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Blick ins Buch

in DĂźrnau

und Gammelshausen


Blick ins Buch

Impressum

Evangelisch in Dürnau und Gammelshausen Idee: Christian Buchholz Herausgeber: Evangelische Kirchengemeinde Dürnau-Gammelshausen Lektorat: Christian Buchholz, Angelika Bruder, Martin Brückner Gestaltung, Realisation, Verlag: DIGNUS.DE Medien GmbH · www.dignus.de Text- und Bildnachweise: Seite 246 1. Auflage · Oktober 2017 · ISBN: 978-3-946794-50-9

Klimafreundlich gedruckt · Info: www.umwelt.dignus.de

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Evangelisch in Dürnau und Ga mmelshausen


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Evangelischer Kirchenbezirk Gรถppingen

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Blick ins Buch

ZUM GELEIT Evangelischsein

TEXTE Freiheit

von Wolfgang Traub ............................ 10

von Markus Wagner ............................ 20

Wurzeln

Zeichen

Verantwortung

Fortschritt

von Christian Buchholz ........................ 12 von Miriam Springhoff ......................... 14

PREDIGTEN Vergebung

von Christoph Blumhardt ..................... 90

Verbrecher

von Martin Krauß ............................. 100

REFORMATION Prägung

von Manfred Wolfhard ...................... 180

Einordnung

von Martin Brückner ......................... 204

von Daniel Kohl .................................. 22 von Hans Eitle .................................... 28

Atemzug

von Klaus Wolfframm .......................... 34

Raum

von Marie-Luise Buchholz .................... 40

Horizont

von Jens Buchholz ............................... 44

Geschenk

von Klaus Naser .................................. 48

Zuwendung

von Albrecht Weller ............................ 64

Kirchenrenovierung

von Friedrich Allmendinger .................. 68

Impressum ........................................ 4 Autorinnen & Autoren ................. 244 Text- und Bildnachweise .............. 246 6

Liebe

von Arnold Kuppler ........................... 114

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ORTE Schnittmengen

Ehrlichkeit

St. Cyriakus ................................... 54 Gedenkstein Sühnekreuz .......... 111 Dorfkirche ................................... 144 Die Wetterfahne ........................ 177 Ehemaliges Beinhaus ................ 215 Übersichtskarte ......................... 242

Wunderbar

GEMEINDELEBEN

von Eberhard Linckh .......................... 116

Lächeln

von Hans Molter ............................... 124

Simultan

von Hans Fink .................................. 128 von Simone Nick ............................... 134 von Katrin Buchholz ......................... 138

Geborgenheit

von Karin Klopfer .............................. 152

Bezaubernd

von Eva Berchtold ............................. 158

Em Flägga

von Wolfgang Rieker ......................... 164

Dankbar

von Elfriede Kuhn ............................. 168

Erlebnis

von Thomas Krummrein .................... 170

Inhaltsver zeichnis

Gottesdienst ................................ 76 Bibel ............................................... 79 Taufe .............................................. 80 Konfirmation ................................ 83 Abendmahl ................................... 84 Bestattung .................................... 87 Gruppen ...................................... 219 Mitarbeitende ............................ 236 Ältestes Gemeindeglied .......... 238 7


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Wurzeln Vorwort von Christian Buchholz

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vangelisch in Dürnau und Gammelshausen – was kann uns dieses Thema angesichts von Ökumene und religiöser Vielfalt sagen? Gerade in unserer offenen und zuweilen beliebigen Zeit ist es wichtig, sich hin und wieder der eigenen Wurzeln zu vergegenwärtigen.

Für viele Menschen sind die beiden Orte im Lauf der letzten Jahrzehnte zu Schlafgemeinden geworden – sie wohnen hier zwar, aber arbeiten überwiegend woanders und verleben dort auch ihre Freizeit. Die Kirchen jedoch bleiben mit ihren Gebäuden vor Ort – sind sichtbar und greifbar. Wie tragen Menschen heute noch dazu bei, dass die Kirche so ist, wie sie ist? Das war unsere Frage an die Autorinnen und Autoren, die wir aus Anlass des 5oo. Reformationsjubiläums um ihre Beiträge gebeten haben. Zusammen mit vielen Fotos ist nun ein Werk entstanden, das ein kleines Kaleidoskop unserer Kirchengemeinde ist. Wir danken allen, die für das Buch geschrieben und gearbeitet haben – vor allem dem Verleger Martin Brückner für sachkundige Beratung sowie den beiden Fotografen Hans-Joachim Semmler und Michael Nick für ihre professionellen Bilder – und dem Kirchengemeinderat, der das ganze Projekt gefördert hat. Wir wünschen aufmerksame Leserinnen und Leser – auch auswärts, wohin dieses Lesebuch hoffentlich als Geschenk an Weggezogene, Interessierte und Heimwehgeplagte gelangen wird. Der Reisesegen aus dem Tobiasbuch möge Sie begleiten: Gott lenke alles zum Besten, was euch begegnet ... (Tobias 4)

Buchhol z: Wur zeln

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Verantwortung Vorwort von Miriam Springhoff

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espannt waren wir, was zurückkommen würde, wenn wir so offen fragen nach Beiträgen unter der Überschrift Evangelisch in Dürnau und Gammelshausen. Erfreut betrachten wir jetzt den bunten Strauß, den wir zum großen Jubiläum 500 Jahre Reformation in Händen halten. Viele persönliche Eindrücke und Erfahrungen werden geschildert – nicht selten drehen sie sich um die Ökumene, das Neben- und Miteinander von katholischen und evangelischen Bürgerinnen und Bürgern unserer beiden Dörfer. So manches Erlebnis von früher wird berichtet und oft zeigt sich, wie misstrauisch sich die Konfessionen einst beäugt haben. Daneben stehen Schilderungen von heute, von überwundener Trennung, vom guten Miteinander, von einer Ökumene Hand in Hand. Ein Fingerzeig im Jubiläumsjahr der Reformation. Doch nicht nur um die Ökumene geht es in unserem Lesebuch. Sichtbar wird auch, was unsere Kirchengemeinde ausmacht, wie sie zur Heimat werden kann, wie man vertraut mit ihr wird. Mit persönlichen Worten wird da erzählt vom Ankommen und Heimischwerden. Und in den Fotos spiegelt sich das bunte Leben, das wir in dieser Gemeinde miteinander teilen. Eine große Vielfalt entdecke ich in diesem Werk. Ein vielfältiges miteinander Unterwegssein – mal eng verbunden, mal mit gelegentlichem Kontakt. Eine Vielfalt auch, dem Glauben Ausdruck zu geben – in Gottesdiensten, in der Musik, bei Besuchen, beim gemeinsamen Feiern ... Ich meine, diese Vielfalt spiegelt die Freiheit, die das Evangelischsein ausmacht. Was Luther für sich entdeckte und dann für andere zugänglich machte, nämlich Gottes bedingungslose Zuwendung zu jedem Menschen, das schenkt Freiheit. Und in dieser Freiheit können wir uns öffnen, können andere und anderes gelten lassen, ohne uns selbst zu verlieren. Springhoff: Ver ant wortung

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Blick ins Buch Freiheit und Verantwortung – unter diese Überschrift wurde das große Jubiläum in unserer Kirche gestellt. Und beides zeichnet auch unsere Gemeinde aus. Die Freiheit befähigt, offen auf andere zuzugehen. Die Verantwortung mahnt, das auch zu tun, die Mitmenschen nicht vor lauter Freiheit aus dem Blick zu verlieren. Und so leben wir in unserer Gemeinde in Verantwortung füreinander. Wir erleben Gemeinschaft und sie trägt uns. Wir leben auch in Verantwortung für die Botschaft, für die wir stehen. Wir suchen immer wieder, was die Worte der Bibel für unseren Alltag bedeuten. Und schließlich leben wir in Verantwortung für Menschen außerhalb unserer Gemeinde. Das hohe Spendenaufkommen zum Beispiel zeigt, dass den Dürnauern und Gammelshäusern dieser Blick über den Tellerrand wichtig ist. In 1. Korinther 3,11 heißt es: Einen anderen Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus. Weil dieser Grund uns trägt, leben wir in Freiheit. Auf diesen Grund bauen wir – in Freiheit und in fröhlicher Vielfalt, in Verantwortung füreinander und für die Welt, in der wir leben. Möge dieses Lesebuch die Vielfalt sichtbar machen und uns erinnern an Freiheit, Verantwortung und den Grund, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.

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Springhoff: Ver ant wortung

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Da ist Freiheit. Es ist Raum geschaffen für den Austausch, für die bereichernde Vielfalt, Raum für die gemeinsame Verantwortung in unseren Dörfern – und weit darüber hinaus.

Fokus

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Atemzug Im Rad der Zeit

Von Klaus Wolfframm

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r betritt gern früh die von unzähligen Tritten abgeschliffenen Treppenstufen der kleinen Dorfkirche in Gammelshausen zum traditionellen weihnachtlichen Kirchgang. In diesem Moment des Alleinseins, der Stille, kann er dieses einzigartige Flair und den Geruch des sakralen Raums wirklich auf sich wirken lassen, ihn genießen. Diese Tatsache stellt einen guten Fluss für Gedanken und die unausgesprochenen Erwartungen über das tägliche Leben dar, denen er sich gern in solchen meditativen Augenblicken des ruhiger werdenden Atems hingibt.

In den Jahren der Anpassung müde geworden, will er sich endgültig nicht weiter einschränken und disziplinieren, singt mit Inbrunst Stille Nacht sowie O du fröhliche und schämt sich überhaupt nicht über die Tränen der Rührung, die ihm jetzt die Augen nässen. Auf knarrenden grau lackierten Holzbänken, aufgereiht in Linie, eine grob gestrickte Auswahl Menschen, und in stummen Antlitzen erkennt man vielerlei Spuren und Reliefs gemalt aus dem großen Farbreservoir an Lebensschicksalen. In die klare feierliche Stille des Augenblicks blitzt nur für Sekunden Vergangenes auf und wird dadurch in das Licht der Erkenntnis, des Erinnerns getaucht. Ein leicht melancholischer Gedanke an das Es war einmal ... verabschiedet sich mit einem tiefen Atemzug und einem hoffentlich optimistischen Blick nach vorn – und diese geistige Gemeinsamkeit mit den anderen Mantelträgern schwebt langsam und leicht hinauf zwischen die Engelswölkchen unter dem apostolischen Himmelsdach. Wolffr amm: Atemzug

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Der spezifische Beitrag, den wir evangelische Christen zum รถkumenischen Konzert beitragen kรถnnen, liegt in der Freiheit des Denkens.

Fokus

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Zuwendung Von Albrecht Weller

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iemlich vergesslich sind wir ja schon. Zum Beispiel, wenn wir über Muslime herziehen, die sich gegenseitig bekriegen, oder über Katholiken und Protestanten in Irland. Schon ein Rückblick auf die letzten 50 bis 60 Jahre würde, wenn wir ehrlich sind, ganz erstaunliches über uns und unser Verhältnis zu anderen Konfessionsgemeinschaften offenbaren. Ich bin zum Beispiel in Gschwend im Welzheimer Wald aufgewachsen und erinnere mich, wie zu meiner Jugendzeit die ersten Katholiken, die nach 1945 in das Dorf kamen, abfällig, distanziert, ja feindschaftlich behandelt wurden. Katholische Gebräuche, katholische Frömmigkeit galten fast als gottlos, Kreuzschlagen als heidnische Geste. Lästerei über Weihwasser und ewiges Licht galten dagegen als modern. Im Gymnasium in Schwäbisch Gmünd erlebte ich es dann von der anderen Seite. Wir Protestanten waren in der Minderheit. Katholiken aus Gmünd kamen alle in die A-Klasse, in die B-Klasse der Rest: Die vom Dorf sowie die Protestanten und damit Wüstgläubigen. Allerdings wurde die Bevölkerung Deutschlands in der Kriegs- und Nachkriegszeit durcheinander gewirbelt. Man war gezwungen, miteinander auszukommen. Es ging nicht anders. Und wem der Glaube wichtig war, der lernte, auch andere Frömmigkeit zu respektieren. Und wir erfuhren, dass auch die Kirchen dabei helfen konnten. Auch aus Dürnau und Gammelshausen kann man dafür Beispiele anführen. In den Pfarramtsbeschreibungen aus Dürnau aus dem 18. Jahrhundert kann man nachlesen, mit welch harten Auseinandersetzungen sich die beiden Konfessionen im Dorf bekämpften, und man liest im Bericht vom gotteslästerlichen Abfall der Magd ... zur papistischen Religion. Weller : Zuwendung

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Ehrlichkeit Von Simone Nick

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er Slogan echt evangelisch bekam für mich auf einer Jugendfreizeit vom evangelischen Jugendwerk seine wahre Bedeutung. Als Kind hatte ich eine christliche Erziehung genossen – mit Kinderkirche und Abendgebeten. Das gehörte ganz selbstverständlich zu meinem Leben dazu. Auf dieser Freizeit aber bekam das Wort Glauben für mich eine neue Lebendigkeit, und die Worte wurden mit Leben gefüllt.

An einem sonnigen Tag unternahmen wir in der Schweiz eine Bergwanderung. Wir Mädchen unterhielten uns während des Wanderns über andere Leute und bildeten uns ein Urteil über deren Verhalten. Da kam plötzlich ein Mitarbeiter an uns vorbei und sagte zu uns: Wer unter euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein. Diese Worte trafen mich mitten ins Herz. Da dachte ich mir, wie kann ich mir ein Urteil über andere Menschen erlauben, ohne sie wirklich zu kennen? Die Worte aus der Bibel, die ich von der Kinderkirche her kannte, wurden plötzlich konkret. Auf der Freizeit sangen wir abends am Lagerfeuer Lieder von Gott, der uns ohne Vorbehalte liebt. Diese Lieder haben mich sehr berührt und mein Lebensgefühl widergespiegelt. Überhaupt haben Lieder für mich eine große Bedeutung, denn sie können Gefühle viel stärker zum Ausdruck bringen als Worte allein – und so wird ein Lied zum Gebet. Es trägt mich durch den Alltag, und ich weiß, Gott ist bei mir in jeder Sekunde meines Lebens. Wenn ich in Dürnau in den Gottesdienst gehe, singe ich Lieder aus dem 17. Jahrhundert. Diese Lieder sind wahre Schätze, weil sie tiefe Glaubensweisheiten in sich tragen. Diese erkennt man oft auch erst auf den zweiten und dritten Blick. Nick : Ehrlichkeit

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Vergebung

Predigt am 22. Sonntag nach Trinitatis, 17. November 1867 in D체rnau 체ber Matth채us 18, 21-35 (Der Schalksknecht) Von Christoph Blumhardt

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Christoph Blumhardt (1842-1919) war nach Beendigung seines Studiums in Tübingen 1867/68 und 1870/71 Vikar bzw. Amtsverweser in Dürnau. Dazwischen und danach arbeitete er als Gehilfe des Vaters Johann Christoph Blumhardt im Kurhaus Bad Boll und war dort nach dessen Tod ab 1880 Leiter, später von 1900 bis 1906 auch Abgeordneter der SPD im Königlichen Landtag in Stuttgart. Als Blumhardt diese Predigt hielt, war er erst 25 Jahre alt, kam unmittelbar von der Universität und übernahm den damals fast überall praktizierten moralisch und theologisch orthodoxen schlichten Predigtstil. Die in Sütterlin verfasste Nachschrift befindet sich gemeinsam mit einigen anderen Predigten aus jener Zeit im Archiv der Brüder-Unität in Bad Boll.

Blumhardt: Vergebung

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Blick ins Buch sehr Er mit gutem Beispiel vorangegangen ist, noch vieles fehlt, daß sie, wie Er, gegen jedermann, insbesondere gegen Brüder und Schwestern sich freundlich und liebevoll, ohne Zorn und Neid sich benehmen. Ach, das muß uns schon tief demütigen, und unser lieber Heiland, der mit so vieler Liebe seine Jünger sammelt und sie herausreißt aus der Welt, Er muß es zum voraus in Rechnung nehmen, daß er es mit solchen zu tun hat, die noch immer unartig sind gegen einander, immer noch tief beleidigen und gegeneinander sündigen. So arm, so schwach, so verkehrt sind wir. Ach solche unaussprechliche Liebe gehört doch dem gegenüber bei unserem Heiland dazu, daß er trotzdem uns nicht laufen läßt, sondern unsere Unarten gleichsam in Rechnung nimmt, um dann gleich wieder dafür Sorge zu tragen, daß sie weiter zu keinem Schaden für uns ausschlagen. Denn das ist ja, was seit dem Sündenfall den Menschen an Leib und Seele am meisten geschadet hat, die Lust, gegenseitig einander zu übersehen und zu verachten, gegenseitig einander zu kränken und zu beleidigen, gegenseitig in Feindschaft sich zu setzen, um auf Kosten der anderen zu etwas zu gelangen. Hinter dem steckt am meisten der Teufel, der ein Mörder von Anfang an heißt, denn der bietet alles auf, um Feindschaft anzustiften, die Leute gegeneinander aufzuhetzen, denn wenn er das zugange bringt, dann hat er gewonnenes Spiel. Denn in der Feindschaft, da kommt man auf vieles, da ist einem kein Mittel und Weg zu schlecht, um dem anderen zu schaden, und man kommt immer mehr in die Falle des Teufels hinein, bis man ganz entwöhnt wird, nach Gott zu fragen und auf die Stimme seines Gewissens zu hören. Diesem ungeheuren Schaden will der Herr vorbeugen, und wir fühlen uns tief gedemütigt, daß er nicht einfach zu seinen Jüngern sagen kann und zu uns: was fragt ihr Mich nach dem Vergeben, lasset das Beleidigen bleiben, dann habt ihr nicht nötig zu vergeben. Aber der Herr weiß, daß es eben so nicht ist bei uns und wir wol94

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Blumhardt: Vergebung

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Orte

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Gottesdienst Bibel Taufe Konfirmation Abendmahl Bestattung Gemeindeleben

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Bibel Die Bibel ist die Glaubensquelle aller Christen. Trotz menschlicher Verfasser und der Vielgestaltigkeit der einzelnen Inhalte verstehen Christen sie als die von Gottes Geist durchdrungene Schrift. Durch sie spricht Gott zu uns Menschen – beim Lesen erfahren wir seine Gegenwart. Die Bibel lädt jeden Menschen, der sie liest oder ihr Wort hört, zur Antwort des Glaubens und zur Christusnachfolge ein. In besonderer Weise ist Jesus Christus selbst das Wort Gottes in Person. An ihm können wir klar und unmissverständlich sehen, wie Gott ist und wie er es mit uns meint. Ursprünglich wurden die biblischen Bücher in hebräischer und griechischer Sprache verfasst, später ins Lateinische übersetzt. Martin Luther wollte möglichst vielen Menschen einen direkten Zugang zu Gottes Wort ermöglichen und übersetzte die Bibel ins Deutsche. Obwohl es mittlerweile auch viele andere deutschsprachige Varianten gibt, ist die Lutherübersetzung in den evangelischen Kirchen in Deutschland nach wie vor am weitesten verbreitet. Eine neue Revision ist 2017 zum Jubiläum 500 Jahre Reformation erschienen.

Bibelstellen: 2. Timotheus 3,14-17; Johannes 1,1-18 Gemeindeleben

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St. Cyriakus Die indirekte urkundliche Ersterwähnung einer in Dürnau existierenden Kirche stammt aus dem Jahr 1275. Doch es gab mit Sicherheit schon vorher eine Kirche auf dem Kirchberg genannten Hügel. Die Kirche ist ursprünglich den beiden Heiligen Cyriakus und Kilian geweiht. Cyriakus ist einer der 14 Nothelfer, der als Helfer gegen Anfechtungen in der Todesstunde galt. Mit Kilian wird an den irischen Missionsbischof erinnert, der im siebten Jahrhundert als Frankenapostel in Süddeutschland wirkte. Nach wechselnden Patronatsrechten fiel die Kirche zusammen mit dem Dorf Dürnau und dem Weiler Gammelshausen 1479 an die Herren von Zillenhardt, die die Einführung der Reformation bis 1572 verzögerten. Ihre an der Nordwand aufgestellten Epitaphe prägen das Kirchenschiff. Eine grundlegende bauliche Veränderung des gotischen Kirchleins ist für 1583 belegt. Durch eine Erweiterung nach Osten wurde insbesondere Raum für die Grablege der Dorfherren geschaffen (1952 endgültig beseitigt). Durch Heirat wurden die Grafen von Degenfeld von 1623 bis 1806 die neuen Herren. An den berühmtesten, Christoph Martin (1599-1653), erinnert sein sehr kunstvoller Grabstein aus rotem Marmor. Er war ein weitgereister General, vor allem in Diensten der Republik Venedig. Einer seiner Söhne, Hannibal von Degenfeld, versuchte die gewaltsame Re-Katholisierung der beiden Dörfer, was ihm aber nicht gelang. Die Kirche wurde bis 1964 von beiden Konfessionen in getrennten Gottesdiensten als Simultankirche genutzt. Doch Konfessionsspannungen gehörten leider über Jahrzehnte zum Alltag. 54

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Dorfkirche Es ist nicht bekannt, wann das erste Gotteshaus in Gammelshausen errichtet wurde. Der Neubau einer Kapelle wird 1436 erwähnt. Vielleicht gehörte zu dessen Grundausstattung jenes Kruzifix, dessen Torso als Leihgabe im Göppinger Museum Storchen zu sehen ist. Kirchlich gehörte Gammelshausen zu Boll – heute Bad Boll. Die Kielbogenpforte mit der Jahreszahl 1499 ist der Beleg für den Versuch, in Gammelshausen einen eigenen Priester anzustellen. Dafür wurde die Kirche um eine Sakristei erweitert. Die finanziellen Mittel für die Kaplanei waren jedoch schon 1525 erschöpft. Ab da mussten die Leute von Gammelshausen wieder den weiten und beschwerlichen Fußweg an Dürnau vorbei nach Boll unternehmen, um die Messe mitfeiern zu können. Dort bestatteten sie auch ihre Toten. Die Reformation erfolgte in Gammelshausen im Jahr 1537 – wie in Boll. Das heutige Kirchlein stammt aus der Zeit um 1700 und wurde unter Verwendung älterer Teile gebaut. An der Kanzel wurden bei der Renovierung im Jahr 1954 die um 1500 geschaffene Darstellung der vier Evangelisten freigelegt. Besonders schön ist der raumhohe Prospekt der Orgel, die der Göppinger Orgelbaumeister Johann Schäfer 1873 geschaffen hat.

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Prägung

Die Reformation in Dürnau und Gammelshausen Von Manfred Wolfhard

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Michelfelder Teppich: Diese Figuren mit ihren dazu gehörigen Reimen, die von einem alten Teppich vor hundert Jahren ungefähr gewirkt und im Schloss Michelfeld am Rhein zu Mitfasten im tausendfünfhundertvierundzwanzigsten Jahr (1524) gefunden und abgemalt sind, zeigen an, was die Alten wegen der der jetzigen Geschehnisse, die sich täglich ereignen, in ihrem Verstand gehabt und heimlich bei sich behalten haben.

D

er Michelfelder Teppich 1, ein Flugblatt aus der Zeit des Bauernkrieges, zeigt, was Menschen in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts bewegte. Drei Frauen symbolisieren die Gerechtigkeit, die Wahrheit und die Vernunft. Mit gequälten Gesichtern, die Köpfe geneigt, sind sie mit den Beinen in den Stock geschlossen. Der Gerechtigkeit sind die Hände mit einem Stab fixiert, der Wahrheit ist der Mund mit einem Vorhängeschloss verschlossen und der Vernunft sind die Hände an den Block gebunden. Damit sind drei wichtige Tugenden aus dem Verkehr gezogen. Auf einem Thron daneben sitzt ein gut genährter Mann in einem geistlichen Gewand. Er rühmt sich in dem Spruchband: Mit Hilfe meiner Behändigkeit habe ich Gerechtigkeit, samt der Vernunft und Wahrheit untertänig gemacht. Auf der Lehne seines Thrones steht: Ich bin die Betrügerei.

1 Bernd Röcker: Der Teppich von Michelfeld, Anmerkungen zu zwei Holzschnitten Albrecht Dürers, in: Zschr. Kraichgau, Beiträge zur Landschafts- und Heimatforschung, Folge 20/2007, Seite 163ff Wolfhard: Pr ägung

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Blick ins Buch < Wandmalerei in der Cyriakuskirche Dürnau: Die sündigen Spieler werden bei ihrem lasterhaften Tun von einer schwarzen Teufelin zusammengehalten.

Die Darstellung stellt eine heftige Kritik an der Kirche und ihren Vertretern dar. Die unterdrückten Tugenden sind immerhin zentrale christliche Werte. Anstatt sie zu fördern werden sie vom kirchlichen Personal in Fesseln gelegt. Das in die Wiege gefesselte Kleinkind weist auf den Bruch des Zölibats durch die hohe und niedere Geistlichkeit hin und darauf, dass diese sich in der gegenwärtigen Situation ein flottes, willkürliches Leben erlaubt. Der Alltag der Menschen im Dorf des ausgehenden Mittelalters war hart und angstbesetzt. Von der Ernte blieb dem Bauern nur ein geringer Teil. Missernten bedeuteten Not. Der Tod war ständiger Begleiter: Hohe Kindersterblichkeit, Pestepidemien, Seuchen, Kriege waren allgegenwärtige Bedrohungen. Dazu kam das sich steigernde Bewusstsein der Abhängigkeit von den Herrschaften. So wuchs die Sehnsucht nach einer Kirche als Heilsanstalt, die einen festen Halt im Diesseits und eine Perspektive im Jenseits geben konnte. Und in der Sorge um ihre Seligkeit steigerten die Menschen ihre Frömmigkeitsübungen. Man strebte danach, sich der Fürsprache möglichst zahlreicher Heiliger zu versichern. Unter gewaltigen Kraftanstrengungen wurden fromme Höchstleistungen erbracht: Pilgerreisen, Erwerb von Ablässen, Stiftung von Seelenmessen. Zu dieser quantifizierten Frömmigkeit 2 zählte auch der Erwerb von Reliquien. Darstellungen von Höllenqualen in Kirchen waren üblich. In Dürnau hält eine schwarze Teufelin Spieler und Tänzer in ihrem sündhaften Trei2 Harry Kühnel: Frömmigkeit ohne Grenzen? In Harry Kühnel (Hg.): Alltag im Spätmittelalter, Graz, Wien Köln 3. Aufl. 1986, Seite 92ff Wolfhard: Pr ägung

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Blick ins Buch Grabmäler in der > Cyriakuskirche Wolfgang von Zillenhardt, der erste evangelische Ortsherr (2. v. l.) und Hans Wolf von Zillenhardt († 1557), Herr des Ritterguts Dürnau/Gammelshausen (2. v. r.)

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Wolfhard: Pr ägung

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Leonardo da Vinci: Jede unserer Erkenntnis beginnt mit den Sinnen.

Erasmus von Rotterdam: Vom freien Willen

Martin Luther: Der Gerechte wird aus dem Glauben leben.

Philipp Melanchthon: Investiert in Bildung! |

Galileo Galilei: | | | Und sie bewegt sich doch.

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Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf: Herz und Herz vereint zusammen

RenĂŠ Descartes: Ich denke, also bin ich.

Johann Sebastian Bach: Dein ist allein die Ehre.

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Paul Gerhardt: | | Befiehl du deine Wege

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BrĂźckner : Einordnung

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Immanuel Kant: Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen. |

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Singen Musizieren Beraten Besuchen Arbeiten Austauschen Helfen Gemeindeleben

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Chorlife

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Gemeindeleben

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Fr i e dh o f s t r a ß

1 St. Cyriakuskirche und Gemeindehaus 2 Dorfkirche N 3 Friedhof 4 Friedhof mit Beinhaus 5 Gedenkstein Sühnekreuz 6 Katholische St. Michael Kirche

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Orte

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Text- und Bildnachweise Textnachweise (Texte ohne Autorenangabe) Orte: Manfred Wolfhard, Christian Buchholz, u. a. Gemeindeleben: Ev. Landeskirche in Württemberg, Bearbeitung Martin Brückner Fotonachweise

Albertina, Wien: DIGNUS.DE Medien: Ev. Brüder-Unität: Tobias Fröhner: Gemeinde Dürnau: Michael Nick:

178f 28, 40, 44, 78, 86, 108f, 109, 110, 114, 116, 124, 136, 138, 152, 164, 168, 180, 185, 186, 204, 236 lu, 242f (Karte) 95, 207 22 126f 14, 52f, 77, 81, 82, 85, 134, 156f, 157, 160, 192f, 220f, 222f,

224f, 226f, 228f, 230f, 232f, 234f, 236 o, 237, 239

Norddeutscher Rundfunk: 105 Hans-Joachim Semmler: 8f, 17, 18f, 25, 31, 32f, 37, 55, 57, 58, 59, 60f, 66, 72f, 112f, 142f, 145, 146f, 148, 148f, 174f, 176, 182, 200f, 212f, 214, 216f, 240f zvg.: 10, 12, 20, 34, 48, 64, 68, 70, 88f, 90, 100, 128, 140, 158, 170, 188, 196f, 202f, 206-211, 236 ru

Umschlag

Fotos: Collage, Gestaltung:

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Hans-Joachim Semmler DIGNUS.DE Medien

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500 Jahre Reformation – zum Jubiläum schreiben Frauen und Männer über ihren Glauben, Erlebnisse mit der Kirche und das ökumenische Miteinander. Die persönlich gehaltenen Beiträge geben interessante Einblicke in die Erinnerungen und Wünsche der Autorinnen und Autoren sowie in das Gemeindeleben. Zwei historische Predigten, darunter eine von Christoph Blumhardt, weiten den Blick in die Vergangenheit – ebenso ein Abriss über die Einführung der protestantischen Konfession in Dürnau und Gammelshausen sowie eine Übersicht über die Kirchen- und Zeitgeschichte rund um die Reformation. Das 248 Seiten umfassende Buch enthält außerdem Informationen über die Evangelische Kirchengemeinde und wird komplettiert durch viele Bilder.

ISBN: 978-3-946794-50-9 € 12,90

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