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2013 /// leben /// wohnen im süden

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„Günstige Altbauwohnungen werden gebraucht“, gibt sich Klaus Lugger, Geschäftsführer von Tirols größtem Hausverwalter geläutert. „In Jenbach haben wir zum Beispiel teilweise abgerissen“, erzählt Lugger, der die Neue Heimat Tirol gemeinsam mit dem ehemaligen LHStv. Hannes Gschwentner führt. Die Vorgangsweise sei unterschiedlich. Tausende Wohnungen hat die Genossenschaft unter den Nazis gebaut, heute stehen sie auf teuren Innenstadtgründen, die man natürlich besser verwerten könnte. Doch in Lienz bleiben die Bewohner am Ort. Sie bekommen eine bessere Wärmedämmung, leere Wohnungen werden auch innen optimiert, freilich nur bis zu einer Investitionssumme, die dem NiedrigMietzins angepasst ist. Der Mietpreis sollte ja nicht wesentlich steigen. So bleibt die ehemalige Optantensiedlung, was sie mittlerweile längst nicht nur für die langjährigen Bewohner ist: ein Refugium mit ganz eigenem Charme, mit Wohnbedingungen, die in vielem nicht der Papierform moderner Wohnhausarchitektur entsprechen und in Summe aber doch eine Qualität ergeben, von der andere „Wohnblocks“ oft nur träumen. „Ein Wohnzimmer nach Norden wäre heute unverkäuflich“ erklärt Madritsch, und eine Wohnung ohne Balkon in unseren Breiten auch. Aber wo Schatten ist, ist auch Licht: „Dafür sind die Freiräume zwischen den Häusern spektakulär für heutige Verhältnisse. Die Bebauungsdichte ist niedrig, die Gartenzonen sehr breit. Weil viele Bewohner keinen Balkon haben, gehen sie an schönen Tagen in den Garten, dadurch entsteht

eine andere soziale Situation, es gibt Kommunikation, eine eigene Gartenkultur.“ Früher dienten die Eigengärten der Selbstversorgung mit Kartoffeln, Bohnen, Kohlrabi und Karotten. Heute setzen die Südtiroler-Siedler eher auf den Rasen mit Hupfburg oder Grillstation, aber auch das muss erst einmal jemand haben, den Schrebergarten vor der Haustüre sozusagen, noch dazu mitten in der Stadt und zu Mietpreisen, die auch für einkommensschwächere Schichten leistbar sind. Für die Architekten Madritsch und Jungmann ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Sie hatten, im Gegensatz zum Nordtiroler Mitbewerber, beim Wettbewerb auf „sanfte“ Lösungen für das Areal gesetzt, Madritsch wollte sogar bestehende Substanz mit neuen Qualitäten versehen. Jetzt entwickeln beide gemeinsam Ideen, wie man mit kreativen, aber nicht unbedingt einschneidenden Maßnahmen die Siedlung so aufwerten könnte, dass zum Beispiel auch barrierefreie Wohneinheiten entstehen: „Die meisten Bewohner sind alt. Wenn die nicht mehr gehen oder Stiegen steigen können, wird's kritisch“, erklärt Madritsch und Jungmann denkt über die Möglichkeiten von Dachboden-Ausbauten nach. „Viele Dachböden sind in diesen Häusern ja unverbaut und wurden eigentlich zum Aufhängen der Wäsche im Winter genutzt. Es gibt bereits Projekte, wo diese Räume als Wohnräume adaptiert wurden und damit zusätzliche Qualitäten entstanden.“ Die Häuser um ein Geschoß aufzustocken war auch schon Thema im Wettbewerb, man hätte damit zusätzlichen Wohnraum ohne Absiedlung

schaffen können. Diese Idee kommt den Architekten mittlerweile nicht mehr so gut vor: „Wenn die Häuser höher sind, werfen sie längere Schatten und das ist ein Nachteil für die Nachbarn vis a vis.“ Freiraum wird eben groß geschrieben in der Südtiroler-Siedlung, die an manchen Tagen eine ganz eigene Poesie entwickelt. Fotografin Ramona Waldner hat sie für uns eingefangen. Und eine Geschichte über die Südtiroler Siedlung wäre nicht vollständig, wenn nicht auch die angrenzende „Friedensiedlung“ darin vorkommen würde. Nein, das ist nicht dasselbe! Im Gegenteil. „Früher war die Weidengasse buchstäblich eine Demarkationslinie“ erinnert sich Reinhard Madritsch, der in dieser Ecke aufgewachsen ist. „Die Friedensiedlung war ein völlig eigenes Revier, dessen Grenze wir als Kinder und Jugendliche nur selten überschritten haben.“ Ein Friedensiedler sieht das heute noch ähnlich und hat uns als Locationscout durch seine Wohnwelt begleitet. Rapper Rin, der soeben sein zweites Album fertiggestellt hat, kommt aus der wesentlich dichter und auch um Jahrzehnte später gebauten Friedensiedlung, die mit der Nachbarschaft jenseits der Weidengasse eines gemeinsam hat: wer hier nicht wohnt, kommt selten hierher und empfindet die Welt rund um das Oh-Er-Café am Brixnerplatz fast wie das Leben in einer anderen Stadt. Dabei wohnen immerhin Lienzerinnen und Lienzer im „alten Süden“, dessen Lebensqualität in Summe locker mithalten kann mit den neuen Wohnzonen, die zwar Komfort bieten aber eines oft verloren haben: den Freiraum.

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Dolomitenstadt - Das Magazin 03/2013  

Spannende Reportagen, tolle Bilder, volles Programm - Das Beste aus Lienz und der Region.

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