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Infobrief 2013

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Liebe Leserin, lieber Leser, warum besser Teig kneten als auf der Tastatur tippen? Was kann man aus dem Hagelschlag im Sommer lernen? Und wo sollen sich Männer auf die Socken machen? Antworten auf diese Fragen finden Sie in unserem neuen Infobrief. Und außerdem ist Ihre Meinung gefragt! Machen Sie bei unserer Online-Umfrage mit und sagen Sie uns: Sind Sie unser „Klient“ oder unser „Kunde“?

Herzliche Grüße, Ihr

Wolfgang Betz

Mit Hand und Herz Im Sommer lag in meinem Briefkasten die Broschüre einer großen Partei. Bei Punkt 6 des abgedruckten Wahlprogramms wurde ich stutzig: „Jeder Schüler braucht einen Laptop, und Digitalisierung wird ganz oben auf die Lehrpläne gesetzt!“

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igitalisierung wird ganz oben auf die Lehrpläne gesetzt? Nicht so bei Spurwechsel! Wir wollen „jedem Schüler“ lieber Dinge und Lebenswirklichkeiten begreifbar werden lassen: Analog und im wortwörtlichen Sinne – nämlich mit allen Sinnen be-greif-bar. Bei uns wird in der Werkstatt gearbeitet, werden die Faserrichtungen von verschiedenen Hölzern studiert, Werkstoffe wie Speckstein, Ton, Holz oder Kupfer in ihren unterschiedlichen Eigenschaften erfahren. In unserer Küche wird der Teig für die Gemeinschaftspizza nicht mit dem Rührgerät, sondern mit den Händen geknetet. Mit den Großen gehen wir zum „Sinnespfad“ im Bad Boller Gemeindewald, mit den Kleinen üben wir uns im Fußmalen – und die ganz nervösen Kinder bekommen vielleicht auch erst einmal eine Massage und danach einen warmen Kakao! Im Winter können unsere Gäste den Schwedenofen anfeuern: Hier darf gezündelt werden – wenn zuvor mit der Axt auch genügend Span vorbereitet worden ist. Nix Digitalisierung bei Spurwechsel! Und warum? Weil Hand und Herz zusammengehören, weil Kinder in Kontakt mit ihrer Umwelt, mit der Schöpfung – und mit ganz realen Menschen und deren Bedürfnissen, Wertmaßstäben und Gefühlen kommen müssen. Weil Kinder statt interaktiven Whiteboard-Tafeln, die selbsterklärend funktionieren, warmherzige und gütige Lehrer brauchen. •


Sind Sie Klient oder Kunde? Jede Woche trifft sich das Spurwechsel-Team, um organisatorischen Fragen zu besprechen – aber auch inhaltliche Themen. Seit einiger Zeit treibt uns zum Beispiel die Frage um: Wie bezeichnen wir eigentlich die von uns betreuten Familien? „Klienten – Kunden – Besucher – Gäste“? In unseren Diskussionen stellen wir fest, dass es sich um mehr als nur Worte handelt. Es geht um das Bild, das wir von Ihnen haben – und Sie von uns. Hier sind zwei Meinungen.

Klient!

Kunde!

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Und was ist mit den „Kunden“, die sich nicht selbst für uns entscheiden, sondern über die Jugendämter vermittelt werden? Oder was ist beispielsweise mit dem Ehemann, dessen Frau mit Trennung droht, wenn er sich nicht Gesprächen mit uns stellt? Freiwilligkeit von Kunden sieht anders aus!

Klar, der Begriff „Klient“ hat sich weiterentwickelt. Aber dennoch hat dieses Wort etwas Abwertendes: Uns sitzt doch kein „armer Klient“ gegenüber, hilflos und schutzbedürftig – und wir nehmen ihn auch nicht „großmütig unter unsere Fittiche“ und entwerfen nicht abstrakte Pläne, auf die er selbst nie gekommen wäre. Nein – dieses „Oben“ und „Unten“ passt nicht zu dem Bild, das wir von der gemeinsamen Problem-Arbeit haben.

er Kunde ist König!“ Schon dieses geflügelte Wort ist ein Argument gegen diese Bezeichnung. In unserer Arbeit geht es doch nicht um „Bedürfnisbefriedigung“ des Kunden – für den eigenen Profit! Einem Kunden sagt man im Zweifelsfall nicht die Wahrheit, sondern das, was er gerne hören möchte. Bei uns geht es aber um etwas anderes.

Das Wort „Klient“ gaukelt keine Freiwilligkeit vor, sondern bringt zum Ausdruck, dass es auch Menschen gibt, die es nicht alleine „packen“. Um diese Menschen kümmern wir uns! Es liegt in der Natur der Sache, dass wir Zusammenhänge durchschauen, die anderen verborgen sind. Deshalb sind wir nicht einfach nur „Dienstleister“ – eher Experten mit Wissen und viel Erfahrung. Bei der Arbeit mit einem „Klienten“ steht nicht der Profit im Mittelpunkt, sondern der Mensch und die Beratung, die ihn weiterbringen soll. Ein Klient benötigt Hilfe, lässt sich ein Stück des Weges führen. Das macht ihn nicht gleich zu einem „Schützling“ ohne eigene Meinung und Selbstbewusstsein. Im Wirtschaftsleben werden Kunden – auch „Verbraucher“ genannt – oft nicht ernst genommen. Bei uns dagegen „darf“ man Klient sein, kann loslassen und Vertrauen haben. •

as Wort „Klient“ kommt aus dem Lateinischen von „cliens“ und bedeutet „Anhänger, Schützling, Höriger“. Im alten Rom war solch ein Schützling gegenüber seinem Patron zur Treue verpflichtet. Und der wiederum setzte sich für ihn ein.

Wenn wir eine Elternberatung durchführen oder ein Kind betreuen, muss uns bewusst sein, dass wir zunächst gar nichts von dem Gegenüber wissen! Und genau aus diesem Grund ist das Wort „Kunde“ so treffend: Denn er (oder natürlich sie) hat für sich erkannt, dass er Unterstützung wünscht. Und er hat sich überlegt, wen er damit betrauen möchte. Nach der ersten Stunde wird er (und nicht wir) entscheiden, ob Zeit und Geld gut investiert waren, die Beratung hilfreich verlief und er wiederkommen wird. Sitzen wir einem Kunden gegenüber, so hält uns genau diese Begrifflichkeit wach: Sie kann uns anspornen, eine bestmögliche „Dienst“-Leistung zu erbringen. Und sie hilft uns, unser Gegenüber nicht zu bevormunden, sondern uns in Bescheidenheit zu üben. •

Und was meinen Sie? Auf unserer Website können Sie auswählen, wie Sie die Sache sehen – auf Wunsch natürlich auch anonym. Schreiben Sie Ihre Meinung oder stimmen Sie einfach nur ab: „Klient – Kunde – Besucher – Gast“? Ein Klick genügt!

www.spur-wechsel.de


JOHNNYB / PIXELIO

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ir lieben unseren „Spurwechsel-Garten“. Hier halten wir uns immer wieder gerne mit den Kindern auf, spielen Tischtennis, grillen an der Feuerstelle, pumpen kräftig Wasser aus unserem Brunnen, um den Sand im Sandkasten nebenan nass zu machen und neue Bauwerke zu erschaffen. Wir erfreuen uns an den Pflanzen oder beobachten die Libellen an unserem „Romeo und Julia“-Wasserbecken im Innenhof. Auch die Bienen vom Imker nebenan haben längst die Blütenvielfalt bei uns entdeckt, und der Grünspecht kündigt wieder einmal mit seinen markanten Lauten den neuen Tag an. So auch am letzten Sonntag im Juli – dem Tag, an dem das Unwetter unseren Garten verwüsten sollte. Die Versicherungen sprechen vom größten Hagelschaden in Deutschland, der je registriert wurde. Dabei war „nur“ ein Gebiet von zehn Kilometern Breite und 30 Kilometern Länge betroffen. Wer aber sein Hab und Gut dem Hagel ungeschützt überlassen musste, hatte nicht viel zu lachen. Neben unseren Firmenfahrzeugen, die allesamt wirtschaftliche Totalschäden erlitten (bei denen also die Schadenssummen mehr als die Hälfte der Fahrzeugneuwerte ausmachten), traf es auch unseren Garten schwer: Der Kirschlorbeer war geradezu durchlöchert, die Blätter unserer Bäume zerfetzt und die kräftigen Stengel unserer stattlichen Sonnenblumen nahezu horizontal geköpft. Statt Vogelgezwitscher und „Seele baumeln lassen“ wahrlich ein Bild des Jammers und der Verwüstung! Schon nach wenigen Tagen, die Berge von Laub und Ästen waren mittlerweile weggeräumt und die malträtierten Blumen heruntergeschnitten, dann die Überraschung: Erste Triebe zeigten sich, Blätter und Knospen entwickelten sich aufs Neue. Es folgte eine zweite Blütezeit – und das Ende August! Die Pflanzen haben uns etwas Wichtiges gezeigt: Es gibt verborgene Kräfte – das Leben geht weiter! „Man wächst mit seinen Aufgaben“, heißt es. Viele Menschen, die Extremsituationen

überleben mussten, wunderten sich im Nachhinein über die Stärke, die sie in solchen Augenblicken mobilisieren konnten. Zum Glück sind es nicht immer die ganz großen Katastrophen, die alles hinwegraffen. Und dennoch, wenn Ihr Kind ... ... unruhig ist oder scheinbar unbegründete Ängste hat ... nicht mehr in die Schule gehen möchte ... gemobbt wird und sich zurückzieht ... nichts von seinen Talenten weiß und glaubt, zwei „linke Hände“ zu haben ... seine Wut auf sich oder andere richtet ... unter Trennung oder anderen familiären Umbrüchen leidet Oder wenn Sie ... ... sich beruflich oder privat neu orientieren möchten oder müssen ... nicht wissen, wohin Sie das Leben gerade führt ... Ihr inneres Gleichgewicht vermissen ... Ihre Beziehung zu Partner, Kind oder Familie festigen möchten ... dann könnte ein Spurwechsel, eine neue Blütezeit sinnvoll sein! Ein Gespräch mit uns bei einer Tasse Kaffee – und Zeit, um zu berichten, wo Sie stehen, kann manchmal hilfreich sein. Unsere Mitarbeiter sind auf diesen Gebieten geschult und stellen Ihnen ihre Kompetenz und Kreativität gerne zur Verfügung. Neue Sichtweisen können entstehen und bisher unbekannte Ansätze aufkeimen. Wie in unserem Garten. •

WOLFGANG DIRSCHERL / PIXELIO

Verborgene Kräfte – das Leben geht weiter! Was wir nach dem Hagelschaden im Sommer beobachten konnten, ist eine Steilvorlage für das eigene Leben!

Lebens zeichen

Auf zu neuen Ufern!


Spurwechsel GmbH · Badstraße 42 · 73087 Bad Boll Tel.: (071 64) 149 99 0 · E-Mail: info@spur-wechsel.de

www.spur-wechsel.de

Männer sollen sich auf die Socken machen! Neuester Spurwechsel-Mitarbeiter ist Rafael Rozanski. Er stammt aus der Nähe von Danzig, ist Kfz-Mechaniker, Theologe und erfahrener Jugendarbeiter. Vielseitige Voraussetzungen also, um Jungs beizustehen, die Orientierung im Leben suchen.

man dann die Dinge bearbeiten, die augenblicklich dran sind, die für die Lebensbewältigung wichtig sind und gerade „brennen“.

Herr Rozanski, wie sind Sie zu Spurwechsel gekommen? Ich habe sechs Jahre in Heilbronn Jugend- und Familienarbeit gemacht – mit großen Gruppen. Dann spürte ich, dass ein Wechsel dran sei, sogar ein „Spurwechsel“, wie sich herausgestellt hat. Hier habe ich nur wenige Familien zu betreuen und freue mich, dass ich da mehr in die Tiefe gehen kann. Geben Sie uns einen kleinen Einblick in Ihren Werdegang? Ich bin in der Nähe von Danzig aufgewachsen. Zunächst machte ich eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker. Danach hatte ich einen Riesenhunger nach Wissen, habe mein Abitur gemacht und studiert: Theologie, Philosophie sowie soziale Arbeit – viel Jugendarbeit, Beschäftigung mit Kindern und Erziehung. Und seit einigen Jahren bin ich in Deutschland. Wofür sind Sie bei Spurwechsel zuständig? Ich begleite zur Zeit vier Jungs im Alter von 13 bis 16 Jahren, die Unterstützung brauchen. Für jede Familie habe ich vier bis sechs Stunden Zeit in der Woche. Mein Schwerpunkt liegt auf der Erlebnispädagogik – Technik, Sport – und spannende Brettspiele! Dabei kann man gut miteinander reden. Das sind gute Wege, um zunächst eine Beziehung aufzubauen. Auf dieser Grundlage kann

Sind männliche Ansprechpartner für Jungs besser als Frauen? Ich glaube, das kommt auf den einzelnen Menschen an. Es gibt aber einen Trend in der Gesellschaft, dass zu wenige Männer an der Erziehung der Kinder teilnehmen. Ist die Mutter alleinerziehend, hat ein Junge aufgrund der vielen Frauen in Kindergarten und Grundschule oft überhaupt keinen männlichen Ansprechpartner. Deshalb wäre es gut, wenn sich mehr Männer auf die Socken machen und mit der Erziehung etwas zu tun haben wollen. Sie vergleichen Selbstbewusstsein mit „Adler-Sein“. Wenn ich mich als Junge wie ein Huhn fühle, wie werde ich zum Adler? Frag Dich, wovor Du Angst hast, wo Du an Deine Grenzen stößt. Versuch Dich in kleinen Schritten zu überwinden – zum Beispiel in der Schule ein Mädchen anzusprechen, ob sie mit Dir spazieren gehen will. Es muss nicht gleich klappen, aber als Junge erfährt man dann: Wow, ich hab‘s geschafft, sie zu fragen! Das gesamte Interview mit Rafael Rozanski mit noch mehr Statements finden Sie als Video auf www.spur-wechsel.de

Augenblick

„Wenn nicht bald eine Weiche kommt, sind wir verloren!“


Infobrief 2012

4 Badstraße 42 · 73087 Bad Boll Tel.: (071 64) 149 99 0 Fax: (071 64) 149 99 44 E-Mail: info@spur-wechsel.de www.spur-wechsel.de

hilfen für kinder, eltern, paare und familien

Willkommen Willkommen

Liebe Leserin, lieber Leser, ein Spurwechsel ist selten eine einfache Angelegenheit: Da heißt es, von Liebgewordenem Abschied zu nehmen, sich auf Unbekanntes einzulassen, eine andere Richtung zu wagen. Gleichzeitig ist der Spurwechsel eine Chance, Neues kennenzulernen und Möglichkeiten zu ergreifen, die es vorher noch nicht gab. Nachdem wir 15 Jahre in der Bad Boller Bühlstraße beheimatet waren, haben wir nun selber einen großen „Spurwechsel“ vollzogen: Seit Dezember 2011 finden Sie uns in der Badstraße 42, einem alten, denkmalgeschützten Haus aus dem Jahr 1891 – unserer „Villa“.

Beratung für alle Lebenslagen

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ußer den vielen Angeboten, die wir für die Kreisjugendämter anbieten (Erziehungsbeistandschaften, Familienhilfen, Beratung von Pflegeeltern) sind wir immer stärker in der Beratung von Paaren oder einzelnen Personen tätig. Beziehungsfragen, Probleme am Arbeitsplatz oder im Privatleben, Herausforderungen, die Krankheit oder Tod naher Angehöriger mit sich bringen, Fragen rund um Vergangenheitsbewältigung oder Zukunftsgestaltung – all das sind Bereiche, in denen wir in den letzten Monaten immer stärker zu Rate gezogen wurden. Darüber hinaus sind wir weiterhin in der Entwicklungsdiagnostik bei Kindern und Jugendlichen tätig: Fragen, wie „Wo steht mein Kind in seiner Entwicklung?“ oder „Wie gehe ich mit den täglichen Herausforderungen in der Erziehung meines Kindes um?“ werden uns häufig gestellt. Hier haben wir uns über die Jahre hinweg einen festen Platz innerhalb der psychosozialen Beratung im Landkreis Göppingen geschaffen. |

Hier werden wir künftig noch mehr Platz haben, um unsere Gäste begrüßen und neue Angebote etablieren zu können. Die gemeinsame Arbeit wird nun begleitet von einem ganz besonderen Ambiente – großzügig, hell und freundlich, sowie mit viel Tradition in den alten Mauern (siehe Rückseite). Wir danken Ihnen für Ihre Verbundenheit mit unserer Einrichtung und wünschen Ihnen einen guten Start für das noch junge Jahr 2012! Herzliche Grüße aus Bad Boll

Wolfgang Betz Geschäftsführung


spurwechsel | aktuelle informationen 2012

Wolfgang Betz Heilpädagoge und Systemischer Familientherapeut (IFW Weinheim)

geschichten neuer stützpunkt aus der praktischen arbeit GEMEINDEARCHIV BAD BOLL; ZVG.

spurwechsel-team 1895

Silvia Wachendorfer Dipl. Sozialpädagogin (FH) und Systemische Familientherapeutin (IFW Weinheim) Christine Helwerth-Rindle Dipl. Sozialpädagogin (FH)

1909

2011

Claudia Pütz Dipl. Sozialarbeiterin (FH) Alexandra Wende Dipl. Sozialarbeiterin und Sozialpädagogin

Tamara Orban Sozialarbeiterin und Sozialpädagogin Hildegard von Zabern Dipl. Sozialpädagogin Tatyana Miller Dipl. Pädagogin Beate Held Staatl. anerk. Heilpädagogin

immer für sie erreichbar

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robleme richten sich nicht nach der Uhr oder dem Terminkalender. Aus diesem Grund sind wir an sieben Tagen die Woche rund um die Uhr erreichbar – gerade auch für Eltern und Kinder in Not. Eine Nachricht auf unserem Anrufbeantworter mit der dringenden Bitte um Rückruf und schon beginnt unsere EDV im Hintergrund auf Hochtouren zu laufen und den diensthabenden Mitarbeiter zu verständigen. Auch sonst treffen Sie unter (071 64) 149 990 mitunter den Anrufbeantworter an, wenn wir gerade mit Terminen belegt sind. Wir rufen Sie aber gerne zeitnah zurück – auch zu ungewöhnlichen Zeiten, wenn erforderlich. |

„Unsere Villa“ – traditionsreicher Ort der Begegnung

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m Kurhaus Bad Boll führten einst Vater und Sohn Blumhardt ein Zentrum für Leib- und Seelsorge. Vielen Menschen aus ganz Deutschland war es ein Bedürfnis, in ihrer Nähe zu leben. Einige der Blumhardt-Verehrer bauten sich in der Nähe des Kurhauses eigene Villen, die bis heute erhalten sind. So ließ auch ein gewisses Fräulein Charlotte Zäslein im Jahr 1881 ein stattliches Gebäude errichten – die heutige Badstraße 42. Nur vier Jahre später erwarb die Privatiers-Witwe Eugenie Jäckh das Haus, ihr Sohn Eugen war ab 1911 als Pfarrer im Kurhaus tätig. Viele KonfirmandenJahrgänge gingen in der ehrwürdigen Villa ein und aus. Anschließend war sie die Bleibe des „Dorflehrers“ Theo Ziegler, der ebenfalls seine Zöglinge unter die Fittiche nahm – auch nach Schulschluss. Dieses Haus war also schon immer ein Ort der Begegnung – und wir freuen uns sehr, diesen Geist durch unsere Arbeit fortleben zu lassen.

Unser neuer Stützpunkt bietet 300 Quadratmeter Arbeitsfläche, aufgeteilt auf drei Stockwerke. Während das z. Zt. noch vermietete Erdgeschoss erst ab nächsten Sommer den Empfangsbereich, einen Bewegungsraum, sowie zwei Zimmer für die Arbeit mit Kindern beherbergen wird, sind das Ober- und Dachgeschoss bereits eingerichtet. Im Obergeschoss befindet sich derzeit das Wartezimmer, eine Küche sowie drei liebevoll ausgestattete Räume für die Arbeit mit den von uns betreuten Kindern und Jugendlichen. Im Dachgeschoss befinden sich unsere Verwaltung, ein Besprechungszimmer sowie ein größerer Raum für die Arbeit mit Gruppen samt einer Teeküche. Ab dem Frühjahr steht uns im ehemaligen „Waschhäusle“, einem Nebengebäude, wieder eine Werkstatt zur Verfügung! Auch der neu angelegte Außenbereich mit seiner historischen Brunnenanlage wird unseren kleineren und größeren Gästen im neuen Jahr eine willkommene Bleibe werden. |

aus unserer arbeit

Wir können alles – auch Türkisch und Russisch!

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it Tamara Orban haben wir seit einiger Zeit eine junge Mitarbeiterin, die türkisch versteht und spricht. Dadurch können wir nun noch besser bei entsprechenden Familien „andocken“. Die anderen Kolleginnen, die türkische Familien betreuen, haben dadurch eine zusätzliche Hilfe bei Elterngesprächen – zum Beispiel wenn schwierige Sachverhalte zu erklären sind. Tatyana Miller dagegen ist gebürtige Russin. Selbstredend, dass sie ihre Muttersprache in- und auswendig beherrscht. Auch dieser Umstand war bereits des Öfteren sehr hilfreich, erleben wir doch hin und wieder, dass manche unserer Kunden sich in ihre Welt zurückziehen und uns sprachlich „im Regen stehen lassen“ wollen. |

FOTOS: SIMONE PETER / PIXELIO, GEMEINDEARCHIV BAD BOLL, ZVG.

Elke Rock Dipl. Pädagogin


Infobrief 2010

3 Bühlstraße 2 · 73087 Bad Boll Tel.: (071 64) 149 99 0 Fax: (071 64) 149 99 44 E-Mail: info@spur-wechsel.de www.spur-wechsel.de

für kinder, eltern, paare ...

Ohne Krankenwagen! Wie die Zeit vergeht: Es kommt uns noch gar nicht so lange vor, dass wir die Geschäftstätigkeit der „Heilpädagogischen Ambulanz“ beendet und Spurwechsel an den Start gebracht haben. Aber es sind seitdem tatsächlich schon drei Jahre vergangen! Die neue Firmenbezeichnung ist sichtbares Zeichen dafür, wie wir die Einrichtung rechtzeitig fit für die Zukunft gemacht haben: Der Namen „Heilpädagogische Ambulanz“ traf seit einiger Zeit nicht mehr den Kern unserer Tätigkeit und berücksichtigte nicht unser sozialpädagogisches Engagement mit Kindern und Jugendlichen, die Einzel- und Paarberatung, sowie die familientherapeutische Arbeit. Manche Leute dachten in Anlehnung an das Wort „Ambulanz“ zudem, dass wir Krankenwagen steuern würden! So war klar: Mit der Restrukturierung unserer Arbeit musste auch ein neuer Name her: Die gemeinnützige Spurwechsel GmbH, anerkannt vom Jugendhilfeausschuss des Landkreises Göppingen, wurde aus der Taufe gehoben – rückblickend eine gute Entscheidung! In dieser ersten Ausgabe unseres neuen Rundbriefs lernen Sie unser Team kennen. Außerdem stellen wir Ihnen drei Beispiele aus unserer Arbeit vor, die zeigen, was ein „Spurwechsel“ so alles sein kann: Statt eingefahrener Bahnen lieber neue Impulse und frische Ideen für den eigenen Weg und das Zusammenleben mit anderen Menschen! |

Willkommen

Liebe Leserin, lieber Leser, ständige Veränderungen und neue Herausforderungen führen dazu, dass gegenseitiger Kontakt und Austausch immer wichtiger werden. Aus diesem Grund berichten wir künftig in unregelmäßigen Abständen über unsere Einrichtung. Diesem Brief liegt unsere neu erschienende Broschüre bei, die die Bereiche unserer Tätigkeit kurz vorstellt. Wir sind gerne für Sie da, wenn Sie Fragen haben oder Unterstützung benötigen. Vielleicht gibt es auch in Ihrem Bekanntenkreis Menschen, die auf der Suche nach einem „Spurwechsel“ sind – über „Mund-zu-Mund-Propaganda“ freuen wir uns. Herzliche Grüße aus Bad Boll

Wolfgang Betz Geschäftsführer


spurwechsel | aktuelle informationen 2010 spurwechsel-team

geschichten aus der praktischen arbeit

Wolfgang Betz Heilpädagoge und Systemischer Familientherapeut (IFW Weinheim) Silvia Wachendorfer Dipl. Sozialpädagogin (FH), derzeit Ausbildung zur Systemischen Familientherapeutin (IFW Weinheim) Christine Helwerth-Rindle Dipl. Sozialpädagogin (FH) Lara Krause Dipl. Heilpädagogin (Uni) Stephanie Rindfleisch Dipl. Sozialpädagogin (FH)

Nimm‘s sportlich: Die Geräuschampel | Eine Mutter leidet unter den Streitigkeiten ihrer Kinder, die oft zu regelrechten Schlägereien ausarteten. Aber nicht nur die Kinder werden schnell laut, sondern auch die Mutter ist mit reichlich Temperament ausgestattet. Deshalb setzen wir unsere Geräuschampel ein, eine Signalanlage, die über Farben und einen lauten Signalton anzeigt, wenn der vereinbarte Lärmpegel überschritten wird. Und bei wem hupt dieses Teil am meisten? Nicht bei den Kindern! Nach diesem Aha-Erlebnis wird gemeinsam beschlossen, eine kleine Kasse einzurichten, in die derjenige einzahlt, bei dem die Ampel hupt. Sogleich üben sich alle ganz sportlich in Mäßigung! |

Silke Hartwig Dipl. Pädagogin (Uni) Claudia Velten Dipl. Sozialpädagogin (FH) Maximiliane Kummer Dipl. Sozialpädagogin (FH) Claudia Pütz Dipl. Sozialarbeiterin (FH) Claudia Mielenz-Pfrommer Dipl. Pädagogin (Uni) Bernhard Steeb Schreinermeister Ingrid Vetter-Guffarth Masseurin und Co-Therapeutin für Körperarbeit und Eigenwahrnehmung Renate Allmendinger Hauswirtschaftsfachkraft

für sie erreichbar Über E-Mail und Telefon sind wir für Sie erreichbar. Unter (071 64) 149 990 treffen Sie mitunter den Anrufbeantworter an, wenn wir gerade mit Terminen belegt sind. Wir rufen Sie aber gerne zeitnah zurück – unter Umständen auch zu ungewönlichen Zeiten, wenn erforderlich.

Vertrauen aufbauen: Die Einweg-Scheibe | Aus TV-Krimis kennt man die Scheibe, hinter der Verdächtige beim Verhör beobachtet werden. Bei Spurwechsel dagegen kommt sie zum Einsatz, um Vertrauen und Selbstsicherheit zu gewinnen. – Ein Jugendlicher hat Versagensängste bei schulischen Prüfungen. Zu Hause beherrscht er den Lernstoff; wenn es jedoch darauf ankommt, ist alles weg. Schrittweise bauen wir sein Selbstvertrauen auf: An einem Nachmittag schließt uns der Hausmeister das Klassenzimmer in der Schule auf. Der Jugendliche nimmt hinter seiner Bank Platz, die Betreuerin am Lehrertisch. Das Arbeiten klappt gut. Bei den folgenden Terminen im Spurwechsel-Stützpunkt beobachtet die Betreuerin den Jugendlichen – mit ihm abgesprochen – aus dem Nebenraum durch die Einwegscheibe. Sie ist nicht mehr im Zimmer und trotzdem noch da. Auch hier bringt er gute Leistungen. Vor der nächsten Prüfung sagt die Betreuerin dem Jugendlichen: „Wenn du morgen deine Mathearbeit schreibst, dann werde ich bei dir sein – so wie hinter der Scheibe. Ich werde nicht im gleichen Raum aber dennoch bei dir sein!“ Dieser Transfer hilft dem Jugendlichen enorm weiter! |

Wichtiges Sorgenkind | Herr und Frau P. haben Kummer mit ihrem gerade volljährig gewordenen Sohn. Renè trinkt an den Wochenenden viel, fährt mit geliehenen Autos zu schnell durch die Lande und provoziert Schlägereien. Außerdem droht er immer wieder, sich eines Tages das Leben zu nehmen. Im Laufe unserer Gespräche finden wir heraus, dass Herr P. unter Depressionen leidet. Ob dies an seinem schmerzhaften Hüftleiden oder dem geringen Preis für den Liter Milch liegt, den er als Nebenerwerbslandwirt erhält? Jedenfalls hat er sich schon mehr als einmal überlegt, seinem Leben im Wald ein Ende zu setzen. Er macht es aber nicht, weil er seinen Sohn noch nicht „in trockenen Tüchern“ weiß. Wir stellen fest, dass es der Junge ist, der den Vater im Leben hält: Solange dieser sich nicht sicher sein kann, ob Renè am Sonntag Abend wieder wohlbehalten nach Hause kommt und am nächsten Tag in seinem Ausbildungsbetrieb erscheint, kann Herr P. nicht „gehen“ – er wird noch gebraucht! Das ist für ihn und seine Frau eine einschneidende Erkenntnis! Fortan arbeiten wir gemeinsam an der Paarbeziehung der Eltern: Was macht das Leben lebenswert? Was bedeutet mir der Partner? Welche Träume sind über die Jahre schleichend begraben worden? Die Eheleute kommen wieder ins Gespräch miteinander und entdecken ihre Leidenschaft für kleine Städtereisen. Und Renè? Der scheint zu merken, dass er als „Sorgenkind“ nicht mehr gebraucht wird, bringt seine Lehre anständig zu Ende und verpflichtet sich nach dem Wehrdienst zum Berufssoldaten. Darüber hinaus ist er seit einem Jahr Vater eines bezaubernden Mädchens – und Herr und Frau P. sind stolze Großeltern! |

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Informationen der Spurwechsel GmbH in Bad Boll - Pädagogik, Beratung, Seminare

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