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15. Dezember 2011 | Ausgabe 5 m-and-b.de

Music &Business the facts behind

Soundcheck Culcha Candela Musikberuf Musikredakteur Interview Jan Ammann

Interview & Soundcheck


Ausgabe 5 | Inhalt

Michaela hörl Dominik guyer liebe LeSerin, Lieber Leser,

Musical

Nightwish

Interview & Soundcheck

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Interview

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Jan Ammann

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Culcha Candela

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Soundcheck

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Kolumne

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S. 11

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Neuerungen gibt es im Musikbusiness ständig. Doch zwei der wichtigsten Veränderungen fanden wohl im Jahr 2011 statt. Bisher erlosch das Leistungsschutzrecht eines Musikers nach 50 Jahren. Das bedeutet, dass er als Interpret nach dieser Zeit keinerlei Anspruch mehr darauf hatte, seinen Anteil an Musikverkäufen zu erhalten. Ursprünglich wurde über eine Verlängerung auf 95 Jahre diskutiert, durchgesetzt haben sich allerdings nur 70 Jahre. Damit sollen die Rechte der Interpreten denen der Urheber angepasst werden, die bis zu ihrem Tod und 70 Jahre darüber hinaus die Zahlungen erhalten. Die zweite wichtige Änderung im Musikbusiness kann möglicherweise noch viel weitreichendere Folgen als die Verlängerung der Leistungsschutzrechte haben. Es handelt sich um die Einigung zwischen der GEMA und Bitkom (Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e.V.). Nach Jahren der Verhandlungen und Diskussionen ist nun endlich auch in Deutschland gelungen, was in den USA schon längst funktioniert: Die Zahlung von Lizenzgebühren durch Online-Musikanbieter. Diese liegen zwischen 6 Cent und 9 Cent netto. Mit zwei weiteren Neuerungen beschäftigen wir uns auch in dieser Ausgabe: Nightwish haben das gewagt, was noch keine Band zuvor geboten hat: Ein Album, das nicht nur für den normalen Musikkonsum gedacht ist, sondern dessen Songs verfilmt wurden. Diese einzigartige Kombination von Musik und Bild, die präzise aufeinander abgestimmt wurden, ist für uns ein Highlight im Jahr 2011/2012. Viele neue Ideen hat auch Mirko Gläser. Durch seine unkonventionellen Ratschläge und ausgefallenen Tipps versucht er jungen Bands beim „Anderssein“ zu helfen, vor allem im Bereich Promotion und Merchandise. Seine Visionen werden wir auch im Jahr 2012 weiter verfolgen dürfen, denn Ideen hat er immer. In dieser Hinsicht ist er dem Music&Business-Team sehr ähnlich: Neue Ideen sind bei uns nie Mangelware. Unser neuestes Feature ist ein Lese-Workshop mit dem Thema „Wie schreibe ich selbst ein Musical“. Das gesamte nächste Jahr zeigt euch Peter Michael von der Nahmer wie solch ein Werk aufgebaut ist. Ihr dürft also gespannt sein.

Porträt

Mirko Gläser

S. 15

Musikberuf Musikredakteur

Dominik Guyer und Michaela Hörl (Gründer und Herausgeber)

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Fotos: © Heile (Cover) | Roman Merkle (S. 2)

Ausgabe 5/2011

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Soundcheck | Culcha Candela

CULCHA CANDELA AUF DEM WEG ZUM INTERNATIONALEN ERFOLG

Die erfolgreiche Berliner Hip Hop Combo

Was sie wollen, wissen Culcha Candela ganz genau: Mindestens zehn Alben auf den Markt bringen und endlich auf Welttournee gehen. Dem ersten Ziel sind sie mit ihrem fünften Studioalbum „Flätrate“ ein Stück näher gekommen. Doch ob es ihnen auch den internationalen Erfolg einbringen kann, ist fraglich. Durch den vermehrten Einsatz von Electro- und Technoeinflüssen versuchen sie zwar den aktuellen Trend der nationalen und internationalen Charts zu treffen, jedoch steigt dadurch auch der Konkurrenzdruck. Einem David Guetta oder Pitbull das Wasser zu reichen oder diese gar zu übertreffen, ist nun mal extrem schwer. Deshalb kann es durchaus sein, dass sie sich mit dem einen oder anderen Song auf dem neuen Album keinen Gefallen getan haben. Ihre Fans vermissen vor allem den ursprünglichen Stil der Band, der lange Zeit viele Reggae-Elemente aufwies. Dieser taucht leider nur noch in wenigen Songs des neuen Albums auf. Wildes Ding ist durchaus gut produziert, doch gerade die Autotune Hook klingt auf Deutsch sehr künstlich und erinnert eher an einen Schlager-Hit. Von Allein hat durchaus das Potential eines aktuellen Clubhits und regt zum Tanzen an. Schade ist nur, dass sie Pitbull imitieren. Dieses Gefühl und Megaherz sind musikalisch gesehen eher schwach, beide haben wenige Elemente, die einem zum Weiterhören bewegen. Während Megaherz ganz im Stil der „Singleword-Methode“ (Anm. d. Red.: Wortneuschöpfung; beschreibt den Stil, wie Culcha Candela ein Lied auf einem Thema oder Wort aufbaut; Songbeispiele: Eiskalt, Monsta) und dadurch textlich interessant bleibt, erinnert Dieses Gefühl an einen DJ Ötzi-Schlager, dessen Text leider dieses Niveau nicht

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übersteigt. Blaumann wäre an sich kein schlechter Song, doch die Thematik „heute chille ich“ erinnert stark an den Lazy Song von Bruno Mars. Ob gewollt oder nicht, das ist leider das K.O.Kriterium für den Track, der ansonsten durchaus gute Laune macht. Ein schönes deutschsprachiges Lied ist der Berliner Band mit Millionär gelungen. Der Beat hier ist stimmungsvoll und die Oldschool Drums bringen einen sehr angenehmen Flow. Ein schönes Zusammenspiel zwischen Rap und Gesang mit einer soulig und schön gesungenen Hook lässt einen beim Durchhören des Albums innehalten. Ein Song, den man sich gerne auch öfter anhört. Hungry Eyes hat den gewohnten Culcha Candela Drum Rhythmus. Durch einen parallel zur Stimme eingesetzten Synthesizer wird eine mysteriöse Stimmung erzeugt. Musikalisch ist der Song top, der gut produzierte Beat führt angenehm durch die gesamten 3:32 Minuten. Für die Band ungewöhnliche Einflüsse bietet der Song Verdammt guter Tag. Hierbei haben sie sich einen Kinderchor zur Hilfe geholt, doch leider ist der Text dermaßen schlecht, dass auch dieses Feature nichts mehr retten kann - schade um den Aufwand, der hier betrieben wurde. Der erste Song des Albums Flätrate erinnert stark an KIZ und ist ein absoluter Partysong. Inwiefern es geschickt ist, das sozialkritische Thema „alles umsonst und den Hals nicht vollbekommen“ in einen Partysong zu integrieren, bietet Diskussionsbedarf. Jedoch ist es ohnehin fraglich, ob im betrunkenen Zustand noch auf Aussagen einzelner Textpassagen geachtet wird. Am Start und Nix zu verlieren gehören zu den Gewinnern der Platte. Beide Songs haben gute Beats mit powervollen Rap-Parts, besonders Nix zu verlieren. Im Gegensatz zu einigen anderen Tracks wird bei Am Start das Autotune gekonnt eingesetzt und wieder die für

Fotos: © Katja Kuhl (S. 04 | 05)

Culcha Candela übliche Singleword-Methode benutzt. Eine coole Stilmischung bietet der Song Mami, der in sich Electro, Rap und Gesang vereint. Die Zweisprachigkeit des Tracks macht diesen noch interessanter. Spanische Parts sorgen für Abwechslung und jede Menge gute Laune. Man erinnert sich sofort an den letzten Sommerurlaub, die Cocktails, Strandparties und coolen Clubs. Ein Song, der durchaus das Potential hat international erfolgreich zu sein, vor allem in der spanischen Clubszene. Der Titel Big Fat Smile beschreibt bereits, wie man sich beim Hören des Songs fühlt. Der Reggae-Einschlag passt zur Band, eine schöne, im Moment von ihnen vernachlässigte Richtung. Hoffentlich dürfen wir so etwas in Zukunft öfter hören. International haben sie bei dieser Nummer den Vorteil, dass englischsprachige Länder schon aufgrund des Textverständnisses mehr Interesse zeigen könnten. Leider ist es nach wie vor so, dass der Schlüssel für weltweiten Erfolg in der Sprache liegt, die meist Englisch sein muss. Last but not least: Der beste Song des Albums ist auch der letzte. Morgen Fliegen ist ein gelungenes Gesamtkunstwerk und einer der wenigen Songs, die wirklich eine Botschaft transportieren. Die Benutzung von akustischen Instrumenten gepaart mit Synthesizern und spacigen Drums ergibt einen außergewöhnlichen Sound. Der Text zeigt, dass Culcha Candela mehr können, als nur über Frauen und Sex zu rappen; sie können sich auch mit ernsten Themen auseinandersetzen. Nach einem schwachen Einstieg beweisen die Berliner mit einzelnen Songs ihr musikalisches Talent. Vor allem der Sänger wertet durch seine angenehme, weiche Stimmfarbe und den eingängigen Refrains und Strophen das Album auf, während eher eintönige Rap-Parts die 15 Titel zu einem Einheitsbrei verwandeln. Die besten Songs sind: Hungry Eyes, Millionäre, Big Fat Smile und Morgen Fliegen. Sie hätten sich insgesamt mehr auf das konzentrieren sollen, was sie können, mehr Reggae wäre beispielsweise schön gewesen. Abgesehen von überflüssigen Electro- und Technoeinflüssen sind die Produktionen durchweg sehr professionell und vermitteln eine sehr positive Stimmung und jede Menge Partylaune. Culcha Candela haben mit großem Erfolg ihren eigenen Stil erschaffen, darauf sollten sie aufbauen und nicht zwanghaft versuchen, anderen nachzueifern oder möglichst schnell international erfolgreich zu werden. Es sollte eine Linie eingehalten werden, die den Fans zeigt, wer Culcha Candela sind und wo sie mit ihrer Musik stehen möchten. Nur so können sie auch über den deutschsprachigen Raum hinaus ihre Ideale und ihre Musik glaubwürdig vertreten und verkaufen. Constantin Schley, Michaela Hörl


Nightwish | Interview & Soundcheck

„Finde deinen eigenen Weg, welche Geschichten willst du den Menschen erzählen?“

Nightwish wurde im Jahr 1996 während einer Nacht am Lagerfeuer von Tuomas Holopainen gegründet. Damals studierte er Musiktheorie, Klavier, Klarinette und Tenorsaxophon. Ein Großteil der Songs und Arrangement stammt aus seiner Feder. Nightwishs Lieder werden stark von Elementen der Filmmusik beeinflusst. Als musikalische Vorbilder nennt Tuomas Holopainen unter anderem die berühmten Komponisten Hans Zimmer („Fluch der Karibik“, „Rain Man“, „Last Samurai“) und Vangelis („Blade Runner“, „Alexander“). Mit der ehemaligen Sängerin Tarja Turunen prägten Nightwish das Genre des Symphonic-Metal. Dann, im Jahr 2005, trennte sich die Band von Tarja. Im September 2007 erschien das erste Album „Dark Passion Play“ mit der Sängerin Anette Olzon aus Schweden. Mit Emppu Vuorinen, Jukka Nevalainen und Marco Hietala war die Band in ihrer aktuellen Besetzung komplett und das Album erreichte bereits am ersten Tag Platinstatus in Finnland. Die Aufnah-

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Foto: © Heile

men von „Dark Passion Play“ kosteten angeblich 500.000 Euro und wurden von der Band alleine getragen. Von September 2007 bis September 2009 begaben sich Nightwish auf eine weit über 200 Konzerte umfassende Welttournee. Sie tourten durch Kanada, Brasilien, Chile, Japan, China, Australien, Argentinien, Israel, viele europäische Länder und die USA. Dass Nightwish eine weltweite Fanbase haben, bestätigt auch ihr Facebookprofil mit weit über zwei Millionen Fans. Im Jahr 2011 verkündete die Band, dass sie ein noch nie da gewesenes Projekt verwirklichen: Eine Kombination aus Film und Musik, deren künstlerische Elemente und Inhalte aufeinander abgestimmt sind. Am 2. Dezember erschien bereits das neue Album „Imaginaerum“, der Film soll unter gleichem Namen veröffentlicht werden. Music&Business hat mit dem Kopf der Band Tuomas über den Schlüssel zum Erfolg und das neue Projekt gesprochen.

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Nightwish | Interview

M&B: Wann hattest du das erste Mal die Idee, die Musik von Nightwish mit einem Film zu verbinden? Tuomas Holopainen: Das war bereits im Jahr 2007. Nachdem ich das letzte Album „Dark Passion Play“ fertig produziert hatte. Ich fing an, darüber nachzudenken, was wir als Nächstes machen könnten. Dann machte es „klick“. Warum nicht einen Film drehen, wenn unsere Musik schon immer Richtung Filmmusik ging? Ich war begeistert von der Idee, weil ich denke, dass es keine andere Band gibt, die so etwas Ähnliches gemacht hat. Gut, Pink Floyd mit „The Wall“ oder die Beatles, ja, aber es war und ist einfach etwas Anderes, eine andere Idee, die ich im Kopf hatte und habe. Ich wurde nicht mehr losgelassen von dieser Idee und dachte, dass wir die Finanzierung des Films ohne Probleme bekommen würden. Es dauerte letztlich dann drei Jahre, bis wir das benötigte Geld zusammen hatten. M&B: Wie habt ihr es doch noch geschafft, den Film zu finanzieren? Tuomas Holopainen: Wir haben anfangs viel selbst bezahlt, dann jedoch fanden wir eine kanadische Produktionsfirma, d-ie uns dabei unterstütze. Zusätzlich bekamen wir Fördergelder von der finnischen Filmförderung. Somit hatten wir die benötigten vier Millionen Euro für den Film zusammen. M&B: Werden die Zuschauer das Werk auch im Kino zu sehen bekommen? Tuomas Holopainen: Der Film wird sicher in einigen finnischen und kanadischen Kinos gezeigt werden, da es eine finnisch-kana-

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dische Produktion ist. Ich sehe das Ganze aber nicht als eine kommerzielle Veranstaltung. Denn es ist in erster Linie eine Sache, die wir gerne machen wollen und auf die wir stolz sind. Ich möchte es als etwas sehen, was noch keine Band vor uns je gemacht hat. Vielleicht ist es der Beginn von etwas Neuem. Ich weiß es nicht. Aber du musst einfach das machen, was du fühlst.

sten Dinge ist es, eine klare Vision zu haben und nicht immer alles auf eigene Faust zu machen. Wir haben fünf große Charaktere mit ihren eigenen Meinungen in der Band. Obwohl wir die besten Freunde sind, gibt es doch immer etwas, worüber sich diskutieren lässt. Auf zwischenmenschliche Beziehungen Acht zu geben ist deshalb für mich die schwierigste Sache der Welt.

M&B: Auf dem neuen Album sind Einflüsse von Folk, Jazz, Klassik und sogar arabische Klänge zu hören. Denkst du, dass die Fans offen sind für die neuen, vielfältigen Einflüsse in der Musik? Tuomas Holopainen: Ich hoffe es. Für einige Leute wird es ein kleiner Schock sein, zum Beispiel der Jazzsong oder der lange Part mit dem Gedicht am Ende des Albums. Aber ich sehe es als eine Herausforderung für uns und die Fans. Wir wollen niemals zwei fast identische Songs auf unseren Alben haben. Ich hoffe die Menschen werden das so gut wie möglich akzeptieren.

M&B: Wurde in der Vergangenheit Musik vor den offiziellen Releases im Internet veröffentlicht? Tuomas Holopainen: Das passierte bisher tatsächlich jedes Mal. Die erste Single des letzten Albums ( Amaranth, Anm. d. R.) und das gesamte Album „Wishmaster“ waren zwei Wochen vor der Veröffentlichung im Internet. Das ist tatsächlich auch der Grund dafür, dass wir diese „Listening Session“ nur noch für die Presse veranstalten. Wir versenden keinerlei Promo-CDs mehr. Ansonsten ist das neue Album morgen im Internet.

M&B: Auf dem neuen Album kommen viele Orchestrierungen zum Einsatz. Denkst du darüber nach, mit einem Orchester auf die Bühne zu gehen? Tuomas Holopainen: Ich denke die letzten zehn Jahren darüber nach. Ich hab wirklich keine Lust mehr auf Playback, aber das ist leichter gesagt als getan. Die Band „Within Temptation“ verwirklichten dies auf eine wunderbare Weise, deshalb hoffe ich, dass wir es irgendwann auch machen werden. M&B: Was waren die Schwierigkeiten auf deinem Weg mit Nightwish? Tuomas Holopainen: Eines der schwierig-

M&B: Das Artwork von Nightwish und die Videos haben oft eine märchenhafte und magische Anmutung. Magst du diese Fantasy-Welt? Tuomas Holopainen: Ja. Ich liebe Disney, ich liebe Tolkien, ich liebe Fantasy, ich liebe Horror, Steven King und das ganze Zeug! M&B: Hast du noch andere Leidenschaften außer Musik? Tuomas Holopainen: Ich liebe es, eine Menge verschiedener Dinge zu machen, aber Musik ist sicher meine größte Passion. Ich wollte immer Wissenschaftler werden. Ich liebe die Natur, Biologie und Geologie und all diese liebenswürdigen Dinge. Aber jetzt ist es die Musik geworden.

M&B: Sollten die Menschen generell offener für Neues sein? Tuomas Holopainen: Ja, ich sehe das wirklich so. Ich glaube, heutzutage ist das das größte Problem auf der Welt. Wir sollten offen gegenüber anderen Menschen und anderen Ansichten sein. Ich denke Fundamentalismus und Religionen bringen viele Probleme mit sich. Wie kann man anderen Menschen erzählen, dass es nur einen Gott gibt und sie an diesen glauben müssen?! Es ist einfach so absurd – das verstehe ich nicht und ich werde es niemals verstehen. Das ist aber nur meine Meinung. M&B: Da draußen gibt es viele Bands, die einen Traum haben. Kannst du einen Ratschlag an die Menschen weitergeben, die ihren Traum leben wollen? Tuomas Holopainen: Ich habe diese Frage schon ein paar Mal gestellt bekommen und ich gebe jedes Mal die gleiche langweilige, aber ehrliche Antwort. Aber ich denke, genau diese Antwort ist der Schlüssel zu allem: Finde deinen eigenen Weg, was du wirklich machen willst. Welche Geschichten willst du den Menschen erzählen? Welche Art von Musik möchtest du gerne spielen? Mache dabei keinerlei Kompromisse. Das ist der einzige und beste Ratschlag den ich geben kann. Vielleicht kombinierst du Jazz und Black Metal, schreibst Storys über, ich weiß es nicht, das Wandern oder was auch immer. Es muss ehrlich gemeint sein und von tief innen kommen. Wenn du das machst und hartnäckig bist, dann wirst du niemals scheitern. Dominik Guyer

Fotos: © (v. l. n. r ): © Ville Akseli Juurikkala (Bild 1 -3) | Heile (Bild 4)

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Nightwish | Soundcheck

Musical | Kolumne

Soundcheck

AGINAERUM

IM

Durch das ganze Album hinweg überrascht Anette mit ihrer Stimme. Sie hat sich weiterentwickelt und singt streckenweise sehr kraftvoll. Ob sie das live auch halten kann werden die Fans auf der kommenden Tour erfahren. „Imaginaerum“ ist nur über eine gute Stereoanlage erfassbar. Über das Autoradio oder Computerboxen gehen große Teile der vielschichtigen Musik verloren. Der erste Song Taikatalvi ist ein kurzes, ruhig gehaltenes Intro. Es führt musikalisch direkt zur ersten Single des Albums mit dem Namen Storytime hin: Schneller Gitarrensound und kräftiger Bass, abgerundet durch orchestrale Teile. Anette zeigt durchgehend ihre kräftige Stimme. Die relativ kurz gehaltene Bridge besteht aus Orchester, Chor und schönem Schlagzeugsound. Wie bei Singleauskopplungen üblich, warten keine großen Überraschungen auf den Hörer. Es folgt Ghost River mit einem energiegeladenen Intro durch den Gitarristen Emppu. Anette und Marco liefern sich ein gesangliches und emotionales Duett, dessen Wirkung durch ein Orchester im forte untermalt wird. In Slow Love Slow überraschen Nightwish mit jazzigen Klängen. Nach einer gewissen Zeit fühlt man sich, als ob man in eine gemütliche, dunkle Lounge sitzt. I Want My Tears Back geht eher in die Richtung Folk, es fließen sogar keltische Klänge mit ein. Gepaart mit hartem Gitarrensound und den sich abwechselnden Stimmen von Marco und Anette ist es ein guter Song mit einem tollen Refrain geworden. Scaretale beginnt mit einem Kinderchor, dem Orchester und dann kommt der Erwachsenenchor dazu. Nach circa 2½ Minuten der erste aggressive Stimmeinsatz von Anette - jeder wird von den energiegeladenen Vocals positiv überrascht sein. Plötzlich ertönt eine Stimme mit den Worten „Ladies and Gentleman“ und dann beginnt die „Show“ mit zusätzlichem mächtigem Bläsereinsatz. Scaretale klingt nach einer bombastischen Mischung aus Zirkusmusik, Musical, Showmusik und Metal. Danach folgen im Song Arabesque arabische Klänge und Melodien zusammen mit dem Orchester und gegen Ende kommen aggressive Percussions dazu. Plötzlich und abrupt endet der Song, obwohl man eigentlich noch weiter den arabischen Klängen lauschen möchte. Nach diesem Instrumental folgt der eher ruhige Song Turn loose the Meermaids. Hier besticht Anette mit einer sehr emotionalen Stimme. Die sphärische Bridge geht in ein folkiges Ende über. Rest Calm startet mit starkem Gitarrensound, später setzt die

Fazit

ausdrucksstarken Stimme von Marco ein und wechselt sich mit ruhigen – von Anette gesungenen – Parts ab. Die tolle, kräftige Stimme von Marco harmoniert wunderbar mit Anettes Gesang. The Crow, the Owl and the Dove ist ein Lied zum Entspannen: Gitarrenintro, Pianooutro und angenehmer Gesang. Damit ist der Hörer gut vorbereitet auf den Last Ride of the Day: Ein heftiger, kurzer Ritt mit tollem Gitarrensound, Orchester und einem durch das Piano schön untermalten Refrain, der von Anette und Marco gemeinsam gesungen wird. Die Bridge besteht aus einem kurzen Gitarrensolo und Bläsereinsatz. Der sich wiederholende Refrain am Ende des Songs folgt mit allem was die Stimmen, Orchester und der Chor hergeben. In den letzten Sekunden des Tracks fühlt man sich wie von einem musikalischen Strudel in den Abgrund gezogen. Das vorletzte Lied Song of Myself besteht aus vier Teilen mit guten Riffs, toller Double Base, einem starken Chor, Orchesterparts und Anettes Gesang. Der Song ist musikalisch sehr vielschichtig und mit über 13 Minuten der längste Track des neuen Albums. Das Besondere ist, dass in einem Part ein Gedicht gesprochen wird. Tuomas sagte uns zum Hintergrund des Songs: „Es gibt von dem amerikanischen Poeten Walt Whitman ein klassisches Gedicht aus dem 19. Jahrhundert, das „Song of myself“ genannt wird. Das Gedicht ist gewissermaßen meine Bibel, denn ich hatte eine Offenbarung als ich es gelesen habe. Es ist für mich das wichtigste Stück Literatur, weshalb ich etwas zurückgeben will und das zu einem gewissen Teil mit dem Lied Song of myself. Dazu wollte ich den gleichen Titel wie Whitman verwenden. Somit ist es in einer gewissen Weise auch über mich selbst. Aber ich sehe es mehr als ein Tribut an den originalen Text.“ Der letzte Song heißt genau wie das Album: Imaginaerum - eine Art Medley. Es tauchen immer wieder Elemente aus den einzelnen Liedern des Albums auf. Dabei handelt es sich um Orchester- und auch Instrumentalversionen ohne Gesang. Die Orchesterversionen wurden von Pip Williams arrangiert (produzierte sieben Alben für „Status Quo“), der für alle Orchestrierungen des Albums verantwortlich ist. Für die klassischen Parts haben Nightwish das „London Philharmonic Orchestra“, den ebenfalls aus London stammenden Chor „Metro Voices“, sowie den Kinderchor „The Young Musicians London“ hinzugezogen.

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Dominik Guyer

Aus der Seele geschrieben MuTaDra (Musik – Theater – Drama) 1. Teil Mit dieser Kolumne widmet sich Music&Business dem momentan erfolgreichsten Sektor der deutschen Musikbranche: dem Musical. Peter Michael von der Nahmer ist Komponist und hat bereits zahlreiche Musicals geschrieben. Er zeigt, wie man selbst zum Musicalkomponisten werden kann und welche Schritte nötig sind, bis man das vollständige Stück auf der Bühne zeigt. Dieser Artikel will keine Anleitung sein, wie man ein Hitmusical schreibt, sondern wie man eigene szenische und musikalische Ideen und Vorstellungen im Bereich des Musiktheaters entwickeln und umsetzen kann. „MuTaDra“ umschreibt dabei das Konzept des Autors, das sich mit den musikwissenschaftlichen, pädagogischen und therapeutischen Aspekten beim Entwickeln und Aufführen eigener Musiktheaterstücke auseinandersetzt. Schritt 1: Einführung - Grundsätzlich zu Beginn Bevor man überhaupt mit der Themensuche beginnt, sollten einige Fragen gestellt und beantwortet werden, die im weiteren Verlauf von Bedeutung sind: Für welche Altersgruppe und welchen Zweck soll das Stück geschrieben werden? Wichtig: Der Unterschied liegt hierbei nicht in der Qualität des Stückes oder der Musik, als vielmehr in der Art und Weise, welche Thematik verwendet und wie diese dargestellt wird. In der Regel wählt man für kleinere Zuschauer märchenhafte Stoffe, während Jugendliche sich besonders für Geschichten interessieren, die aus dem Leben gegriffen sind und die Probleme des Erwachsenwerdens schildern und problematisieren. Wer wird das Musical aufführen? Soll das Musical für oder von Kindern und Jugendlichen geschrieben und aufgeführt werden oder soll es von professionellen und erfahrenen Musikern und Sängern dargeboten werden? Diese Entscheidung beeinflusst neben dem Schwierigkeitsgrad der Musik auch den textlichen Umfang und die sprachliche Darstellung. Räumlichkeiten Vor Beginn ist unbedingt zu klären, welche Bühne und welches Theater für die Umsetzung des Projektes verwendet wird. Zeitlicher Rahmen Der zeitliche Rahmen ist insofern von Bedeutung, als dass er den Umfang eines Stückes beeinflussen kann und zudem einen wichtigen Bestandteil bei der Planung von „Deadlines“ darstellt. Für ein circa einstündiges Werk wäre ein Jahr mit Vorbereitung, Planung und Ausarbeitung zu empfehlen.

Foto: © Janine Guldener

Schritt 2: Themensuche – Wie findet man ein geeignetes Thema? Adaption oder eigene Geschichte? Bei der Frage ob man eine bereits bestehende (Adaption) oder doch eine eigene Geschichte verwendet, gibt es kein besser oder schlechter. Vielmehr sollte man sich fragen, was man selbst spannender findet. Bei der Adaption ist jedoch immer auch die urheberrechtliche Frage vorab zu klären. Entweder ist ein Text frei verfügbar (Public Domain) oder man muss mit einem Verlag abklären, ob die jeweilige Vorlage als Musical adaptiert werden darf. Klärt man diese rechtlichen Grundlagen nicht ab, kann es später ein böses Erwachen in Form von Nachzahlungen an Autoren und Verlage geben. Die Entwicklung einer eigenen Geschichte hat mehrere Vorteile. Man kann zum einen das Stück auf die Akteure zuschneiden, zum anderen kann hier das Schreiben des Stückes selbst als Prozess verwendet werden um eigene Erlebnisse kreativ aufzuarbeiten. Fragen die man an die Geschichte stellen sollte: Was ist das emotionale Zentrum, die innere Kraft, die das Stück nach vorne treibt und das Publikum berührt? Fasziniert mich die Story so sehr, dass ich gar nicht anders kann, als sie weiter zu erzählen? Ist es sinnvoll die Geschichte in Form eines Musicals zu erzählen? Wird die Musik ein tieferes Verständnis der Charaktere bringen? Das Wichtigste ist Material zu haben, das aus der Seele spricht. Inspiration findet man neben Geschichten aus dem eigenen Leben auch in Filmen, Theaterstücken, Büchern und Zeitungsartikeln. Mike von der Nahmer

Zum Autor Peter Michael von der Nahmer studierte zunächst Musikwissenschaft an der „Ludwig-Maximilians-Universität München“ und Film als Gaststudent an der „Hochschule für Fernsehen und Film München“, bevor er im Jahr 2003 sein Kompositionsstudium an der dortigen „Hochschule für Musik und Theater München“ und zusätzlich an der UCLA in Los Angeles abschloss. Er komponierte zahlreiche Werke für das Musiktheater, darunter die Musicals „Lupus Albus“, „Ultimate Musical“, „Von Zeyt zu Zeit“, und die Kurzoper „20 Minuten“. Sein Schaffen wurde mit vielen internationalen Preisen (beispielsweise "Berliner Opernpreis") und Stipendien ausgezeichnet. Als Klangforscher und Sound Designer arbeitet er zudem für unterschiedliche Firmen, wie für BMW. Weitere Informationen unter: www.petermichaelvondernahmer.com

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M&B 11


Interview | Jan Ammann

Der

Vampir mit Lampenfieber Jan Ammann gibt Einblicke in seinen Alltag als Musicaldarsteller

Eine riesige Sporttasche lässig über seine Schulter gehängt, so erscheint der Musicaldarsteller und Sänger Jan Ammann gutgelaunt zum Interview. Im Oktober 2010 erschien seine erste eigene CD mit den größten Hits aus den beliebtesten Musicals. Mit seinem Soloprogramm „Lampenfieber“ und der Show „Musical Moments“ ist er seit Herbst 2011 auf den Bühnen Deutschlands unterwegs. Zusätzlich tourt er als Gründungsmitglied der „Musical Tenors“, mit denen er ebenfalls ein Album veröffentlichte, quer durch Deutschland. Drei Jahre lang verkörperte er – zuerst in Oberhausen, anschließend in Stuttgart – den Graf von Krolock im Musical „Tanz der Vampire“. M&B: Was hat dich an der Rolle besonders gereizt? Jan Ammann: Solch eine Rolle ist natürlich für einen Schauspieler immer eine große Herausforderung, weil man die Möglichkeit hat, die Facetten einer sehr tiefgängigen Persönlichkeit auszufüllen und zu spielen. Sowohl das ganze Vampir-Thema als auch die Geschichte dahinter, die man auch aus dem Film von Roman Polanski kennt – das nachzuempfinden und nachzuspielen macht einen Riesenspaß. M&B: Hast du eine Lieblingsszene bei „Tanz der Vampire“? Jan Ammann: Ich mag wahnsinnig gerne die Szene des ersten Antastens des Grafen von Krolock und dem Professor. Mein absolutes Highlight ist jedoch natürlich die Szene um das Lied „Unstillbare Gier“, da kann man wirklich alle Ventile öffnen und einfach Gas geben. M&B: Du hast in deiner Rolle als Vampir ein Gebiss im Mund. Damit musst du singen und sprechen. Hat das auf Anhieb geklappt? Jan Ammann: Wenn man singt, muss man mit Obertönen arbeiten und freie Töne entwickeln. Diese entstehen bei mir, wie

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Fotos: © Ben Ott und Karim Khawatmi

auch bei jedem anderen Sänger, im Mund. Deshalb glaube ich, dass die Zähne gesanglich die größte Herausforderung in diesem Stück sind, auch wegen dem enorm hohen Speichelfluss, den man durch den Fremdkörper im Mund hat. Sie sind das Kernstück des Musicals, jedoch war ich jedes Mal froh, wenn es eine Szenen gab, in der ich sie nicht tragen musste. M&B: Dein derzeitiges Soloprogramm heißt „Lampenfieber“. Hast du denn noch welches vor deinen Auftritten? Jan Ammann: Lampenfieber hat man glaube ich immer. Man geht einfach mit einem gewissen Adrenalinspiegel auf die Bühne. Dies gilt natürlich auch nach der Vorstellung! Manchmal ist man bis 2 Uhr nachts noch wach. Das ist bei uns Darstellern meist das Problem, dass wir zwar müde und physisch sehr geschafft sind, aber durch das Adrenalin im Körper unsere Zeit brauchen, um abzuschalten. Gerade bei meiner Solotournee bin ich immer besonders aufgeregt. Wenn man sich persönlich präsentieren muss und nicht eine Rolle spielt ist, das immer sehr privat und intim. Umso größer ist die Anspannung und umso größer ist auch die Angst. M&B: Woher wusstest du, dass dein Weg irgendwann einmal ins Musical führt? Jan Ammann: Ich habe eigentlich Oper studiert und mich damit auch wohl gefühlt. Oper hat mir sehr viel bedeutet – damals wie heute. Allerdings ist im Laufe meines Studiums auch so ein bisschen der Frust eingekehrt. Ich dachte mir, wenn ich hier fertig bin, bin ich schon 32 Jahre alt, aber ich weiß noch gar nicht, ob ich die nötige Bühnenpräsenz habe. Dann kam das verlockende Angebot für das „König Ludwig Musical“ in Füssen, dem allerersten Stück, für welches ein klassischer Sänger gesucht wurde. Ich habe vorgesungen und dann eine Weile den König gespielt. Es hat mich fasziniert, wie konstant und wie gut man jeden Tag singen muss. Ich fand das einfach interessant, Schauspiel, Gesang und

Tanz auf einen Nenner zu bringen. Das ist bei der Oper nicht ganz so. M&B: Wo siehst du dich in 10 bis 20 Jahren? Jan Ammann: Das weiß ich nicht, aber ich bin sehr gespannt auf das, was mich in den nächsten Jahren erwartet. Man muss eine sehr präzise Vorstellung haben von dem, was man gerade tut und das muss man professionell und gut machen. Auch ich habe Schwächen. Keiner ist perfekt und daran gilt es eben auch festzuhalten und immer weiterzuarbeiten und das Ganze selbstkritisch zu betrachten. Das tun wenige! Wichtig ist zu wissen: Wo bin ich, wo stehe ich jetzt gerade und was kann ich tun, um besser zu werden. M&B: Du hast eine klassische Ausbildung. Welche Musik hörst du privat? Jan Ammann: Ich bin ein großer Fan von Audioslave oder Muse. Ich mag alle Arten von Musik, die mir ein Ventil bieten. Das kann Rock sein, das kann aber auch, wenn ich weinen möchte, Klassik sein. M&B: Hast du ein Motto nach dem du lebst? Jan Ammann: Mein Lebensmotto ist: „Lebe jetzt!“ Ich finde es so bedauerlich, dass man sich ständig Sorgen macht, um das, was morgen ist oder um das, was gestern war. Wir laufen heutzutage an allem vorbei, aber sehen das Hier und Jetzt nicht mehr. Ich bin glücklich, ich kann meine Shows singen, ich habe ein gesundes Kind. Man muss das Leben genießen, solange man noch da sein darf. Wir sind nur Gäste für so eine kurze Zeit. Alexandra Haar

Tourneedaten sowie weitere Informationen zu Jan Ammann findet ihr unter: www.janammann.com

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Porträt | Mirko Gläser

Ein Porträt

Musikredakteur | Musikberuf

„Sei glaubwürdig und das 24 Stunden am Tag!“

Gläser über Mirko von Sideonedummy-Records und Cardiac

Communica

tion

Ein altes Industriegebäude, ein Raum, voll mit Postern und Parolen an den schwarzen Wänden und eine Gruppe Jugendlicher, die meisten Punkrocker, die in einem Teil des Raumes auf ordentlich aufgestellten Stühlen sitzen. Das einzige Licht kommt von einem Beamer, der Werbebilder und Marketingideen an eine Leinwand wirft. Vor der Gruppe steht ein junger Mann, er passt in das ganze Umfeld: lässige Jeans, Chucks und ein Skaterpullover. Sein Name ist Mirko Gläser. Mirko kennt sich in der Punkrock-Szene bestens aus, denn das ist genau seine Musik. Bereits mit 14 Jahren managte der überzeugte Vegetarier einige kleinere Bands und entschloss sich Musikmanager zu werden, auch ohne ein abgeschlossenes Studium. Die Fragen, die er in seinem Workshop beantwortet, hat er über die Jahre immer wieder gestellt bekommen oder sich selbst gestellt. Das recht allgemein gehaltene Thema heißt: „Ideen gegen die Krise im Musikbusiness“, was eine Vielzahl an Ideen zulässt. Und die hat Mirko auf jeden Fall. Seine Aussagen sind immer mit Beispielen verdeutlicht und er schafft es, komplexe Themen so zu formulieren, dass sie im Gedächtnis bleiben. Die Grundsituation in der Musikbranche ist seiner Meinung nach so: „Heute regiert die „Generation Porno“, die für nichts mehr Geld ausgeben möchte.“ und „CDs sind tot, MP3s auch bald und Labels sowieso.“ Doch Mirko erkennt nicht nur Probleme, er bietet auch Lösungen dafür: Da Bands nur noch schwer Geld durch Plattenverkäufe verdienen, müssen sie umso mehr Live-Auftritte spielen und ihre Konzerte füllen. Was einfach klingt ist in der Realität sehr schwer. Nur 0,1 % der Botschaften um uns herum nehmen wir tatsächlich auf, das heißt von 1000 Botschaften oder Nachrichten erreicht uns gerade einmal eine. Die Band muss es also schaffen, diese eine Botschaft zu sein. Und hier sollte das Marketing der Band greifen. Beispielsweise durch kreative Plakatwerbung. Die Band „Drag The River“, besuchte geschlossen einen Origami-Kurs und faltete ihr Bandmaskottchen, einen Pferdekopf, um diesen

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dann auf allen Plakaten anzubringen. Sie gestalteten mit einfachen und zudem günstigen Mitteln eine ausgefallene 3D-Werbekampagne und machten so auf sich aufmerksam. Mirko selbst arbeitet an einem eigenen Projekt: „Ich glaube an ganz ungewöhnlichen Merch, ich arbeite gerade an einer Küchenkollektion mit Merchandise Utensilien, die dann nicht ein T-Shirt oder Jutebeutel sind, da gibt es stattdessen den Kartoffelstampfer und die Kochschürze einer Band, weil ich glaube, dass jeder von uns eine Küche hat oder haben sollte und so etwas benötigt.“ Seine kreative Leistung bringt er nicht nur bei dem Label „Sideonedummy“, für das er arbeitet, ein, sondern auch bei der FullService Agentur „Cardiac Communications“, die er zusammen mit zehn Freunden gründete. Dort entwerfen sie seitdem Kampagnen für Firmen wie „Titus“, „Eastpak“ und „Vans“. Die Agentur verfolgt von Anfang an die Grundidee, dass Authentizität in der Jugendszene nur dann vermittelt werden kann, wenn man selbst seine Wurzeln in der Skaterbranche hat. Deshalb ist fast jeder in der Agentur begeisterter Skater, auch Mirko. Der Erfolg der Agentur ermöglicht es ihm aufgrund der finanziellen Sicherheit, seinen Leidenschaften und Projekten im musikalischen Bereich nachzugehen. Seit er die Vertriebsstruktur für „Sideonedummy“ in Deutschland, Österreich und auch der Schweiz aufgebaut hat, managt er gleichzeitig zwischen 15 und 20 Bands, wie „Flogging Molly“, „Antiflag“ und „The Gaslight Anthem“. Meist managen sich die teilnehmenden Bands bei seinen Workshops selbst. Und das ist nach Mirkos Meinung auch durchaus möglich. „Wenn ich auf meine eigene Vergangenheit zurückblicke, würde ich sagen, es ist alles keine Quantenphysik, von der wir reden, sondern Kommunikation. Nicht jeder bringt das mit, was man in der Musikbranche benötigt. Es geht hier eher um Softskills als um Hardskills. Die paar Gesetzestexte, die man als Veranstaltungskaufmann wissen muss und die Paragraphen, die du als Musikmanager einfach im Kopf haben solltest, schafft man auch durch Learning by doing.“ Doch er ist sich auch bewusst, dass sein eigener Werdegang mehr als die Hälfte seines Lebens in Anspruch genommen hat. Ein Studium wäre seiner Meinung nach wahrscheinlich der schnellere Zugang zu Wissen gewesen, doch er bereut nichts, da vieles in der Branche über Kontakte läuft. Und wie Mirko so schön sagt: „Kontakte baut man nicht in der Uni auf, sondern in der Praxis.“ Auch der Kontakt zu den Fans ist sehr wichtig, wie Mirko in seinem Workshop immer wieder betont, vor allem wenn kein Geld zur Verfügung steht. Laut ihm gibt es zwei Währungen: Zeit und Geld. Eines von beidem muss man immer investieren, wenn man ein Ergebnis erzielen möchte. Durch Aufmerksamkeit, die man Fans oder potentiellen Fans schenkt, bindet man diese an sich und kann sie von sich überzeugen. Das kann zum einen für Crowdfunding (Finanzierung einer CD durch Fans) genutzt werden oder um einen Merch- oder CD-Verkauf anzukurbeln. Unmöglich ist seiner Meinung nach nichts, aber oftmals harte Arbeit. Er selbst mag Projekte, die auf den ersten Blick unmöglich scheinen. Er hat gerade ein eigenes Label gegründet (Uncle M Music), auch wenn er denkt, dass Labels heute nur schwer überleben können. Einer seiner Wünsche ist es, auch ein Projekt zu realisieren, das Musik mit Literatur verbindet. Genau Vorstellungen darüber hat er jedoch noch nicht. Doch eines ist ihm klar: Alte Denkstrukturen müssen durchbrochen werden. Das ist auch sein persönliches Ziel, warum er Workshops gibt: „Wenn ich mit dem Workshop erreiche, dass der ein oder andere ein klein bisschen umdenkt damit, um es pathetisch zu sagen, die Welt ein klein bisschen besser wird, dann kann ich sagen, ich habe meinen Beitrag dazu geleistet.“ Michaela Hörl

Foto: © Franziska Köhler

Das Berufsbild des

Musikredakteur Matthias Kugler ist Musikredakteur bei SWR3 und stand uns Rede und Antwort bei den wichtigsten Fragen rund um diesen interessanten Beruf. Zu den Hauptaufgaben eines Musikredakteurs gehört neben der Planung des Musikprogramms und der Auswahl von neuen Songs, die den Hörern vorgestellt werden sollen, auch das Einladen von Studiogästen. Am Beispiel von SWR3 ist es auch seine Aufgabe, gemeinsam mit Kollegen geeignete Künstler für Großveranstaltungen wie das „New Pop Festival“ zu finden. Im Laufe der Zeit hat sich das Aufgabenfeld jedoch gewandelt - von der Auslese der Schallplatten hin zur Pflege des Online-Auftritts eines Radiosenders. Matthias Kugler: „Das Feld an sich ist viel größer geworden. Früher wurde noch mit einem Techniker zusammengearbeitet, man hat einen Text eingesprochen und der Techniker hat daraus einen fertigen Beitrag gebastelt. Heute macht man das alles selbstständig am Rechner, inzwischen auch direkt unterwegs, wenn man bei Konzer-

ten oder Interviews mit Künstlern ist.“ Um Musikredakteur zu werden, ist eine fundierte journalistische Ausbildung sehr wichtig. Daher sollte zunächst ein Studium absolviert werden, vorzugsweise in Musikwissenschaften oder Musikjournalismus. Dem folgt ein Volontariat im Sender und darüber meist der Einstieg in den Beruf. Früher war es durchaus auch möglich als Quereinsteiger Fuß zu fassen, doch heute ist meist eine fundierte Ausbildung nötig. Das Wichtigste ist, ein gutes Gefühl für Musik und ein breites Wissen über die vielen Genres zu haben. Der Musikredakteur sollte in der Lage sein, seinen eigenen Musikgeschmack in den Hintergrund zu stellen und die Neuerscheinungen nach ihrer Professionalität und Hittauglichkeit zu bewerten. Matthias Kugler: „Man muss seinen eigenen Geschmackspolizisten ausstellen, denn wir Musikredakteure sind Dienstleister, die ein Programm für unsere Hörer zusammenstellen und nicht für uns selbst.“ Linda Görlich

In der nächsten Ausgabe... Die nächste Ausgabe erscheint am 15. März 2012

Musikberuf: Klavierstimmer

KSK Die Künstlersozialkasse Auch Künstler benötigen eine Versicherung für den Fall einer schweren Erkrankung oder einer Arbeitsunfähigkeit. Da die Einkommen oftmals sehr gering und auch unregelmäßig sind, wurde 1983 die KSK gegründet, die selbstständige Künstler und Publizisten versichert. Ihr wollt wissen, ob ihr auch bei der KSK Mitglied werden könnt: dann freut euch auf unseren nächsten Leitartikel!

Fotos: © Dominik Guyer | Künstlersozialkasse | Janine Guldener

Jeder Klavierspieler muss sein Klavier stimmen lassen, was meist eine kostspielige Angelegenheit ist. Doch wie stimmt man ein Klavier und wo lernt man das? Wir haben für euch herausgefunden wie man hauptberuflich Klavierstimmer wird und welche Ausbildung dafür erforderlich ist.

MuTaDra - Teil 2 Der Komponist Peter Michael von der Nahmer erklärt euch in seinem zweiten Artikel, welches die nächsten Schritte auf dem Weg zum fertigen Musical sind. Ausprobieren und Mitmachen ist unbedingt erwünscht!

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