Frau nach Liestal, wo er auf solothurnischen Druck hin gefangen gesetzt wurde. Einer Auslieferung an den Vogt von Thierstein kam er aber durch neuerliche Flucht zuvor. Von nun an verlieren sich seine Spuren. (Und obwohl der Familienname „Üecker“ in späterer Zeit zu „Jecker“ wurde, kann ich selbst nicht beanspruchen, des „Birtis-Jörgs“Ururururururenkel zu sein, der neben allen Amstutz, Gerber und Nussbaumer nun doch auch noch zu seinem täuferischen Stammbaum gekommen wäre...)

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12 Die Rheininsel Gewerth bei Augst

Die meisten von uns dürften die Anlagen und Ruinen von Augusta Raurica schon einmal besichtigt haben. Und einige haben dabei vielleicht auch das alt-christliche Baptisterium besucht am Ufer des Rheins. Aber kaum jemand hat wohl bisher geahnt, an welchem auch täufergeschichtlich bedeutsamem Ort sie oder er sich dort befand. Das ist weiter auch nicht verwunderlich, denn darüber ist meines Wissens bisher überhaupt noch nichts bekannt gewesen. Auch ich bin darauf erst unlängst und auf vielen Umwegen gestossen... Wer unterhalb der Kaiseraugster Kirche vom Rand des Rheins zum gegenüberliegenden deutschen Ufer blickt, der vermag etwas flussabwärts ein langgezogenes „Inseli“ zu sehen. Dieser Leitdamm wurde einst aufgeschüttet zwischen dem „Neurhein“ und einem nach Norden ausholenden alten Rheinarm. Zwischen diesen beiden Flussarmen befand sich früher die etwa 15 ha grosse Rheininsel „Gewehrt“, die 1912 grösstenteils der Rheinstauung zum Opfer viel. Und genau diese Rheininsel „Gewehrt“ oder „Gwörth“ ist es, die den Schlüssel darstellt für einige wichtige Vorkommnisse im Rahmen der lokalen Täufergeschichte! Ein erstes Mal wird das „Gewehrt“ in Zusammenhang gebracht mit Täuferischem im Jahr 1607. Der Kontext ist die Entdeckung von nach wie vor existierenden kleinen täuferischen Gruppen im Raum Maisprach-Frick-Rheinfelden um die Jahrhundertwende. Im besagten Jahr 1607 flieht nämlich eine verwitwete Täuferin aus Wintersingen zum „Täufer im Wördt“. Ein zweites Mal taucht das „Gewehrt“ als Wohnsitz von Taufgesinnten knappe 10 Jahre später auf. Im Zusammenhang mit der unerlaubten Publikation einer täuferischen Toleranzschrift in Basel wird 1616 ein überregionales, ja europaweites Netz von Taufgesinnten entdeckt. Im Raum Basel versammeln sich die Geschwister unter anderem am Horn bei Grenzach, in der Muttenzer Hard, in einem Wald zwischen Bottmingen und Benken, sowie auf dem Blauen. Als Teilnehmer dieser Treffen werden neben anderen namhaft gemacht Hans und Caspar „im Gwert“ als des Junkers von Grenzach Untertanen. Ein drittes und soweit ich sehe letztes Mal im Rahmen der Täufergeschichte spielt die Rheininsel eine Rolle im Jahr 1626 - inmitten der Unsicherheiten 45


des Dreissigjährigen Krieges!. Im Juni dieses Jahres nimmt eine bewaffnete Gruppe von Rheinfeldern 5 Täufer und Täuferinnen „ußem Gewerdt“ gefangen. In der Folge entspinnt sich ein diplomatischer Disput um die juristischen Zuständigkeiten zwischen dem Junker von Grenzach (Melchior von Berenfels), dem Bischof von Basel in Pruntrut, der vorderösterreichischen Verwaltung in Ensisheim und der Stadt Rheinfelden. Ohne den Disput endgültig geregelt zu haben, schafft Rheinfelden auf Anordnung aus Ensisheim hin Mitte Juli ein fait accompli: Es lässt Malefizgericht halten. Nach intensiven Drohungen geben vier der fünf Taufgesinnten nach, einzig eine Frau bleibt hartnäckig. Zur Strafe und Abschreckung wird sie kurzerhand mit dem Schwert hingerichtet. Was dieses Vorkommnis täufergeschichtlich bedeutsam macht ist folgendes: Es dürfte sich um eine der letzten, wenn nicht um die letzte offizielle Hinrichtung einer täuferischen Person im frühneuzeitlichen Europa gehandelt haben. (Bisher galt eine Hinrichtung in Bregenz von 1618 als die letzte!) Was die vier anderen Taufgesinnten angeht, so taucht der Ehemann der Getöteten, der früher bereits erwähnte Caspar im Gewert, mitsamt seiner Schwiegertochter kurz darauf schon wieder im Kreise von Gleichgesinnten auf, und zwar zusammen mit einer Gruppe von Safenwiler TäuferInnen im Haus von Fridli und Anna Hersperger-Schmid in Thürnen ... Was die Taufgesinnten im Gewehrt charakterisiert, das ist das Zeugnis, welches ihnen der offenbar durchaus nicht abgeneigte Junker von Grenzach ausstellt. Er protestiert gegen die Verhaftung seiner Untertanen, „weÿlen diese Leüth keinen Menschen den ich biß dato gehört oder gesehen, schädlichen, oder nachtheillig geweßen, Unnd ob sie auch gleichwohl säckhtisch, haben sie jedoch ohne ärgernus mänigliches ihren vermeinlichen Gottesdienst inn solcher stillen zuegebacht, daß mann biß dahero aller klägten entübrigt verblieben.“

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13 Ueli Baumgartner von Langnau

In den vergangenen Wochen bin ich im Rahmen meiner Untersuchungen zum Basler Täufertum des 17. Jahrhunderts einigen Spuren hiesiger Taufgesinnter in die Regionen Zürich, Bern und Solothurn nachgegangen. Einmal mehr habe ich dabei gestaunt über den enormen Reichtum an alten Dokumenten, welche in den dortigen Archiven lagern und Freuden und Leiden von Gläubigen aus vergangenen Zeiten eindrücklich zu illustrieren vermögen. (Da gibt es noch viel Arbeit für künftige Generationen von geschichtlich Interessierten...!) Beim Aufspüren des Pratteler Täufers und Pietisten Hans Martin (s.u. Nr. 20) im hinteren Emmental bei Trub bin ich auf ein früheres Verhörs-Protokoll gestossen, das wie so manch andere uralte Dokument durchaus Parallelen zu aktuelleren Fragestellungen aufweist. Es geht dabei um ein Gespräch, welches der Langnauer Pfarrer Rudolf Philipp Forrer anno 1626 mit Ueli Baumgartner führt. Dabei befragt der Pfarrer seinen Gesprächspartner, den Täuferlehrer und Dürsrütti-Bauern Baumgartner, nach der Art und Weise der täuferischen Versammlungen. Insbesondere will er wissen, „Warumb sie ihre eigne Kind und gsind nit auch allein Zu ihrem Gottsdienst ziehend, wan sie in ihrem gwüssen deß einmal steiff versichert und vergwüsseret, dz sie ja recht dran sind“? Offenbar ist es also in täuferischen Familien und Haushalten durchaus so, dass nicht alle Mitglieder einer Wohneinheit geschlossen am täuferischen Gottesdienst teilnehmen. Ja, nicht einmal die Kinder täuferischer Eltern befinden sich automatisch an den Versammlungen! Aufschlussreich ist denn auch die Antwort Baumgartners: „Dass wir unsre Kinder nit nach unserem Gottsdienst ziehen ist die ursach, dz sie nit daran glauben, und sein nit begären. Wir wolten aber gern, dz sie nach dem befelch Christi und nach dem brauch der Apostlen lebten, wie wir auch gern wölten, so viell uns der Herr gnad gibt, und die wir kein befelch haben von Christo, zu Zwingen, sondern die sein wort gern annamen, die liessen sich tauffen und wurden hinzugetan“ 47


Wir betonen bis heute immer wieder gern, dass ein Kennzeichen neutestamentlicher Gemeinde die Freiwilligkeit der Mitgliedschaft sein soll. Auf der anderen Seite wissen wir, dass bis in die jüngste Vergangenheit hinein auch und gerade in unseren täuferisch-mennonitischen Gemeinden bisweilen nicht wenig Druck ausgeübt worden ist in dieser Beziehung. Jugendliche aus alteingesessenen Familien wurden gedrängt, sich ja rechtzeitig taufen zu lassen, um so seiner eigenen Familie und Verwandtschaft die Schmach eines Abweichlers zu ersparen. Dass auf diese Art viel menschliches Leid verursacht worden ist, ist klar. (Ganz abgesehen davon, dass dieses Vorgehen wohl auch nicht mehr viel mit einer Freiwilligkeitskirche zu tun hatte...) Nun dürfte diese Art von Zwängen in unseren Gemeinden heutzutage seltener geworden sein. Und doch: Wer immer mit Menschen zu tun hat, von denen er oder sie nichts sehnlicheres wünschen würde, als dass sie in die Nachfolge Jesu eintreten, ist hier angesprochen. Wenn es so ist, dass Christus keinerlei Druck oder Zwang ausgeübt hat zu Umkehr und Glaube - es sei denn, dass er die Konsequenzen der Nicht-Umkehr beschrieben hat - was heisst dies dann für uns? Wie umgehen mit dem Schmerz als Eltern von Kindern, die einen anderen, eigenen Weg wählen? Wie umgehen mit Formen triumphalistischer Theologie, welche im Namen Gottes nur Siege feiern kann und will und Niederlagen als Kleinglauben bezeichnet? War nicht gerade dies die Frage des reformierten Langnauer Pfarrers: Wenn ihr Taufgesinnte doch so überzeugt seid, dass ihr auf dem rechten Weg seid - warum sorgt ihr nicht dafür, dass wenigstens eure eigenen Leute in eurer Kirche sind?! Warum erlebt ihr dann nicht wenigstens in eurem eigenen Umfeld mehr Erfolg und Bestätigung? Sind Grösse, Stärke und äusserlich sichtbare Siege untrügliche Zeichen für Gottesnähe? Warum hat dann aber Jesus selbst zuerst leiden und sterben müssen? Soll da noch jemand sagen, uraltes verstaubtes Zeug in düsteren Archiven habe nicht auch etwas mit Gegenwartsfragen zu tun...

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14 Bad Bubendorf

Eine der erstaunlichen Einsichten aus der Beschäftigung mit dem Täufertum des 17. Jahrhunderts ist die relativ grosse Anzahl von Heilkundigen in dessen Reihen. Im Umfeld des Paracelsus-Jubiläums ist in den letzten Monaten viel von Ärzten und Heilkunst in der frühen Neuzeit geschrieben und gesprochen worden. Dabei ist auch immer wieder von den mannigfachen Bedrohungen früherer Menschen durch Seuchen und Krankheiten die Rede gewesen. Fast völlig schutzlos waren sie den regelmässig wiederkehrenden Pestzügen ausgeliefert. Es kann darum nicht erstaunen, dass man sich begierig auf alle Arten von Salben, Wässerlein und Bädern wie auch auf allerlei Praktiken und Behandlungsmethoden stürzte, welche diesbezüglich irgendwelche Hilfe zu versprechen schienen. „Predigt und heilt!“ - so lautete bekanntlich der Doppelauftrag Jesu an seine Nachfolger und Nachfolgerinnen. Jahrhundertelang ist allerdings der zweite Teil dieses Aufrufs immer wieder in den Hintergrund gedrängt worden oder gar in der Versenkung verschwunden. Um so überraschender ist es, dass auch das Täufertum zu denjenigen Randgruppen gehört hat, wo beide Teile des Gebots Jesu sporadisch wieder gemeinsam zum Tragen gekommen sind. Man zählte das Jahr 1641. Alles war sehr schnell gegangen. Plötzlich strömten scharenweise Gesunde und Kranke über die Jurapässe ins Baselbiet. Gerüchteweise hatten sie von einer ausserordentlich heilkräftigen Quelle bei Bubendorf gehört. Und nun scheuten sie keinen Aufwand, um sich zu diesem wundersamen Brunnen zu begeben. Unverzüglich beauftragt Basel seinen Landvogt auf Schloss Waldenburg, den Hintergründen dieses Andrangs nachzugehen. Ende April trifft dessen Bericht in der Stadt ein. Daraus geht hervor, dass die betreffende Quelle schon immer vorhanden gewesen ist. Zur Erntezeit war jeweils auch davon getrunken worden. Da das ausfliessende Wasser auf den umliegenden Feldern aber stets einen grossen Sumpf erzeugt hatte, habe es niemand nutzen wollen. Nun sei allerdings von einem Täufer im bern-aargauischen Gontenschwil im Wynental gesagt worden, die dortige Heilquelle Bad Schwarzenberg sei weit weniger wirksam als ein ihm bekannter Brunnen im Baselbiet. Mit dessen 49


Wasser habe er selbst „vil alte Schäden, die niemolen geheilt können werden, curiert“. Der Bericht fährt fort: „Weilen er es aber nit offenbaren wollen, (um welche Quelle es sich dabei handle,) hette ihn der Landtvogt von Lentzburg durch gefangenschafft mit betrowung der Tortur so weit gebracht, dz er es offenbaren miessen; andere sagen, es seye durch den im Bowald, so den Herren von Bubendorff (d.h. den Pfarrer) curieret, eben durch obiges ernstliche Mittel zu Bern herauß und an den tag gebracht worden“. Als der Waldenburger Landvogt eine Weile zugesehen hat, wie allerlei „abscheuhliche leuth ihre unflätige Geschirr unndt invicierte glider darein gestossen und gewäschen“, lässt er die Quelle kurzerhand einfassen, damit man künftig bequemer und hygienischer das Wasser ab Rohr nehmen könne. In der Folge gibt der skeptische Basler Rat ein Gutachten in Auftrag bei der medizinischen Fakultät der Universität. In deren Eingabe massen sich auch die Herren Doktoren kein endgültiges Urteil über die Qualität des Bad Bubendörfer Wassers zu. Sie meinen aber, dass es doch wohl schon längst bekannt sein würde, wenn das dortige Wasser wirklich heilende Kräfte in sich berge. Und „was der Widertäufferen und dergleichen wansinnigen Leüthen Ruhm anlangt, ist darauff auch nichts zu schliessen“. Ganz generell müsse bedacht werden, dass es ja bekannt sei, „dass von dergleichen Bronnen innerhalb wenig Jahren die Leichtglaübigen und der Medicin nicht gnugsamb Berichtete von underschiedlichen viel gerumt, von welchen doch der Ruhm theils thäglich abnimbt, theils auch der nammen gantz erloschen...“ Um welchen täuferischen „Landarzt“ es sich beim mutmasslichen Entdecker von Bad Bubendorf gehandelt hat, dies habe ich bisher leider noch nicht herausfinden können. Sowohl im Baselbiet als auch in der Region LenzburgZofingen-Wynental lassen sich im 17. Jahrhundert mehrere heilkundige Taufgesinnte nachweisen: Peter Berchtold (Vater und Sohn) in Thürnen, Jacob Schaub (?) in Tecknau, ein Bitterlin in Häfelfingen, ferner ein herumreisender Täufer aus Frick, Jacob Boll in der Region Zofingen-Aarwangen, oder Rudolf Küentzli aus Muhen. Von den meisten dieser Täufer wissen wir, dass sie gleich ihren Glaubensgeschwistern eigentlich aus der Heimat ausgewiesen worden sind. Immer wieder heisst es dann aber in ihrem Fall: „umb 50


sÿnes glücklichen artzens willen seige er von der Oberkeit erbäten und im Land gelassen worden“. Nun dürfen wir nicht vergessen, dass im Umfeld der Heilkunst zu allen Zeiten immer wieder Schindluderei getrieben worden ist. Gerade das 17. Jahrhundert ist dabei sehr rasch mit dem Vorwurf der Zauberei und Hexerei zur Hand gewesen und gegen missliebige AussenseiterInnen mit grosser Brutalität vorgegangen. Um so bezeichnender ist es aber, dass m.E. kein einziger Fall bekannt ist, wo täuferischen „Heilern“ solche Vorwürfe gemacht worden sind. Vielmehr scheinen sie in weiten Bevölkerungskreisen derart geachtet gewesen zu sein, dass man sie gewähren liess. „Suchet der Stadt Bestes, so wird es euch wohl ergehen!“ So sagte schon Jeremia (Jer 29,7) den Juden im babylonischen Exil. Es scheint, dass auch etliche Taufgesinnte mit dieser Maxime in der Höhle des Löwen ein Auskommen gefunden haben, ohne ihren Glauben verleugnet zu haben...

Bad Bubendorf : Heute ein beliebtes Speiserestaurant, aber angefangen hat alles mit einem täuferischen Landarzt.

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15 Die Familie Berchtold

Es gehört zu den kniffligeren Aufgaben auch der Täuferforschung, familiäre Verbindungen und Abhängigkeiten deutlich zu machen. Nur so kann oft verstanden werden, wie auch im Kontext einer ausgesprochen feindlichen Umgebung die eigene Glaubensüberzeugung gelebt und weitergegeben werden konnte. Das nachfolgende Beispiel soll illustrieren, wie verschlungen dabei bisweilen die Pfade sein können... Etwa gleichzeitig mit der Entdeckung der Heilkraft der Quelle von Bad Bubendorf durch einen Täufer (vgl. die vorhergehende Geschichte), standen in Zürich anno 1640 täuferische Glaubensgeschwister vor Gericht. Dabei machte einer von ihnen interessante Angaben über das Basler Täufertum. Laut seinen Angaben sei im Baselbiet nach den turbulenten Ereignissen der ersten Jahrzehnte des 17. Jahrhunderts nur noch ein Täufer übriggeblieben. Derselbe sei ein Arzt und wohne in Thürnen. Möglicherweise seien bei ihm allerdings noch weitere Gesinnungsgenossen verborgen. Die Nachfrage beim dortigen Pfarrer förderte tatsächlich die Existenz eines Täufers zutage. Dabei handelte es sich um den bekannten Fridli Hersperger, mit dem sich die Basler Obrigkeit vor allem zwischen 1610 und 1625 intensiv auseinanderzusetzen hatte. Trotz wiederholter Ausweisung verharrte er mitsamt seiner Frau Anna Schmid aber im Land mit dem Hinweis, dass die Erde des Herrn sei (Ps. 24!) - und nicht den Basler Behörden. Letztere hätten darum keinerlei Recht, Menschen fortzuweisen. Nachdem sich Herspergers im übrigen offenbar klaglos gehalten haben, hat die Obrigkeit wohl Gnade vor Recht walten lassen und ein bis zwei Augen zugedrückt. Höchstwahrscheinlich ist nun aber nicht Fridli Hersperger, sondern dessen Schwiegersohn Peter Berchtold jener vom Zürcher Täufer genannte Arzt. Anders als für die Herspergers, welche auf eine über Generationen ungebrochene täuferische Tradition und Präsenz in Thürnen zurückblicken können, verhält es sich mit der Familie Berchtold komplizierter. Zwar tritt schon in den 1560er Jahren verschiedentlich ebenfalls ein Peter Berchtold im Kirchenbuch von Sissach-Thürnen auf als Taufzeuge und zwar interessanterweise bei Kindern aus täuferischen Familien. Nun wissen wir, 52


dass auch Taufgesinnte die Taufe ihrer eigenen Kinder nicht selten durchaus zuliessen. Selbst dabei waren sie zwar in der Regel nie, sondern die Begleitung erfolgte meist durch nahe Verwandte oder landeskirchliche Freunde. Es war dies eine Form des kompromissbereiten Zugeständnisses. Möglicherweise war jener Peter Berchtold damals bereits schon ein Sympathisant, kaum aber ein Glied des Täufertums. Etwa zwanzig Jahre später vermählt sich sodann ein Abraham Berchtold von Thürnen mit einer gewissen Anna Hitzig. Zusammen mit einer Reihe von Kindern ziehen die beiden in der Folge nach Mähren, dem Asyl-Eldorado jener Zeit für das europäische Täufertum. Mitte der 1590er Jahre befinden sie sich jedoch wiederum in der Heimat. Spätestens jetzt sind die beiden überzeugte Taufgesinnte, über welche sich der Sissacher Pfarrer lautstark beschwert. Nach einem langen Unterbruch taucht der Name Berchtold erst wieder 1631 im Sissacher Kirchenbuch auf: Ein gewisser Peter Berchtold von Aesch (!) verehelicht sich in diesem Jahr mit einer Barbara Herspergerin, keiner andern als der Tochter der täuferischen Eltern Fridli und Anna HerspergerSchmid! In einem späteren Verhör gibt er an, er sei anfangs durchaus konform zum reformierten Gottesdienst gegangen. Später aber ist er offenbar irre geworden an der Diskrepanz zwischen landeskirchlicher Theorie und Praxis. Leben und Lehre seiner Schwiegereltern müssen dabei offenbar den Wechsel ins täuferische Lager mitverursacht haben. Nun hat allerdings eine langwierige Suche nach möglichen Verbindungen zwischen den früheren täuferischen Thürner Berchtolds und dem Hinweis des Herkunftsortes „Aesch“ weitere interessante Details zutage gefördert. Dokumente aus den katholisch-fürstbischöflichen Vogteien Pfeffingen und Birseck haben ergeben, dass ein Peter Berchtold anno 1581 zum Klusmeier, dem angesehenen Verwalter des Klushofes bei Pfeffingen, ernannt wird. Als Nachfolger hat dessen Sohn Michael die Klusmeier-Funktion inne bis zu dessen Tod im Jahre 1618. Da der Vogt von Pfeffingen den einträglichen Hof in der Folge aber selbst kaufen möchte, betreibt er aktiv die Enterbung der in Frage kommenden Söhne des Michael Berchtold. Dies fällt ihm um so leichter, als die beiden hauptsächlichen Kandidaten, Hans und Melchior Berchtold offenbar Täufer sind und ausser Landes wohnen! Von ihrem Aufenthaltsort Markirch im Elsass aus versuchen sie mit notarieller Hilfe mehrmals vergeblich, ihr Erbe antreten zu können. Auch eine angemessene Entschädigung wird ihnen verweigert, solange sie ihrem täuferischen Glauben nicht abzuschwören bereit sind. 53


Welches die genauen verwandtschaftlichen Beziehungen des „Peter Berchtold von Aesch“ in Thürnen zur Familie des Klusmeiers sind, ist noch nicht restlos geklärt. Immerhin ist aber anzunehmen, dass er schon vor seinem Umzug ins obere Baselbiet Kenntnis vom Täufertum gehabt hat. Es sei auch daran erinnert, dass der Hügelzug Blauen immer wieder als täuferischer Versammlungsort genannt wird um 1600 herum! Sicher ist jedoch, dass Peter Berchtold selbst zusammen mit seiner Frau zum Begründer einer bis heute weitverbreiteten Familie geworden ist. Ab Ende der 1650er Jahre gerät er verschiedentlich in Konflikt mit den Basler Behörden und wird zur Auswanderung in die Region Schlettstadt gezwungen. Mitte der 1670er Jahre wenden sich verschiedene seiner in der Schweiz verbliebenen Kinder ebenfalls dem täuferischen Glauben zu und folgen ihren Eltern nach ins Elsass. Zusammen mit Nachkommen der Familie Hersperger wenden sie sich später in die Pfalz und vor allem nach Nordamerika. Noch heute zählen dort Bechtel oder Bergtoldt, Hershberger oder Harshberger zu weitverbreiteten, sogenannt „typischen Mennonitennamen“.

Der Klushof bei Pfeffingen - eindrückliches Beispiel dafür, welche hohen Preis manche Täufer für ihren Glauben zu zahlen bereit waren

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16 Martin Detwiler von Langenbruck

Es ist ein sonniger Herbsttag des Jahres 1696. Martin Detwiler, ein junger, soeben 20 Jahre alt gewordener und frisch verheirateter Mann vom Hof Bachtalen bei Langenbruck schlendert durch sein Heimatdorf im oberen Baselbiet. Er kommt geradewegs vom Kegelplatz und scheint recht angeheitert zu sein. Da trifft er auf Martin Waldner, seinen Taufpaten. Dieser weiss um den zunehmend leichtfertigen Lebenswandel seines Göttibuben, meint nun aber zu ihm, er sei jetzt gross und alt genug, um sein Tun und Lassen künftig selbst verantworten zu können. Er solle sich aber bewusst sein, dass auch er einmal vor Gott werde Rechenschaft ablegen müssen über sein Leben. Martin Detwiler ist von diesen Sätzen offenbar zutiefst getroffen. Von diesem Tag an ist er regelmässiger Teilnehmer an Zusammenkünften im Dorf, wo unter Anleitung seines Göttis die Bibel gelesen, aus dem Psalmenbuch gesungen und gebetet wird. In der Folge nehmen diese Versammlungen in Langenbruck immer grössere Ausmasse an und scheinen sich zu einer eigentlichen Erweckungsbewegung auszuweiten. Immer mehr Menschen stossen dazu. Ebenfalls immer mehr jedoch scheiden sich daran die Geister. Aber selbst der Pfarrer des Dorfes muss gestehen, „dass diejenigen, so das Bekehrungswerk am meisten treiben, zuvor die Gottlosesten gewesen in der Gemeinde“. Und Martin Detwilers Frau Anna Jenni gibt später zu Protokoll, „es habe ihr zwar missfallen, dass ihr Mann oft des Nachts lange ausgeblieben sei. Weil er sie aber versicherte, dass er mit keinen schlimmen Sachen umgehe, sondern dass sie nichts anderes täten, als das Wort Gottes lesen und singen - und weil sie auch gemerkt habe, dass ihr Mann vom Fluchen und Schwören, dem er zuvor so sehr ergeben gewesen, abgestanden und eine Lust zum Wort Gottes bekommen habe, so hätte sie nicht viel dagegen geredet.“ Bald beginnt dieser geistliche Aufbruch im oberen Waldenburger Amt auch die „lieben, gnädigen Herren“ der basel-städtischen Obrigkeit zu beunruhi55


gen. Sie fürchten um ihre Autorität und vermuten wieder einmal täuferische Umtriebe. Aber auch sie bekommen in einem Bericht des Langenbrucker Pfarrers Samuel Grynäus die folgenden Sätze zu lesen: „Diese Leute haben im Sinn, sich zu bekehren und im Wort Gottes sich zu üben. Die Werke stimmen mit den Worten überein, denn alle, welche diese Zusammenkünfte besuchen, werden ganz verändert: Sie enthalten sich des Schwörens und Fluchens, wie auch des Spielens; die üblen Haushalter meiden die Wirtshäuser und kommen fleissig ihrem Beruf nach; Eheleute, die zuvor übel miteinander gehaust, versöhnen sich miteinander und selbst solche, die es nicht mit ihnen halten, folgen in vielen Stücken ihrem Exempel nach.“ Martin Detwiler gehört zusammen mit Martin Waldner, seinem Paten, bald schon zu den engagiertesten Exponenten der Bewegung. Inwiefern der pietistisch anmutende Aufbruch durch täuferisches Gedankengut mitverursacht wurde, ist nicht ganz klar. Sicher ist, dass alle sowohl Waldner als auch Detwiler wenigstens in späterer Zeit an täuferischen Versammlungen auf dem benachbarten „Buchsibärgli“ oberhalb des solothurnischen Oberbuchsiten teilgenommen und über täuferische Literatur verfügt haben. Ebenso eindeutig ist aber, dass die ganze Bewegung durch den Widerstand von politischer und kirchlicher Obrigkeit immer mehr an den Rand gedrängt worden ist - ganz so, wie das dem Täufertum durch Jahrhunderte hindurch immer wieder geschehen ist. Tatsache ist es ebenfalls, dass schon Ende 1697 Martin Detwiler und seine engsten Gesinnungsfreunde samt ihren Familien sich umsehen nach einem Ort, wo sie ihres Glaubens ungestörter leben können. Spätestens in dieser Phase nun werden ihre Kontakte zu schweizerischen und ausländischen Taufgesinnten offenbar intensiver. Verdacht schöpfen die Behörden auch darum, weil es immer wieder vorkommt, dass aus Bern ausgewiesene Taufgesinnte auf ihrer Durchreise ins Ausland in Langenbruck nach Glaubensgeschwistern fragen, welche es in diesem Passdorf am Hauenstein geben soll. Kurz nach Ostern 1698 müssen Detwiler und Waldner ihre schweizerische Heimat verlassen, wobei sie sich samt ihren Familien vorerst ins Zweibrückische wenden. Bald schon taucht der Name Detwiler jedenfalls in Mitgliederverzeichnissen pfälzischer und elsässischer Täufergemeinden auf... Ich vermute, dass Martin Detwiler der Stammvater jenes weitverzweigten Geschlechtes ist, welches noch heute in vielen Mennonitengemeinden Eu56


ropas und Nordamerikas recht zahlreich vertreten ist. Dutzende von Trägern dieses Familiennamens sind in mennonitischen Enzyklopädien bezeugt als Gemeindeleiter, Prediger, Älteste, Missionarinnen und Missionare, welche offenbar mit grossem Engagement und Segen gewirkt haben und anderen zum Segen geworden sind. Und dabei hatte alles vor nunmehr 300 Jahren in einem kleinen, unbedeutenden Schweizer Dorf unweit des Rummelplatzes angefangen mit einer unscheinbar scheinenden Begegnung: Einige wenige Sätze lassen einen jungen Mann beginnen, über den Sinn seines Lebens nachzudenken... Manche von uns mögen darunter leiden, dass ihr eigener Alltag Ihnen gleicherweise unbedeutend und unscheinbar vorkommt. Die Geschichte von Martin Detwiler ermutigt mich, die ungeahnten Möglichkeiten von unbedeutend scheinenden Begegnungen und Kleinigkeiten neu sehen und bedenken zu lernen. Was wäre doch alles verpasst worden, wenn damals an jenem Herbsttag anno 1696 Martin Waldner und Martin Detwiler acht- und wortlos aneinander vorbeigegangen wären!

Alte Scheune bei Bachtalen in Langenbruck - unscheinbarer Ausgangspunkt einer eindrücklichen Geschichte.

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17 Andreas Boni von Frenkendorf

Dass der Bienenberg bei Liestal in der neueren Geschichte der europäischen Mennoniten eine wichtige Rolle gespielt hat, ist für die meisten von uns kein Geheimnis. Weniger bekannt dürfte allerdings sein, dass etliche Dörfer und Ortschaften rund um den Bienenberg herum schon früher gewisse Bezüge zur Täufergeschichte gehabt haben. Fast alle Bauernhöfe des Röserentales waren seit dem frühen 19. Jahrhundert für kürzere oder längere Zeit bewirtschaftet worden von täuferischen Familien. Wichtig war dabei vor allem der Schillingsrainhof am Eingang des Tales, wo seit etwa 1780 verschiedene Älteste unserer Gemeinde gewohnt haben. Bevor das Versammlungslokal auf dem Bauernhof Schänzli beim heutigen Reitsportzentrum in Muttenz eingerichtet wurde (1891) fanden die Taufen unserer Gemeinde jahrzehntelang (bis 1890!) auf Schillingsrain statt! Eine recht abenteuerliche und turbulente Geschichte ist diejenige von Andreas Boni, einem Leinenweber aus Frenkendorf am Fusse des Bienenbergs. Derselbe wurde 1673 geboren, getauft und als Kind gut-reformierter Eltern 1690 konfirmiert. Im Rahmen seiner beruflichen Weiterbildung zog er bald darauf in die Gegend um Heidelberg, wo er sich nicht nur verheiratete, sondern offenbar auch in Kontakt kam mit ausgewanderten Schweizer Täufern und radikalen Pietisten und sich in der Folge bekehrte. Nach dem frühen Tod seiner Frau kehrte er 1704 in sein Heimatdorf zurück, fiel daselbst aber recht rasch auf durch seine nonkonformistischen Anschauungen (NichtBeteiligung am reformierten Abendmahl; Waffen- und Eidverweigerung). Nachdem er vom Pfarrer seines Dorfes sowie vom Liestaler Schultheiss bei den Gnädigen Herren der Stadt Basel denunziert worden und daraufhin gefangengesetzt und verhört worden war, setzte er sich im Sommer 1705 wieder ins Ausland ab. Doch schon im Herbst 1706 war er wieder hier und fungierte rasch als Anlaufstelle für viele mit der offiziellen Kirche Unzufriedene. Bürgermeister und Rat der Stadt Basel waren jedoch nicht gewillt, solchem Treiben lange zuzusehen. Nach einer längeren Gefangenschaft im Spalenturm wurde Andreas Boni Ende 1706 „auf ewig von stadt und land 58


gewisen“. Da er aber um keinen Preis versprechen wollte, dass er nie mehr zurückkehren werde, antwortete er bloss, dass er solches alles Gott anbefehlen wolle. Prompt taucht er denn auch bald darauf im Waldenburger Amt auf, wird ins Halseisen gestellt und erneut ausgewiesen. Im Frühjahr 1707 schreibt er dem Basler Rat einen mehrseitigen flammenden Bussruf in biblisch-prophetischer Tradition: „Geitz und wucher, bracht und hofardt ist so grausam und hat so überhand genomen, dass es alle menschen nicht genug mit bludigen Threnen beweinen könden - wil geschwigen andere wollusten in fresen und sauffen und unzucht, in fluchen und schweren. Jo, ich mit meiner ungeschickten hand kan es nicht genug beschreiben die sünden und laster in diser stat. Suma sie reichen bis an den himel und got gedenkt sie zu strafen woh sie nicht werden mit gantzem hertzen für ihn dreden und allso betten wie oben gemeldt.“ Interessanterweise taucht Andreas Boni schon ein Jahr später in Schwarzenau nördlich von Frankfurt auf als Mitglied des Gründungskreises einer täuferischen Bewegung, welche sich später zur Church of the Brethren entwickeln sollte und heute etwa 200‘000 Mitglieder zählt! 1714 wird Boni von seiner Gemeinde in offizieller Mission in die Schweiz und wohl auch nach Italien gesandt, um auf Galeeren verdingte täuferische Gefangene frei zu bekommen. Dabei wird er massgeblich unterstützt von Mennoniten aus Krefeld und aus den Niederlanden. 1720 weicht Boni zusammen mit Glaubensgeschwistern nach Friesland aus, ab 1729 lässt er sich jenseits des Ozeans nieder in Germantown/ Pennsylvania, dem gelobten Land für religiöse Nonkonformisten jener Zeit. Das letzte, was wir von ihm kennen, ist ein Brief von 1739 an einen Cousin im Baselbiet, worin er ihm die beste Route zur Auswanderung in die neue Welt beschreibt. In der Geschichte des schweizerischen Täufertums ist Andreas Boni kaum je erwähnt worden. Ganz anders bei den Brüdergemeinden, jener heute vor allem in Nordamerika beheimateten dritten „Historischen Friedenskirche“ neben Mennoniten und Quäkern. Bei ihnen ist Frenkendorf eine Ortschaft, die zwar kaum jemand je besucht hat, die aber einen Eintrag in der grossen Enzyklopädie ihrer Kirche auf sicher hat. Wer hätte das gedacht beim raschen Durchfahren auf dem Weg zum Bienenberg...?! 59


18 Eine Berner Pietistin

Gegen Ende des 17. Jahrhunderts intensivierte der Staat Bern seine Anstrengungen, sich seiner täuferischen Untertanen zu entledigen. 1699 schrieb die bernische Obrigkeit an die Ostindien-Kompagnie in Amsterdam folgende Zeilen: „Weilen diese Leuth verschiedene unserer reformierten Religion zuwiderstreitende Meinungen führen (...) sind wir - umb diese Sect möglichst zehintertreiben - zu etlichen güetlichen Mittlen geschritten, welche aber nit gefruchtet. So haben wir befunden, dass villicht kein besser Mittel, unser Landt von dergleichen Leuthen zu befreyen, (...) als selbige an solche ohrt zu verschicken, da ihnen das Widerkehren in ihre Heimath gentzlich benommen sein wirt, und zu dem End nach Ostindien in einiche dort sich befindende Insul versandt werden könnten.“ Wie es scheint, ist dieser Ausschaffungs-Antrag Berns nie beantwortet worden. Der Gedanke, sich das lästige Übel täuferischer Eigenwilligkeit auf diese Weise vom Leibe zu schaffen, wurde allerdings weiterverfolgt. Als die Basler Obrigkeit von diesen Plänen erfuhr, verstärkte sie sogleich die Kontrollmassnahmen. Es galt zu vermeiden, dass aus Bern ausgeschaffte Taufgesinnte sich auf ihrem Territorium niederliessen! Als 1710 und 1711 die Stadt Bern in Basel um Durchfahrtserlaubnis für ihre per Schiff rheinabwärts nach Amerika deportierten Täufer und Täuferinnen bat, hatte Basel nichts dagegen einzuwenden. Dass es in Zeiten solch rücksichtslosen Vorgehens gegen eigene Minderheiten aber auch durchaus Zeichen der Barmherzigkeit gab, soll ebenfalls nicht unerwähnt bleiben. Im Umfeld des erwecklichen Aufbruchs des frühen Pietismus gibt es einige eindrückliche Beispiele solcher Nächstenliebe. Interessanterweise waren es sowohl in Basel wie auch in Bern in erster Linie vornehme, begüterte Frauen, welche in diesem Punkt die Initiative ergriffen und Erstaunliches vollbrachten. In Basel gehörten beispielsweise zu diesem Personenkreis Gertrud Thierry-Hugo oder Sophie von Planta-von Rosen, die Besitzerin von Schloss Wildenstein. 60


Der nachfolgende Bericht über eine noble Bernerin vermag diese Anteilnahme überzeugend zu illustrieren: „Ihre ordinari (gewöhnliche) Arbeit war Strümpf-Stricken, die sie hernach unter die Armen austheilete. Sie nahm sich sonderlich der gefangenen Täufferen sowohl mit Fürbitt bey der Obrigkeit als anderer Versorgung an. Als (...) über die nach doppleter Landt-Verweisung zum andern Mal wieder ins Land gekommenen Taüffer ein gnädig(!) Urtheil war gefället worden, dass sie nemlich in drei Tagen solten auf ein Schiff gesetzt und biss in die Pfaltz zu ihren Brüdern geführt, auch mit Lebens-Mittlen biss dahin versorget werden, schickte sie nicht nur zu unterschidlichen Freünden eine Steur für sie zu sammlen, sondern liess auch nachfragen, was sie von Kleidern nöthig hätten. Danach liess sie alsobald durch einen Schneider Hausstuch und andere Materialia kauffen und die Kleider schneiden. Sie machte drei fromme edeliche Jungfern zu sich kommen und nähete mit selbigen Tag und Nacht an solchen Kleidern, ob welcher Arbeit ich sie zu meiner innigen Erquickung selber angetroffen und gesehen, wie diese zarten Hände an groben Hosen, Wams etc. zu nähen arbeiteten, welche dess Tags daraufff bey dem Abzug den guten Leüthen samt der gesammleten Geltsteür aussgetheilet worden. Unter vielen Exemplen ihrer Armenliebe war sonderlich dieses erbaulich, dass sie die obgemelten bey zwei Jahren in der Insel gefangen gesessne Täuffer fleissig besuchete, da sie dann ihr Brot, übrige Speiss, Bett und ganze Aufwart visitierte, ob solches alles nach dem oberkeitlichen Befehl ihnen gereichet würde. Sie liess auch allemahl weisses Brot, Butter, Honig, Wein dahin tragen und nahm die eine oder andere fromme Frauws-Person mit sich. Da verrichtete sie dann mit den Taüfferen das Gebätt, verzehrete diese Speisen mit ihnen, gab jedem ein Glässlein Wein, den Kranken stiesse sie es selber ein und erquickete sie mit dieser leiblichen Gaab. Ihrerseits wurde sie von ihren (der Täufer) einfältigen christlichen Discursen (Reden) und im Gebätt mit ihnen wieder erquicket. Sie war gewisslich gegen diese sonst so verschreyten Leüte recht mütterlich gesinnet.“ Man mag diesen Bericht als schönfärberisch bezeichnen und ihn als Ausdruck eines elitären Helfersyndroms kritisieren. Dennoch bleibt der Ein61


druck einer engagierten Frau, die danach strebte, zusammen mit Gleichgesinnten ihrem Glauben Ausdruck zu verleihen. Dass sie dabei nicht davor zur체ckschreckte, sich mit den Ge채chteten ihrer Zeit einzulassen, vermag bis heute zu beeindrucken. Vom sozialen Status her gleicht die Sch채nzli-Gemeinde wohl eher dieser noblen reichen Frau als den verfolgten Taufgesinnten. Ob wir ihr auch vom Verhalten her gleichen wollen!?

Schloss Wildenstein bei Bubendorf - um 1700 im Besitz der pietistischen M채zenin Sophie von Planta.

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19 Die Inspirierten im Baselbiet

Viele Menschen spürten am Übergang vom 17. zum 18. Jahrhundert, dass sie möglicherweise an der Schwelle zu einer bedeutsamen Wende standen. Immer mehr Gläubige begannen, an Lehre und Leben der bestehenden Konfessionen irre zu werden. Immer mehr drängten nach einem Neuaufbruch. Immer mehr sehnten sich nach einer geistlichen Erweckung. Und tatsächlich: Mit dem Pietismus war seit einigen Jahrzehnten eine Bewegung entstanden, die aus den Sackgassen des Zeitalters der Orthodoxie herauszuführen versprach: Anstelle blosser „rechter Lehre“ (so die Bedeutung des Wortes „Orthodoxie“!) sollte nun auch „rechte Praxis“ ihre Bedeutung erlangen. Überall im Land entstanden erbauliche Bibellese- und Gebetskreise. Vertreter traditioneller Kirchen und Obrigkeiten sahen sich durch diese Aufbrüche oft bedroht und versuchten, dieselben zu unterbinden. Insofern es gelang, diese Erweckung in bestehende Strukturen und Kirchen zu integrieren, fand man sich über kurz oder lang damit ab. Nicht alle Erweckten liessen sich allerdings in vorgegebene Institutionen einbinden! Eine Vielfalt sogenannt „radikal-pietistischer“ Gruppen stand beharrlich abseits. Solche „Separatisten“ wurden nun - gleich den Taufgesinnten - europaweit verfolgt. Immer wieder kam es um 1700 herum zu Kontakten zwischen Radikal-Pietisten und dem älteren Täufertum. Auch dieses hatte da und dort an innerem Schwung verloren und stand - ähnlich wie die Grosskirchen - in der Gefahr der Erstarrung. Geistliche Erweckung war auch in täuferischen Kreisen ein Thema! Anderseits fühlte man sich einander natürlich ohnehin verbunden durch die gemeinsame Opposition zum Establishment! Auch im Baselbiet fand eine Reihe solcher Begegnungen statt. Eine wichtige Figur in diesem Zusammenhang war der zur Inspirationsbewegung zählende württembergische Bäckerknecht Johann David Gmählin. Die Inspirationsbewegung entstand ab 1688 unter den bedrängten und ihrer Pfarrer beraubten Hugenotten in den südfranzösischen Cevennen. Laien beanspruchten im Trancezustand unter aussergewöhnlichen körperlichen Erscheinungen („convulsions“), als gottgesandte, vom Heiligen Geist inspirierte „Instrumente“ oder „Werkzeuge“ zu reden. Sie riefen via Gottesreden in der Ich63


Form (!) zur Busse angesichts der bevorstehenden endzeitlichen Ereignisse. Via England und Deutschland verbreitete sich diese Inspirationsbewegung rasch auch bis in die Schweiz. Ein Vertreter der Bewegung, Eberhard Ludwig Gruber, charakterisierte dieselbe 1716 wie folgt: „Die heut zu Tage so genannten Inspirierten sind Leute, welche von einem gewissen Geist getrieben, unter allerhand sonderlichen und manchmal seltsamen Leibes-Bewegungen auf eine sonst ungewöhnliche Weise reden und aussprechen, was und wie ihnen ein solcher Geist einhauchet oder eingiebet. Bei den wahren Inspirierten ist es der gute und göttliche, bei den falschen aber der böse und eigene Geist.“ Die Unterscheidung der Geister war demnach sowohl inner- wie auch ausserhalb der Inspirierten die ganz grosse Herausforderung! Um Erweckung hatte man zwar intensiv gebetet. Und nun schien sie da zu sein. Aber war sie das wirklich? Manifestierte sich der allzulang unter Verschluss gehaltene Geist Gottes auf derlei seltsame Art und Weise? Tatsächlich muss der Anblick dieser ekstatischen Erscheinungen für Ungewohnte und Uneingeweihte „schrecklich und grässlich“ gewesen sein: „Die äusseren Bewegungen bestehen insonderheit in einem ungewöhnlichen und der blossen Natur meist unmöglichen Schütteln des Kopfs, Schlappern des Mundes, Zuckung der Achseln, Schlottern der Knie, Zittern der Beine, Erschütterung und sitzender Aufhüpfung des ganzen Leibes“. (Gruber) Es scheint, dass manche Inspirierten selbst aus diesen Erscheinungen wenig Wesens gemacht haben und lieber auf sie verzichtet hätten. Da dies aber nicht möglich zu sein schien, haben sie sich sozusagen damit abgefunden! Als hauptsächlichstes Ziel aller Aussprachen und Erscheinungen gaben die Inspirierten aber immer wieder an, „dass die armen Menschen dem Zeugnisse der heiligen Schrift glauben, dem klopfenden heiligen Geiste aufthun, mithin geänderte, wiedergeborene und mit Gottes Geist erfüllte Herzen bekommen mögen, mit denen sich Christus in süsser Bräutigams-Liebe vereinigen (...) könne. Welcher gesegnete Effekt auch Gottlob in kurzer Zeit daher an viel tausend Seelen, trotz der höllischen Schlangen und Ottergezüchte ist erhalten worden!“ (Gruber)

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Tatsächlich muss etwa Pfarrer Strübin von Bubendorf 1720 bekennen, dass Gmählin binnen weniger Wochen mehr an geistlichem Aufbruch in seinem Dorf bewirkt habe als er selbst während Jahren! Seit spätestens 1715 dürfte Gmählin in täuferischen und pietistischen Kreisen in der Schweiz verkehrt haben. Bern weist ihn in jenem Jahr aus und publiziert seinen Steckbrief: „Diser Gmehli ist ein ansehenlicher wohlgestalter Man von ohngefahr 30.Jahren allters, braunen kreuslechten haaren, ohne Bart, hat dißmahl ein brauns Camisul, weiße weite Hosen und Strümpff, und eins schwarze Cravatte.“ Spätestens ab 1717 taucht Gmählin auch in der Region Basel auf: Zuerst in Riehen und im Kleinbasel, ab 1720 in Bubendorf, auf dem Brestenberg ob Waldenburg, auf dem Hohen Rain in Pratteln, 1722 in der Schmitte zu Oberdorf, in Ramlinsburg, sowie in Lampenberg. Überall predigt er - sehr zum Verdruss der Basler Regierung - das bevorstehende Strafgericht Gottes auch über die Rheinstadt, überall ruft er zu Busse und Umkehr auf, und überall stösst er neben viel Ablehnung auch auf Menschen, die auf ihn hören und sich erwecken lassen. Die Debatten rund um Gmählin, die damaligen Auseinandersetzungen um die Inspirationsbewegung insgesamt gleichen in manchem auf‘s Haar den Diskussionen um heutige charismatische Aufbrüche: Wer sich heute eine Meinung bilden möchte über das Pro und Kontra etwa des „Geistes von Toronto“ oder über das „Ruhen im Geist“, der würde dort wohl manch eine inspirierende (!) Anregung erhalten!

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Der Sennhof Ober-Bölchen - um 1720 bekannt als „Wiedertäuferhütte“

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20 Hans Martin und Anna Hodel von Pratteln

Nach ersten pietistischen Zirkeln in Riehen ging im April 1719 das Gerücht um, in Pratteln wolle die „Widerteüfferey“ einreissen. Schon bald war mit dem etwa 30jährigen Hans Martin der Kopf der Bewegung gefangen. Selbst die ihn prüfenden Geistlichen befinden jedoch, „dass zwar bey diesem guten menschen keine böse Intention sich finde, sondern vielmehr eine herzliche begierd, Gott dem Herrn zu dienen; dessen ungeacht aber hat er sich nicht declarieren wollen, Einer hohen Obrigkeit den Eyd der Trew zu praestieren, noch das gewehr zu tragen, in meinung, dass solches seinem gewüssen zewider seye.“

Die Basler Pfarrer kommen zur Überzeugung, dass es wohl besser wäre, ihn aus dem Gefängnis zu entlassen, „weilen er sich einbildet, es würde ihme in der freiheit leichter fallen sich nach Eüer Gnaden willen und unserem wunsch zu erklären, als aber in der verhafftung, da es einigen schein des zwanges haben möchte“.

Tatsächlich wird er darauf entlassen, allerdings mit der Auflage, binnen zweier Monate „sich dess bessern zu entschliessen“. Als er aber auch diese zwei Monate später nicht von seinen Überzeugungen abstehen will trotz aller obrigkeitlichen Drohungen und Warnungen, wird er am 19. Juli 1719 auf ewig ausgewiesen. Damit beginnt für Hans Martin und seine Familie eine Zeit rastlosen Reisens, Gejagt - und Gehetztwerdens, die wohl bis an sein Lebensende dauert. Soweit mir aufgrund archivalischer Dokumente bis jetzt bekannt, sind folgendes die wichtigsten Stationen seines Lebens: Vorerst wendet er sich nach Grenzach, wohin ihm nach einiger Zeit seine Frau Anna Hodel und ihr Kind nachfolgt. Immer wieder nimmt er aber Kontakt auf mit nonkonformistischen Kreisen in der Region Basel. Als der hiesige Boden für ihn immer heisser zu werden beginnt, flieht er mit seiner Familie 1720 ins friesländische Groningen, wahrscheinlich zu dortigen Mennoniten und den von jenen aufgenommenen verfolgten bernischen Taufgesinnten. Im Dezember des gleichen 67


Jahres kehrt seine Frau samt krankem Kind entkräftet und mittellos nach Pratteln zurück und bittet um Aufnahme. Da sie aber immer noch „stark von widerteüfferischen irrthumben eingenommen“ sei, wird ihr dies verwehrt. Nur dank lokaler Fürbitte wird ihr schliesslich das Hierbleiben bis Ende Winter gewährt, sofern sie sich „völlig endert und bessert“. Mittlerweile war auch ihr Mann aus Friesland zurück und scheint im Versteckten hin und wieder seine Familie getroffen zu haben. Bald darauf jedenfalls muss er im Bistum Basel ein Lehengut angetreten haben. Ab Spätsommer 1721 finden wir jedenfalls die ganze Familie „bei Biel“ vereint - zusammen mit vielen andern täuferischen Familien, welche ihre bernische Heimat verlassen mussten. Aufgrund der sehr harten Bedingungen im strengen Winter taucht Anna Hodel aber anfangs 1722 erneut in Pratteln auf. Auch Hans Martin selbst muss sich längere Zeit im Baselbiet aufgehalten haben, offenbar um Glaubensgeschwister zu ermutigen, zu trösten und zu belehren. Dabei sind nun aber auch neue Menschen durch ihn zum Glauben gekommen, vor allem in Diegten und Reigoldswil. Vor allem in der Region Diegten muss es, ausgehend vom Sennhof Ober-Bölchen, zu einer eigentlichen Erweckung gekommen sein: Fridli Mohler gab später zu Protokoll: „Vorhin sey ihnen nicht in Wüssen gewesen, wie mann zu Unserem Jesu kommen solle, aber eben des durch Ihn den Bratteler (=Hans Martin!) erfahren und der hab sie den rechten weg zur Seligkeit gelehrt.“ Selbstverständlich haben die Obrigkeit nun mit aller Schärfe der Bewegung zu wehren versucht, weswegen Hans Martin nach 1723 weniger oft im Baselbiet aufgetaucht zu sein scheint. Aber der Same war gelegt, und die Saat sollte auf Jahre hinaus aufgehen. Mit Bezugnahme auf täuferische und radikal-pietistische Wanderprediger jener Zeit hat jedenfalls der Bubendörfer Pfarrer nicht ohne Selbstkritik vermerkt, dass diese oft binnen weniger Tage mehr an Busse und Umkehr seitens der Bevölkerung bewirkt hätten, als er während Jahren... In der Folge lässt sich die Familie bis Ende der 1720 Jahre bei Corgémont auf dem Sonnenberg nachweisen. Anfangs 1730 bittet Hans Martin den Basler Rat schriftlich um Auszahlung von bisher mit Beschlag belegten Geldern, welche ihm zustehen: Da seine Frau unlängst verstorben sei, benötige er diese Mittel für seine beiden Kinder. Ende 1730 kommt es in Neuenburg zu 68


einem Treffen mit dem durchreisenden späteren Muttenzer Pietisten-Pfarrer Hieronymus Annoni, der über diese Begegnung in sein Tagebuch schreibt, Hans Martin habe „durch Erzehlung seiner Fatalitäten uns zum mitleiden bewegt und wünschen gemacht, dass doch die Gewissensfreyheit aller orten, wie in Holland und Preussen introduciret und nicht unter dem schein der Religion ein Mensch des anderen Raüber, Mörder, Wolff und Satan werden möchte.“ Im Winter 1733/34 taucht Hans Martin im hinteren Emmental auf. Unterschlupf gefunden hat er beim Täufer Peter Habegger auf dem Hackboden im Trub. Gleichzeitig hält er erweckliche Versammlungen auf den Höfen Schwand, im Loch, im Gerstengraben, im Ried und zu Oberen Bergen. Im Frühjahr 1734 flieht er an den Genfersee, im Sommer wird er an der Aarebrücke zu Wangen gesehen, später taucht er wieder im Baselbiet auf. Die letzten Lebenszeichen von Hans Martin stammen aus dem Jahr 1736 und zwar aus Pennsylvania in Amerika, wohin er sich zuletzt offenbar begeben hat auf der Suche nach einer Ruhestätte... Herumgehetzt um ihres Glaubens willen: Hans und Anna Martin-Hodel sind vielleicht ein dramatisches, lange aber nicht einziges Beispiel. Als Mennoniten tun wir gut daran, in einer Zeit grosser Flüchtlingsströme diese unsere eigene kirchliche Vergangenheit nicht zu vergessen: Wie viele wären damals wie heute um gastlichere Aufnahme dankbar gewesen... Vielleicht ist darüber hinaus aber auch die Frage zu stellen, ob nicht auch bei uns wieder etwas häufiger mutige Entscheide zum Aufbrechen fallen müssten. Nicht halbwegs erzwungen wie bei Martins, sondern freiwillig: Altes loslassen und Neues wagen um des Glaubens willen. Wahrscheinlich ist geistliche Erneuerung anders kaum zu haben...

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21 Martin Recher von Ziefen

Nicht nur in Bern stiessen religiöse Nonkonformisten auf etwelche Sympathie in vornehmen städtischen Kreisen (s.o.). Auch in Basel wurden im Gefängnis sitzende, zumeist ländliche radikale Pietisten und Taufgesinnte von Gesinnungsfreunden aus der Stadt regelmässig besucht. Und auch hier waren es in erster Linie noble begüterte Frauen, welche sich mit dem Erweis von Liebeszeichen und Unterstützung besonders hervortaten. Als die Oberbaselbieter Fridli Nägelin aus Reigoldswil (s.u. Nr. 22) und Martin Recher aus Ziefen anfangs 1722 in Basel inhaftiert waren, wurden sie offenbar derart intensiv besucht, dass die Obrigkeit sich veranlasst sah, ihre Haftbedingungen drastisch zu verschärfen, da der „zulauff der allhiesigen Separatisten zu Ihnen sehr frequentiert war und allerhand essende sachen und bücher Ihnen zugeschickt wurden“. Noch etliche Jahre später zeigten sich fromme Basler Frauen zutiefst beeindruckt vom Glauben Rechers, an welchem er festhielt auch gegen baslerische Unduldsamkeit. Wer ist nun aber dieser Martin Recher? Martin Recher von Ziefen wurde gegen Ende des Jahres 1692 geboren. Im Alter von 26 Jahren verheiratete er sich mit Elisabeth Rudin. Als Seidenbandweber musste er sich beruflich hin und wieder in die Stadt begeben und scheint dabei auch in Berührung gekommen zu sein mit pietistischem Gedankengut. Immer wieder kehrt Recher ein in den Häusern vornehmer und frommer Basler und Baslerinnen, welche ihn mit erwecklicher Literatur versorgen. Aber auch zuhause scheint er regelmässig an privaten Versammlungen von herumziehenden Wanderpredigern teilgenommen zu haben. Dabei ist das Tal der Hinteren Frenke offenbar ein bevorzugtes Wirkungsfeld des pietistisch-täuferischen Prattelers Hans Martin (s.o. Nr. 20) sowie des Markgräfler Inspirierten David Johann Gmählin (s.o. Nr. 19) gewesen: Als man im Sommer 1721 im Baselbiet herumreisende Berner Nonkonformisten aufgreift, entdeckt man in ihrem Besitz regelrechte Listen, worauf Personen und Orte verzeichnet sind, bei denen sie sich anmelden und Unterschlupf finden können. Danach müssen Bubendorf und Ziefen neben Nieder- und Oberdorf sowie Pratteln beliebte Stationen gewesen sein! 70


Als die Basler Obrigkeit gegen diese Umtriebe einschreitet, wird auch Recher bald einmal verhaftet. Dabei entdeckt man, dass Recher schon längere Zeit nicht mehr am Abendmahl teilgenommen hat; dass er sich weigert, künftig je noch die Waffe zu ergreifen, weil Christus solches nicht gelehrt habe; dass er auch keinen Eid mehr schwören und keine kleinen Kinder taufen lassen möchte. Zu seinem eigenen Pfarrer gehe er mit seinen Anliegen deshalb nicht, weil dessen Leben nicht mit der Lehre übereinstimme: Derselbe „sei geitzig als Ein Baurenman; man solte nach der Liebe, barmhertzigkeith und Guththätigkeith wandlen, arme Leüth beherbergen, welches aber der Herr Pfarrer nicht thue“. Diese Gastfreundschaft und Hilfe haben Recher und andere offenbar auf eindrückliche Weise bei städtischen Pietisten erlebt. Als er im Verhör gefragt wird, ob er auch die Waffenverweigerung von seinen Wohltätern und Wohltäterinnen gelernt habe, verneint er dies: „Seinem Beduncken nach seyen die Krieg im Neuen Testament verbotten. Die Christen sollten keine anderen Waffen führen als Threnen und Gebett“. Da Recher trotz aller Ermahnung nicht von seinen Überzeugungen abstehen will, wird ihm als einem „perfecten Widertaüffer“ die Ausweisung angedroht. Darauf antwortet er, „er hab gemeint, (er) seye auff dem Weg, der Gott gefalle, seye in der Liebe Gottes forttgewandlet und habe niemand beleidiget, auch nit anderst dann nach dem Evangelio gelebt.“ Als die Obrigkeit insistiert, ob er seine Meinung nicht doch noch ändern wolle, „hatt er hierauff angefangen, bitterlich zu weinen und vermeldet, Ja er bleibe auff allen Puncten, er wolle Gott sein leib und seel befehlen, es seye aber doch schmertzlich zu bedauren, dass man mit denjenigen, so nach dem Evangelio leben, so scharpff als mit übelthäteren verfahre, da hingegen die schwöhrer, tantzer, spieler, saufer und hurer so gelind tractirt werden“. Martin Recher wird demnach am 4. März 1722 ausgewiesen und wendet sich ins bernische Oberdiessbach zum pietistenfreundlichen Junker Albrecht von Wattenwil. Als Seidenbandweber verdient er dort sein Brot, vorerst allein, ab Juni 1723 zusammen mit seiner ihm nachgereisten Frau. Ihre Kinder dürfen sie trotz etlicher Gesuche nicht nachfolgen lassen: Sie bleiben in der Obhut der Grosseltern in Ziefen. Möglicherweise ist es diese Sehnsucht nach den eigenen Kindern gewesen, gepaart mit einer grösseren Bereitschaft zur künftigen Einordnung in die geltenden kirchlichen und obrigkeitlichen Gesetze in Basel, welche sie von einer Rückkehr in die Heimat haben 71


träumen lassen. Am 29. Juli 1730 erreichen sie in Basel ihre Begnadigung und kehren in der Folge nach Ziefen zurück. Ihre pietistische Frömmigkeit dürften sie beibehalten haben, reisen doch aus ihrem engsten Bezugskreis verschiedentlich Leute zusammen mit anderen religiösen Nonkonformisten nach Nordamerika aus, dem gelobten Land für manch einen in der Heimat schief angesehenen frommen „Stündeler“. Der noble Basler Franz Sarasin, einer der Gönner Rechers, befand sich mit seiner Meinung eben durchaus in der Minderheit, als er sagte, „wenn Widertaüffer ein besseres leben füehren als laue evangelische Christen, dann könne er sie nicht tadeln...“

Die Petersgasse in Basel - um 1720 ein Zentrum städtischer Pietisten und Zufluchtsort frommer Landschäftler

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22 Fridli und Elsbeth Nägeli-Tschudi von Reigoldswil Etliche Jahre später als anderswo beginnen sich gegen 1720 auch in Basel pietistische Umtriebe breitzumachen. Am 23. August 1721 startet der Basler Antistes (=Oberpfarrer) eine entsprechende Umfrage auf der Landschaft. Während etliche Dorfpfarrer eher bedauernd feststellen, dass es bei ihnen „in diesen verdorbenen Zeiten“ leider viel mehr „Impietisten als wahre Pietisten“ gebe, klagen andere wortreich über nonkonformistische Fromme in ihren Gemeinden. Einer dieser Ärgernis erregenden Frommen ist Fridli Nägelin, der Bäcker aus Reigoldswil. Zusammen mit seiner Frau Elsbeth Tschudi aus Muttenz ist er laut eigenem Pfarrer aus einer Mischung von Eigenverschulden und Pech in äusserste Armut gestürzt. Diese Misere soll es angeblich gewesen sein, welche die Nägelins in die Arme wohlhabender städtischer Pietisten getrieben habe. Von deren weitherum bekannter Hilfsbereitschaft sollen auch sie sich Linderung der Not versprochen haben. Nicht das Streben nach intensiverer Frömmigkeit, sondern purer Egoismus habe demnach Fridli Nägelin ins Lager der Pietisten überschwenken lassen. Die bald darauf stattfindenden Verhöre mit Fridli Nägelin und anderen Verdächtigen lassen bald ein intensives Netz von Beziehungen baslerischer und ausländischer religiöser Nonkonformisten erahnen. Offensichtlich geprägt von radikal-pietistischen aber auch täuferischen Sendboten, spricht sich Fridli Nägelin gegen den Waffendienst und das Eidschwören aus. Gegen den Vorwurf, er habe diese irrigen Meinungen bloss darum von seinen pietistischen Wohltätern übernommen, um weiterhin von deren Freigebigkeit profitieren zu können, wehrt er sich und meint, er sei gern arm und begehre nicht reich zu sein. Als man ihm vorhält, er spreche sich immer wieder für die Gütergemeinschaft unter Christen aus, sagt er, dass er dieselbe zwar nicht fordere, aber man solle durchaus nicht geizig sein wie etwa sein Pfarrer, sondern teilen. Auch gegen die Kindertauf- und Abendmahlspraxis macht er Bedenken geltend. Es störe ihn, dass man immer wieder reiche Leute als Taufpaten wähle, die überhaupt nicht gläubig seien. Für ihn bestehe das Christentum nicht in Lippenbekenntnissen, sondern 73


„in der buss, der liebe und dem fleiss der guten wercke. Demnach, dass ihme alle Religionen gleich seyen, und Er Juden, Türcken und Heiden, Papisten und andere für brüder halte, die da könten seelig werden, wan sie nur Gott lieben,förchten und recht thun.“ Jedenfalls glaube er, „dass diese Leüth alle, wan sie Newe Creaturen, werden durch guthe Werckh näher bey Gott seyn alss diejenigen, so des Herrn Willen wissen und solche nicht thüegen.“ Trotz aller pfarrherrlichen und obrigkeitlichen Entrüstung ob solcher Aussagen scheint es Nägelin gelungen zu sein, seinen Kopf noch einmal aus der Schlinge zu ziehen. Am 5. Februar 1722 meldet er dem Pfarrer von Bretzwil die Geburt einer Tochter. Als Taufpaten wünscht er sich aber nicht einfache Dorfgenossen, sondern illustre Persönlichkeiten, welche der pietistischen Bewegung entweder nahe stehen wie der Pfarrhelfer von Pratteln, oder aber ihr eindeutig zugezählt werden müssen wie die wohlhabende Witwe Gertrud Thierry-Hugo. Deren Wohnsitz in Basel ist seit längerer Zeit ein von der Obrigkeit beargwöhnter überregionaler Treffpunkt von Pietisten und Separatisten unterschiedlicher Schattierung und gleichzeitig Umschlagplatz von entsprechender Literatur. Die Verehrung, welche Gertrud Thierry gerade auf dem Lande bei den Frommen geniesst, wird auch bei Fridli Nägelin deutlich: Seine Tochter soll ebenfalls Gertrud heissen... Was beim Bretzwiler Pfarrer aber ganz schlecht ankommt, das ist der Wunsch der Eltern, die Taufe nicht in der Kirche, sondern zuhause durchzuführen, damit keine Ungläubigen durch ihre Gegenwart die Heiligkeit der Handlung stören können.. Insbesondere wird ihm als dem obrigkeitlich bevollmächtigten Seelsorger dabei übel aufgestossen sein, dass sich Nägelin bemüssigt fühlte, ihn zu ermahnen, auch er als Pfarrer möge doch Busse tun und echt gläubig werden... Obwohl das Seilziehen um die Taufe der kleinen Gertrud letztlich in kirchlichem Sinne entschieden und knapp einen Monat nach der Geburt der öffentliche Taufakt in der Bretzwiler Kirche vollzogen wurde, so entging Fridli Nägelin der Verbannung doch nicht mehr. Trotz mehrmaliger Ermahnung blieb er beharrlich bei seinen Überzeugungen und wurde darum am 4. März 1722 aus dem Hoheitsbereich Basels auf ewig ausgewiesen. Schweren Herzens erwiderte Nägelin darauf, er sei nun „einmahlen mit Christus vermählet und wolle über Ihne gehen lassen, was über ihne verhencket. Er sey ein armer Tropf, der sein Sach erbettlen oder verdienen müsse. Er sehe nichts anderes als in Christi Fussstapfen zu tretten und Creutz und Trübsahl auszustehen.“ 74


Als einer der wenigen Basler Nonkonformisten des frühen 18. Jahrhunderts muss sich Fridli Nägelin in der Folge ins Bistum Basel gewandt haben, wo er zusammen mit vielen ausgewiesenen Berner Taufgesinnten jahrelang auf „Wiedertäuferlisten“ auftaucht. Soweit wir wissen hat er - nach dem Nachzug der Familie aus dem Baselbiet - etliche Zeit ob Corgémont und auf dem Courtelaryberg gelebt. Da ihnen aber auch dort kein ungestörter Aufenthalt vergönnt ist, gibt die Familie die Hoffnung auf eine Rückkehr ins Baselbiet nicht auf. Nach einem ersten erfolglosen Begnadigungsgesuch von 1728, wird ihnen 1732 die Rückkehr nach Reigoldswil erlaubt unter der Bedingung, sich konform zu verhalten. Offenbar müssen Nägelins dazu bereit gewesen sein, denn am 7. Mai 1732 melden die Basler Pfarrer der Obrigkeit die Wiederaufnahme derselben in die volle Kirchenmitgliedschaft. Am 11. Mai werden prompt die vier in der Fremde geborenen und bisher ungetauft gebliebenen Kinder der Familie getauft! Offenbar ist aber auch dieser Versuch des neuerlichen Heimischwerdens in der reformierten Kirche nicht geglückt. Schon bald danach beklagt sich der Pfarrer, man sehe Nägelins kaum je beim Abendmahl. Zum andern fühlen sich Nägelins durch öffentliche Aussagen des Pfarrers von der Kanzel immer wieder angegriffen und blossgestellt. Hinzukommt, dass ihr ältester Sohn querschlägt, 1734 offenbar einen brutalen Mord mitbegeht und in der Folge hingerichtet wird. So verwundert es eigentlich kaum, dass Nägelins im Frühjahr 1738 zusammen mit anderen frommen Baselbietern die gnädigen Herren der Stadt Basel um Vergantung ihrer Güter und die Entlassung aus der Leibeigenschaft bitten: Sie alle möchten aufbrechen ins gelobte Land der Freiheit: America! Nach anfänglichen Ermahnungen willfahrt ihnen die Obrigkeit in diesem Ansinnen recht rasch: Mit der Familie Fridli und Elsbeth Nägelin-Tschudi aus Reigoldswil jedenfalls sollte sie in der Folge nichts mehr zu tun haben.

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23 Hieronymus Annoni von Muttenz

Was hat das Baselbiet, was hat Muttenz mit den Amischen zu tun? Zugegeben, geradezu offenkundig sind hier die Bezüge nicht. Aber im Jubiläumsjahr der Entstehung der Amischen (1693-1993) mag ein solcher Schwenker verzeihbar sein... Nicht vielen sagt wohl der Name Hieronymus Annoni viel. Und doch ist nach ihm eine Strasse in Muttenz benannt. Annoni ist eine der bedeutendsten Figuren des frühen schweizerischen Pietismus. Als Pfarrer von Waldenburg und später Muttenz zogen seine Gottesdienste Menschen aus einem weiten Umkreis an. Dies passte zwar nicht allen in den Kram. Die gnädigen Herren von Basel haben an Sonntagmorgen bisweilen sogar die Stadttore schliessen lassen, um das Pilgern nach Muttenz zu unterbinden...Dem Interesse Annonis an Kontakten mit religiösen Minderheiten aller Art verdanken wir auch wertvolle Hinweise zum Täufertum. So beschreibt Annoni im Tagebuch seiner Schweizerreise des Jahres 1730 eine Begegnung besonderer Art im neuenburgischen Peseux: „Besuch bei Uli Amman, einem Wiedertaüfferischen Lehrer, welcher uns Brodt und Wein Zur Labung Vorstellete, und zu guten Gesprächen veranlassete, die sich aber nach und nach ins Disputiren verwandelt. Es hat dieser Man, der auss dem Bernerischen verstossen worden, eine Ansehenliche Statur und Ehr Würdigen Bart, dabey ein gutes Gerücht zu Statt und Land. Die H.Schrifft lag eben vor ihm und ward in allen seinen Discoursen, nach der alten Froschauer edition, fleissig citiret. Für seine Secte ist er sehr eyferig, doch in Liebe. Unter dem Schein der Einfalt besitzet er viele Klugheit, und wusste gegen den Kinder-Tauff der heutigen verfallenen Christenheit mit Schrifft- und Vernunffts Gründen so anzugehen, dass die Orthodoxie dabeÿ zimliche Noht gelitten.“ Wer ist dieser Ulrich Ammann? Es ist niemand anderes als der Bruder Jakob Ammanns, der gemeinhin als Begründer der Amischen gilt. Beide sind wahrscheinlich aufgewachsen in Erlenbach im Simmental. Beide erleben sie hautnah die Verfolgung der Taufgesinnten durch die bernische Obrigkeit, vielleicht schon als Älteste einer Gemeinde. Gleichzeitig sehen sie im Auf76


kommen des Pietismus, in der Verinnerlichung und Privatisierung des Glaubens eine neue Gefahr auftauchen. Das Wohlwollen, das dem Täufertum von diesen pietistischen „treuherzigen Seelen“ entgegengebracht wird, droht die Grenzen zwischen Gemeinde und Welt zu verwischen. Diese Eindrücke verdichten sich bei Jakob und Ulrich Ammann noch bei deren Auswanderung ins Elsass. Sie erschrecken über die ihrer Ansicht nach laxe Gemeindedisziplin, welche sich dort nach Jahrzehnten der Duldung breitgemacht hat. In Sainte-Marie-aux-Mines (Markirch) in den Vogesen kommt es zu einem ersten Eklat, als Jakob Ammann eine rigorosere Gangart durchsetzen will, um die „Reinheit der Gemeinde“ wiederherzustellen. Als er anlässlich einer pastoralen Reise durch das Bernbiet im Sommer 1693 auch dort für seine Auffassungen wirbt, kommt es zum Bruch. Vordergründig geht es dabei um die Frage der Meidung. Zur Debatte steht, wann und weshalb jemand aus der Gemeinde auszuschliessen sei, ob und inwiefern eine ausgeschlossene Person zu meiden sei (wobei das Ziel der Meidung deren Reue und Wiederaufnahme ist), sowie ob auch Menschen ausserhalb der eigenen Denomination das Heil zu erlangen möglich sei. Der Riss zwischen Amischen und ihren Gegnern geht bald quer durch das Täufertum in der Schweiz, im Elsass und in der Pfalz. Um die Jahrhundertwende bereut ein Teil der Amischen das eigene Vorgehen und bekennt, schwerwiegende Fehler begangen zu haben. Insbesondere Ulrich Ammann hofft durch das Eingeständnis eigener Schuld die Gegenseite ebenfalls zur Reue ermutigen zu können. Für manche der Gegenseite kommt diese Einsicht aber angeblich zu spät: Sie pochen darauf, dass das Unrecht primär auf Seiten der Amischen liege. So kommt es tragischerweise vorerst zu keiner Versöhnung. Vielmehr führt die nun wieder quer durch Europa einsetzende Verfolgung zu einem geographischen Auseinanderdriften: Die Amischen betonen die Fremdlingschaft der Glaubenden auf dieser Erde, schütteln als Verfolgte nach Mt 10 den Staub von ihren Füssen und ziehen in grosser Zahl weg. Kein Wunder, dass es Amische heute sozusagen nur noch in Nordamerika gibt. Die Nicht-Amischen beharren mit Ps 24 darauf, dass die Erde des Herrn sei und darum keine irdische Obrigkeit das Recht habe, sie auszuweisen. Sie beissen sich auf ihrem Grund und Boden fest und fliehen höchstens vorübergehend in die unmittelbare Nachbarschaft, um bei nächster Gelegenheit zurückkehren zu können. 77


Ganz generell ist ja wohl die Frage des Gehens oder Bleibens in Zeiten der Not eine existenziell entscheidende: Nicht nur in der Täufergeschichte, sondern in unserem Leben insgesamt. Es gibt für beides eine Reihe guter Gründe wie auch eine Serie von Gefährdungen. Die Geschichte der Entstehung der Amischen stellt uns aber nicht nur die Frage des Gehens oder Bleibens. Vielmehr geht es um so zentrale Fragen wie: Was ist Gemeinde Jesu Christi? Wer gehört dazu? Wie eng oder wie weit ist die Mitgliedschaft zu verstehen? In welchen Bereichen muss Konsens vorhanden sein, um noch von Geschwisterschaft in Christo sprechen zu können? Es ist klar, dass es bei diesen Fragen um eminent mehr geht als um „Haken und Oesen“ oder um Schnäuze und Bärte. Hier geht es um die bis heute aktuell gebliebenen Fragen der gemeindlichen Identität, des innerdenominationellen Konsens sowie des ökumenischen Gesprächs. Und spätestens hier geht die amische Herausforderung auch uns heute etwas an!

Das Waisenhausgut bei St. Jakob wurde ab 1777 ein Zentrum für aus dem Elsass zuziehende amische Täufer

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24 Hans Schwari von Schwarzenegg auf Alt-Schauenburg Von 1525 an bis in die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts lässt sich eine lückenlose und teils recht zahlreiche Präsenz von Täuferinnen und Täufern in unserer Region nachweisen. Danach scheinen die weltlichen und kirchlichen Obrigkeiten für einige Jahrzehnte Ruhe gehabt zu haben von dieser für sie lästigen und bedrohlichen Gruppe. Erst gegen Ende des Jahrhunderts setzt eine neue Einwanderung vom Emmental, Jura und Elsass her ein. Im Jahr 1777 beschwert sich der Pfarrer und Dekan von Läufelfingen darüber, dass sich wieder vermehrt „Wiedertäufer“ im Land einnisten würden - oft mit stillschweigender Duldung oder gar auf Veranlassung vornehmer Basler Bürger. In der Folge dankt der baselstädtische Oberpfarrer dem Kollegen auf der Landschaft für dessen vorbildliche Wachsamkeit. Er veranlasst eine Umfrage in der ganzen Region, um allenfalls vorhandene Täufer und Täuferinnen aufzuspüren. Auch Pfarrer Fäsch von Frenkendorf kommt nicht darum herum, einen Bericht über die Lage in seinem Dorf zu verfassen. Seinem Schreiben entnehmen wir, dass seit kurzem auf Alt-Schauenburg eine täuferische Familie lebt. Es sind dies Hans Schwari aus Schwarzenegg bei Thun, dessen Frau Barbara Summer und drei ihrer insgesamt fünf Kinder. Sie alle scheinen vom Elsass zugezogen zu sein und sind in Diensten der (wohl ebenfalls täuferischen) Pächter Niklaus und Jakob Hirschi aus Schangnau. Aufschlussreich sind die Bemerkungen von Pfarrer Fäsch über die täuferischen Gottesdienste jener Zeit. „Sie haben ihre ordentlichen Lehrer wie wir und lesen in ihrer Versammlung zwei Kapituls aus der Bibel, singen und beten auch, und ihre Lehrer, derer gemeiniglich zwei sind, lehren einzig und machen über das lesende oder gelesene Wort ihre Anmerkungen nach ihren Begriffen. Und alle mal zu Ende des Gottesdienstes muss das Volk sein Zeugnus geben, ob sie glauben, dass dasjenige, welches ihre Lehrer über das gelesene Wort angemerkt, dem Sinn des Worts gemäss seye!“ Laut Aussagen von Hans Schwari fanden diese Gottesdienste zu jener Zeit im Roten Haus, auf dem Wildenstein oder im Bistum Basel statt. Es ist interessant zu sehen, wie offenbar noch Ende des 18. Jahrhunderts die 79


Gemeinde recht stark miteinbezogen war. Von allem Anfang an hielt sich das schweizerische Täufertum nämlich vorerst recht stark an Texte wie 1. Korinther 14, 26: „Wenn ihr euch versammelt so hat ein jeder einen Psalm oder eine Lehre, eine Offenbarung, eine Zungenrede, oder eine Auslegung; all das soll der Erbauung dienen.“ So hiess es schon in einer Gemeindeordnung von etwa 1540: „Wenn die Gläubigen zusammen kommen, sollen sie, wo kein besonderer Vorsteher ist, einen unter sich, wen sie für tauglich ansehen, freundlich und lieblich ermahnen, ihnen nach seiner von Gott empfangenen Gabe zu lesen oder zu sagen, oder es soll sich sonst einer selbst aus Liebe zur Verfügung stellen zum Dienst Und es kann einer nach dem anderen, je nachdem, welchen etwas gegeben ist wie Paulus lehrt (l.Kor.14), reden und seine Gaben darlegen zur Besserung der Glieder, damit unsere Gemeinde nicht gleich sei den Falschberühmten‘ (= Protestanten und Katholiken), da nur einer und sonst keiner reden darf.“ Natürlich macht es für die Organisation und Durchführung von Gottesdiensten einen Unterschied, ob ihm 30 oder 300 Menschen beiwohnen werden. Und ebenso natürlich können wir gemeindliche Ordnungen nicht einfach aus dem 16. Jahrhundert in die Gegenwart rüber kopieren. Und doch: Die Anfrage von Texten wie 1. Kor 14 an uns bleibt: „Wenn ihr euch versammelt, so hat ein jeder einen Psalm oder eine Lehre, eine Offenbarung, eine Zungenrede oder eine Auslegung; all das soll der Erbauung dienen.“ Wir sind eine grosse Gemeinde mit vielen Mitgliedern und vielen und vielfaltigen Gaben. Wie und wo und wann können sie eingebracht werden? Wieviel davon lassen wir derzeit brach liegen? Wieviele von uns leiden darunter, dass sie sich wenig bis nicht miteinbezogen vorkommen und kaum Eigenes einbringen können (dürfen?/wollen?)? Und wieviele von uns leiden umgekehrt darunter, dass sie zuvieles einbringen müssen oder solches, für das sie sich nicht oder zuwenig begabt halten? Vielleicht vermag uns die Geschichte zu inspirieren, als Schänzli-Gemeinde 1. Kor 14 neu zu verstehen und leben zu lernen. 80


25 Jakob Christen und Johann Jakob Obrecht von Muttenz - Ein Blick von ausserhalb und ein Nachwort

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts kristallisierte sich neben einer primär von bernischen Rückwanderern aus dem Elsass und dem Südbadischen formierten „Unteren Gemeinde“ eine meist via Zuwanderung aus dem Jura und dem Emmental entstehende „Obere Gemeinde“ heraus. Während jene sich in der 1847 gebauten Kapelle an der Holeestrasse in Basel versammelte, traf diese sich vorerst noch reihum auf grösseren Bauernhöfen einzelner Mitglieder - etwa auf dem Arxhof bei Niederdorf, dem Wildenstein bei Bubendorf, dem Schillingsrain bei Liestal oder dem Oberäsch bei Duggingen. Schon bald entwickelte sich aber auch der Hof Schänzli am Westrand von Muttenz, auch „Schanzhaus“ genannt, zu einem wichtigen Treffpunkt. Dies vor allem, als im Jahr 1891 der damalige Bewirtschafter David Nussbaumer-Scheidegger auf dem Hof einen grösseren Versammlungssaal einrichten liess. Aus der Zeit um die Jahrhundertwende liegen einige interessante Zeugnisse von Nachbarn dieser Täufergemeinde vor, mit denen dieser Geschichtenband abgeschlossen werden soll. Ein erster Text stammt aus den „Chronikalische(n) Aufzeichnungen über die Entstehung und Entwicklung des Weilers Schänzli bei Muttenz“ (= Muttenzer Schriften Nr.5, Muttenz 1992) von Jakob Christen-Gysin. In einem längeren Abschnitt charakterisiert der Verfasser sowohl Kontinuität als auch Wandel der „Schänzli“-Gemeinde mit folgenden Worten: „Ich wohne nun seit bald 30 Jahren in der Nähe von mehreren Täuferfamilien und habe dabei beobachtet, dass diese Genossenschaften den Sonntag sehr streng als Ruhe und Feiertag halten. Ausser der Besorgung ihres Viehes verrichten sie keine Arbeit, selbst wenn ihnen im Heuet oder in der Erndte ihr Futter oder ihre Frucht voraussichtlich verregnet wird, so wird der Sonntag doch nicht dazu in Anspruch genommen, dasselbe einzuheimsen. Auch besuchen sie an Sonntagen keine Wirtschaften. Bei ihren Gottesdiensten halten in der Regel mehrere der anwesenden Männer Ansprachen in Form von Predigten, oder einzelne lesen ein oder mehrere Kapitel aus der Bibel vor 81


und in den Zwischenpausen werden von der Gemeinde geistliche Lieder gesungen. Oftmals predigen auch Missionäre ab der Chrischona, in welchem Institut sich auch einer der täuferschen Prediger zu diesem Amt ausbildete. Zu diesen Gottesdiensten, von den Täufern „Gemeinde“ oder auch „Versammlung“ geheissen, kommen Genossen aus Entfernungen von oft 6 Stunden herbei. Die Gemeinde hat auch einen besonderen Kirchengesangschor. Dieser, aus Jünglingen und Jungfrauen bestehend, hält seine Übungen zur Zeit im Lehenhof des Schlossgutes Pfeffingen ab. Noch vor 25 Jahren trugen Frauen und Mädchen bei und an diesen Versammlungen, die während vieler Jahre und bis zur Zeit, da das Vereinshaus dazu bezogen wurde, im Schanzhaus selber abgehalten wurden, noch die althergebrachte, aus einem dunklen Wollrock, Halstuch und glatter samtgeränderter Haube oder Kappe bestehende Tracht. Zu jener Zeit setzten es die Töchter und jungen Frauen durch, auch Hüte gleich anderen Frauenzimmeren tragen und sich auch sonst ähnlich wie diese kleiden zu dürfen. [Anmerkung: Der Text stammt aus dem Jahr 1904 - ein Jahr nach dem 1903 erfolgten Umzug der „Schänzli“-Gemeinde in die neuerstellte Kapelle auf der Ebene gegen das Dorf Muttenz hin] An zwei in den letzten Jahren kurz nacheinander im Schanzhaus gefeierten Hochzeiten nahmen jeweilen über 100 Personen teil. Die Festfeier dauerte jedesmal zwei Tage und diese Zeit wurde mit Einsegnung der Brautleute, mit Ansprachen, Gesang und Essen zugebracht. Während die eine Braut nach alter Sitte mit seidener Schürze, solchem Halstuch und einfachem, schwarzem Filzhut vor den Altar trat, wagte die zweite als Ausländerin erstmals in hierartigem Kreis Kranz und Schleier zu tragen. Auch die jungen Männer lassen jetzt durchgehends den von ihren Vätern noch so verpönten Schnurrbart stehen. Ungeachtet nun aber derartige äusserliche Unterscheidungszeichen durch die Neuzeit verwischt werden, bleibt der tüchtige, kernhafte Sinn dieser Leute doch bestehen und es kommt ihre solide Einfachheit und ihr genossenschaftlicher Zusammenhalt unserer Landwirtschaft, welcher sich die Täufer fast ausnahmslos widmen, voll zu statten.“ Im Umfeld der Debatten rund um die Frage des Baus einer Tramlinie von Basel nach Muttenz erwähnt Johann Jakob Obrecht in seiner „Chronik von Muttenz 1904-1912“ (= Muttenzer Schriften Nr.4, Muttenz 1991) für 82


dasselbe Jahr 1904 ebenfalls die Täufergemeinde: Eine Tramlinie hätte den Vorteil einer besseren Einbindung des westlichen Dorfteils „Schänzli“ mit Dorf und Stadt, etwa für die vielen Personen, welche den Friedensrichter Christen aufsuchen müssen, der dort wohne, „wie denn das „Schänzli“ ein nicht geringer Anziehungspunkt auch für die Täufer weitherum ist, die alle 14 Tage daselbst seit langer Zeit ihren Gottesdienst halten. Früher fand der letztere in einem der Täuferfamilie Nussbaumer gehörenden Hause statt. Als dasselbe an Herrn Hirzel verkauft wurde, bauten sich die Täufer auf dem Felde gegen Muttenz zu ein eigenes Haus. Dasselbe enthält im Erdgeschoss eine Wohnung und einen Stall, im oberen Boden einen grossen Saal. Der Stall ist nötig, da viele Täufer auf ihren Bernerwägelein angefahren kommen, sind doch die meisten Landwirte und Pächter. Das Täuferhaus steht übrigens in der Nähe des „Käppeli“, eines Ortes, da früher eine Kapelle gestanden haben soll. [...] Das Täuferhaus liegt am Dorfbach, welcher der Birs zufliesst. Leider hat er meist wenig Wasser, besonders in einem heissen Sommer. Die Folge ist, dass im Bachbett aller Unrat liegen bleibt.“ Die Täufergemeinde im Umfeld einer stinkenden Kloake? Die Protokolle der Schänzli-Gemeinde zeigen, dass diesem Übelstand in der Folge abgeholfen worden ist und zwar dank einem vereinten Effort von Täufergemeinde und politischen Behörden. Es war in der Geschichte nicht immer so, dass täuferische Gemeinden neben aller kritischen Distanz auf so viel Respekt, Wertschätzung und Wohlwollen gestossen sind wie in den beiden oben zitierten Texten alteingesessener Muttenzer Bürger. Bisweilen war die von den Taufgesinnten quer durch die Jahrhunderte hindurch erfahrene Ablehnung sicher Ausdruck und Konsequenz einer im Evangelium gegründeten Nichtanpassung an in der Gesellschaft geltende ungute Massstäbe. Diese Art von Schwierigkeiten hat Jesus selbst vorausgesagt - und sie gehören so sehr zu jeder Form konsequenten Christseins, dass man/frau sich vielmehr fragen muss, ob was falsch läuft, wenn sie über längere Zeit völlig ausbleiben... Nicht alle erfahrene Ablehnung von Täuferinnen und Täufern seitens ihrer Umgebung kann allerdings als evangeliumsbedingt bezeichnet werden. Manches lag auch in einer rechthaberisch-unsolidarischen Abschottung und einer unbarmherzig-pharisäischen Besserwisserei begründet. Das müssen wir auch als Schänzligemeinde eingestehen. Wir waren oft nicht „Salz 83


und Licht“ in der Region und haben wohl nicht in dem Masse „der Stadt Bestes gesucht“, wie wir dazu beauftragt und vielleicht auch befähigt gewesen wären. Das oben angesprochene Bild von der Täufergemeinde „Schänzli“ am Dorfbach als einem bisweilen stinkenden Rinnsal möge uns aber anspornen und inspirieren, um über unser Gemeindezentrum hinaus weiterhin und vermehrt sowie gemeinsam mit anderen Kirchen und Gruppierungen wohlriechende und anziehende Düfte in die nähere und weitere Umgebung auszustrahlen.

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Weiterführende Lesehinweise

Zu Geschichte und Theologie der Mennoniten weltweit: •

LICHDI, Dieter Götz, Von Zürich über Witmarsum bis Addis Abeba. Die Mennoniten in Geschichte und Gegenwart. Maxdorf/Weisenheim 1983/2003.

Mennonitisches Lexikon. 4 Bde. Weierhof 1913ff.

Mennonite Encyclopedia. 5 Bde. Scottdale 1955ff.

Zur Geschichte der Schweizer Mennoniten: •

GEISER, Samuel H.: Die Taufgesinnten Gemeinden im Rahmen der allg. Kirchengeschichte. Courgenay 1971.

Mennonitica Helvetica, hrsg. vom Schweiz. Verein für Täufergeschichte seit 1977 (vormals „Informationsblätter“).

Zur Geschichte des Basler Täufertums: •

JECKER, Hanspeter: Die Basler Täufer. Studien zur Vor- und Frühgeschichte. Basel 1982.

Ders.: Ketzer-Rebellen-Heilige. Das Basler Täufertum von 1580 bis 1700. Liestal 1998.

Zur Frage der Aktualität von Geschichte und Theologie des Täufertums und der Mennoniten: •

GOERTZ, Hans-Jürgen: Das schwierige Erbe der Mennoniten. Aufsätze und Reden. Leipzig 2002.

SNYDER, C. Arnold: Täuferische Saat - Weltweites Wachstum. Die historische Mitte täuferischer Identität. Weisenheim 2003.

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Von Pietisten, Separatisten und Wiedertäufern