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Sinn gesucht – Gott erfahren Erlebnispädagogik im christlichen Kontext

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Impressum Herausgegeben vom Arbeitskreis Erlebnisp채dagogik im Evangelischen Jugendwerk in W체rttemberg (ejw) 체berarbeitete Neuauflage 2010 buch + musik, ejw-service gmbh, Stuttgart

ISBN 978-3-86687-049-9 buch + musik, ejw-service gmbh ISBN 978-3-7615-5395-4 aussaat Gestaltung: AlberDESIGN. Filderstadt Druck: fgb Freiburger Grafische Betriebe 4


INhalt Vorwort _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ Seite 07 Hermann Hörtling Die Erlebnispädagogik – ein ganzheitlicher Bildungsansatz _ _ _ _ _ _ _ _ _ Seite 12 Gerhard Hess

Definition und Grundlagen der Erlebnispädagogik _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ Seite 16 Gerhard Uzelmaier

Erlebnispädagogik in der Bibel

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Seite 24

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Seite 30

Rainer Oberländer

Christliches Menschenbild Achim Großer

Drei Erfahrungsdimensionen in der Erlebnispädagogik

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Seite 36

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Seite 43

Karin Roth

Leiterbild

Jörd Wiedmayer

Neue Dimensionen erschließen – Reflexion erlebnispädagogischer Aktionen im christlichen Kontext

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Seite 48

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Seite 54

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Seite 57

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Seite 60

Oliver Pum

Geschlechtsspezifische Aspekte in der Erlebnispädagogik mit Jungen und Männern Rainer Oberländer

Geschlechsspezifische Aspekte in der Erlebnispädagogik mit Mädchen und Frauen Simone Schickner-Hälbich

Erlebnispädagogik – die Methode für alle Fälle ...? Oliver Pum

Didaktische Schlußfolgerungen und pädagogische Grundsätze _ _ _ _ _ _ Seite 65 Rainer Oberländer/Jörg Lohrer

Warm-ups

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Seite 69

Achim Großer

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INhalt Übungen Übersicht der Übungen _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ Seite 74 Beispielübung Exit – wo ist der Ausgang · Karin und Uwe Roth _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ Seite Dreamwalker · Karin und Uwe Roth _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ Seite Gott finden · Karin und Uwe Roth _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ Seite Von ganzem Herzen zuwenden · Achim Großer _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ Seite Fear not – Fürchte dich nicht · Achim Großer _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ Seite Zusammenfinden · Achim Großer _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ Seite Leiter besteigen · Werner Knapp _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ Seite Netz knüpfen · Werner Knapp _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ Seite Winde des Vertrauens · Simone Schickner-Hälbich _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ Seite Schilfmeerdurchquerung · Jörg Lohrer _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ Seite Barfußlabyrinth · Simone Schickner-Hälbich _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ Seite Wüstendurchquerung · Uwe Roth _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ Seite Blind Run · Uwe Roth _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ Seite Gott hält · Uwe Roth _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ Seite Wald der Wünsche · Andreas Lindauer _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ Seite Baumreifen · Jörg Wiedmayer _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ Seite Mohawk-Walk · Jörg Wiedmayer _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ Seite Gefangenenmahl · Jörg Wiedmayer _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ Seite Spinnennetz · Jörg Wiedmayer _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ Seite

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Literatur _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ Seite 142 Das Autorenteam _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ Seite 148

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Vorwort

Erlebnispädagogische Elemente gehören längst zum Standard von Jugendgruppen, Freizeiten, Zeltlagern, Bildungs- und Ausbildungsprogrammen von ehrenamtlichen und hauptamtlichen Mitarbeitenden in der Kinder- und Jugendarbeit. Es gibt zahlreiche Veröffentlichungen mit vielen praktischen Vorschlägen. Was ist Erlebnispädagogik im christlichen Kontext? Was kann sie für die Weitergabe des Evangeliums leisten? Erlebnispädagogik verbindet sich mit christlichen Inhalten. Wie geht das zusammen? Antworten auf diese Fragen sind das Neue und Besondere dieses Buches über Erlebnispädagogik, eine Wegbeschreibung in eine neue Dimension.

Praktiker schildern ihre Erfahrungen Mitarbeitende aus dem Bereich des Evangelischen Jugendwerks in Württemberg (ejw) schlossen sich zu einem Arbeitskreis zusammen, treffen sich regelmäßig, erarbeiten Konzepte und Sicherheitsstandards, führen Multiplikatorentrainings durch und bieten Beratung und Hilfestellung an. Die Evangelische Hochschule Reutlingen-Ludwigsburg ist dabei Kooperationspartner des ejw. Mit ihr zusammen werden erlebnispädagogische Grundlagen und Vertiefungskurse im Rahmen der Fort- und Weiterbildung durchgeführt. In diesem Rahmen ist das vorliegende Praxisbuch entstanden. Was in diesem Buch steht, hat mehrere Durchgänge in der Praxis bereits hinter sich. Die Mitglieder des Arbeitskreises Erlebnispädagogik im ejw haben erlebnispädagogische Ausbildungen und Qualifikationen und/oder reichlich Erfahrung mit erlebnispädagogischen Angeboten in den vielfältigen Arbeitsformen der Jugendarbeit.

Ziele und Nutzen Was bringt dieses Praxisbuch? Was nützt es? Verbindungen werden aufgezeigt, die es zwischen Erlebnispädagogik, Persönlichkeitsentwicklung, spiritueller Erfahrung und christlicher Glaubenserfahrung gibt. Chancen und Grenzen der Erlebnispädagogik in der Arbeit mit jungen Menschen werden benannt.

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Die Methoden der Erlebnispädagogik werden dargestellt. Es wird ermutigt, sie anzuwenden und nach Ansätzen für die Persönlichkeitsentwicklung sowie spirituellen und christlichen Deutungsmöglichkeiten zu suchen. Bewährte und erprobte Übungsangebote für die Praxis werden angeboten. Junge Menschen erfahren Eindrücke, Gefühle und Bilder in erlebnispädagogischen Übungen und Aktionen und reflektieren auf diesem Hintergrund ihre Persönlichkeit. So wirkt sich das einzelne Erlebnis im Alltag und im Glauben bereichernd aus. Dieser Zugangsweg ist eine hervorragende Möglichkeit der ganzheitlichen Verkündigung, weil Menschen dadurch mit allen Sinnen angesprochen werden.

Zielgruppen für dieses Praxisbuch Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene sind im Blick. Ehrenamtliche und hauptamtliche Mitarbeitende in der Jugend- und Gemeindearbeit, aber auch aus der Erwachsenenbildung werden fündig. Es gibt Anregungen für vielfältige Arbeitsformen: Gruppenprogramme, Freizeiten, Aktionen, Bildungsmaßnahmen verschiedener Art. Lehrerinnen und Lehrer bekommen Impulse und Pfarrerinnen und Pfarrer profitieren z. B. für die Arbeit mit Konfirmanden.

Gott erfahren Die Arbeitsgruppe Erlebnispädagogik im ejw will jungen Menschen den Erwerb von personalen und sozialen Schlüsselkompetenzen ermöglichen. Praktiker aus der christlichen Jugendarbeit bieten Praktikern ihre Erfahrungen an. Die vielfältigen Möglichkeiten und Methoden der Erlebnispädagogik sollen noch stärker Einzug in die konfessionelle Jugend- und Bildungsarbeit halten. Erlebnispädagogische Übungen und Erfahrungen prägen nachhaltig. Wenn sie reflektiert werden, vertiefen und erweitern sie Glauben und Leben. So fördern sie ganzheitlich und nachhaltig die Persönlichkeit. Herzlich danke ich allen Mitarbeitenden des Arbeitskreises Erlebnispädagogik im ejw, die begeistert und mit großem Zeit- und Kraftaufwand dieses Praxisbuch auf den Weg gebracht haben. Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern, dass sie sich von dieser Begeisterung anstecken lassen und auf diesem Weg eigene Gotteserfahrungen machen. Hermann Hörtling

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Oliver Pum

Erlebnispädagogik – die Methode für alle Fälle ...? Chancen und Grenzen erlebnispädagogischer angebote für verschiedene Zielgruppen Erlebnispädagogik hat sich zu einem Trend in der Bildungsarbeit entwickelt. Auch im christlichen Kontext ist die Bandbreite erlebnispädagogischer Angebote inzwischen riesig. Die verschiedensten Zielgruppen stehen dabei im Blickfeld: Es gibt erlebnispädagogische Angebote im Kinder- und Jungscharalter; die traditionelle Gruppenarbeit für Jugendliche in Gemeinden, Jugendwerken und CVJMs – egal ob sie geschlechtsspezifisch oder koedukativ geprägt ist – hat erlebnispädagogische Methoden in ihr Repertoire aufgenommen. An vielen Schulen finden erlebnispädagogische Projekte als Kooperation zwischen kirchlicher Jugendarbeit und Schule statt; im Konfirmanden- und Religionsunterricht werden religiöse Themen und gesellschaftliche Werte mit erlebnispädagogischen Methoden erfahrbar gemacht. Auf Jugendfreizeiten gehören Elemente wie Klettern, eine 2-Tagestour oder kooperative Abenteuerspiele inzwischen häufig zum Standardprogramm; bei Mitarbeiterschulungen oder Kirchengemeinderatsklausuren werden Teamprozesse durch erlebnispädagogische Maßnahmen unterstützt und manche Gottesdienste werden durch erlebnispädagogische Elemente zu einer besonderen Erfahrung ... Diese Aufzählung ist natürlich bei weitem nicht vollständig und gibt nur einen kleinen Ausschnitt dessen wieder, was an erlebnispädagogischen Projekten im Umfeld der christlichen Kirchen angeboten wird. 60


Die einzelnen Zielgruppen auszudifferenzieren und für jede Zielgruppe spezielle Übungen anzubieten, wäre im Rahmen dieses Buches nicht möglich gewesen. Wir haben uns daher entschlossen, im Praxisteil von drei Zielgruppen zu reden: Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Uns ist bewusst, dass dies eine gewisse „Unschärfe“ bedeutet und dass wir damit nicht jeder individuellen Situation gerecht werden. Es ist aber ohnehin notwendig, sich bei der Vorbereitung eines erlebnispädagogischen Angebots zunächst einmal intensiv mit „seiner“ Zielgruppe auseinander zu setzen. Ich selbst habe sehr gute Erfahrungen damit gemacht, mir mit Hilfe einer „Checkliste“ (S. 64) ein möglichst genaues Bild von „meiner“ Gruppe und ihren Bedürfnissen zu machen. Natürlich spielen dabei die Gruppengröße, Alter und Geschlecht der Teilnehmenden, das Zeitbudget sowie die räumlichen Verhältnisse vor Ort eine wichtige Rolle. Ein nicht zu unterschätzender Faktor sind aber auch die Ziele der unterschiedlichen Beteiligten: da ist auf der einen Seite der „Auftraggeber“ (Pfarrer, Kirchengemeinde, Jugendleitende, Lehrer ...), der mich aus einem ganz bestimmten Grund und bestimmten Erwartungen mit der Aktion beauftragt hat (Gruppengemeinschaft stärken, Werte vermitteln, „Glaube“ erfahrbar machen ...). Auf der anderen Seite die Gruppe selbst: deren Ziele können sich wesentlich von den Zielen des Auftraggebers unterscheiden. Die Ziele der Teilnehmenden sind vielleicht: „Spaß haben“, „eine spannende und herausfordernde Aufgabe bekommen“, „gemeinsam etwas erleben“ ... Außerdem ist zu beachten, dass sich auch die individuellen Ziele der einzelnen Teilnehmenden sehr voneinander unterscheiden können: während der eine Teilnehmer vielleicht an seine Grenzen kommen möchte, den „Kick“ sucht, löst das Stichwort „Erlebnispädagogik“ bei einem anderen Teilnehmer womöglich von vornherein Ängste aus und er möchte die Aktion einfach nur überstehen, ohne emotional zu sehr gefordert zu werden. Eine auf den ersten Blick homogene Zielgruppe wie z. B. „männliche Konfirmanden im Alter von 14 Jahren“ kann sich so schnell als eine Gruppe von Individuen mit ganz unterschiedlichen Zielen und Bedürfnissen erweisen. Und es ist nicht zuletzt der „Erlebnispädagoge“ selbst, der sich seiner Kompetenzen, aber auch seiner Grenzen in fachlicher und pädagogischer Hinsicht bewusst sein sollte. Selbstverständlich ist es nicht möglich, den Erwartungen aller Beteiligten gerecht zu werden. Habe ich mir aber klar gemacht, welche Erwartungen (möglicherweise) an mich gerichtet werden, kann ich Prioritäten setzen und mir bestimmte Ziele vornehmen, die ich mit der Gruppe erreichen will. Was ist nun für die im Praxisteil benannten Zielgruppen grundsätzlich wichtig? Dass Erlebnispädagogik bei Kindern „wirkt“, auch wenn diese manchmal keine Lust auf eine ausführliche Reflexion des Erlebten verspüren, kann man sich vielleicht dadurch klar machen, dass man sich an eigene einschneidende Erfahrungen in seiner Kindheit erinnert: Erlebnisse wie die „Besteigung des Apfelbaums in Opas Garten“ oder die erste Bergtour an der Hand des Vaters/der Mutter bleiben oft ein Leben lang im Gedächtnis und haben prägende Wirkung. Es ist gerade im Kindesal61


ter wichtig, Jungen und Mädchen spannende Erfahrungen zu ermöglichen – die Reflexion des Erlebten und der Transfer in den Alltag finden vielleicht erst Jahre später statt. Kinder können häufig sehr authentisch ihre Gefühle beschreiben: sie müssen noch nicht so stark wie Jugendliche darauf achten, dass sie vor anderen nicht ihr Gesicht verlieren. Und sie sind in ihren Kommentaren und ihrem Feedback meist erfrischend ehrlich: Ein achtjähriger Junge hat bei einer Vater-SohnAktion einmal auf meine Frage „Was hast du an deinem Vater heute Neues entdeckt?“ geantwortet: „Dass er viel mehr Angst hatte als ich ...“. Was für grundlegende menschliche Erfahrungen gilt, hat selbstverständlich auch für religiöse Erfahrungen eine Bedeutung: auch hier finden wesentliche Prägungen im Kindesalter statt und den größten Schatz an biblischen Geschichten sammeln wir in unserer Kindheit. Auch wenn sich viele „Kooperative Abenteuerspiele“ vor allem an Jugendliche und Erwachsene richten: Kindern kann man damit genauso lehrreiche Erfahrungen ermöglichen. Für Jugendliche ist es wichtig, dass sie ernst genommen werden. Das bedeutet, dass sie häufig wenig Lust auf „Kinderspiele“ haben. Zum einen ist es also wichtig, altersgemäße Formen und Methoden zu wählen, zum anderen ist es daher gut, ihnen von Anfang an offen zu vermitteln, um was es bei einer Aktion oder einem Projekt geht. Wenn ich den Jugendlichen zuerst erzähle „Wir machen jetzt ein paar Spiele und dann reden wir kurz darüber“ und sie sich dann in der Reflexion kritisch und grundlegend mit ihrem Verhalten innerhalb der Gruppe auseinander setzen sollen, fühlen sie sich – zu Recht – hinters Licht geführt. Dagegen kann eine spannende und herausfordernde Aufgabe, die ihnen sinnvoll erscheint, die Jugendliche zu intensiven Gesprächen motivieren. Gesellschaftliche und religiöse Fragen sind für Jugendliche wichtige Themen – auch wenn sie dies oft hinter „Coolness“ oder „Null-Bock-Haltung“ verstecken. Spätestens wenn es zu einem Konflikt innerhalb der Gruppe oder mit dem Gruppenleitenden kommt, zeigt sich, wie leidenschaftlich Jugendliche diskutieren können und wie gut sie den Transfer in ihren Alltag herstellen können. Hier gilt: nicht unbedingt dann, wenn sich ein Jugendlicher „sozial“ verhält, hat er etwas über sein Sozialverhalten gelernt und nicht unbedingt dann, wenn er meine Frömmigkeit übernimmt, hat er etwas über den Glauben gelernt. Um für Jugendliche ein ernst zu nehmender Gesprächspartner zu sein, ist es daher wichtig, sich zunächst mit seinem eigenen Menschenbild und seinem eigenen Glauben auseinander zu setzen, um so in einer differenzierteren Weise über die Lebens- und Glaubensfragen und -vorstellungen Jugendlicher ins Gespräch zu kommen. In der Arbeit mit Erwachsenen ist „Spielen“ erlaubt – und oft erwünscht. Der spielerische Charakter vieler Aktionen bietet einen willkommenen Kontrast zum Alltag – der Transfer zu konkreten Alltagssituationen kann dann in der Reflexion hergestellt werden. In manchen Gruppen ist es notwendig, darauf zu achten, dass gute Erfahrungen nicht im Nachhinein „zerredet“ werden – manche Teilnehmenden (und das sind nicht nur Sozialpädagogen ...) sind es gewöhnt, grundsätzlich alles in Frage zu stellen und zu relativieren. 62


Im christlichen Kontext bieten sich noch eine ganze Menge erlebnispädagogischer Spiel- und Experimentierfelder an – mit ganz unterschiedlichen Zielgruppen. Wir möchten mit diesem Buch Mut machen, neue Dinge auszuprobieren: die überarbeiteten Bildungspläne an den Schulen bieten viel Raum für erlebnispädagogische Projekte mit Schülern, z. B. im Rahmen von „Tagen der (religiösen) Orientierung“. In Kurt Hahns Idee der „Erlebnistherapie“ ist der „Dienst am Nächsten“ ein wesentlicher Bestandteil. Dieses Element kommt bei den meisten kommerziellen Anbietern erlebnispädagogischer Angebote praktisch nicht vor – sie reduzieren Erlebnispädagogik auf den natursportlichen Aspekt. Gerade im christlichen/kirchlichen Kontext – mit den vielen diakonischen Einrichtungen – haben wir auf diesem Feld große Möglichkeiten. In gemeinsamen erlebnispädagogischen Projekten von Menschen mit und ohne Handicap oder von jungen und alten Menschen liegt ein großes Potenzial für ganzheitliches Lernen. Hier könnte sich ein eigenes Profil von Erlebnispädagogik im christlichen Kontext entwickeln. Pilgerfahrten nach Santiago de Compostela erleben eine „Renaissance“, Taizé übt eine ungebrochene Faszination auf junge Menschen aus: gemeinsam ist beiden, dass Menschen die Erfahrung machen, dass es gut ist, sich Auszeiten zu nehmen und in sich zu gehen. Erlebnispädagogische Angebote könnten ein Anstoß sein, traditionelle kirchliche Einkehrzeiten wie die Adventszeit oder die Karwoche einmal auf andere Art und Weise zu erleben. ... Im Praxisteil sind einige Aktionen und Projekte vorgestellt. Wir würden uns freuen, wenn sie dazu beitragen, dass neue erlebnispädagogische Angebote für ganz unterschiedliche Zielgruppen entwickelt und ausprobiert werden und so viele Menschen neue (religiöse) Dimensionen des Lebens erfahren.

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Leseprobe Sinn gesucht - Gott gefunden  

Hier in einer völlig überarbeiteten Neuauflage

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