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November | Dezember 2013

DSo -Nach r IchtE N Chefdirigent und Künstlerischer Leiter T UG AN SOKHIE V

ein Ensemble der

ein Ensemble der

Eine publikation des Deutschen Symphonie-orchesters Berlin

Immer wieder Neues entdecken Midori im Gespräch —–– S. 3 landschaftsmusik Sir Roger Norrington und Vaughan Williams —–– S. 4 manege frei! 10 Jahre Silvesterkonzerte —–– S. 6 tanz und Gottesnähe Tugan Sokhiev dirigiert Tanejew —–– S. 7


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Editorial und Kurzmeldungen

Eine Publikation des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin | dso-berlin.de

Liebe Leserinnen und Leser der DSO-Nachrichten, in der Cafeteria-Schlange summt ein Bratschist den Walzer aus ›Schwanensee‹. Probenklänge mit Trommelwirbel dringen aus dem Großen Sendesaal im Haus des Rundfunks. Dann und wann vibriert die Luft auch vor Nervosität — etwa wenn im Fernsehzentrum die Bewerberinnen und Bewerber für die Ferenc-FriscayOrchesterakademie vor dem Vorspiel versuchen, Ruhe zu bewahren.

Inhalt —––

2 Willkommen

Editorial und Kurzmeldungen

Die Zusammenarbeit von DSO und rbb reicht nicht allein zeitlich weit zurück — 1956 begann beim damaligen SFB die Beteiligung an der Trägerschaft des Orchesters —, sondern sie hat zudem eine räumliche Komponente: Seit vielen Jahren beherbergen wir an der Masurenallee Orchesterbüro und Probensaal des DSO. Uns im rbb macht dies zu begeisterten Ohrenzeugen der musikalischen Qualität des Orchesters. Und die kurzen Arbeitswege sind gut für viele Kooperationen wie die regelmäßigen Konzertübertragungen im Kulturradio oder die Reihe ›Musik der Gegenwart‹ beim alljährlichen ›Ultraschall‹-Festival.

3 Immer wieder Neues entdecken Die Geigerin Midori im Gespräch

4 Landschaftsmusik

Sir Roger Norrington mit Vaughan Williams

Jubiläum am Schwanensee

Das 50. Kulturradio-Kinderkonzert

5 Französische Entdeckungen Marc Minkowsky und Jérôme Pernoo

Eines meiner liebsten gemeinsamen Projekte feiert im Dezember ein Jubiläum: Zum 50. Mal laden DSO und rbb zum Kulturradio-Kinderkonzert. Was sich hinter dem Programmtitel ›Gute Schwäne, böse Schwäne‹ verbirgt? Kommen Sie vorbei und erleben Sie mit Familie und Freunden das Konzert am Sonntagvormittag. Vorher öffnen wir ab halb elf die Türen zum ›Open House‹. Dort kann man Instrumente ausprobieren, mit dem Bratschisten den Walzer aus ›Schwanensee‹ summen, basteln, Trommelwirbel durchs Foyer jagen und gemeinsam die Luft zum Vibrieren bringen. Wir freuen uns auf Sie!

Neuerscheinungen auf CD und DVD

6 Silvesterkonzerte

Yutaka Sado und Anne Sofie von Otter

Bemerkenswerte Tradition Debüt im Deutschlandradio Kultur

7 Der Tanz und die Nähe zu Gott

Ihre

Tugan Sokhiev und der RIAS Kammerchor

8 Konzertkalender

Alle Konzerte im November und Dezember

Dagmar Reim Intendantin Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb)

Kammermusik in der Villa Elisabeth am 15.11. und 15.12.

Weihnachtskonzert mit dem Staats- und Domchor am 14.12.

Treffen der Generationen: DSO-Jubilare und Tugan Sokhiev

Die Kammermusikreihe des DSO findet am 15. November mit einem Programm ihre Fortsetzung, das Bernhard Hartog, Erster Konzertmeister des Orchesters, zusammengestellt hat. Gemeinsam mit Annemarie Moorcroft (Viola), Mischa Meyer (Violoncello) und Sevimbike Elibay (Klavier) widmet er sich Werken für Streichtrio von Mozart und Schönberg sowie Brahms’ Drittem Klavierquartett. Am 15. Dezember nähern sich Michael Mücke (Violine) und Dávid Adorján (Violoncello) — auch sie leidenschaftliche und erfahrene Kammermusiker — gemeinsam mit Dirk Mommertz, dem Pianisten des Fauré Quartetts, Franz Schuberts großem B-Dur-Trio von zwei Seiten: von Joseph Haydn, dem historischen Vorgänger, und von Claude Debussy, der sich in seinem Jugendwerk intensiv mit der Romantik auseinandersetzte. Die vollständigen Programme finden Sie unter dso-berlin.de/kammermusik

Bereits zum zweiten Mal ist das DSO mit einem Weihnachtskonzert beim Staats- und Domchor Berlin zu Gast. Der Knabenchor, die älteste und traditionsreichste musikalische Einrichtung der Stadt, lässt sich bis ins Jahr 1465 zurückverfolgen; heute steht er unter der Leitung von Kai-Uwe Jirka. Er dirigiert am 14. Dezember adventliche Werke und geistliche Musik von Benjamin Britten, Hans Werner Henze und Arvo Pärt (darunter ein Magnificat, das dieser eigens für den Staats- und Domchor komponierte). Den Abschluss bildet der erste Teil des Händel-Oratoriums ›Der Messias‹ in der Fassung von Wolfgang Amadeus Mozart. Sunhae Im (Sopran), Vanessa Barkowski (Mezzosopran), Lothar Odinius (Tenor) und Arttu Kataja (Bariton) übernehmen darin die Solopartien. Das vollständige Programm finden Sie unter dso-berlin.de/weihnachten

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Sa 14. Dezember 18 Uhr Berliner Dom

Zu einer besonderen Begegnung kam es am 5. Oktober in der Philharmonie, unmittelbar nach dem ersten der umjubelten Schostakowitsch-Prokofjew-Konzerte unter der Leitung von Tugan Sokhiev: Erstmals wurden in diesem Jahr ehemalige Orchestermitglieder, deren Geburtstag sich kürzlich gerundet hat, hinter der Bühne im Musikerfoyer empfangen. Dazu zählten Georg Donderer (80 Jahre), Solocellist von 1961-1996, Jürgen Hollerbuhl (70 Jahre), Englischhornist von 1972-2008 und Eduard Weismann (70 Jahre), Mitglied der Cellogruppe von 1970-2007. Verhindert war bedauerlicherweise Peter Heidrich (80 Jahre), der von 1961-1998 als Bratschist im DSO wirkte. Die aktiven Orchestermitglieder versammelten sich mit ihrem Chefdirigenten um die Jubilare und erhoben das Glas auf das Wohl ihrer ehemalig aktiven Kollegen. Orchesterdirektor Alexander Steinbeis verwies bei dieser Gelegenheit darauf, wie wichtig es sei, den besonderen DSO-Geist über die Generationen hinweg weiterzutragen. Den Austausch genossen alle Seiten sichtlich!

Fr 15. November 20.30 Uhr Villa Elisabeth

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So 15. Dezember 17 Uhr Villa Elisabeth

Karten zu 15 € AboPlus-Preis, Schüler und Studenten 10 €

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Karten von 9 € bis 32 €

Bild oben (v. l. n. r.): Georg Donderer, Eduard Weismann, Tugan Sokhiev und Jürgen Hollerbuhl.


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Midori im Gespräch

I mme r w ieder Neues entdeck en Midori über ihre Konzerte mit Christoph Eschenbach am 22. + 23.11.

Die japanische Geigerin Midori Goto, die sich einfach nur ›Midori‹ nennt, hat unlängst ihr 30-jähriges Bühnenjubiläum gefeiert. Seit sie mit elf Jahren mit dem New York Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Zubin Mehta ihr Debüt erlebte, kann sie auf eine einzigartige Karriere als Musikerin, Neuerin und Pädagogin zurückblicken. Sie gehört heute zu den bedeutendsten Geigerinnen unserer Zeit. Zuletzt war sie im Jahr 2006 mit einem sensationell aufgenommenen SibeliusKonzert beim Deutschen Symphonie-Orchester Berlin zu Gast. Am 22. und 23. November kehrt sie mit dem Zweiten Violinkonzert von Béla Bartók zum DSO zurück.

liegt mir in der Tat die Musik der Barockzeit — dabei im Speziellen die von Bach — und des 20. Jahrhunderts am Herzen. Aber eigentlich gehört meine Liebe vielen unterschiedlichen Werken und Komponisten aus der gesamten Kompositionsgeschichte für mein Instrument. Spielt die Kammermusik dabei eine große Rolle? Auch wenn ich als Kammermusikerin nicht so stark eingebunden bin wie als Konzertsolistin, habe ich große Freude daran. Denn die Kammermusik bietet einem die wunderbare Möglichkeit, seine technischen Fertigkeiten und sein Geschick in der musikalischen Kommunikation weiterzuentwickeln, in einem Umfeld, das überschaubarer ist als ein Orchester. Ich ermuntere alle meine Studenten, sich als Kammermusiker zu probieren, ganz egal, wo ihr Schwerpunkt sonst eigentlich liegt. Das Kammermusikrepertoire hält einen reichen Fundus an Stilen, Komponisten, Einflüssen und vieles mehr bereit. Sie haben es eben angesprochen: Sie sind neben Ihrer Tätigkeit als Solistin auch Professorin und Leiterin der Streicherabteilung an der University of Southern California. Was bedeutet Ihnen das Unterrichten? Es trägt einiges zu einer allumfassenden musikalischen Erfahrung bei. Man muss etwas vollkommen verstehen, bevor man es effektiv anderen beibringen kann, und meine Arbeit als Lehrerin hat mich so vieles gelehrt — auf dem Gebiet des Instruments, der musikalischen Interpretation und der Aufführungspraxis. Trotzdem glaube ich nicht, dass ein außergewöhnlicher Musiker notwendigerweise ein großartiger Lehrer sein muss. Für beides sind völlig unterschiedliche Fertigkeiten erforderlich, und genauso, wie man üben muss, um auf der Bühne spielen zu können, muss man auch als Lehrer erst Erfahrungen sammeln, um so gut wie möglich unterrichten zu können.

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Béla Bartók Violinkonzert Nr. 2 Anton Bruckner Symphonie Nr. 7 E-Dur Christoph Eschenbach Midori Violine Fr 22. + Sa 23. November 20 Uhr | 18.55 Uhr Einführung Philharmonie Karten von 20 € bis 59 € AboPlus-Preis ab 17 €

Midori, im Oktober war Bartóks Erstes Violinkonzert von 1907 beim DSO zu hören. Man könnte es als eine »zärtliche musikalische Liebeserklärung« beschreiben. Sie spielen nun sein Zweites Konzert, das er dreißig Jahre später komponierte. Fällt Ihnen ein ähnliches Schlagwort dazu ein? Ich bin mir nicht sicher, ob man so ein großartiges Stück in einem Satz beschreiben kann. Man sagt ja oft, Bartóks Zweites Konzert sei das romantische Violinkonzert, das auf das Werk von Johannes Brahms folgt. Es stimmt, es ist eines der wichtigsten Concerti des 20. Jahrhunderts. Wenn man seine Form und Konstruktion betrachtet, aber auch nach den technischen und musikalischen Anforderungen geht, dann kann man es mit keinem anderen Werk vergleichen. Sie haben das Bartók-Konzert schon sehr früh in Ihrer Karriere gespielt und aufgenommen. Wie hat sich seitdem ihr Blick darauf gewandelt, spielen Sie es nun anders? Meine Auffassung des Konzerts hat sich in einer ähnlichen Weise entwickelt, wie sich auch mein Blick auf andere Stücke gewandelt hat, die ich schon seit Langem spiele. Wenn man ein Werk zum ersten Mal aufführt, ist das in vielerlei Hinsicht eine neue Erfahrung. Man beschäftigt sich mit technischen Herausforderungen, aber auch mit Fragen der Interpretation und des Ausdrucks, denen man bislang nicht gegenübertreten musste. Mit der Zeit und durch die Praxis des Probens und Konzertierens gewinnt man naturgemäß tiefere Einsichten. Es gab natürlich auch etliche externe Faktoren, die meine Interpretation und mein Herangehen an dieses Werk geformt haben. Neue Ideen, die aus Partnerschaften und künstlerischer Zusammenarbeit entstehen, beeinflussen immer meine Art, zu spielen. Das ist, so glaube ich, eine der aufregendsten und spannendsten Seiten einer Bühnenkarriere. Ihr Repertoire bietet eine große Bandbreite, von Johann Sebastian Bach bis Peter Eötvös, der Ihnen 2012 sein Violinkonzert ›DoReMi‹ widmete. Haben Sie dabei eine besondere Vorliebe? Das kann und möchte ich nicht wirklich eingrenzen. Besonders

Sie haben unlängst Ihr 30-jähriges Bühnenjubiläum gefeiert. Ist die Musik immer noch ein Abenteuer für Sie? Ja, denn man entdeckt jedes Mal wieder etwas Neues in ihr! Sie engagieren sich mit mehreren von Ihnen gegründeten Organisationen für Musikförderung und musikalische Bildung von Kindern und Jugendlichen. Für dieses Engagement sind sie zur UN-Friedensbotschafterin ernannt worden. Wie kam es dazu? Schon immer hat mich die Arbeit von musikalischen Initativen, die sich an Kinder richten, interessiert. Doch hinter meiner Entscheidung, mich aktiv zu engagieren, standen zwei Erkenntnisse: Zum einen erkannte ich, in welch schlechtem Zustand sich die musikalische Bildung an den öffentlichen Schulen in den USA befindet, vor allem wegen der Mittelkürzungen. Zum anderen war ich in der glücklichen Situation, ein starkes Netzwerk an Menschen zu haben, die mir dabei helfen konnten. Zuerst habe ich ›Midori & Friends‹ gegründet; die Organisation arbeitet mit benachteiligten Schülern an staatlichen Schulen im Großraum New York, und das seit 20 Jahren. Weitere Organisationen sind im Laufe der Zeit hinzugekommen, die in den Vereinigten Staaten, in Japan und anderen asiatischen Ländern tätig sind. Es war für mich eine unglaubliche Ehre, von Ban Ki-moon, dem Generalsekretär der Vereinten Nationen, zur Botschafterin des Friedens ernannt worden zu sein und diese Arbeit im derzeitigen Umfang weiterführen zu können. Das Programm im November wird Christoph Eschenbach leiten, der ein gern gesehener und regelmäßiger Gast am Pult des DSO ist. Sie haben ebenfalls viel mit ihm zusammengearbeitet und unlängst auch gemeinsam eine Hindemith-CD eingespielt. Was schätzen Sie an ihm? Auch ich arbeite immer unglaublich gern mit Christoph Eschenbach, denn er zeigt uns Solisten gegenüber ein ungeheures Verständnis, und er bringt das Orchester dazu, aufmerksam auf alle Klänge zu hören, die es umgeben. Ich freue mich sehr auf das Konzert mit ihm! Die Fragen stellte Ma ximilian Rauscher.


Sir Roger Norring ton | Kinderkonzerte

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Eine Publikation des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin | dso-berlin.de

l aNDSchaFtSmUSIk Sir Roger Norrington, Anu Komsi und Francesco Piemontesi am 08.12.

Williams die Teilnahme am Ersten Weltkrieg. Erst 1938, 16 Jahre nach der Vollendung des Werkes, enthüllte der Komponist den großen Einfluss, den seine Kriegserlebnisse in Frankreich auf seine Dritte Symphonie genommen hatten. Der erklärte Pazifist hatte dort, mit schon 42 Jahren, freiwillig als Sanitäter gedient.

»Der Komponist William Walton sagte einmal, etwas derartig Großes wie eine Symphonie könne man nur dann schreiben, wenn man etwas Schreckliches erlebt habe. Man braucht ein Thema, man muss etwas zu sagen haben. Und das trifft auf Vaughan Williams’ Dritte Symphonie ganz besonders zu.« Davon ist Sir Roger Norrington überzeugt. Der britische Dirigent setzt mit ihr seinen begeistert aufgenommenen Ralph-Vaughan-WilliamsZyklus beim Deutschen Symphonie-Orchester Berlin fort, der im vergangenen Dezember und Juni mit ›A Sea Symphony‹ und ›A London Symphony‹ seinen Ausgang genommen hatte. Die selten gespielte ›Pastoral Symphony‹ des Komponisten steht am 8. Dezember auf dem Programm. Anders als bei Beethovens Sechster, die mit Bachgeplätscher, Vogelgezwitscher und Sommergewitter wenig Zweifel an ihrem Sujet lässt, entstehen die musikalischen Bilder bei Vaughan Williams indirekter. Das Schrecknis, das Walton einfordert, war für Vaughan

Starke Bilder »Vaughan Williams’ Musik beschwört weite Landschaftsbilder herauf«, erzählt Norrington während einer Probenpause im vergangenen Juni. »Aber es ist die Landschaft des Ersten Weltkriegs, eine Landschaft, in der Menschen unendlich gelitten haben. Die Musik ist nicht programmatisch, aber überaus anschaulich — und sie hat vier langsame Sätze. Das mag zunächst langweilig klingen, ist aber unglaublich berührend.« Seine Vorstellungskraft hilft Norrington dabei, die Spannung zu halten, auch in vier langsamen Sätzen eine Entwicklung herauszuarbeiten. Wie vier Jahreszeiten, so erzählt er, wirken diese auf ihn. Angefangen mit einem heiteren Sommer, gefolgt von einem klagenden Trompeter im Herbst, der wohl zu seinem eigenen Begräbnis bläst — übrigens das einzige echte Zitat, das der Komponist aus dem Krieg mitbrachte. Der dritte Satz repräsentiert für Norrington den Winter, klar und weiß, die Schrecknis gnädig verdeckend. Der vierte dann den Frühling, der sonst immer ein Neuanfang ist, hier aber nur ein trostloses Rufen ins Nichts — nach all jenen, die nie wiederkehren werden. Das sind starke Bilder, und sie stehen für eine intensive und spannungsreiche Musik, die bei aller Ernsthaftigkeit eine elegische, geradezu überirdische Schönheit und Ruhe ausstrahlt. Anu Komsi, die im vergangenen Jahr an der Seite Sakari Oramos den ›Liedern einer Märchenprinzessin‹ von Karol Szymanowski ihre großartige Stimme lieh, wird die kurze, aber überaus eindrucksvolle Sopranpartie des letzten Satzes übernehmen.

Abgesang auf den Krieg Den Auftakt bildet die ›Sinfonia da Requiem‹ Benjamin Brittens. Mit ihr hat auch der 26-Jährige, der nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in die USA emigrierte, Zeugnis seiner pazifistischen Überzeugung abgelegt, kraftvoll, farbenreich und hochemotional. »Ich schreibe sie so antikriegerisch wie möglich«, gestand er 1940 in einem Zeitungsinterview. Im Anschluss daran ist Francesco Piemontesi erstmals beim DSO zu erleben. Der Schweizer Pianist, Gewinner des ›Concours Reine Elisabeth‹ 2007 und ›New Generation Artist‹ der BBC 2009, gehört längst zu den regelmäßigen Gästen bedeutender Orchester und Festivals. Er gestaltet den Solopart im Klavierkonzert Nr. 27 von Wolfgang Amadeus Mozart, das mit seiner Reife und Gelassenheit für einen Komponisten steht, der niemandem mehr etwas beweisen musste. Es sollte sein letztes Klavierkonzert werden. MA xIMILIAN RAUSCHER

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Benjamin Britten ›Sinfonia da Requiem‹ wolfgang amadeus mozart Klavierkonzert Nr. 27 B-Dur ralph Vaughan williams Symphonie Nr. 3 ›Pastorale‹ SIr roGEr NorrINGtoN Francesco piemontesi Klavier anu komsi Sopran So 8. Dezember 20 Uhr | 18.55 Uhr Einführung philharmonie Karten von 20 € bis 59 € | AboPlus-Preis ab 17 €

JUBIl äUm am SchwaNENSEE Kulturradio-Kinderkonzerte Nr. 49 + 50 am 03.11. + 22.12. Am Sonntag vor Weihnachten feiern wir das 50. Kulturradio-Kinderkonzert. Mit einer Geschichte, in der auch gefeiert werden soll: erst Geburtstag, dann Hochzeit. Prinz Siegfried hat Geburtstag. Endlich ist er erwachsen, und das feiert er mit seinen Freunden. Doch dann platzt Siegfrieds Mutter in die heimliche Party. Sie verkündet, dass Siegfried sich am nächsten Tag verloben solle. Die Kandidatinnen sind auch schon eingeladen, Siegfried muss sich für eine entscheiden. Doch in der Nacht davor trifft er die schöne Odette am See vor dem Schloss. Sie ist vom bösen Rotbart verzaubert worden — in einen Schwan. Nur nachts kann sie für kurze Zeit Odette sein. Und nur, wenn ein Jüngling sie liebt, kann der Zauber gebrochen werden. Siegfried lädt Odette zum Ball ein, denn er hat sich schon in sie verliebt. Am nächsten Tag erscheinen die geladenen Heiratskandidatinnen — und dazu eine unbekannte Schöne an der Seite ihres Vaters. Sie sieht aus wie Odette. Doch es ist Odile, die Tochter des bösen Rotbart. Wird Siegfried auf den Schwindel hereinfallen? Am 22. Dezember könnt ihr es erfahren, im Konzert ›Gute Schwäne, böse Schwäne‹ mit Musik aus dem berühmten Ballett ›Schwanensee‹ des russischen Komponisten Peter Tschaikowsky. Gespielt wird sie vom DSO unter Lancelot Fuhry, der zuletzt die Musik zur Geschichte des Lügners ›Peer Gynt‹ im Kinderkonzert dirigiert hat. Dazu tanzen Kinder der Klasse 4b der Grundschule Neues Tor aus Berlin-Mitte. Sarah del Lago ist als Choreografin

wieder mit dabei. Sie hat im April bereits ›Peer Gynt‹ das Tanzen beigebracht.

Gewinnspiel: Was macht wohl die verwandelte Prinzessin Odette den ganzen Tag am Schwanensee? Mal’ ein Bild dazu und schick’ es uns. Mit etwas Glück gibt es eine von drei CDs mit dem Weihnachtsmärchen ›Tuttifäntchen‹ von Paul Hindemith zu gewinnen (siehe S. 7 ). Die schönsten Bilder findest Du ab Ende Dezember unter: dso-berlin.de/kinderkonzerte

Übrigens: Das nächste Kulturradio-Kinderkonzert gibt es schon vorher, am 3. November. Auch da geht’s um jemanden, der Geburtstag hat: Giuseppe Verdi, der berühmte italienische Opernkomponist, ist vor 200 Jahren geboren worden. ›Giuseppe lässt die Hexen tanzen‹ haben wir das 49. Kulturradio-Kinderkonzert genannt. Da gibt es nicht nur ein Hexenballett seiner Oper ›Macbeth‹, da geht’s mit ›Aida‹ auch nach Ägypten. Eine der beliebtesten Melodien von Verdi ist der ›Triumphmarsch‹, in dem es ganz besondere ›Aida‹-Trompeten zu bestaunen gibt. Sie sind außergewöhnlich lang, und Verdi hat sie extra für seine Oper bauen lassen. Lutz Rademacher dirigiert. Vor beiden Konzerten lassen Euch die Musiker des DSO beim Open House wieder Ihre Orchesterinstrumente ausprobieren. CHRIST IAN SCHRUFF

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›Giuseppe lässt die Hexen tanzen‹ Giuseppe Verdi Auszüge aus Ballettmusiken und Opern lUtz raDEmachEr | christian Schruff Moderation So 3. November 12 Uhr konzert | 10.30 Uhr open house haus des rundfunks, Großer Sendesaal

Einsendungen bis zum 29. November an: Deutsches Symphonie-Orchester Berlin im rbb-Fernsehzentrum Stichwort: Kinderkonzert-Gewinnspiel Masurenallee 16–20 | 14057 Berlin

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50. kulturradio-kinderkonzert ›Gute Schwäne, böse Schwäne‹ pjotr tschaikowsky Auszüge aus ›Schwanensee‹ laNcElot FUhrY | christian Schruff Moderation So 22. Dezember 12 Uhr konzert | 10.30 Uhr open house haus des rundfunks, Großer Sendesaal Für Kinder ab 6 Jahren. Karten zu 4 € | Erwachsene 10 €


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Marc Minkowski | Neuerscheinungen

Frisch gepresst: CD- und DVD-Neuerscheinungen

Französische Entde ckungen Marc Minkowski und Jérôme Pernoo am 09.11.

Dass sich im französischen Repertoire in Deutschland immer noch so erstaunliche Entdeckungen machen lassen, ist nur eine andere Formulierung der traurigen Wahrheit, dass diese Musik hierzulande nach wie vor viel zu unbekannt ist. Das DSO setzt in dieser Spielzeit einen kräftigen französischen Schwerpunkt: Unter der Leitung des Chefdirigenten Tugan Sokhiev werden u. a. Werke von Berlioz, Saint-Saëns und Roussel zu hören sein. Und auch das Konzert am 9. November ist dieser Programmlinie gewidmet. Marc Minkowski, der bereits 2002 mit einem rein französischen Programm beim Orchester debütierte, begann seine eindrucksvolle Karriere im Feld der historischen Aufführungspraxis; im Alter von nicht einmal 20 Jahren gründete er Les Musiciens du Louvre. Mit diesem Ensemble, aber auch als erfolgreicher Gastdirigent ist Minkowski heute längst in der Musik des 19. und 20. Jahrhunderts angekommen. Er interpretiert nicht nur die Musik seines Heimatlandes mit untrüglichem rhythmischem Gespür und unerschöpflicher Klangfarbenfantasie, auch Haydn, Mozart und Schubert zählen zu seinen Vorlieben. Spektakulär stellte er im Mai dieses Jahres an einem Abend Wagners ›Fliegendem Holländer‹ die auf dem selben Stoff beruhende Oper ›Le vaisseau fantôme‹ von Pierre-Louis Dietsch gegenüber. Französisch-deutsche Befindlichkeiten An der Unterschätzung französischer Musik in Deutschland ist Richard Wagner ganz sicher nicht unschuldig. Besonders der Hauptstadt Paris galt der Hass des Komponisten, auch weil dort die Aufführung seines ›Tannhäuser‹ ein wahres Debakel erlebt hatte. Dabei führt durchaus eine Linie von Berlioz zu Wagner, vom ›Parsifal‹ dann wiederum zu Debussys ›Pelléas‹. Nach Ansicht seines Biografen Winton Dean war Georges Bizet gerade dabei, eine von Wagner ganz unabhängige Form der französischen Oper zu begründen, als sein früher Tod ihn aus dem Leben riss. So ist es bei dem Solitär ›Carmen‹ geblieben. Die beiden ›L´ Arlésienne‹-Suiten des Komponisten sind aus seiner Bühnenmusik für das gleichnamige Theaterstück Léon Daudets entstanden. Wie in ›Carmen‹ verbindet sich auch hier das Tänzerisch-Leichte mit dem Tragischen; eine Mischung, die auch schon der von Wagner bekehrte Nietzsche unwiderstehlich fand. Virtuose Rarität Es ist wenig bekannt, dass Jacques Offenbach, der Schöpfer unzähliger Operetten bzw. »Offenbachiaden« (Karl Kraus), einer der virtuosesten Cellisten seiner Zeit war. Das ›Concerto militaire‹ für Violoncello und Orchester ist eine absolute Rarität und mit fast 45 Minuten Spieldauer eines der umfangreichsten Werke seiner Gattung. Nachdem Offenbach selbst als Solist nur den ersten Satz der Komposition im Jahre 1847 uraufgeführt hatte, geriet sie bald in Vergessenheit, die Sätze zwei und drei galten lange als verschollen. Die aberwitzige Schwierigkeit des Konzerts verlangt einen furchtlosen Interpreten wie den Franzosen Jérôme Pernoo, der mit den Musiciens du Louvre unter der Leitung von Marc Minkowski das vollständige Werk bereits in einer von der Presse gefeierten Weltersteinspielung vorgelegt hat. BENEDIKT VON BERNSTORFF

CD | Klavierkonzerte von Grieg und Prokofjew Vor über zehn Jahren war der russische Ausnahmepianist Nikolai Lugansky erstmals beim DSO zu Gast. Zusammen mit dem Orchester und dem damaligen Chefdirigenten Kent Nagano hat er nun eine CDEinspielung vorgelegt, die im Februar in der JesusChristus-Kirche in Berlin-Dahlem entstanden ist. Mit einer phänomenalen Mischung aus Brillanz, Virtuosität und Gefühlstiefe interpretiert er das einzige Klavierkonzert, das Edvard Grieg vollendete, und Sergei Prokofjews Drittes Klavierkonzert. Erschienen am 4. Oktober bei ›naïve ‹.

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Jacques Ibert Suite symphonique ›Paris‹ Jacques Offenbach Violoncellokonzert G-Dur ›Concerto militaire‹ Georges Bizet ›L‘Arlésienne‹ Suiten Nr. 1 und Nr. 2 MARC MINKOWSKI Jérôme Pernoo Violoncello Sa 9. November 20 Uhr | 18.55 Uhr Einführung Philharmonie Karten von 20 € bis 59 € AboPlus-Preis ab 17 €

DVD | Wolfgang Rihms ›Dionysos‹ Die Uraufführung der Oper ›Dionysos‹ von Wolfgang Rihm mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin unter der Leitung von Ingo Metzmacher war ein Sensationserfolg bei den Salzburger Festspielen 2010. Ein Livemitschnitt der Inszenierung aus dem ›Haus für Mozart‹ ist soeben als Doppel-DVD und Blu-ray  Disc erschienen. Sie enthält zudem den mehrfach prämierten Dokumentarfilm ›Ich bin dein Labyrinth‹ von Bettina Ehrhardt über Wolfgang Rihm und die Entstehung von ›Dionysos‹. Erschienen am 23. September bei ›EuroArts‹.

CD | ›Tuttifäntchen‹ von Paul Hindemith Im Herbst des Jahres 1921 schrieb der junge Paul Hindemith, damals Konzertmeister an der Frankfurter Opernbühne, die Musik zu ›Tuttifäntchen‹, einem Weihnachtsmärchen in drei Bildern, das an die Geschichte von Pinocchio erinnert. Eine Einspielung des DSO unter der Leitung von Johannes Zurl ist soeben auf CD erschienen. Sie entstand in Zusammenarbeit mit dem Rundfunk Berlin-Brandenburg und enthält nicht nur die Musik, sondern erstmals auch das vollständige Theaterstück als Hörspiel. Erschienen am 1 6. September bei ›cpo ‹.


Silvesterkonzerte | Debüt

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Eine Publikation des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin | dso-berlin.de

Poesie mit Knalleffekt 10 Jahre Silvesterkonzerte mit dem Circus Roncalli

Schon im 18. Jahrhundert war Musik fester Bestandteil der Zirkuswelt — unter anderem in der Zurschaustellung virtuoser Wunderkinder, in den Mätzchen des Musikalclowns oder in Gestalt eines Akrobaten, der auf dem Rücken eines rasenden Rosses reitend ein Violinsolo geigte. Abseits derartiger Show-Effekte begann man erst im 20. Jahrhundert, Zirkuskapellen nicht nur als musikalische Kulisse, sonder gezielter einzusetzen: um die Wirkung einer Nummer zu verstärken, um Emotionen zu wecken, Stimmungen zu erzeugen — ganz so, wie es auch beim Aufkommen des Films geschah. Die Bandbreite der Einflüsse reicht dabei von der Tanz- und Filmmusik über die jeweils letzten Schlager bis hin zu Märschen aus Opern und Operetten. Und obgleich kaum eines dieser Werke tatsächlich für zirzensische Zwecke entstand, werden doch erst durch sie und mit ihnen die Magie des Augenblicks, die knisternde Spannung und die Atmosphäre atemlosen Staunens zum Leben erweckt, die auch heute noch die Zirkusbesucher verzaubert. Virtuosität und Brillanz Meist kommt die Zirkusmusik heute von einer kleinen Kapelle, oft aber nur noch vom Band. Am 31. Dezember jedoch sorgt gleich ein ganzes Symphonieorchester für

den guten Ton. Die Silvesterkonzerte, die das DSO gemeinsam mit den Artisten des Circus Roncalli veranstaltet, feiern 2013 ihr zehnjähriges Bestehen. Der große Erfolg verwundert nicht, denn in der Ausgelassenheit des Jahreswechsels kommt zusammen, was auf den ersten Blick nicht zusammengehört — und das hat die schönsten Folgen: Weil symphonischer Orchesterklang und atemberaubende Akrobatenkunst sich wechselseitig inspirieren. Weil die komischsten Melancholiker und die brillantesten Klangzauberer unter der Zirkuskuppel in ungeahnter Weise miteinander harmonieren. Weil dabei ein virtuoses Gesamtkunstwerk entsteht, das immer wieder aufs Neue überrascht. Stars in der Manege Den musikalischen Ausflug in die Manege führt im Jubiläumsjahr Yutaka Sado an. Der vielseitige japanische Dirigent hat das DSO schon oft geleitet, das Orchester arbeitet gern mit ihm zusammen; zuletzt ging man 2011 auf gemeinsame Japan-Tournee. Er ist mit seiner Mischung aus musikalischer Sensibilität, verschmitzter Publikumsnähe und temperamentvollen EntertainerQualitäten bestens für den Abend präpariert. Glanzlichter wird auch die schwedische Star-Mezzosopranistin

Anne Sofie von Otter setzen. Virtuos beherrscht sie das Repertoire vom Barock bis zur Gegenwart, souverän und ohne Berührungsängste überschreitet sie Genregrenzen und durchschweift mit Vergnügen unbekanntes Terrain. Gemeinsam mit dem DSO und den Artisten des Circus Roncalli wird sie das Jahr 2013 fulminant beschließen. Manege frei! MA XIMILIAN RAUSCHER

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Silvesterkonzerte Werke von Bernstein, Bizet, Chatschaturjan, Dvořák, Gershwin, Grieg, Rimski-Korsakow u. a. YUTAKA SADO Anne Sofie von Otter Mezzosopran Artisten des Circus Roncalli Di 31. Dezember 15 + 19 Uhr Tempodrom Karten von 20 € bis 80 € | AboPlus-Preis ab 17 €

Bemerkenswerte Tradition >Debüt im Deutschlandradio Kultur< am 03.12. Der Internationale Musikwettbewerb der ARD gehört seit über 60 Jahren zu den renommiertesten seiner Art. Die Liste der Preisträger ist legendär, die Strenge der Jurys ebenfalls: Immer wieder werden Erste Preise nicht vergeben. In der Kategorie ›Orgel‹, die nur sehr unregelmäßig auf dem Wettbewerbsprogramm steht, wurde die höchste Auszeichnung zuletzt 1971 verliehen. Erst 40 Jahre später erkannten die Preisrichter mit Michael Schöch wieder einem Organisten den Ersten Platz zu. Der mittlerweile 28-jährige Österreicher, der die Orgel erst mit 16 Jahren für sich entdeckte, hat — eher ungewöhnlich in seinem Metier — sowohl ein Orgel-, als auch ein Klavierstudium absolviert, und das in den Meisterklassen von Edgar Krapp und Gerhard Oppitz.

venezuelanischen Förderprogramms für Nachwuchsmusiker. Alexandra Soumm wird Max Bruchs Erstes Violinkonzert mit dem DSO interpretieren. Mit Beethovens ›Egmont‹-Ouvertüre und der Zweiten ›Daphnis et Chloé‹-Suite von Maurice Ravel gibt der deutsch-brasilianische Dirigent Marcelo Lehninger sein Debüt beim DSO. Der Absolvent des National Conducting Institute in Washington, D.C. ist seit 2010 Assistant Conductor, seit 2013 Associate Conductor des Boston Symphony Orchestra, zudem leitet er seit diesem Jahr als Music Director das New West Symphony Orchestra in Los Angeles. MA XIMILIAN RAUSCHER

Am 3. Dezember ist Michael Schöch als Solist mit Francis Poulencs prachtvollem und farbkräftigen Orgelkonzert in der Reihe ›Debüt im Deutschlandradio Kultur‹ zu Gast. Wie der ARD-Wettbewerb pflegt auch sie eine bemerkenswerte Tradition und stellt seit 1959 herausragende junge Talente, die sich in internationalen Wettbewerben bewährt haben, an der Seite des DSO dem Berliner Publikum vor. Die Liste der Debütanten ist lang: Jacqueline du Pré und Daniel Barenboim (beide 1963), Jessye Norman (1969) und Simon Rattle (1977), Jewgenij Kissin (1987) und Cecilia Bartoli (1988) gehörten dazu — ebenso wie Tugan Sokhiev (2003), der heute als Chefdirigent und Künstlerischer Leiter dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin vorsteht.

Junges Engagement Als erste Solistin des Abends ist die französische Geigerin Alexandra Soumm zu erleben. Die erst 24-Jährige kann bereits auf eine bemerkenswerte Karriere zurückblicken. Mit 15 Jahren gewann sie den Eurovision-YoungMusicians-Wettbewerb, mit 21 war sie New Generation Artist der BBC. Sie hat mit fast allen großen französischen und mehreren japanischen Orchestern zusammengearbeitet und als Kammermusikerin bei renommierten Festivals gespielt. Als Gründerin von ›Esperanz’ Arts‹ verfolgt sie zudem das Ziel, Menschen Kunst und Musik zugänglich zu machen, die normalerweise keine Gelegenheit dazu haben — und sie ist Patin des französischen Ablegers von ›El Sistema‹, des bemerkenswerten

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Debüt im Deutschlandradio Kultur Ludwig van Beethoven Ouvertüre zu ›Egmont‹ Max Bruch Violinkonzert Nr. 1 g-Moll Francis Poulenc Orgelkonzert g-Moll Maurice Ravel ›Daphnis et Chloé‹ Suite Nr. 2 MARCELO LEHNINGER Alexandra Soumm Violine Michael Schöch Orgel Di 3. Dezember 20 Uhr | 18.55 Einführung Philharmonie Karten von 10 € bis 30 € | Abo-Plus-Preis ab 9 €


Tugan Sokhiev

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Tugan Sokhiev dirigiert am 19.12. Werke von Glinka, Tanejew und Berlioz

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»Sie sind zu bescheiden; tragen Sie Ihr Haupt höher, wenn Sie wollen, dass man Ihnen Achtung entgegenbringt.« Wenn Pjotr Tschaikowsky einem Kollegen diesen Rat gab, dann musste es um dessen Selbstbewusstsein schlecht bestellt sein. Schließlich war er selbst von notorischen Selbstzweifeln geplagt.

Wirkung, die Mussorgskys Werke auf die Künstlergeneration von Debussy und Ravel ausübten, und die französische Kultur-Revolution durch die ›Ballets russes‹, die 1909 ihren Hauptsitz von Petersburg nach Paris verlegten, sind allgemein bekannt. Sie hatten ihre Vorgeschichte.

Tschaikowskys Meisterschüler: Sergei Tanejew Sergei Tanejew durchlitt tatsächlich das Drama des Hochbegabten, der von sich immer nur das Höchste fordert und zugleich von der Gewissheit verfolgt wird, dass alles noch besser sein könnte. Dabei hätte er jeden Anlass gehabt, mit sicherem Selbstvertrauen aufzutreten. Mit 19 Jahren schloss er sein Musikstudium am Moskauer Konservatorium mit Auszeichnung ab, Pjotr Tschaikowsky und Nikolai Rubinstein waren seine Lehrer. Außerdem hatte er Naturwissenschaften, Mathematik, Geschichte und Philosophie studiert, hatte in Paris die Eindrücke des modernen Kulturlebens auf sich wirken lassen. Dennoch dauerte es nach seinem Examen neun Jahre und vierzig Werke lang, ehe er eine Komposition als sein Opus 1 gelten und an die Öffentlichkeit gelangen ließ: die Kantate ›Johannes Damascenus‹ nach einem Gedicht von Alexei Tolstoi.

Michail Glinka, der Vater der russischen Oper, hielt sich mehrfach in Paris auf. 1844 | 45 nahm er sich ausgiebig Zeit; er schloss Freundschaft mit Hector Berlioz, der einige seiner Werke in die großen Orchesterprogramme aufnahm, die er im Zirkus auf den Champs Elysées dirigierte. Als am 10. April 1845 im Saal der Klavierfabrik Herz ein Konzert überwiegend mit Werken Glinkas stattfand, war Berlioz zugegen, er veröffentlichte danach eine begeisterte Kritik. Auf dem Programm stand unter anderem die ›Walzerfantasie‹, die Glinka ursprünglich für Klavier komponiert und eigens für dieses Konzert orchestriert hatte. Berlioz äußerte damals bereits die Absicht, in Petersburg zu dirigieren. Zwei Jahre danach verwirklichte er seinen Plan — mit größtem Erfolg.

Der Heilige aus Syrien war für die orthodoxe Kirche von besonderer Bedeutung. Im Bilderstreit der Ostchristenheit trat er für den Erkenntniswert, nicht nur für den praktischen Nutzen von Ikonen ein. Er soll 754 mit 104 Jahren in biblischer Verfassung gestorben sein: alt und lebenssatt (was etwas anderes ist als lebensmüde). Tolstoi verfasste sein Gedicht als eine postmortale Abschiedsrede, die auf die Auferweckung am Jüngsten Tag gerichtet ist. Tanejew nutzte für seine Vertonung alles, was die Geschichte der Chor-Oratorien ihm bot — vom intensiven Orchestervorspiel, das die Atmosphäre vorzeichnet, über choralartige Sätze bis zur höchst kunstvollen Fuge. Er bezog Weisen aus der orthodoxen Liturgie mit ein, ohne einen plakativ russischen Stil anzustreben. In der Verwendung seiner kompositorischen Mittel war er souverän, sein Sinn für Klang und Proportion hatte klassisches Niveau. In seiner konzentrierten Tonsprache, die nichts Überflüssiges duldete, schuf er das Urbild für Edward Elgars Oratorium ›Der Traum des Gerontius‹. An kompositorischer Meisterschaft ist die Johannes-Kantate dem jüngeren, umfangreicheren Opus ebenbürtig.

»Stützen Sie sich fest auf Ihre eigenen Kräfte.« Tschaikowsky an Sergei Tanejew Die Brücke Petersburg-Paris Tugan Sokhiev setzt mit Tanejews Kantate seine Reihe mit wenig bekannten, aber bedeutenden Werken russischer Komponisten fort. Erstmals arbeitet er dabei mit dem RIAS Kammerchor zusammen, der vor Kurzem beim Musikfest Berlin seine Kompetenz in diesem Repertoire-Segment mit Werken von Janáček und Strawinsky eindrucksvoll unter Beweis stellte. Sokhiev beleuchtet mit seinem Dezember-Programm zugleich die russisch-französischen Kulturverbindungen. Die

»Berlioz begegnete mir mit außerordentlicher Freundlichkeit, was man vom größten Teil der Pariser Künstler, die unerträglich hochmütig sind, nicht behaupten konnte.« Michail Glinka Tugan Sokhiev beschließt sein Programm mit Berlioz’ ›Symphonie fantastique‹. Sie enthält beides, eine ausgedehnten Tanzszene, wie Glinka sie komponierte, und den Traum von der Lebensgrenze wie in Tanejews Kantate. Bei Berlioz gerät er zum Alptraum mit den Schreckensfanfaren des Jüngsten Gerichts. Sein Finale beeindruckt durch Dramatik. In Tanejews Schlussstück aber öffnet sich der Himmel. Die orthodoxe Kirche stellt traditionell die Auferstehung, nicht die Passion Christi in den Mittelpunkt, die Befreiung, nicht das Leiden. Bei aller Melancholie, der auch Tanejew zuneigte, bietet sie ein Licht der Hoffnung. Habakuk Traber

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Michail Glinka ›Valse-fantaisie‹ Sergei Tanejew Kantate ›Johannes Damascenus‹ für Chor und Orchester Hector Berlioz ›Symphonie fantastique‹ Tugan Sokhiev RIAS Kammerchor Hans-Christoph Rademann Do 19. Dezember 20 Uhr | 18.55 Uhr Einführung Philharmonie Karten von 20 € bis 59 € | Abo-Plus-Preis ab 17 €


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Eine Publikation des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin | dso-berlin.de

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koNzErtE November So 03.11. 12 Uhr Haus des Rundfunks Sa 09.11. 20 Uhr Philharmonie

Fr 15.11. 20.30 Uhr Villa Elisabeth Fr 22.11. Sa 23.11. 20 Uhr Philharmonie

Kulturradio-Kinderkonzert Verdi Auszüge aus Ballettmusiken und Opern lUtz raDEmachEr christian Schruff Moderation Ibert Suite symphonique ›Paris‹ offenbach Violoncellokonzert G-Dur ›Concerto militaire‹ Bizet ›L‘ Arlésienne‹ Suiten Nr. 1 und 2 marc mINkowSkI Jérôme pernoo Violoncello Kammerkonzert Brahms, mozart, Schönberg ENSEmBlE DES DSo Bartók Violinkonzert Nr. 2 Bruckner Symphonie Nr. 7 E-Dur chrIStoph ESchENBach midori Violine

Dezember Di 03.12. 20 Uhr Philharmonie

So 08.12. 20 Uhr Philharmonie

Debüt im Deutschlandradio Kultur Beethoven Ouvertüre zu ›Egmont‹ Bruch Violinkonzert Nr. 1 g-Moll poulenc Orgelkonzert g-Moll ravel ›Daphnis et Chloé‹ Suite Nr. 2 marcElo lEhNINGEr alexandra Soumm Violine michael Schöch Orgel Britten ›Sinfonia da Requiem‹ mozart Klavierkonzert Nr. 27 B-Dur Vaughan williams Symphonie Nr. 3 ›Pastorale‹ SIr roGEr NorrINGtoN Francesco piemontesi Klavier anu komsi Sopran

Sa 14.12. 18 Uhr Berliner Dom

So 15.12. 17 Uhr Villa Elisabeth Do 19.12. 20 Uhr Philharmonie

So 22.12. 12 Uhr Haus des Rundfunks Di 31.12. 15 + 19 Uhr Tempodrom

Weihnachtskonzert Britten, händel, henze, pärt kaI-UwE JIrka Sunhae Im Sopran Vanessa Barkowski Mezzosopran lothar odinius Tenor arttu kataja Bariton Staats- und Domchor Berlin Kammerkonzert Debussy, haydn, Schubert ENSEmBlE DES DSo Glinka ›Valse-fantaisie‹ tanejew Kantate ›Johannes Damascenus‹ Berlioz ›Symphonie fantastique‹ tUGaN SokhIEV rIaS kammerchor 50. Kulturradio-Kinderkonzert tschaikowsky Auszüge aus ›Schwanensee‹ laNcElot FUhrY christian Schruff Moderation Silvesterkonzerte Bernstein, Bizet, Grieg u. a. YUtaka SaDo anne Sofie von otter Mezzosopran artisten des circus roncalli

IMPRESSUM Deutsches Symphonie-Orchester Berlin in der Rundfunk Orchester und Chöre GmbH Berlin im rbb-Fernsehzentrum Masurenallee 16 – 20 | 14057 Berlin Tel 030. 20 29 87 530 | Fax 030. 20 29 87 539 dso-berlin.de | info@dso-berlin.de Orchesterdirektor Alexander Steinbeis (V. i. S. d. P.) Orchestermanager Sebastian König Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Benjamin Dries Redaktion Maximilian Rauscher, Benjamin Dries Redaktionelle Mitarbeit Paolo Ollig Branding | Marketing Jutta Obrowski Abbildungen | Fotos Frank Eidel (S. 1), Paolo Ollig (S. 2 links + rechts), Maren Glockner (S. 2 Mitte), Timothy Greenfield-Sanders (S. 3), Manfred Esser (S. 4 oben), Dorothee Mahnkopf (Grafik S. 4 unten), Marco Borggreve (S. 5 links), Marco Borggreve | naïve | Ambroisie (S. 5 oben rechts), Ruth Walz (S. 5 rechts Mitte), Sotheby´s | akg-images (S. 5 rechts unten), Takashi Iijima (S. 6 oben links), Erik-Jan Ouwerkerk (S. 6 oben Mitte), Ewa Marie Rundquist (S. 6 oben rechts), Benjamin Ealovega (S. 6 unten), David Beecroft (S. 7) Art- und Fotodirektion .HENKELHIEDL Redaktionsschluss 17.10.2013 Änderungen vorbehalten © Deutsches Symphonie-Orchester Berlin 2013 Das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin ist ein Ensemble der Rundfunk Orchester und Chöre Gmbh Berlin. Geschäftsführer Thomas Kipp Gesellschafter Deutschlandradio, Bundesrepublik Deutschland, Land Berlin, Rundfunk BerlinBrandenburg

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›Die Bachs‹ Eine Familiengeschichte von Klaus-Rüdiger Mai

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Mit der abenteuerlichen Flucht des Lutheraners Veit Bach in den religiösen Wirren des 16. Jahrhunderts aus Ungarn nach Thüringen tritt eine der bemerkenswertesten Musikerdynastien Deutschlands auf den Plan. Über mehrere Generationen hinweg sollten etwa dreißig Bachs das Musikgeschehen Deutschlands und Europas maßgeblich prägen. KlausRüdiger Mai legt die erste große Familienbiographie der Bachs vor und erzählt deren Geschichte vor dem Hintergrund des aufstrebenden Bürgertums. Er verfolgt ihren Weg nach London, Stockholm, Venedig oder Mailand, wo sie das europäische Musikleben nachhaltig beeinflussten. An den Entwicklungen ihrer Zeit, die von Luthers Reformation und der Aufklärung geprägt war, nahmen sie aktiv teil: eine moderne bürgerliche Familie, die mit ihrer Musik dem zu Selbstbewusstsein und Unabhängigkeit gelangten Bürgertum Ausdruck verlieh. ERSCHIENEN AM 11. NOVEMBER IM PROP YL ÄEN VERL AG. W W W .ULLST EIN- BUCHVERL AGE.DE


DSO-Nachrichten 11/12 2013  

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