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Kapitel 8 · Professionelles Spiel

Multitabling und effektives Arbeiten am eigenen Spiel Fast jeder erfahrene Online-Spieler nutzt heutzutage die Möglichkeit, mehrere Tische auf einmal zu spielen. Der Grund dafür ist relativ simpel: Je mehr Tische man spielt, desto mehr Geld kann man gewinnen. Nicht wenige versuchen dabei, durch das Spielen von 20 oder mehr Tischen gleichzeitig („Masstabling“) ihren Profit zu erhöhen. Die richtige Anzahl der Tische Wir empfehlen jedem SnG-Spieler, der sein Spiel noch nicht perfektioniert hat und noch nicht auf den höchsten Limits angekommen ist, nur so viele Tische zu spielen, dass eine vernünftige Spielentwicklung möglich ist. Dabei ist von Spieler zu Spieler unterschiedlich, an wie vielen SnGs er teilnehmen kann, ohne den Überblick zu verlieren. Wir empfehlen Ihnen, auch als etwas fortgeschrittener Spieler zu Beginn nicht mehr als sechs Tische Neuner-SnGs bzw. vier Tische Sechser-SnGs zu spielen. Viele Spieler machen den Fehler, am Anfang ihrer Pokerkarriere zu viele Tische auf einmal zu spielen und sich abseits der Tische nicht ausreichend mit der Theorie auseinander zu setzen. Da Sie sich dieses Pokerlehrbuch gekauft haben, sind Sie vielleicht der Meinung, sich bereits genug mit Theorie auseinander gesetzt zu haben. Tatsächlich sollte man sich als erfolgsorientierter Pokerspieler aber dauerhaft, d. h. täglich kritisch mit seinem Spiel auseinandersetzen, um sich weiterzuentwickeln. Wenn Sie Ihr Wissen über SnGs nahezu vervollständigt haben, spricht natürlich nichts dagegen, die Anzahl der Tische zu erhöhen. Es ist unmöglich, eine genaue Empfehlung zu geben, da manche Spieler mit neun Tischen und manche Spieler mit 20 Tischen ihren höchsten Stundenlohn erreichen. Überprüfen Sie selbst, bei welcher Tischanzahl Sie sich wohl fühlen und gleichzeitig am meisten Geld verdienen. Wichtig ist nur, dass Sie als fortgeschrittener Spieler alle erlernten Strategien instinktiv abrufen können. Wenn Sie an diesem Punkt angekommen sind, müssen Sie weder sonderlich viele Grundlagen dazu lernen, noch büßen Sie beim Spielen mehrerer Tische viel von Ihrem Vorteil ein. Je ausgeprägter Ihr instinktives Können ist, desto weniger 284

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sinkt Ihr Vorteil durch die Hinzunahme von Tischen. Während bei einem Anfänger der Vorteil und damit der ROI beim Spielen von 15 Tischen wahrscheinlich um etwa 25 Prozent absacken würde, da er hoffnungslos überfordert wäre, können professionelle Spieler ihren ROI nahezu halten und haben einen Verlust von maximal 2 Prozent gegenüber vier Tischen. Dadurch erhöht sich der Profit bzw. der Stundenlohn (Hourly Rate) drastisch, wenn vorher z. B. vier Turniere mit einem Buy-In von 100 $, einem ROI von 6 Prozent und damit einem Profit von 6 $ pro SnG gespielt wurden und nun 15 Tische mit 4 $ pro SnG gespielt werden. Der Profit steigt von 24 $ auf ganze 60 $. Aktives und passives Lernen Es gibt zwei generelle Unterschiede beim Lernen. Wenn Sie dieses Buch lesen, lernen Sie von den Gedanken anderer, was als passives Lernen bezeichnet wird. Machen Sie sich selbst Ihre eigenen Gedanken, bezeichnet man dies als aktives Lernen. Um möglichst erfolgreich zu sein, sollten Sie beide Lernmethoden möglichst ausgiebig in Kombination anwenden. Es ist wichtig, dass Sie beim Poker stets langfristig denken. Dies sollte sich nicht nur auf Ihre Entscheidungen beim Spielen beziehen, sondern auch auf Ihre generelle Einstellung. Merksatz 8.3: Jeder noch so kleine Lernfortschritt bringt Ihnen langfristig viel Geld ein! Zur Erläuterung eine kleine Beispielrechnung: Beispiel 8.3: Nehmen wir an, Sie spielen im Durchschnitt jeden Monat 500 SnGTurniere mit einem durchschnittlichen Buy-In von 50 $. Sie erreichen dabei einen ROI von 3 Prozent. Ihr momentaner Jahresnebenverdienst durch Poker beträgt demnach 9.000 $ (500 * 12 * 3 % * 50 $). Jetzt investieren Sie z. B. in dieses Buch, melden sich bei einer OnlinePokerschule an und nehmen zusätzlich mehrere Stunden privates Coaching bei einem Profi, der Ihr Spiel ausführlich analysiert und Ihnen 285


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hilft, Ihre Mängel zu beseitigen. Angenommen, durch den Lernaufwand steigt Ihr ROI auf 8 Prozent. Mit dem gleichen Spielvolumen verdienen Sie nun jährlich 24.000 $, d. h. 15.000 $ mehr. Jeder Fortschritt bringt Ihnen langfristig sehr viel Geld ein, selbst wenn sich Ihr ROI nur um 1 Prozent verbessert. Achten Sie jedoch darauf, dass Sie Coachings bei einem Profi nehmen, der das jeweilige Limit, auf dem Sie aktuell spielen oder auf das Sie aufsteigen möchten, schlägt. Effektives aktives Lernen Eine effektive Lernmethode kann in etwa so aussehen: Sie spielen maximal vier bis sechs SnGs gleichzeitig und machen sich währenddessen viele Notizen (siehe Abschnitt „Notizen“). Während des Spielens kopieren Sie sich alle interessanten Hände und alle, bei denen Sie sich unsicher waren, in eine Textdatei (z. B. Word oder Wordpad). Nachdem Sie Ihre Session beendet haben, gehen Sie alle Hände mit Hilfsprogrammen wie dem SitNGo Wizard, Pokerstove, Holdemresources, etc. durch oder stellen Sie in ein Handbewertungsforum einer Pokerschule. Diese Methoden sollten Sie während Ihrer gesamten Pokerkarriere anwenden, auch wenn Sie Ihr Spiel nahezu perfektioniert haben und mehr Tische spielen. Es gibt immer etwas hinzuzulernen.

Notizen Machen Sie sich beim Spielen so viele Notizen wie möglich über Ihre Mitspieler. Insbesondere Anfänger haben oft besondere Auffälligkeiten in Ihrem Spiel, die Sie zu Ihrem Vorteil ausnutzen (exploiten) können. Es gibt Spielertypen, die z. B. mit einem kleinen Stack Ihre sehr starken Hände nur limpen, anstatt zu raisen oder Ihre starken Hände mit einem kleinen Stack auf 3 oder 4 BB raisen, anstatt zu pushen. Merksatz 8.4: Machen Sie sich von auffälligen Spielzügen unbedingt Notizen! Die meisten Spieler verändern ihr Spiel nicht so schnell und bleiben ihrer (wenn auch falschen) Strategie sehr lange treu. 286

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Notieren der Häufigkeit auffälliger Spielzüge Um Ihr Notizsystem zu perfektionieren, können Sie hinter jede charakteristische Notiz die Häufigkeit des Spielzugs und dessen Bestätigung notieren. Wie das funktioniert, werden wir Ihnen kurz erklären: Sie haben beobachtet, wie Ihr Gegner mit KK in einem späten Blindlevel auf 3 BB geraist hat, obwohl sein Stack nur 10 BB betrug. Nun können Sie Ihre Notiz wie folgt verfassen: „Raist mit etwa 10 BB starke Hände statt All-In 1/1“ Sie verallgemeinern Ihre Notiz und zeigen mit dem 1/1 („in 1 von 1 Fällen“), dass der Gegner bei diesem Spielzug bis jetzt nur eine starke Hand gezeigt hat. Sobald Sie einen ähnlichen Spielzug beim Gegner ein zweites Mal beobachten und es zum Showdown kommt, ändern Sie die Notiz in 2/2, falls er wieder eine starke Hand zeigt. Dadurch festigt sich Ihre Beobachtung, der Sie nun mit noch größerer Sicherheit vertrauen können. Zeigt der Gegenspieler allerdings eine schwache Hand, können Sie hinter die Notiz ein 1/2 schreiben, womit die Beobachtung deutlich entwertet wird. Nutzung von Abkürzungen Um sich möglichst schnell konkrete Notizen über das Spiel Ihrer Gegner zu machen, sollten Sie sich angewöhnen, Abkürzungen zu benutzen. Versuchen Sie, alle Wörter möglichst mit wenigen Buchstaben abzukürzen. Beispiel 8.4: Ein Spieler ist bei Blinds von 50/100 mit KK am BU gelimpt und nach dem Raise des BB mit 2.000 Chips All-In gegangen. Eine mögliche, stark abgekürzte Schreibweise wäre folgende: „50/100; BU limp/push KK“ Deutung und Nutzung der Notizen Aus Notizen müssen Sie natürlich die richtigen Rückschlüsse ziehen, damit diese Sinn ergeben. Im vorigen Beispiel wurde deutlich, dass der Spieler dazu neigt, seine starken Hände zu limpen und nach einem Raise All-In zu gehen. Daher sollten Sie die Limps dieses Spielers in Zukunft 287


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