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Leseprobe

Manfred Wolfhard

D端rnauer Schicksale Leben, lieben und leiden im 17. und 18. Jahrhundert


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Dieses E-Paper enthält ausgewählte Kapitel als Leseprobe.

Impressum

Manfred Wolfhard: Dürnauer Schicksale – Leben, lieben und leiden im 17. und 18. Jahrhundert Dürnau, 2014 Mit Zeichnungen von Heinz Fieß, Hohenstaufen Schlussredaktion und Gestaltung: DIGNUS.DE Medien GmbH, Gammelshausen Druck: Hallwich GmbH, Gammelshausen

© 2014 | Alle Rechte vorbehalten 2

Mit freundicher Unterstützung durch die Gemeinde Dürnau


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| Prolog Schloss ................................................................................................................................ 6 Steuer .................................................................................................................................. 8 Qual ................................................................................................................................... 10 Botschaft ........................................................................................................................... 12 | Der historische Hintergrund Endlich Friede! .................................................................................................................... 16 Unter bayerischer Hoheit .................................................................................................... 22 Ein Dorf | Zwei Herren ........................................................................................................ 28 Kleine Herrschaft | Große Probleme .................................................................................... 40 | 18 Dürnauer Schicksale Anna Dorothea Neugeborn | Eine Beutetürkin in Dürnau ..................................................... 48 Anna Maria Christmann | Ein Mädchen beißt sich durch ....................................................... 52 Anna Weiß | Betteln mit amtlicher Hilfe .............................................................................. 59 Barbara Pabst | Eine verlassene Soldatenfrau ....................................................................... 62 Catharina Schlosser | Unfall einer Bettlerin .......................................................................... 66 Christoph Martin von Degenfeld | Ein Kriegsreisender ......................................................... 70 Eberhardina Sibylla NN | Eine anonyme Geburt .................................................................... 76 Ferdinand von Degenfeld | Ein Blinder geht seinen Weg ....................................................... 78 Hannibal von Degenfeld | Dorftyrann und Feldherr .............................................................. 84 Hanns Jacob Pläßing | Sozialfürsorge auf württembergisch .................................................. 90 Johann Adam Mühlfentzel | Taufe mit Hindernissen ............................................................. 93 Johann Gottlieb Steeb | Seelenhirt und Agrarpionier ............................................................ 98 Johannes Schrötlin | Pfarrer und Flüchtling ........................................................................ 106 Johannes Wiehrer | Ein Salpeterer ...................................................................................... 114 Louise von Degenfeld | Eine Dürnauerin wird „Landesmutter“ ............................................. 116 Rosina B. und der Anwalt | Ein Dorfskandal ....................................................................... 122 Veronika ... | Niederkunft auf dem Acker ............................................................................ 128 Walpurga B. | Alkoholtherapie Anno 1717 .......................................................................... 130

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Prolog


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Steuer

| In untertäniger Haltung bringen die Einwohner dem Vogt oder Anwalt Naturalien als Abgaben. Aber auch Geld für Zins oder gepachtete Grundstücke ist fällig, Huhn und Eier deuten auf Leibeigenschaft hin. Auf den Regalen stapeln sich Papiere, denn alles wird genau festgehalten und aufbewahrt. Ähnlich dürfte sich der Einzug der Steuern auch im Dürnauer Schloss abgespielt haben. Maler unbekannt, erste Hälfte 17. Jahrhundert, nach einem Stich von 1618 Landesmuseum Württemberg, Stuttgart

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Der historische Hintergrund


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Kleine Herrschaft | große Probleme

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it dem Vertrag vom 11. und 19. März 1770 erhielten die Grafen von Degenfeld-Schonburg die alleinige Herrschaft über Dürnau und Gammelshausen. Für 30.000 Gulden kauften sie die bayerische Hälfte des Rittergutes zurück. Dieser Rückkauf vereinfachte zwar die Verwaltung in den beiden Dörfern, denn nun mussten nicht mehr zwei Herrschaften gefragt werden, wenn wichtige Entscheidungen anstanden. Allerdings waren die Jahre 1770 und die Folgejahre für die Bevölkerung ein Horror, denn es herrschte eine drückende Hungersnot. Die massiven Ausgaben des Almosenkastens werden begründet, „das … sowohl auf die anhero gekommenen frembde Collectanten (= Sammler) und anderen presthaften Persohnen als auch bey der heurigen Jahres existirten großen Theuerung verschiedenen hießigen Hausarmen Leuten aufgewendet worden 24 fl.“1 Diese Notzeit war wohl eine Folge der schweren Unwetter, die in diesen Jahren die Gegend heimgesucht haben. Wieder musste Anwalt Jacob Holl in den württembergischen Oberämtern Kirchheim und Göppingen nachfragen, ob Getreide und Brot in den reichsritterschaftlichen Flecken verkauft werden dürfen. Wieder musste er eine Petition an die württembergische Regierung überbringen, diesmal nach Ludwigsburg. Zum Kauf der dringendsten Nahrungsmittel und zur Unterstützung der Hausarmen gab die Herrschaft in Eybach ein Darlehen von 300 Gulden. Da nicht einmal Geld für die Zinsen vorhanden war, wurden diese gestundet und dem Kapital zugeschrieben.2 Das war natürlich keine Lösung des Problems, denn das Auflaufen der Zinsen erhöhte den Schuldenstand und die jährlichen Zinszahlungen.

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1 Gemeindearchiv Dürnau, Almosenrechnung 1771/1772 – Die hausarmen Personen sind die ortsansässigen Armen. Sie waren gegenüber den wohnsitzlosen Bettlern um ein Weniges besser gestellt. Presthafte Personen waren Menschen, die gebrechlich, krank oder kriegsversehrt waren. 2 Gemeindearchiv Dürnau, Almosenrechnung 1771/1772

Auch im Dorf hatten die Unwetter große Schäden am Dorfbach sowie an Brücken und Brunnen angerichtet. Das Rathausdach musste repariert werden, die Brunnen wieder instand gesetzt und gesäubert werden. Die Belastungen dieser Jahre zeigen sich auch in den Abrechnungen der Gemeindekasse, die ab 1769 zunehmend defizitär abschlossen. Die wachsende Not bewog die Feld- und Waldschützen zu erhöhter Wachsamkeit. Holz war der einzige Energieträger, und die Winter waren hart und die Häuser zugig. Für viele war das Heizen ein Problem, denn Brennholz war knapp und teuer. Die Gemeinde verkaufte auch das Abfallholz beim Bäume-Schlagen oder Bauabfälle. Wer jedoch beim Holzsammeln erwischt wurde, musste eine Strafe zahlen, die an den Rugtagen fällig wurde. In der Regel wurden jährlich zwei Rugtage im Rathaus abgehalten. Dabei waren der Anwalt, die Feld- und Waldschützen und eini-

| Der Waldschütz hat Holzdiebe erwischt. Am nächsten öffentlichen „Rugtag“ wurde die Strafe fällig. Zeichnung: Heinz Fieß


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| Bis Mitte des 20. Jahrhunderts floss der Sachsentobelbach offen durch das Dorf. Die Brücken waren meist Holzstege, die bei größeren Unwettern weggerissen wurden.

| Feuereimer

ge Gemeinderäte anwesend. Außer den Holzstrafen wurde das schädliche Schafhüten im Feld oder Wald abgestraft, das Überfahren fremder Grundstücke, das Aufsammeln von Eicheln oder Laub sowie das Abreißen von Blättern oder Zweigen. Meist waren es Kinder, Halbwüchsige oder Frauen, die belangt wurden, und die Höhe der Strafe lag bei elf oder 22 Kreuzern. Für eine arme Familie war das viel Geld, etwa der Tagelohn eines Handwerksgesellen. Zahlungsunfähige wurden eingesperrt: „Sodann sind mehrere Personen angezeigt, dieselbe aber nachher mit dem Thurm bestraft worden.“3 Die Feld- und Waldschützen erhielten ein Drittel der eingegangenen Strafgelder.

Artikel wird aufgefordert Anzeige zu erstatten, wenn man solche Missetat beobachtet hätte. Wenn das Feuer im Herd ausgegangen war, konnte man Glut an einer anderen Feuerstelle oder beim Nachbarn holen. Wer aber für den Gluttransport ein offenes Gefäß benutzte, sollte drei Gulden Strafe zahlen.5 Jede Familie in Dürnau musste einen Feuereimer haben. Neubürger mussten außer den vier Gulden Einbürgerungsgeld auch einen Feuereimer nachweisen. Dabei beschränkte sich der Brandschutz nicht nur auf das eigene Dorf. Brach in der Umgebung ein Feuer aus, so zog meistens eine Rotte mit Feuereimern, Feuerhaken und Leitern an den Brandort, um beim Löschen zu helfen. Eine Rotte waren meist 23 oder 24 Mann unter dem Kommando eines Bürgermeisters oder des Anwalts. Nach dem Einsatz erhielten die Teilnehmer ein Vesper und einen Trunk in einer der Dürnauer Wirtschaften. Zu den Einsatzorten waren oft beträchtliche Entfernungen zurückzulegen, und das zu Fuß mit der gesamten Ausrüstung! Dürnauer Löschmannschaften zogen: · 1780 nach Owen und Deggingen · 1781 mit 24 Mann an einen ungenannten Ort

Der Feuerschutz wurde im 18. Jahrhundert sehr ernst genommen. Die Dorfordnung von 1716 bestimmte in Artikel 38: „Niemand soll bei liecht waschen oder Werk machen in häußern bei Straff von zehen gulden.“ 4 Zehn Gulden waren eine horrende Summe. Im folgenden 1801/02 3 Gemeindearchiv Dürnau, Bürgermeisterrechnung 1801/1802 4 Hauptstaatsarchiv Stuttgart, A 346 Bü 47: Dürnauer Dorfordnung 1716 Art. 38. Die Dorfordnung liegt auch gedruckt vor in: Württembergische Kommission für Landesgeschichte (Hrsg.): Württembergische Ländliche Rechtsquellen, Stuttgart 1922, Seiten 352 ff.

5 ebd. Artikel 39

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· 1782 mit vier Rotten zum Stadtbrand nach Göppingen. Vogt Ludwig und Anwalt Holl blieben da einige Tage. Die Feuereimer waren anschließend ziemlich ramponiert und wurden in Hohenstaufen repariert. Neun Stück waren nicht mehr zu gebrauchen. · 1783 nach Gosbach, Heumaden und Weilheim · 1784 nach Cannstatt · 1785 nach Holzheim (zwei Mal), Rechberghausen und Sparwiesen · 1786 nach Kirchheim · 1787 nach Weilheim · 1789 nach Hohenstaufen und Groß Eislingen · 1790 nach Faurndau (zwei Mal) und Kirchheim.6 Erst 1808 erhielt Dürnau eine Feuerspritze. Sie wurde in Reutlingen hergestellt und steht heute im Storchen-Museum Göppingen. Die Schafhaltung war in den Notjahren ein wichtiger Faktor der Existenzsicherung. Von 1750 bis 1800 nahm die Zahl der Schafe im Flecken rapide zu. Sie sank allerdings in den schweren Jahren nach 1770 auf einen Tiefststand von 224 Tieren, wohl weil das Fleisch der Tiere wichtig war, um überhaupt durchzukommen. 1778 weideten dann wieder 1244 Schafe auf der Winterweide, um sich dann in den neunziger Jahren auf einen Bestand zwischen 850 und 1000 Tieren einzupendeln. Die Winterschafweide wurde von der Gemeinde vergeben. Pro Schaf war ein Kreuzer Weidegeld fällig. Die Sommerweide wurde alljährlich neu verpachtet und zwar bei brennendem Licht.7 Dazu wurde eine kleine Kerze entzündet. Den Zuschlag erhielt das Gebot, das beim Verlöschen der Kerze gemacht wurde.

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| Die Reichfestung Philippsburg am Rhein mit ihren Wällen und Befestigungen wurde in den Jahren nach 1794 enorm verstärkt – auch Dürnauer mussten zupacken. 1800 konnte sie der Kanonade der napoleonischen Truppen nicht standhalten. Nach der Übergabe wurde sie geschleift.

Wehrgeschichtliches Museum Rastatt

1777 wurde Dürnau erstmalig von kriegerischen Ereignissen berührt, die gegen Ende des 18. Jahrhunderts gewaltig zunahmen. Zwei Kompanien kaiserliche Truppen marschierten von den Niederlanden

nach Günzburg und machten in Dürnau und Gammelshausen im Juli je zwei Nächte Rast. Über die Kosten von Unterkunft und Verpflegung liegen keine Unterlagen vor. Schon im Juli des Folgejahres marschierte eine kaiserlich-königliche Einheit von Günzburg nach Philippsburg und rastete hier ebenfalls zwei Nächte.8 1794 wurden französische Kriegsgefangene durch die Voralbdörfer geführt und mussten eine Nacht beherbergt und verpflegt werden. Es waren 1600 Gefangene und 282 Bewacher, die auf Dürnau, Jebenhausen, Eschenbach, Bezgenriet und Lotenberg verteilt wurden.9 Im gleichen Jahr mussten Dürnau vier Mann und Gammelshausen zwei Mann als Schanzarbeiter nach Philippsburg schicken. Diese Reichsfestung am Rhein wurde angesichts des französischen Expansionsdrangs erneut verstärkt. Dürnau entsandte Christoph Straub, Friedrich Veil, den Zeugmacher Johann

6 Gemeindearchiv Dürnau, Bürgermeisterrechnungen 1780-1790 7 Gemeindearchiv Dürnau, Bürgermeisterrechnungen 1793/1794. Das brennende Licht wird in den meisten Abrechnungen dieser Jahre erwähnt.

8 ebd. Bürgermeisterrechnungen 1777/1778 9 ebd. Bürgermeisterrechnung 1794


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| Französische Soldaten töten das letzte Schwein in einem schwäbischen Dorf. aus: Thomas Schuler, Napoleon in Bayern, Weißenhorn 2010

| Verwundete gab es auch bei den Württembergern. Zeichnung: Heinz Fieß

Straub und den Schuhmacher Friederich Schwarz. Die Männer waren für 16 Tage arbeitsverpflichtet. Als Reise- und Verpflegungsgeld mussten 133 Gulden 34 Kreuzer aufgewendet werden. Wie alle Kriegskosten wurden sie auf die Einwohner umgelegt. Damals hatten die französischen Revolutionstruppen schon die meisten linksrheinischen Gebiete besetzt. Die Reichstruppen unter Erzherzog Karl konnten die Festung noch einige Zeit halten. Erst 1800 wurde sie von den Batterien Napoleons in Schutt und Asche gelegt.10

arbeiter. Mit Schaufel und Pickel versehen mussten sie mit zehn bis dreißig Tagen Arbeit rechnen. Für das kleine Dürnau eine ungeheure Belastung!

Ähnliches spielte sich um die Festung Ulm ab. 1797 forderte der Ritterkanton Kocher die Gemeindeverwaltung auf, 20 Männer zur Schanzarbeit nach Ulm zu entsenden. Im November 1800 wurden abermals Schanzarbeiter angefordert. Diesmal drei Maurer, drei Handlanger, zwei Zimmerleute und 57 Schanz-

Neben den Schanzarbeiten musste die Bevölkerung Einquartierungen hinnehmen, Fuhrdienste für schweres Material leisten, Zugtiere für Vorspanndienste stellen, Verwundete transportieren und Botendienste erledigen. Dabei war die Not in der Gemeinde übergroß, die Verwaltung selbst absolut überschuldet. Vogt Ludwig klagte in einem Schreiben: „Zu Dürnau befinden sich 7 Bauren, 123 Bürgern, wovon aber der größte Teil sehr arm und Bettler, die übrige hingegen, wann sie schon etliche Güter und Züge haben, ebenfalls sehr verschuldet sind. 72 Häuser 7 Pferde und 16 Paar Ochsen“. 11 y

10 Arbeitskreis für Heimatgeschichte, Brauchtum und Denkmalpflege, Philippsburg: Geschichte der ehemaligen Reichsfestung Philippsburg im Wandel der Zeit, www.club-rheingrafvonsalm.de, Geschichte

11 Gemeindearchiv Dürnau, Bürgermeisterrechnung 1798

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Leseprobe | Joos de Momper der JĂźngere nach 1625 DĂśrfliche Szene am Ziehbrunnen


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18 D端rnauer Schicksale


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Anna Dorothea Neugeborn | eine „Beutetürkin“ in Dürnau

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ls der General Christoph Martin von Degenfeld nach Abschluss seiner venezianischen Dienstzeit 1650 in sein wieder aufgebautes Schloss in Dürnau einzog, brachte er außer seiner großen Familie auch Gefolgschaft mit. Nur wenige seiner Bediensteten sind namentlich bekannt: Die alte Cordula Kleber, die als Wirtschafterin den herrschaftlichen Haushalt leitete. Ihr Mann Johann Georg war Stallmeister. Johann Jacob Charlé aus Frankental arbeitete als Kammerdiener, und Johann Conrad Brandtes war Trompeter. Welche Funktion im herrschaftlichen Haushalt allerdings die mitgebrachte Türkin hatte, deren türkischen Namen wir nicht kennen, bleibt im Dunkeln. War die Dreizehnjährige ein gekauftes Mädchen? War sie während irgendwelcher Kämpfe von dem General oder einem seiner Soldaten geraubt oder gerettet worden? Es kam ja in diesen brutalen Kriegen häufig vor, dass Eltern umkamen oder Familien in den Wirren getrennt wurden. Keine Silbe verrät etwas über ihre Herkunft, wie sie in die Familie des Degenfelders gekommen ist und was ihre Funktion im Haushalt des Generals war. Möglicherweise war sie bei der Versorgung des 1648 geborenen Hannibal behilflich. Aber: Da es keinen Hinweis über ihre Stellung gibt, bleiben all diese Vermutungen vage.

| Das Dürnauer Schloss Ausschnitt aus der Kieserschen Forstkarte ca. 1680

Beutetürken – also Muslime, die auf dem Balkan im Zusammenhang mit den zahlreichen kriegerischen Auseinandersetzungen in Gefangenschaft geraten waren – waren gar nicht so selten. Rund 600 solcher Schicksale sind bekannt.1 Hauptsächlich österreichische oder venezianische Offiziere schätzten es, einen türkischen Burschen zu haben, und in den Fürstenhöfen war der Kammertürke oder der Kammermohr ein Zeichen exotischer Kultur. Ein junger Türke gelangte bis nach Pommern. Über ihn heißt es, sein Herr „habe ihn bei Eroberung der Stadt Ofen gefangen genommen und ihn nach Massacrierung seiner Eltern pardonniert“.2 Viele dieser Beutetürken lernten die deutsche Sprache, gewöhnten sich an die neue Kultur, fanden familiären Anschluss und integrierten sich in die zunächst fremde Gesellschaft. Die Taufe war ein wichtiger Akt im Leben eines Beutetürken. Wurde er damit doch in die Gesellschaft

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| Exotischer Diener: Ein Kammertürke Bild: Jürgen Gottschewski

1 Hartmut Heller; Carl Osman und das Türkenmariandl, Die Zeit Nr. 37, 2003; und derselbe: Verschleppt, getauft und eingedeutscht, Stuttgarter Zeitung Nr. 228, vom 2. Oktober 1990 2 Hartmut Heller, a. a. O.


Leseprobe aufgenommen. Die Türkin des Christoph Martin von Degenfeld, inzwischen 15 Jahre alt, bekam bei ihrer Taufe 1651 einen neuen, ausgesprochen christlichen Namen: Anna Dorothea Neugeborn. Man drückte damit aus, dass in ihrem Leben eine entscheidende Wende stattgefunden habe, eine Neugeburt. Ob die Taufe freiwillig oder unter Druck geschah, lässt sich heute nicht mehr feststellen. Dass sie allerdings als wichtig betrachtet wurde, zeigt die Höhe des Taufopfers: Der Heiligenfonds konnte ein Opfer in Höhe von drei Gulden, 24 Kreuzer, drei Heller verbuchen3, eine Summe, die in den bisher bekannten Taufopfern nie mehr erreicht wurde. In den Kirchenbüchern ist die Taufe der Anna Dorothea nicht vermerkt. Wahrscheinlich fand sie im Schloss statt und wurde vom Boller Pfarrer durchgeführt. Anna Dorothea lebte und arbeitete im Schloss. Nach ihrer Taufe dauerte es immerhin noch 14 Jahre, bis sie zu ihrer ersten Patenschaft im Dorf gebeten wurde. Der Tagelöhner Christian Geiger bat die nunmehr

29-jährige für sein am 6. März 1665 geborenes Töchterchen Barbara um die Patenschaft. Christian Geiger war Tagelöhner aus Adelboden in der Schweiz, hatte also ebenfalls einen Migrationshintergrund. Sein Kontakt zum Schloss und zu Anna Dorothea lief wahrscheinlich über Christian Lauber, der ebenfalls aus Adelboden kam und als Melker im herrschaftlichen Hofgut arbeitete. Mit der nächsten Patenschaft 1666 bei dem Sohn von Martin Strehlin ist sie wohl endgültig bei der Dürnauer Bevölkerung angekommen. Mit 31 Jahren heiratete sie dann 1667 den Witwer Christoph Demerer und wird damit Dürnauerin. Der Witwer war Pfleger des Heiligenfonds, hatte also eine Vertrauensstellung im Dorf inne und brachte aus seiner ersten Ehe zwei Söhne im Alter von vier und fünf Jahren mit. Wahrscheinlich hatte er einen guten Draht zur Schlossherrschaft und zu Pfarrer Schrötlin, denn die Hochzeit fand bereits am 10. September 1667 statt, etwa ein Vierteljahr nach dem Tod seiner ersten Frau. Das war im Dorf eigentlich unüblich, wo man doch sehr auf die Einhaltung der Sitten achtete, also auch auf die Einhaltung des Trauerjahres.

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3 Gemeindearchiv Dürnau, Abrechnung des Heiligenfonds 1650/51

| „Anna Dorothea: so von Ihro Excellenz, dem Herren Generalen von Degenfeld, der Gnd. Herrschafft, Seel. auß der Türckhey gebracht und zum Christl. Glauben befürdert worden.“ Evangelische Kirchengemeine Dürnau, Taufregister, Eintrag vom 18. August 1666. Anna Dorothea war Patin bei der Dürnauer Familie Martin Strehlin.

| „Anno 1667 den 10. September Christoph Demerer, Wittiber allhier: mit Anna Dorothea Neugebornin, so von Ihr Excellenz, Herrn General und Freyherrn von Degenfeld, hochseel. auß Dalmatien mit herauß gebracht auch allhier zu Dürnaw Ao 1651 Dominic jjj post Trinit. getaufft worden.“ Evang. Kirchengemeinde Dürnau, Heiratsregister, Eintrag vom 10. September 1667

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| Geburtseintrag des ersten Kindes der Familie Demerer. In der rechten Spalte die Paten aus der Familie der Ortsherrschaft.

Am 22. November 1668 gebar Anna Dorothea ihren ersten Sohn, Johann Friederich. Die Liste seiner Paten bestätigt die Vermutung, dass wahrscheinlich ein guter Kontakt zum Schloss und zur herrschaftlichen Familie bestand. Alle vier Söhne Christoph Martins hatten der Patenschaft zugestimmt, auch die Mädchen der Degenfeld-Familie und die Pfarrersfrau Maria Magdalena Schrötlin. Diese Patenliste blieb mit wenigen Änderungen bei allen sieben Kindern der Familie Demerer-Neugeborn gleich. Die Nähe zur Familie der Ortsherrschaft wird auch an der Auswahl der Vornamen deutlich: Ferdinand hieß nach Ferdinand von Degenfeld, dem Ortsherrn, Christoph Martin nach dem verstorbenen Ortsherrn und Maximilian war ebenfalls ein Degenfelder.

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| Adriaen von Ostade malte 1667 eine junge Frau mit ihrem Kind. Es kann helfen, sich Anna Dorothea Neugeborn als junge Mutter mit einem ihrer Kinder vorzustellen.


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| Älteres Paar im Gespräch – im Mittelpunkt stand der Lebensunterhalt für die Familie. Radierung von Cornelis Visscher um 1628

In ihrer Ehe mit Christoph Demerer gebar Anna Dorothea sieben Kinder: Johann Friederich Christianus Ferdinand Christoph Martin Anna Maria Maximilian Maria Magdalena

22. November 1668 6. März 1670 26. März 1671 26. September 1673 25. März 1675 24. März 1678 12. Juli 1681

Aber auch der Tod hielt seine Ernte in der Familie Demerer: 1676 starb der älteste Sohn Johann Friederich im Alter von sieben Jahren. Was den Tod des Buben verursachte, bleibt unbekannt. Das Jahr 1676 ist das Jahr mit extrem vielen Sterbefällen in Dürnau. Während die durchschnittliche Sterberate der vorhergehenden 15 Jahre bei 6,2 Toten liegt, starben in diesem Jahr 26 Personen. Ein Grund für diese hohe Todesrate ist noch nicht bekannt. Nach 1681 verschlechterten sich die Lebensverhältnisse für die Einwohner des Dorfes radikal. Der

Freiherr Hannibal von Degenfeld übernahm die Ortsherrschaft. Unter seinem Bruder Ferdinand von Degenfeld waren die Dürnauer Bürger eine gerechte und rücksichtsvolle Herrschaft gewöhnt. Das änderte sich schlagartig, als sich Hannibal von Degenfeld die alleinige Ortsherrschaft anmaßte. Seine Herrschaft war willkürlich und hart, er neigte zu übertriebenen Strafen und er wollte die Rückkehr zum Katholizismus erzwingen. Es ist naheliegend, dass für die Familie Demerer-Neugeborn der Kontakt zum Schloss und seinen Bewohnern ebenfalls abkühlte und sich die Lebensumstände wie die aller Einwohner des Dorfes verschlechterten. Das besserte sich auch nicht, als das Dorf 1684 an Bayern verkauft wurde. Die DegenfeldFamilie war nun in Dürnau nicht mehr präsent, und die Bayern dachten nicht daran, auch nur eine einzige der Willkürmaßnahmen des Hannibal von Degenfeld zurückzunehmen. Anna Dorothea Demerer starb am 30. Mai 1692 im Alter von 56 Jahren. Ihr Mann Christoph Demerer überlebte sie noch um fast zwölf Jahre und starb am 26. Mai 1704. y

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| Christoph Martin von Degenfeld


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Christoph Martin von Degenfeld | Ein Kriegsreisender

| Geradstetten im Remstal. Vom Schloss in der Dorfmitte, in dem Conrad von Degenfeld seinen tragischen Tod fand, ist nichts mehr vorhanden.

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ie Aussichten waren alles andere als rosig für den 1599 geborenen Christoph Martin: Noch nicht ganz ein Jahr alt war das Büblein, als sein Vater Conrad in Geradstetten einem tragischen Unfall zum Opfer fiel. Er war Schlafwandler und übernachtete am 9. Oktober 1600 mit seinem Freund Jakob von Gültlingen in einem Zimmer. Gültlingen erwachte, hielt die in ein Betttuch gehüllte Gestalt des Degenfelders in der Dunkelheit für ein Gespenst, rief sie an und stach dann in Panik auf ihn ein. Er traf den unglücklichen Degenfeld tödlich.1

Der kleine Christoph Martin war der jüngste von drei Brüdern. Zusammen mit Mutter und Großvater lebte er zunächst in Eybach. Der Großvater starb 1604 und die Mutter 1608. Die Buben wurden nun von Onkel Wolf Niklas von Zillenhardt in Dürnau aufgenom1 Bächle, Hans Wolfgang: Herren und Freiherren von Degenfeld, Marie Luise Raugräfin zu Pfalz, Grafen von Degenfeld-Schonburg, Schwäbisch Gmünd 2005, Seiten 78 und 86

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| In dem Mann der Kreuzigungsgruppe auf dem Dürnauer Friedhof wird Conrad von Degenfeld vermutet.

men. Christoph Martin verbrachte hier die weitere Kindheit und wurde nach einer sorgfältigen Erziehung auf die Universitäten Straßburg, Tübingen und Jena geschickt.2 Als Ergänzung der standesgemäßen Ausbildung unternahm er eine Bildungsreise , die ihn in die Schweiz, nach Frankreich, Holland und England führte.3 Nach Abschluss seiner Bildungsreisen trat er in kaiserliche Dienste ein und kämpfte unter Wallenstein in Ungarn gegen den Fürsten Gabor. Dieser hatte sich 1613 zum Fürsten von Siebenbürgen ausgerufen und bedrohte 1619 als Anführer des antihabsburgischen Aufstandes die Macht der Habsburger im Osten. Hier sammelte Christoph Martin erste militärische Er2 Johannes Schrötlin: Leichenpredigt des Christoph Martin von Degenfeld, Stuttgart 1653, Seite 59 ff 3 Thürheim, Graf A.: Christoph Martin von Degenfeld, General der Venezianer, Generalgouverneur von Dalmatien und Albanien, und dessen Söhne, Wien 1881, Seite 4 f

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fahrungen und wechselte dann zum Heerführer der Katholischen Liga, General Graf von Tilly. Obwohl selbst lutherisch, bekämpfte er nun die Protestanten. In der Schlacht bei Wimpfen am 16. Mai 1622 und der Schlacht bei Höchst am 20. Juni 1622 taktierte er sehr erfolgreich und wurde von Tilly besonders ausgezeichnet: Er sollte die Siegesnachricht an den kaiserlichen Hof überbringen. Dort belohnte man ihn mit Kostbarkeiten und der Rückgabe des Titels „Freiherr“, der der Familie 1309 aberkannt worden war.4 Eine kurze Abordnung führte ihn zu dem spanischen General Spinola in die Niederlande, die meiste Zeit in den zwanziger Jahren kämpfte Christoph Martin in Tillys Armee in Mittel- und Norddeutschland. Nach dem Lübecker Frieden 1629, der eine kurze Atempause in den 30 Kriegsjahren brachte, kehrte Christoph Martin auf seine Güter zurück und heiratete Anna Maria Adelmann von Adelmannsfelden. Noch 1629 wurde Sohn Ferdinand geboren; als zweites Kind folgte fünf Jahre später Marie Louise.

Sache lohnte sich für den Degenfelder – zumindest kurzfristig, denn die Schweden verschenkten großzügig katholische süddeutsche Territorien an treue Gefolgsleute. Christoph Martin erhielt so Schwäbisch Gmünd, Kapfenburg, Straßberg, Lautlingen und das Stift Schussenried. Doch der Gewinn verflüchtigte sich schnell wieder, als am 6. September 1634 in der Nördlinger Schlacht die schwedische Armee vernichtend geschlagen wurde und die kaiserlichen Truppen Süddeutschland überschwemmten. In den württembergischen und protestantischen Herrschaften hausten sie übel. In Schorndorf verbrannten die Dürnauer Archivalien, die Schlösser Dürnau und Eybach wurden geplündert und angezündet, die Einwohner wurden teilweise bestialisch schikaniert. Christoph Martin, seine schwangere Gattin und die Kinder flüchteten nach Straßburg. Dürnau und die ererbten Familiengüter waren dem abtrünnigen Feldherrn ebenfalls genommen worden.

Christoph Martin konnte die Ruhe auf seinen Gütern nicht lange genießen. 1630 landete der Schwedenkönig Gustav Adolf an der deutschen Ostseeküste und griff für die Protestanten in den Krieg ein. Christoph Martin stellte zwei Regimenter zu Pferd auf. Großteils kamen Soldaten zu ihm, die schon in den zwanziger Jahren unter ihm für den Kaiser gefochten hatten und wie ihr Chef keine Skrupel hatten, nun für die Schweden gegen den Kaiser zu kämpfen. Die

| Allianzwappen von Christoph Martin von Degenfeld und seiner Frau Anna Maria von Adelmannsfelden. Im Degenfelder Wappen befindet sich seit der Erhebung Christoph Martins in den Freiherrenstand 1625 ein silberner Adler. Die bekrönten grünen Sittiche stammen aus der Zeit Christophs von Degenfeld, der sie aus dem Wappen seiner Gattin Barbara von Stammheim übernahm. Ein blauer steigender Löwe mit zwei Schweifen gehört zum Wappen derer von Adelmannsfelden. Als Helmzier dienen dem Degenfelder Wappen Büffelhörner, dem der Adelmannsfeldener ein halbes goldenes Sieb mit Straußenfedern.

4 Thürheim, Graf A.: a. a. O. Seite 7

Bild und Beschreibung: --Xocolatl | Große Ansicht auf Seite 28


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| Johann ’t Serclaes Graf von Tilly (1559-1632)

| Schlacht bei Wimpfen im Jahr 1622

Peter Schmelzle / CC-BY-SA 3.0

Stich von Pieter de Jode um 1630

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| Venedig beherrschte im 17. Jahrhundert das östliche Mittelmeer. Es lag im Dauerkonflikt mit dem Osmanischen Reich. Dessen Expansion kollidierte mit dem Bestreben Venedigs seine Handelswege zu sichern (siehe Karte Seite 89). Im Dienste Venedigs kämpften Christoph Martin und seine Söhne Ferdinand, Adolph, Christoph und Hannibal. Gemälde von Gaspar van Wittel (1656-1736)

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1634 ging der Kriegsreisende mit zwei Reiterregimentern in französische Dienste und wurde bald „colonel-général de la cavallerie étrangère“ (=oberster General der fremden Reiterei), einer Vorläuferin der Fremdenlegion. Hier kommandierte er 16 Regimenter. Ludwig XIII. schätzte ihn wegen seiner Tüchtigkeit und belohnte ihn fürstlich, als er in der Schlacht von Raon den kaiserlichen General Coloredo besiegte und gefangen nahm. Allerdings überwarf sich Christoph Martin, dem politische Intrigen fremd waren, mit Ri-

chelieu, dem ersten Minister des Landes. 1642 verließ er den französischen Dienst und begab sich mit seiner Familie nach Genf. Nachdem sich Christoph Martin von Genf aus vergeblich bemüht hatte, vom Kaiser die Rückgabe seiner ererbten Güter zu erlangen, nahm er ein Angebot Venedigs an. In einem Vertrag verpflichtete er sich, seine Dienste der Republik sieben Jahre zur Verfügung zu stellen, also bis Ende 1649.


Leseprobe ihm zu weiterem Ansehen. Aber er hatte auch Glück und ist mindestens zwei Anschlägen mit knapper Not entgangen. Einmal verkleideten sich zehn osmanische Soldaten als Venezianer und beschossen ihn aus dem Hinterhalt. Ein anderes Mal explodierte ein Turm, in welchen die Osmanen vor ihrer Kapitulation alles verfügbare Pulver eingelagert hatten, das durch ein langsam wirkendes Feuer zwei Stunden nach ihrem Abzug explodierte. Die heftige Explosion tötete 36 Mann der Besatzung und riss den Wachen vor dem Quartier Christoph Martins die Beine ab.5

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Schicksalhaft für die Familie des Feldherrn war die Belagerung von Urana. Sohn Ferdinand verlor nach kurzer militärischer Laufbahn sein Augenlicht. Er wurde nach Padua gebracht, wo seine Mutter und Geschwister während des Feldzuges wohnten. Der Abschied von der Lagunenstadt zog sich in die Länge, da der erfolgreiche Feldherr allen befreundeten Senatoren seinen Abschiedsbesuch abstatten musste. Es folgten jede Menge Ehrungen. Stolz trägt er auf seinem Portrait die schwere goldene Ehrenkette, mit der die Republik seinen Einsatz gewürdigt hatte.

| Osmanische Soldaten

Am 14. Dezember 1642 kam er in der Lagunenstadt an und wurde zunächst General der Reiterei in einem Konflikt gegen Papst Urban VIII.. Als sich die Auseinandersetzungen mit dem Osmanischen Reich zuspitzten, wurde Christoph Martin von Degenfeld zum Generalgouverneur von Dalmatien und Albanien ernannt. Am 18. August 1645 traf er dort ein und konnte gleich trotz unzureichender Ausrüstung einige kleinere Siege erringen, die jedoch seinen Ruf als Feldherr förderten. Sein umsichtiges Taktieren verhalf

Im Oktober 1649 kam die Familie nach Göppingen und nach den Reparaturen im hiesigen Schloss nach Dürnau. Der Wiederaufbau der zerstörten Besitztümer hier und in Eybach beanspruchte die Tatkraft des Rückkehrers in den ersten Nachkriegsjahren. Am 26. August 1651 starb seine Frau Anna Maria. Ihn selbst plagten zunehmend die Gichtanfälle. Er starb in Dürnau am 13. Oktober 1653, 54 Jahre alt und wurde in der Gruft unter der Sakristei der Cyriakuskirche beigesetzt. Das Wappen an der Decke der Kirche 6 und das Marmor-Epitaph neben der Tür zur Sakristei erinnern an dieses bewegte Leben. y

5 Thürheim, Graf A.: a. a. O., Seite 28 6 vgl. Seite 72 und 28

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Leseprobe | | David Teniers der J端ngere um 1640; Paar mit Wein

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Rosina B. und der Anwalt | Ein Dorfskandal

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as war schon ein ausgewachsener Eklat, damals, am 30. September 1759. Mitten im Gottesdienst hörte der Organist mit dem Orgelspiel auf, erhob sich und verließ mit sechs Gemeinderäten (hier: Richtern) den Gottesdienst. Sie machten dabei deutlich, dass sie mit dem „Ehebrecher und Hurenmann“ 1 nicht gemeinsam Gottesdienst feiern wollten. Damit meinten sie den Anwalt Jacob Holl. Der Schulmeister rief zwar noch zur Besinnung auf. Es half aber nichts. Der Bruder des Organisten musste einspringen, um den Gottesdienst zu Ende zu führen. Viel Andacht dürfte dabei aber nicht mehr entstanden sein! Es gärte schon länger im Dorf: Rosina B., eine 27 Jahre junge ledige Frau, hatte am 8. April 1759 ein Mädchen zur Welt gebracht: Sybilla. Als Vater galt ein junger Mann, „der Nölsch“, wie er in dem Brief der Degenfeldischen Kanzlei genannt wird. Dieser hatte sich allerdings standhaft geweigert, die Vaterschaft anzuerkennen. In der fraglichen Zeit habe er der Rosina nicht beigewohnt. Darüber hinaus behauptete er, der Anwalt Jacob Holl sei der Vater des Kindes, denn der sei im Frühsommer 1758 häufig bei Rosina gewesen. Dafür gab es Zeugen, die verdächtige Indizien beobachtet und wahrscheinlich auch im Dorftratsch verbreitet hatten. Auf jeden Fall war die Stimmung im Flecken gegen den Anwalt. Die Obrigkeit allerdings hielt noch die Hand über ihn. Er war ja immerhin eine Amtsperson, und in der Degenfeldischen Kanzlei Frankfurt sah man das „Dorfgerede“ nicht als ausreichendes Indiz an. Vorerst war man bestrebt, dem jungen Nölsch die Vaterschaft anzuhängen und – was noch wichtiger war – die Aufsässigkeit der Dürnauer Gemeinderäte in Griff zu bekommen. Als gottlos und strafbar bewerteten die degenfeldischen Räte das Ver1 Archiv der evangelischen Kirchengemeinde Dürnau: Brief der Degenfeldischen Kanzlei Frankfurt an Pfarrer Weber vom 24. November 1759, Seite 2

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halten der Richter. Dies müsse sowohl eine öffentliche kirchliche Buße zur Folge haben als auch eine spürbare weltliche Strafe durch den Vogt. Notfalls wäre der Einsatz kurbayerischer Soldaten denkbar, um die Widersetzlichkeit zu brechen.2 Die Strafe für die Gemeinderäte war happig angesetzt: Jeder sollte wegen „aufrührerischer Anmaßung“ 3 einen halben Reichstaler zahlen. Pfarrer Weber erhielt die Anweisung, die Kirchenbuße einzuleiten, aber zurückhaltend zu sein und erst bei Widersetzlichkeit eines Richters härtere Maßnahmen – etwa den Ausschluss vom Abendmahl – anzudrohen. Auf alle Fälle sollte er von der Kanzel drastisch auf die Einhaltung der Untertanenpflichten hinweisen. Der Huldigungseid der Dürnauer Untertanen gegenüber der Herrschaft umfasste nämlich besonders Treue und Ergebenheit, und die Aufsässigkeit der Richter und einiger Dürnauer Bürger war in den Augen der Räte ein Eidbruch und damit strafbar. In einem weiteren Brief vom 4. Dezember 1759 äußerten die Räte keinen Zweifel, dass Nölsch der Vater der kleinen Sybilla B. sei. Er solle unter Druck gesetzt werden, sich eidlich zur Vaterschaft zu äußern, damit die Alimente für das Mädchen endlich einkämen. Notfalls wäre auch Nölschs Mutter hinzuzuziehen. Und wenn Rosina eine Entschädigung wegen der Defloration fordere, solle er hierfür ebenfalls aufkommen. Auch sie solle sich eidlich äußern, wer der Vater des Mädchens sei. Doch weder Rosina noch Nölsch waren zu einem Eid bereit. 2 Dürnau war in jenen Jahren gemeinsamer Besitz der Grafen von Degenfeld– Schonburg und Kurbayerns. Der bayerische Vogt Sicherer hatte seinen Amtssitz in Wiesensteig. Alle hoheitlichen Maßnahmen bedurften seiner Zustimmung. 3 Archiv der evangelischen Kirchengemeinde Dürnau: Brief der Degenfeldischen Kanzlei Frankfurt an Pfarrer Weber vom 4. Dezember 1759, Seite 1

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| Geburtseintrag des Kindes der Rosina B. In kleiner Schrift hat Pfarrer Weber angefügt: „Vater kam ohngeachtet einer angestellten langwierigen Inquisition nicht an Tag“. Archiv der evangelischen Kirchengemeinde Dürnau, Taufbuch Eintrag 1759

Pfarrer Weber blieb nicht untätig. Die Dürnauerin Catharina Lauppe hatte unter Eid bezeugt, dass am 13. Mai 1758, als sie bei Rosina übernachtet habe, jemand zu Rosina in die Kammer gekommen sei und mit ihr geredet habe. Darauf sei Rosina aus der Kammer gegangen. Obwohl der Pfarrer der Rosina „Himmel und Hölle vorgestellet“, 4 leugnete sie diesen Vorgang. Es stand also Aussage gegen Aussage. Inzwischen hatte auch die Frankfurter Kanzlei andere Fakten zur Kenntnis genommen. Sie forderte Aufklärung darüber, welches Mannsbild im Mai in Rosinas Stube gewesen sei. Außerdem wollte sie wissen, was in Glasers Stall vorgefallen sei, als sie mit dem Anwalt dort war und ihr Strickzeug verloren hatte. Des weiteren lag eine Aussage vor, dass sie in des Anwalts Metzelstube gewesen sei und er seinen Arm um sie gelegt und sie getätschelt habe. Sie solle sich klar äußern, ob sie sich „jemalen mit dem Anwalt fleischlich vermischet habe.“ 5

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4 Archiv der evangelischen Kirchengemeinde Dürnau: Briefentwurf des Pfarres Weber an die Degenfeldische Kanzlei Frankfurt, Seite 4 5 ebd. Brief der Degenfeldischen Kanzlei vom 7. Mai 1760, Seite 1

Falls sie falsch schwöre, würden ihr nach der Halsgerichtsordnung beide Finger abgehauen und sie würde aus Dürnau und Gammelshausen ausgewiesen. Dabei nahm man Bezug auf Rosinas Schwester, die ebenfalls eine freche Weibsperson sei und ihre Strafe von vor acht Jahre wegen eines gestohlenen Trinkglases noch nicht bezahlt habe, den Diebstahl „einen Pfifferling genennet (habe), was das satanische Herz ... erhellet.“ 6 Dies zeige die Aufsässigkeit der Weibspersonen, und eine Ausweisung oder Bestrafung würde wohl auch Rosina kaum beeindrucken. Aber auch auf den Anwalt wurde der Druck erhöht. Er sollte endlich zu den Vorwürfen detailliert Stellung beziehen und gegebenfalls einen Reinigungseid schwören.7 Nach über einjähriger und im Grund 6 ebd. Brief der Degenfeldischen Kanzlei vom 27. November 1760 7 Der Reinigungseid geht auf die mittelalterliche Rechtskultur zurück. Bei unklarer oder unvollständiger Beweislage konnte sich ein Angeklagter durch eine eidliche Bekräftigung von einem Schuldvorwurf reinwaschen, also seine Unschuld beschwören. Es kam darauf an, dass die Eidesformel unter Berührung


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| Nicht gerade komfortabel waren die Bauernhäuser im 18. Jahrhundert. Das elterliche Haus der Rosina B. dürfte nicht viel anders ausgesehen haben als dieses im Freilichtmuseum Beuren.

| Dieser Stall im Freilichtmuseum Beuren ist für drei Kühe gebaut. Durch die Öffnungen wurde den Tieren das Futter von der Tenne in den Futtertrog geworfen. Ähnlich sah wohl auch Glasers Stall in Dürnau aus, in dem Rosina und Anwalt Holl angetroffen wurden.

ergebnisloser Dauer des Verfahrens mischte sich im Sommer 1760 die bayerische Mitherrschaft massiv ein und verlangte, den Druck auf den Anwalt zu erhöhen. Er wurde von seinem Amt suspendiert. Wann genau das geschah, ist nicht ersichtlich. Langsam wurden die Angaben auch detaillierter. Im Februar 1761, also nach eineinhalbjähriger Dauer des Verfahrens, fiel die Schilderung der Stallszene schon recht ausführlich aus. Der Zeuge Wittlinger schildert, „wie er (der Anwalt) in Glasers Stall ihr den Rock aufgehoben, sich entblöset, an sie gesezet, und daß es nicht bey solchem starcken Ansezen geblieben indem Wittlinger ihr Stricket im Stall liegend gesehen, und ihr durch eine deutliche Frage, genug gesagt, daß Er glaube, sie habe sich mit jemand fleischlich vermischet, sie nicht länger zurück hielte.“ 8 Es wurde nun auch deutlich angesprochen, dass Holl bei seinem

nächtlichen Besuch in der Schlafkammer der Rosina Versprechungen gemacht haben könnte, wenn sie ihn nicht als Vater ihres Kindes benenne. Allerdings hatten die Räte auch Bedenken, Holl unter allzu starken Druck zu setzen. Sie hielten ihn zwar für einen „aufgeblasenen und sich auf sein Vermögen verlaßenden Mann“,9 befürchteten jedoch, dass er unter Umständen einen Meineid schwören könnte und so sein ewiges Heil verlieren würde.

eines heiligen Gegenstandes (Bibel oder Reliquie) fehlerfrei gesprochen wurde. Nur dann galt der Angeklagte als unschuldig. Ein Verhaspeln oder Stottern galt als Schuldeingeständnis. 8 Archiv der evangelischen Kirchengemeinde Dürnau: Brief der Degenfeldischen Kanzlei vom 17. Februar 1761

Im März 1761 gingen die degenfeldischen Räte davon aus, dass Anwalt Holl Vater der kleinen Sybilla sei. Die Stimmung im Dorf war wegen der schleppenden Behandlung dieses Verfahrens offensichtlich explosiv. Anscheinend war im Dorf der Ruf nach radikalen Maßnahmen laut geworden, denn im März 1761 schrieb die Verwaltung: „Die durch Leydenschaften verblendeten Dürnauer, die weder dißeitigen Fleiß wißen noch begreiffen, mögen sich vorbilden, was sie wollen, so kann 9 ebd., Schreiben vom 7. Dezember 1760

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Leseprobe | | Die Schlafzimmer der Bauernkinder, der Knechte und Mägde lagen direkt unter dem Dach, dessen Ziegel- oder Schindel-Eindeckung nur wenig isolierte. Im Winter lag oft der Pulverschnee auf den Federbetten. Licht war natürlich nicht vorhanden.

man den Anwald weder mit Gefängnüß, noch weniger, da er unterrichtet ist, daß das Verbrechen bey ihm keine Leibes Strafe nach sich ziehe, mit Vorstellung eines Scharfrichters, und trerritione mere verbali, zur Warheit bringen.“ 10

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1759 verweigert hatten, ein militärisches Eingreifen Bayerns provozieren könnte. Überhaupt könnte der Vorfall dazu führen, dass der bayerische Hofrat von Sicherer die konfessionelle Zusammensetzung des Gemeinderats ändern wolle. Es könnte durchaus auch sein, dass Sicherer ein Interesse habe, den Anwalt zu stürzen, um seine Stelle zur Disposition zu stellen.

Für den Pfarrer Weber gab es Probleme: Durfte der Anwalt Holl während der Dauer seiner Suspension Patenschaften übernehmen oder zum Abendmahl gehen? Die degenfeldische Verwaltung sah hier kein Hindernis, wollte jedoch die bayerische Mitverwaltung aus dieser Frage heraushalten. Ein anderes Problem war, dass einige Gemeinderäte (Richter) „solche wider christliche Leute sind, welche aus Ohnversönlichkeit sich bey zwey Jahr des Heil. Abendmahls enthalten, und denen deswegen vorzuhalten ist, sie zögen eine ohnwiederbringlich schädliche Veränderung in dem Kirchlichen Gottes = Dienst über Dürnau.“ 11 Die Sorge, wie sich der ungelöste Fall auf die Einstellung der Einwohner des Dorfes auswirken könnte, ist hier unmittelbar zu spüren. Einen Monat später wurde diese Frage noch einmal zur Sprache gebracht. Außerdem äußerten die Räte die Besorgnis, dass die Renitenz der Richter, die auch ihre Strafen für den Gottesdienstskandal

Bei diesen letzteren Schreiben ist die Tendenz erkennbar, die Stellung des Anwalts Jacob Holl zu stützen. Auch weigerte sich Rosina B. weiterhin standhaft, den Vater ihrer Tochter zu nennen, obwohl man noch einmal mit Druck auf ihren alten Vater versucht hatte, ihre Aussage zu erzwingen. Von der ersten Jahreshälfte 1762 sind keine Briefe erhalten. Am 30. Juni 1762 teilte das degenfeldische Vogtamt Pfarrer Weber in knappen Worten mit, dass nach Übereinkunft beider Obrigkeiten die Suspension des Anwalts „so fort ... gänzlich aufgehoben – wohlfolgsam derselbe in seine vorige Anwalds - Stelle wieder eingesezet worden“ 12 sei. Das degenfeldisch-dürnauer Siegel bekräftigte die Amtlichkeit dieses Schreibens. Der Fall der Rosina B. und des Anwalts Holl war damit abgeschlossen.

10 ebd., Schreiben vom 10. März 1761 11 ebd., Schreiben vom 6. Oktober 1761

12 Archiv der evangelischen Kirchengemeinde Dürnau, Schreiben des Vogtamts vom 30. Juni 1762


Leseprobe | | Der Eid – eine Aussage unter Anrufung der Gottheit und unter Berührung heiliger Gegenstände – gilt als höchste Gewähr für die Wahrheit einer Aussage. In dieser Abbildung wird der Eid unter Berührung von Reliquien geleistet. Dresdener Sachsenspiegel, ca. 1295-1363

Letzterer musste allerdings einen ausführlichen Reinigungseid leisten, der im Wortlaut den Akten beigefügt ist: „Ich, Jacob Holl, schwöre einen leiblichen gelehrten Eyd zu Gott, daß ich weder in der Nacht nach der Hochzeit deß Geigers , den 1. Maji 1758. als Christina Lauppin bey der Rosina B. gelegen, 1) in letzterer Schlaff= cammer gekommen, noch selbige aus dem Bett auf stehend mit mir vor ihre Kammer gegangen, noch jemalen, es seye in besagter Nacht noch 2) den Sonntag, als Nach= mittags die B. bey mir in meiner Mez= Stube Käß geholet, noch 3) den Tag, da mir Jacob Wittlinger in deß Ulrich Glasers Stall entgegen gekommen (und die B. vor= gibt, daß ich damals im Stall mit ihr geweßen, sie am Leib betastet, mich entblößt, ihr den Rock aufgehoben und an sie gewollt,) noch 4) in der Nacht d. 22. Maji 1759 als ich von Hl. Pf. Webers Hochzeit zurück= gekommen, und in der Rosina B. Stube, da sie allein geschlafen, gegangen bin, noch 5) damals oder 6) vorher, oder 7)

hernach mich fleischlich mit ihr vermischet (Einfügung: „und Unzucht getrieben“) oder etwas mit dieser Rosina B. begangen habe, das wider Zucht, Ehrbarkeit, und meine eheliche Pflichten laufet, und einem Ehmann unanständig ist, noch 8) (Einfügung: „daß ich“) jemals mit der B. oder mit jemand ihret wegen, mit oder ohne Eyd, Abrede genommen habe, daß sie mich nicht angeben solle, mich mit ihr fleischlich vermischt zu haben. So wahr mir Gott helfe durch seinen Sohn, Christum Jesum, unsern Herrn und Heyland“. Und was wurde aus den „Akteuren“? Rosina heiratete am 7. Mai 1765 den Johannes Zick und gebar am 4. Juli 1765 ein Knäblein. Dass Pfarrer Weber sie als „frühe Beischläfer“ nur in der Betstunde traute, dürfte das Paar wohl weniger berührt haben. Anwalt Holl starb im Alter von 67 Jahren am 26. November 1789 an der Ruhr und an Auszehrung. y

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ie kann man sich das Leben am Albtrauf vor rund 300 Jahren vorstellen? Anhand von 18 Beispielen schildert Manfred Wolfhard, wie Menschen im 17. und 18. Jahrhundert gelebt, geliebt und gelitten haben – vom Reichsritter bis zur Soldatenfrau, von der Raugräfin bis zur Bettlerin. Den bewegenden Schicksalen ist eine allgemeine Schilderung der damaligen Lebensverhältnisse vorangestellt – die reichhaltige Bebilderung lässt Interessierte intensiv in vergangene Zeiten eintauchen. Die fesselnde Lektüre ist nicht nur für Geschichtsbegeisterte und Dürnau-Liebhaber ein Muss! Manfred Wolfhard ist pensionierter Lehrer und wohnt seit 1990 in Dürnau. Gerne begibt er sich in Archiven, Museen und an historischen Orten auf die Spuren der Vergangenheit.

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Duernauer Schicksale - Leseprobe  

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